Eine Stunde bei Paul de Kock

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Textdaten
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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Eine Stunde bei Paul de Kock
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 327–329
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[327]
Eine Stunde bei Paul de Kock.
Von Ludwig Kalisch.


Paul de Kock, der auch in Deutschland vielgelesene Sittenschilderer des modernen Babels, den ich aber durchaus nicht als Lecture für junge Mädchen in Pensionsanstalten empfehlen möchte, wohnt in einem kleinen Hause auf dem Boulevard St. Martin. Eine dunkle Treppe führt zu seinen Appartements, oder vielmehr zu seinen Zimmerchen, die sehr bescheiden möblirt sind. Er empfing mich mit einem herzlichen Händedruck und führte mich in sein Arbeitszimmer, das zugleich zum Schlafzimmer [328] dient und so eng und so sehr mit Kleidungsstücken und allerlei Geräthe vollgestopft ist, daß es einige Zeit dauerte, bis er einen Stuhl von einem schweren Haufen Gerümpels befreien und ihn mir anbieten konnte.

Ich ließ mich neben ihm vor dem alten bestaubten Schreibpulte nieder und wir fingen an zu plaudern. Ich sagte ihm, daß sein Name in Deutschland sehr bekannt sei, daß man – wenigstens zu meiner Zeit – ihn auf manchen vaterländischen Gymnasien eifriger studirte, als Homer, Virgil, Thucydides und Tacitus, und daß man es ihm zuzuschreiben habe, wenn jetzt in Deutschland so viel praktische Aerzte und Juristen weniger classische Bildung besitzen, als sie sollten.

Er lächelte und bemerkte mit einem gewissen Behagen, daß ihn dies nicht überrasche, er werde in allen Ländern Europa’s gelesen, am meisten jedoch in Amerika. „Und warum sollte man mich denn nicht lesen?“ rief er. „Ich bin heiter und natürlich; ich suche meine Leser zu ergötzen; ich bin ein abgesagter Feind aller heftigen Situationen. Die Schilderungen blutiger Gräuel sind mir auf’s Herzlichste zuwider. Ich will das Zwerchfell erschüttern, aber keine Gänsehaut erregen, und wenn ich zufällig einen Blick in einen Roman von Paul Féval oder gar von Ponson du Terrail werfe, so kann ich in der That nicht begreifen, wie ein französischer Leser eine solche Lectüre verdaulich findet.“

Es schien ihn zu schmerzen, daß die eben genannten Roman-Schriftsteller decorirt seien, während er selbst nach einer literarischen Wirksamkeit von fast zwei Menschenaltern noch kein rothes Bändchen im Knopfloch trage. Um diesen Schmerz zu begreifen, muß man die Bedeutung des Ordens der Ehrenlegion in Frankreich kennen. Es ist eben kein großes Glück für französische Künstler und Schriftsteller diese Decoration zu besitzen, denn sie schützt dieselben nicht immer vor Armuth und Noth, aber es ist ein Unglück für sie, nachdem sie das Schwabenalter zurückgelegt, noch nicht decorirt zu sein. Das Publicum findet nämlich darin den Beweis eines unglücklichen oder auf Abwege gerathenen Talentes. Ausländische Decorationen bieten keinen Ersatz für den Orden der Ehrenlegion, und ich kenne in Paris mehrere Künstler, welche eine beträchtliche Anzahl fremder Decorationen besitzen, dieselben aber nicht tragen, weil sie nicht mit dem Kreuz der Ehrenlegion bedacht worden.

„Man macht mir den Vorwurf des Lasciven, des Schlüpferigen,“ sagte Paul de Kock nach einer Pause; „man thut mir jedoch Unrecht. Ich schildere das Leben und Treiben gewisser Schichten der Pariser Bevölkerung mit kecker Feder und in der Absicht, meine Leser zu erheitern. Man mag dies für ein geringes schriftstellerisches Verdienst halten, und es fällt mir nicht ein darüber zu streiten. Ich schreibe weder für weibliche Pensions-Anstalten, noch für Nonnenklöster; aber ein unsittlicher Schriftsteller bin ich nicht. Ich vertheidige kein Laster, keine Gemeinheit, keine Niedertracht; ich bin kein Advocat des Ehebruchs, des Betrugs, der Gewinnsucht um jeden Preis, und wenn ich die Romane lese und die Stücke sehe, die in den letzten zehn Jahren hier producirt worden, so ist mein Erstaunen über den Vorwurf, den man mir macht, gewiß sehr natürlich.“

Ich gab ihm vollkommen Recht und sagte ihm, um ihn in eine heitere Stimmung zu versetzen, daß ich einst in Deutschland einen Sommermonat hindurch mich fast ausschließlich mit der Lectüre seiner Romane beschäftigte, deren Titel ich ihm nannte.

„Das sind lauter alte Sachen,“ erwiderte er. „Sie haben kaum ein Dutzend Romane von mir gelesen und ich habe deren über hundert geschrieben. Sie sehen,“ fügte er nach einigen Secunden hinzu, indem er auf die Bücherei über seinem Schreibpulte zeigte, „Sie sehen, daß Sie nur wenig, nur sehr wenig von mir gelesen.“

Ich sah zu meiner Verwunderung, daß die Bibliothek beinah ausschließlich aus seinen eigenen Werken bestand, daß er in dem kleinen Zimmer von den zahlreichen Kindern seiner Muse umgeben war und sie mit dem Wohlbehagen eines glücklichen Vaters betrachtete.

„Nicht wahr, ich bin nicht müßig gewesen?“ fragte er mich mit sichtbarer Selbstzufriedenheit. „Ich habe mein erstes Werk vor sechsundfünfzig Jahren veröffentlicht, als ich eben das siebenzehnte Jahr zurückgelegt, und ich bin durchaus nicht gesonnen, meine Feder in den Ruhestand zu versetzen. Das Schreiben ist mir ein Bedürfniß, das ich täglich mit Vergnügen und ohne die allergeringste Anstrengung befriedige.

Er zeigte mir das Manuscript eines Romans, an dem er eben arbeitete, und lächelte sehr vergnügt, als ich die sehr deutliche, fast zierliche Handschrift bewunderte, in welcher nur wenige Worte gestrichen waren.

„Ich corrigire selten ein Wort, fast niemals einen Satz,“ sagte er. „Ich schreibe täglich einige Stunden, und wenn ein Roman vollendet ist, wandert er in die Druckerei. Meine Romane bieten dem Setzer auch nicht die allergeringste Schwierigkeit. Ich fühle nicht, daß meine geistigen Kräfte abnehmen,“ bemerkte er nach einer Weile, „und Sie werden sich überzeugen, daß meine Einbildungskraft noch frisch und lebhaft ist, wenn Sie sich die Mühe geben, meinen jüngsten Roman, Leo Professeur Ficheclaque, zu lesen.“

Er öffnete das Fenster und lud mich ein, mit ihm die Boulevards zu betrachten.

„Meine Wohnung ist sehr klein, aber sehr angenehm,“ sagte er. „Sie bietet mir die Aussicht auf einen der bewohntesten Theile der Riesenstadt. Stundenlang weile ich vor dem geöffneten Fenster und die Vorübergehenden liefern mir die Stoffe für meine Romane. Ich habe aber noch einen andern Grund, warum ich diese Wohnung, die ich vor siebenundvierzig Jahren bezogen, nicht verlassen möchte. Sie befindet sich zwischen zwei Theatern, der Porte St. Martin und dem Ambigu Comique, die ich gern besuche. Sie müssen nämlich wissen, daß ich auch dramatischer Schriftsteller bin und theils allein, theils mit einigen Freunden in Gemeinschaft, über hundert Vaudevilles verfaßt habe. Sie können sich denken, wie unangenehm es mir sein muß, daß Herr Haußmann in seiner unüberwindlichen Verschönerungswuth die sechs Theater auf dem Boulevard du Crime niedergerissen, vor denen jeden Abend das Pariser Volksleben sich auf eine so interessante Weise entfaltete. Jetzt ist es dort still und unbelebt. Paris verschönert sich, das ist wahr; aber ich ziehe das alte Paris vor, dessen lebenslustige, lachende Bevölkerung immer mehr aus dem Mittelpunkte der Stadt nach den äußersten Enden derselben zurückgedrängt wird. Paris ist durch die Neubauten vornehmer, aber auch kälter und ernster geworden. Ich finde, daß man jetzt viel weniger lacht als früher, und das thut mir leid. Als Franzose liebe ich die Heiterkeit und ich möchte nicht, daß wir sie verlieren.“

Er fuhr noch einige Zeit mit derartigen Bemerkungen fort und sagte mir dann, daß er jeden Abend entweder die Theater besuche, oder eine Partie Whist spiele. „In früheren Jahren,“ fuhr er fort, „ging ich häufig in die Chaumière, jetzt besuche ich einige Male des Jahres die Closeries des Lilas, um die lebenslustige Jugend tanzen zu sehen. Der Anblick derselben vergnügt mich und läßt mich die Schmerzen vergessen, die mir die Gicht verursacht.“

Er zeigte mir seine Hände, die von unzähligen Gichtknoten bedeckt waren; als ich ihm aber mein Mitleiden ausdrückte, sagte er lachend, daß er dasselbe nicht verdiene. Er befinde sich sonst sehr wohl, sei noch sehr rüstig und seine Vorliebe für die heitere Jugend zeige ihm deutlich, daß sein Herz noch nicht zusammengeschrumpft. „Nur der ist alt,“ sagte er, „der sich mit der muntern Jugend nicht mehr freut; denn er vergißt, daß er selbst jung gewesen. Ich vergesse es nicht, und wenn ich eine Grisette sehe, die im Tanze dahinfliegt, denke ich an jene schöne Zeit zurück, da ich selber jeden Abend tanzte, nachdem ich den Tag über meine Feder lustig auf dem Papier hatte herumhüpfen lassen.“

Als ich ihm bemerkte, daß man nicht mehr an die Existenz der Grisetten glaube, wurde er fast unwillig.

„Die Grisette ist nicht verschwunden,“ rief er. „Die kleinen zierlichen Wesen, die den ganzen Tag arbeiten, in dem engen Dachzimmerchen ihren Rosenstock pflegen oder ihren Kanarienvogel füttern und nicht viel mehr Nahrung zu sich nehmen, als ihr Kanarienvogel: diese Wesen, sage ich, sind nicht ausgestorben; allein man spricht nicht mehr von ihnen. Die Schriftsteller von heute ziehen es vor, von den Weibern zu sprechen, die sich unverschämt in glänzenden Equipagen spreizen und mit Diamanten bedeckt in den Theaterlogen herausfordernde Blicken um sich werfen. Die Grisette, die ihr Herz oft leichtsinnig schenkt, aber niemals verkauft, lebt nach wie vor in den Arbeitervierteln, wo es viel mehr Tugend und Aufopferungsfähigkeit giebt, als sich unsere Tagesschriftsteller träumen lassen.“

Paul de Kock besitzt ein kleines Gut in dem benachbarten Romainville, wo er die schöne Jahreszeit zubringt und, wie er [329] scherzend bemerkte, sich mit der Horticultur beschäftigt, ohne davon etwas mehr zu verstehen, als irgend ein Pariser, der niemals seinen Stadttheil verläßt. „Ich pflege gern die Pflanzen,“ sagte er, „und finde mich wohl dabei; ob sich aber die Pflanzen unter meiner Pflege eben so wohl befinden, ist eine andere Frage.“

Paul de Kock stammt von einem holländischen Vater und von einer Pariserin, die dieser als Wittwer geheirathet. „Ich habe in meinem Temperamente viel von meiner Mutter und wenig von meinem Vater,“ bemerkte er. „Ich habe nichts Holländisches an mir, wofür ich dem Schöpfer aufrichtig danke. Als ich einst mit einigen meiner holländischen Verwandten einen Tag zubrachte, gähnte ich mich fast zu Tode. Die Holländer sind kalt, phlegmatisch und sehen aus, als ob sie einen Leichenzug begleiteten, und das ist ein hinlänglicher Grund, meine Antipathie zu erwecken.“

Er schüttelte mir derb die Hand, als ich mich von ihm verabschiedete, und äußerte dabei zu wiederholten Malen sein Vergnügen, daß man ihn im Auslande nicht vergesse.

Paul de Kock verräth in seinen Zügen durchaus nicht den Schriftsteller; sein rundes ausdrucksloses Gesicht läßt ungeachtet des grauen Schnurrbartes auf einen Pariser Boutiquier schließen, der sich von den Geschäften zurückgezogen. Als Romanschreiber wird er von der Kritik zu sehr unterschätzt. Es fehlt ihm freilich an Idealität, an höherer Lebensanschauung und er glänzt eben auch nicht durch eine edle Kunstform; er besitzt jedoch eine große Meisterschaft in der Schilderung gewisser Volksschichten und ist reich an komischen und possirlichen Einfällen. Daß er sich oft wiederholt, ist bei dem beschränkten Kreise, der ihm die Gestalten für seine Romane liefert, sehr natürlich; allein es steckt doch in ihm Zeug genug, um selbst einem ernsten Manne einige angenehme Stunden zu bereiten. Ich kenne einen namhaften deutschen Gelehrten, der während eines hartnäckigen rheumatischen Uebels sich an den Romanen Paul de Kock’s gar sehr ergötzte.

Paul de Kock kann sich rühmen, von einem Papste eifrigst gelesen und bewundert worden zu sein. Gregor der Sechszehnte las alle seine Romane und hielt ihn so hoch, daß er an jeden Pariser, der ihm vorgestellt wurde, die Frage zu richten pflegte: „Come sta il caro Signore Paolo de Kock?“ (Wie befindet sich der liebe Herr Paul de Kock?)

Als Lamartine, so erzählt man, bei diesem Papste eine Audienz erhielt, sagte ihm derselbe „Ich höre, daß sie ein Mann von Talent sind und schon manche hübsche Sachen geschrieben haben. Aber wie geht es Ihrem berühmten Landsmann Paul de Kock?“