Eine Negercolonie in Canada

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Titel: Eine Negercolonie in Canada
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 687-689
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Negercolonie in Canada.

Einer der interessantesten Plätze, welche der Reisende in Nordamerika besuchen kann, ist die Colonie freier Neger zu Buxton in Canada. Etwa vor neun Jahren brachte Rev. William King, ein Irländer und presbyterianischer Geistlicher, der früher in Louisiana wohnte und mehrere Sclaven zur Verrichtung häuslicher Dienste besaß, nachdem sich deren Zahl durch die Heirath seiner Frau auf fünfzehn vermehrt hatte, sie alle nach Canada, wo er sie emancipirte. Nicht zufrieden damit und von dem Wunsch beseelt, im Großen den Versuch zu wagen, ob der freigelassene Neger im Stande wäre, sich als Landbauer zu erhalten und seine moralische und sociale Lage zu verbessern, machte sich Herr King zum Haupt und leitenden Führer einer Association, welche zu sehr günstigen Bedingungen einen beträchtlichen Strich Landes übernahm, der ursprünglich zu den von der Regierung den Geistlichen vorbehaltenen Ländereien gehörte. Die sechs englische Meilen lange und drei Meilen breite Strecke wurde vermessen, in einander kreuzende rechtwinkelige Avenuen eingetheilt und zu Ansiedelungsplätzen von fünfzig Acres ausgelegt, von denen jeder die Front einer Avenue berührte. Mit den Auslagen für Vermessung belief sich der Kostenpreis auf 2 Dollar per Acre. Die Gegend war eben, dicht von Eichen, Buchen, Ulmen, Ahorn und weißem Wallnußbaum bedeckt, mit einem Substrat von tiefem, schwarzen [688] Lehmboden. Auf diesem Spielraume sollten die Neger das große Experiment in Angriff nehmen. Jeder Einzelne erhielt eine Farm, nicht als Geschenk, sondern als ihm käuflich übertragenes Eigenthum, wofür er den Kostenpreis in zehnjährigen Raten sammt Interessen schuldig war. Zugleich verpflichtete er sich, innerhalb einer bestimmten Zeit auf seinem Grund und Boden ein Wohnhaus nach einem vorgeschriebenen Modell zu errichten, und mußte sich die nöthigen Ackerbau- und Hausgeräthschaften anschaffen, ohne in dem Unterhalt seiner Familie unterstützt zu werden. Erst nachdem er diese Bedingungen erfüllt und seinen Grund bezahlt hatte, trat er in den rechtmäßigen Besitz seines Antheils ein. Ein Schulgebäude, Lehrer und Unterricht wurden der Colonie unentgeltlich gegeben, eine Kirche von Holz, in welcher Hr. King den Dienst versah und zu der Jedermann der Eintritt offen stand, wurde erbaut und eine Sonntagsschule eingeführt. Das war der Grundriß des Ansiedelungsplanes der Elgin-Association zu Buxton, welche nach Verlauf von sieben Jahren zweihundert Familien von etwa achthundert Seelen zählt.

Buxton liegt etwa dreißig Meilen südwestlich von Chatham und ist drei Meilen von dem Eriesee entfernt. Der Kutscher, der uns dahin führte, war der Sohn eines warmblütigen Irländers, dessen Quäkererziehung seinem impulsiven und gemüthlichen Temperament eine sehr unterhaltende Richtung gab. Während der ersten sieben Meilen bot die Straße einen prächtigen Anblick dar; sie war zum größten Theil von Urwäldern eingezäunt, welche in breiten Tracts zu Landspeculationen angekauft waren. Als wir die Chaussee verließen, um nach Buxton abzubiegen, wurde der Weg schlechter, voll großer Löcher, die bei schlechtem Wetter ihn unfahrbar machen mußten. Zu beiden Seiten aber standen wohlgehaltene Farmhäuser. Während der Fahrt begegneten mir die schwarzen Ansiedler, theils in langen Wagen mit Männern und Weibern bepackt, theils in einzelnen Zwei- und Einspännern und einmal eine reitende Negerfrau, hinter der ein Knabe von 11–12 Jahren saß. Alle begaben sich, wie es scheint, zu einer Methodistengemeinde, für welche die Versammlung einberufen war. Indem wir uns der Colonie näherten, wurde die Einwohnerschaft zahlreicher und wir sahen eine Menge Häuschen, die sich als Mittelpunkt des Ortes darstellten. Nach der Wohnung des Reverend fragend, wies man uns den Weg nach der kleinen Kirche, die in der Nähe stand.

Das Haus des Herrn King ist ein langes Blockhaus, mit einem hohen, steilen Dache und äußeren Fensterläden; ein bedeckter Gang nimmt die ganze äußere Front ein. Im Innern ist es in eine Anzahl durcheinandergehender Räume abgetheilt, die dem Besitzer als Geschäfts-, Sitz-, Speisezimmer etc. dienen. Das Ganze ist einfach, aber sauber und solid. Nicht weit von dem Hause steht das schon erwähnte Kirchlein, Schulgebäude und Posthaus der Ansiedlung, alle von rohem Holz gebaut, während in einiger Entfernung davon sich eine Dampfsägemühle, ein Ziegelofen, eine Eschentischlerei mit Grobschmied, Zimmermann und Schuhladen, nebst dem Krämermagazin des Ortes befinden. Glücklicherweise fanden wir Rev. King, einen Mann von mittlerer Größe und starkem Körperbau, mit einem klugen und freundlichen Gesichtsausdruck, zu Hause und ohne Beschäftigung. Wir erfuhren von ihm, daß es jetzt in der Colonie 200 Familien, deren jede ihr eigenes Haus besitzt, gäbe. Von dem Lande waren 1025 Acres gelichtet und eingezäunt und 200 andere so weit urbar gemacht, daß sie im nächsten Frühjahr bebaut werden sollten. Von den eingezäunten Aeckern waren 354 mit Korn besät, welche einen mehr als gewöhnlichen Ertrag versprachen, 200 Acres mit Weizen, 70 mit Hafer, 80 mit Kartoffeln und 120 mit anderen Gemüsen, wie Bohnen, Erbsen, Rüben. Die Ansiedelung besaß 200 Kühe, 80 Ochsen, 300 Schweine und 52 Pferde; die Zucht der Schafe, deren es wenige gab, gedeiht nicht gut.

Buxton zählt gegenwärtig zwei Schulen, eine für Knaben und eine für Mädchen; die letztere hat nicht nur den unteren Unterricht in Kenntnissen und Handarbeiten zum Zweck, sondern auch eine höhere Ausbildung. Die Zahl der eingeschriebenen Kinder beider Schulen betrug 140. Um die Colonie ganz auf eigene Füße zu stellen, soll der Unterricht, der bis jetzt unentgeltlich war, künftig bezahlt werden. Die Samstagsclasse, die Allen offen steht, wird von 112 Schülern besucht.

Herr King ist einer der Directoren der Elgin-Association und führt als solcher die allgemeine Oberaufsicht über die weltlichen Angelegenheiten derselben; aber seine Thätigkeit ist eine rein berathende, da die Colonisten, so lange sie den bestehenden Regeln über ihre Häuser und Einzäunungen nachkommen, ganz sich selbst überlassen werden. Er ist zugleich ein Missionär der presbyterianischen Kirche von Canada, in welcher Eigenschaft er den Gottesdienst in der Missionskirche des Ortes versieht. Die Neger gehören der Mehrzahl nach der Secte der Baptisten und Methodisten an; viele von ihnen hören aber seine Predigten an, welche immer einen großen Kreis von Zuhörern heranziehen. Ein Viertel der Schwarzen geht überhaupt in keine Kirche und es wird kein Zwang gegen sie ausgeübt. Berauschende Getränke werden in der Ansiedelung weder fabricirt noch verkauft, Trunkenheit ist unbekannt und seit dem Bestehen der Niederlassung wurde nur ein Mensch wegen Verletzung der Gesetze bestraft. Ein Fall unehelicher Geburt ist bis jetzt nicht vorgekommen und die allgemeine Moralität und sociale Verbesserung der Gemeinde im Wachsthum begriffen.

Die Ansiedler sind zum größten Theile flüchtige Sclaven, und ein Drittel davon rein afrikanischer Abstammung. Wenn die Aussage Herrn Kings richtig ist, so ist das Verhältniß der Schwarzen hier viel größer, als in der Provinz im Allgemeinen. Diejenigen unter ihnen, die an den Ackerbau gewöhnt waren und einiges Capital besaßen, um anzufangen, kamen außerordentlich gut fort; sie haben in derselben Zeit und unter gleichen Umständen mehr Land urbar gemacht und größere Verbesserungen angebracht, als die große Mehrzahl der weißen Ansiedler. Denjenigen, die weder über Geschicklichkeit noch Geld verfügen konnten, ging es schwieriger; aber selbst diese haben ihre fälligen Raten regelmäßig bezahlt oder, wenn sie ihnen nachgesehen wurden, das Geld so auf Grund und Boden ausgelegt, daß die spätere Rückzahlung dadurch erleichtert wird. Viele haben ihre Schulden bereits völlig bezahlt und ihre Besitztitel empfangen, andere sind daran, es nächstes Jahr zu thun, und Herr King versichert, daß nach Ablauf der zehn Jahre Alle in den Besitz ihrer Grundstücke treten werden.

In Canada waren durch Hülfe der Regierung zwei europäische Colonien gegründet worden, die eine aus Hochländern zu Notowasaga, nördlich von Toronto, die andere aus irischen, englischen und schottischen Auswanderern zu Ramsey, in der Nähe von Brookville; die Ansiedler in beiden erhielten für eine gewisse Zeit Unterstützungen an Vorräthen, Geräthschaften u. s. w., aber beide gingen zu Grunde. In der Colonie der Hochländer sind 20 bis 30 Männer mit ihren Familien zurückgeblieben, während die Andern davonzogen. Die Ersteren reussirten von dem Augenblick, wo die Regierungshülfe aufhörte. Herr King schreibt den größeren Erfolg der Ansiedlung von Buxton zum Theil dem Umstände zu, daß vorerst einmal die Neger bessere Axtkundige als die Europäer und daher besser befähigt wären, mit den Schwierigkeiten, welche die Lichtung eines starkbewaldeten Landes bietet, zu kämpfen, und sodann, weil die Colonie von Buxton von Anfang an auf sich selbst angewiesen war. Die Neger begriffen vollkommen, daß sie allein von sich selber abhingen, daß sie keine Vorschüsse in Geld, Nahrung oder Kleidern empfangen würden. Ihr Stolz und ihr Selbstvertrauen wurde dadurch wachgerufen, und sie arbeiteten in Folge dessen mit einer Energie, die sonst bei ihnen nicht erwartet wird.

Von den funfzehn Sclaven, welche Herr King mit sich gebracht hat, sind drei gestorben; ihren Platz haben ihre in Canada gebornen Kinder eingenommen. Neun leben noch in Buxton, einer ist in Chatham verheirathet; zwei, Mutter und Tochter, sind in Detroit, aber im Begriff, nach Buxton zurückzukehren. Einer, ein Greis von 65 Jahren, erhielt in Betracht seines Alters einige Unterstützung bei dem Bau seiner Hütte und der Lichtung des Gehölzes. Er ehelichte eine Frau von gleichem Alter und hat sich und sie ohne Beistand erhalten. Wir sahen sein Haus, seinen Garten und sein Kornfeld, die alle gut und blühend waren.

In Gesellschaft von Herrn King und unseres Begleiters von Chatham, machten wir einen Spaziergang durch die Ansiedlung. Der Ort war natürlich kein realisirtes Utopien, noch glichen die Hütten saubern, weißgefärbten Häusern eines Dorfes von Neu-England. Alles war neu, roh und ungeschlacht. Man sah an dem Wege noch himmelhohe, zwei bis vier Fuß dicke Urwaldsbäume stehen, die an dem untern Stamme halb eingehauen und, so weit man kommen konnte, ihrer Aeste beraubt waren. Die Straße war eine bloße breite Linie, die gerade durch den Wald ging, und auf der überall die Wurzeln der Bäume zum Vorschein [689] kamen. Zu beiden Seiten lagen hier und da zerstreut die Wohnungen und Lichtungsplätze der Ansiedler – jene aus unzugehauenen Bohlen bestehend, in der vorgeschriebenen Entfernung von dem Wege, und mit dem zugehörigen Gemüsegarten. Doch fehlte nicht jede Spur von Verzierung. Ueber dem äußern Portale waren oft Ausschnitte angebracht, die mit frischen Hopfenranken versehen waren. Einige der Gärten strotzten von Blumenbeeten, auf denen hochrothe Mohnblumen mit dem Dunkel des Urwalds contrastirten. Wir traten in die Hütte eines Sclaven, der erst vor zwei Jahren Kentucky verlassen, und nach seiner Ankunft hier geheirathet hatte. Die Hütte war kleiner, als das Modell vorschrieb, aber so angelegt, daß sie sich mit der Zeit vergrößern ließ. Innen befand sich eine Frau mit einem Rudel Kindern, die ihren Verwandten gehörten, und welche das Ehepaar bei sich aufgenommen hatte. Mehrere Stühle, ein Tisch, eine große Kiste und der Kochofen nebst Zubehör bildeten das Hausgeräth. Das Familienmahl, Schweinefleisch und Kartoffeln, stand noch auf dem Ofen, während in einem andern Gefäß voll frischen Fettes grünes Korn in den Aehren schmorte. Der Mann war auf der Arbeit im Ziegelofen abwesend.

Ein anderes Haus, das wir besuchten, gehörte einem Manne, der vor vierzehn Jahren aus Missouri entflohen war. Er lebte seit sechs Jahren in der Ansiedlung, und hatte vierundzwanzig Acres Land eingezäunt und im Anbau und sechs andere, die gelichtet waren. Er hatte vier Raten gezahlt und besaß einen Wagen, ein paar Ochsen, eine Stute und zwei Füllen. Er war Vater von vier Kindern und sein ältester Knabe, der vierzehn Jahre zählte, las im Virgil (wahrscheinlich ohne Nutzen). Der Tag war warm und die kleineren Kinder, hier wie überall, waren leicht gekleidet, Beine, Fuß und Arme nackt, mit Oeffnungen in den Kleidern, die der Schneider nicht gemacht hatte. Im Hause fanden wir außer dem gewöhnlichen Bett und Bettzeug, Stühlen, Tisch u. s. w. einen Schaukelstuhl und ein breites neues Sopha. Ein verlangtes Glas Wasser wurde in einem reinen Becher auf einer Tasse gebracht.

Noch reicher war ein drittes Haus, das einer der frühesten Ansiedler bewohnte. Es war geräumiger, mit einem laubumkränzten Portale, hatte ein Vorhaus in der Mitte und ein Zimmer an beiden Seiten. An den Wänden hingen verschiedene hervorstechende Bilder, ein Sopha stand da, ein Teppich lag auf der Erde. Eine allgemeine Erscheinung in allen diesen Hütten war der ungeheure Feuerplatz aus Ziegeln, welcher die beste Stelle an der einen Seite der Stube einnimmt und, wie der Kamin, deutliche Spuren von der Gluth der Flammen aufweist, welche im Winter darin spielen.

Wir sahen nur einen kleinen, und wie man uns sagte, den neuesten Theil der Ansiedlung, der nicht cultivirt war. Unser Aufenthalt konnte trotz der herzlichsten Einladung des Herrn King nicht verlängert werden, und wir verließen Buxton in der Ueberzeugung, daß die Colonie eine glänzende Widerlegung der Behauptungen wäre, welche von den Freunden der Sclaverei gegen die Bildungsfähigkeit der schwarzen Race angeführt werden.