Eine deutsche Malerherberge im Sabinergebirge

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl du Prel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine deutsche Malerherberge im Sabinergebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 165–168
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[165]
Eine deutsche Malerherberge im Sabinergebirge.


Wenn der Frühling seinen Einzug in Italien hält und mit so freigebigen Händen seine Gaben über die Erde streut, daß er schließlich, wenn er schon den deutschen Gauen sich nähert, gleichsam sein halbentleertes Füllhorn gewahrend nur lässige Spenden mehr verabreicht; wenn seinen Spuren folgend schon die ersten Züge der Wandervögel ihren Flug nach dem Norden zu nehmen beginnen – dann ziehen in umgekehrter Richtung Reisende aus allen Ländern der ewigen Stadt zu, die schönste Zeit des Jahres am interessantesten Orte der Welt zu verbringen.

Aber den nach längerem Aufenthalte in Rom heimisch gewordenen Fremden zieht es bald unwiderstehlich hinaus in die Berge, welche rings, die weitgedehnte Fläche der Campagna säumend, in wunderbarem Glanze vor seinen Augen liegen.

Schwer ist es dann, eine Wahl zu treffen. Unter dem Einflusse des Frühlings verlieren die classischen Citate, welchen die Menschheit meist nachläuft, viel von ihrer Anziehungskraft, und der Reisende wird mehr und mehr geneigt, sich lediglich durch landschaftliche Rücksichten bestimmen zu lassen, ohne daß jedoch dadurch seiner Verlegenheit schon ganz abgeholfen wäre. Bei Unschlüssigkeiten dieser Art thut man wohl immer am besten, sich vom Instincte der Maler leiten zu lassen. Sie sind es von jeher gewesen, die als die ersten Pioniere in solche Gegenden drangen, welche später, zur Berühmtheit gelangt, das Ziel von zahllosen Fremdenzügen wurden. Ich erinnere beispielsweise nur an die von August Kopisch wiederentdeckte blaue Grotte auf der Insel Capri.

So beschließen wir denn diesmal, nach dem Sabinergebirge zu wandern. Oft, wenn wir Abends auf der via Appia, der alten Gräberstraße Roms, am Grabmal der Cäcilia Metella vorüber, in die Campagna hinausgingen, sahen wir im Osten den langen Zug dieser Berge, in welchen einst die Herniker und Aequer hausten, und die vollen Strahlen der untergehenden Sonne malten auf die kahlen grauen Wände die glühendsten Farben, die sich erst allmählich in jenes gesättigte Violett verwandelten, wie es der Campagna von Rom eigen ist. Freilich zweifelt man beim Anblick dieser kahlen Bergreihen, daß ihre einsamen Thäler besondere landschaftliche Schönheiten enthalten können, und es bedarf bei Manchem wiederholter gegenseitiger Versicherung von Seite der Maler, um ihn zu einem Ausfluge nach dieser Richtung zu bewegen.

Es giebt keine Gegend in der Nähe von Rom, ja vielleicht in ganz Italien, welche ein so charakteristisches Gepräge zeigt, wie das gebirgige Sabinerland. In den Contouren dieser Berge und den mannigfachen Bildern dieser Felsenlandschaften trägt die Natur an sich schon das Gepräge des Kolossalen, ja oft des Schrecklichen; aber dieser Eindruck wird noch in hohem Grade gesteigert durch die besondere Lage der Städte und Ortschaften, welche fast ausschließlich oben auf den Bergen, oft in schwindelnder Höhe liegen. Hier wirkt eine düstere Gebirgsnatur nicht als solche allein, sondern in harmonischer Verbindung mit den Zeugen einer meist ebenso düsteren Geschichte, welche diese Berge sahen. Das graue Gemäuer der hohen schmalen Häuser, welche, wie verschüchtert zusammengedrängt, hoch in de Lüften um die Ruinen ehemaliger Castelle liegen, die überragende Stellung dieser Castelle, welche trotzig den Feind zu erwarten scheinen – das Alles, Grau in Grau gemalt, so daß man oft die Orte nicht von den Felsen zu unterscheiden vermag, die sie umgeben, giebt der Landschaft einen ganz fremdartigen Charakter, und es genügt hier ein bloßer Ueberblick, uns im Allgemeinen mit ihrer Geschichte bekannt zu machen.

[166] Nur in einer Gegend, welche fast niemals aufgehört hat, der Schauplatz erbitterter Kämpfe zu sein, konnten solche Verhältnisse allmählich sich bilden und erhalten. Während in anderen Ländern die Geschichte in den Thälern und auf der Ebene spielt, die Gipfel der Berge dagegen einsam in die Wolken ragen, ist hier das Umgekehrte der Fall: die Menschen haben die Tiefen verlassen, um in den Höhen ein beschwerliches, aber wenigstens sicheres Dasein führen zu können. Jetzt freilich ist dieser Zustand unnatürlich geworden, und sein Bestand, ohne irgend welche Vortheile zu bringen, hat nur noch die Folge, daß Jahr aus Jahr ein[WS 1] unberechenbares Capital an menschlicher Arbeitskraft verloren geht, wobei eben das wirthschaftliche Gedeihen


Die Gartenlaube (1874) b 166.jpg

 Olevano. Casa Baldi.
 Nach einer Skizze von J. Zielcke in Rom.


solcher Gemeinden ein Ding der Unmöglichkeit bleibt. Aber wie denn das Schöne und der Nutzen meist auseinandergehen, so kann man sich vom malerischen Standpunkte aus damit nur einverstanden erklären, daß dieses Charakteristicum der Sabinergebirge sich noch immer erhalten hat.

Aber auch noch in anderer als malerischer Hinsicht ist diese Landschaft interessant: die außergewöhnlich hohe Lage dieser Städte hat selbstverständlich einen sehr mangelhaften Verkehr mit den benachbarten Orten zur Folge, und bei dieser natürlichen Isolirung erhalten sich mancherlei Eigenthümlichkeiten ihrer Bewohner merkwürdig lange. Eine solche Culturinsel ist z. B. das hoch auf einer Felsenspitze gelegene Saracinesco, eine im Jahre 876 von den Saracenen gegründete Colonie. Man glaubt sich in längstvergangene Zeiten versetzt, wenn man hier, in den Gassen wandelnd, durch die Tracht der Bewohner, ja theilweise sogar durch maurische Namen, wie Almansor, an die ersten Anfänge dieser Colonie erinnert wird. Sie hat sich gleichsam als Petrefact der Culturgeschichte erhalten.

Der intessanteste, besuchteste und für längeren Aufenthalt auch am besten geeignete Ort des Sabinergebirges ist Olevano. Man erreicht es von Rom aus am bequemsten unter Benutzung der neapolitanischen Bahn bis Valmontone, indem man von dort aus den Weg über Palestrina und Gennazano einschlägt. Bei einer Windung des steinigen Felspfades, der zu den vorliegenden Hügeln hinanführt, erblickt man plötzlich über sich das Städtchen, welches terrassenförmig an einem kahlen Berghang liegt. Die graue Steinmasse der dicht aneinander stehenden hohen Häuser, die gleichsam in geschlossenen Reihen herunterzusteigen scheinen, ist von den malerischen Ruinen eines zerfallenen Castells überragt. Zur Rechten des Städtchens aber liegt ein runder grüner Hügel, von einem einzeln stehenden Häuschen gekrönt.

Dies ist die Casa Baldi, die deutsche Künstlerherberge.

Vor einigen Jahrzehnten noch wagte sich der Fremde nur selten in diese Gegend, die nicht nur öde und unwirthlich, sondern auch noch durch zahlreiche Banditen unsicher gemacht war. Die Maler allein, bei welchen ja meist nichts zu holen war und die ihrerseits sich von den Räubern gerne verschmäht sahen, waren schon früher hier eingedrungen. Der seiner Zeit berühmte deutsche Landschaftsmaler und Radirer Koch war Ende des vergangenen Jahrhunderts der Erste, der nicht nur Olevano häufig besuchte, [167] sondern schließlich sogar eine Olevanerin zur Frau nahm und sich hier niederließ. Die Studien aber, die er anfertigte, fanden bei seinen Landsleuten unter den Künstlern Roms so viel Anklang, daß diese ihm bald in das gleichsam neuentdeckte Land nachfolgten. Bald erfreute sich Olevano großer Berühmtheit und des besten Rufes. Hierzu trug nicht wenig die Freundlichkeit und der Frohsinn seiner Bewohner bei, die sich noch heut zu Tage in dieser Hinsicht in günstiger Weise von jenen der umliegenden Gebirge unterscheiden.

Aber noch manchem Anderen von den Künstlern erging es schließlich wie Koch. Sie kehrten immer und immer wieder nach Olevano zurück, bis sie schließlich ganz dort blieben und ein Heimwesen sich gründeten. Und es ist nicht zu verwundern; denn zu den Eigenthümlichkeiten, welche das in seine wilden


Die Gartenlaube (1874) b 167.jpg

Civitella.
Nach einer Skizze von J. Zielcke in Rom.


Gebirge eingeschlossene Volk der Sabiner seit ältesten Zeiten bewahrt hat, gehört auch die wahrhaft antike Gestalt und Schönheit seiner Frauen. So kommt es denn, daß auch der Raub der Sabinerinnen, wenn auch in modificirter Form, bis in unsere Tage sich erhalten hat.

Schmale steinige Felspfade, die da und dort als Stiegen sich fortsetzen, sind die Straßen von Olevano. Die Wohnungen gleichen dunklen Höhlen, die in unregelmäßiger Architektur neben und über einander gebaut sind. Tritt man in eine solche Höhle, und es hat sich das Auge allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, dann mag man oft die kleinen schwarzen Schweine, deren Zucht hier betrieben wird, in bester Eintracht mit den Kindern sich auf dem Boden herumwälzen sehen. Wenn aber diese Kinder vor die Häuser treten und in den Straßen sich herumtummeln, dann muß man allem Schmutze zum Trotze der an ihren Kleidern, Händen und Gesichtern haftet, an ihnen Gefallen finden. Sorgfältiger in Bezug auf ihr Aeußeres sind natürlich die erwachsenen Mädchen; aber wiewohl sich in Olevano das Leben zum größten Theile in der Oeffentlichkeit vor den Häusern abwickelt, lassen sie sich doch wenig sehen, und führt sie auch ein Geschäft durch die Gassen, so bemerkt man an ihnen doch nichts mehr von dem tollen Naturell der Kinder. Sie sind immer ernst und von natürlicher Gemessenheit in ihren Bewegungen. In den gebräunten, von schwarzem Haare eingerahmten Gesichtern glühen die dunklen Augen, wie von einem inneren nicht ganz ausstrahlenden Feuer, gleich dem von Granaten. Auffällig aber ist, daß, während die Frauen in Italien fast ausschließlich dunkle Haare haben, an manchen Orten Mädchen sich finden, deren Haarschmuck vom hellsten Blond ist und die nicht nur durch ungebräunte frische Gesichtsfarbe, sondern sogar durch blaue Augen ganz aus der Art schlagen. Dies fällt um so mehr auf, weil dagegen das brünette Element als Uebergang fast nicht vertreten ist.

So treffen wir auch in der Casa Baldi, zu der wir von Olevano aus ansteigen, neben der ältern Tochter, die an Gestalt und Ansehen der Mutter gleicht und ganz den italienischen Typus einhält, noch jüngere Mädchen, die uns durch blaue Augen und die Flachsfarbe ihrer Haare an die besten Mädchentypen in den deutschen Alpen erinnern, so daß man wohl versucht sein könnte, weit in die Vergangenheit zurückgreifend, dieses Blond auf den Liebesseufzer irgend eines Gothen oder Longobarden zurückzuführen, der die ewige Stadt zu belagern gekommen war, schließlich aber selbst capituliren mußte. Aber auch die Freundlichkeit, Offenheit und Heiterkeit, mit welcher der Deutsche sich hier empfangen sieht, wird ihn lebhaft an die Alpen und ihre Bewohner erinnern, und um so angenehmer wird er hiervon überrascht sein, als man in der weitaus überwiegenden Mehrzahl von Gasthäusern in Italien das Gefühl nicht los wird, daß man [168] in die Hände der Briganten gefallen sei, welches sich denn schließlich auch bestätigt.

Darum genießt diese Casa Baldi unter den Künstlern Roms einen ausgezeichneten Ruf, und die Fremdenbücher, angefüllt mit Portraits und Zeichnungen aller Art, sind voll des Lobes für die freundliche Familie. Wir finden in diesen Büchern manchen Künstlernamen auf vergilbtem Blatte, dessen Träger seither in seiner Heimath zur Berühmtheit gelangt ist; aber auch viele sind hier verzeichnet, über welchen, sei es in deutscher Erde, sei es auf dem Fremdenkirchhofe in Rom bei der Pyramide des Cestius, längst der Leichenstein sich hebt.

In den Sommermonaten, wenn in Rom die Fieberzeit beginnt, flüchten sich die Maler in großer Zahl in die Sabinerberge. Noch immer ist es Olevano, wo sie sich am liebsten aufhalten, und noch immer sind es hauptsächlich Deutsche, welche sich dort einfinden, um oft wochen-, ja monatelang zu bleiben und die Umgebung nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Aber es mögen auch selbst in dem landschaftlich so hochberühmten Italien wenige Orte zu finden sein, wo ein so herrliches und dabei so fremdartiges Panorama sich aufrollt, wie von dem Hügel aus, auf dem unsere Malerherberge steht. Der Blick schweift zunächst hinüber nach einer Linie von Bergen, von deren Kuppen und Spitzen die hohen Orte herabblicken, zu welchen aus den Thälern die Felsenpfade in langgezogenen Windungen, an den kahlen Wänden hängend, hinaufführen. Wenn am frühen Morgen die Nebel aus der Tiefe emporschweben und sich zu Wolken ballen, dann sieht man noch hoch über ihnen im Sonnenlichte glänzend die Felsenspitzen, auf welchen, gleich Inseln im Luftmeere, diese Orte stehen. Gegen Westen dehnt sich das breite Saccothal, wie ein Garten übersäet mit Reben, die gleich Guirlanden von Ulme zu Ulme sich ranken, mit Oelbäumen, Obstangern und Maisfeldern, dazwischen wieder auf weite Fernen sichtbar die weiß blühenden Mandelbäume und die dunklen regungslosen Cypressen. Am fernsten Horizonte aber, wo auf einem Ausläufer des seitwärts hereinragenden Albanergebirges die Stadt Veliträ sich über die Ebene hebt, schließt sich die verblauende Fläche der Pontinischen Sümpfe an. Die Südseite des Saccothales wird begrenzt durch die massiven Kuppen des Volskergebirges, zwischen weichen da und dort wieder die menschlichen Niederlassungen herüberschimmern.

Wendet man sich dagegen nordwärts, so hat man vor sich auf groteskem zackigem Felsenkamme Civitella, das alte Hernikernest. Wenn dieser Ort von der an sich schon beträchtlichen Höhe Olevanos aus im höchsten Grade malerisch sich darstellt, wie es unser Bild zeigt, so macht er von der Ebene aus gesehen einen so fremdartigen Eindruck, daß man fast geneigt ist, an eine Täuschung zu glauben, die uns dort menschliche Wohnungen sehen läßt. Schief ansteigend zieht sich höher und höher, gleich einer Felsenmähne, der langgestreckte Grat hinauf, auf dessen höchster Erhebung, näher fast den Wolken als der Ebene, Civitella liegt. Dicht aneinander gedrängt stehen die felsenfarbigen Häuser, als seien sie zusammengerückt, uns hier oben alle Platz zu finden.

Nichts könnte der Landschaft so sehr ein historisches Gepräge geben, als diese räthselhafte Lage des Ortes, der ohne alle Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse lediglich nach den Erfordernissen bedrohter Sicherheit dort hinaufgebaut wurde und wie ein Adlernest aus den Lüften herabblickt.

Ein vielgewundener Weg durch interessante Felsenlandschaften führt hinauf nach Civitella, von dessen Höhe man weit hinein in die düsteren Abruzzen schaut, während über das tief unten liegende Olevano weg eine Rundschau sich eröffnet, die, als eine der herrlichsten von Italien bekannt, mit dem matten Silberstreifen des Meeres abschließt. Als ein das ganze Thal und die Zugänge der hinter ihm gelegenen Bergwelt beherrschender Punkt mußte der Felsen von Civitella von jeher in den Kämpfen der Gebirgsvölker eine wichtige Rolle gespielt haben. Welchen Namen aber dieses im Alterthume geführt, ob es auf den Ruinen von Bellegra, von Vitellio oder eines anderen Städtchens gebaut ist, bemüht sich der Forscher vergeblich zu ermitteln. So viel nur geht aus den Ueberresten cyklopischer Mauern hervor, auf welchen ein Theil der Häuser steht, daß schon lange, bevor die Römer mit den Sabinern in Krieg lagen, in diesen Bergen fortwährend gekämpft wurde; denn nur die äußerste Noth und Verhältnisse stetiger Kriegsgefahren konnten die Menschen veranlassen, auf so unwirthlichen Höhen sich niederzulassen.

So ist Olevano auf allen Seiten von Landschaften der merkwürdigsten und erhabensten Art umgeben. Im Osten nur, wo über die runden Kuppen beschneiete Gipfel herüberglänzen, ist die Aussicht begrenzt. Dort steht im Vordergrunde der Monte Serrone, ein plumper Felsenkoloß, nur zum Theile mit rothbraunem Eichengestrüppe bedeckt. Es ist so lange noch nicht her, daß dieser Monte Serrone ein Hauptlager der Briganten barg; der Reisende, der damals bis hierher drang, konnte mit dem Fernrohre bequem die Gestalten der Räuber entdecken, nach welchen man hier ausschaute, wie es in den Alpen nach Gemsen geschieht. Mit ihren langen Gewehren, den Messern und Pistolen im Gürtel, dabei aber behängt mit allerlei Amuletten, Medaillen und anderen Spielereien, mochten sie eine in hohem Grade malerische Staffage für diese wilde Gebirgsnatur abgeben. Gensd’armerie, welche man in die umliegenden Ortschaften mehrmals zu legen versucht hatte, wurde von ihnen absolut nicht geduldet – einer der mancherlei Beweise dafür, daß der Sinn für weltliche Macht bei den Päpsten keinen Schritt hielt mit ihrer Befähigung zu derselben. Erst in neuerer Zeit ist diesem poetischen Unwesen in nächster Nähe der Stadt Rom ein Ende gemacht worden.

Wir hatten uns, vom Zufalle geführt, in Olevano zusammengefunden: zwei Professoren, ein Arzt, ein Dichter und der Schreiber dieser Zeilen – lauter Deutsche, welche vor der Rückkehr in die Heimath und zu den Bücherschreinen noch in diese Berge zu kommen den Antrieb gefühlt hatten. Aber als die für die gemeinschaftliche Abreise von Olevano festgesetzte Stunde gekommen war, hätten wir wohl gern alle Weltweisheit und Wissenschaft dahingegeben, wenn wir dagegen den Pinsel hätten eintauschen kännen, der würdig gewesen wäre, der verewigende Nachahmer dieser Natur zu sein.

Nur unser Dichter – es war Martin Greif – hätte in solchen Tausch nicht gewilligt. Er, dem es leicht wurde, den Beweis zu führen, daß dem Poeten vor dem Manne der Wissenschaft der bessere Theil zugefallen, mahnte uns an die Sehnsucht zurück, die wir trotz der mächtigen Anziehung Roms in dessen Mauern nach dem Zauber und der Stille der nahen Berge empfunden, indem er, die frühere Stimmung fixirend, im classischen Versmaße Catull’s – der einst in diesen Gegenden lebte und dichtete – folgende Hendekasyllaben improvisirte:

Warum fliehen wir nicht zur Bergesstille,
Aus der lärmenden Stadt zur Bergesstille?
Wenn das purpurne Veilchen rings die Stellen
Süßer Ruhe bedeckt und herzlich üb’rall
Mit den lieblichen wohlbekannten Schwestern
In die Seele uns lacht der frohe Frühling,
Wenn erglühend in leisem Roth die Blüthe
Schon zu schwellen beginnt am Mandelbaume
Und der Pinie schwarzer Schatten absticht
Von dem keimenden Grün der jungen Wiesen; –
Aus dem Staube der Stadt und leerer Unruh’
Warum fliehen wir nicht zur Bergesstille?

Und so gaben wir noch einen Tag zu. Wir bereuten ihn nicht als einen verlorenen.

Karl du Prel.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ein ein