Eine Kriegserinnerung (Die Gartenlaube 1871/48)

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Textdaten
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Autor: M.
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Titel: Eine Kriegserinnerung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 806–807
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[806] Eine Kriegserinnerung. Im Städtchen P., kaum eine deutsche Meile von dem nicht viel größeren, aber bekannteren und belebteren Lonjumeau entfernt, waren an einem Januarabende dieses Jahres eine zahlreiche Menge deutscher Soldaten in einem der größeren Cafés versammelt. Vornehmlich machten sich eine Anzahl Baiern durch lautes, häufig von munterem Lachen unterbrochenes Gespräch bemerklich. Sie waren feldmarschmäßig ausgerüstet, denn es fehlte nicht mehr viel zu der Zeit, wo sie Vorposten beziehen sollten. Wiewohl das Campiren in der kalten Winternacht keine sonderlichen Annehmlichkeiten versprach, war ihre frohe Laune doch hinlänglich motivirt: sprach man ja schon lebhaft von der nahe bevorstehenden Capitulation der Hauptstadt, nach deren Fall der Rückkehr in die Heimath nichts mehr im Wege zu stehen schien.

[807] Während der Cognac ihre Zungen gesprächig machte, glitten ihre Augen öfters mit unverhohlener Bewunderung zu der schönen Wirthstochter, welche sich um so mehr allgemeiner Huldigungen zu erfreuen hatte, als die übrigen Jungfrauen in der Umgegend von Paris aus Angst vor den grausamen „Prussiens“ zumeist geflüchtet waren. Und in der That verdiente Melanie die ungetheilte Aufmerksamkeit; kaum den Mädchenjahren entwachsen, vereinigte sie mit einer nicht großen und desto üppigeren Gestalt, mit den glühendsten schwarzen Augen und tiefdunklem Haar die volle Grazie und unnachahmliche Anmuth der Französin. Ueber ihr ganzes Wesen war jedoch eine Art von Schwermuth gehaucht, und nur selten verklärte sich ihr Gesicht zu einem gewinnenden Lächeln. War es die Trauer um’s Vaterland, welche aus ihrem frischen Gemüthe die Freude verbannt und ihr Haß gegen die fremden Krieger eingeimpft hatte? Nicht doch; ein weibliches Herz ist international, es kennt in der Regel keine anderen Feinde, als die ihm von vornherein Abneigung eingeflößt haben oder ihm nahe getreten sind.

Durch freundliches Zureden sollte ich die Ursache ihrer augenscheinlichen Traurigkeit erfahren; dieselbe bestand darin, daß ihr Bräutigam, den der unerbittliche Krieg aus ihren Armen gerissen hatte, schon vier Monate in Paris mit eingeschlossen war, ohne ihr ein Lebenszeichen von sich geben zu können. Vielleicht war er todt, im günstigsten Falle den größten Entbehrungen und Gefahren ausgesetzt! Ihre Thränen mußten Mitleid mit dem armen Kinde einflößen, an dem ich nur bewunderte, mit welcher sichern, jedoch jede Unart ausschließenden Bestimmtheit es die Galanterien Derer abwies, welche es ja mit als Störer seines unschuldigen Glückes ansehen mußte. Konnte doch die Kugel der kriegerischen Gäste, welche dem Mädchen sich gefällig zu beweisen bestrebten, den Gegenstand ihrer Liebe in den nächsten Stunden aus dem Leben fördern. …

Baierns Söhne waren indeß, je näher die Stunde des Abmarsches nahete, immer aufgeräumter geworden. Einer derselben gab endlich das Zeichen zum Aufbruch, nahm sein Gewehr und drohete dem Mädchen scherzend, es zu erschießen.

„Immer schießen Sie zu, mir liegt nichts am Leben,“ erwiderte Melanie furchtlos, – dem Baiern jedenfalls hinlänglich verständlich, denn er setzt dem Mädchen das Gewehr auf die Brust, zieht auf und drückt dreimal hintereinander ab.

„Seh’n Sie wohl, Mamsell, es beißt nicht!“ ruft er lachend, indem er den Kolben etwas heftig auf die Erde stößt; doch in demselben Moment ertönt ein lauter Knall, Pulverdampf füllt das Zimmer, Kalk und Mörtel fallen auf die Gäste: der Schuß, von dessen Existenz der Soldat keine Ahnung gehabt und welcher dreimal durch einen fast wunderbaren Zufall versagt, hatte sich entladen.

Dem früheren Gelächter folgt lautlose Stille; Alle stürmen sodann hinaus, um ihres wie sinnlos sich geberdenden Cameraden habhaft zu werden und ihn zur Ruhe zu bringen. Denn der plötzliche Schuß aus seinem Gewehr nach dem Vorangegangenen hat diesen offenbar jeder Besinnung beraubt, und den Ausbrüchen seiner Verzweiflung nach scheint er zu glauben, daß er das Mädchen wirklich getödtet habe.

Nachdem sie sich von der ersten Bestürzung erholt hatten, kehrten die Baiern zurück in das Café; mechanisch folgte der von Gewissensbissen Gepeinigte. Wie erstaunt aber waren Alle, als Melanie, welche ihren Schreck schnell überwunden, ihm, wie wenn nichts geschehen wäre, freundlich lächelnd die Hand reichte mit den Worten: „Sie hätten mich zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir wirklich ein Leben genommen hätten, das mir keine Freude bietet!“

An demselben Abende spät, sowie in der frühen Morgenstunde des nächsten Tages machte ein heftiger Geschützdonner die Erde beben; es war ein neuer Ausfall versucht und wiederum zurückgeschlagen worden. Lange Gefangenenzüge bewegten sich, von Baiern escortirt, um die Mittagsstunde durch die Straßen von P. In abgerissenen, schmutzigen Uniformen, wahre Bilder des Elends, zogen sie dahin, die Repräsentanten der einst „unüberwindlichen“ Armee, neben dem ziemlich sorglos umherblickenden Jüngling und Knaben der ergraute Krieger lautlos und mit niedergeschlagenen Blicken, als schämte er sich vor den in den Straßen zahlreich versammelten Landsleuten und siegreichen Fremden, den Zeugen seiner und all seiner Cameraden Schande.

Ein lautes Freudengeschrei lenkte jetzt unsere Blicke nach der Richtung, woher er kam; es war Melanie, – sie hatte ihren Verlobten wiedergefunden. Was kümmerte sie es, daß er gefangen war und einem ungewissen Loose entgegenging, – er lebte ja. … Nur wenige Worte, Begrüßung und Abschied zugleich, vermochte sie mit ihm zu wechseln, – dann verschwand allmählich der lange Zug, dem sich eine Anzahl einspänniger Wagen oder Karren anschlossen, besetzt mit Officieren, welche die Spuren von Krankheit und Entbehrungen deutlich im Gesichte trugen.

Bald darauf verließen auch wir P., um nie dahin zurückzukehren. Ich habe Melanie nie wiedergesehen. Doch wünsche ich ihr nur, daß sie, über deren Leben die Vorsehung zu walten schien, vom Geschick dafür aufbewahrt gewesen sein möge, ihren Geliebten aus der Kriegsgefangenschaft heimkehren zu sehen und in seinem Besitze den Lohn ihrer Liebe zu genießen!

Zu gönnen ist es ihr von ganzem Herzen!
M.