Ein zeitgemäßer Schritt zur deutschen Einheit

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Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Ein zeitgemäßer Schritt zur deutschen Einheit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 350–351
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Für die Vereinheitlichung der Zeitbestimmung in Deutschland
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Ein zeitgemäßer Schritt zur deutschen Einheit.


Jeder weiß und sagt es gelegentlich, und der Herausgeber der Gartenlaube hat es mit großen Lettern auf seinem Comptoir angeschlagen: Zeit ist Geld. Aber wir wissen diese Quelle des Reichthums, des wirklichen und geistigen Wohlstandes immer noch nicht recht zu benutzen und verwüsten durch allerhand unwirthschaftliche Sitten und Gebräuche und ohne unsere persönliche Schuld wegen mangelhafter Zeitmessung jährlich wohl viele Tausende von Thalern in der versteckten Form des Zufrüh- und Zuspätkommens. Daran sind wir nur insofern schuld, als wir den Werth der Pünktlichkeit noch nicht zu schätzen wissen, aber unschuldig, weil auch unsere besten Uhren nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch in derselben Stadt mehr oder weniger bedeutend von einander abweichen. Es handelt sich dabei oft nur um wenige Minuten, aber wenn man diese zusammenzählt und jedem Geschäftsmanne und jedem Eisenbahnreisenden eine Jahresrechnung daraus zusammenstellt, kommt schon ein ziemlich ansehnliches verlorenes Capital heraus.

Es ist höchste Zeit, uns gegen diese Verluste zu sichern. Das Hauptmittel dagegen ist jedenfalls eine richtige Zeitmessung, eine oder mehrere Normaluhren in jeder Stadt, auf jeder Eisenbahnstation, an allen wichtigen Geschäftsplätzen, so daß auch kleinere Ortschaften und Dörfer ihre Uhren danach stellen können. Was ist aber richtige Zeit? Was eine Normaluhr? Wir wollen diese Fragen so leicht und praktisch wie möglich beantworten und dabei auf die betreffenden vollkommensten Einrichtungen in England hinweisen.

Wir entlehnen bekanntlich unsere Zeiteintheilung aus den scheinbaren Ortsveränderungen der Sonne, welche dieselbe in Folge wirklicher Bewegungen unserer Erde am Himmel zeigt. Diese Bewegungen sind doppelter Art. Erstens dreht sich die Erde wie ein Kreisel um seine Achse, und zweitens bewegt sie sich in einer großen, nahezu kreisförmigen Bahn um die Sonne. In Folge der ersten Bewegung sehen wir die Sonne täglich im Osten auf- und, nachdem sie einen großen Bogen am Himmel beschrieben hat, im Westen wieder untergehen. Die Zeit, welche zwischen den beiden Zeitpunkten verfließt, wo die Sonne in jenem Bogen am höchsten steht, nennen wir einen Tag und theilen ihn in vierundzwanzig gleiche Theile, die wir Stunden nennen. In Folge der zweiten Bewegung unserer Erde scheint die Sonne ebenfalls am Himmel fortzurücken, aber viel langsamer und fast gerade nach der entgegengesetzten Richtung, als sie es bei der täglichen Bewegung thut. Die Zeit nun, welche verfließt, damit die Sonne in Folge dieser zweiten Bewegung wieder an dieselbe Stelle des Himmels gelangt, nennen wir ein Jahr. Während jedoch die tägliche Umdrehung der Erde um ihre Achse zu jeder Tageszeit stets genau mit gleicher Geschwindigkeit erfolgt, so ist dies bei der jährlichen Bewegung der Erde um die Sonne in den verschiedenen Jahreszeiten nicht der Fall. Die Folge davon ist, daß das kleine Stückchen Weges, welches die Sonne täglich in der nahezu entgegengesetzten Richtung ihrer täglichen Bewegung am Himmel zurücklegt, in verschiedenen Zeiten des Jahres verschieden groß ist. Aus diesem Grunde kann nun auch der Zeitraum zwischen zwei höchsten Stellungen der Sonne nicht zu allen Zeiten des Jahres derselbe sein.

Um den Einfluß dieses Unterschiedes aufzuheben, hat man im Gegensatz zu der oben erwähnten wahren Zeit eine sogenannte mittlere Zeit eingeführt, bei welcher die Dauer des Tages durch die Zwischenzeit zweier aufeinanderfolgender höchster Stellungen der Sonne unter der Annahme bestimmt wird, daß die scheinbare jährliche Bewegung der Sonne eine gleichförmige sei. Hierdurch wird also das oben erwähnte Stückchen Weg, um welches die Sonne täglich im entgegengesetzten Sinne ihrer täglichen Bewegung am Himmel fortrückt, als gleich und von mittlerer Größe des wirklichen vorausgesetzt, so daß eine nach mittlerer Zeit richtig gehende Taschen- oder Wanduhr zu verschiedenen Zeiten des Jahres einer Sonnenuhr entweder vor- oder nachgehen muß. So gehen z. B. im Februar alle mittleren Uhren den Sonnenuhren fast um eine Viertelstunde nach, im November über sechszehn Minuten vor. Deshalb enthalten auch in der Regel die Kalender eine Tabelle, welche die Größe dieses Unterschiedes für alle Tage des Jahres, als sogenannte Zeitgleichung, angiebt und dazu dient, die Uhren nach einer richtig aufgestellten Sonnenuhr stets auf mittlere Zeit zu stellen.

Die Sonne legt während eines Tages ihren scheinbaren Lauf am Himmel wie ein großer Sonnenuhrzeiger von Osten nach Westen zurück. Je weiter östlich also ein Ort liegt, desto eher geht sie für denselben auf, desto eher wird es Mittag und Abend etc. Es können folglich nicht alle Orte auf der Erde dieselbe Zeit haben, sondern nur diejenigen, für welche die Sonne in ihrem täglichen Bogen am Himmel genau um dieselbe Zeit des Mittags am höchsten steht. Denken wir uns alle Orte, für welche dies der Fall ist, durch Linien miteinander verbunden, so sind dies die sogenannten Meridiane oder Mittagslinien. Es sind große Kreise auf der Erdkugel und gehen durch beide Pole derselben, wie man dies auf einem jeden Globus verzeichnet findet. Alle Orte, welche in derselben Mittagslinie liegen, müssen demnach gleiche sogenannte Orts- oder locale Zeit haben.

Will man nun für ein größeres Land an allen Orten dieselbe Zeit einführen, so muß man sich zunächst darüber vereinigen, für welche Mittagslinie dieselbe gelten solle. So hat man in England für diesen Zweck die Mittagslinie gewählt, welche durch die berühmte Sternwarte in Greenwich geht; die Franzosen haben den Meridian von Paris gewählt; und die Deutschen?

Ja, das weiß ich nicht. Ich glaube wirklich, sie haben noch nicht einmal in Bezug auf ihre Zeitmessung einen Einheitspunkt gefunden, so daß man sich nicht wundern kann, warum sie in Münze, Maß und Gewicht noch in der größten Anarchie leben. Was unsere Zeitmesser betrifft, so kann man selbst durch den großen, geraden Längengrad der norddeutschen Hauptstadt, die Friedrichstraße von Berlin, hindurch gehen und an zehn bis zwanzig öffentlich ausgestellten Chronometern der Uhrmacher studiren, daß nicht zwei genau miteinander übereinstimmen. Von den Eisenbahnuhren heißt es nur im Allgemeinen, daß sie absichtlich etwas nachgehen, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, jedesmal mit Verwüstung von so und so viel Minuten für jeden Einzelnen noch zu rechter Zeit zu kommen. Diese Zeitverluste zusammengerechnet geben wohl für diese Stadt allein täglich ein paar Hundert verlorene Stunden. Wie viele im Jahre und in ganz Deutschland?

Es wäre interessant, diese Verluste von allen einzelnen Eisenbahnstationen in ganz Deutschland nach Stunden, Tagen und Jahren zusammenzurechnen und, da Zeit Geld ist, dieses Deficit in Thalern auszudrücken. Wir würden sicherlich davor erschrecken, selbst wenn man nur den niedrigsten Tageslohn zu Grunde legte.

Da wir in unseren Sternwarten und den vielen Tausenden von Meilen elektrischer Drähte bereits die Mittel haben, diese Verwüstung von kostbarer Zeit zu sparen und einheitliche, richtige Zeitmessung ein- und durchzuführen, so würden wir im Schrecken vor dieser Verschwendung, zu welcher jeder gebildete Mensch unwillkürlich mehr oder weniger große Summen beitragen muß, gewiß nicht länger anstehen, das in England am vollkommensten durchgeführte System einheitlicher, richtiger Chronometrie auf deutschen Boden zu verpflanzen. Dieses System besteht wesentlich in folgenden Einrichtungen. In der Sternwarte von Greenwich weiß man zu jeder Tages- und Nachtzeit stets mit der größten wissenschaftlichen Genauigkeit bis auf den kleinsten Theil einer Secunde, welche Zeit es nach der Sonne und den Sternen und wie groß der Unterschied zwischen der Sonnen- und der richtigen mittleren Zeit ist. Die Wunder von Instrumenten und Einrichtungen dafür würden, beschrieben, eines der interessantesten und dicksten Bücher füllen. Wir wollen hier nur so kurz wie möglich angeben, auf welche Weise die richtige Greenwich-Mittelzeit von hier aus regelmäßig und genau bis auf die Secunde nach allen Theilen des Landes angezeigt und verbreitet wird. Die populärste Zeittelegraphie besteht in einer großen Kugel, welche allemal punkt ein Uhr mehrere Fuß tief auf der Spitze des Sternwartenthurmes an einem eisernen Stabe herabfällt. Die Kugel ist an hellen Tagen Tausenden von Schiffen auf der Themse und in den Docks und Millionen von Menschen sichtbar. Aber Nebel und Entfernung machen diese Mahnung oft ziemlich unbrauchbar, so daß die Sache nur noch wie eine Spielerei gelten kann.

Die Pulse der Zeitschläge gehen von hier aus in regelmäßigen Zuckungen und in vielen Tausenden von elektrischen Adern durch das ganze Land. Die berühmte Uhr der Greenwich-Sternwarte, welche immer bis auf die Secunde genau die richtige chronometrische Mittelzeit [351] zeigt, telegraphirt zunächst jeden ersten Schlag der Stunde in die verschiedensten Theile Londons, ganz besonders in das Hauptbureau der elektrischen und internationalen Telegraphen-Compagnie, wo ein merkwürdiges Instrument, der sogenannte Chronophor, diese Meldung blitzschnell nach den verschiedensten Theilen des Landes zuckt. Dieses Instrument hat eine solche Zauberkraft, daß es alle aus dem Bureau auslaufenden Telegraphendrähte mitten in ihrer gewöhnlichen Arbeit augenblicklich unterbrechen und den von Greenwich erhaltenen Zeitschlag sofort nach allen Enden des Königreichs telegraphiren kann. Dies geschieht ohne alle menschliche Zuthat durch bloße mechanische Mittel. Die ausgedehnteste Vertheilung des Greenwicher Zeitsignals findet alle Tage um zehn Uhr Vormittags statt, wo viele Hunderte von Eisenbahnen etc. wie mit einem einzigen Blitz in derselben Secunde bis in die nördlichsten Einöden Schottlands die Nachricht erhalten, daß eben in Greenwich die berühmte Normaluhr den ersten von den zehn Schlägen der Stunde gethan hat. Die anderen Uhren werden dann sofort bis auf die Secunde gestellt und auch die Kirchenuhren in den betreffenden Städten und der Nachbarschaft, so wie Tausende von Taschenuhren erhalten danach einen verhältnismäßigen Schub.

Außerdem sorgen die Sternwarten von Liverpool, Edinburgh und Glasgow auf ihre eigene Weise, aber in genauer Uebereinstimmung mit Greenwich für Verbreitung und Einhaltung der richtigen Zeit in diesen Städten und den benachbarten Gegenden. Hier ist besonders die elektrische Controle der verschiedensten Uhren von den Sternwarten aus bemerkenswerth und jedenfalls von großer Wichtigkeit für Deutschland, wenn es sich ermannen und vereinigen sollte, seine Zeit richtiger zu messen und besser zu benutzen. Diese elektrisch-controlirten Uhren unterscheiden sich von gewöhnlichen Pendeluhren in ihrer Construction gar nicht und haben statt der üblichen Scheibe am Secundenpendel eine Rolle übersponnenen und isolirten Draht, in welchen mit jeder Secunde von einer Normaluhr der Sternwarte ein galvanischer Strom fließt. Während dieses Augenblickes, und nicht länger, wird der Draht jedesmal magnetisch. Ein neben dem Pendel angebrachter immerwährender Eisenmagnet wirkt dadurch auf die Schwingungen desselben so regulirend, daß der Pendel zu jeder Schwingung genau nur eine Secunde braucht. Durch diese lebendige Verbindung mit der betreffenden Normaluhr wird jede andere, wenn sie einmal gehörig eingerichtet ist, ebenfalls zu einer Normaluhr, auf die man sich jederzeit bis auf die Secunde verlassen kann. Dadurch ist besonders die große Rathhausuhr in Liverpool wegen ihrer seit Jahren untrügerischen Richtigkeit, ihres weithin leuchtenden Gesichts und ihrer fernhintönenden Glockenschläge berühmt geworden. In ähnlicher Weise werden viele Eisenbahn- und Kirchenuhren Liverpools, Edinburghs und Glasgows bis in die Segel- und Dampfschiffsregionen am Meere und auf dem stets belebten Clyde-Flusse regulirt, und in Edinburgh besteht außerdem eine geniale Einrichtung, nach welcher in dem Augenblicke, wo der große Ball auf der Greenwich-Sternwarte fällt, allemal eine Kanone von selbst losgeht. Dicht neben der Kanone befindet sich eine elektrisch controlirte Uhr, welche dieselbe immer auf die Secunde richtig abfeuert, indem sie ein Gewicht auf den Zünder fallen läßt. Diese Uhr wird auf die angegebene Weise elektromagnetisch von der astronomischen Normaluhr der Sternwarte aus controlirt. Ebensolche Uhrenkanonen gehen allemal punkt ein Uhr in Newcastle und Shields los und werden aus hundertmeiliger Entfernung von der Sternwarte zu Greenwich aus allemal in der richtigen Secunde vermittels des galvanischen Stromes und eines sogenannten chemischen Zünders mit der größten Sicherheit und Pünktlichkeit abgefeuert. Der Donner derselben pflanzt sich in weite Ferne fort und mahnt jedesmal Millionen von Menschen an die Richtigkeit und Wichtigkeit der Zeit.

Man nimmt es dabei mit dieser donnernden Mahnung so genau, daß man den Leuten, welche sie in der Ferne hören, den Rath giebt, für jede englische Meile Entfernung vier und eine halbe Secunde (so viel Zeit braucht der Schall für jede Meile) an ihrer Uhr hinzuzurechnen. Dadurch haben sich die Leute bereits gewöhnt, es mit der Zeit und der Benutzung derselben überhaupt genau zu nehmen. Dies ist ein wirthschaftlicher und zugleich sittlicher Vortheil, von welchem in Deutschland nur erst sehr wenige Menschen eine richtige Vorstellung haben. Man kennt und liebt diese täglich pünktlich wiederkehrenden lauten Mahnungen der friedlichen und belebenden Kanonen, deren viele Tausende von Collegen vielleicht einmal in späteren Jahrhunderten ähnliche bürgerliche und nützliche Anstellungen finden werden. Nur manchmal findet sich in diesen englischen Städten ein Fremder oder Matrose ein, der nicht weiß, was dieser täglich wiederkehrende Kanonenschuß bedeutet. So ging einmal die Zeitkanone von Newcastle los, als just ein Matrose über die Brücke unterhalb derselben schritt. Er erschrak furchtbar vor dem Donner derselben dicht über ihm. „Was war das?“ fragte er ganz erstaunt. „Es schlug eben ein Uhr,“ war die Antwort. „Ein Uhr?“ rief der Matrose. „Gott sei Dank, daß ich nicht um zwölf Uhr gekommen bin!“

Die vollkommenste und riesigste Zeitkanone und Normaluhr donnert ihre Stundenschläge, auch die Viertel und Hälften, mit unübertroffener Pünktlichkeit von dem Victoriathurme des Parlamentsgebäudes herunter. Sie gilt nicht nur für das riesigste, sondern auch das vollkommenste Uhrmacherkunstwerk und verläßt sich für ihre secundengenaue Pünktlichkeit weder auf astronomische, noch elektrische Controle, sondern auf ihr eigenes Räder- und Federwerk. In telegraphischer Verbindung mit der Sternwarte zu Greenwich steht sie nur deshalb, um diesem Hauptbureau der Normal-Zeitmessung von selbst die Regelmäßigkeit ihres Ganges anzuzeigen. Von da aus wird sie genau beobachtet und ihr nie erlaubt, mehr als zwei Secunden von der wahren Mittelzeit abzuweichen. Ueber die Grenzen dieser Erlaubniß ist sie nach einem officiellen Berichte der königlichen Sternwarte noch nie hinausgegangen und während einer Woche niemals nur um eine Secunde zurückgeblieben oder vorgegangen. Wenn wir bedenken, was eine Secunde ist und daß dieses Riesenwerk sich wochenlang bis auf diesen Zeittheil richtig fortbewegt, so haben wir wohl Grund, sie als das größte Meisterstück horologischer Kunst anzuerkennen. Das Uhrwerk steckt in einem Rahmen fünfzehn und einen halben Fuß lang und vier Fuß sieben Zoll breit; der Pendel, der immer grade zwei Secunden zu einer Schwingung braucht, wiegt siebenhundert Pfund, und die vier, nach entgegengesetzten Himmelsrichtungen, auch des Nachts weithin leuchtenden Gesichter oder Zifferblätter haben jedes einen Durchmesser von zweiundzwanzig und einem halben Fuß. Ein starker Mann hat im Schweiße seines Angesichts jedesmal eine volle Tagesarbeit, die Uhr aufzuziehen. Die Bevölkerung Londons hat in diesem Riesenwerke Tag und Nacht fortwährend für Augen und Ohren die zuverlässigsten, weithin leuchtenden oder donnernden Normal-Chronometer. Die große Glocke (Big Bell) donnert die Stundenschläge mit einer so furchtbaren Gewalt in alle Richtungen der Windrose, daß der ungeheure massive Thurm in allen Fugen zittert und selbst die benachbarten Häuser unten oft Gläser und Teller klirren hören.

Da es nun auch in allen Theilen Londons, auf Hunderten von über- und unterirdischen Eisenbahnstationen, in der Bank und Börse, in kaufmännischen Bureaux, an den Schaufenstern von Uhrmachern und durch ganz England hindurch bis nach den äußersten Spitzen eine sehr große Menge solcher einheitlichen Normaluhren giebt, welche von der Sternwarte zu Greenwich aus durch die angedeuteten Mittel in pünktlichster Harmonie erhalten werden, so ist man überall im Lande in Bezug auf Geschäft und die ununterbrochen hin und hereilenden Dampfzüge zu Wasser und zu Lande, auf und unter der Erde der Zeit und ihrer Benutzung bis auf die Secunde sicher und erzielt dadurch Ersparnisse, die sich nach vielen Tausenden von Pfunden berechnen lassen und welche uns wegen der Willkür und Anarchie unserer Uhren und der dadurch gepflegten oder oft unvermeidlich gewordenen Unpünktlichkeit auf eine barbarische Weise verloren gehen.

Dies sollte uns eine ernste Mahnung sein, es auch in Deutschland mit der Zeit genau zu nehmen und von den Sternwarten aus Einrichtungen zu treffen, durch welche auf allen unseren Eisenbahnhöfen, in Bureaux, Fabriken etc. eine einheitliche Zeitmessung gesichert würde. Diese zeitgemessene Einheit ist eine wirthschaftliche Nothwendigkeit und zugleich eine gute Vorbereitung zu der schon längst erstrebten Einheit in Münze, Maß und Gewicht, welcher die politische, mercantile und sociale Harmonie des deutschen Volkes hoffentlich bald folgen wird, zumal wenn es sich jeder anständige und gebildete Mann in seiner eigenen Sphäre ernstlich angelegen sein läßt, locale, persönliche, kleinstädtische und kleinstaatliche Besonderheiten aufzugeben und sein Herz und seinen Gesichtskreis für die großen, gemeinsamen Ideen und Bestrebungen des kosmopolitischen deutschen Volkes zu erweitern und zu erwärmen.
H. B.