Die Brüder Grimm

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Autor: Max Ring
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Titel: Die Brüder Grimm
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 558–563
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[558]
Die Brüder Grimm.


Auf dem Wege nach der Universität oder in den öffentlichen Sitzungen der königlichen Akademie in Berlin, wo die Notabilitäten der Wissenschaft sich von Zeit zu Zeit zu versammeln pflegen, sieht man meist zwei hohe Gestalten nicht getrennt, sondern miteinander erscheinen, als wären sie durch ein geheimnißvolles Band vereinigt. In ihrem schlanken und doch festen Wuchs, in der würdigen Haltung Beider, wie in ihre ausgeprägten Zügen, gibt sich schon äußerlich eine entschiedene, verwandtschaftliche Aehnlichkeit zu erkennen. Dasselbe graue, gelockte Haar, dieselben klaren, blauen Augen, die gleiche hochgewölbte Stirn drücken ihrem Gesicht das Gepräge und die Merkmale auf, welche vorzugsweise dem deutschen Volke eigen: Offenheit, beharrliche Ausdauer, sinnigen Forschertrieb und Treue gegen sich und Andere.

Aber trotz dieser auffallenden Aehnlichkeit, die sich auch auf Kleidung und alltägliche Gewohnheiten erstreckt, verräth sich dem genaueren Beobachter in der bloßen, äußeren Physiognomie, daß wir es hier mit zwei in sich abgeschlossenen Individualitäten zu thun haben, deren jede fest auf ihren eigenen Füßen steht; die sich zwar ergänzen, aber nichts von ihrer Eigenthümlichkeit darum aufgeben, die zu einander gehören, ohne ihre Selbstständigkeit einzubüßen, deren Verbindung nicht auf den dunklen Banden des Blutes derselben beruht, sondon aus dem gleichen geistigen Streben, aus derselben Erkenntniß des Wahren, Guten und Schönen hervorgegangen ist.

So stehen zwei Eichen in demselben Boden, deren Wurzeln sich verschlingen, deren Zweige sich umarmen, deren Stämme aber doch gesondert emporsteigen; der eine knorriger und breiter, der andere glatter und schlanker, bald mit dichtem, dunklem, bald mit hellerem, sonnigerem Laub bekleidet, hier einen jungen Schoß treibend, dort einen alten Ast ausstreckend; ähnlich in ihrer Verschiedenheit, verschieden in ihrer Aehnlichkeit.

Zwei solch’ deutsche Eichen sind die Brüder Grimm, die man sich nicht getrennt denken kann, deren Namen stets zusammen klingen.

[559] Sie wurzeln in dem gemeinsamen Boden des Vaterlandes; deutsche Sprache und Geschichte, deutsche Sitte und deutsches Recht sind dle Elemente, aus denen sie ihre Nahrung ziehen, die sie zum wahren Lebenssaft für sich und Andere verarbeiten. Zu diesem Zwecke steigen sie, wie der Bergmann, in die Tiefe der vergangenen Jahrhunderte und suchen, rings von dunkler Nacht umgeben, nach den reinen Goldadern, in denen sich die Herrlichkeit, Macht und wunderbare Schönheit des deutschen Volksgeistes verbirgt. Mit einem Fleiße und einer Gewissenhaftigkeit, die selten Ihresgleichen finden, werden von ihnen die alten, kaum lesbaren Urkunden durchforscht, die räthselhaften Runenschriften gedeutet, die Pergamente aufgerollt, die Folianten aufgeschlagen, ein Zeugniß abzulegen für die Schätze von unsern Vätern auf uns vererbt, die da sind deutsche Sprache, an tiefer Weisheit und Innigkeit des Gemüths allen Zungen der Erde überlegen; deutsches Recht, zwar vom römischen Unwesen überwuchert, aber noch heute dem verwandten Bruderstamme der Angelsachsen als Schutz und Bollwerk lhrer beneideten Freiheit dienend.

Durch derartige Forschungen haben sich die Brüder Grimm ein unsterbliches Verdienst um das deutsche Volk erworben, indem sie nicht nach der Weise anderer Gelehrten in die Ferne schweifen und darüber das Nächste vergessen, Fremdes preisen und das Heimische verachten; sondern der Kräftigung, Hebung und Erstarkung des deutschen Nationalbewußtseins ihr ganzes, segensreiches Leben und Wirken widmen. So wird nicht nur die Wissenschaft, sondern das Lehen selbst durch ihre Arbeiten bereichert, nicht ein Stand, sondern ein ganzes Volk ihnen zu Dank verpflichtet. Was sie mit unsäglichem Fleiße aus den Tiefen der Vergangenheit herausgeholt, gereicht der Gegenwart und den Zeitgenossen zur Freude und zum Nutzen. Während sie auf dem dunkeln Sprachgebiete den Wurzeln und Abstammungen der Worte und ihren wunderbaren Fügungen nachgehen, erschließen sie uns zugleich den Geist und die tiefere Beziehung zu unserem Nationalcharakter, welche oft in dem bloßen Worte ruhen; indem sie uralte Sitten, Gebräuche und Rechtsverhältnisse aufdecken, erwecken sie in uns das Bewußtsein unserer eigenen Zustände, stellen sie in uns den Zusammenhang mit der Vergangenheit wieder her, weisen sie uns auf die Bahn organischer Entwickelung in dem Leben der Nation.

Alles, was damit zusammenhängt, fällt in das Bereich ihrer bewunderungswürdigen Thätigkeit, die deutsche Grammatik, welche sie erst begründet und ausgebaut, deutsche Rechtsalterthümer, dle sie aus dem Schutt hervorgegraben, deutsche Minne- und Meistersänger, die sie liebevoll uns durch treffliche Ausgaben zugänglich gemacht, deutsche Märchen, die sie gesammelt und der Kinderwelt geschenkt.

Wie die Wellen des Rheinstroms die Burgen des Mittelalters, die rebenbekränzten Hügel und den blauen Himmel wiederstrahlen, umrauscht von den ernsten Mahnungen der Geschichte, den wehmüthigen Stimmen der Sage, den Liedern der Sänger, in der Tiefe aber den goldenen Hort der Nibelungen, den Schatz der Muttersprache bergend: so spiegelt sich in diesen beiden Männern das ganze deutsche Leben nach allen Seiten wieder.

Nur dem verwandten Geiste erschließt sich der Geist, wie sich dem leuchtenden Auge das Licht offenbart. Um die hohe Bedeutung des deutschen Wesens und Volkscharakters zu erfassen, muß man vor allen Dingen selbst ein Deutscher und ein Charakter sein. Die Eigenschaften, welche mit Recht den Deutschen zugeschrieben werden, finden sich in den Brüdern so scharf ausgeprägt, so schön entwickelt, daß man sie als Typen der Nation hinstellen darf. Ihr ganzes Leben legt dafür ein unumstößliches Zeugniß ab.

Jakob und Wilhelm Grimm wurden zu Hanau im alten Kattenlande Hessen geboren, wo trotz aller traurigen Ereignisse die angeborene Treue nicht zu ersterben, die Liebe zum Valerlande mit der Muttermilch eingesogen zu werden scheint. Ihr früh verstorbener Vater war, Justizamtmann in Steinau an der Straße, ein höchst arbeitsamer, ordentlicher und liebevoller Mann. Nach seinem Tode blieb dle Familie mit einem schmalen Einkommen zurück, das kaum hingereicht hätte, die Mutter mit ihren sechs Kindern zu erhalten, wenn nicht eine ihrer Schwestern, Henriette Philippine Zimmer die bei der Kurfürstin oder damaligen Landgräfin von Hessen erste Kammerfrau und von der reinsten, aufopfernden Liebe für die Anverwandten beseelt war, sie treulich unterstützt hätte. Auf ihre Veranlassung kamen die beiden Knaben, nachdem sie einen dürftigen Privatunterricht in ihrer Heimath genossen, auf das Lyceum nach Kassel, wo Jakob noch so sehr zurück war, daß er erst in Unterquarta gesetzt werden konnte. Bald aber holte er, durch Fleiß und von seiner ungeduldigen Lernbegierde getrieben, das Vernachlässigte ein und rückte von Classe zu Classe weiter, während Wilhelm, durch ein sich ausbildendes, von den schrecklichsten Qualen und Martern begleitetes Herzleiden heimgesucht, noch zwei Jahre zurückbleiben mußte, ehe er, wie sein Bruder, die Universität zu Marburg beziehen konnte.

Die Trennung der Geschwister, die stets in einer Stube gewohnt und in einem Bette geschlafen hatten, ging Beiben sehr nahe, allein es galt für Jakob, der geliebten Mutter, deren Vermögen fast zusammengeschmolzen war, durch eine zeitige Beendigung seiner Studien und baldige Erlangung einer Anstellung einen Theil ihrer schweren Sorgen abzunehmen. Er wählte das Studium der Jurisprudenz, hauptsächlich, weil sein Vater Jurist gewesen war und die Mutter es am liebsten sah. In späteren Jahren hätte er, wie er selbst geäußert, keine andere Wissenschaft gewählt, als – Botanik, zu der er sich besonders hingezogen fühlte, gerade wie Wilhelm, der an dem Sammeln von Insecten und Schmetterlingen seine Freude fand. – Eine gemeinsame Liebe zur Natur ist ihnen zu allen Zeiten geblieben, ein naturwissenschaftlicher Trieb und Blick, der sich auch in ihren sprachlichen Arbeiten wiederfindet.

Auf der Universität mußte Jakob sehr eingeschränkt leben; er selber klagt, daß es ihm, trotz aller Verheißungen, nie gelungen war, die geringste Unterstützung zu erlaugen, ohgleich die Mutter Wittwe eines verdienstvollen Beamten war und fünf Söhne für den Staat groß zog; die fettesten Stipendien wurden daneben an seinen Schulcameraden von der Malsburg ausgetheilt, der zu dem vornehmen hessischen Adel gehörte und einmal der reichste Gutsbesitzer des Landes werden sollte. So hatte er und sein Bruder sich Alles selber zu verdanken.

„Dürftigkeit,“ schreibt er, über diese Periode seines Lebens redend, „spornt zu Fleiß und Arbeit an, bewahrt vor mancher Zerstreuung und flößt einen nicht unedlen Stolz ein, den das Bewußtsein des Selbstverdienstes gegenüber dem, was Andern Stand und Reichthum gewähren, aufrecht erhält. Ich möchte sogar die Behauptung allgemeiner fassen und Vieles von dem, was Deutsche überhaupt geleistet haben, gerabe dem beilegen, daß sie kein reiches Volk sind. Sie arbeiten von unten herauf und brechen sich viele eigenthümliche Wege, während andere Völker mehr auf einer breiten, gebahnten Heerstraße wandeln.“

Zwei Jahre später holte Jakob den unterdeß genesenen Bruder nach Marburg ab, um sich nicht mehr von ihm zu trennen. Beide besuchten dieselben Collegia und hörten dieselben Lehrer, unter denen Savigny durch seine Erscheinunug und Vorträge einen großen Eindruck auf die Brüder ausübte. Bald war es ihnen vergönnt, dem ausgezeichneten Manne näher zu treten, der einen so bedeutenden Einfluß auf ihren späteren Bildungsgang und auf ihr Schicksal ausüben solte. Durch Savigny erhielt ihr Geist eine neue, höhere Richtung, welche die ausgetretenen Gleise des praktischen Brodstudiums weit hinter sich ließ.

Dazu kam der damals unter den Marburger Studirenden waltende Geist; es war ein frischer, unbefangener. Wachler’s freimüthige Vorlesungen über Geschichte und Literatur wurden von Jakob und Wilhelm fleißig gehört und eröffneten ihnen ein neues Gebiet, das sie später so segensreich selbst ausbauen sollten. Ohne ihre juristischen Collegia zu vernachlässigen, nahmen sie auch an anderen Fächern den lebendigsten Antheil und erweiterten so nach verschiedenen Seiten den Krets ihres Wissens. Savigny’s ausgezeichnete Bibliothek wurde daneben fleißig benutzt; hier bekam auch Jakob andere, nicht juristische Bücher zu sehen, darunter die Bodmer’sche Ausgabe deutscher Minnesänger, die er späler so oft in die Hand nehmen sollte. So vielfache Anregungen und Beschäftigungen förderten die jungen Leute, ohne sie zu zersplittern.

„Die Obergewalt des Staates,“ sagt Jakob selbst in einem Rückblick auf sein Univesitätsleben, „hat seitdem merklich mehr in die Aufsicht der Schulen und Universitäten eingegriffen. Sie will sich ihrer Angestellten fast allzu ängstlich versichern und wähnt, dies durch eine Menge von zwängenden Prüfungen zu erreichen. Mir scheint es, als ob man von der Strenge solcher Ansichten in Zukunft wieder ablassen werde. Zu geschweigen, daß sie der Freiheit des sich aufschwingenden Menschen die Flügel stutzt und einem gewissen, für die übrige Zeit des Lebens wohlthätigen, harmlosen Sichgehenlassenkönnen, das hernach doch nicht wiederkehrt, Schranken setzt; so ist es ausgemacht, daß, wenn auch das gewöhnliche [560] Talent meßbar sein mag, das ungewöhnliche nur schwer gemessen werden kann, das Genie vollends gar nicht. Es entspringt also aus den vielen Studienvorschriften, wenn sie durchzusetzen sind, einförmige Regelmäßigkeit, mit welcher man in schwierigen Hauptfällen doch nicht berathen ist. Wahr ist es, das ganz Schlechte wird dadurch aus Schule und Universität abgewehrt, aber vielleicht wird auch das ganz Gute und Ausgezeichnete dadurch gehemmt und zurückgehalten. Im Durchschnitt betreten jetzt die Schüler die Akademie mit gründlicheren Kenntnissen, als vormals; aber im Durchschnitt geht dennoch daraus eine gewisse Mittelmäßigkeit der Studien hervor. Es ist Alles zu viel vorausgesehen und vorausgeordnet, auch im Kopfe der Studirenden. Die Arbeit des Semesters nimmt unbewußt ihre Richtung mach dem Examen; der Student muß alle Collegia hören, worüber er Zeugnisse beizubringen hat. Dagegen bleibt ihm keine Zeit übrig, diejenigen zu hören, die ihm nichl vorgeschrieben sind. Der Staat hat dadurch gewisse Vorlesungen gleichsam zu officiellen gestempelt und die übrigen, die nebenbei gehört werden können, herabgesest.“

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Jakob Grimm.

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Wilhelm Grimm.

Nach Photographieen von S. Friedländer in Berlin.

Im Jahre 1804 trat Savigny eine wissenschaftliche Reise nach Paris an, von dort ließ er den ihm liebgewordenen Jakob auffordern, dahin zu kommen, um ihn bei seinen literarischen Arbeiten zu unterstützen. Mit Freuden wurde ein solch’ ehrenvolles Anerbieten angenommen. Wenige Wochen darauf saß er auf dem Postwagen und traf über Mainz, Metz und Chalons Anfangs Februar in Paris ein, wo er sich unter der Leitung eines solchen Lehrers und Freundes bald in die Schätze der dortigen überreichen Bibliothek vertiefte. Unterdeß war die liebevolle Mutter jede Nacht aus dem Bette aufgestanden, um nach dem kalten Wetter auszuschauen. Frankreich schien ihr ganz außer dem Bereich der Welt zu liegen und sie hatte nur mit heimlicher Angst ihre Einwilligung zu der damals unendlich weiten Reise gegeben.

Im September 1805 wurde die Heimreise angetreten, in Marburg traf er mit Wilhelm zusammen, mit dem er sich nach Kassel begab, wohin die Mutter unterdeß von Steinau gezogen war, um von nun an in der Mitte ihrer Kinder zu leben. Jakob suchte eine Anstellung, die er nach vollendetem Examen mit Noth als [561] Supernumerarius bei dem Kriegscollegium mit Gehalte von hundert Thalern erhielt. Die viele geistlose Arbeit wollte ihm nur wenig schmecken, wenn er sie mit der verglich, welche er ein Vierteljahr vorher zu Paris verrichtete. Ebenso bedauerte er, seine modische Pariser Kleidung gegen die hessische steife Uniform mit dem gebotenen Zopfe zu vertauschen. Dennoch war er zufrieden und suchte alle seine Mußestunden dem Studium der Literatur und Dichtkunst des Mittelalters zuzuwenden, die ihn immer mehr anzogen und fesselten.

Unterdeß hatte auch Wilhelm im Jahre 1807 sein Examen abgelegt und wartete auf eine Anstellung, die jedoch in Folge der großen politischen Ereignisse, von denen das Vaterland betroffen wurde, ausblieb. Ein Machtspruch Napoleon’s hatte das hessische Regentenhaus abgesetzt und seinen eigenen Bruder Jerome auf den Thron des neugeschaffenen Königreichs Westphalen berufen. Die alten Verhältnisse stürzten zusammen, das treue Hessenland wurde von Franzosen besetzt, Kassel zur Residenz des neuen Herrschers erhoben und die alten Beamten zum Theil entfernt, während Andere freiwillig ihren Abschied nahmen. Zu den Letzteren gehörte Jakob Grimm, der seine bisherige Stellung, müde der unzähligen damit verbundenen Quälereien und aus Widerwillen gegen den neu eingeführten „Code Napoleon“, aufgab, unfähiger, als je vorher, zur Erleichterung der Mutter und der Geschwister beizutragen.

Aus diesem Grunde bewarb er sich um den ihm mehr zusagenden Posten bei der öffentlichen Bibliothek in Kassel, da er sich theils in das Lesen von Handschriften eingeübt, theils durch Privatstudien mit der Geschichte der Literatur vertrauter gemacht hatte. Die gewünschte Stelle wurde einem Andern zu Theil; zu dieser getäuschten Erwartung kam noch der Tod der geliebten Mutter, um ihn vollends niederzubeugen.

Auch hier bestätigte sich das alte Sprüchwort: „Je größer die Noth, desto näher ist Gott.“ Durch eine Empfehlung des berühmten Geschichtsforschers Johannes von Müller, der am neuen westphälischen Hofe eine der höchsten Stellen einnahm, wurde Jakob mit dem Cabinetssecretair des Königs, Cousin de Marinville bekannt, und zur Verwaltung der Privatbibliothek, die in Wilhelmshöhe [562] aufgestellt war, vorgeschlagen und auch angenommen. Die ganze Instruction, die er erhielt, lautete bezeichnend für die damaligen Verhältnisse: „Vous ferez mettre en grands caractères sur la porte: Bibliothèque particulière du Roi.“ Er erhielt sogleich 2000 Franken, die, da man mit ihm zudrieden war, bald auf 3000 erhöht wurden. Nach einiger Zeit kündigte ihm der König selbst eines Morgens an, daß er ihn zum Auditeur au conseil d’Etat ernannt habe, doch sollte er dabei die Bibliothek nach wie vor verwalten. Sein Gehalt wurde noch um 1000 Franken vermehrt, so daß alle Nahrungssorgen schwanden.

Seine neuen Aemter machten ihm wenig Mühe. König Jerome war ein lustiger Herr, der lieber mit jungen Damen als mit alten Büchern zu schaffen hatte; es herrschte ein frohes, ausgelassenes Treiben an dem neuen Hofe, und so behielt Jakob hinlängliche Zeit, sich mit seinen Lieblingsstudien zu beschäftigen. Auch der Staatsrath legte ihm keine andere Verpflichtung auf, als von Zeit zu Zeit in der gestickten Prachtuniform zu erscheinen. Kleine Unannehmlichkeiten blieben allerdings nicht aus. Als der König einst auf Wilhelmshöhe einen Ball geben wollte, mußte die ganze Bibliothek schnell über Hals und Kopf geräumt werden. Da lagen nun die schönen Bücher in der leidigsten Unordnung, bis sie nach Kassel geschleppt wurden, um in dem dortigen Schlosse ausgestellt zu werden. Größer war die Gefahr noch bei dem im Jahre 1811 stattgefundenen Brande. In Rauch und Qualm wurden die Bücher von den Leibgardisten aus den Fächern genommen, in Leinentücher geschüttet, und auf den Schloßplatz geworfen. Jakob eilte um Mitternacht herbei, und ordnete die Rettung des ihm anvertrauten Schatzes an, während rings um ihn Alles knisterte und dampfte. Im Hinuntergehen verirrte er sich auf einer der kleinen Wendeltreppen und mußte ein paar Minuten nach dem rechten Ausgang umhertappen, in Gefahr, von dem eindringenden Rauche erstickt zu werden.

Während Jakob in angemessener Stellung verblieb, reiste Wilhelm nach Halle, wo er wegen seins mit erneuter Gewalt zurückgekehrten Herzübels den berühmten Reil mit Erfolg consultirte. In dem Hause des bekannten Capellmeisters Reichardt fand er die herzlichste Aufnahme. Reichardt selbst war bei manchen Eigenheiten und einem starken Selbstgefühl ein Mann von leicht bewegtem, edlem Herzen, eine echte Künstlernatur; die übrigen Mitglieder der Familie und besonders die heranwachsenen Töchter hochgebildet und liebenswürdig. In einem solchen Kreise fand Wilhelm ungeachtet der trüben Zeit, welche über das Vaterland hereingebrochen war, mannichfache Anregung und Förderung, wozu sich noch die musikalischen Genüsse gesellten, wenn die herrlichen Compositionen des Vaters zu den Liedern Goethe’s in den Abendstunden von den Kindern in unvergeßlicher Weise vorgetragen wurden. Nach einem längeren Aufenthalte stattete er dem Dichter Achim von Arnim einen Besuch in Berlin ab, wo er trotz der allgemeinen Zerstörung in Gesellschaft des gleichgestimmten Freundes genußreiche Tage und fröhliche Stunden verlebte. Auf der Rückkehr wurde ihm das Glück zu Theil, Goethe selbst in Weimar persönlich kennen zu lernen. Der Meister äußerte seine Theilnahme für die Bemühungen, die altdeutsche Literatur wieder zu erwecken, und zeigte sich geneigt, diese Studien der Brüder auf das Beste zu unterstützen.

Mit dem Jahre 1813 war die große Bewegung des deutschen Volkes, die Befreiung von dem fremden Joche herangebrochen. Beide Brüder begrüßten freudig den heiligen Kampf, an dem sie vermöge ihrer Lage nicht mit den Waffen in der Hand Theil nehmen konnten; sie hatten dafür durch ihre Arbeiten bereits an der Hebung des nationalen Sinnes redlich mitgeholfen.

Als Jerome mit den Franzosen abzog und der alte Kurfürst nach Kassel zurückkehrte, da jubelten sie mit den treuen Hessen, und liefen an dem offenen Wagen des alten Herrschers durch die mit Blumen bekränzten Straßen hin. – Jakob wurde als Legationssecretair mit dem hessischen Gesandten in das Hauptlager der Verbündeten geschickt, und kam mit ihnen in das frisch eingenommene Paris. Unterwegs hatte er nicht versäumt, die vorzüglichsten Bibliotheken zu besuchen. In Paris sorgte er im Auftrage seiner Regierung für die Zurückgabe der geraubten litterarischen Schätze, worauf er in seiner Eigenschaft als Legationssecretair dem Congresse in Wien beiwohnte, wo er sich jedoch lieber mit altdeutschen Studien beschäftigte, und einen Kreis berühmter Männer kennen lernte. Auch die slavischen Sprachen wurden hier mit Erfolg von ihm getrieben, wie seine spätere Uebersetzung der serbischen Grammatik von Wuk Stephanowitsch beweist. Bereits war sein Ruf so hoch gestiegen, daß die preußische Regierung ihn von dem Kurfürsten forderte, um die aus allen preußischen Provinzen zusammengeraubten werthvollen Handschriften in Paris zu ermitteln, und zurückzuverlangen; ein Auftrag, dessen sich Jakob mit so großem Eifer unterzog, daß er dadurch den Haß der ihm sonst befreundeten Pariser Bibliothekare auf sich lud, welche ihm nicht mehr gestatten wollten, auf der Bibliothek für seine Privatstudien zu arbeiten. Ein anerkennendes Schreiben des Staatskanzlers, Fürsten Hardenberg, war der einzige Lohn für seine Bemühungen.

Nach seiner Rückkehr erhielt er endlich den gewünschten Posten als zweiter Bibliothekar in Kassel mit dem bescheidenen gehalt von 600 Thalern; eine Anstellung als Gesandschafts-Secretair beim Bundestage hatte er zuvor entschieden abgelehnt. Um einzig und allein seinen mühevollen Forschungen zu leben, hatte er die Aussicht auf die diplomatische Laufbahn und eine schnellere Beförderung aufgegeben. Statt ewige Protokolle zu schmieden, arbeitete er an seiner deutschen Grammatik, und förderte dadurch mehr die deutsche Einheit und das Nationalgefühl, als dies durch alle Actenstöße des Bundestages geschehen konnte. – Auch Wilhelm fand bei der Bibliothek in kassel eine höchst bescheidene Anstellung, die er aber mit Freuden annahm, um sich von dem geliebten Bruder nicht zu trennen.

Jetzt erst begann für beide Brüder die schönste Zeit ihrer segensreichen Thätigkeit, eine Reihe bewunderungswürdiger Werke reiften im Stillen, und machten ihren Namen weit und breit berühmt. Gemeinschaftlich gaben sie die Resultate ihrer Forschungen heraus, welche das größte Aufsehen erregten, und ihnen von Akademien und Universitäten Titel und Ehrenbezeigungen aller Art eintrugen. Trotzdem konnten sie von der eigenen Regierung nicht einmal eine für ihre Bedürfnisse nöthige Gehaltszulage erlangen, auch die gehoffte Beförderung blieb aus, als sich nach jahrelangem Harren die Gelegenheit dazu darbot. Sie hatten, wie die meisten deutschen Gelehrten, sich keiner besonderen Fürstengunst zu erfreuen.

Unter diesen Umständen rissen sie sich mit blutendem herzen von dem hessischen Vaterlande los, um einen ehrenvollen Rufe nach Göttingen zu folgen, wo sie zu Neujahr 1830, Jakob als Professor und Oberbibliothekar, Wilhelm als Unterbibliothekar, einen angemessenen Wirkungskreis fanden. Hier wirkten sie im Stillen Großes durch Schrift und Wort, eine Reihe ausgezeichneter Schüler bildend, welche in ihrem Greise das begonnene Werk fortsetzten. – Wilhelm hatte bereits im Jahre 1825 sich mit Dorothee Wild verbunden, und genoß im reichsten Maße das Glück der Ehe, während Jakob in dem neuen Verhältnisse des Bruders seine eigene Häuslichkeit fand, da er selber unvermählt blieb; Bücher und Collectaneen gehörten ihnen ohnehin zusammen. Sie hatten erreicht, was der deutsche Gelehrte erreichen kann, ein bescheidenes, aber ehrenvolles Loos.

Da kamen die Tage der Prüfung, aus denen die deutschen Männer wie geläutertes Gold hervorgehen sollten. Das Grundgesetz des Königreichs Hannover, zwischen dem regenten und den Ständen vereinbart und feierlich beschworen, wurde von dem neuen Herrscher Ernst August beim Antritte seiner Regierung im Jahre 1837 durch seine beiden Patente willkürlich verletzt und umgestoßen. Nur sieben Männer, Professoren der Göttinger Universität, darunter die beiden Brüder, hörten auf die Mahnung des Gewissens, und erhoben ihre Stimmen laut ohne Menschenfurcht. Sie wollten ihren geschworenen Eid nicht brechen. Da geschah das Unerhörte; ohne Untersuchung, ohne Urtheil und Rechtsspruch wurden die getreuen Sieben ihrer Aemter entsetzt, und Drei von ihnen – Dahlmann, Jakob Grumm und Gervinus – des Landes verwiesen.

Sie zogen als Flüchtlinge fort und nahmen nichts mit, als die gerette Ehre und die unverletzte deutsche Treue. Ihr opferten sie Rang, Stellung und das sichere Brod, um einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen.

Die Krone der Männer schmückte die Stirne der Gelehrten. – Wilhelm folgte seinem Bruder in die Verbannung; sie hatten nicht geschwankt, für ihre Ueberzeugung Alles hinzugeben. Das Studium des Mittelalters und der Vergangenheit hatte sie nicht der Gegenwart entfremdet, sondern ehr ihren Heldenmuth geweckt, daß sie, wie einst die Ritter und Edlen der Vorzeit, den Kampf für das Recht der Gewalt gegenüber nicht scheuten. Sie gingen daraus mit blankem Schild und an Ehren reich hervor. Das deutsche Volk lohnte ihnen mit seiner Achtung und Liebe, und ein deutscher [563] Fürst rief sie einige Jahre nach diesen Vorfällen in seine Nähe nach Berlin, wo sie reichlich für das Verlorene entschädigt wurden.

Im Jahre 1848, als im März das deutsche Volk, von einer gewaltigen Bewegung ergriffen, den alten schönen Traum von seiner Einheit und Freiheit zu verwirklichen gedachte, erinnerte es sich sogleich an die Göttinger Vorgänge. Jakob Grimm war einer der Ersten, der in dem Frankfurter Vorparlamente saß, und mit freudiger Ehrfurcht begrüßt wurde. Aber nicht auf dem vulcanischen Boden der Revolution fühlte sich der stille Gelehrte heimisch; er liebte die Freiheit, welche mit der Ordnung und dem Gesetze Hand ind Hand geht.

Drum zog er sich wieder zurück und bereitete mit seinem Bruder in friedlicher Studirstube, während die Parteien stritten und darüber Freiheit und Einheit von Neuem verloren gingen, ein unvergängliches Denkmal deutsches Fleißes, einen Ehrentempel des deutschen Geistes vor. Es erschienen die ersten Hefte jenes Wörterbuches, welches einen Schatz von Wissen, Belesenheit und von tiefen sprachlichen Studien enthält. Langsam, aber sicher der Vollendung entgegenreisend, erhebt sich dieses Riesenwerk, das die Brüder als den Schlußstein eines inhaltreichen Lebens, zum ewigen Gedächtniß ihres Namens und ihrer brüderlichen Liebe, zur Ehre der Nation und sich selbst zum andauernden Ruhme errichtet haben. Wozu in Frankreich eine ganze Akademie in Anspruch genommen wurde, das leisten hier allein die beiden Deutschen – Jakob und Wilhelm Grimm.

Max Ring.