Eine Erinnerung an die Herzogin von Orleans

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Titel: Eine Erinnerung an die Herzogin von Orleans
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 557-558
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Erinnerung an die Herzogin von Orleans.[1]

Das Glarner-Land ist nicht so berühmt, wie das lustige Appenzell oder das vielbesuchte Berner-Oberland, und doch ist es ein wunderschönes Land. Es besitzt einzelne Partien, wie man sie auf der ganzen Welt nirgends findet, einzelne Naturschönheiten, die ganz unvergleichlich sind. So ist z. B. unfern Glarus, zwischen Enneda und Ennetbühl, die Aussicht auf den Glärnisch, namentlich an einem schönen, stillen Abende, ein Genuß, den man nicht beschreiben kann. Der Berg steht da wie eine gewaltige Pyramide. So frank und frei hebt sich kein Berg von der Ebene ab. Er steht auf einem Fußgestelle, aber ringsum ist er frei. Der Mondschein fließt über die Pyramide herunter; sie wird immer heller, ragt immer ferner, immer lichter, immer geisterhafter in den Himmel hinein. Links glänzen in der Ferne weiße Schneegipfel, der Hausstock, der Selbsanft, der Tödi; sie sind vom Mond beleuchtet; rechts im Schatten des Glärnisch sind die dunkeln schwarzen Felsen des Wiggis. Siehe dieses an und dann sage: ob das nicht ein schönes Stück Schweizererde sei! Wieder ganz eigenthümliche Reize bietet das Klönthal dar, bewacht von den sieben hohen Glärnischen, die wie stolze Grenadiere in Reihe und Glied dicht hintereinander stehen neben dem schwärzlichen Klönthalersee. Hier wohnt eine Stille, eine Erhabenheit, eine Größe, die ganz wundersam zu dem menschlichen Gemüthe spricht. Prächtig ist auch das Linththal mit dem gleichnamigen Dorfe, das zwei Kirchen zieren, eine protestantische und eine katholische, eine weiße mit einem grauen Helme auf dem Thurme und eine graue mit braunrothem feinen Helme. Wenn am Sonntag in beiden Kirchen alle sechs Glocken läuten, so klingt das den „Kirchenstock“ hinauf, über die Wälder hinauf: Schöneres findest Du im ganzen Glarner-Lande nicht! Aber das Schönste ist, daß hier die protestantischen und katholischen Einwohner in der friedlichsten Harmonie beisammenwohnen. – Da es den Stöcken und Bergen des Glarner-Landes nicht an Schnee und Gletschern fehlt, so fehlt es auch nicht an Seen, Bächen und – für den Fremden die Hauptsache – an Wasserfällen. Diese letztern sind noch nicht illustrirt und colorirt in den Reisehandbüchern zu finden; auch hat man noch an keinem derselben ein industriöses Gasthaus gebaut und Vorrichtungen für ihre Beleuchtung getroffen, wie beim Staubbach im Berner Oberland: nein, die Wasserfälle des Glarner-Landes sind da und dort versteckt, verschmähen die Kunst und machen ihre Sprünge oft nach den seltsamsten Launen der jeweiligen Naturbeschaffenheit. Um so angenehmer wird aber der Fremde von diesen Wildfängen überrascht.

In diesem schönen Fleck Erde, im Dorfe Linththal, an einem Rande dieses schönen Winkels, am Fuße der Braunwaldberge, etwas erhöht, daß man Alles gut erblicken kann, liegt das Stachelbergerbad. Auf dem Balkone desselben hat man eine prachtvolle Aussicht in stille, ländliche, in große, gewaltige Natur. Hierher, und sehr wahrscheinlich nicht blos wegen der Quelle, sondern um in dieser schönen Natur ihr Herz zu erleichtern und zu stärken, kam im Spätsommer 1856 die Herzogin von Orleans mit ihren beiden Söhnen, dem Grafen von Paris und dem Herzog von Chartres.

Wir wollen nicht davon reden, wie sich die Herzogin im Bade einrichtete, Bergtouren machte und kleinere Spaziergänge, wie sie zeichnete, wenn ihr etwas über die Maßen gefiel u.s.w., sondern nur davon, wie sie mit der Armenpflege in Linththal in Conflict gerieth.

Damals nämlich ging man auch in Linththal damit um, den Gassenbettel abzuschaffen. Da war es denn natürlich, daß man sich auch an die Stachelberger Badegäste wandte. Es schien, diese könnten dem Bettel am besten abhelfen, wenn sie den Bettlern auf den Straßen nichts mehr gäben, und sie dürften das, weil sie ja alle Sonntage so schöne Gaben für die Armen zusammenlegten. Man setzte eine Schrift auf, worin das Alles ausführlich und gründlich behandelt wurde. Der Wirth im Stachelbergerbade war so freundlich und brachte diese Schrift auf einen Kartendeckel und hängte sie dann im Speisesaale auf, fast zuoberst bei der Tafel. Die Herzogin von Orleans nahm aber von diesem Täfelchen keine Notiz.

Schon voraus ging der Herzogin der Ruf, sie sei eine gar gute Frau mit den Armen. Wenn so ein Ruf in eine Gemeinde kommt, vernehmen es alle Leute und die Armen auch; die letzteren dachten an gar nichts Anderes mehr, als daß die Herzogin eine gute Frau sei. Als sie im Stachelbergerbade anlangte, gab sie den Befehl, daß man ihr keine Armen abweise! Die Armen im Linththal ließen sich das nicht zwei Mal sagen; sie sprachen bei der Herzogin tüchtig zu. So theilte sie denn innerhalb und außerhalb des Bades manchen schönen Fünffrankenthaler aus. Etwa einmal begegnete es ihr freilich auch, daß die Gabe nicht gerade an den Nothdürftigsten kam. Aber von der Liebe heißt es: unweises Lieben sei ein Zeichen echter Liebe. So möchte es auch beim Geben sein. Es ist wahr, wo man Alles abzirkelt und ausrechnet und sich über alle Verhältnisse rapportiren läßt, da ist man vor Mißgriffen viel sicherer; aber die Poesie des Gebens und viel von der Liebe geht verloren. Der Graf von Paris gab in die Spinnerei von Linththal auch hundert Franken zum Austheilen. Da waren nützliche Menschen, die meinten, das sei nicht ganz klug gewesen von dem Grafen von Paris; er hätte sie in die Krankencasse der Fabrik geben sollen! Als ob ein Graf von Paris nicht auch einmal hundert Fränklein zum Vertrinken geben könnte! – Die Herzogin von Orleans gab aber den Armen nicht nur so zum Fenster hinaus, wie man etwa zur Belustigung Geld unter Knaben wirft. Nein, zur Belustigung that diese Frau nichts. Die arme Frau, von der weiter unten die Rede sein wird, sagte dem Schreiber dieser Zeilen: die Herzogin sei stets sehr ernst gewesen; da habe man nie ein Lächeln gesehen. Sie ging auch selber zu den Armen. Es kommen viele Frauen in das Stachelbergerbad und sind keine Herzoginnen, aber was die Herzogin von Orleans that, thaten sie nicht.

Die Herzogin von Orleans ging einst durch das Ennetlinth und gewahrte da auf einer Bank vor dem Hause sitzend oder vielmehr zusammenkauernd ein armes, altes Mütterchen, das schon seit fünf Jahren von der Gliedersucht geplagt ist und weder stehen noch gehen kann, sondern überall getragen werden muß. Sie trat zu ihr, fragte sie nach ihren Umständen und sah diese zusammengezogenen Hände und die mageren Arme an. Sie fragte, ob sie Niemand habe zur Hülfe und Unterstützung. Da sagten ihre Nachbarsleute, die hinzukamen, sie habe noch einen alten, [558] aber ebenfalls kranken Mann und eine noch unverheirathete Tochter; aber das sei eine gute Tochter; sie habe nicht heirathen wollen blos ihrer alten, kranken Eltern wegen. Das kam der Herzogin etwas schwer zu glauben vor. Es heirathen oft Mädchen aus andern Gründen nicht und sagen dann, sie thäten es der alten Eltern wegen.

Die Herzogin wollte hierzu Gewißheit haben: entweder sollte man ihr so etwas nicht sagen, oder dann wollte sie eine so brave Tochter auch sehen. Sie wünschte, daß man sie rufen möchte. Die Tockter, die schon vor gewöhnlichen Herrenleuten schüchtern ist, erschrak nicht wenig, als sie vor der Herzogin erscheinen sollte und zwar gerade so, wie sie im Augenblicke gekleidet war. Die Herzogin fragte sie, ob sie denn auch gut hätte heirathen können. O ja, sagto das Mädchen, es hätte Einen bekommen, bei dem es Milch und Anken (Butter) genug gehabt hätte. Und Milch, und Anken genug erheirathen, gilt in Linththal und auch wohl noch anderswo für gut heirathen. Jetzt hatte die Herzogin genug. Sie lobte die gute Tochter, und gab ihr für das arme Mütterchen sechs Franken Geld. Mehr hatte sie wahrscheinlich nicht bei sich; sie war auf dem Rückwege begriffen, und den allerletzten Fünffränkler hatte sie vor dem gleichen Hause einer andern armen, wassersüchtigen Frau gegeben, die dann bald darauf starb. Es war der letzte ganze Thaler, den sie in diesem Leben noch erhalten hatte. Dann sagte die Herzogin zu der Tochter, sie solle mit ihr in’s Bad kommen. Und da erhielt sie denn eine größere Gabe.

Nach ein paar Tagen kam die Herzogin mit ihrer Gesellschaft wieder vorbei. Weil es ein schöner Tag war, saß das kranke Mütterchen auch wieder da. Diesmal wollte die Herzogin aber auch den alten kranken Mann sehen. Der war aber oben auf der Kammer im Bett. Das ganze Haus war klein, und machte schon im Voraus einen verdächtigen Eindruck, ob man da auch gut in die oberen Stockwerke hineingelangen könne. Sie fragte, wie man da hinaufkomme. Der verheirathete Sohn, der Hauseigenthümer und zugegen war, sagte, da könne man nicht anders hinauf als aus der Stube hinter dem Ofen; eine Treppe von außen führe nicht hinauf. Und so ist es in der That in diesen Glarner Häusern, daß man von der Stube aus hinterm Ofen in die Stubenkammer hinaufgelangt, besonders im Winter eine vortreffliche Einrichtung. Aber in Herrenhäusern und in rechten Krügershäusern ist außer dem „Ofenschmuck“, wie man das Ding heißt, außen im Treppenhause auch noch ein Zugang; auch ist die Treppe in der Stube zwischen Wand und Ofen breit genug, daß man sie bequem passiren kann, und dem Ofen führt wieder ein kleines Treppchen weiter. Das war aber in Maurer Andresen’s Haus in Ennetlinth alles nicht der Fall. Für’s Erste konnte man da von außen auf diese Kammer gar nicht gelangen. Zweitens war der Ofen sehr groß, ging nahe an die Wand und ließ nur ein schmales Gängchen offen. Drittens führte vom Ofen gar keine Treppe mehr weiter. Das letztere ist fast eine allgemeine Eigenschaft der Linththaler „Ofenschmücke.“ Da hat man also nichts vor sich, als über dem Ofen eine viereckige Oeffnung in dem Kammerboden; mit dem Leibe ragt man in die Kammer hinein und die Beine sind noch in der Stube auf dem Ofen. Da heißt es, mit den Armen sich auf den Kammerboden aufstämmen und einen wackeren „Hupf“ thun. Manchmal ist an der Wand noch eine Leiste Holz angenagelt; da kann man unterwegs den linken Fuß aufsetzen. Der Graf von Paris sprach zu seiner Mutter in der Stube:

„Mama, da kommen Sie nicht hinauf!“

Die Herzogin von Orleans, die gerade mit diesem Sohne, dem Grafen von Paris, schon nach andern Orten, wo’s viel böser war, den Weg gefunden hatte, ließ sich so leicht nicht abschrecken. Sie faßte ihr weites schwarzes Kleid etwas zusammen, und rasch war sie oben beim alten Maurer Andres. Der Graf von Paris folgte ihr nach. Hier setzte sie sich neben dem armen Mann auf ein anderes Bett. Stühle haben oben auf solchen kleinen Kämmerchen, besonders wenn mehrere Betten darin sind, keinen Platz. Sie unterhielt sich mit dem armen Manne über eine Viertelstunde lang. Der alte Schweizermann verstand die hochdeutsche Sprache der ehemaligen deutschen Prinzessin nicht gut, und war überdies von dem Ereignisse, daß ihn eine solche Frau besuchte, so ergriffen, daß ihm nur Thränen über die Backen herunter rollten. Er konnte nicht viel reden, aber einen Eindruck hat er bekommen, den er nicht mehr vergaß. – Als die armen Leute unlängst in Linththal hörten, die Herzogin von Orleans sei ohne Todeskampf gestorben, glaubten sie es Alle gern, und Viele sagten, das hätte sie um die Armen verdient!

Der Graf von Paris wollte nun auch wissen, wie sie das arme gliedersüchtige Mütterchen da auf die Kammer hinaufbrächten. Da erzählte ihm denn der Sohn: Eines setze sich auf den Ofen und ein Anderes auf der Kammer greife ihr mit den Händen unter die Arme, und so ziehen sie sie hinauf. Da meinte der Graf von Paris, das sei nicht gut, und er wollte schon dafür sorgen, daß es anders werde. Das Wort hat das arme Mütterchen nie wieder vergessen. Sie erzählte Jedem, was der Graf von Paris von ihrem Schicksal gesagt habe, und jedesmal kommen ihr sann die Thränen der Rührung in die Augen.

Als die hohe Frau wieder aus dem Hause getreten war, ging sie mit ihrer Gesellschaft, die unterdessen gewartet hatte, ein wenig auf die Seite. Dort nahm sie ihren Hut ab, und ohne ein Wort zu sagen, nur mit dem bittenden Blick im Auge, ging die edle Dame betteln von Einem zum Andern, und Alle gaben in schönen blitzenden Goldstücken so viel, daß der armen Frau geholfen war auf lange – lange Zeit. Was diese sagte, unter Thränen und Schluchzen, als die Herzogin ihr die Goldstücke in den Schooß schüttete, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß sie wünschte, die Tochter möge ihr das Gold in Silber auswechseln; Silber sei schwerer und mache einen größeren Haufen; und dann sollte sie ihr das Geld in die Hand geben; einen Augenblick möchte sie es doch auch haben; sie habe in ihrem Leben nie so viel Gelb bei einander gehabt. Was sie nun empfand, als ihr die Tochter die Hand öffnete und die armen, gekrümmten Finger einen nach dem andern von einander that, und die dreißig Fünffrankenthaler hineinlegte, das wolle jetzt der liebe Leser selber überdenken.

Die Familie der Orleans hat viel verloren, aber nichts hat sie mehr zu beklagen, als den Verlust dieser hochedlen Frau und echt deutschen Mutter.



  1. Durch das Testament der Herzogin von Orleans, welches jetzt durch alle Zeitungen läuft, werden wir wieder an die Vortrefflichkeit dieser hohen Dame erinnert, die ihr Unglück mit so vieler Würde und sittlichem Ernste trug. Wie diese Frau, deren ganzes Leben nur aus einer Kette edler Handlungen bestand, zu geben und zu helfen verstand, davon gibt auch obige Erinnerung wieder ein schönes Zeugniß.
    D. Redact.