Eine Episode der nordamerikanischen Krisis

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Episode der nordamerikanischen Krisis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 204–206
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Räumung des Fort Moultrie bei Charleston
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[204]
Die Gartenlaube (1861) b 204.jpg

Uebersiedelung der Besatzung des Forts Moultrie nach Fort Sumpter.

[205]
Eine Episode der nordamerikanischen Krisis.


Die öfteren Streitigkeiten mit England haben ein System nordamerikanischer Küstenbefestigungen ins Leben treten lassen. Die Handelshäfen, diese verwundbarsten Stellen, sind geschützt und an geeigneten Punkten Zufluchtsstätten geschaffen worden, in denen die Kauffahrer vor friedlichen Kreuzern völlig sicher sind. Allein auf die Sclavenstaaten des Südens kommen zwanzig Küstenfestungen, die von Baltimore bis zur Barentaria-Bucht in Louisiana reichen. Vollständig bewaffnet würden sie dreitausend Geschütze führen und mit 16,300 Mann besetzt werden müssen. Der wichtige südcarolinische Hafen Charleston hat zu seinem Schutze drei Festungswerke, die Forts Sumpter, Moultrie und Pinkney. Alle diese Festungen der Sclavenstaaten hatte der Kriegsminister Floyd, obgleich die Bewegungen und Pläne des Südens gerade ihm, dem Vertrauten der Sclavenhalter, aufs Allergenaueste bekannt sein mußten, in einer Weise vernachlässigt, die auf einen absichtlichen Verrath schließen läßt. Diese Werke, die im Frieden nie unter 3000 Mann Besatzung haben sollen, enthielten nicht ganz 1000 Soldaten, und diese waren so vertheilt, daß auf die Staaten, welche offen mit Abfall von der Union drohten, nur 320 Mann kamen.

Die Forts der Hafenbucht von Charleston waren in der Zeit der Bewegung, die in Nummer 10 geschildert ist, der Obhut des Majors Robert Anderson übergeben. Dieser Officier gehört zu den Kentucky-Männern, deren Muth und Entschlossenheit in der Union sprüchwörtlich ist. Von ausgezeichneter wissenschaftlicher Bildung, hatte er in den Kriegen gegen die unter dem Schwarzen Falken vereinigten Stämme der Winnebagoes, Fuchs- und Sack-Indianer, gegen die Seminolen und Creeks in Florida und gegen die Mexikaner seine kriegerischen Proben abgelegt. Die Kräfte, über die er zur Vertheidigung der drei Hafenforts verfügen konnte, beschränkten sich auf 9 Officiere, 55 Artilleristen und 15 Hornisten. Mit dieser Handvoll Menschen hielt er, einem ausdrücklichen Befehl des Kriegsministers gehorchend, Fort Moultrie besetzt. Im Fort Sumpter befanden sich blos die Arbeiter, welche die letzte Hand an die Werke legen sollten, und die Besatzung von Fort Pinkney bildeten die beiden Wächter des dortigen Leuchtthurms.

Von dem Augenblicke an, also Anfang December vorigen Jahres, wo die südlichen Feueresser eine Unabhängigkeitserklärung erließen und die Uebergabe aller Festungswerke ihrer Gebiete forderten, schrieb Anderson nach Washington um Verstärkungen. Auf alle seine Depeschen erhielt er immer nur die eine Antwort: „Bleiben Sie in Fort Moultrie und beobachten Sie eine rein vertheidigende Haltung.“ Das Fort, in dem er [206] bleiben sollte, ist zwar ziemlich stark befestigt, aber einem Angriff vom Lande leicht ausgesetzt. Tag für Tag und Nacht für Nacht hörte man den Lärm der Demonstrationen und Feste der Südcaroliner. Palmettoflaggen, die Symbole des Abfalls, wehten über Charleston, wo dreitausend Milizen versammelt waren, um ununterbrochen Waffenübungen zu machen, zu trommeln, zu trompeten und zu schießen. Diese von Wuth und Wein berauschten Menschen konnten in jedem Augenblick einen Angriff machen, und dann war Fort Moultrie nicht zu halten. Anderson wußte, daß der zehn Fuß breite und eben so tiefe Graben, den er gegen die Angriffsseite hin ziehen ließ, daß die neuen Bastionen, durch die er die Lücken der Werke schloß, und die eisernen Spitzen, mit denen er den Kamm der Mauer versah, gegen einen Feind, der nur über zwei Batterien und eine Anzahl Scharfschützen verfüge, keine Schutzmittel sein würden. Seine Soldaten wußten es mit ihm und waren wie er entschlossen, bis auf den letzten Mann zu fallen, ehe sie ein ihnen anvertrautes Pfand in fremde Hände übergehen ließen.

Von Charleston aus wurde Fort Moultrie sorgsam überwacht. So oft Abends die Dunkelheit anbrach, legte ein Dampfschiff in der Nähe des Forts an, um jede Bewegung sofort melden zu können. Die Gewißheit, daß jeder Schritt der Besatzung auf der Stelle wahrgenommen werden würde und sich erforderlichen Falls verhindern lasse, scheint die Südcaroliner allein abgehalten zu haben, von dem unbesetzten Fort Sumpter Besitz zu nehmen. Wie leicht konnte ihnen aber dieser Gedanke kommen, und dann war die Einfahrt des Hafens, da sie von den Geschützen jenes Forts vollständig beherrscht wird, den Schiffen der Unionsregierung verschlossen und somit auch der Besitz des Hafens von Charleston von den Vereinigten Staaten an den Sonderbund übergegangen. Fort Moultrie, dessen Geschütze durch jene des Forts Sumpter leicht zum Schweigen gebracht werden können, würde dadurch nutzlos geworden sein.

Anderson erwog, ob die Pflicht des soldatischen Gehorsams oder die Pflicht, im Interesse des Vaterlandes eine vielleicht rettende That zu vollführen, die höhere sei. Verließ er Fort Moultrie, so wurde er gegen die gemessenen Befehle des Kriegsministers ungehorsam, erhielt aber der Union einen wichtigen Hafen. Daß er, wenn er so handelte, seinen Kopf aufs Spiel setzte, kam bei dem wackern Manne nicht in Betracht. Sein ernster Entschluß war gefaßt und nur die schwierige Ausführung beschäftigte ihn. Das Glück, der Beschützer des Muthigen, kam ihm zu Hülfe. Am 26. December traf in Fort Moultrie eine Einladung der rebellischen Behörden von Charleston an Major Anderson ein, an einem Weihnachtsfeste des Abends Theil zu nehmen. Anderson stellte sich ein und war unter den Gästen der heiterste. Er schien nicht zu bemerken, daß der Wein, der in Strömen floß, ein feuriger Südwein sei. Noch früh am Abend kam der Augenblick, wo seine aufmerksamen Wirthe es für nöthig hielten, ihn unter sicherm Geleit in das Fort zu schaffen. Das Boot, in dem der scheinbar bewußtlose Mann lag, kam dicht an dem wachehaltenden Dampfer vorbei. Wozu sollte die Mannschaft desselben ein Fort bewachen, dessen Befehlshaber im Zustande der höchsten Trunkenheit war? Zu nutzlosen Aufopferungen sind die Patrioten des Südens weder geneigt noch verpflichtet. Der Dampfer verließ also seinen Posten und legte in der Nähe einer Schenke an, wo die Besatzung bis in die Nacht hinein zechte.

In Fort Moultrie waren die Befehle vollzogen worden, die Anderson einem Officier hinterlassen hatte. Die Mannschaft hatte sich schweigend und geräuschlos im Innern aufgestellt. In Mitte dieser Getreuen ließ der Major die Maske der Betrunkenheit fallen, durch die er die Südcaroliner getäuscht hatte. Er unterrichtete sie in wenigen Worten, daß er diese Nacht zum Abzuge nach Fort Sumpter bestimmt habe, und daß in Fort Moultrie, ehe man es verlasse, die Geschütze vernagelt und die Kriegsvorräthe vernichtet werden müßten. In der nächsten Minute gingen die Soldaten an die Arbeit. In Gruppen vertheilten sie sich mit Bolzen und Hämmern an die schweren Geschütze, öffneten die Magazine und warfen die Munition ins Wasser. Vor allen Dingen wurde das Sternenbanner von seinem Flaggenstock geholt und der Stock selbst umgehauen, damit er durch die Palmettoflagge des Südens nicht beschimpft werden könne. Als Alles beendet war, bestieg die Besatzung zwei bereitstehende Boote. Die Bucht war leer, die Matrosen des wachehaltenden Dampfers hatten sich in ihr Gelage so vertieft, daß sie die Ruderschläge nicht hörten. Noch einmal konnten die Boote ihre Fahrt machen, um alles Gepäck nachzuholen, ohne daß Jemand ihrer gewahr wurde. Und doch war man nur zwei Tage vor dem Vollmond, und von Charleston hallte der laute Lärm zechender und jubelnder Nachtschwärmer herüber. Vielleicht galten die Jubelrufe, die in der Stille der Nacht weit hörbar waren, der Ueberwältigung desselben Forts, das eben eine Besatzung erhielt und so uneinnehmbar gemacht wurde.

Gegen Morgen kehrte das Wachtschiff auf seinen Posten zurück und gewahrte, daß Fort Moultrie geräumt sei. Es ließ Signalraketen steigen, denen die Lärmkanonen von Charleston antworteten. Es war zu spät. Alles Lärmen und Toben half nichts mehr, und die ohnmächtige Wuth konnte sich nur dadurch äußern, daß das leere Fort Moultrie schleunigst für den souverainen Staat Südcarolina in Besitz genommen wurde.

Der Congreß hat Anderson’s Handlung als heroische That anerkannt, in allen freien Staaten ist sie mit Kanonensalven gefeiert worden. Es liegt darin zugleich eine Anerkennung des Mannes und der Wichtigkeit seines kühnen Entschlusses für die Union. Mag Fort Sumpter blos zur Geltendmachung des Zollerhebungsrechts der Union benutzt werden, oder mag es dazu bestimmt sein, der Ausgangspunkt feindlicher Unternehmungen zu werden: so wie so wird diese Zwingburg, unter deren Kanonen Charleston liegt, in den Lauf der Begebenheiten stark eingreifen. Bis jetzt hofft der Norden noch, daß Fort Sumpter als Dämpfer der südcarolinischen Kriegslust wirken werde.