Eine Weihestunde im Schillerhause in Weimar

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Textdaten
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Autor: Robert Keil
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Titel: Eine Weihestunde im Schillerhause in Weimar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 757–759
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[757]
Eine Weihestunde im Schillerhause in Weimar.
Zum zehnten November, von Robert Keil.

Die Esplanade in Weimar, jetzt Schillerstraße genannt, war ehemals ein mit mehreren Baumreihen bepflanzter Platz, der vom innern Frauenthor am sogenannten Schützengraben entlang bis zum Palais der Herzogin Anna Amalia sich hinzog. Nur wenige einzelne Häuser standen auf diesem Platze, darunter auch ein mäßig großes, einfaches, mit Ziegeln gedecktes Giebelhaus, das im Februar 1802 einem Engländer Mellish gehörte. Schiller, der schon während seines ersten Aufenthalts in Weimar an der Esplanade bei Frau von Imhof gewohnt hatte, mochte an solcher Wohnung, an dem freundlichen Blick auf den Platz und die grünen Bäume Gefallen gefunden haben; er kaufte von Mellish das Haus im Februar 1802 für viertausendzweihundert Gulden und bezog es am 29. April. Es war dieser Einzugstag ein schlimmes Omen für Schiller, denn an demselben Tage entschlief in Clever-Sulzbach seine „treue, liebevolle, immer für ihre Kinder sorgsame“ Mutter. Nur drei Jahre sollte er dieses Haus bewohnen. Er richtete sich darin schlichtbürgerlich, aber für damalige Verhältnisse bequem ein. Im Parterre ließ er seinen Diener und zugleich Schreiber wohnen; die Räume des ersten Stocks wurden die Wohnung der Familie; die Zimmer im zweiten Stock bezog er selbst. Mit besonderem Behagen schrieb er darüber am 7. Januar 1803 seiner Schwester Christophine: „In unserm neuen Hause wird es Euch, wenn Ihr uns einmal besucht, recht wohl gefallen. Es ist sehr heiter und freundlich und liegt sehr angenehm. Freilich haben wir diesen Sommer mit dem Bauen viel Schererei gehabt und große Kosten, auch das Ameublement hat gekostet, aber jetzt freuen wir uns auch dieses Besitzes und fühlen das Angenehme einer eigenen unabhängigen und bequemen Wohnung, weil wir uns während unserer ganzen Ehe immer in diesem Stück haben behelfen müssen.“

Dort vor dem Hause war es, wo sich die herzliche Scene zutrug, die dem wackern Schauspieler Genast aus seiner Kinderzeit unvergeßlich geblieben. Während der ihm unbekannte große Mann mit langen Armen und langem Rock, hagerm Gesicht, gebogener Nase und bloßem Kopf an der Esplanade mit dem Vater freundlich sprach, strich er dem Knaben durch die Flachshaare, streichelte ihm das Gesicht, nahm ihn endlich auf den Arm und tänzelte mit ihm die Allee hinab. So, wie ihn hier Genast schildert, war in der That die damalige äußere Erscheinung des Dichters.

Aus der Jenaer Zeit enthält ein von dem Justizrath von Gohren zu Jena für das Schiller-Album bestimmtes Notizblatt folgende Schilderung: es imponirte die hohe Figur Schiller’s, mit breiten Schultern und langherabgestreckten Armen; er erging sich oft in der freien Natur, in der Regel ohne Begleitung, und trug gewöhnlich einen erbsgelben, langherabreichenden Tuch-Oberrock, als Kopfbedeckung einen dreieckigen Filzhut, sogenannten Dreimaster, während sein Haar in einen Bandzopf geflochten war. Inzwischen änderte sich die allgemeine Mode und mit ihr auch die Kleidung des Dichters. Während seiner letzten Lebensjahre sah man ihn in den Straßen Weimars und im Parke gewöhnlich in einem braunen oder blauen Frack mit Metallknöpfen, meist gelber Weste, grauem Beinkleid (er besaß nicht weniger als fünfzehn Hosen von allen Farben und Stoffen) und Stulpstiefeln, auf dem Kopfe einen niedrigen runden, schwarzen Hut mit schwarzseidenem Band und Stahlschnallen, in der Hand ein hohes spanisches Rohr mit metallenem Knopf, Schnur und seidener Quaste. Ein leiser lieblicher Zug, der den Kampf zwischen Ironie und Gutmüthigkeit verrieth, spielte um Mund und Wange des freundlichen blassen Gesichts. Meist gebeugten Hauptes, senkte er den Blick zu Boden und bemerkte daher häufig den Gruß eines vorübergehenden Bekannten nicht; hörte er ihn aber, so griff er rasch zum Hute und sagte sein herzliches „guten Tag“. So pflegte er, meist Vormittags, schlendernden, etwas nachlässigen Ganges durch den Weimarischen Park zu wandeln und hierbei insbesondere die schönen mittleren Wege desselben zu besuchen und auf dem reizenden Punkte zu verweilen, welchen die „Schillerbank“ bezeichnet. So lebt er noch jetzt in der Erinnerung Weimars. Den Zeitgenossen imponirte nicht allein Schiller’s Wirken und Dichten, auch seine äußere Erscheinung. Goethe’s Vertrauter Riemer bemerkte einst darüber: der Bau seiner Glieder, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen sei stolz, nur die Augen sanft gewesen. „Ja,“ bestätigte Goethe, „alles Uebrige an ihm war stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft. Und wie sein Körper war sein Talent.“

Wie erwähnt, waren ihm vom Schicksal zur Bethätigung dieses Talents nur noch drei Jahre in dem neuerworbenen Hause vergönnt. Seine Wittwe lebte dort noch eine Reihe von Jahren; dann ging das Haus durch Verkauf in den Besitz des Gartenbau-Inspectors Weise und später auf dessen Wittwe durch Erbschaft über. Diese vermiethete die Räume des Hauses, auch diejenigen der zweiten Etage an Privatpersonen. Mehrere Jahre wohnte in eben dieser Etage, in dem Empfangs-, Arbeits- und Sterbezimmer des Dichters, eine entfernte Verwandte von mir, Frau Charlotte Keil. Noch erinnere ich mich des tiefen Eindrucks, den es auf mein Gemüth machte, als ich beim Besuch der guten Tante erfuhr, daß in dem Zimmer, in welchem wir als Kinder spielten, einst Schiller gewohnt habe – mit welcher Verwunderung betrachtete ich den seltsamen großen Wandschrank, den er einst benutzt hatte! Wer mir kleinem Knaben damals gesagt hätte, daß ich einst eben diese Räume dem großen Publicum unseres deutschen Weltblattes schildern würde! Als aber auch die Wittwe Weise starb und das Haus in der Erbschaftstheilung zum öffentlichen Verkauf kommen sollte, stand zu besorgen, daß es in die Hände eines nebenan wohnenden Bierwirthes übergehen und so profanirt werden könne. Frau Charlotte Keil hat das Verdienst, zu Verhinderung dessen durch ihren Bruder, Kunsthändler Eduard Lobe in Weimar – den nachherigen Castellan des Hauses und Gatten der jetzigen sorgsamen Castellanin – den städtischen Ankauf des Hauses im Jahre 1847 angeregt zu haben.

[758] Trotz erheblicher Bedenken, welche aus den finanziellen Verhältnissen der Stadt Weimar sich ergaben, beschloß der Stadtrath den Ankauf des Hauses, „um (wie es in den Acten lautet) unserem deutschen Vaterlande ein bleibendes Andenken an einen seiner größten Dichter zu erhalten, den Weimar seinen Mitbürger nannte“. Der Stadtdirector Hase war es namentlich, welcher diese patriotische Sache mit allem Eifer verfolgte; er glaubte mit Recht, „nicht allein im Sinne aller gebildeten Bewohner Weimars, sondern auch derer unseres deutschen Vaterlandes zu handeln“. Im öffentlichen Verkauf, am 29. Juni 1847, erwarb der Stadtrath für 5025 Thaler das zum Theil baufällige Gebäude und ging sofort an die Wiederherstellung desselben. Außer Reparatur und Schieferdachung des Hauses und der Schaffung einer von Angelika Facius kunstvoll gearbeiteten Medaille, zum Andenken an den Aufenthalt und das Wohnhaus Schiller’s in Weimar (mit der Umschrift: „Ist der Leib in Staub zerfallen, lebt der große Name noch.“), betrieb der Stadtrath die Begründung eines Schiller-Museums durch Sammlung von Schiller-Reliquien in den ehemaligen Wohnräumen des Dichters. Die Verehrer des großen Mannes beeilten sich, die Ausführung dieser sinnigen Idee, zu fördern. Das Hoftheater veranstaltete zum Besten des Schiller-Museums eine Vorstellung der Piccolomini. Ein Kreis von Männern der Wissenschaft vereinigte sich zu Vorlesungen, deren Ertrag zu einer von Hänel’s Meisterhand geschaffenen Marmorbüste Schiller’s verwandt wurde. Frauen und Jungfrauen Weimars übergaben einen prachtvollen, selbstgefertigten Teppich. Frauen und Jungfrauen zu Eisenach, Jena, Apolda, Allstedt, Weida und Dornburg verehrten sechs schön gestickte Sessel mit den Wappen dieser Städte. Die Schüler des Gymnasiums brachten ihre Huldigung in Gestalt eines kostbaren Fremdenbuches dar. Verwandte, Freunde und Verehrer des Dichters widmeten Geräthschaften, Möbeln und sonstige Reliquien aus Schiller’s ehemaligem Haushalte für das Arbeits- und Sterbezimmer, das in seiner damaligen Einfachheit möglichst treu wiederhergestellt werden sollte. Und damit auch eine geistige Huldigung des gesammten Deutschlands vor dem Genius Schiller’s hier sichtbar sei, stiftete die Voigt’sche Buchhandlung ein Schiller-Album, welches in zwei Bänden im Schiller-Hause niedergelegt wurde: etwa zweihundert durch ganz Deutschland gesammelte Blätter mit Namen, Denksprüchen, Dichtungen, Zeichnungen, Compositionen etc. bedeutender Autoritäten zur Feier Schiller’s.

Jetzt stellt sich uns das Schiller-Haus als ein freundlich ausschauendes Wohnhaus in einfach bürgerlichem Style, mit grünen Jalousien versehen, dar. Ueber der schmucklosen Hausthür meldet eine Inschrift: „Hier wohnte Schiller.“ Wir treten ein. Wir werfen einen Blick in den kleinen Hausgarten, in welchem eine Büste Schiller’s in üppigem Grün von Rankengewächsen die Stelle bezeichnet, wo sonst eine vom Dichter zur Ruhe und zum Arbeiten gern benutzte Laube stand; wir steigen an den Zimmern der ersten Etage vorüber, welche jetzt den Zwecken der Schiller-Stiftung dienen, zur zweiten Etage, zu den geweihten Wohnräumen des Dichters empor.

Im ersten Zimmer, das von Schiller einst zum Vor- und Wartezimmer verwandt wurde, finden wir mehrfache Geschenke: Wieland’s Arbeitstisch, die Statuen der Klio und Polyhymnia, die obenerwähnten Sessel etc. und ein Schränkchen mit den Werken Schiller’s ausgestellt.

Das folgende Zimmer, einst das Haupt- oder Empfangszimmer des Dichters, war bis vor Kurzem nur mit Zeichen der Verehrung seiner Freunde und mit Sinnbildern auf Schiller’s Dichtungen ausgestattet. Hiervon ist jetzt noch der Teppich, die schöne Marmorbüste Schiller’s in einer Nische, eine Büste von Major Serre und ein den Dichter Vach dem Leben (1786) darstellendes, vom Großherzog Karl Alexander geschenktes, interessantes Oelbild zu sehen. Im Uebrigen hat man begonnen, auch in diesem Zimmer den Zustand desselben zu Schiller’s Zeit wieder herzustellen; daher die hellbraune Tapete, die grünliche Farbe der Thüreinfassung, der wieder aufgestellte alte Ofen von seltsamer Form, und neben Möbeln im Style jener Zeit ein echtes Tischchen aus dem Nachlasse des Dichters. Für einen Fremden war es in diesen letzten Lebensjahren Schiller’s fast unmöglich, Eingang in dessen Haus und in dieses Empfangszimmer zu finden; Schiller war ein abgesagter Feind aller phrasenhaften Ehrenbezeigungen und Vergötterungen. Um so inniger war sein Verkehr mit seinen intimen Freunden. Ihnen gab er sich unbefangen, rückhaltlos, mit aller Offenheit und Wahrheit hin. Auch hierbei erschien Schiller, nach Goethe’s Zeugniß, im absoluten Besitze einer erhabenen Natur. „Er ist,“ sagt Goethe zu Eckermann, „so groß am Theetische, wie er es im Staatsrathe gewesen sein würde. Nichts genirt ihn, nichts engt ihn ein; nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus, ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein.“ –

Besonders liebte es Schiller, seinen Freunden vorzulesen, und wenn er auch nicht eben schön las, da ihn hieran sein etwas hohles Organ und die schwäbische Zunge hinderte, so las er doch mit Feuer und Begeisterung. Mit Harmlosigkeit und Herzlichkeit gab er sich auch fröhlichem Verkehre mit seinen Freunden hin. Zu einem vergnügten Abende bei Schiller gehörten stets einige Flaschen guten Weines. Sein Kalender weist es aus, wie gut bestellt sein Weinkeller war: aus dem November 1802 hat er aber auch die Notiz: „Bremer Portwein, vierzig Bouteillen à zwei Thaler. Schwer Geld.“

Hier ist auch eines andern liebenswürdigen Charakterzuges Schiller’s zu gedenken: seines liebevollen, herzlichen Verkehrs mit der Kinderwelt. Auch hierin glich er seinem großen Freunde Goethe. Es ist bekannt, wie dieser seit seiner Ankunft in Weimar muntern Verkehr mit den Kindern, Eierfeste, Ballspiel etc. liebte, und wie ihm diese Hinneigung noch im hohen Alter eigen war. Mit Stolz erinnert sich meine hochbetagte Mutter noch jetzt, wie Goethe sie einst (als sie, ein kleines Mädchen, zur Aufnahme in die Zeichenschule sich meldete) auf den Schooß genommen, ihr die Wange gestreichelt und sie geküßt hat. So trieb auch Schiller, selbst eine kindliche Natur, gern Spiel mit Kindern. Aus der Jenaer Zeit wußte Griesbach anschaulich zu schildern, wie er oft Schiller mit seinem Söhnchen Karl, Beide auf vier Füßen im Zimmer herumkriechend, „Löwe und Hund“ habe spielen sehen. So war auch in Weimar Schiller am heitersten, wenn er „sein Häuflein beisammen hatte“. Auf seinen Spaziergängen scherzte er gern mit begegnenden oder spielenden Kindern. Aus den Fenstern seines Empfangszimmers ließ er bisweilen an einem Bindfaden seinen Kleinen eine Zugabe zum Frühstücke hinab, welche sie eine Treppe tiefer durch das Fenster in Empfang nahmen. Nachbarn beobachteten aber auch, daß Schiller fremden Kindern mittelst eines Körbchens am Bindfaden Leckereien zur Straße hinabließ.

Doch treten wir nun in das folgende kleine Eckzimmer, in das Heiligste des Hauses ein: Schiller’s Arbeits- und Sterbezimmer. Es ist leider nicht, wie Goethe’s Arbeitszimmer, in demselben Zustande geblieben, wie es in dem Augenblicke war, da sein Bewohner aus dem Leben schied, aber man hat Alles aufgeboten, den damaligen Zustand wiederherzustellen. Die hellgrüne Tapete mit blauen runden Tupfen ist nach einem aufgefundenen alten Stücke erneuert worden; sie ist stark arsenikhaltig, und wenn die alte Tapete gleich giftig gewesen, würde der unglückliche Verlauf der Krankheit unseres Dichters um so begreiflicher sein. Ueber den drei Fenstern des Eckzimmers, welche ihm die Aussicht auf die Baumreihen der Esplanade boten, hängen kleine karmoisinrothe Vorhänge, wie sie Schiller für seine Augen liebte. Der Lehnstuhl Schiller’s (früher im Schlosse zu Weimar aufbewahrt, Geschenk der Großherzogin Maria Paulowna hierher), der alte Ofen und Ofenschirm, an den Wänden die mittelmäßigen italienischen Landschaften, die einst das Zimmer des Dichters geschmückt, ein Bild von Schiller’s Gattin, das alte kleine Clavier Schiller’s, darauf die Guitarre, auf welcher er sich von seiner Frau und seiner Schwägerin so gern vorspielen ließ, darüber der kleine Spiegel und zwei Bleistiftzeichnungen (sein Gartenhaus in Jena und dieses sein Haus unter den Bäumen der Esplanade darstellend), ein Tischchen, darauf zwei Leuchter, eine Tasse, ein Waschbecken, eine Tabaksdose Schiller’s etc. – sie sind die treue und echte Reproduction der ehemaligen Ausstattung des Arbeitszimmers. Nur der Wandschrank enthält manche interessante Reliquien, welche der ehemaligen Zimmerausstattung nicht angehören: die drei Schlüssel zum vormaligen Cassengewölbe, der ersten Begräbnißstätte Schiller’s, einen Gypsabguß von Schiller’s Schädel, vom Bildhauer Hütter in Weimar verehrt, [759] ein Tintenfaß Goethe’s aus dessen Gartenhause, einen Briefbeschwerer von Goethe, Wieland’s Petschaft u. a. m.

Ueberrascht sehen wir die Einfachheit, fast Aermlichkeit dieses ganzen Zimmers und seiner Ausstattung, die fast schmucklosen Wände, die niedrige Decke über uns; wir empfinden den großen Contrast dieser überaus bescheidenen, rührenden Einfachheit der Wohnung zu der Genialität, zu dem himmelanstrebenden Schwung der Dichtung Schiller’s, und fast will es uns bedünken, daß dem genialen Vertheidiger der politischen, der Gedanken- und Religionsfreiheit diese Wände viel zu eng, diese Decke viel zu niedrig gewesen sein müsse. Und doch, wie sehr harmonirt diese Einfachheit mit dem schlichten, aller luxuriösen Bequemlichkeit abholden Wesen Schiller’s, und vielleicht urtheilte er ebenso, wie sein Freund Goethe hinsichtlich seines fast ebenso einfachen Arbeitszimmers dachte und sich äußerte: „Ich bin in einer prächtigen Wohnung sogleich faul und unthätig; geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, ein wenig unordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, thätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.“

Und in diesem kleinen Zimmer schuf Schiller während seiner letzten drei Lebensjahre die letzten unvergänglichen Meisterwerke seiner Muse. Dort am Fenster, stand früher der – jetzt in dem Schlafcabinet befindliche – Schreibtisch, welchen Schiller sich nach eigener Idee (mit Kurbel, Damenbrett etc.) herrichten ließ, und welcher ihm, wie er an Freund Körner berichtete, zwei Karolin gekostet hat; in einem der Zugfächer desselben pflegte er faule Aepfel aufzubewahren, da deren Geruch, wie er meinte, seinen Nerven wohlthuend war. Jetzt steht an dieser Stelle ein anderer, von Schiller’s Tochter, Frau von Gleichen, hierher verehrter Arbeitstisch des Dichters, nebst dem lederbezogenen einfachen Arbeitsstuhle. Auf dem Tisch steht ein Himmelsglobus, und sein graumarmorner Briefhalter (von der Prinzessin von Preußen, jetzt deutschen Kaiserin hierher verehrt). Darauf liegen eingerahmt drei Locken von Goethe die eine gepudert, die andere Haare aus Goethe’s Zopf, die dritte Haare Goethe’s im Tode – ein Geschenk der Wittwe Riemer’s. Ferner liegt dort der Brief Schiller’s an seine Schwester Christophine über seine Lage nach der Flucht, und der Brief desselben an den Hofschauspieler Graff, worin er ihm für die treffliche, verständnißvolle Darstellung des Wallenstein Dank ausspricht. An der Wand daneben hängt von Schiller’s Hand das Verzeichniß der im „Wilhelm Tell“ agirenden Personen, mit Bleistiftangaben der Namen der Künstler.

Hier war es, wo Schiller die Briefe an seine Lieben und Freunde, an Christophine, Körner, Goethe etc. schrieb; hier dichtete er die „Braut von Messina“ und, auf Andringen Goethe’s in vier Tagen, 4. bis 8. November 1804, die „Huldigung der Künste“; hier begann er endlich den Demetrius.

Schon längst kränkelte der geniale Dichter. Goethe, als er ihn kennen lernte, glaubte, er lebe keine vier Wochen mehr, und ebenso erzählte Meyer von dem ersten Zusammentreffen mit Schiller, daß er ihm sehr krank, sehr nervenleidend erschien und sein Gesicht dem Bilde des Gekreuzigten glich. Zwar hatte er, um mich Goethe’s Ausdrucks zu bedienen, eine gewisse Zähheit; er hielt sich noch diese Reihe von Jahren und hätte sich bei gesünderer Lebensweise noch länger halten können. Gegen Ende des Jahres 1804 hin aber wurde, wie er selbst sagt, seine Gesundheit so hinfällig, daß er jeden freien Lebensgenuß gleich mit wochenlangem Leiden büßen mußte.

„Und wie er athemlos, in unsrer Mitte,
Im Leiden bangte, kümmerlich genas,
Das haben wir in traurig schönen Jahren
– Denn er war unser – leidend miterfahren“

– es war dieses schöne Wort Goethe’s leider volle Wahrheit, und mit Beginn des Jahres 1805 erfüllte Schiller’s Freunde bange Ahnung. Bei Abfassung des Neujahrsbriefes an Schiller kamen Goethe zufällig die Worte „das letzte neue Jahr“ in die Feder; entsetzt zerriß er das Billet und schrieb ein neues, konnte sich aber auch da nur mit Mühe zurückhalten, etwas vom „letzten Neujahrstage“ zu schreiben.

Als er den nämlichen Tag die Frau von Stein besuchte, erzählte er ihr, was ihm begegnet, und bemerkte, es ahne ihm, daß entweder er oder Schiller in diesem Jahre sterben werde. Wenige Wochen später lagen Beide schwerkrank darnieder. Zwar erholte sich Schiller wieder und konnte seinen Freund Goethe besuchen; mit langem herzlichem Kusse hielten sich Beide umschlungen. Schiller konnte am 5. März an Körner schreiben: „Gottlob, es ist jetzt vorbei, und ich bin schneller, als ich hoffen könnte, wieder zu Kräften, so daß ich auch wieder zu arbeiten angefangen.“ Doch auch ihn erfüllte neben der Hoffnung düstere Sorge. Am 25. April begann er seinen letzten Brief an Körner mit den Worten: „Die bessere Jahreszeit läßt sich endlich auch bei uns fühlen und bringt wieder Muth und Stimmung, aber ich werde Mühe haben, die harten Stöße seit neun Monaten zu verwinden, und ich fürchte, daß noch etwas davon zurückbleibt; die Natur hilft sich zwischen vierzig und fünfzig nicht mehr so, als im dreißigsten Jahre; indessen will ich mich ganz zufrieden geben, wenn mir nur Leben und leibliche Gesundheit bis zum fünfzigsten Jahre aushält.“ Doch selbst dieser so bescheidene Herzenswunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Neue Erkrankung heftigster Art warf ihn wieder auf das Schmerzenslager. Es ist das Bett, vor welchem wir hier in der Ecke des Arbeitszimmers stehen. Dasselbe stand früher in dem anstoßenden kleinen Schlafcabinet, bis Schiller es der andauernden Krankheit wegen in sein Arbeitszimmer schaffen ließ.

Hierher ließ er vierundzwanzig Stunden vor seinem Tode nach einer heftigen Fieberphantasie, als das Bewußtsein wiederkehrte, sein jüngstes Kind kommen. Er wendete sich mit dem Kopfe um nach dem Kinde, faßte es bei der Hand und sah ihm mit unaussprechlicher Wehmuth in’s Gesicht; dann fing er bitterlich zu weinen an, steckte den Kopf in das Kissen und winkte, daß man das Kind wegbringen möchte. Gegen Abend dieses Tages, des 8. Mai, verlangte er, man solle den Vorhang des Fensters öffnen, er wolle die Sonne noch einmal sehen. Es geschah, und mit heiterem Blick schaute er in den schönen Abendstrahl. In inniger Liebe zu seiner Frau, zu seinen Kindern, mit dem letzten, letzten Kusse der Gattin sah er dem Ende entgegen. Am Morgen des folgenden Tages, Donnerstag, 9. Mai 1805, hatte er schon das Bewußtsein verloren; Abends halb sechs Uhr drückte er seiner Frau, die hier neben seinem Bett auf den Knieen lag, still die Hand; plötzlich fuhr es wie ein elektrischer Schlag über sein Gesicht; sein Kopf sank zurück – er verschied.

Es ist Abend; die Sonne wirft wie damals durch das Fenster ihr goldiges Licht auf das Sterbebett, welches jetzt von Verehrung und Liebe mit Kränzen und Bouquets erfüllt ist. In tiefer Rührung blicken wir auf das über dem Bette hängende Schiller’sche Portrait von Jagemann und auf dessen Bild des entschlafenen Dichters; die ganze ergreifende Scene jenes 9. Mai tritt uns vor die Seele, und mit inniger Wehmuth scheiden wir von diesem Zimmer und von dem Schillerhause. Doch nein, wir können es nicht, ohne vor der Thür des Hauses noch einen Augenblick in Erinnerungen zu verweilen. Hier war es, wo am 12. Mai 1805 Nachts ein Uhr, während aus dem Innern des Weinen und Trauerklagen hörbar waren, zwölf junge Beamte und Künstler die Leiche des allgeliebten, allbetrauerten großen Dichters übernahmen und leise schluchzend zum Cassengewölbe auf dem Friedhofe trugen. Dort sollte nur seine provisorische Begräbnißstätte sein; man gedachte ihm ein Denkmal zu stiften auf einem neuen, erst projectirten Gottesacker, wohin er dann übergeführt werden sollte – eine Idee, die, wenn auch erst nach Jahren, zur Ausführung gekommen ist. In der Fürstengruft auf dem neuen Friedhofe ruht Schiller neben Karl August und neben Goethe.