Eine große Bitte an alle deutschen Kinder

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Eine große Bitte an alle deutschen Kinder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 792
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine große Bitte an alle deutschen Kinder.

Das herrlichste Fest im ganzen Jahr, euer Fest naht heran: die fröhliche, selige Weihnachtszeit der deutschen Kinderwelt! Denn mir so weit auf Erden deutsche Sitte herrscht und germanisches Blut durch die Herzen strömt, jubeln die Kinder um die strahlenden Christbäume der Weihnacht, und ebenso weit erfüllt sie Alle die Seligkeit des schönen Glaubens, daß alljährlich zu dieser Zeit Jesus selbst vom Himmel herabkommt, um wieder als Kind sich mit den Kindern zu freuen.

Aber strahlt denn das Bäumlein überall so im lieben Vaterlande? Leider nicht! Es hat noch jedes Jahr in jedem deutschen Orte, ob groß, ob klein, dunkle Fenster gegeben, hinter denen arme Familien oder arme Mütter allein mit ihren Kleinen still oder weinend saßen. Hat doch die Liebesgabe deutscher Dichter, der „Weihnachtsbaum für arme Kinder“ weit über Hunderttausend solcher dunklen Fenster zu erhellen gehabt; und wie viel Tausende wurden von der milden Hand dieser und vieler anderer Wohlthätigkeit nicht erreicht! Wer zählt die Thränen hinter den dunkel gebliebenen Scheiben?

Nicht wahr, das betrübt euch, ihr braven Kinder? Das ist recht so. Laßt nur die Wehmuth einziehen in eure Herzen, das macht sie rascher fähig zu dem Entschluß, der euch bald aus den Augen strahlen soll.

So hört denn! Ihr Alle singt „Die Wacht am Rhein“ und wißt längst, warum? Ihr eilt auf die Straße, wenn die Siegesfahnen ausgesteckt werden, mit welchen eure Eltern die Triumphe unserer Heere in Frankreich verherrlichen; und wie oft erzählten sie euch schon, von welchen Gefahren unser deutsches Vaterland bedroht war und welches Unglück über euch und welche Schande über uns hätte kommen können ohne die große Tapferkeit unserer Soldaten und Landwehrleute. Aber wie viele Tausende von ihnen sind nun auch schon todt, und noch viel mehr liegen verwundet und krank auf den Schmerzenslagern der Lazarethe; – wie viel Mütter sind dadurch zu Wittwen, wie viel Kinder zu Waisen, wie viele durch des Vaters Fleiß noch vor einem Vierteljahr mit dem Loos der Zufriedenheit beglückte sind jetzt schon zu armen Kindern geworden!

Nun merkt auf! Wie die heldenmüthigen deutschen Soldaten für eure Eltern in den Tod gegangen sind, so sind des Wehrmanns arme Kinder für euch zu Waisen geworden!

Während ihr im Schooße eurer Eltern jubelt, strecken sie vergeblich die Händchen nach dem Vater aus, der im fernen Grabe liegt. Während eure Mütter euch den Christbaum schmücken, ringen die Mütter der armen Wehrmannskinder jammernd die Hände, die nun das harte Brod allein für sie erwerben sollen. Und wenn nun für euch Alle der Weihnacht Engelgruß erschallt: „Vom Himmel hoch da komm’ ich her“, – wer wird den armen Wehrmannswaisen das Christbäumchen aufpflanzen und die Lichtlein der Freude anzünden?

Ihr, glückliche, elternselige Kinder, ihr sollt es thun! Ihr sollt die Weihnachtsengel eurer armen Cameraden sein! Herbei mit den Sparbüchsen und ausgeleert den ganzen Schatz für das Christfest der armen Kinder und Waisen den Kriegs!

Es versteht sich von selbst, daß nur Schulkinder, nicht auch die kleinen Hemdläuterchen daheim, an diesem Werke eurer Pflichterfüllung Theil nehmen können. Die Schule ist das Standquartier eurer Thätigkeit. Die Herren Lehrern immer eure besten Freunde, gehen euch dabei gern an die Hand; sie werden sich über die ernste Beschäftigung freuen, welche euch damit anvertraut ist.

Für die Ausführung eurer Unternehmung schlage ich euch Folgendes vor. Sie zerfällt in drei Theile: 1) Sammeln von Geld und Bescheerungssachen; – 2) Ermittelung der armen Kinder und ihrer Bedürfnisse; – 3) Einkäufe und Bescheerung.

1) Sammeln von Geld und Gaben. In jeder Schulclasse wählen die Kinder ihrer Drei von ihren Genossen zur Besorgung des Sammelns. Das eine Kind sammelt das baare Geld ein, das andere die Bescheerungssachen, welche von wohlwollenden und wohlhabenden Kinderfreunden so gern gegeben werden. Denn, wie meine fünfundzwanzigjährigen Bescheerungserfahrungen mir bewiesen, giebt z. B. der Bäcker lieber eine Anzahl Christstollen, der Lebküchler lieber Dutzende von Pfefferkuchen, der Conditor lieber ein paar Düten voll Baumzucker her, als baares Geld; ebenso der Tuchhändler ein Stück Tuch, der Schnittwaarenhändler ein Restchen Kleiderzeug, der Gerber ein Stück Leder, der Spielwaarenfabrikant eine ganze Kiste Spielsachen etc. Das dritte Kind endlich ist der Buchführer: es schreibt die Namen der gebenden Kinder und das, was sie gebracht haben, Geld oder Waaren, und wieviel, genau auf. – Jeden Abend liefert ihr das Eingesammelte sammt dem Verzeichniß desselben dem Herrn Lehrer zur Aufbewahrung ab. In Städten, wo viele Lehrer an einer Schule thätig sind, mein’ ich damit den Herrn Classenlehrer; auf den Dörfern, wo nur ein Raum alle Kinder umfaßt, sammeln wenigstens die Mädchen und die Knaben besonders. Es versteht sich von selbst, daß ihr Alle erst eure eigenen Sparbüchsen ausleert, ehe ihr anderweit anklopft.

2) Während ihr sammelt, muß gleichzeitig das Verzeichniß all’ der Mütter und Kinder eures Orts festgestellt werden, welche durch den Krieg in Noth und Trauer gekommen sind. In Dörfern und kleinern Städten ist das ein Leichtes, in großen Städten wird’s Arbeit machen, die aber Niemandem etwas schadet. Das besorgen am besten mit Hülfe der Ortsobrigkeit eure Eltern. Und nun kommt wieder etwas Wichtiges! Bittet eure Eltern, sich nicht auf das kalte Verzeichniß zu verlassen, auch nicht zu verlangen, daß die bedrängten Mütter zu ihnen kommen, – sondern eure Mütter sollen sich selbst in die Wohnungen derselben bemühen und sich recht liebevoll nach Allem erkundigen und mit eigenen Augen sehen, was etwa besonders fehlt und womit eine recht große Freude zu bereiten sei. Es ist rathsam, daß sie ganz besonders durch der Eltern Wohlhabenheit bevorzugte Kinder auf solchen Gängen mitnehmen, damit diese kennen lernen, wie es bei der Armuth aussieht. Das kann ihrem Herzen außerordentlich gesund sein, besonders in ihrer Beziehung zum lieben Gott und zur Dankbarkeit.

Sobald ihr, liebe Kinder, mit eurer Sammlung fertig seid und eure Eltern das Verzeichniß der armen Kinder des Kriegs und ihrer Bedürfnisse aufgenommen haben, wird gerechnet. Eure Eltern berechnen, wie groß der Bedarf ist, um allen ausgeschriebenen Kindern ein Christfest zu bereiten, das ihnen zum Spielzeug auch neue warme Kleider, Stiefel und Schuhe, Hauben und Mützen und dergleichen bescheert, – und ihr berechnet, ob eure Sammlung den Bedarf deckt. Reicht’s noch nicht aus, so helft ihr euch nicht damit, daß ihr den Kindern eben weniger bescheert, sondern ihr sammelt weiter, bis der Bedarf gedeckt ist. Das ist das Beispiel, welches ihr Kinder den Herren von der deutschen Invalidenstiftung geben sollt.

Nun kommen wir 3) zur Bescheerung selbst. Bei unseren, aus dem Erlös für den „Weihnachtsbaum für arme Kinder“ hergestellten Bescheerunaen begleiteten die Mütter, Väter oder älteren Geschwister oder sonstige Verwandte die Kinder in den Schul- oder Rathhaussaal, wo die Feier stattfand. Die Kinder wurden gleich so geordnet, daß beim Hereinziehen in den lichterglänzenden Bescheerungssaal und um die gabenbedeckten Tafeln herum jedes an die Stelle kam, wo seine Herrlichkeiten lagen. Und war ein schöner Gesang verklungen und eine kurze Ansprache gethan, so bekam jeden Kind seine Gabe, und die Angehörigen bargen dieselbe in die mitgebrachten Körbe. Bei eurem Fest müßt ihr selbst mit den Kindern Hand in Hand zur Bescheerung vor die strahlenden Christbäume ziehen und die Gaben auf den Tischen und am Baume vertheilen. Einmal wählten wir die Zahl der Christtannen so, daß wir ebenso viele Aeste als Kinder hatten. Jeder Ast trug dieselbe Zahl von Zuckerstücken, Nüssen und Aepfeln und ein Lichtchen, und zum Schluß des Festes schnitten wir jedem Kinde seinen Ast ab, – und so zogen sie, den Ast glückselig vor sich hinhaltend, viele mit den brennenden Lichtchen, heim, um bei den Ihrigen nun die Christfestfreude noch recht zu genießen. Das war sehr schön und verdient Nachahmung.

Aber Eines vergeßt ja nicht! Wenn eure Eltern ihre Besuche bei den Frauen und Wittwen unserer Wehrmänner machen, werden sie auch solche finden, welche die Beiziehung ihrer Kinder zur öffentlichen Bescheerung tief schmerzen würde. Diesen gebt Alles, was ihnen bestimmt ist, zu ihrem stillen Feste daheim. Macht überhaupt kein Schaustück der Wohlthäterei aus eurem Fest; nur mit innigster Hingebung und Liebe könnt ihr den armen Kindern des Krieges Das zu vergelten suchen, was sie euch geopfert haben. Schließt Freundschaft mit ihnen und verliert sie nicht aus euren Augen! Diese Wohlthat für euer Herz bezeigt euch selbst: Das wird eure ganze Zukunft segnen!

Sind wir nun fertig? – Nein! Gerade das Schönste habe ich noch auf dem Herzen.

Es wäre doch wohl möglich, daß an vielen Orten im lieben Vaterlande mehr als der Bescheerungsbedarf für arme Kinder des Krieges von euch aufgebracht würde. – Man wird sagen: „Gut, es giebt ja mehr arme Kinder im Orte, gebt’s diesen!“ – Darauf antworten wir: Nein! Für die übrigen armen Kinder sollen die Erwachsenen sorgen; es wäre sogar eine große Schande, wenn in diesem gottgesegneten Ehrenjahre der deutschen Nation ein einziges deutsches armes Kind ohne sein Christbäumchen bliebe! Wir aber wollen unsere Ueberschüsse zusammenthun, das giebt eine Summe, groß genug, daß wir Kinder Deutschlands unseren neuen Vaterlandsgenossen jenseits des Rheins den Weihnachtsgruß damit bieten können. Wohl nicht weniger, als bei uns, giebt’s im Elsaß und in Lothringen arme Kinder und Waisen des Krieges. Auf, pflanzt die deutschen Weihnachtstannen den armen Kindern in Straßburg auf, in Mülhausen und Schlettstadt, in Breisach und Weißenburg etc., ja selbst den kleinen Franzosen in Metz bringt eure deutsche Weihnachtslust, und wäre es nur, damit sie sehen, wie gut und glücklich die deutschen Kinder sind.

Das wird Versöhnung bereiten im Elsaß wie in Lothringen; durch die Freudenthränen der Kinder werdet ihr die Herzen der Eltern erweichen, der deutsche Weihnachtsbaum wird das alte deutsche Land rascher mit uns wieder verbinden als alle Post- und Zollvereine, die Kinder werden durch die Kinder das Volk besiegen, und in wenigen Jahren wird es möglich werden, daß ihr dem König Wilhelm zurufen könnt: „Da schau’ her, Majestät, wir haben so viel erobert wie Du!

So viel für heute, liebe Kinder! Ueberlegt die Sache mit euren Eltem und Lehrern und schreitet rasch zur That! Es wird noch Manches darüber zu fragen und zu antworten sein. Schreibt mir nur frisch drauf los. Kann die Antwort gleich für Viele gelten, so wird Herr Ernst Keil gern ein Plätzchen in der Gartenlaube für sie hergeben.

Euch Allen meine schönsten Grüße!

Leipzig, Mitte November 1870.
Dr. Friedrich Hofmann.