Ein unaufgelöstes Räthsel

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Textdaten
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Autor: Er. Bl.
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Titel: Ein unaufgelöstes Räthsel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2–4, S. 25–27, 39–41 50–52
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
s. den Artikel Ein aufgelöstes Räthsel in Heft 49 ff.
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Ein unaufgelöstes Räthsel.

In dem Orte Weiskirchen, drittehalb Stunden von Offenbach entfernt, wurde am 14. November 1853 eine Unbekannte, welcher alle Legitimationspapiere fehlten, angehalten, verhaftet und am 15. dem großherzoglich hessischen Kreisamte Offenbach vorgeführt. Nach der Bekanntmachung des Kreisamtes war dieses Mädchen „ungefähr 22 bis 24 Jahre alt, 6 Fuß 4 Zoll großherzoglich hessischen Maßes (rheinisch: 5 Fuß 4 Zoll) groß, hat blonde Haare, eine hohe und breite Stirn, blonde Augenbrauen, blaugrüne Augen, eine gebogene Nase, einen breiten Mund, ein ovales Gesicht, breite, etwas hervorstehende Backenknochen, eine gesunde Gesichtsfarbe, ist von mittlerer Statur und ohne besondere Kennzeichen. Bei seiner Verhaftung trug dasselbe ein kattunenes, roth und weiß carrirtes Halstuch, roth gezeichnet Carolina B., eine Kontusche von schwarzem Orleans, eine bunte kattunene Schürze, einen kattunenen gestreiften Rock, einen grauen Unterrock von Sackzwillich, einen wattirten Unterrock, ein grobes leinenes Hemd, bis an die Hüfte aufgerollt, über demselben ein weiteres Hemd von Shirting. Ferner trug dasselbe einen Fingerhut, etwas Garn, Seife und einen Kamm in einem Säckchen bei sich, welch’ letzteres das Mädchen auf seinem Leibe verborgen hatte. Alle angestellten Versuche, sich mit gedachter Person verständlich zu machen, blieben lange fruchtlos, weil sie die bekannteren neueren Sprachen entweder nicht versteht oder nicht verstehen will; endlich wurde aber ermittelt, daß sie der ungarischen Sprache mächtig ist. In letzterer sagte sie nunmehr, daß sie in ihrem fünften Lebensjahre von einem Manne, Namens Eleasar, ihrer Mutter genommen und in ein in tiefem Walde gelegenes Haus gebracht worden sei, wo ein Mädchen, Namens Bertha, sie in weiblichen Handarbeiten unterrichtet habe. Kurze Zeit, bevor sie in der Nähe von Offenbach angehalten worden sei, habe sie das Haus im Walde mit der Bertha verlassen, sei mit derselben mehrere Tage hindurch in einem Glaswagen gefahren; endlich seien sie in einem Wirthshause in der Nähe des Ortes, in welchem sie am 14. November v. J. (1853) verhaftet wurde, eingekehrt, hätten hier übernachtet und des anderen Tages habe sie Bertha verlassen. Die gehegte Vermuthung, daß gedachte Person mit einem k. k. österreichischen Militairtransporte in hiesige Gegend gekommen sei, hat sich nicht bestätigt. Dieselbe ist angeblich des Schreibens unkundig und ohne alle Religion, dagegen im Stricken von Strümpfen und Decken geschickt, äußerst reinlich und verschämt. „Da bisher alle Bemühungen“ – so heißt es am Schlusse jener Bekanntmachung – „den Namen, die Herkunft und die sonstigen Verhältnisse der oben signalisirten Person zu ermitteln, fruchtlos geblieben sind, so werden alle Polizei- und Gerichtsbehörden, welche über solche etwa Aufschluß ertheilen können, ersucht, desfallsige Mittheilungen hierher gelangen zu lassen.“

Diese Aufforderung hatte keinen Erfolg, von keiner Behörde kam dem Kreisamte Nachricht über die Unbekannte zu. Man hegte gegen die Fremde anfänglich Argwohn, hauptsächlich darum, weil sie des Schreibens unkundig sein wollte, sich einer unverständlichen Sprache bediente, wie dies von Betrügerinnen, welche näheren Nachforschungen ausweichen wollen, mitunter geschieht, und eine ihr nicht passende, für ihren Körper zu weite Kleidung trug. Unter dem Eindruck dieses Argwohns führte man sie in das Offenbacher Kreisgefängniß. Der Aufseher desselben machte an ihr aber so auffallend günstige Wahrnehmungen, daß er sie in seine eigene Familie aufnahm. Caroline, wie die Fremde von nun an genannt wurde, zeigte sich als willig und sanft, überhaupt als in jeder Beziehung gutartig, schien von unsittlichen Gesinnungen oder gar Handlungen gar keine Ahnung zu haben, war sehr schüchtern und in hohem Grade reinlich. Im Lesen, Schreiben und Rechnen war sie gänzlich unerfahren, so daß sie nicht einmal wußte, daß es Zahlen und Buchstaben gebe, in der Religion kannte sie die Grundbegriffe nicht. Als sie bereits Unterricht empfangen hatte, fragte sie den Lehrer noch: „Wer ist Gott und wo ist Gott?“ und hörte den Erläuterungen, welche sie darüber erhielt, mit sichtlicher Aufmerksamkeit zu. Den ungarischen Ausdruck: Ischtéman (mein Gott)! brauchte sie allerdings oft, aber nur um damit Schrecken oder Verwunderung auszudrücken und ohne an Gott zu denken. In der Verrichtung häuslicher Arbeiten war sie so unerfahren und ungeschickt, daß sie nicht einmal Kartoffeln schälen konnte. Lehren, die man ihr in dieser Beziehung gab, nahm sie begierig an und verrieth alle Zeit den Trieb, in Stube und Küche nützlich zu sein. Nach den ersten Anweisungen legte sie für alle Hausarbeiten ein wahres Talent an den Tag. In einer war sie von vornherein auffallend geschickt – im Stricken. Sie verfertigte mit der Stricknadel baumwollene Decken von tadelloser Güte und in einer Nacht, ohne Licht, zwei blaue wollene „Stauchen“ (Pulswärmer?) mit braunen Rändern. Auf alle Menschen, welche sie sahen, machte sie den Eindruck eines ganz unschuldigen Kindes, das in tiefer Einsamkeit ohne allen Unterricht aufgewachsen und in geistiger Hinsicht auf der untersten Stufe der Entwickelung zurückgeblieben sei.

Als man sich überzeugt zu haben glaubte, daß man keine Betrügerin, sondern ein höchst unglückliches Mädchen vor sich habe, konnte man Caroline im Gefängniß nicht länger lassen. Der Stadtrath von Offenbach berieth am 19. April 1854 über ihr ferneres Schicksal und beschloß einstimmig, daß für ihre Unterhaltung und Ausbildung so lange Sorge getragen werden solle, bis sie im Stande sei, sich selbst auf eine ehrbare Weise zu ernähren. Die hierzu erforderlichen Geldmittel sollten durch freiwillige Beiträge zusammengebracht und die etwa fehlende Summe aus der Stadtcasse ergänzt werden. Man beschloß endlich, falls sich Caroline bis zu der Zeit, wo sie sich selbst zu ernähren im Stande sei, musterhaft betrage, ihr das Heimathsrecht in der Stadt Offenbach zu verleihen. Das Ministerium des Innern genehmigte diese Beschlüsse und Caroline wurde aus dem Gefängnißhause zu einer achtbaren Familie gebracht, um dort die zu ihrem spätern Fortkommen dienlichen häuslichen Arbeiten zu erlernen und im Bügeln und Nähen besonderen Unterricht zu empfangen. Sehr schwer und unter vielem Weinen trennte sie sich von der Familie des Gefängnißaufsehers. Nachdem sie in der neuen Umgebung längst heimisch geworden war, äußerte sie noch häufig den Wunsch, ihre „Deutsch-Mama“ (die Frau des Aufsehers) besuchen zu dürfen. Ein Lehrer der Offenbacher Volksschule, Friedrich Eck, wurde beauftragt, ihr Unterricht in der deutschen Sprache und, sobald sie darin die nöthigen Fortschritte gemacht habe, in der Religion, im Rechnen und Schreiben zu ertheilen.

Die gerichtliche Aufforderung zu Mittheilungen über Carolinen hatte, wie wir bereits wissen, keinen Erfolg gehabt. Spuren, welche auf ein bestimmtes Land, dem die Unbekannte angehören müsse, hinwiesen, waren vorhanden. Die Stelle der Aufforderung des Offenbacher Kreisamtes, worin gesagt wird, man habe ermittelt, daß sie der ungarischen Sprache mächtig sei, kennen wir. Diese Behauptung beruhte auf der Aussage eines Unbekannten, der ein gebildeter Mann gewesen sein soll und mit Carolinen im Gefängniß ungarisch gesprochen hatte. Im Verlaufe der beiden nächsten Jahre (1854 und 1855) stellten sich noch zwei andere Ungarn ein, ein Lieutenant und ein Professor, die sich mit ihr in ihrer Sprache, allerdings nur schwer, verständigen konnten. Caroline erklärte, daß sie immer, wenn einer dieser Herren bei ihr gewesen sei, unwillkürlich an ihre Mutter erinnert worden sei, denn jeder habe so gesprochen wie diese. Durch die Ermittelungen des Sprachforschers Lorenz Diefenbach erhalten diese Worte Bedeutung. Danach ist nämlich das Ungarische (Magyarische) Carolinens vielfach von der Schriftsprache abweichend und einigermaßen mit fremden Wörtern gemischt, die indessen meistentheils in Ungarn verbreiteten Sprachen angehören. So scheint es also mit Gewißheit (von Carolinens Erzählung sehen wir vorläufig ab) angenommen werden zu können, daß ihre Mutter die reine Schriftsprache geredet hat und ihr eigener verdorbener Dialekt mit ihrer spätern Umgebung in Verbindung steht.

Als die Unbekannte der deutschen Sprache hinreichend mächtig war, theilte sie sich über ihr früheres Leben mit. Ihre Erzählung ist in zusammengedrängter Form folgende. Bis zu ihrem fünften Jahre lebte sie bei ihrer „Mama“ in einem großen einsam gelegenen Gebäude, welches in Form eines Vierecks einen Raum (Hof) einschloß. Dieses Gebäude hatte nur einen einzigen Eingang, ein bogenförmiges Thor mit zwei Flügeln, dem zur Rechten und Linken hallenförmige Räume lagen, durch die man in das Gebäude selbst gelangte. Der Eingang zur Linken führte blos in das Erdgeschoß; wollte man in die obern Stockwerke gehen, so mußte man sich rechts wenden, wo es eine sehr hohe und breite Wendeltreppe gab. In das Erdgeschoß konnte man auch auf dieser [26] Seite gelangen; man mußte dann an der Wendeltreppe vorbeigehen. Vom Hofraume aus führte kein Eingang in das Gebäude. Auf dem Vordergebäude über dem Thorbogen stand ein runder dicker Thurm, 20 bis 25 Fuß hoch, das Hintergebäude-hatte zwei Thürme von derselben Form und Höhe. An den Fenstern des Gebäudes waren grüne Läden angebracht. Das Gebäude hatte viele Stuben, die Küche befand sich im hintern Bau.

In diesem einsamen Gebäude wohnte die Mutter Carolinens mit ihr selbst, einer Gesellschafterin und einigen Dienstmädchen. Sie hatte die Gemächer rechts inne, links wohnte zuweilen ein „Ongkar“ (Oheim) Carolinens mit seinem Sohne Henrik (Heinrich). Von einer Mutterschwester „Xantlu“ (Tante) hörte Caroline, sah sie aber nie. Von einer männlichen Bedienung der Mutter oder des Oheims hat sie nie gesprochen. In der Waldwohnung, wo sie ihre späteren Jahre verlebt haben will, hat sie noch gehört, daß der Vater von ihrer Mutter „Katana“ (in der ungarischen Schriftsprache Katona, Soldat) gewesen sei. Dieser Großvater hat einmal fortgemußt, wo böse Menschen waren (wahrscheinlich in den Krieg) und hat bei seiner Rückkunft zur Mama ein böses Bein gehabt. Auch ihr eigener Vater ist Officier gewesen. Sie erinnert sich aus ihrer Waldwohnung des Bildes eines Mannes mit einem weißen Kleide und mit drei Sternen auf der Brust, von dem ihre Wärterin ihr gesagt habe, daß es ihren Vater vorstelle. Als sie in Offenbach einen österreichischen Officier in Uniform sah, sagte sie: „So hat mein Papa auf dem Bilde, ein weißes Kleid an.“ Darauf beschränken sich alle ihre Erinnerungen und Aussagen von ihrer Familie. Nur ein einziger Ortsname tritt dabei hervor: Temewar (doch wohl Temesvar), wohin Carolinens Mutter nach der Erzählung der Wärterin in der Waldwohnung mehrmals mit dieser in einem Wagen gefahren ist.

Der Hofraum des einsamen Schlosses war gepflastert und in der Mitte befand sich ein runder verdeckter Brunnen, auf dem das Wasser mittelst eines Rades heraufgezogen wurde. Der linke Seitenflügel des Hauptgebäudes grenzte an der Außenseite an einen großen Garten, der sich über das Gebäude noch hinauserstreckte. In diesen Garten gelangte man durch eine Thür links vom Vordergebäude, und diesem Eingange gegenüber standen drei kleine, etwa dreißig Schritte von einander entfernte Häuser, wo die Leute wohnten, die in dem Garten zu arbeiten hatten. Zu dem Thore des Hauptgebäudes führt ein breiter, theilweise gepflasterter und von hohen Bäumen eingefaßter Weg. Von diesem Hauptwege führte „zu jedem der drei kleinen Häuser“ ein Nebenweg. Nicht fern vom Hauptgebäude standen viele Bäume, die man von den Fenstern aus sah.

Caroline wohnte in diesem Gebäude etwa bis zum vollendeten fünften Jahre. An einem Morgen nach dem Kaffee führte ihre Mutter sie in den linken Seitenflügel zum Oheim, küßte sie und fuhr anscheinend heiter in einem Wagen fort. Ihre Gesellschafterin nahm sie mit, die Dienstmädchen blieben zurück. Sie hatte sich oft entfernt und Caroline ahnte daher nichts Schlimmes. Sie blieb bei ihrem Oheim bis gegen Mittag, zu welcher Zeit sie in den Garten geführt wurde, Henrik wollte sie begleiten, mußte aber auf Befehl des Vaters zurückbleiben. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß ihr Spielgenosse acht Jahre alt war. Sie ging allein in den Garten und hatte sich dort kaum in der Nähe des Wassers niedergesetzt, als ein großer Mann mit einem starken, über die Brust herabfallenden Barte sie auf seine Arme nahm und forttrug. Sie weinte und schrie, bis der Fremde ihr den Mund mit einem Tuche verschloß und sie endlich ganz ermattet auf seinem Arme einschlief. Wenn sie erwachte, fühlte sie sich noch immer fortgetragen. Wie lange dies dauerte, ob es inzwischen Nacht wurde und ob ihr Träger mit ihr durch eine Stadt oder ein Dorf ging, hat sie nicht bemerkt. Alles, was sie weiß, ist, daß sie in eine unterirdische, in einem großen Walde liegende Wohnung getragen und dort einer Frau von 40 bis 45 Jahren, der einzigen Bewohnerin der Höhle, übergeben wurde.

In dieser Wohnung hat die Unbekannte lange Jahre verlebt und sie daher mit der größten Genauigkeit beschreiben können. Der oberste Theil derselben lag mit dem Waldboden in derselben Linie. Den Eingang bildete eine Fallthür „von der Größe einer gewöhnlichen Stubenthür“, die mit Gras bewachsen war, daß man sie von dem Boden des Waldes nicht leicht unterscheiden konnte. Unter dieser Fallthür befand sich eine Treppe mit 15 bis 18 Stufen von Holz und so schmal, daß immer nur eine Person auf ihr gehen konnte. Auf diese Treppe folgte unten ein gerade fortlaufender Gang, zehn bis zwölf Fuß hoch und so breit, daß zwei Personen neben einander gehen konnten. „Seine ganze Länge hat Caroline nie gesehen, ist ihr also unbekannt.“ Außer diesem Gange befanden sich in der unterirdischen Wohnung zwei Stuben, eine Küche und ein Keller. Vielleicht waren noch andere Räume vorhanden, aber die erwähnten waren die einzigen, welche Caroline zu sehen bekam. Die beiden Stuben und die Küche waren Räume von zehn bis zwölf Fuß Höhe und alle drei mit einer verschließbaren hölzernen Thür versehen. In dreien befand sich in der Mitte der Decke ein kreisrundes Fenster von 1 1/2 Zoll im Durchmesser. Durch diese Oeffnung drang nicht so viel Licht ein, wie in gewöhnlichen Stuben, aber doch so viel, daß Handarbeiten möglich waren. Die Decke der Fenster bildete wie bei der Thür ein Deckel von Holz, der niedergelegt werden konnte und dann, da er mit Gras bewachsen war, ein Entdecken der Fenster verhinderte.

Der ganze unterirdische Raum war weder gedielt, noch mit Tapeten versehen, noch mit weißer Farbe angestrichen. Alles befand sich im Naturzustande und trug die schwarze Farbe der Erde. Die eine der Stuben lag links, die andere rechts von dem Gange. Die Stube links bewohnte Caroline. Sie war mit einem Ofen versehen, der nach der Beschreibung aus Ziegelsteinen, Thon oder dunklem Porzellan bestanden haben wird. Ein Ofenrohr hat Caroline nicht gesehen, wie sie auch in den andern Räumen von keinen besondern Oeffnungen oder Anstalten zum Hinauslassen des Rauches weiß. Links neben Carolinens Zimmer befand sich die Küche und unter dieser lag, mittelst einer Fallthür zugänglich, der Keller. Die sehr in’s Einzelne gehende Beschreibung des Hausgeräthes in den Stuben und der Küche übergehen wir; alle Stücke waren so einfach wie möglich. Von Interesse ist nur, daß eine Kommode in Carolinens Stube außer ihren Kleidern ein Paar gelbe (goldene) Ohrringe und ein weißes (silbernes) Medaillon enthielt. An jedem der beiden Ohrringe war ein Plättchen befindlich, „auf dem etwas stand.“ Als Caroline in Offenbach die Buchstaben kennen lernte, von denen sie früher keine Ahnung gehabt hatte, erklärte sie, daß es Buchstaben gewesen wären. Auf dem Medaillon, das die Größe eines Halbenguldenstückes hatte, war eine Frau mit hoher Stirn und hellem Haar abgebildet, Carolinens Mutter, wie ihr von ihrer Wärterin gesagt wurde. Ueber der Kommode hing jenes Bild ihres Vaters, welches bereits früher erwähnt wurde.

Wasser drang in die unterirdische Wohnung nicht, so stark es auch regnen mochte. Schnee sah Caroline nie. Es war im Winter nicht so kalt, wie im südlichen Deutschland, und die Kälte hielt nicht länger an, als acht bis zehn Wochen. Während der übrigen Jahreszeit war es mitunter ziemlich warm, doch ließ der Wald eine drückende Hitze nicht aufkommen.

Acht Jahre lang etwa wohnte Caroline mit ihrer Wärterin hier allein. Diese Frau hieß Bertha und ihre Pflegbefohlene wurde von ihr Karlinka genannt. Von Zeit zu Zeit erschien der Mann, der Carolinen in die Waldwohnung getragen hatte und ihr mit dem Namen Eleasser (Eleasar) bezeichnet wurde. Er kam nicht ganz regelmäßig, bald nach fünf oder sechs, bald nach acht oder auch zwölf Tagen. Der Zweck seiner Besuche bestand nicht blos darin, Lebensmittel zu bringen, er wollte auch, wie aus Carolinens Erzählung mittelbar hervorgeht, die Wärterin beaufsichtigen und ihr ihre Pflichten einschärfen. Er blieb mindestens zwei bis drei Tage, zuweilen noch länger. Entfernte er sich, so nahm er die fertigen weiblichen Arbeiten, Strümpfe und Decken, falls sie sich einigermaßen angehäuft hatten, mit sich fort. Bertha benahm sich gegen ihre Gefangene stets wohlwollend und freundlich, Eleasar war rauh und vermied mit ihr zu sprechen. Er begrüßte sie bei seiner jedesmaligen Ankunft mit möglichster Kürze und sprach dann nur noch mit Bertha, aber auch nicht in der Gegenwart der Gefangenen. Wenn diese letztere doch behaupten kann, daß Eleasar und Bertha sich einer ihr unbekannten Sprache bedient hätten, so wird ihr dies dadurch möglich, daß beide oft hinter der verschlossenen Thür von Bertha’s Stube sehr laut mit einander sprachen. Eleasar zankte dann mit Bertha, wie diese hinterher erzählte. So lange er anwesend war, blieb Caroline Tag und Nacht in ihrer Stube eingeschlossen. Er trat sehr leise auf und sie merkte oft nur daran, wenn ihre Thür wieder geöffnet wurde, daß er gegangen sei.

Bertha sprach mit Carolinen anfangs in der (ungarischen) [27] Sprache, welche die Mutter derselben geredet hatte. Nach und nach ging sie zu dem Dialekt über, in dem die Unbekannte bei ihrer Ankunft in Offenbach sich ausgedrückt hatte, und die letztere vergaß die magyarische Schriftsprache ganz. Unterricht in der Religion, im Lesen und Schreiben u. s. w. erhielt sie gar nicht. Als sie an den häuslichen Arbeiten des Kochens, Waschens u. s. w. theilnehmen wollte, versagte ihr Bertha ihren Wunsch. Daß sie, wenn Bertha in der Küche das schmutzige Geräth reinigte, in ihre Stube eingeschlossen wurde, was sonst, außer bei Eleasars Anwesenheit, nie geschah, sollte ihr vielleicht die Lust an dem Erlernen solcher Arbeiten benehmen. Das Stricken durfte sie erlernen und, brachte es darin, obgleich ihr nie eine Aufgabe zugewiesen, auch kein Zwang irgend einer Art gebraucht wurde, zu der großen Geschicklichkeit, die in Offenbach so viel Aufsehen erregte. Vom Nähen lernte sie nur so viel, als man zu wissen braucht, um Hefteln und Häkchen befestigen zu können. Auch Bertha beschäftigte sich nicht mit Nadelarbeiten, aber die nöthigen Kleider waren immer zur rechten Zeit da. Caroline vermuthet daher, und gewiß mit Recht, daß Eleasar, der auch die zum Stricken nöthige Wolle und Baumwolle besorgte, sie gebracht habe.

So außerordentlich Carolinens geistige Entwickelung vernachlässigt, ja geflissentlich gehemmt wurde, so gewissenhaft wurde für ihre körperliche Pflege gesorgt. Bertha hielt sehr auf Reinlichkeit, in den Zimmern so gut wie bei ihrer Pflegebefohlenen. Wöchentlich zweimal mußte diese das Taghemd und einmal das Nachthemd wechseln, alle acht Tage badete sie in einer hölzernen, von breiten und schwarzen (eisernen) Reifen umgebenen Bütte. Ihre Nahrung war reichlich und gut, wenn auch nichts weniger als fein. Ihr Frühstück bestand jeden Tag in Schwarzbrod und Schweinefleisch mit Babrika (paprika, spanischem Pfeffer) und war so reichlich, daß sie es niemals verzehren konnte. Was übrig blieb, behielt sie in ihrer Stube und konnte davon während des ganzen Tages nach Belieben genießen. Die Mittagskost bestand in Suppe, Gemüse und Fleisch, gewöhnlich Hammelfleisch. Das Abendessen war entweder der Rest des am Mittag Uebriggebliebenen oder frische Suppe und Fleisch. Als Getränk diente Wasser, das Bertha über der Erde holte. Thee und Kaffee wurde ihr nicht gereicht, Milch selten und dann stets gekocht. Quantität und Qualität ihrer Nahrung wußte Caroline in Offenbach nicht genug zu rühmen. In der kalten Jahreszeit wurden lebende, zur Nahrung bestimmte Thiere in die Waldhöhle gebracht. Es waren Gänse, welche dort, um sie fett zu machen, mit „Kukeriza“ (Kukoricza, Mais) gestopft (genudelt) wurden. Bei diesem Geschäft durfte Caroline hülfreiche Hand leisten. Das Fett brauchte Bertha zum Schmalzen der Speisen, das Fleisch salzte sie roh ein, damit es später gekocht verzehrt werde.

Die Tagesordnung war, wie sich leicht denken läßt, die einförmigste von der Welt. Caroline stand sehr früh auf, um vier Uhr, nach ihren Offenbacher Gewohnheiten zu schließen. In ihrer Höhle kannte sie die Stunden nicht, obgleich in Bertha’s Stube eine Wanduhr hing und im Gange erhalten wurde. Sie glaubte, daß diese Uhr, deren schwingender Pendel ihr viele Freude machte, lediglich um dieser schönen Bewegung willen gehalten werde. Nachdem sie aufgestanden war, wozu Bertha durch Klopfen an die Thür das Zeichen gab, zog sie sich an. Die Wärterin brachte dann eine brennende Oellampe von weißem Blech und Waschwasser, worauf sie, wenn es kalt war, den Ofen heizte. Hatte Caroline sich gewaschen, so kämmte, flocht und ordnete Bertha ihr das Haar. Die letztere machte dann das Bett und reinigte die Stube. Caroline begann nun zu stricken und setzte diese Beschäftigung den ganzen Tag fort. Die gewöhnlich vorkommenden Abwechselungen waren das Aufheben und Zulegen des Deckels über dem Fenster, das Auslöschen und Anzünden der Oellampe, wenn der Tag erschien oder verschwand, und die verschiedenen Mahlzeiten. Einige Stunden nach der letzten entkleidete sich Caroline und ging zu Bett.

Da Bertha nur in den Zeiten, wenn Eleasar zugegen war, Carolinen in ihrem Zimmer eingeschlossen hielt, so hatte sie ohne Zweifel den Befehl, dies immer so zu halten. Ihr gutes Herz, das sich in ihrem ganzen Benehmen kundgibt, ließ sie von dieser Weisung abgehen. Ihr Ungehorsam hatte aber seine Grenzen. Daß Caroline den Gang, zu dessen Seiten die beiden Zimmer lagen, weiter verfolgte oder den Keller betrete, litt sie nicht. Wenn ihre Pflegebefohlene etwas in den Keller zu reichen hatte, mußte sie auf der halben Treppe stehen bleiben. Auf der andern Seite verließ sie mit Carolinen an manchen Tagen die unterirdischen Gemächer, um unter Gottes freiem Himmel Luft zu schöpfen. Diese Aufgänge wurden bei gutem Wetter an jedem Nachmittage unternommen, nachdem Bertha mit ihren häuslichen Arbeiten fertig war. Wurde Eleasar erwartet, so waren die Spaziergänge von kurzer Zeitdauer, anderen Falles währten sie länger. Weit haben sie, nach allen Mittheilungen zu schließen, an keinem Tage geführt. Etwa fünfzig bis sechzig Schritte von der Waldwohnung entfernt trat eine Quelle hervor, aus der Bertha das Trinkwasser schöpfte. Etwas weiterhin standen drei große Aepfelbäume mit vielen und dicken Aepfeln, von denen Caroline nach Belieben essen durfte. Mehrere hundert Schritte von der Wohnung entfernt lag ein langer Stein, auf den die beiden Spaziergängerinnen sich zuweilen setzten und ihr unaufhörliches Stricken fortsetzten. Jene Aepfelbäume waren die einzigen, welche Caroline jemals blühen sah. Erschienen die Blüthen, dann sagte Bertha: „Nun bist Du ein Jahr älter geworden!“ Außer der grünen Erde, dem Wald und dem Himmel sah die Gefangene nichts, weder ein Feld, noch eine Wiese, noch ein Haus. Aber Vögel verschiedener Art nahm sie wahr, auch kleine rothe Geschöpfe, die schnell auf die Bäume und von einem Baume zum andern sprangen, also Eichhörnchen, zuweilen noch größere graue Thiere mit vier Beinen, vermuthlich Rehe und Hirsche. Bertha hatte außerdem einen Hund, den sie Uedusch rief, und drei graue Katzen.

Der Aufenthalt Carolinens in der unterirdischen Wohnung hatte ungefähr sieben bis acht Jahre gedauert, als sie Gesellschaft erhielt. Eines Tages brachte Bertha auf einem Tragkissen einen Knaben, den sie Adolf nannte, in ihr Zimmer. Wahrscheinlich hatte Eleasar den Knaben, der zwei bis drei Monate alt gewesen sein soll, gebracht. Er bewohnte mit Carolinen dieselbe Stube und wurde so gut wie sie, natürlich seinem Alter angemessen, verpflegt. Bertha fütterte ihn in der ersten Zeit mit „Speise, von Mehl gekocht“ und ließ ihn aus einem länglichen Saugglase Milch trinken. Jetzt brannte die ganze Nacht ein Licht, das nicht hell war, wie die Oellampe. Caroline wurde mit seiner besondern Wartung beauftragt und trug ihn Nachts, wenn er schrie, im Zimmer herum. Als er älter geworden war, erhielt er statt der Wiege ein Bett und dieselbe Speise wie Caroline. Wenn diese mit Bertha in den Wald ging, war Adolf immer dabei. Sie beschäftigte sich sehr gern mit ihm, so lange er ein kleines Kind war, später wurde er ihr gleichgültiger und sie strickte nun wieder lieber.

Sechzehn Jahre mochte Caroline unter der Erde gelebt haben, als ihr Schicksal plötzlich eine andere Wendung erhielt. Bertha schnitt ihr das Haar ab, das sehr lang geworden war, da man dasselbe nicht ein einziges Mal gekürzt hatte. Acht Tage später legte die Wärterin wärmere Kleider als die gewöhnlichen für sie zurecht, mit dem Bedeuten, daß sie dieselben am andern Morgen anziehen solle. Dann wurde sie mit Adolf eingeschlossen, weshalb sie vermuthete, daß Eleasar anwesend sei. Am andern Morgen wurde früh geklopft, und Bertha, ebenfalls wärmer gekleidet, trat in’s Zimmer. Diese sagte ihr: „Komm’, liebe Karlinka, wir gehen zur lieben Mama, wovon ich schon immer gesagt habe.“ Caroline, die sich noch immer nach der Mutter sehnte, hatte sich bereits angekleidet und erhielt von der Wärterin noch die beiden Ohrringe und das Medaillon aus der Kommode. Bertha ergriff eine mit Kleidern gefüllte Reisetasche und so verließ man die Wohnung; Adolf, von dessen fernerem Schicksale Caroline nichts weiß, blieb zurück.

[39] Gefrühstückt wurde an diesem Tage nichts. Es war noch Nacht und im Dunkel gingen Bertha und Caroline eine weite Strecke durch den Wald. Der Tag war seit geraumer Zeit angebrochen, als sie vor einem einzelnen Hause ankamen, vor dem mehrere herrschaftliche Wagen (Chaisen) ohne Pferde standen. Bertha führte Carolinen in ein Zimmer dieses Hauses, wo sie kurze Zeit verweilten, ohne etwas zu genießen. Inzwischen hatte einer der Wagen zwei Pferde erhalten und nahm die Beiden auf. Er war auf beiden Seiten mit Thüren versehen, in denen Glasfenster waren. Die Reise dauerte 13 Tage und 12 Nächte. Beobachtungen stellte Caroline während dieser Zeit nicht an, da nur der eine Gedanke sie erfüllte, recht bald zu ihrer Mutter zu kommen. Man hielt immer vor einem Hause an, zuweilen unter einem Dache (Vorbau, Schuppen?). Das eine Haus kann oft zu einem Dorfe oder einer Stadt gehört haben, ohne daß Caroline, ganz von ihren Gedanken in Anspruch genommen, etwas davon merkte. Wenn man auf längere Zeit anhielt, brachte Bertha Speisen und Wasser und Caroline aß und trank in der Kutsche. Einige Male blieb die Wärterin Stunden lang weg und Caroline konnte dann vor Furcht nicht schlafen. In ein Bett kam sie während dieser ganzen Zeit nicht und verlangte auch nicht danach.

Nach dem angegebenen Zeitraume hielt die Kutsche einmal, als die Nacht nicht mehr fern war, auf einem Wege dicht an einem Walde. Bertha stieg mit Carolinen aus und die Kutsche fuhr schnell fort. Die Wärterin übergab dem jungen Mädchen ein Tuch mit Brod und Schweinefleisch und befahl ihr, am Rande des Waldes stehen zu bleiben und sie zu erwarten. Sie küßte sie darauf traurig und weinend und entfernte sich in derselben Richtung, welche der Kutscher eingeschlagen hatte, in den Wald. Die Verlassene wartete einige Zeit und ging dann in den Wald, um nach Bertha zu sehen. Als sie Niemand wahrnahm, ging sie an die ihr angewiesene Stelle zurück und wiederholte dies mehrere Male. Zuletzt drang sie tiefer in den Wald, rief lauter und lauter, aber Niemand antwortete. Sie sollte Bertha, den Kutscher und den Wagen nie wiedersehen.

Von der Hoffnung beseelt, mit ihrer Mutter vereinigt zu werden, sah sich die Arme jetzt auch von Bertha, ihrer Pflegerin und mütterlichen Freundin, verlassen. Ihr Gemüthszustand muß ein entsetzlicher gewesen sein. Drei Tage und vier Nächte brachte sie in dem Walde zu, ohne einen Menschen zu sehen, ohne die Fleisch- und Brodvorräthe ihres Tuches zu berühren. Es fror sie während dieser Zeit so anhaltend und in so hohem Grade, wie noch niemals, obschon sie warm gekleidet war und das Wetter während jener Tage im Verhältniß zur Jahreszeit angenehm genannt werden konnte. Am vierten Tage fand sie sich aus dem Walde hinaus und kam zu einem Wege, der an diesen angrenzte. Sie hatte sich hier niedergesetzt, als ein erwachsenes Mädchen mit einer Reisetasche am Arme daherkam. Beide wollten mit einander sprechen, verstanden sich aber nicht. Caroline ließ sich von der Fremden, welche ihr die Hand bot, führen. Sie kamen an ein Wasser, das so breit wie der Main bei Offenbach war. Eine Brücke führte über den Fluß, in der Nähe standen viele Häuser. Nie hatte Caroline eine Brücke und ein so großes Wasser gesehen, und sie fürchtete sich daher so sehr, daß ihre Begleiterin sie über die Brücke führen mußte. Weiterhin folgten mehre Häuser, also wohl ein Dorf. Die Fremde holte aus einem der Gebäude Nahrungsmittel (bettelte), und Caroline wartete inzwischen auf der Straße. Das Holen von Lebensmitteln wiederholte sich an diesem Tage mehrmals. Caroline war jetzt wieder in menschlicher Gesellschaft und dies ermuthigte sie so, daß sie zum ersten Male von ihrem Brode und Fleische aß. Auf dem Felde arbeiteten Leute, auch begegneten ihnen Wanderer, aber sie sprachen mit Niemand. Als es Nacht geworden war, traten beide in ein kleines Haus, neben dem noch andere Gebäude standen. Hier war blos eine Frau, die ihnen Suppe gab, worauf sie schlafen gingen. Caroline, die mit der jungen Fremden in einem Bette schlief, legte beim Entkleiden ihre Ohrringe ab und steckte sie mit ihrem Medaillon zusammen in die Tasche ihres Kleides. Die Fremde nahm aus ihrer Reisetasche ein grobes Hemd und gab es Carolinen, welche ihr eigenes feineres Hemd auszog und es zu ihren Kleidern legte. Indem sie so handelte, folgte sie ihrer Gewohnheit, ein Nachthemd anzulegen. Sie hatte in den letzten sechzehn Nächten in keinem Bett geschlafen, viel Sorgen und Kummer gehabt, und ihr Schlaf muß daher ein sehr fester gewesen sein. Als sie erwachte, war ihre Bettgenossin verschwunden und hatte Carolinens ganze Habe bis auf einen engen Kamm und jenes Tuch mit Brod und Fleisch mitgenommen, ihr zum Ersatz blos ihr eigenes grobes Hemd zurücklassend. Die Wirthin des Hauses, die mit der Diebin ohne Zweifel im Einverständniß war, gab ihr etwas Suppe mit Brod und alte Kleider, dieselben, mit denen sie in Offenbach erschien. In dieser fremden Kleidung ging Caroline, deren ganze Verzweiflung mit ihrem abermaligen Verlassensein wiederkehrte, fort, in welcher Richtung, war ihr gleichgültig. Wenn sie vor Müdigkeit nicht weiter konnte, setzte sie sich auf den Boden und weinte. Sie ist auf diese Weise noch zwei Tage und eine Nacht umhergeirrt. Am Abend des zweiten Tages trat sie in ein Haus, dessen Besitzerin ihr Brod und einiges Geld reichte, was sie beides zurückwies. Eine zweite Frau kam hinzu und diese wird mit der Wirthin bei einer kurzen Berathung zu dem Resultate gelangt sein, daß man keine Bettlerin, sondern eine ungewöhnliche Person vor sich habe. Caroline wurde also zu dem Bürgermeister des Ortes (Weiskirchen) und von diesem am folgenden Tage nach Offenbach geführt. Ihre weiteren Schicksale kennen wir.

Wir haben die Erzählung von Carolinens Schicksalen ohne Kritik gegeben, wie wir diese Erzählung in dem einzigen bis jetzt über sie erschienenen Werke[1] fanden. Ob außer der Bekanntmachung, die wir an der Spitze dieser Zeilen mittheilten, und außer polizeilichen Anfragen an auswärtige, namentlich österreichische Behörden zur Feststellung der Wahrheit oder Unwahrheit jener Erzählung etwas geschehen sei, wissen wir nicht. Man hätte nach unserer Ansicht vor allen Dingen den Versuch machen sollen, Carolinen den Weg, auf dem sie nach Offenbach gekommen ist, unter Begleitung auffinden zu lassen. Obgleich ihr geistiger Zustand und ihre Verzweiflung nach Bertha’s Verschwinden sie an genauen Beobachtungen verhindern mußten, sollte man doch meinen, daß sie, in der Umgegend herumgeführt, jenes große Wasser mit der Brücke, vor dem sie sich so sehr fürchtete, und weiter den [40] Weg, den sie mit der Fremden bis zum Hause, wo sie bestohlen wurde, einschlug, hätte auffinden müssen. Wäre man auf diese Art nur in den Besitz ihrer Ohrringe und ihres Medaillons gelangt, so würde die Mühe vollauf belohnt gewesen sein. Diesen Versuch, durch ein Umherführen Carolinens weitere Aufschlüsse zu erlangen, hat man nicht gemacht, wenigstens schweigt die Eck’sche Schrift davon gänzlich.

Wir wollen nun Carolinens Glaubwürdigkeit in objektiver wie in subjectiver Beziehung prüfen. Verdient ihre Erzählung an sich, von ihrer Persönlichkeit abgesehen, Vertrauen? Ihre Schicksale sind räthselhaft und in einigen Punkten unwahrscheinlich. Daß sie aus Ungarn, diesen geographischen Begriff in dessen weitestem Umfange genommen, stamme, ist keinem Zweifel unterworfen. Die Sprache, deren sie bei ihrem ersten Erscheinen in Offenbach allein mächtig gewesen ist, liefert einen vollgültigen Beweis. Ihr Alter bei ihrer Abführung aus der Waldwohnung zu 21 Jahren angenommen, ist sie im Jahre 1832 geboren worden und im Jahre 1837 verschwunden. Die ungarischen Zustände in jener Zeit reden der Möglichkeit eines solchen Verschwindens das Wort. Wir wissen zur Genüge, daß weder die ungarische Polizei, so weit von einer solchen die Rede sein kannte, noch die ungarischen Gerichte zur Verhütung und Entdeckung von Verbrechen besonders geeignet waren. Allerdings hat Caroline nach der Revolution noch vier Jahre in ihrer Waldwohnung gelebt, und in diesen vier Jahren gab es eine österreichische Polizei. Aber trotz energischer Bemühungen ist die neue Ordnung noch nicht so durchgedrungen, um dem Verstecken eines jungen Mädchens, das seit sechzehn Jahren verschollen war, etwas Unmögliches oder auch nur Unwahrscheinliches zu geben. Haben doch unsere Gerichtszeitungen Fälle von Kindern mitgetheilt, die unter den Augen der deutschen Polizei und in volkreichen Städten Jahre lang auf Böden oder in Kellern eingeschlossen gewesen sind. Die bessere Organisation der österreichischen Polizei kann der Grund gewesen sein, daß man Carolinen, da man des Geheimnisses nicht sicher war, entfernte.

Die Entführung von Kindern durch Zigeuner und andere Vagabunden war in dem früheren Ungarn kein ganz ungewöhnliches Vorkommniß. Daß man dem verschwinden Carolinens wirklich die Form einer solchen Entführung gegeben habe, wofür allerdings der Anschein spricht, möchten wir nicht behaupten. Um darüber mit größerer Sicherheit sprechen zu können, müßten wir die Motive des an ihr begangenen Verbrechens wissen, und gerade diese verhüllen sich uns. Jene angebliche Form der Entführung setzt die Annahme voraus, daß Caroline ihrer Mutter geraubt worden sei. Der intellectuelle Urheber des Raubes wäre nicht weiter zu suchen; der „Ongkar“ wäre es, der Carolinen in den Garten schickte, wo der Mann mit dem großen schwarzen Barte (Eleasar) sie auf den Arm hob und forttrug. Denkt man sich das Verschwinden Carolinens als Kinderraub, so wird die Sache unwahrscheinlich, obgleich nicht unmöglich. Die bekümmerte Mutter würde in diesem Falle Alles aufgeboten haben, ihr Kind wieder zu erlangen, und der Oheim hätte einen schweren Stand bekommen. Wie nun aber, wenn die Mutter um die Entführung gewußt hätte? Caroline braucht nicht nothwendig eine reiche Erbtochter zu sein, deren Rechte geldgierigen Seitenverwandten im Wege standen, sie kann eben so gut ein uneheliches, oder im Ehebruch erzeugtes Kind einer vornehmen Dame sein, das man verschwinden läßt, wenn die Dehors es erfordern. Unnatürliche Mütter hat es stets und in allen Ländern gegeben, warum nicht auch in Ungarn und im Jahre 1837? Nehmen wir an, daß die Mutter, froh, einer für ihren Ruf gefährlichen Bürde ledig zu werden, fortreiste, weil sie um ihrer Nerven willen vor der Entführung einige Meilen zwischen sich und dem Ort des Verbrechens sehen wollte, nehmen wir ferner an, daß der Ongkar, der ein noch näherer Blutsverwandter Carolinens sein kann, den zurückbleibenden Dienstmädchen sagte, die Kleine sei an einen andern Ort entfernt worden, so erhalten wir eine Sachlage, welche Nachforschungen ausschloß. War die Mutter ruhig, so hatten die Dienstmädchen wahrlich keine Veranlassung, Polizei und Gerichte in Bewegung und sich selbst in Unkosten zu setzen.

In dem, was Caroline von der Waldwohnung erzählt, stoßen wir auf Unwahrscheinlichkeiten. Daß Bertha, eine alte Dienerin des Hauses, auf sechszehn Jahre verschwinden konnte, hat nichts auf sich. Erhielt sie unter irgend einem Vorwande ihre Entlassung, und reiste sie vor Aller Augen ab, so fragte gewiß Niemand weiter nach ihr. Auch Adolf, dieses zweite Opfer, hat für uns nichts Anstößiges. Hatte ein zweiter, von Folgen begleiteter Fehltritt der Mutter Carolinens stattgefunden, so lag nichts näher, als die Frucht des ehebrecherischen Umganges an denselben Ort zu schaffen, der die erste mit glücklichem Erfolg verbarg. Wir wollen diese Erklärung übrigens Niemand aufdringen, wir stellen sie nur auf, um zu beweisen, daß Carolinens Erzählung, denkt man sich die Mutter als Mitschuldige des Verbrechens, den vollen Anschein der Glaubwürdigkeit gewinnt. Lag die Waldwohnung in einem Theile des Waldes, den höchstens der Förster betrat, und war Eleasar dieser Förster, so war man vor einer Entdeckung ziemlich sicher, und Eleasar konnte Brennstoff, Speisen und Wolle zutragen, ohne daß seine Gänge auffielen. Unwahrscheinlich klingt, was Caroline von der äußern Einrichtung dieser Wohnung sagt, daß der Eingang mit einer Fallthür, die Fenster mit Deckeln versehen gewesen seien, und daß diese zum Schließen bestimmten Gegenstände einen solchen Graswachs getragen hätten, daß sie von dem anderen Boden nicht zu unterscheiden gewesen wären. Wie konnte Gras auf den Deckeln und der Fallthür wachsen, wenn nicht eine Erdunterlage vorhanden war, in der das Gras Wurzeln zu schlagen vermochte? Gab es aber eine solche Erdschicht, wie konnte dann Bertha die schwere Fallthür, der Caroline die Größe einer Stubenthür gibt, von unten aufheben? Es würde ihr unmöglich gewesen sein, und wenn wir Caroline in diesem Punkte nicht der Lüge zeihen wollen, womit ihre ganze Glaubwürdigkeit ihr Ende erreicht hätte, müssen wir nach Mitteln fragen, wie Bertha verfuhr. Da ist nur zweierlei möglich. Entweder gab es einen Mechanismus, den Caroline nicht kannte und dessen Bertha beim Oeffnen der Fallthür sich bediente, oder es war ein geheimer Ausgang vorhanden, den die Wärterin, wenn sie mit Carolinen in den Wald ging, unbemerkt benutzte, die Fallthür von außen öffnete, und dann ihre Genossin in’s Freie führte. Mehrere Umstände unterstützen die letztere Erklärung. Es war Carolinen verboten, den Gang, an dem ihre Stube lag, weiter zu verfolgen, und auch in den Keller durfte sie nur bis zur Hälfte der Treppe gehen. Wozu diese Verbote, wenn der Gang und der Keller nichts verbargen, was Carolinen zu einer etwaigen Flucht dienlich sein konnte? Wenn Bertha das unreine Geschirr säuberte, schloß sie sich in die Küche ein, wo der Eingang zum Keller lag. Dieses Einschließen hatte keinen Sinn, wenn in der Küche weiter nichts als das Waschen des Geschirres vorging. Es wird noch etwas Weiteres vorgegangen sein: Bertha hat, nachdem sie sich eingeschlossen, mit Benutzung des geheimen Ausgangs das Wasser geholt, dessen sie beim Reinigen der Geschirre in größerer Menge bedurfte. Daß die Fallthür von außen geöffnet wurde, ist nicht nur aus innern Gründen wahrscheinlich, Caroline spricht von einem kleinen Stricke, der außen, „ganz in der Nähe von der Mitte ihrer längeren Seite zur Mitte“ angebracht gewesen sei. Dieser Strick unterstützte das Aufheben, das von außen nicht solcher Kraftanstrengung bedurfte, als wenn es von innen geschah. Bleiben wir dabei, daß die Thür mit Gras bewachsen, mithin auch mit Erde bekleidet gewesen sei, so haben wir uns die Kraftanstrengung, deren Bertha jedesmal bedurfte, noch immer als bedeutend zu denken. Setzen wir statt Gras Moos, so fällt die Erddecke weg, und die Fallthüre verliert mindestens drei Viertheile ihrer Schwere. Moos ist grün und Gras ist grün, ein Mädchen von Carolinens Art kann zwischen beiden kaum einen Unterschied gemacht haben.

Es war im höchsten Grade unvorsichtig, Carolinen jeden Tag an die frische Luft zu führen. Wäre diese Anordnung nach Carolinens Erzählung von ihren Entführern getroffen worden, so dürften wir nicht zögern, ihre ganze Geschichte für ein Märchen zu erklären. Aus ihren Worten geht aber hervor, daß die gutmüthige Bertha diese Erleichterung der Haft heimlicher Weise eintreten ließ. So oft Eleasar, der seine gewisse Stunde gehabt haben mag, erwartet wurde, kürzte der Spaziergang sich ab. Wir wollen hier nachholen, daß der Befehl Eleasar’s, Carolinen stets in ihrer Stube eingeschlossen zu halten, ebenfalls für das Vorhandensein eines geheimen Ausganges spricht. War blos die Fallthür da, deren Hebung der Gefangenen in ihren ersten Jahren unter allen Umständen nicht gelingen konnte, so hatte die Grausamkeit der engen Haft im Zimmer gar keinen Zweck. Durfte Bertha es bei jenen Spaziergängen auf die doppelte Gefahr einer Flucht und eines Entdecktwerdens ankommen lassen? Die Flucht [41] konnte sie selbst verhindern, vor dem Gesehenwerden glaubte sie sich ohne Zweifel durch die Einsamkeit der Gegend geschützt. Gewagt bleibt ihre Handlungsweise immer, und gewagt ist die Wahl der Waldwohnung überhaupt, denn so sorgfältig ließ sich die Spur von Fenstern und Thür nicht verdecken, daß eine genaue Untersuchung nicht Ritzen und Fugen von einer verdächtigen Regelmäßigkeit der Gestalt hatte entdecken müssen. Gewagt wird eben bei jedem Verbrechen, und hier war das Wagniß nicht einmal besonders groß. In Gegenden, wo es weder Holzleser noch Spaziergänger gibt, ist in einem großen Walde manche Stelle, die noch nie der Fuß eines Menschen betreten hat. Sind doch sogar im Harze einmal Jahre vergangen, ehe man die Leiche eines Vermißten, dessen Ermordung mit Recht angenommen wurde, in einem Walddickicht aufgefunden hat.

Bertha öffnete an jedem Morgen die Fensterdeckel, und legte sie an jedem Abend nieder. Wie sie dabei verfuhr, scheint Caroline nicht zu wissen. Schwierigkeiten konnten beide Proceduren nicht machen, eine Stange mit einem Haken genügte, um die Deckel aufzustoßen und niederzuholen. Eine mit Moos bewachsene Holztafel von 1½ Zoll Durchmesser ist leicht. Wie fand der Rauch seinen Abzug? Durch die Fenster gewiß nicht, denn dann würde Caroline Augenschmerzen und andere Unannehmlichkeiten gehabt haben, wovon sie schweigt. Aber sie hat kein Ofenrohr gesehen, könnte man, um ihre Glaubwürdigkeit zu verdächtigen, einwenden. Da sie keine technologischen Kenntnisse besaß und Bertha, wie aus Allem hervorgeht, nicht blos ihre geistige Entwickelung, sondern auch ihre Theilnahme an praktischen Dingen niederzuhalten bemüht war, so kann ein Ofenrohr dagewesen sein, ohne daß Caroline es bemerkt hat. Leitete dieses Ofenrohr aus ihrer Stube in die daneben liegende Küche, so brauchte man für den Rauch der ganzen Waldwohnung nicht mehr als einen einzigen Ausgang, dessen, obere schmale Mündung sowohl Carolinens Beachtung entgangen, als zum Schutz gegen eine zufällige Entdeckung durch Fremde gut versteckt gewesen sein kann. Sonderbar ist die Anwesenheit des Hundes Uedusch in der Waldwohnung. Hunde verrathen sich durch Bellen, und das ist der Grund, weshalb die Diebe und andere Verbrecher keine führen. Wurde Uedusch unter der Erde so eingesperrt, daß man sein Bellen oben nicht hören konnte, und hielt Bertha ihn etwa deshalb, damit er, falls bei ihren Spaziergängen mit Carolinen Menschen herankämen, diese schon von fern anzeige und einen rechtzeitigen Rückzug ermögliche?

[50] Das sind die Betrachtungen, die wir an die Waldwohnung zu knüpfen haben. Die Unwahrscheinlichkeiten, welche in Carolinens Erzählung dieser Phase ihres Lebens zu liegen scheinen, werden durch sie den Charakter von Verdachtsgründen verloren haben. Daß Caroline diese düstere Wohnung freudig verließ, als man sie zu ihrer Mutter zu führen versprach, liegt in der Natur der Sache. Ihre Reise soll dreizehn Tage und zwölf Nächte gedauert haben, „mit den nämlichen Pferden“, wie sie sagt. Diese Aeußerung darf man nicht streng nehmen; wie soll sie auf das Vorlegen anderer Pferde geachtet haben, sie, welche diese Thiere nur als kleines Kind gekannt hatte und mit ganz anderen Gedanken beschäftigt war. Wenn die Reise genau so erfolgte, wie sie erzählt, mußte sie dann nicht ein Aufsehen erregen, das zur Entdeckung hätte führen müssen? Gewiß nicht. Wagen mit geschlossenen Fenstern fahren tagtäglich auf den Heerstraßen, besonders in den letzten October- und in den ersten Novembertagen, und auch Damen, die im Wagen sitzen bleiben und sich dorthin kalte Küche bringen lassen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. Aufsehen erregt ein Gebahren, wie Caroline es beschreibt, am allerwenigsten; man denkt dabei nicht an ein Geheimniß, sondern an aristokratische Gewohnheiten. Pässe, die scheinbar in Ordnung waren, haben die Reisenden ohne Zweifel gehabt. Wurde der Wagen irgend wo für auffallend gehalten, so war dieser Eindruck längst verwischt, als die öffentliche Bekanntmachung und Aufforderung des Kreisamtes zu Offenbach erschien. Am 14. November 1853 wurde, Caroline in Offenbach verhaftet und am 22. März 1854 erging jene amtliche Aufforderung. Zwischen ihr und der Fahrt Carolinens liegen mithin mehr als vier Monate, und in einer solchen Zeit vergißt sich viel. Bis zu seinem öffentlichen Auftreten scheint das Gericht nichts Nennenswerthes gethan zu haben. So lange Caroline für eine verschmitzte Betrügerin galt, beschäftigte man sich mit ihr allein, und als man endlich – sie war inzwischen einige Wochen krank gewesen – zu einer bessern Ueberzeugung gelangte, verfolgte man einseitig die Vermuthung, „daß gedachte Person mit einem k. k. Militairtransporte in hiesige Gegend gelangt sei“, und stellte in dieser Richtung, die eine falsche war, Ermittelungen an.

Die objective Seite der Sache ist nun bis auf die Geschichte des fremden Mädchens und der Frau, die Carolinen ihrer Sachen beraubt haben, erledigt. Was die Unglückliche in dieser Beziehung erzählt, tragt den Stempel innerer Wahrheit an sich und stimmt mit dem Verfahren der Menschenrasse, in deren Hände sie am Schlusse ihrer Wanderschaft gelangt war, ganz überein. Eine Landstreicherin findet in einsamer Gegend ein Mädchen, das der Landessprache nicht mächtig und arglos und unerfahren wie ein Kind ist. Sie nimmt dieses Mädchen mit sich und führt sie am Abend zu einer älteren Vertrauten, um sie dort im Schlafe zu bestehlen. Sie entfernt sich nach dem Diebstahl und die Vertraute spielt gegen die Bestohlene die Rolle der Wohlthäterin, gibt ihr einige schlechte Kleidungsstücke und entläßt sie darauf. Aehnliches ist hundert Mal dagewesen. Ein äußerer Umstand dient zur Bekräftigung der Wahrheit von Carolinens Aussage: man hat sie mit Kleidern angethan gefunden, die ihr nicht gehörten, wie ihre zu große Weite bewiesen. Noch einen Umstand übersehe man nicht. Ein Mädchen, das so erzogen worden war, wie Caroline, und zuletzt solche Schicksale erlebt hatte, mußte so angegriffen sein, daß am ersten Ruheorte eine Krankheit ausbrach. Caroline ist in der That während der ersten Zeit ihres Offenbacher Aufenthaltes krank gewesen.

Läßt sich ihre Erzählung an sich nicht verwerfen und werden die in ihr enthaltenen Unwahrscheinlichkeiten bei näherer Betrachtung ihre Bedeutung verloren haben, so kommt doch Alles darauf an, ob Carolinens Persönlichkeit in subjectiver Beziehung ihrer Erzählung zur Stütze dient. Eine geschickte und erfahrene Lügnerin ist Wohl im Stande, eine romanhafte Geschichte mit glaubwürdigen Einzelnheiten aufzustutzen. Ehe wir an diese subjective Seite, den eigentlichen Cardinalpunkt, näher herantreten, müssen wir vorausschicken, daß Caroline sowohl in juristischer als in psychologischer Hinsicht geprüft worden ist. Man hat sie für eine Lügnerin gehalten und darauf hin inquirirt, man hat sie drei Jahre lang unausgesetzt beobachtet, auf die Probe gestellt, und sie ist in keiner Verwickelung in ihren so weitläufigen, bis in’s kleinste Detail gehenden Aussagen, auf keinem Widerspruche, auf keinem Verstoße gegen psychologische Gesetze ertappt worden. Man denke sich die abgefeimteste Lügnerin, die mit kaltblütiger Berechnung stets auf ihrer Hut ist, man lasse sie ihr künstliches Lügengebäude bis zur Giebelspitze fertig bringen, und sie wird in irgend einem Augenblicke ihrer Erzählung untreu werden, der ersten Unwahrheit überführt durch ihr Bemühen, das Vertrauen wieder zu gewinnen, sich immer tiefer verwickeln und bald entlarvt sein. Eine solche Lügnerin wird gerade die Unwahrscheinlichkeiten, welche in Carolinens Erzählung vorkommen, am sorgsamsten vermeiden. Hat der Leser unserer Erzählung seine Aufmerksamkeit geschenkt, so wird er mehrerer Punkte sich erinnern, die seinen Argwohn erregten und von denen er sich gleichwohl nicht sagen konnte, weshalb Caroline sie, wenn sie Alles erlogen, in ihr Gewebe [51] eingeflochten habe. Um unsere Erörterung nicht zu weit fortzuspinnen, wollen wir nur einen Punkt hervorheben. Eine Lügnerin würde Adolf, dieses zweite Opfer, aus dem Spiele gelassen haben, einmal, um für ihre eigene Person das Interesse ungeschwächt zu erhalten, und dann, um nicht durch die Erzählung von einem Unglücklichen, der noch in der Waldwohnung schmachte, zu allzu eifrigen Nachforschungen anzureizen, also zu dem, was eine Lügnerin am meisten zu scheuen hätte, da diese Forschungen die wirkliche Wohnung, wo sie ihren Plan entworfen hatte, leicht an den Tag bringen konnten.

Entscheidend ist für uns, daß Caroline, wenn sie eine Rolle spielte, eine solche wählte, an deren unüberwindlichen Schwierigkeiten sie unfehlbar scheitern mußte. Sie spielte ein Mädchen, dessen Körper die jungfräuliche Reife hat, dessen geistige Entwickelung auf der kindlichen Stufe geblieben ist. Für eine solche Rolle gab es kein Vorbild, und nicht der erste Psycholog der Welt hätte ihr alles dazu Nöthige einstudiren können. Sie ist aber wirklich, eine Jungfrau mit dem Geiste eines Kindes, ihr Lehrer Eck bezeugt das ausdrücklich an vielen Stellen seines Buches und verspricht zum weitern Belege eine ausführlichere psychologische Erläuterung. Einiges von dem, was er beispielsweise mittheilt, wollen wir an dieser Stelle aufnehmen. Caroline hatte den Wunsch, über mancherlei Dinge zu fragen, sich zu offenbaren und die vielen Fragen, welche man hinsichtlich ihrer Vergangenheit an sie richtete, zu beantworten. Aber dieses bei ihr in hohem Grade vorhandene Bedürfnis; der Mittheilung konnte sie während der ersteren Zeit ihres Aufenthaltes hier in Offenbach beinahe gar nicht, später nicht so befriedigen, wie sie es wünschte, worüber sie oft weinte. Wurde Caroline nun gefragt, warum sie weine, so antwortete sie gewöhnlich: „Ich nicht sagen können, was ich denken; ich viel wissen und nicht sagen können.“ Spielte sie dagegen mit kleinen Kindern, welche in einem gewissen Sinne mehr ihres Gleichen waren (Caroline war, wie sich später ergeben wird, an Geist und Gemüth selbst noch ein Kind), so haben diese und jenes große Kind einander so ziemlich theils wirklich, theils auch nur eingebildet verstanden. Jedenfalls wurden hier auch nur solche Fragen gegenseitig vorgelegt, welche Caroline und die kleinen Kinder auf die eine oder andere Weise beantworten konnten, gleichviel ob richtig oder unrichtig. Es war also das Bedürfniß der Mittheilung und Unterhaltung auf beiden Seiten einigermaßen befriedigt und darum das große Kind, an seine traurige Lage nicht denkend, eben so heiter und vergnügt, wie die kleinen Kinder. Und hierin findet Carolinens Neigung, mit kleinen Kindern zu spielen, hauptsächlich ihre Erklärung. Daß Bertha ein Kind in Carolinens Stube brachte, muß diese sehr angenehm berührt und darum ganz ungewöhnlich angeregt haben. Nur selten hat Caroline Bertha nach Diesem oder Jenem gefragt. Kaum aber hatte ihr Bertha mitgetheilt, daß dieses Kind Adolf heiße, was alsbald geschah, nachdem sie dasselbe zu ihr in die Stube brachte, so fragte Caroline unmittelbar darauf, woher Adolf gekommen sei. „Ich habe ihn aus dem Wasser geholt“ – war Bertha’s Antwort. Nachdem dies Caroline mir mitgetheilt hatte, fragte ich sie einige Wochen darauf, ob ihr Bertha wohl gesagt habe, wie der Papa und die Mama von Adolf hieße. Caroline erinnerte sich noch, daß sie mir schon gesagt, Bertha habe Adolf aus dem Wasser geholt, und sah mich deshalb etwas befremdet an, als wollte sie mir mit ihren Blicken sagen, wie ich zu dieser von ihr bereits beantworteten Frage komme. Sie antwortete daher ungefähr mit folgenden Worten: „Adolf hatte kein Papa und keine Mama habt; Bertha hat den Adolf aus dem Wasser holt.“ Dies glaubt sie heute noch eben so fest, wie sie bis zur Stunde noch die ganz bestimmte Meinung hat, daß auch Henrik, der Sohn ihres Oheims, nie eine Mutter gehabt, weil sie dieselbe nie gesehen, auch nie etwas von ihr gehört habe. Solche Aeußerungen, von einem zweiundzwanzig- bis dreiundzwanzigjährigen Mädchen in allem Ernste gesprochen, lassen wohl den durchaus reinen, noch so ganz kindlichen Seelenzustand desselben leicht erkennen. Oft sehnte sie sich, besonders während der ersteren Zeit ihres Aufenthaltes hier in Offenbach, wieder zu Bertha in die Waldwohnung zurück. Daselbst sei es so ruhig, so still und so schön gewesen, sei nicht viel und nicht laut gesprochen, sie auch mit den vielen Fragen nicht so geplagt worden, wie dies hier der Fall ist.

Die vielen für sie ganz neuen und darum ungewohnten Eindrücke in der zweiten Welt (indem Bertha mit Carolinen die Waldwohnung verließ, wurde diese gleichsam zum zweiten Male, freilich erst im Alter einer Jungfrau, geboren) verursachten ihr oft eine große Unbehaglichkeit, ja sogar, wie bereits im Eingänge erwähnt, zuweilen Schmerzen im Kopfe. Der Unterschied zwischen ihrer früheren und jetzigen Welt ist wohl auch so groß, daß die mächtigen Eindrücke der letzteren ihr ganzes inneres Leben in eine Art von Bestürzung bringen, ich möchte sagen, gleichsam blenden mußten. Sehr natürlich daher, daß Caroline oft gewünscht hat, jetzt noch so leben zu können, wie sie in der Waldwohnung mit Bertha gelebt hat. Alsdann nur würde sie sich, wie sie zuweilen ebenfalls zu erkennen gab, glücklich fühlen, nicht so viel über ihre Vergangenheit nachdenken, und dieses Nachsinnen sie nicht so traurig stimmen, wie dies hier in Offenbach schon sehr oft der Fall gewesen sei. „O wie unglücklich bin ich; ich wünsche bei Bertha wieder zu sein“ – sagte sie mir noch vor ganz kurzer Zeit.

An einem Tage, als Caroline noch im Gefängniß war, zweifelte die Familie des Aufsehers an ihrer Aufrichtigkeit. Die Veranlassung war folgende. Am Abend eines der ersteren Tage ihres Aufenthalts bei der Familie des Gefängnißaufsehers sollte Caroline auf dem Hofe etwas besorgen. Sehr schnell und mit nicht geringem Erstaunen kam sie, ohne sich des ihr gegebenen Auftrags entledigt zu haben, wieder zurück in die Stube, und gab ihrer Deutschmama zu verstehen, daß sie mit ihr gehen möchte, sie wolle ihr etwas zeigen. Frau Lemser ging mit ihr in den Hof. Hier zeigte Caroline Das, was dieselbe, wie sie später sagte, noch nie gesehen hatte, nämlich – den Mond und die vielen Sterne; eine Thatsache, die zu mancherlei Vermuthungen, ganz besonders aber wohl zu der Frage Veranlassung geben mußte: Wie ist es möglich, daß ein erwachsenes Mädchen noch nie den Mond und die Sterne gesehen hat? Ihr Lehrer beseitigt diese Frage durch folgende Berechnung: „Nach den vorstehenden Mittheilungen verließ Bertha mit Carolinen am 27. October 1853 Morgens früh die Waldwohnumg, um welche Zeit der Mond bereits zwei Tage in’s letzte Viertel getreten war. Am 8. November gegen Abend wurde Caroline von Bertha ausgesetzt, und an diesem Tage, 45 Minuten nach Mitternacht, trat der Mond in’s erste Viertel. Hiernach ist Bertha mit Carolinen beinahe nur zur Zeit des Neumondes gereist. Am 15. November um 6 Uhr 33 Minuten Abends hat die Zeit des Vollmondes begonnen. Von dem Tage der Aussetzung Carolinens bis zu dem ihrer Ankunft in Offenbach (vom 8. bis 15. November) stand also der Mond im ersten Viertel. So lange Caroline in der Waldwohnung lebte, war sie auch nicht einmal Abends oder Nachts außerhalb derselben. Ferner hat sie vom 8. bis 12. November Tag und Nacht in einem Walde größtentheils weinend oder schlafend, sodann auch den 13. und 14. November und die Nacht zwischen diesen beiden Tagen theils im Felde, theils im Walde beinahe immer weinend zugebracht, während sie in den beiden Nächten vom 12. auf den 13. und vom 14. auf den 15. November in einem Bette schlief. Am 15. Nov. kam sie hier zu Offenbach in’s Bezirksgefängniß, in welchem sie wohl das Licht des Mondes, aber nicht den Mond selbst sehen konnte. Hieraus, wie auch aus ihrem ganz eigenthümlichen Sein und Wesen, welches in vorstehenden Zeilen angedeutet ist, erklärt sich wohl zur Genüge, warum Caroline hier zu Offenbach, wie in der Einleitung in Nr. 2 mitgetheilt wurde, in einem Alter von 22 Jahren zum ersten Mal den Mond und die Sterne gesehen hat.“

Ihre sonstigen geistigen Eigenschaften und alle ihre Gewohnheiten legen für sie das günstigste Zeugniß ab. Sie ist bescheiden, fleißig und strebt sichtbar, sich Fähigkeiten, mit denen sie sich ihren eigenen Unterhalt verschaffen kann, möglichst bald zu verschaffen. Um so weit unterrichtet zu werden, daß sie in die Lage versetzt wurde, sich als Dienstmagd, oder mit Nähen und Bügeln ihr Brod zu verdienen, brauchte sie keinen Roman zu erfinden; das konnte sie einfacher haben. Daß sie reinlich ist und im Stricken eine Fertigkeit besitzt, die das Erstaunen erfahrener Hausfrauen hervorrief, wolle man nicht übersehen. Da die Aufforderungen und Nachforschungen der Behörden zu keinem Resultat geführt haben, so bleibt, hält man ihre Geschichte für erfunden, kein anderer Ausweg, als sie aus einer Familie von Umherstreichern hervorgehen zu lassen. Entfernte sie sich mit oder ohne Einwilligung ihrer Angehörigen aus einer Familie mit einem festen Wohnsitze, so fiel ihr Verschwinden auf. Auch stimmt ihre Fertigkeit im Stricken bei gänzlicher Unkenntniß aller andern Hausarbeiten, wie [52] ihre scrupulöse Reinlichkeit neben der vollständigen geistigen Verkümmerung nicht zu einer Erziehung in einer Familie. Fremd oder durch Verwandtschaft mit ihr verbunden, würde sie eine Familie nicht unverständig und motivlos einseitig erzogen haben. Noch weniger stimmen Reinlichkeit und Stricken zu einem umherziehenden Leben. Reinlichkeit ist bei Vagabonden die letzte aller guten Eigenschaften, und zur Ausbildung im Stricken haben solche Leute weder Lust noch Zeit. Reinlichkeit und Stricken stimmen aber vortrefflich zu einer Erziehung, wie Caroline sie beschreibt, bei der die Absicht dahin geht, die Gefangene durch thierisches Wohlsein und eine mechanische Beschäftigung von Gedanken höherer Art abzulenken.

Caroline ist keine Betrügerin, dieses Resultat halten wir nach gewissenhafter Erwägung aller Umstände für sicher. Aber wer ist sie? Auf diese Frage haben wir keine Antwort. Wir überlassen die Lösung des dunkeln Räthsels der Zukunft, verhehlen uns aber nicht, daß, nachdem fast vier Jahre seit den öffentlichen Schritten des Offenbacher Gerichts verflössen sind, die Hoffnung, daß dereinst Carolinen ihr Recht und ihren Feinden ihre Strafe werde, schwach zu werden beginnt.

Er. Bl.


  1. Die langjährige unterirdische Haft zweier Kinder, nach den mündlichen Mittheilungen eines derselben, als Beitrag und Aufforderung zur Enthüllung dieses düstern Geheimnisses veröffentlicht von Friedrich Eck, Lehrer an der Volksschule zu Offenbach, Frankfurt a. M., 1856. Der Verfasser ist der Lehrer Carolinens.