Eine mecklenburgische Colonie in Nordamerika

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Autor: Unbekannt
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Titel: Eine mecklenburgische Colonie in Nordamerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 139–141
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine mecklenburgische Colonie in Nordamerika.

Welches Land, welche Nation hätte nicht ein Scherflein dazu beigetragen, diese eine große Nation der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu bilden, in welcher alle Völker zu einem großen freien Brudervolke zerschmelzen! Leider vergessen diese verschiedenen Nationen sehr bald ihre Herkunft. Sie werden Yankee’s im vollsten Sinne des Wortes, alle Gewohnheiten, alle Sitten des alten Vaterlandes abstreifend; sie vergessen die Sprache, welche sie als Kind gelernt, um die Sprache dieses anderen neuen Vaterlandes zu sprechen; kurz Alle acclimatisiren sich, façonniren sich mehr oder weniger rasch, sie werden United States Citizen, und sind um so stolzer im Bewußtsein ihrer Freiheit, als sie im früheren Vaterlande unterdrückt und geknechtet worden sind. Nur ein Volk, oder vielmehr nur eine Spielart eines Volkes bewahrt seine Gewohnheiten, seine Sitten, bewahrt sogar seine Sprache, und dieses ist der Mecklenburger.

Wohl kein Land nächst Kurhessen, dieser anderen unglücklichen Provinz unseres schönen Deutschlands, hat verhältnißmäßig ein größeres Contingent zur Bevölkerung der Vereinigten Staaten gestellt als gerade Mecklenburg.

Wir fragen: weßhalb? und die Antwort liegt wohl nicht gar fern: Mecklenburg ist hinter dem übrigen Deutschland weit zurückgeblieben. Ein Rittergutsbesitzer in Mecklenburg und ein Raubritter des Mittelalters könnten wohl noch so ziemlich gleichbedeutend sein. Man kann sich eine Vorstellung von der socialen Stellung des gemeinen Mannes, des Arbeiters machen, welcher den fruchtbaren Boden Mecklenburgs in dem Schweiße seines Angesichts bearbeitet, wenn man ihn in Amerika die Luft der Freiheit so mit vollen Zügen einathmen sieht, und sich auf seinem Gesichte dies Glück ausprägt, welches seine biedere deutsche Seele erfüllt, endlich diesem Zwange, diesem ewigen Darben trotz zwölfstündiger harter Arbeit entronnen zu sein. Denn hier lacht ihm, wenn auch nicht gleich, ein vorgefabelter Wohlstand und Reichthum, so doch ein sorgenfreies Leben; er sieht die Möglichkeit vor sich, in einigen Jahren das zu erwerben, wozu daheim ein ganzes Menschenleben kaum genügt hätte. Schon besitzt er einige Morgen fruchtbares Land und seine Hütte, und wenn diese auch kaum genügt, um der zahlreichen Familie ein Obdach zugewähren, so ist sie doch sein Eigenthum. Mit Stolz blickt er heute auf sein Arbeitszeug, auf seinen Spaten, seine Axt, welche ihm und seiner Familie das tägliche Brod geben, während er sie früher nur mit Mißmuth und Verdruß ansah und jeden Morgen seufzend wieder in die Hand nahm, um freilich auch zu arbeiten, aber nicht für sich. Was nützte es ihm, den fruchtbaren Boden seines Vaterlandes zu bearbeiten? Ein karger Lohn, welcher kaum hinreichte, um den nothwendigsten leiblichen Bedürfnissen zu gelingen, ward ihm; er verließ mit blutendem Herzen seine zerfallene Hütte, welche der schmutzige Geiz und Egoismus des Besitzers zu einer wahren Ruine umgestaltet hatte, verfolgt von dem Geschrei seiner hungernden Kinder, während der Herr mit einem kalten, theilnahmlosen Lächeln auf seine zerlumpte, von jahrelanger harter Arbeit gebückte Gestalt die blanken Thaler für die goldenen Saaten einstrich, ja ihm vielleicht in demselben Augenblicke mit einem derben Fluche auf das hungrige Gesindel die Bitte um einen Scheffel Kartoffeln abschlug, das einzige Nahrungsmittel des armen Arbeiters, auf dessen Tische ein Stück Fleisch schon seit Monaten nicht mehr erschienen.

So rafft er denn das letzte ihm Gebliebene zusammen, wirft einen letzten traurigen Blick auf die Hütte, wo seine Wiege gestanden, und wandert mit dem geringen Bündel auf den nächsten Hafen los.

Wir finden ihn, sowohl den früheren Besitzer eines kleinen Bauerhofes, als auch den gewöhnlichen Arbeitsmann, der nichts als sein dürftiges Mobiliar, die große wurmstichige Gardinenbettstelle und den rothbraunen Tellerschrank, höchstens eine Kuh und einige Schafe sein eigen nennen konnte, im fernen Westen Amerikas wieder.

Ganz der Alte an Sitten und Gewohnheiten. Der lange blaubaumwollene Rock, die kniehohen Stiefeln mit den dicken Sohlen und den gleich Eselsohren zu beiden Seiten herausstehenden Strippen, das blau und roth gestreifte Halstuch, – wir erkennen ihn auf den ersten Blick. Die kurze Pfeife mit dem großen Porzellankopfe, auf welchem in den grellsten Farben das gelungene Portrait irgend eines berühmten Feldherrn, ja sogar ein ganzes Schlachtstück prangt, fehlt ebenfalls nicht, und lustig dampft er seinen Kneller, nachdem er ihn noch nach echter altdeutscher Sitte [140] mit Hülfe von Stahl, Stein und Schwamm in Brand gesteckt, in die freie Luft hinein. Denn lustig ist er geworden, eine biedere deutsche Kernlustigkeit hat sich seiner bemächtigt, und nur der Gedanke, daß seine vielen Vettern, Basen und Tanten, ja vielleicht gar seine alten Eltern noch da drüben bei harter Arbeit hungern und darben müssen, zieht wie eine Wolke über seine Stirne, – doch selbst bei dieser Erinnerung erheitert sich sein Gesicht bald wieder, denn bald wird ja so viel verdient sein, daß er seinen liebsten Angehörigen die zur Ueberfahrt nöthige Summe wird schicken können. Die entfernteren Verwandten und Bekannten, besonders die ihm so sehr abgerathen über das Meer zu gehen, werden dann Augen machen und, wenn sich aus dem Verkaufe des ärmlichen Mobiliars nur irgendwie die Ueberfahrtskosten herausschlagen lassen, gewiß die Ersten sein, welche ihm folgen werden.

Die Gartenlaube (1861) b 140.jpg

Mecklenburgische Colonie bei Milwaukee.

Seine Sprache, dies breite gewichtige Plattdeutsch mit seinen Kraftausdrücken, seinen Kernstücken, vertauscht er ebenfalls nur ungern und gewissermaßen nur gezwungen gegen die englische, was hauptsächlich schon deßhalb länger dauert, weil er sich stets zu seinen Landsleuten hingezogen fühlt, wie denn ein Mecklenburger stets die Gesellschaft eines Mecklenburgers sucht. So traf ich im Nordwesten der Vereinigten Staaten in der am Michigan-See gelegenen Stadt Milwaukee, der größten des Staates Wisconsin, eine solche Colonie, eine wahre Cabinetausgabe des deutschen Mecklenburg, von welcher ich eine Skizze beifüge.

Sie haben sich hauptsächlich an dem einen nördlichen Ende der Stadt angesiedelt. Es gehört dieser Theil, obgleich er sich mit seiner äußern Grenze über eine halbe deutsche Meile von der Stadt befindet, noch in das Gebiet derselben, wie wir es schon an den genau nach den vier Himmelsrichtungen hin angelegten Straßen sehen können; doch kann uns dies bei einer westamerikanischen Stadt nicht Wunder nehmen. Eine solche Stadt ist von ihren Gründern oft in den Dimensionen angelegt oder ausgesteckt, wie sie es dort nennen, daß ein London oder Paris auf ihrem Flächenraume fast verschwinden würde, obgleich vorauszusehen ist, daß viele derselben wegen der Unzweckmäßigkett ihrer Anlage oder auch wegen schlechter klimatischer Verhältnisse es nie über eine Einwohnerzahl von vielleicht tausend Seelen bringen werden.

Milwaukee macht freilich hierin eine Ausnahme. Seit kaum fünfzehn bis zwanzig Jahren von einem Franzosen, einem gewissen Juneau angelegt, welcher die Tochter eines Häuptlings der jetzt fast ganz ausgerotteten Menomonie-Indianer geheirathet, ist sie in kurzer Zeit, und besonders seit den letzten zehn Jahren zu einer großen Handelsstadt mit einer Einwohnerschaft von fast 60,000 Seelen angewachsen, und die in letzter Zeit eröffnete directe Verbindung des Obersees durch den Welland-Canal und den Lorenzstrom mit dem atlantischen Ocean wird ihr in der Folge noch eine größere Wichtigkeit verschaffen. Auch sie ist in ungeheuren Dimensionen ausgesteckt, und wird, was indessen wohl trotz des schleunigen Wachsthums dieser nordwestlichen Städte nicht so bald zu erwarten ist, nur eine Hälfte dieser durch die graden Straßen in regelmäßige Vierecke zertheilten Fläche bebaut, so würden einige Millionen Einwohner wohl kaum genügen, um die Häuser mit Bewohnern zu füllen.

Hier, wie gesagt, ist ein zweites, aber glückliches, freies Mecklenburg gegründet worden. Hier, zwischen den noch fest im Boden steckenden riesigen Stümpfen der Bäume, welche noch vor kaum zwanzig Jahren den Wigwam des rothen Sohnes der Wälder beschatteten, hat der arbeitsame Plattdeutsche oder Dutchman, wie ihn der Amerikaner nennt, einige Morgen Land gekauft, eine Lot, d. h. einen Bauplatz, und auf demselben seine Breterhütte erbaut. Sie gewähren einen eigenthümlichen Anblick, diese oft phantastisch, nach der Laune des Besitzers construirten Baulichkeiten. Viele sind freilich schon mehr einem Hause ähnlich, da ein Aufenthalt [141] von bereits einigen Jahren dem Erbauer erlaubt hat, mehr Ersparnisse auf dieselbe zu verwenden; andere dagegen haben aber durchaus nichts an sich, was darauf Hinweisen könnte, daß dies wirklich ein von Menschenhand geschaffenes und ihm zum Obdach bestimmtes Machwerk ist, besonders wenn dieselben, um möglichst wenig Breter zu verbrauchen, zu drei Vierteln in die Erde gesenkt sind.

Man braucht nur einige Schritte in diese Gegend gethan zu haben, um zu sehen und zu hören, daß man sich unter einer durchweg mecklenburgischen Bevölkerung befindet, man erkennt sofort den kräftigen untersetzten Bewohner des baltischen Strandes, ja man wird sogar, und dies kam mir besonders spaßhaft vor, von dem zottigen Dorfspitz, wie wir ihn in jedem Dorfe Mecklenburgs zu Dutzenden finden, angekläfft, so recht auf plattdeutsch angekläfft, denn selbst er, da er sich so mitten unter Landeskindern befindet, amerikanisirt sich nicht.

Die Bewohner dieser Colonie beschäftigen sich natürlich, schon der geringen Ausdehnung ihres Landbesitzes halber, nur in so fern mit dem Ackerbaue, als es die Bepflanzung desselben mit Kartoffeln und einigen Gartenfrüchten betrifft, ein Geschäft, was übrigens in der Regel der Frau und den jüngeren Familiengliedern obliegt. Der Mann hat nämlich herausgefunden, daß er seine Arbeitskräfte in der Nähe einer großen handeltreibenden Stadt viel besser verwerthen kann. Er wandert daher, wohlgemuth aus seiner Pfeife, dem sogenannten Nasenwärmer, wahre Dampfwolken eines echten amerikanischen Knasters ziehend, mit seinen Geräthschaften auf dem Rücken, früh des Morgens nach der Stadt. In einer der grundlosen Hintertaschen seines langen blauen Rockes wiegt sich das kräftige Stück Schwarzbrod nebst einem guten Bissen fetten amerikanischen Speckes, aus der andern guckt der Hals einer wohlgefüllten Schnapsflasche hervor, und ein lustiges plattdeutsches Lied, so einen Mecklenburger Schnaderhüpf’rl vor sich her trällernd, langt er auf dem Marktplatze an. –

Hier ist die Börse. Hier versammeln sich jeden Morgen mit Sonnenaufgang die arbeitslustigen Mecklenburger Landeskinder, und mit derben Scherzen und Erzählungen aus dem alten Vaterlande vertreiben sie sich die Zeit, bis ein Arbeitgeber sie wegholt. Der Städter weiß, wo er einen Arbeiter zu finden hat, er geht auf die Börse, und hat er auch nur so irgendwie das Ansehen, als suche er Jemand, so wird er sich gleich von einer Anzahl derselben umringt sehen, welche ihm in den breitesten vollsten Tönen ihrer Muttersprache ihre Dienste antragen, weßhalb es denn auch gewissermaßen gefährlich ist, in dieser Gegend stehen zu bleiben. Der Mecklenburger ist zu Allem brauchbar, jede Arbeit verrichtet er mit Geschick und praktischem Verstande; das weiß auch der Städter, und der Amerikaner selbst wird sich, wenn es im Haus und Hof etwas zu thun giebt, stets einen Dutchman holen. Im Sommer erscheint er mit Hacke, Spaten und Schaufel, und nie hat er lange auf Arbeit zu warten, im Winter dagegen, wo die Arbeiten auf dem Felde aufhören und er meistens nur auf das Holzspalten angewiesen ist, bilden die Axt und der Sägebock seine steten Begleiter, und dann kommt es wohl manchmal vor, daß er einen ganzen Tag nutzlos warten muß, höchstens nur einige kleine Commissionärdienste versieht, die ihm einige Cents einbringen. Doch dies schadet nichts, denkt er bei sich, zieht, um sich zu trösten, die Schnapsflasche, das gewaltige Stück Schwarzbrod und den Speckschnitten aus der Tasche, und bald ist er, besonders wenn dann auch die Pfeife in Brand gesteckt ist, wieder in der prächtigsten Laune; er scherzt dann mit seinem noch traurig dasitzenden Nachbar, indem er ihm scherzend einen Rippenstoß versetzt, der einen minder Starken auf die Seite geworfen hätte, und lugt scharf nach allen Seiten aus, um ja nicht einen Arbeitgeber zu verpaffen.

Was am meisten zu bewundern ist, ist der Umstand, daß sich der Mecklenburger nie betrinkt. Er führt zwar stets seine Kümmelkarline, wie er sie im vertraulichen Umgang nennt, bei sich, jedoch trinkt er seinen Schnaps eben nur als Zugabe zu seinem einfachen Mahle von Schwarzbrod und Speck. Ein Irländer würde sich, wenn er so manchmal den ganzen Tag vergebens auf Arbeit warten müßte, wenigstens dreimal betrinken.

Im Winter arbeitet der Mecklenburger überhaupt nicht so anhaltend als im Sommer, er ruht aus; seine Frau und die weiblichen Glieder hingegen greifen zur Nadel, denn Arbeit giebt es vollauf. Man muß nun freilich nicht gleich glauben, die Arbeiterfrau besäume oder sticke Battisttaschentücher oder verfertige feine Leibwäsche, – nein, – die Nadel der biederen Mecklenburgerin versteigt sich selten über jene blauen Drillichstoffe hinaus, von denen im ganzen Nordwesten Amerika’s zu Kitteln, Beinkleidern und Hemden ein ungeheurer Verbrauch gemacht wird; sie verdient indessen täglich einen halben Dollar, also ungefähr zwanzig Silbergroschen, Was, wie mir einst ein Arbeiter sagte, vollkommen zum Unterhalt der Familie ausreiche, denn seinen Verdienst lege er auf die hohe Kante, um in einigen Jahren an Stelle der kleinen Breterhütte ein schönes Haus zu bauen.

So arbeitet er denn einige Jahre fort und häuft Sparpfennig auf Sparpfennig, und hat sich dann die Summe etwas abgerundet, so verkauft er in der Regel auch noch mit einigem Profit seine Lot und Haus, und bald sehen wir ihn weiter im Innern auf irgend einer kleinen Farm glücklich und zufrieden seinen Boden bestellen. – Es versteht sich von selbst, daß er stets eine Farm oder eine Fläche Land dort kauft, wo bereits Landsleute wohnen, denn – der Mecklenburger ist nun einmal für den Mecklenburger geschaffen.
St.