Die Braut der „schwarzen Gesellen“

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Autor: Eduard Schmidt-Weißenfels
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Titel: Die Braut der „schwarzen Gesellen“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 29–31
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Braut der „schwarzen Gesellen“.


I.

Es war im Jahre des Herrn 1813, Februar. Nach langem, schmachvollem Druck waren die Völker bereit, gleich Rächerschaaren aufzustehen, wenn nur ein Zeichen ihrer Fürsten ihnen bekunden würde, daß für den blutigen Dienst ihnen der Lohn werde, den sie fordern konnten. Die Freiheit, das freie Leben und Denken sollte man ihnen versprechen. – Genug, es war im Jahre des Heils 1813, als Friedrich Wilhelm III. die nach Rache brennende Jugend zu den Waffen rief, und wer weiß es nicht, wie opfermuthig, wie titanenhaft diese Jugend, das ganze Volk aufstand, um den Thron des Königs zu erobern. Ein Wink des Königs – und hunderttausend Menschen standen auf, dem Vaterland die neue, verheißene [30] Zukunft zu erobern. Jeder, der eine Waffe tragen konnte – Knaben, die kaum der Last des Gewehres gewachsen waren; Jeder, der hassen konnte und Begeisterung kannte, der die Größe der Nation mit seinem Blute bezahlen wollte, hatte er gleich Weib und Kind, kranke Eltern oder Geschwister; Jeder, der noch auf Versprechen baute, – zog in’s Feld, um den König zu retten, sein Vaterland zu befreien, der versprochenen Freiheit sich werth zu machen, denn Freiheit ist ein ehrenwerthes Ding.

Nicht Blei genug konnte es geben, nicht Fahnen, nicht Banner genug, um die große Schande auszuwetzen: – wer weiß es nicht? Die ritterliche Jugend Preußens an der Spitze, schaarten sich alle Stämme, alle Völker des zertrümmerten deutschen Kaiserreiches hinter ihr auf. Man hatte nichts als Muth, Begeisterung und seine Ehre den schlachtgewohnten Garden und Kriegern des Cäsars entgegenzusetzen; aber man siegte, wie die Wahrheit siegt, man schlug, wie freie Helden schlagen, man stürmte, man jauchzte durch den Pulverdampf der Kanonen, von denen jeder Schuß die Morgenröthe einer Freiheit – zuschoß; man rang, man bezwang, und von der Katzbach bis zum Rhein, von Weiler zu Weiler, von Stadt zu Stadt, bis zur Notre-Dame von Paris erbebte das donnernde deutsche Victoria!

Nun – es war in diesem Jahre 1813, als ein junger Major mit seinem schönen Weibe in einer elenden Schenke von Breslau wohnte, wo der erste Waffenplatz der ausgestandenen Völker war. Der junge Major war eine echte offene Soldatenfigur, Treue, Bravheit und Muth sprachen aus seinen Augen, und sein Name war durch seine Wunden, die er bei Kolberg erhielt, von Hellem Klange. Das war Adolf von Lützow. - Seine Gattin war eine geborene Dänin, eine Gräfin Ahlefeldt, aber ein echt deutsches Kind, begeistert für die Sache der Freiheit, der Schutzengel Lützow’s. Sie war damals 23 Jahre alt, schön, daß jedes Männerauge sich daran entflammte, geistvoll und vom glühendsten Vaterlandsgefühl beseelt. Sie sollte, eine schwärmerische Gattin Lützow’S, eine geliebte Braut jener wilden, verwegenen Jagd werden, die unter Lützow’s Führung sich mit unvergänglichem Ruhme zu den Thaten des Befreiungskrieges drängte.

Während Lützow’s Geschäfte ihn außerhalb des Hauses in Anspruch nahmen, übertrug er Elisen, seiner Gattin, die sich zum Kriegsdienst meldenden Freiwilligen anstatt seiner zu empfangen, und sofort anzuwerben. In einer elenden Bierstube, mit hölzernen Bänken, nahm die edle Frau jene stürmische Jugend auf, die sich zum Befreiungskampf herandrängte. In der ärmlichen Umgebung erschien den jungen Leuten die schöne, von hochherzigen Gefühlen beseelte Frau wie ein höheres Wesen, von dem sie bezaubert wurden, ja wie der Genius der Freiheit selbst, der ihnen ihre Bahn anwies, und ihnen Todesmuth und Opferfreudigkeit verlieh. Elisens ganzes Wesen war in jener, ach! so kräftigen Zeit wie von einem ungewöhnlichen Glänze verklärt; sie liebte ihren Gatten treu und warm, aber jene höchste Höhe feurigster Leidenschaft und glühender Begeisterung, die sie damals an den Tag legte, konnte ihre große Seele nie für einen einzelnen Menschen, sondern nur für ein mächtiges Weltgeschick, für Vaterland, für Freiheit und Poesie empfinden. Hier floß Alles in einem Brennpunkte zusammen, die Geschichte selbst schien einer wunderbaren Dichtung gleich, die Dichter griffen mit zum Schwerte, und der Donner der Schlachten vereinigte sich mit den enthusiastischen Vaterlandsgesängen feuriger, um die heiligste Manneszier streitender Männer. Auch Theodor Körner ließ sich von so schöner Hand anwerben, und wer kennt nicht seine glühenden Gesänge, diese Leyer der deutschen Jugend, die ihre Schwerter flammen machte?[1]

So, von Elisa’s Hand geworben, entstand endlich die berühmte Freischaar, diese wilde, verwegene Jagd von Lützow’s schwarzen Gesellen. Es ist wahr, daß Durst nach Rache, nach Freiheit und Thaten zuerst jene jungen Krieger zusammengeführt hatte, aber der Einfluß, den Elise auf die ganze Freischaar übte, war ein ungeheurer: sie war die Braut der schwarzen Gesellen, das Herz dieses Rächercorps, eine verehrte Königin dieser „Poesie des ganzen Heeres.“ Man versteht erst recht den Geist, welcher diese jungen feurigen Helden beseelte, die aus Künstlern, Aerzten, Geistlichen, Dichtern, Lehrern und Naturforschern, aus Vornehmen und Geringen seltsam gemischt waren, diese Verbrüderten, die zum großen Theil jenem deutschen Bund angehörten, der mit kühnen Plänen umging, diese Schwarzen, welche keine andere Farbe trugen, weil sie damit ausdrücken wollten, daß das deutsche Leben noch verfinstert sei, – diese ganze Gestaltung versteht man erst recht, wenn man daran denkt, daß eine reizend schöne, von den kühnsten Idealen beseelte Frau ihren Mittelpunkt bildete, und die Herzen entflammte. Darum waren die Schwarzen ebenso gesittet, als tapfer, ebenso gefühlvoll als hartnäckig im Kampf. Heute huschen alle jene Gestalten dieses schwarzen Gesellencorps wie düstere Rachegeister an unserer Phantasie vorüber; sie haben für uns etwas märchenhaft Gespenstisches, wie sie, den Todtenkopf am Czako, den Säbel in der Faust, die Rache um den Schimpf deutscher Schmach, die Hoffnung auf die Freiheit im Herzen, den alten Erbfeind aufzustöbern suchten. Rom und Griechenland und die kräftige Ritterzeit waren keine Märchen mehr; alles Größte strahlte wiedergeboren in hellem, frischem Lichte. Und wenn diese todesmuthigen Jünglinge die dumpfe Trommel horten, und das Signal zum Angriff vernahmen: – ein kurz Gebet, „Herr, Dir befehl’ ich meine Seele!“ – dann ein Blick auf die milde Schönheit der verehrten Corpsbraut, ein Wink von Lützow’s Säbel – und in den Pulverdampf hinein raste die verwegene Jagd; die Schwerter klirrten, und die jungen Feuermänner Lützow’s schlugen dem Vaterland zu Ehre, der schönen Geliebten zu Liebe. Sie begeisterte hundert Herzen, und wenn sie bluteten, vom Schuß der feindlichen Schaaren getroffen, dann quoll ein edler Tropfen Herzblut auch für die Braut der Freischaar. Und Elisa selbst saß dann unter dem Donner der Kanonen, unter dem Geknatter der Gewehre, und die Brust wollte ihr zerspringen, wenn sie die bange Nacht im einsamen Zimmer zubrachte, und die Binden zuschnitt, welche das Blut aus der Treuen Wunden hemmen sollte. Sie pflegte, wenn ihr Gemahl verwundet worden, diesen mit aufopferndster Treue – und das kam häufig vor. Lützow holte sich fast in jedem Gefecht eine Wunde für das Vaterland; er ward zerhackt und wieder geflickt, aufgetrennt und wieder zusammengeleimt. Wenn er ging, so wackelte er wegen seiner vielen Wunden, wie ein Invalide; stieg er zu Pferde, so bedurfte er ihretwegen einiger Hülfe – aber saß er einmal im Sattel, so war er das Muster eines Husarenofficiers, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Aber auch viele der andern Verwundeten pflegte die Braut des schwarzen Gesellencorps mit ihren eigenen Händen, und erschien bei den leidenden Kriegern wie ein hülfreicher Genius, voll zarter Sorgfalt, tröstend und wohlthuend. Wie sie die Lebenden zu begeistern vermochte, so verstand sie die Gefallenen zu betrauern.

So sehr strebten aber auch die wilden Jäger danach, Elisa ihre Hingebung zu bezeigen, daß viele Siegesbeuten, die gemacht wurden, ihr als Zeichen der Verehrung geschenkt wurden. Lützow selbst gab ihr solche Trophäen; noch im letzten Feldzuge 1815, als nach der Schlacht von Belle-Alliance der Lieutenant Leo Palm der Erste war, der in den eroberten Wagen des flüchtenden Kaisers hineinstieg, verschmähte er, von den vielen darin befindlichen Schätzen etwas für sich zu nehmen, aber zwei Gläser und ein paar Handschuhe Napoleon’s überbrachte er der Lützower Braut als Andenken. Sogar ein auf dem Schlachtfeld gefundener großer Hund von seltener Schönheit wurde ihr geschenkt, und ist viele Jahre lang ihr treuer Begleiter geblieben.

Und ein schöner Ehrenplatz war es auch, den Elisa von Lützow als Braut dieser tapferen Schaar inne hatte. War doch Freiheit, Patriotismus und Poesie das Gebiet, dem sie wie eine milde Fürstin vorstand! Regierte sie doch über Herzen, über Schwerter und Leyern von reinstem Gehalt! Da war der wunderliche Alte im Bart, der Turnerkönig Friedrich Ludwig Jahn, der „erste deutsche Freiwillige“, wie er genannt wurde, mit seiner Devise: „Frisch, frei, fromm, fröhlich!“ Da, war Theodor Körner, der glühende Sänger,

....... Krieger, oder Dichter, beides auch,
Ein Schwanensang war seiner Seele Hauch;
In Lorbeer kämpfte er, in der Begeist’rung Feuer,
Ein Hymnus deutscher Liebe klang von seiner Leyer!

Da war der mehr als siebenzigjährige Rittmeister von Fischer, die komische Figur unter ihnen, der die Schlauheit des Odysseus geerbt hatte und der mit einem alten Richtschwert umherzog, weil ihm keines für die deutsche Sache groß genug war; dann Peter [31] Beuth in feiner curiosen Rüstung, Lützow’s Brüder Leo und Wilhelm, sein Schwager Graf zu Dohna, die braven Petersdorff’s, Palm, Tümmel, Ennemoser, Friedrich Förster, Meckel, August v. Vietinghoff und endlich Friedrich Friesen, der edle, schöne, blonde Jüngling, mit den feinen, fast mädchenhaften Zügen, welcher von allen, die ihn kannten, heißgeliebt wurde, „an Leib und Seele ohne Fehl, voll Unschuld und Weisheit, beredt wie ein Seher, eine Siegfriedsgestalt von großen Gaben und Gnaden,“ wie ihn Jahn beschreibt, „ein lichter Schönheitsstrahl,“ wie Arndt ihm gesungen. Früh raffte ihn der Tod in den Ardennen dahin, und Elisa klagte lange um dieses edlen Lützower’s Verlust, der ihr mehr als alle Anderen lieb gewesen war. – O, dies war eine große Erscheinung in jener großen Zeit, und wir wollen hoffen, daß sich in Zeiten der Gefahr wieder freie Lützower finden und ein Weib, das sie zu edlen Thaten begeistert!


II.

Der Befreiungskampf war aus; ein Freiheitskampf war es nicht gewesen! Aus war es mit dem Klang der Schilde und der Schwerter, mit glühenden Liedern, mit Begeisterung und Hoffnung! Das Volk flickte seine Wunden zu und brütete; man dankte in schönen Erlassen und freute sich, daß die Throne wieder fest standen.

Die Gattin Lützow’s, die Braut der verwegenen Jagd, sehnte sich nach einem anderen Ideal, als nach dem begrabenen; eine glühende Liebe bildete sich bei Immermann für sie heran, und allmählich ward ihr das Verhältniß zu ihrem Gatten zu prosaisch. Lützow selbst, vielfach zurückgesetzt und verstimmt über den Undank des Staates, dem er gedient, sah in seinem Weibe nicht mehr die hochherzige, schwärmerische Geliebte von ehemals; eine Spannung beider trat ein, und die beiden Gatten ließen sich 1825 scheiden, ohne jedoch die freundschaftlichen Beziehungen zu einander abzubrechen. Lützow, im Grame um den Leichtsinn, mit dem er sich von Elisa hatte scheiden lassen, starb 1834.

Seine Gattin nahm nach der Scheidung ihren Familiennamen, Gräfin von Ahlefeldt, wieder an, und wurde die treue Freundin des deutschen Dichters Immermann, des Verfassers von „Münchhausen.“ Immermann, der durch der Geliebten Nähe einen reichen Dichterfrühling gefunden hatte, bot der Theuren wiederholt seine Hand an; aber sie konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschließen, und blieb dem Dichter eine liebende Freundin, eine treue, sorgende Gefährtin, eine reiche, anregende Muse. Sie war mehr phantastisch, als leidenschaftlich, und dachte es sich schön, einem begabten Dichter in seiner Art sein Dasein zu versüßen. So lebte sie mit Immermann zu Düsseldorf in einem reizenden genußvollen Stillleben. Aber diese ihres Zieles verfehlende Liebe, konnte Immermann auf die Dauer nicht genügen; er lernte ein anderes Mädchen kennen und verheirathete sich endlich mit demselben. Bitter getäuscht, schied nun die Gräfin Ahlefeld aus seinem Hause. Immermann selbst aber starb in der besten Kraft bald nach dem Verlassen seiner Muse.

Gräfin Ahlefeldt lebte nach einer italienischen Reise bis zum März 1855 in Berlin, und hielt dort einen jener literarischen Cirkel, die das Geistesleben geistreicher und edler repräsentirten, als die Mode gewordenen cominerzienräthlichen Soireen. Ueber Vieles enttäuscht und oft von ihrer Phantasie und ihren Idealen betrogen, starb dies seltene, hochherzige und geistvolle Weib am 20. März 1855, betrauert von Vielen als edles Gebild der Weiblichkeit und als die frühere schöne Braut des schwarzen Gesellen-Corps.

E. Schmidt-Weißenfels.


  1. Wir machen hierbei auf das von der Nichte Varnhagen von Ense’s, Ludmilla Assing, unlängst erschienene Werk: „Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolf von Lützow’s, die Freundin Karl Immermann’s,“ (Berlin, Franz Duncker), aufmerksam, dem der Stoff dieses Artikels entlehnt ist.
    Der Verfasser.