Die Berliner Wasserwerke

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Autor: Max Ring
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Titel: Die Berliner Wasserwerke
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 27–29
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Berliner Wasserwerke.

Wer in dem heutigen Berlin durch eine der vielen Straßen wandert, hat wohl keine Ahnung, daß unter dem Steinpflaster ein vollständiges System von Canälen und Röhren verborgen liegt, die gleich den Adern und den übrigen wunderbaren Gebilden des menschlichen Körpers den größten Anspruch auf unsere Bewunderung haben. Die große Stadt gewinnt dadurch immer mehr das [28] Ansehen eines vollendeten Organismus; sie hat ihr Nervensystem, den Telegraphen, welcher mit der Schnelligkeit des Blitzes den Gedanken trägt und die entferntesten Theile miteinander verbindet, ihre Blutgefäße, ihre Arterien und Venen, in denen das Gas und das zu ihrem Leben so nothwendige Wasser von einem Ende zum andern strömt. Nur wenn eine nothwendige Reparatur vorgenommen und das Steinpflaster aufgerissen wird, erblickt man diese verborgenen Geister, welche in der Tiefe der Erde ihre geheimnisvolle Wirksamkeit entfalten. Da liegen friedlich die eisernen Röhren neben einander, in denen die gebändigten Kräfte der Natur dem Menschen dienen.

Durch die neuen Wasserwerke, welche eine englische Compagnie unter dem Schutze und hauptsächlich auf Veranlassung des verstorbenen Polizeidirectors von Hinkeldey eingeführt, hat der städtische Organismus gleichsam seinen Abschluß erhalten. Die Nothwendigkeit einer gleichmäßigen und allgemeinen Wasservertheilung stellte sich schon längst als ein sich täglich steigerndes Bedürfniß heraus. Zwar besitzt Berlin eine hinlängliche Menge von Brunnen und die Spree gewährt den vollkommen ausreichenden Zufluß für Fabriken und industrielle Unternehmungen aller Art; aber das Wasser selbst ist, wie die chemische Analyse nachweist, theils durch fremde Bestandtheile häufig so sehr verunreinigt, daß es der Gesundheit und dem Betriebe gewisser Gewerbe geradezu nachtheilig wird, theils so schwer in die höher liegenden Wohnungen zu bringen, daß dadurch die größten Uebelstände herbeigeführt werden. Bei der Reorganisation der „Berliner Feuerwehr“ stellte sich die Nothwendigkeit einer allgemeinen Wasserleitung noch dringender heraus; ja, die Erstere war ohne die Letztere gar nicht denkbar. Als sich daher eine Compagnie von Capitalisten in London gebildet hatte, um Berlin mit Wasser zu versehen, so wurde derselben von der Regierung gern jeder Vorschub und jede mögliche Begünstigung gewährt. Immer mehr findet diese Gesellschaft ihre Rechnung, da die Zahl der Häuser, welche sie jetzt mit Wasser versorgt, täglich zunimmt. Fast kein neues Gebäude entsteht, das nicht sein Wasser von der Compagnie bezieht. Bis in die höchsten Stockwerke wird das freundliche Element emporgeleitet. Diese Einrichtung schützt den Eigenthümer bei Feuersgefahr, erleichtert den Dienstboten ihre schwere Last, befördert die zum Leben so nöthige Reinlichkeit und ist für alle Classen der Bevölkerung mit gleichen Vortheilen verbunden, so daß sich Hauswirthe und Miether den daraus erwachsenden, verhältnißmäßig unbedeutenden Kosten gern unterwerfen.

Das Hauptwerk, welches die ganze große Stadt Berlin mit Wasser speist, liegt vor dem Stralauer Thore. Wir erreichen dasselbe von dem Mittelpunkte der Stadt aus in einer Droschke, wenn wir ungefähr drei Viertelstunden fahren. Dabei berühren wir den vorzugsweise Gewerbe treibenden Theil der Stadt, welcher sich an der Spree hinzieht. Fabrik erhebt sich neben Fabrik, bald eine riesige Färberei, bald Zuckersiederei oder Spinnerei. Dazwischen liegen die großen Holzplätze mit ihren Vorräthen an Nutz- und Brennholz. Endlich gelangen wir vor das Thor, welches nach den beliebten Spazierorten Treptow und Stralow führt. Hier zieht ein neues Gebäude von elegantem Aeußern unsere Aufmerksamkeit auf sich. Man wäre geneigt, es für einen freundlichen Privatsitz, für die Villa eines reichen Eigenthümers zu halten, so zierlich, nett und einladend sieht es aus. Nichts deutet seine eigentliche Bestimmung an, außer der 145 Fuß hohe Schornstein, der aus bunten Ziegelsteinen wie ein Thurm oder, besser noch, wie das Minaret einer türkischen Moschee emporsteigt. Wir befinden uns an Ort und Stelle, vor den „neuen Wasserwerken.“ Ein höflicher Portier fragt nach unserer Einlaßkarte, die wir zuvor in dem Bureau der Gesellschaft bereitwillig und unentgeltlich auf unser Gesuch erhalten haben. Derselbe Mann bietet sich zu unserem Führer an und von ihm geleitet betreten wir das Kesselhaus. Hier liegen zwölf riesige Dampfkessel, von steter Gluth genährt, neben einander und entwickeln die nöthigen Dämpfe zum Betriebe des ganzen Werkes. Schon an diesem Orte, der einem großen Saale gleicht, fällt uns die ausnehmende Reinlichkeit um so mehr auf, da man sie in dieser Riesenküche am wenigsten zu erwarten berechtigt ist. Unsere größte Bewunderung erregt aber der eiserne Dachstuhl, aus der Fabrik des Herrn Wöhlert hervorgegangen, so leicht, luftig und gefällig, wie ein Spinnengewebe und dabei doch fest und stark, zugleich vollkommen feuersicher. Wir steigen eine steinerne Treppe empor und gelangen in das höher gelegene Stockwerk, wo die Maschinen unablässig mit ihren eisernen Armen arbeiten. Acht Dampfmaschinen und zwar vier zu zweihundert, vier zu hundert Pferdekraft setzen sechzehn Pumpen in Bewegung, welche das Wasser in die Röhren treiben und durch die ganze Stadt vertheilen. Dies geschieht so geräuschlos, gleichmäßig und mit solcher Leichtigkeit, daß man sich kaum von dem interessanten Schauspiel losreißen kann. Von den sechzehn Pumpen schöpfen zwölf ihren Vorrath aus dem Bassin, das wir später noch genauer schildern wollen, vier direct aus der naheliegenden Spree. Der Dampf setzt das mächtige Schwungrad in Bewegung, das mit den Hebeln der Pumpen in Verbindung steht. Diese treiben das Wasser durch das Hauptrohr, welches einen Umfang von fünf Fuß besitzt und selber einem stattlichen Canale gleicht. Das Ganze ist mit einer Raumersparniß, einer Zweckmäßigkeit und Einfachheit eingerichtet, die von Neuem die praktische Geschicklichkeit der englischen Ingenieure beweist. Dagegen können wir Deutschen stolz auf die schönen, musterhaften Maschinen sein, welche sämmtlich aus der Fabrik des Herrn Borsig hervorgegangen sind und wohl kaum ihres Gleichen haben dürften. Wenn man die Thätigkeit dieser eisernen „Riesen“ längere Zeit mit anschaut, so glaubt man wirklich lebende und mit Vernunft begabte Wesen zu sehen. Die Zahl der menschlichen Arbeiter, welche zur Bedienung der Maschinen nöthig sind, ist äußerst gering und beläuft sich in Allem nur auf sechs Mann, welche bei dem ganzen ungeheuren Werke verwendet werden. Diese Angabe klingt wie ein Märchen und ist doch vollkommen wahr.

Wir gelangen über eine Treppe, die uns herabführt auf den freien Platz, wo die Bassins liegen, welche aus der Spree durch unterirdische Röhren ihr Wasser beziehen. Dieselben dienen zur Aufbewahrung und Reinigung; indem das Wasser über Kiessand, geleitet wird, setzt es alle organischen Unreinigkeiten ab, so daß es vollkommen geläutert in die Stadt zum Gebrauch gelangt. Derartige Bassins sind vier Stück vorhanden, von denen das größte 196 Schritt lang und gegen 80 breit sein dürfte; die Tiefe beträgt 8 Fuß, doch erreicht das Wasser darin gewöhnlich nur eine Höhe von zwei Fuß. Zwei Mal im Jahre werden die Bassins abgelassen, der zur Reinigung gebrauchte Kies sorgfältig gewaschen und von allem Schmutz befreit. Man kann sich bei einer Wanderung nach den verschiedenen Bassins am besten davon überzeugen, wie das zuerst getrübte Spreewasser nach und nach immer heller und klarer wird. Die Beamten und das übrige Personal genießen kein anderes Getränk und befinden sich sehr wohl dabei, wie die Erfahrung lehrt. Das so gereinigte Wasser wird nun durch die bereits angegebenen Pumpen in die eisernen Röhren getrieben, welche in gerader Linie ungefähr einen Weg von fünfundzwanzig Meilen beschreiben würden. Dieselben variiren in ihrem Umfange von dreißig Zoll bis zu zwei Zoll und sind sämmtlich in der Fabrik des Herrn Freund in Berlin gegossen. Die Leitung geht durch alle Straßen der Stadt und versorgt diese mit dem nöthigen Wasser. Für drohende Feuersgefahr ist die Residenz in gewisse Bezirke eingetheilt und in jeder Straße befinden sich an bestimmten Häusern mit rother Farbe numerirte Marken, welche die Stellen andeuten, wo die Röhren sich öffnen. Durch Einschränkung eines Schlauches wird sodann alsbald das nöthige Wasser an Ort und Stelle für die Spritzen und Eimer auf die leichteste Weise herbeigeschafft. Aus diesen Ventilen strömt auch das zur Straßenreinigung und Sprengung gewünschte Wasser. Auch die in Berlin mit Recht verrufenen Rinnsteine werden auf diese Weise gereinigt und von dem mephitischen Schmutz befreit, welcher sonst die Residenz verpestete. Der Nutzen für die allgemeine Gesundheit ist einleuchtend genug; es ist statistisch festgestellt, daß in Städten mit Wasserleitung die Gefährlichkeit der Epidemieen in auffallender Weise abgenommen hat, der Gesundheitszustand der Einwohner ein besserer und das Mortalitätsverhältniß der Einwohner ein weit günstigeres geworden ist.

Außerdem tragen die neuen Wasserwerke durch Einrichtung von öffentlichen Fontainen und privaten Wasserkünsten wesentlich zur Verschönerung der Residenz und zur Verbesserung der Atmosphäre bei.

Ein besonderes Verdienst sind jedoch die damit verbundenen Bäder und öffentlichen Waschanstalten, die vorzugsweise von den mittleren und unteren Volksclassen wegen des beispiellos billigen Preises benutzt werden, und Reinlichkeit, Sauberkeit und Behaglichkeit in allen Ständen verbreiten helfen. Durch die Wasserleitung erhält das ganze Hauswesen eine wesentlich wohlthätige Umänderung. [29] Ein Druck auf den Hahn, und es strömt in die Küche so viel Wasser, als man braucht, und zwar das reinste und beste. Das Dienstmädchen hat nicht mehr nöthig, zwei, selbst drei und vier Treppen hoch die schweren Eimer keuchend hinaufzuschleppen; ärmere Familien können selbst ohne jede Bedienung und reichere mit geringerem Personal auskommen. Wie viel wird nicht an Zeit und Geld dadurch erspart?

Die Wohnungen erhalten ein comfortableres Ansehen, die Straßen werden durch Sprengen von dem lästigen Staube befreit. Der Werth der Häuser steigt, die Feuersgefahr vermindert sich, wie die statistischen Berichte nachweisen, und somit müssen mit der Zeit auch die Versicherungsprämien geringer werden. Der Nutzen für die allgemeine Gesundheit ist aber die Hauptsache, und das ganze gefürchtete Heer der Epidemieen verliert dadurch viel von seinen Schrecken, da notorisch Schmutz, Unsauberkeit u. s. w. zu ihrer Verbreitung das Meiste beitragen.

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Die Berliner Wasserwerke.

Durch die bald allgemein eingeführten Wasserclosets wird ein Quell von thierischen Efflurien, deren Schädlichkeit hinlänglich nachgewiesen ist, vollkommen beseitigt, abgesehen von den übrigen daraus erwachsenden Annehmlichkeiten. Ebenso kann jetzt auch der minder Wohlhabende die Bequemlichkeit einer eigenen Badestube sich weit leichter und ohne allzu große Opfer verschaffen; ein Vortheil, den der Reiche früher nur allein für sich beanspruchen durfte.

Die Kosten der Wasserleitung für ein Haus betragen vier Procent von dem jährlichen Miethsertrage desselben. Das Wasser zur Besprengung von gepflasterten Straßen kostet für jede hundert Quadratfuß Flächenraum jährlich vier Silbergroschen; die Lieferung für Gärten wird mit sechs Thalern zwanzig Silbergroschen für den Morgen Land berechnet, besonders groß ist aber der Nutzen des Wassers für die Gewerbtreibenden, welche früher genöthigt waren, ihre Wohnungen deshalb an bestimmten Orten zu nehmen, oder nur mit bedeutenden Kosten ihren Bedarf herbeizuschaffen. Diese zahlen für 100 Cubikfuß=2700 Quart den Preis von 3½ Sgr., der bei einem täglichen Mehrverbrauch, als 300 Cubikfuß, auf 2 Sgr. ermäßigt wird.

Außer dem beschriebenen Werke vor dem Stralauer Thore hat die Gesellschaft zur Aushülfe noch ein großes Wasserreservoir auf dem Windmühlenberge angelegt, von wo dasselbe durch sein eigenes Gefälle nach der Stadt strömt, so daß unter keiner Bedingung, selbst nicht beim niedrigsten Wasserstande, ein Mangel eintreten kann. – Wenn auch gegenwärtig in Berlin noch viele Häuser dieser großen Wohlthat entbehren, so dürfte bald der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo jedes Gebäude mit der Wasserleitung versehen sein wird, da die Vortheile sich immer mehr auch selbst denen aufdrängen, welche gewöhnlich jede Neuerung mit Mißtrauen und Vorurtheil begrüßen.

Max Ring.