Eine Schulfahrt der Neuenburger Cadetten

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Autor: Stephan Born
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Titel: Eine Schulfahrt der Neuenburger Cadetten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, 50, S. 780–783, 797–801
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine Schulfahrt der Neuenburger Cadetten.

Von Stephan Born.

Eine Nation, die sich selbst achtet, sorgt vor allen Dingen für eine gute Volksschule, denn die Rücksicht, welche die Erziehung der Jugend bei einem Volke genießt, ist der beste Maßstab für seine geistige Entwicklung wie für seine politische Freiheit. Zu den Ländern, welche mit Stolz auf ihre Volksschule blicken dürfen, gehört ohne Zweifel die Schweiz. Ihr ist die Schule sogar mehr als eine nothwendige, sie ist ihre bevorzugteste Institution, ihr vielgeliebtes Schooßkind.

Wie freudig überrascht es den Fremden nicht, wenn er in bescheidenen schweizerischen Dörfern, die jedes architektonischen Schmuckes entbehren, das Schulhaus am vornehmsten Platze seine leuchtende Façade ausbreiten sieht. Breite, bekieste Wege führen ihn zwischen wohlgepflegten Blumenbeeten in diesen, den wahren Palast des Volkes. Tritt er in die geräumigen Hausgänge, in die sauberen Schulsäle, so ergreift ihn urplötzlich ein Gefühl der Erhebung, er weiß sich auf geweihtem Boden. Nichts mehr von jenen finstern Kerkerwänden, zwischen denen wir Alten einst unsere Kinderjahre verseufzt; von jenen Marterbänken, auf denen wir peinvoll und ruhelos zu unserer und des Lehrers Plage hin und her gerutscht. Ein wohlthätiges Licht, frische Luft und ein bequemer Sitz schützen die Jugend vor jenem körperlichen Unbehagen, das zu unserer Zeit eine nothwendige Beigabe zu der geistigen Nahrung war, die wir empfingen.

In kleinen republikanischen Ländern wie die Schweiz verfolgt die Schule mit ihren nächsten Aufgaben zugleich einen wesentlich patriotischen Zweck; denn sie soll dem Vaterlande, das seine Kraft in langen Friedensjahren nicht durch ein zahlreiches stehendes Heer erschöpfen darf, ein schlagfertiges und begeistertes Volksheer erziehen. Sie muß deshalb dem Knaben schon früh die Waffe in die Hand geben, damit er als Mann sie einst ehrenvoll zu führen wisse. Aus diesem Bedürfniß sind die schweizerischen Cadettencorps entstanden. Ohne gesetzlichen Zwang durch die Landesbehörden, als eine freie Schöpfung der einzelnen Gemeinden, gewinnen sie auch so von Jahr zu Jahr eine größere Entwickelung. Die Handhabung der Waffe, den militärischen Gehorsam, lehrt die Schule in frühen Jahren; aber sie soll ihm mehr geben, sie soll sein Herz mit hoher Begeisterung für des Vaterlandes Unabhängigkeit und Ehre, mit inniger Liebe zu seiner [781] schönen Heimath, mit gehobenem Stolz auf seines Volkes blutig erkämpfte und männlich bewahrte Freiheit erfüllen. Deshalb führt die Schule den Zögling aus dem Hörsaal hinaus auf den offenen Plan, auf dem seine Altvordern einst gestritten; sie weist ihm die Trümmer der festen Burgen, die sie gebrochen; die Engpässe, die sie mit dem Beistande ihrer Frauen und Kinder vertheidigt; den Fels, von dem der beflügelte Pfeil die Brust des Tyrannen durchbohrt; das Feld, auf dem ein starkes Herz sich in die feindlichen Speere gestürzt, der Freiheit eine Gasse zu bahnen. Die großen Gestalten einer mächtigen Vergangenheit steigen so aus ihren ruhmvollen Gräbern empor und hauchen ihren Geist in die Seele des bewundernden Knaben. So wird lebendige Geschichte vorgetragen, eine Geschichte, deren Wahrzeichen eingegraben stehen in jedem Fels, in jeder Bergesschlucht, wo ewiges Zeugniß reden die starren eisgepanzerten Wälle mit ihren drohenden Zinnen und Thürmen.

Wie überall der Botaniker und Geologe seine Zuhörer hinausführt in den weiten Lehrsaal der Natur, so unterrichtet die Schweiz ihre Jugend in der Landeskunde, im weitesten Sinne dieses Wortes, durch die in neuester Zeit so sehr in Aufschwung gekommenen Schulfahrten, deren letzte von den Neuenburger Cadetten ausgeführte wir hier zu schildern unternehmen.

Um fünf Uhr Morgens, am 11. Juli 1869, wurde auf dem Bahnhof zu Neuchatel der Appell verlesen. Wir waren siebenundfünfzig Köpfe stark, ein halbes Hundert Schüler, die übrigen Lehrer. An unserer Spitze stand als erfahrener Feldherr der Präsident des städtischen Schulraths, Herr Dr. Guillaume. In der eidgenössischen Armee nimmt er freilich nur den bescheidenen Rang eines Bataillonsarztes ein; die Eigenschaft aber, daß unser Anführer die Wunden zu heilen versteht, die seine Helden schlagen oder empfangen, machte ihn uns nur um so kostbarer. Der Feldzug, den wir unternahmen, hatte übrigens durchaus keine kriegerische Aufgabe; ihre Waffen hatte die jugendliche Truppe mit friedlichen Alpenstöcken vertauscht, und der leichte Tornister barg wohl neben den unentbehrlichsten Reisebedürfnissen einen Wurstzipfel, vom zärtlichen Mutterherzen für besondere Fälle sorglich in eine stille Ecke eingebettet, doch sicher keine scharfen Patronen. Trotz alledem hatte die Mannschaft etwas entschieden Militärisches, als sie, ihre sieben Spielleute mit blinkenden Trompeten voran, in kleidsamer Uniform, auf das Commandowort ihres sechszehnjährigen Lieutenants vor dem bereitstehenden Zuge aufmarschirte. Im Nu war der uns angewiesene Waggon besetzt und fort rollte es in südlicher Richtung.

Kein Jubelruf, kein fröhliches Jauchzen, wie ich es wohl erwartet hatte, da die seit Wochen geplante Fahrt nun endlich zur Wirklichkeit wurde. Eine fast feierliche Stimmung lag auf den Herzen, es galt freilich nichts Kleines: eine Fahrt von längerer Dauer als jede vorhergegangene, über Schnee und Eis, eine Fahrt in die Alpen! - Wohl brauchte es eine gute Weile, ehe sich die jungen Gemüther an den Gedanken gewöhnten, daß der Traum nun zur Wahrheit geworden. Aber nach und nach brach sich der Bann -: „wir fahren, wir fahren!“ das war der Jubeltext, der schüchtern erst, dann deutlicher und heller über die Lippen drang, ein buntes Geplauder, ein neckendes Zwiegespräch erwachte auf allen Bänken; mit einem kräftigen Marsch setzen plötzlich die sieben Trompeter ein, und hurrah! Jetzt freilich herrscht kein Zweifel mehr: wir fahren, wir fahren!

Schon bei früheren Ausflügen hatte man für die erste Strecke die Eisenbahn benutzt. Hier in Granson, dessen epheuumrankter Kirchthurm uns eben entgegewinkte, war man vor zwei Jahren ausgestiegen und ein gelehrter Obristlieutenant vom eidgenössischen Generalstab hatte mit den Cadetten das Schlachtfeld besucht, auf dem vor vier Jahrhunderten Karl der Kühne eine so blutige Niederlage erlitten. Damals ging es zu Fuß nach Yverdon, dann um den Neuenburger See herum nach dem Schlachtfeld bei Murten. Heute heißt es die Kräfte sparen zu bevorstehenden größeren Unternehmungen, fort rollt es und weiter, und wie in einer Spatzenhecke wird es fröhlich und lebendig in dem Waggon. Dazu blasen die Sieben ihre schönsten Melodien und den Alten lacht das Herz im Leibe über die Freude der Jungen.

Auf der Höhe des Jorat, der Wasserscheide des Mittelmeer- und des Nordseegebiets, drängen die Köpfe sich an die Wagenfenster; nicht weit von Lausanne endlich tauchen die schöngeformten Linien der Savoyer Alpen herauf und ein Freudengeschrei begrüßt den mit Spannung erwarteten Genfersee.

In Lausanne wird der Aufenthalt von einer Stunde zur Prüfung der im Tornister verborgenen eßbaren Herrlichkeiten benutzt, denn das Reich des Proviant- und Zahlmeisters beginnt erst am Ziele unserer Eisenbahnfahrt. Außer dem Beitrag für die letztere, die sich auf ungefähr drei Franken für den Theilnehmer belief, hatte Jeder für die auf fünf Tage berechnete Fahrt zehn Franken eingezahlt, eine Summe, welche für einen fremden Touristen etwa zu einem Nachtquartier und Frühstück ausreicht. Freilich hatten wir von vornherein auf das Vergnügen verzichtet, mit Lord Rumpsteak und Lady Butterfly an der Table d'hôte zu sitzen und uns von deutschen Jünglingen in schwarzem Frack und weißer Cravatte bedienen zu lassen. Mit Ausnahme von Bex, unserer ersten Station, sollte der Heuboden unsere Schlafstätte und der gute Appetit unser Kellner sein.

Hier ist es am Orte, unsern Feldzugsplan einen Augenblick zu betrachten. Wir hatten die Aufgabe, von Bex im Rhonethal aus, wohin die Eisenbahn uns ohne Aufenthalt beförderte, den nordwestlichen Ausläufer der Kette des großen Muveran und der Dent de Morcle zu erreichen, von dort aus an die südöstlichen Abstürze der Diablerets zu gelangen, den Pas de Cheville zu überschreiten, dann, den Saumpfad verlassend, der wieder zurück in’s Rhonethal nach Ardon und Sitten führt, einen Uebergang nach dem Sanetschpaß zu suchen, von dort hinabzusteigen in’s Saanenthal im Canton Bern, um dann den Heimweg über Chateau d'Oeux, Freiburg und Murten anzutreten. Der vornehmste Zweck des Unternehmens war, die Schüler, welche in ihrer Mehrzahl auf dem Jura zu Hause waren, mit der Alpennatur, ihren Schönheiten und Schrecken bekannt zu machen.

Gegen Mittag verließen wir die Waggons in Bex und zogen mit schmetternder Fanfare in das kleine Städtchen, wo uns die Spitzen der Einwohnerschaft freundlichst empfingen und aufforderten, für die Nacht Quartier anzunehmen und am nächsten Tage dem Schul- und Cadettenfest des Ortes beizuwohnen. Diese Einladung wurde dankbar angenommen, da sie vortrefflich zu unserem Plane stimmte, wonach wir den ersten Tag zu einem Ausflug in die Umgegend von Bex zu benutzen gedachten.

Im Hôtel de l'Union, in dessen Garten wir die Tornister ablegten, wurde das erste gemeinsame Mittagsmahl bestellt. Auf Anordnung des Obercommandos sollte dabei, trotz mancher Einwendung des gutmüthigen Wirths, jeder Luxus vermieden werden; für solchen galten selbst Tische, Bänke und Teller. Ein halbes Dutzend mächtiger Schüsseln wurden auf den Rasen gesetzt, Löffel herumgereicht, und nun suchte Jeder sich einen Platz um die dampfende Kässuppe, liegend, knieend oder auf einem Tornister hockend, und schöpfte von der nährenden Speise, so viel ihm beliebte oder die neckenden Nachbarn ihm zukommen ließen. Es wurden Alle gesättigt. Ein feines Bürschchen, „guter Eltern Kind“, machte zwar die unehrerbietige Bemerkung, daß ihm der Käse ohne die Suppe, oder die Suppe ohne den Käse lieber wäre; aber er bewies damit nur, daß seine Wiege nicht zwischen Jura und Alpen gestanden. - „Mit einer solchen Suppe ginge ich bis Rom,“ rief Freund Bachelin, dem wir eine Skizze dieses Festmahls verdanken, dem Muttersöhnchen mit sittlicher Entrüstung zu. Jeder Versuch einer weiteren Kritik war damit glücklich abgeschlagen.

Der Nachmittag wurde zu einem Spaziergang nach den Salinen benutzt, die etwa anderthalb Stunden von Bex entfernt sind. Kurz vor dem Ziel machte man Rast auf schattigem Wiesengrunde. Vor uns lag sonnenbestrahlt in schimmernder Pracht die weiße, weithin leuchtende Dent du Midi; zu unserer Linken streckte die Dent de Morcle ihre zerklüfteten Flanken hinab in's Thal. Hier war der Ort, sich mit den jungen Leuten über die gewaltigen Erdumwälzungen zu unterhalten, deren Zeugen uns rings umgaben. Es geschah dies weniger in Form eines Vortrages als in der eines Gesprächs, an welchem mehrere Lehrer sich gegenseitig ergänzend betheiligten. Nun erst wurde der Besuch der Saline, deren Existenz mitten in einer Alpenschlucht zu vielen Fragen Veranlassung geben mußte, wahrhaft fruchtbringend.

Diese Salinen standen eine lange Reihe von Jahren unter der Direction Charpentier’s, des Begründers der Gletschertheorie. Er gehörte der berühmten Geognostenfamilie Charpentier in Freiberg in Sachsen an, und Deutschland darf ihn mit Recht zu denjenigen seiner Söhne zählen, welche ihr Vaterland in der Fremde ehrenvoll vertreten haben. Seinem wissenschaftlichen [782] Wirken wurde ein sinniges Denkmal gewählt in einem ungeheuren erratischen Block, auf welchem dankbare Schüler und Verehrer seinen Namen eingraben ließen.

Um den Cadetten, nachdem sie aus dem tiefen Schacht des Bergwerks wieder an’s Tageslicht getreten, ein vollständiges Bild von der Gewinnung des Salzes zu geben, führten wir sie auf dem Rückweg nach Bévieux, wo die aus dem oberen Werk über eine Stunde weit unterirdisch hingeleitete Soole abgedampft und das fertige Salz erzeugt wird.

Als wir am Abend in Bex wieder eintrafen, wurden die Quartierbillets in Empfang genommen, und es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß die schweizerische Gastfreundschaft die Gelegenheit wahrnahm, einen ihrer schönsten Triumphe zu feiern. Um neun Uhr, mit dem Zapfenstreich, ging die Jugend zu Bett, denn sie sollte um vier Uhr wieder auf den Beinen sein. Wir Alten saßen noch eine Weile unter dem herrlichen Nußbanm vor dem Hôtel de l’Union, die Blicke weidend an dem vom Monde beschienenen Gipfel der Dent du Midi, bis auch uns der Gedanke an die Mühen des nächsten Tages zur Ruhe drängte.

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Das erste Mittagsmahl auf der Schulfahrt der Neuenburger Cadetten.
Nach der Natur aufgenommen von Bachelin.

Das war ein Leben und Treiben am folgenden Morgen! Wer hätte gedacht, daß das kleine Städtchen einen so reichen Kindersegen beherbergte? Sämmtliche Insassen der Ortsschule, Mädchen und Knaben, warteten in sonntäglicher Pracht auf das Zeichen zum Aufbruch. Der Musik an der Spitze des Zuges folgte die weibliche Jugend mit Blumen und Kränzen freundlich geschmückt; ihr zunächst war unserer Schaar, als den fremden Gästen, der Ehrenplatz angewiesen; an uns reihte sich dann das Cadetten-Corps von Bex mit blinkenden Waffen, und neben und hinter dem Zuge drängte sich die Bevölkerung des Ortes selbst und der weiten Umgegend. Unter Musik, Jubelruf, Hüte- und Tücherschwenken traten wir den Marsch an.

Welch’ ein Weg! Dem Ufer des brausenden Avençon folgend, führt er zu Anfang durch einen herrlichen Kastanienwald; höher anstrebend erreicht er die Region der Tannen, immer wilder, toller und rasender, je höher wir steigen, geberden sich unten die Wasser; da führt eine Brücke links über den wüthenden Bergstrom nach einem grünen Gelände und wir treten in das Hochthal des Plans. Dieses Vallée des Plans, das glücklicherweise noch nicht Mode geworden, aber wahrscheinlich diesem Schicksal nicht lange mehr entgehen wird, mit seinen saftiggrünen Matten, zwischen die Kette des großen Muveran und die Felsenzacken der Argentine gebettet, die es gleich einem geliebten Kleinod goldig umschließen, ist von so überwältigender und zugleich so rührender Schönheit, daß man noch lange in der Erinnerung in seinem Zauber gefangen bleibt.

Unser Festplatz lag eine halbe Stunde weiter und zugleich einige hundert Fuß höher, auf Pont de Nant, etwa viertausend Fuß über dem Meere, mit einem Blick auf die nahegelegene Dent de Morcle, den Martinetsgletscher und den Gletscher von Plan-Névé. Der Charakter der Landschaft war hier wegen der unmittelbaren Nähe der Hochgebirge schon wilder und rauher als im Vallée des Plans.

Wo irgend ein Fels, ein Baum Schatten gewährt, lagern sich jetzt malerische Gruppen; aus den mitgebrachten Körben und Beuteln entsteigen Flaschen und Eßwaaren, ein centnerschwerer Käse von der Größe eines Mühlrades wird im Nu kunstfertig zerlegt und unter die hungrige Schuljugend vertheilt. Elegante Wagen schleppen allmählich sich herauf, hier an den Endpnnkt des [783] Fahrwegs. Schlanke, blasse Engländerinnen und blitzäugige Töchter des Südens haben aus ihren Pensionen in Bex sich hinauffahren lassen und entfalten die neuesten Moden und einen glänzenden Appetit in der frischen Alpenluft. Nach dem Mahle geben die Cadetten von Bex ein militärisches Schauspiel, sie exerciren im Feuer und tausendfältig hallt aus den wilden Schluchten des Gebirgs das Echo ihrer harmlosen Schüsse wider. Hier drehen die Mädchen sich im Tanze, dort in einem fernen Winkel, neben einer halbzerfallenen Sennhütte, hat sich ein Dutzend wackerer Waadtländer zu einer ungebundenen Kneiperei zusammengefunden. Mitten auf dem weiten Plan ist nach Schluß der Cadettenübung ein hoher Felsblock zur Tribüne auserwählt worden, warme patriotische Reden erklingen, ein telegraphischer Gruß an das eidgenössische Schützenfest in Zug wird vorgelesen, feurige Hochs erschüttern die Lüfte. Wir aber lassen zur Sammlung blasen, noch einige Worte aufrichtigen Danks an die guten Eidgenossen von Bex, noch ein Glas zum Abschied, noch ein begeistertes „qu’ils vivent!“ Unsere sieben Trompeterlein blasen ihren rauschendsten Festmarsch und wir ziehen von dannen, während uns noch lange die Echos der Jugendlust auf unserm steilen Wege begleiten.


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Der erste Kranke auf der Schulfahrt und die Ziegenhütte.
Nach der Natur aufgenommen von Bachelin.

Für uns war es hohe Zeit zum Aufbruch gewesen, denn vor Sonnenuntergang sollten wir unser Nachtquartier am Fuße der Diablerets erreichen, und es war vier Uhr Nachmittags. Jetzt wurde die Fahrt erst ernsthaft, wir hatten vor dem Abend des folgenden Tages auf kein wirthliches Unterkommen mehr zu zählen. Das Brod, welches für uns in les Plans gebacken worden, wurde jetzt vertheilt; sechszig Pfund Fleisch trug ein Führer, den wir in Bex gedungen – so ausgerüstet durften wir uns schon in die Einöde des Col de Cheville und des Sauetschpasses wagen.

Während anderthalb Stunden hatten wir streng zu steigen, ehe wir die höhere Thalstufe erreichten, welche den Namen la Varra führt und in einer Ausdehnung von beinahe zwei Stunden nur wenige Sennhütten aufweist. Doch ehe wir zu den letzteren gelangten, wurde einer der Cadetten krank gemeldet. Der arme Junge sah recht blaß aus, als er sich ruhebedürftig auf den Boden hinstreckte und den Kopf auf den Tornister legte. Ein erfrischender Trunk war im Augenblick nicht zur Hand. Da erspähte unser Doctor und Feldhauptmann eine Ziegenheerde und ließ Jagd auf eines der Thiere machen, um dem Kranken mit etwas Milch wieder aufzuhelfen. Für die Kleinsten der Kleinen war diese Jagd natürlich ein Fest, sie brachten auch sogleich mehrere Gefangene an den Hörnern herbei. Das erste Thier freilich stellte sich zum allgemeinen Jubel als ein Böcklein dar, das nächste war dann glücklicherweise eine Ziege, die sich von den geschickten Fingern des Arztes, wenn auch nicht ohne Sträuben, melken ließ. Der Kranke war von dem heilsamen Trank, wenn auch in einem Pommadetopf gereicht, bald hergestellt und schritt munter mit den Anderen weiter. Nach jeder etwas größeren Anstrengung wurde übrigens regelmäßig Halt gemacht und einige Minuten geruht. In solchen Momenten zeigte der Eine und Andere, was ihm etwa auf seinem Wege aufgestoßen:

„War’s eine schöne Alpenblume, war’s
Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
Wie es der Wandrer findet auf den Bergen.“

[797] Wir hatten die Grenze des Baumwuchses längst überschritten und oft genug die Gelegenheit benutzt, unsere Hüte mit Alpenrosen zu schmücken. Die Gegend hatte einen vollständig alpinen Charakter angenommen, und wie freudig war die Ueberraschung, als die Vorhut plötzlich von der Höhe des Col des Essets, sechstausendsiebenhundertdreiunddreißig Fuß über dem Meere, die nachrückende Schaar mit Schneebällen bombardirte! Der Paß mußte gegen die wackeren Vertheidiger mit Sturm genommen werden. Noch eine kräftige Anstrengung und der höchste Sattel war erklommen. Vor uns lag der gewaltige Gebirgsstock der Diablerets, rechts in verführerischer Nähe sandte der Paneyrossaz-Gletscher seinen krystallenen Mantel hernieder in’s Thal, links etwa vierhundert Fuß unter uns, in einer kleinen Stunde Entfernung, winkten die Hütten von Enzeindaz zum Nachtquartier.

„Wer kommt mit auf den Gletscher?“ ruft unser Hauptmann. Etwa ein Dutzend junger Leute schließen sich ihm an, die Anderen ziehen Enzeindaz und der sehnlichst erwarteten Suppe entgegen. Der Tag begann zu sinken, als wir unser heutiges Ziel erreichten. Vor den Hütten saßen die Sennen, vom schweren Tagewerk ausruhend, und Keiner erhob sich, um den ankommenden Gästen entgegen zu eilen. Weder unsere schmetternden Trompeten noch die blauen Uniformen schienen ihnen sonderlich zu imponiren. Neben ihren Bergen, dies war augenscheinlich, gab es für sie nichts Großes auf Erden. Drunten im Thale war alle Welt an die Fenster geflogen, wenn unsere stattliche Truppe nur von ferne sich zeigte, selbst manches Sträußchen war uns von schöner Hand zugeworfen worden. Droben auf der Alp, das sahen wir jedem Gesicht an, waren wir sicher willkommen, doch weit entfernt, unsere Wirthe nur einigermaßen aus ihrem gewohnten Gleichmuth zu bringen. Und hätte ein König mit glänzendem Gefolge an unserer Statt hier zugesprochen, es wäre darum kein größeres Aufhebens um ihn gemacht worden, und der Meister Senn, ein knochiger Alter, an den man uns wies, hätte ebenso gelassen sein Pfeifchen weiter geraucht und nach einem herzlichen „Guten

[798] 
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Die böse Strecke an der Bergwand der Diablerets.
Nach der Natur aufgenommen von Bachelin.

[799] Abend“ Seine Majestät in waadtländischem Patois gefragt, ob er auch Schalen und Tassen für die vielen Mäuler mitgebracht; Milch habe er wohl genug, aber gar wenig Geschirr.

Er machte indessen Feuer auf dem Heerde, hängte einen großen Kessel Milch darüber, und als sie abgekocht war, kamen auch die letzten Wanderer vom Paneyrossaz-Gletscher an. Auch nicht Einer fehlte, da es zum Essen ging, und das halbe Dutzend Schüsselchen und Schalen von verschiedenstem Kaliber wanderte von Mund zu Mund. Es wurde spät, ehe die letzten Sechs abgefüttert wurden, aber sie hatten dann auch den Vortheil, ihr Brod in die warme Milch brocken zu dürfen, was den Ersteren als ein zu zeitraubendes Geschäft nicht gestattet war. Eine zweite Auflage desselben Gerichts blieb nicht aus, zu einem Kännchen Kaffee sogar war Stoff vorhanden, wie der Alte schmunzelnd bemerkte, und als er nun gar noch einige Flaschen Wein herbei zauberte, die er im Frühjahr für fremde Gäste mit auf die Alp genommen, da drückten wir ihm zärtlich die Hände und tranken auf das Wohl des Meisters Senn von Enzeindaz. Die Jungen suchten allmählich ihr Nachtlager auf den Heuböden der zerstreuten Hütten. Ein einziges Bett, gestand jetzt unser Wirth, könne er uns anbieten, und es wurde mir, als dem Aeltesten der Truppe, großmüthigst zugesprochen. Dies Bett war reinlich überzogen, die dürren Blätter, die seinen Hauptbestandtheil ausmachten, waren aufgeschüttelt worden und raschelten bei jeder Bewegung, die meine müden Glieder sich erlaubten; einige Ziegenfelle ersetzten den Luxus der wärmenden Decke. Es wurde stiller und stiller in den Hütten, die Müdigkeit, welche Alle ohne Ausnahme beherrschte, ließ keinen Schelmenstreich aufkommen, der Traumgott allein trieb sein neckisches Spiel mit den jugendlichen Schläfern und nur das Blöken der Heerden und ihr helles Geläut unterbrach die Stille der Nacht.

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Der Rutsch im Schnee auf dem Plateau des Sanetsch.
Nach der Natur aufgenommen von Bachelin.

Um vier Uhr Morgens wurde die Tagwacht geblasen, aller Ecken und Enden krochen fröhliche Gesichter aus dem Heu, das Frühstück war schnell besorgt; die Schalen warmer Milch gingen wieder von Mund zu Mund und ein Stündchen später waren wir auf dem Marsch. Ueber blumige Triften, zwischen weidende Heerden führte dieser Pfad, erst sanft, dann steiler ansteigend, nach dem Col de Cheville, der Grenze von Waadt und Wallis. Wir waren seit Beginn unserer Reise vom schönsten Wetter begünstigt, wiederum war kein Wölkchen am Himmel, und die weißen Firnen der Diablerets schimmerten und glitzerten unter den schrägen Strahlen der Morgensonne. Von der Höhe des Passes bot sich uns plötzlich das schauerlich ergreifende Bild des von den Trümmern der Diablerets verschütteten weiten Thales. Auf den Diablerets ereignen sich bekanntlich zuweilen ungeheure Felsstürze, wie deren im Jahre 1714 in einem Bezirke von drei Stunden unter fürchterlichem Dampfen und Krachen niedergingen und in sich mehrere Hütten, Heerden und sechszehn Alpenhirten begruben. Sie zerstörten viele große Wälder, welche als Dämme gegen Schneelawinen gedient hatten, herrliche Weiden lagen heute noch unter den haushohen Felsenblöcken begraben und die Hirten erzählen sich schauerliche Geschichten von schrecklichen Kämpfen, die nächtlich zwischen Walliser und Waadtländer Teufeln auf den Trümmern der Diablerets stattfinden und wobei die Steine als furchtbare Geschosse hin und wider fliegen.

Rührend ist die Erzählung von einem der Hirten, welcher bei diesem entsetzlichen Bergsturz auf wunderbare Weise sein Leben rettete. Eine breite Felswand hatte sich nämlich quer über seine [800] Hütte gelegt, ohne dieselbe einzudrücken. Er beschloß, sich einen Ausweg an’s Tageslicht zu schaffen, und grub Wochen und Monate, während er sich mit dem Käsevorrath ernährte, der in seiner Hütte lag, und seinen Durst an einem Wasserfaden stillte, der durch dieselbe rieselte. Nach einem Vierteljahre endlich sah er sich am ersehnten Ziel. Bis zum Schatten abgemagert erreicht er sein heimathliches Dorf Avent, wo die entsetzten Einwohner vor ihm als vor einem Gespenst entfliehen, bis ein zitternder Priester es wagt, unter Beschwörungsformeln sich ihm zu nahen, ihn wieder erkennt und den Seinen zuführt.

Als wir auf die walliser Seite hinabstiegen, war es noch ziemlich früh am Morgen, und wir ahnten nicht, daß die Hirten, mit denen wir zusammentrafen, die letzten menschlichen Wesen waren, welchen wir in den nächsten zwölf Stunden begegnen sollten. Wie fröhlich hüpften die Kleinen über Geröll und scharfkantige Steine jetzt hinab in das todeseinsame Thal! Nicht ganz so munter schritten die Großen, ich darf es ehrlich gestehn; doch für die gemarterten Füße gab die kühle Fluth des Sees von Derborence ein erquickendes Bad. Diesen See, den der Bergsturz durch Stauung der Lizerne gebildet, die hinabströmt in’s Wallis, hat Calame durch eines seiner unsterblichen Bilder verherrlicht. Wie ein schwermuthvolles Auge blickt die grüne Tiefe aus der weiten, trostlosen Einöde.

Bis hierher waren wir einem Pfade gefolgt, den hier und da auch ein Touristenfuß betritt, um über den Pas de Cheville in’s Rhonethal zu gelangen. Wir aber gedachten die vor uns sich erhebende steile Gebirgswand zu erklimmen, um von dort aus über den Sanetschpaß in’s Bernerland hinabzusteigen. Keiner von uns hatte eine klare Vorstellung von der Aufgabe, die wir uns gestellt; unser Führer übernahm deshalb jetzt die Leitung des Zuges, ohne daß wir Erwachsenen die Verantwortlichkeit darum minder gefühlt.

Noch einmal ging es über die Felsentrümmer der Diablerets, jetzt aber aufwärts. Nach zwei Stunden befanden wir uns in einem engen Gebirgskessel, in welchem die Milliarden Atome eines aus ungeheurer Höhe herabstürzenden Staubbachs zu einem schäumenden Wasser sich vereinigen. Hier wurde das Mittagsmahl eingenommen. Flugs war das mitgebrachte Fleisch zerschnitten und vertheilt, und wer kein Brod mehr hatte, bekam immer noch etwas von seinem Nachbar; einen kühlenden Trunk schöpfte man aus dem Bach.

„Wir haben jetzt eine böse Strecke zu überwinden,“ sagte der Führer zum Doctor. Sie war in der That „böse“. Schon der erste Angriff auf die vor uns anstrebende Bergwand ließ manches Herz ungestümer pochen, denn unter den Tritten der Ersten, welche sich mühsam geung mit Anwendung von Händen und Füßen an der Felsmasse hinaufzogen, rollten gewaltige Steine hinunter und drohten die nachfolgenden Kletterer zu tödten, wenn nicht ein rechtzeitiges Commando der Linie der Ansteigenden eine schräge Richtung anbefohlen hätte. Dies jedoch war nur das Vorspiel des wirklichen Drama’s, das uns erwartete; denn plötzlich befanden wir uns vor einer thurmhohen senkrechten Kalksteinwand, deren hie und da zu Tage tretende Schichtenköpfe von etwa vier Zoll Tiefe sich als einzige Stützpunkte für Hände, Füße oder Kniee anboten. Die Gemsjäger, welche diese Felsentreppen benutzen, heißen sie den porteur de bois. In aller Stille wurden die Rollen unter den Lehrern vertheilt: je einer derselben folgte einer Anzahl Cadetten, von denen die gewandtesten vorangeschickt wurden. Auf die erste Stufe, die mindest gefährliche, weil am tiefsten in den Felsen eingeschnitten, mußte Einer nach dem Andern gehoben werden, da sie für ein gewöhnliches Menschenkind sonst nicht leicht zu erreichen war. Von hier ab hieß es, die Sprossen der Felsenleiter je nach den Verhältnissen sich selber wählen. Langsam, aber stetig ging es aufwärts; nur wo die Noth es gebot, einem ängstlichen und deshalb allzuhastigen Kletterer mehr Ruhe anzuempfehlen oder ihm eine sicherere Stufe zu weisen, fiel ein ermahnendes, freundliches Wort. Mancher herrliche Zug von Aufopferung kam hier zum Vorschein. Auf eine der schwierigsten Stellen hatte sich ein fünfzehnjähriger Held, nachdem er als der Erste das schwindelnde Ziel gewonnen, wieder zurückbegeben. Sich mit einer Hand an einem Vorsprung festhaltend, reichte er die andere den Nachkommenden hülfreich zu, nahm ihnen die hier nur zu lästigen Stöcke ab, langte sie einem höher Postirten zu und bog sich oft mit dem ganzen Oberleib tief hinunter, um auch den kürzeren Arm eines kleineren Cameraden noch zu erfassen und dem Erschöpften hinaufhelfen zu können. Seinem vortrefflichen Beispiele folgten dann Andere; zwei, drei legten sich als Vorspann an einen langen Alpenstock und ergötzten sich daran, einen armen, keuchenden Nachzügler die obersten Stufen hinaufzuziehen. Endlich erschienen auch der Doctor mit dem Führer als die Letzten, und Beide wurden mit begeistertem Zuruf empfangen. Man fühlte allgemein, daß man etwas Rechtes brav überstanden hatte, und schritt dann um so muthiger dem freilich noch fernen Ziele zu. Als endlich nach zweistündigem anhaltenden Steigen der über achttausend Fuß hohe Kamm des Gebirges gewonnen war, von wo ein prächtiges Schneefeld hinabführt auf das Plateau des Sanetsch, da kannte der Jubel keine Grenzen, und die Freuden des Winters wurden im Hochsommer mit einer glänzenden Rutschpartie vorausgenossen. Im Nu waren die Stöcke unter die Beine genommen und sausend ging es die geneigte Fläche hinunter.

Auf den Rutsch im Schnee folgte ein stilles Hinbummeln ohne Sang und Klang, ohne Excursionen nach rechts und links, ein Zeichen herannahender Ermüdung. Die Vegetation war außerordentlich dürftig geworden, die Rhododendronbüsche waren längst verschwunden und nur hier und da erfreute ein seltenes Edelweiß mit seiner sammetnen Blüthe den glücklichen Finder. Dunkelbraune Schiefergebirge stiegen jetzt zu unserer Rechten empor und ihre finsteren senkrecht abstürzenden Wände schienen auch einen Schatten auf die eben noch so fröhlichen Herzen zu werfen, als plötzlich ein neues Ereigniß dem Geiste frische Spannkraft verlieh. Wir waren an die Morge gelangt und suchten lange vergeblich nach einer Furth. Der Sanfleurongletscher, aus welchem dieser Bach entspringt, hatte in Folge der glühenden Tageshitze dem Wasser reichlichere Nahrung gegeben und nun galt es, dasselbe zu durchwaten. Schuhe und Strümpfe wurden ausgezogen, der natürliche Trieb mit dem Wasser zu pantschen und zu plätschen, so unwiderstehlich er für den lieben Bengel sonst ist, war hier schnell abgekühlt, denn der Bach, welcher den Erwachsenen selbst an die Kniee reichte, wies nur drei Centigrad auf dem Thermometer. Der letzte Rest des mitgenommenen Proviants wurde hier vertheilt und vorwärts ging es sogleich, um etwaigen Erkältungen vorzubeugen.

Ueber den glattpolirten Boden des Gletschers, der ehemals das ganze Plateau bedeckt hatte, eilten die Bursche wie tanzend; über Schrunden und Risse setzten sie in hohem Bogen mit Hülfe des Alpenstocks. Einige von uns älteren Cameraden bildeten die Nachhut, aus Sorge, daß Niemand zurückbleibe. Da stießen wir auf eine rührende Scene. Vor uns her zottelte wehselig mit hängendem Kopfe ein schon etwas größerer Knabe, von den beiden Kleinsten der Schaar wie der greise Jakob von seinen Enkeln geführt. Sie hatten ihm einen Theil seiner Bürde abgenommen und gaben sich die erdenklichste Mühe, seinen gesunkenen Muth wieder aufzurichten, indem sie ihm ein verführerisches Bild von dem gar nicht mehr weiten Nachtquartier vormalten, wo er dann in einem molligen Bett sich so herrlich ausruhen könne. Wie die schützenden Engel walteten die Kinder um den großen Jungen. Da, wo die Steine gar zu glatt und abschüssig waren, hielten und stützten sie ihn wie ein zages Lamm. Wir ließen sie ruhig gewähren, uns innerlich über die Scene ergötzend; denn wir hatten die Erfahrung gemacht, daß die momentane Schwäche Einzelner durchaus nicht physischer, sondern nur moralischer Natur war. Nach einer halben Stunde hatte der Muth solcher geistig Maroden stets wieder neue Schwingen erlangt und der eben noch Verzagende stand dann in den vordersten Reihen. Solche Wunder bewirkt die reine Gebirgsluft.

Gsteig, unser Tagesziel, war indessen noch vier Stunden entfernt und der Führer drängte nach vorwärts, damit wir von der Nacht nicht überrascht würden. Wir befanden uns endlich auf Berner Gebiet. Wohl ein halbes Dutzend Bäche, welche die Quellen der Saane bilden, hatten wir überschritten und dabei auch einen der kleinsten Knaben auf der Schulter hinübergetragen, die Schatten des Abends mahnten zur Eile. Wie von der Gemmi hinab nach Leuk, so führt hier ein endloser Zickzackpfad hinunter nach Gsteig, nur daß jener, weil täglich von zahlreichen Touristen betreten, möglichst gut in Stand gehalten wird, während den Sanetsch hinab das kantige Steingeröll den hartgeprüften Füßen nirgends eine feste Stütze bietet. Solche Zickzackwege fordern die menschliche Geduld und die Kraft der Kniee auf tückische Weise heraus. Bei jeder Wendung vermeint man, das Ziel vor Augen [801] zu sehen, und ewig und ewig wiederholt sich dieselbe Marter, dieselbe Pein. Wir hatten die Vorhut angewiesen, wenn wir spätestens vor Anbruch der Nacht Gsteig nicht erreichen sollten, uns Licht entgegenzusenden.

Glücklich hatten wir auch mit dem Gros der Truppe die rauhen Zickzacks zurückgelegt und betraten jetzt einen Wald, das erste Zeichen einer milderen Gebirgsregion, seit wir am Tage vorher von Pont de Nant aufgebrochen. Wie um dies Ereigniß zu feiern, hatten die Erstangekommenen Reisig zusammengetragen, ein Feuer angezündet, die Trompeter spielten auf und munter wurde über die sprühende Gluth gesprungen, bis auch der letzte Nachzügler – die Nacht war plötzlich hereingebrochen – mit Hülfe der weithin leuchtenden Flammen sich eingefunden. In der Ferne zuckten Blitze, und der Führer trieb mehr und mehr zur Eile. Wir schlossen uns eng an einander, so weit es der schmale holperige Weg durch den Wald gestattete. Bald sah man die Hand nicht mehr vor Augen, und nur, wenn der düstere Schein des Wetterleuchtens auf eine Secunde den Wald erhellte, wagte man es, den Fuß sorglos weiter zu setzen. Wir hatten so während einer halben Stunde, dem Rufe des Führers folgend, uns fortgetappt, als dieser erklärte, wir dürften nicht weiter, bis er den Weg gefunden, er habe ihn verfehlt. Wir mußten am Ufer der Saane angekommen sein, denn donnernd tobten die Wasser in unserer unmittelbaren Nähe.

Wer an dieser Stelle ausrufen möchte, es sei am Ende tollkühn und vermessen, mit fünfzig Knaben so unberechenbare Fahrten im Hochgebirge zu unternehmen, dem möchten wir erwidern, daß für die Bildung des Charakters nichts wohlthätiger ist als frühe Gewöhnung an Ueberwindung von Schwierigkeiten und Gefahren, und vor allen Dingen, daß es auch eine Vorsehung für Verirrte giebt. Sie sandte uns diesmal im rechten Augenblick den Mann mit der Laterne. Unser verständiger und besorgter Führer hatte wohl gethan, uns Halt zu gebieten, denn es zeigte sich, daß wir nur wenige Minuten von der geländerlosen Brücke über die Saane entfernt waren, die wir jetzt gefahrlos und beruhigten Herzens überschritten.

Um zehn Uhr Abends saß die gesammte Mannschaft in der geräumigen Wirthshausstube des Gasthofs „zum Bären“ in Gsteig vor einer dampfenden Suppe, diesmal ohne Käse, und freute sich des muthig Vollbrachten. Erinnerungen an einzelne Erlebnisse während des wechsel- und genußreichen Tages würzten die Unterhaltung: man gedachte so manches aufopfernden Zuges von Seiten des unermüdlichen Führers Louis Allamand aus Bex, und die Cadetten, ohne jede Aufforderung von den Lehrern, sammelten in aller Stille unter sich ein beträchtliches Trinkgeld, um es dem wackeren Manne noch an demselben Abend zu überreichen.

Es bedurfte keiner weiteren Ermahnung, die Nacht nicht mit Schwatzen zu verbringen. Als kurz nach elf Uhr die officielle Runde auf dem Heuboden gemacht wurde, lag Alles in tiefster Ruhe. Am andern Morgen fand man freilich den Kleinsten auf dem unteren Boden in ruhigem Schlummer. Er war trotz aller Vorsichtsmaßregeln und Warnungen durch das Luftloch hinabgerollt, ohne Schaden zu nehmen, ohne nur aufzuwachen. O seliger Kinderschlaf!

Hier wollen wir von der jugendlichen Schaar uns trennen. Sie hat ihre Hauptaufgabe, die Alpenfahrt, glücklich vollbracht. Auf dem Heimwege, welcher zwei Tage in Anspruch nahm, konnte man, Dank der Sparsamkeit, welche bis dahin gewaltet, streckenweise den Luxus von Leiterwagen, der Eisenbahn von Bulle bis Freiburg, und zum Schluß den Genuß des Dampfschiffes von Murten bis Neuchatel sich gestatten.

Wer sich in der Noth oder der Hast des Lebens noch Herzensfrische genug bewahrt hat, um an dem heranwachsenden Geschlecht, an denen, welche dereinst unsern Platz einnehmen sollen, sich theilnehmend zu freuen, der wird mit uns solchen Schulfahrten eine höhere Bedeutung beilegen. Sie erfrischen Körper und Geist, sie entwickeln bei einfachster Lebensweise heitere Genügsamkeit, sie verlangen ein Vergessen seiner selbst im Dienste des Ganzen, sie wecken innige Freundesbündnisse in jungen Gemüthern, sie fördern die Kunst des Beobachtens und Findens, den freundlichen Anschluß des Schülers an den Lehrer, sie mehren die in der Schule und im Leben erworbenen Kenntnisse, sie veredeln die Liebe zur Heimath. Tausend wohlthätige Keime, welche auf einer solchen Fahrt in die angeregte, empfängliche Seele der Jugend fallen, sind bestimmt, dem Vaterlande dereinst goldene Früchte zu tragen.