Eine Kreuzigung im neunzehnten Jahrhundert

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Textdaten
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Autor: Albert Fränkel
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Titel: Eine Kreuzigung im neunzehnten Jahrhundert
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 410
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[410] Eine Kreuzigung im neunzehnten Jahrhundert. Ueber Muckerthum und protestantische Pietisterei ist unendlich viel geschrieben worden, aber sehr gering ist die Zahl der Schilderungen, die uns einen vollen Einblick in das Wesen und den Charakter, die Bethätigungen und thatsächlichen Aeußerungen dieser krankhaften Verzerrtheit religiösen Anschauens und Fühlens gewähren. Der Pietismus des neunzehnten Jahrhunderts hat seine für die Entwickelung unserer deutschen Verhältnisse bekanntlich sehr verhängnißvoll gewordene Geschichte. Erst seit einigen Jahrzehnten hat ihn der auf dem protestantischen Gebiete wieder erstarkende Pfaffengeist als ein narkotisches Reizmittel in das erstarrte officielle Kirchenthum herübergenommen und ihn zu diesem Zwecke anständig zugestutzt und äußerlich präsentabel gemacht. Vorher war er ein nur wild in verschiedenen Volkskreisen aufwucherndes Gewächs, hat aber gerade in diesem Stadium die volle Kraft seines vergiftenden Einflusses unwidersprechlich zu Tage gelegt. Davon hat aber das große Publicum bis jetzt Specielleres nicht erfahren. Selbst die offenkundig gewordenen Gräuel muckerhaften Treibens, die weithin in der Welt ein staunendes Entsetzen erregten und oft die salbungsvollen Brüder und ihre „Seelenbräute“ aus der heimlichen Süßigkeit ihrer andächtigen Zusammenkünfte in die Criminalgefängnisse führten, selbst diese von ruhigen Menschen kaum für möglich gehaltenen Paroxysmen und Excesse einer aus Seelen- und Sinnenbrunst gemischten, heuchlerisch sich selber täuschenden Bestialität blieben zum Theil in Dunkel gehüllt und wurden dem Volke nicht anschaulich vor das Auge geführt. Der Grund der Unterlassung liegt wohl vielfach auch in der meistens sehr delicaten Natur der Vorgänge, welche dem volksthümlichen Darsteller eine fast unlösbare Aufgabe stellt, wenn er das Häßliche nicht verschweigen oder gar beschönigen will. Im Uebrigen aber ist der Gegenstand nur einseitig von theologischen, juristischen, ärztlichen, philosophischen oder belletristischen Standpunkten aus behandelt worden, während er doch wesentlich eine Erscheinung der Culturgeschichte ist und nur eine culturgeschichtliche Betrachtung die Entstehung und den Charakter solcher Auswüchse aus den Zuständen und Zusammenhängen der Zeitalter erklären und alle die Gesichtspunkte zusammenfassen kann, welche sie erschöpfend zu beleuchten vermögen.

Das hatte unstreitig Johannes Scherr gefühlt, als ein ebenso bezeichnendes wie furchtbares Ereigniß aus der Geschichte des modernen Frömmlerthums lebhaft seine Aufmerksamkeit beschäftigte und er den Entschluß faßte, die gewonnenen tieferen Einblicke in das Getriebe jener verschollenen, der Oeffentlichkeit niemals voll enthüllten Geschichte unserer hart durch den pietistischen Zelotismus behelligten und gefährdeten Gegenwart zur Anschauung zu bringen. Die Darstellung, welche wir diesem Entschlusse verdanken, ist schon vor längerer Zeit veröffentlicht, aber bisher in Norddeutschland so wenig besprochen worden, daß sie einem sehr großen Theile unserer Leser wohl erst in ihrer zweiten Auflage sich nahe legen wird, die unter dem Titel „Die Gekreuzigte oder das Passionsspiel in Wildisbuch“ soeben (bei Günther in Leipzig) erschienen ist.

Wir glauben keine Uebertreibung auszusprechen, wenn wir dieses Buch als einzig in seiner Art bezeichnen, da wir in der That keine Enthüllung aus dem verworrenen Nebelreiche des neueren Glaubens- und „Erweckungs“rausches kennen, die ihm in Betreff der Bedeutsamkeit der Auffassung wie der eindrucksvollen Herausgestaltung des Stoffes an die Seite zu stellen wäre. Die erschütternde und grauenhafte That religiöser Verirrung, um die es sich handelt, hat sich im Jahre 1823 in einem abgelegenen Schweizerdörfchen zugetragen, und Scherr führt dieselbe am Schlusse seiner Schilderung mit allen charakteristischen Einzelnheiten der haarsträubend wilden und wüsten Scenen an uns vorüber, von denen das schauerliche Ereigniß begleitet war. Dennoch liegt der Reiz und die eigentliche Bedeutung des Buches nicht in den drastisch geschilderten Schlußacten dieser wahren, aus den Acten des Züricher Stadtarchivs geschöpften Dorfgeschichte, sondern in der lebendigen Vergegenwärtigung der innerlichen Antriebe und von außen kommenden Einflüsse, der weit in die Zeitgeschichte bis in die Kreise der Aristokratie sich verzweigenden Wege, welche die leibhaftig vor unseren Augen sich bewegenden Helden und Heldinnen des Schauerdramas, einfache Bauern, Dorfhandwerker und Bauermädchen, schrittweise zu einer solchen Mord- und Selbstmordkatastrophe geführt haben.

Hier vereinigt Scherr als Denker und fesselnder Erzähler, als Geschichtsforscher, Sitten- und Menschenschilderer alle starken und zarten Eigenschaften, allen unerbittlichen Wahrheitssinn und alle poetische Wärme und Gemüthsinnigkeit seiner hervorragenden Originalität, um ein Gemälde von außerordentlicher Wirkung zu entfalten, das den düsteren und theilweise rührenden Ernst des Nachtbildes zu seinem vollen Rechte kommen läßt, ohne dem komischen Realismus des Ganzen und der einzelnen Figuren und Situationen etwas von ihrer eigenthümlichen Färbung zu nehmen. An verschiedenen sehr heikligen, aber unverwischbaren Punkten dieses zur Tragik sich zuspitzenden Unsinns, welche das Buch uns mit allem ergötzlichen Tiefblick eines gesunden und anmuthigen Humors bloßzulegen weiß, würde die Kunst manches gewiegten Erzählers gescheitert sein. Scherr tritt aber weder als frivoler Carricaturenzeichner, noch als steif absprechender Moralist an seine Personen und ihr Handeln und Denken heran; mit dem unbefangen und human alles Menschliche prüfenden Auge des Culturhistorikers sieht er in ihnen bethörte und bemitleidenswerthe Opfer nicht blos einer verirrten Zeitrichtung, sondern der Priester- und Theologenlüge des uralten „Molochismus“, deren Pesthauch durch Jahrtausende sich wälzt und bis zum heutigen Tage fort und fort Millionen von Seelen um den Frieden, die wahre Freudigkeit und Fruchtbarkeit des Daseins bringt, wenn er auch nicht immer und überall seine Verderblichkeit so unverkennbar an’s Licht fördert, wie in dem Wildisbucher Bauernhause und in vielen ähnlichen Fällen. Derartige Ungeheuerlichkeiten wollen nicht einfach verdammt, sondern erklärt sein, und brachen also ja einmal Zorn und Entrüstung in unserer Erzählung durch, so werden sie nur laut gegen jene mehr oder minder einflußreichen Kasten und Cliquen, die heute das Gift jener volksverderblichen Religionslehren wieder in den Dienst eigensüchtiger Machtinteressen gezogen und es mit der Miene der Amtspflicht berufsmäßig zu verbreiten und fortzupflanzen suchen.

Wie kopflos albern und abscheulich auch das Denken und Handeln jener einfältigen schweizerischen Bauern und Bäuerinnen gewesen ist, ihr Fanatismus war ein aufrichtiger und uneigennütziger Taumel; ein unzweifelhaft begeisterungsvoller Drang nach Lösung der großen und ewigen Räthselfragen des Menschendaseins hatte sich in der Enge ihrer unwissenden und umnebelten Seelen bis zur Tollheit verirrt; sie machten erschütternden Ernst mit ihren Wahnbildern und brachten ihnen mit freiwilligem Heroismus nichts Geringeres zum Opfer als sich selber und all ihr irdisches Glück. Was thun dagegen die jetzt in hohen Lehr-, Staats- und Kirchenämtern wirkenden Förderer der pietistischen „Erweckung“? Wir sehen und wissen es; hören wir aber einmal Johannes Scherr darüber, wenn er an einer Stelle seiner Schilderung mit dem ganzen Nachdrucke seiner Kraft- und Kernsprache ruft: „Das war Wahnwitz, sagt Ihr? Ja wohl! Aber sagt uns, Ihr Prediger der Umkehr, Ihr Baalspfaffen und Pharisäer unserer Zeit, sagt uns, wo ist die Grenzlinie zwischen Eurem Buchstabengötzendienste und dem Wahnwitz? Ihr könnt es nicht, denn jene Grenzlinie existirt nicht. Oder doch! Ja, für Euch selbst existirt sie, denn Ihr hütet Euch klüglich, aus Opferern zu Opfern zu werden. Ihr wißt Euch zu wehren nicht allein vor den Flammen der Scheiterhaufen, sondern vor jedem ungläubigen Blicke allerhöchster Beschützer. Ihr seid lange nicht so dumm, wie Ihr ausseht. Ihr wißt recht gut, was die guten Sächelchen des Diesseits zu bedeuten haben. O, wir kennen Euch, Brut Ahriman’s, wir kennen Euch. Nicht eine Silbe Eurer Titel, nicht ein Tausendstel Eurer Pfründen, nicht ein Endchen Eurer Ordensbänder würdet Ihr Eurem ‚Herrn‘ zum Opfer bringen.“ Mit dem Bemerken, daß Scherr selber seine Geschichte der Gekreuzigten von Wildisbuch als eine „Warnungstafel“ für die Jetztzeit bezeichnet, schließen wir unsere Hinweisung auf das unserem Urtheile nach, ebenso bedeutsame wie genußreiche Werkchen. Nicht wenige unserer Leser werden es uns Dank wissen, daß wir einen so werthvollen und doch so volksthümlich ansprechenden Beitrag zur neuesten Zeitgeschichte ihrer Beachtung empfohlen haben.

A. Fr.