Auf dem Straßburger Münster

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ein Elsässer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auf dem Straßburger Münster
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 806
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[806] Auf dem Straßburger Münster. Mit lebhaftem Interesse durchblätterte ich im Wächterhäuschen des Straßburger Münsterthurms den zweiundzwanzigsten und den dreiundzwanzigsten Band des großen Fremdenbuches. Diese gewaltigen Folianten tragen die Spuren einer Völkerwanderung. Welch ein Contrast zwischen den Gasconnaden der französischen Freiwilligen und den gemüthlichen Ergüssen der Landwehrmänner, zwischen der deutschen Häuslichkeit und dem flotten Wesen des afrikanischen Lagerlebens! Hier, an geweihter Stätte unterzeichnet ein Fallstaff’scher Held das mephistophelische Urtheil: „Toutes les femmes sont infâmes!“ während ein biederer Frankfurter der Nachwelt mittheilt, daß sein Weib ein Engel sei.

Am verhängnißvollen 19. Juli 1870, im Augenblick, als der unheimliche Imperator das gallische Schwert in die Wagschale des Krieges warf, wiederholte ein Prätorianer das Feldgeschrei: „Nieder mit Preußen! Es lebe das sechsundneunzigste Regiment!“ Umsonst hatten die elsässischen Dichter gewarnt:

Mit Hohn die Klinge wetzen
Ist nicht des Starken Art.

Auch ein Schlettstadter jubelt über die bevorstehenden Niederlagen der deutschen Reißausarmee. Noch am 4. August, während die eisernen Würfel an den Weißenburger Linien fielen, schrieb ein eifriger Chauvinist: „Wehe, dreifarbige Fahne, auf dem deutschen Ufer!“ Dieser Inschrift folgt eine lange, bedeutsame Lücke. Plötzlich, am 28. September 1870, erscheinen deutsche Namen auf dem denkwürdigen Blatte, und nun folgen in endlosen Reihen sechszigtausend Besucher aus allen Gauen des neuerstandenen Reichs. Im Siegesjubel melden Einige, daß sie „zu Straßburg auf der Schanz“ mitgestritten und mitgelitten hätten. Hinter ihnen schwören Andere mit Nachdruck: „Deutschland über Alles! Hurrah Germania!“ Einzelne Touristen erinnern an die Worte der Wehmuth und des Zornes, welche sie in früheren Jahren in diesem Stübchen niedergeschrieben hatten. Desto freudiger lassen sie Straßburg und die so herrlich gewonnenen Reichsländer hochleben. Auch ein Professor aus Wien stimmt in diesen Jubel ein:

Vivat Alsatia germanica, floreat, crescat!

während ein Particularist aus Frankfurt betheuert: „Auch wir theilen das Leid der Einwohner Straßburgs.“

An Improvisatoren darf es in einer deutschen Volksarmee nicht fehlen, wie denn ein Patriot mit ungeübter Hand schreibt:

Auf das Land errungen wieder
Geht rings mein Blick mit Freud’ hernieder.

Andere denken mit gemischten Gefühlen an die wechselvolle Vergangenheit. Ein Baumeister aus Berlin bringt seinem „genialen Obercollegen“ Erwin von Steinbach ein begeistertes Hoch, während ein Ghibelline im Hinblick auf die Statuen der Mönche und der römischen Kaiser versichert: „Der deutsche Kaiser wird nie nach Canossa pilgern.“

Wir lesen in den Blättern dieses Fremdenbuchs wie in den Falten des Menschenherzens. Ein Vater bemerkt mit zitternder Hand, daß er bei Wörth die Grabstätte seines Sohnes gefunden. Ein Anderer widmet eine Zeile dem Andenken seines gefallenen Bruders. Ein treuer Sohn feiert in diesen höheren Regionen den Geburtstag seiner Mutter, und ein Lächeln beschleicht uns, wenn wir die Grüße lesen, die ein Glückskind an die Geliebte in der Heimath schickt.

Im April 1871 finden wir unter den Namen einiger würtembergischen Soldaten die Randbemerkung in correcter französischer Sprache: „A notre retour de la captivité.“ Mit Unwillen betrachte ich die orthographischen Fehler und die pöbelhaften Witze in den Einzeichnungen meiner ehemaligen Landsleute, der französischen Kriegsgefangenen. Wie einst die Emigranten, haben sie in den Mußestunden der Verbannung nichts gelernt und nichts vergessen.

Durch das Zusammentreffen von französischen Soldaten und deutschen Besuchern entstehen selbst hier in luftiger Höhe homerische Kämpfe, welche mit flammenden Worten und geharnischten Liedern zu Gunsten des deutschen Reichs ausgefochten werden. Mit dem Feldgeschrei: „Es lebe Deutschland hoch!“ warf eine pfälzische Velleda den Zankapfel zwischen beide Nationen. Sogleich drängten und drückten sich unter diese Inschrift ganze Gruppen von Namen, als wollten sie fest und treu Wacht an diesem Palladium stehen oder den trotzigen Feind durch die Wucht ihrer Flankenumfassungen zu einer schimpflichen Capitulation zwingen. Allein mit dem Rufe: „Vive notre France bienaimée!“ nahmen die Stimmführer des französischen Häufleins den Fehdehandschuh auf. Eifrig gesellten sich die Elsässer zu ihren fränkischen Waffenbrüdern und selbst Jungfrauen setzten neben ihre deutschklingenden Namen das herausfordernde Wort Française. Von bonapartistischen Aeußerungen fand ich keine einzige Spur. Desto lauter ließen die Tribunen der einen und untheilbaren Republik ihren Schlachtruf ertönen: „Es lebe die Freiheit! Vivre libre ou mourir!“ Ein Schalk in französischer Uniform begleitet die patriotischen Wünsche der elsässischen Bürgerinnen mit den wohlgemeinten Worten: „Es leben auch die Gänschen, die Solches geschrieben!“ Die unedeln Bemerkungen der garibaldianischen Schützen erinnerten mich lebhaft an die Prahlereien der Jäger in Wallenstein’s Lager.

Mit Wohlgefallen ruht mein Blick auf den letzten Zeilen, welche meiner so schwer geprüften Vaterstadt gewidmet sind.

„Gegrüßt seist du, die nach so manchen Stürmen
Zurückgegeben nun dem Vaterland!
Bald reichst von deines Münsters stolzen Thürmen
Versöhnten Sinns du uns die Bruderhand.“

Mit diesem Wunsche und einem leisen „Das walte Gott!“ verlassen wir das historisch gewordene Wächterstübchen und begeben uns auf die herrliche Plattform,

  wo Goethe
Im Jugendmuth gehaust,
Im Herzen seine Grete,
Im Kopfe seinen Faust.

Hier wurde Straßburg vor einem Jahrhundert auf dem Gebiete des Sprachenkampfs dem deutschen Volke zurückerobert. Hier versammelten sich die oberdeutschen Dichter an schönen Sommerabenden, „um mit gefüllten Römern die scheidende Sonne zu begrüßen“. Oefters noch kehrten sich ihre Blicke nach Norden, wo ihnen Friedrich, der Polarstern, leuchtete, um welchen sich Deutschland, Europa, ja die Welt zu drehen schien.

Noch bemerken wir auf der südöstlichen Seite des Thurmes die gefeierten Namen der deutschen Dichter Goethe, Klopstock, Schubart etc. Durch den Humor des Zufalls ist der Name ihres Nebenbuhlers Voltaire, den wir auf der rechten Seite des Uhrenblattes lesen, vom Blitzstrahl verstümmelt worden. Die Sylbe VOL wurde weggeschlagen, so daß nur das bedeutsame Wörtlein TAIRE übrig blieb. Diesem Omen zum Trotz ließen die freisinnigen Straßburger den Namen ihres weltberühmten Gastes wieder herstellen. – Im Innern der schlanken Pyramide, der Uhr gegenüber, betrachten wir die Inschrift, welche vor einem Jahrhundert die Straßburger Freunde als ein Denkmal ihres schönen Zusammenlebens in den Stein hauen ließen. Ueber der historisch gewordenen Stelle prangt der Name der Stadt Leipzig. Hier diese wortgetreu abgeschriebene Inschrift:

G. & F. COMITES DE STOLBERG.
GOETHE. SCHLOSSER. KAVF-
MANN. ZIEGLER. LENZ.
WAGNER. V. LINDAV. HERDER.
LAVATER. PFENNINGER.
HAEFELIN. BLESSIG. STOLZ.
TOBLER. ROEDERER. BAS-
SAVANT. KAISER. EHRMANN.
M. M. ENGEL.0 1776.

Mit Recht bemerkt Uhland in seiner Münstersage, daß der alte Dom erdröhnen mußte, als der jugendkecke Goethe die schwindelnde Höhe der Pyramide bestieg. Bei diesem Denkmale der mittelalterlichen Kunst erhielt der damals noch für Voltaire begeisterte Dichter die Gewißheit, daß einst das deutsche Volk ein großes gewesen. Auf den Jugendbildern des Straßburger Studenten und des Gastfreundes von Sessenheim ruht ein Gefühl des Heimwehs, welches an der Sehnsucht der deutschen Schriftsteller nach dem verlorenen Bundeslande großen Antheil hatte.

Auch für die elsässischen Dichter wurde der breite Altan des Münsters eine deutsche Oase mitten in der romanisirten Garnisonsstadt. In dieser Erinnerungshalle gelobten sie, das Familienkleinod der Muttersprache treu zu bewahren, um die politische Abtrennung nicht zu einer nationalen Entfremdung ausarten zu lassen. Der Name „Erwinia“ wurde das Losungswort der elsässischen Sängergilde, welche dem verehrten Bannerträger das Zeugniß gab:

„Strahlt nicht der Münster sinniger und reiner,
Seit du ihn deutetest, den deutungsreichen?“

In den „Deutschen Stimmen aus dem Elsaß“ finden wir mehrere Gedichte, welche auf der Münsterkrone, im Hinblick auf das stammverwandte Deutschland, entstanden sind.

Als man vor einigen Wochen die Einweihung der neuen Straßburger Bibliothek mit dem hundertjährigen Gedächtnißfeste der Doctorpromotion Goethe’s verband, da traten wir mit bewegtem Herzen vor die oben erwähnten Inschriften und wiederholten die Worte unseres Altmeisters:

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.“

Ein Elsässer.