Eine deutsche Musterbühne

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Titel: Eine deutsche Musterbühne.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 466–467
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[466] Eine deutsche Musterbühne. Unsere Leser werden gewiß gespannt sein zu erfahren, wo eine solche zu finden ist, und unter den großen und kleinen deutschen Hoftheatern und Stadttheatern danach suchen. Jedenfalls ohne Erfolg – denn auch die eifrigsten Freunde dieses oder jenes Theaters hüten sich doch, demselben die glänzende Etikette einer „Musterbühne“ anzuheften. Nur die fanatischen Anhänger Laubes trugen eine Zeit lang keine Scheu, den von diesem geleiteten Bühnen das rühmende Prädikat zu ertheilen, doch es fehlte nicht an Widerspruch, da auch bei diesen viel mit Wasser gekocht wurde.

Die Musterbühne, an welche wir durch den Titel eines neuen, sehr umfangreichen Werkes erinnert werden, ist diejenige Karl Immermanns in Düsseldorf, und es ist bereits mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen, seitdem die deutsche Kunst auf dieser rheinländischen Station eine kurze Blüthenzeit erlebte. Das Werk aber, das wir erwähnten, ist Richard Fellners „Geschichte einer deutschen Musterbühne“ (Stuttgart, J. G. Cottas Verlag). Es ist über das Immermannsche Theater sehr viel geschrieben worden; doch ist das große Publikum trotzdem über die eigentliche Einrichtung desselben im Dunkeln geblieben. Die aktenmäßige Darstellung [467] Fellners giebt über alles Bezügliche die klarsten Aufschlüsse; besonders aber enthält das Werk eine große Menge von Bemerkungen und Rathschlägen betreffs der dramatischen Kunst, welche theils aus Immermanns sämmtlichen Schriften zusammengetragen sind theils im Anschluß an dieselben von anderen namhaften Theaterkennern und von dem Herausgeber selbst beigesteuert werden.

Lange Dauer hatte die Musterbühne nicht. Die Geldquellen versiegten; die Oper verschlang zuviel Geld. Auch stießen Immermanns Bestrebungen auf vielfache Opposition bei den profanen Theaterjüngern. Sind die Zeitverhältnisse heute günstiger geworden für ein derartiges Unternehmen? Wir bezweifeln es mit Recht. Immermann war ein ausgezeichneter Dramaturg, das geht aus jeder Seite dieser Aufzeichnungen hervor, kenntnißreich, feingebildet, unermüdlich, dabei imponirend und herrschgewaltig; und doch die kurze Herrlichkeit! Heutzutage sind Männer wie er selten. Gleichwohl ist es ein hohes Verdienst, an der Reform des Theaters zu arbeiten; denn die Schaubühne ist ein Werthmesser für den Bildungsstand eines Volkes.