Eine neue Vorrichtung zum Stimmen der Klaviere

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Autor: Prof. Dr. Oskar Paul
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Titel: Eine neue Vorrichtung zum Stimmen der Klaviere
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 444-445
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine neue Vorrichtung zum Stimmen der Klaviere.

Wer unter unsern Lesern wüßte nicht den oder jenen Bekannten zu nennen, der einmal den Fürwitz besaß, sein verstimmtes Klavier selbst stimmen zu wollen, und dabei die verhängnißvollsten Erfahrungen machen mußte, trotzdem er zu seinem Versuche eine leidliche Kenntniß der nothwendigen Handgriffe und ein gutgeschultes, sicheres musikalisches Gehör mitbrachte. Die Erklärung seines Mißerfolgs ist zu einem Theile in der bisherigen Gestaltung der Stimmvorrichtung zu suchen. Wie sich jeder Klavierbesitzer überzeugen kann, sind bei dem üblichen System die Saiten des Instruments an dem einen Ende festgemacht, mit dem andern um einen drehbaren Wirbel oder Stimmstift gewunden, dessen Drehung je nach dem Nachlassen der Spannung oder Erhöhung derselben und damit Tiefer- oder Höherstimmung des Tons bewirkt. Diese Einrichtung bringt mancherlei Schwierigkeiten mit sich. Einmal ist es selbst durch die solideste Herstellungsart nicht zu umgehen, daß mit der Zeit an vielbenützten und daher häufiger der Stimmung bedürftigen Klavieren die Wirbel in ihren Holzlagern sich ganz leise zu lockern und dem bedeutenden Druck der gespannten Saite immer weniger Widerstand zu leisten beginnen; sodann – und an diesem Umstande scheitern wohl meistens die dilettantischen Stimmversuche – bewirkt bei der unmittelbaren Uebersetzung der Spannung vom Wirbel auf die Saite besonders bei den hohen Lagen schon eine ganz leichte Drehung an dem Stimmgriff eine verhältnißmäßig starke Veränderung des Tones, und es bedarf demnach einer recht geübten, sicheren Hand, um hier zwischen dem Zuviel und Zuwenig die richtige Mitte zu finden.

Das hätte nun an und für sich nicht so viel zu sagen, denn solcher geübter sicherer Hände giebt es viele, die sich mit ihrer Kunst ein sauer genug verdientes Brot erwerben. In den Städten, am Sitze von Pianofortefabriken mögen die verstimmten Instrumente daher auch nach wie vor der Sorge des zünftigen Klavierstimmers anvertraut werden. Anders liegen die Dinge, wenn wir in Betracht ziehen, in welche entlegenen Winkel der Erde das Klavier vorgedrungen ist. Wir brauchen noch gar nicht an unsere zahlreichen Pfarrer und Schullehrer auf entlegenen Dörfern zu erinnern, für welche die Gewinnung eines Klavierstimmers schon mit [445] recht erheblichen Umständen und Kosten verknüpft ist. Man erkundige sich bei dem exportirenden Fabrikanten und man wird die merkwürdigsten Namen vernehmen von Orten, nach denen ihre Ware wandert, vom Hause des deutschen Gouverneurs in Kamerun bis zur einsamen Farm im amerikanischen Westen. Für solche Klavierbesitzer ist ein zünftiger Stimmer unter gewöhnlichen Verhältnissen einfach unerreichbar; sie müssen, wenn sie nicht unter ewiger Verstimmung leiden wollen, zur Eigenhilfe greifen, und da ist allerdings eine Erfindung mit Freuden zu begrüßen, die diese Eigenhilfe weniger „schrecklich“ macht.

Eine solche Erfindung nun ist „Wilhelm Fischers patentirte Stimmvorrichtung, D. R. P. Nr. 40440“. Sie besteht im wesentlichen in der Ersetzung des Stimmwirbels durch die Stimmschraube. Wir wollen versuchen, unsern Lesern ein Bild von derselben zu machen.

Die Gartenlaube (1889) b 445.jpg

Die Anwendung von Stimmschrauben an Stelle der gewöhnlichen Wirbel oder Stimmstifte ist 1845 von Morgenstern und sodann kurz nach der Pariser Weltausstellung 1867 in Deutschland mehrfach versucht worden. Als das beste Ergebniß dieser Versuche erschien die Stimmvorrichtung des Königsberger Pianofortefabrikauten Gebauhr, welcher von der Jury der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 durch Verleihung der Fortschrittsmedaille ausgezeichnet wurde. Der Gebauhrsche Stimmapparat erwies sich jedoch nicht hinreichend leistungsfähig und verschwand mit der Zeit wieder aus den Pianofortewerkstätten. Auch ein weiterer, von den Franzosen ausgehender Versuch einer Stimmschraubenvorrichtung konnte im praktischen Pianofortebau nicht durchdringen, obgleich amerikanische Fabrikanten, durch denselben angeregt, einzelne Pianino und Flügel mit Stimmschrauben versahen.

Jenen nicht gelungenen Versuchen ist die neue Stimmvorrichtung von Wilhelm Fischer in Leipzig als eine in allen Einzelheiten vorzüglich durchgeführte Leistung entgegenzusetzen. Dieselbe ist als der bedeutendste Fortschritt in dieser Richtung zu bezeichnen und scheint berufen zu sein, die früheren mit Schwächen behafteten Einrichtungen im Stimmwesen vollständig zu verdrängen. Die Stimmvorrichtung von Fischer ist um so leichter einzuführen, als sie nur eine geringe Aenderung in der gewöhnlichen Konstruktion der Flügel und Pianino bedingt.

Zum besseren Verständniß des Gegenstandes möge die beigegebene einfache Zeichnung dienen. In dieser ist die Saite mit a, der Winkel mit b, die Millimeterschraube mit c und die das Ganze zusammenhaltende Eisenplatte mit d bezeichnet. Diese kräftige Eisenplatte d ist an die Stelle des bisherigen Stimmstockes aus Holz gesetzt, sie ist in einheitlicher Form mit dem Eisenrahmen des Instrumentes gegossen, mit welchem sie ein unverrückbares Ganzes bildet. An die Stelle des sonst üblichen Wirbels oder Stimmstiftes ist in der Fischerschen Stimmvorrichtung der metallene Winkel b getreten. Derselbe findet seinen Stützpunkt in einer halbkreisförmigen Vertiefung der Eisenplatte d; an seinem unteren Schenkel ist die Saite a befestigt, während die Millimeterschraube c, welche ihr Gewinde in derselben Eisenplatte hat und dem Winkel gleichzeitig festen seitlichen Halt giebt, durch ihren Druck auf den anderen Winkelschenkel der Saite die nöthige Spannung giebt und durch ihre mit einem Schraubenzieher ungemein leicht zu bewerkstelligende Drehung die Saite in die gewünschte Tonhöhe bringt. Jene Metallwinkel bedürfen kaum eines größeren Raumes als die Wirbel, mit welchen sie auch die örtliche Anordnung gemein haben. Da bei der Fischerschen Stimmvorrichtung die Saiten an den beiden Enden ihre Befestigung im Eisen haben (nicht im Holz, wie bei einem gewöhnlichen Stimmstock mit Wirbeln), so verbürgt diese Konstruktion die denkbar längste Haltbarkeit der Stimmung; sie ermöglicht aber auch, wegen des engen Gewindes der regulirenden Schraube, die geringnen Tonveränderungen, was, wie oben angedeutet, ganz besonders für die höheren und höchsten Lagen des Bezuges vom größten Werthe ist. Die ungemein leichte Handhabung macht das sonst so schwierige Geschäft des Stimmens auch dem Laien ohne weitere Uebung möglich, wenn derselbe ein gutes Gehör besitzt und die Intervalle für die temperirte Stimmung richtig zu beurtheilen weiß. Jedenfalls ist von allen Stimmvorrichtungen diejenige mit der Fischerschen Millimeterschraube die einfachste, zuverlässigste und verhältnißmäßig billigste. Außerdem hat sich dieselbe in der Prasis trefflich bewährt; denn die Leipziger Pianofortefabrik von Fischer und Fritzsch, deren Mitbesitzer der Erfinder ist, hat bereits eine große Anzahl ihrer mit der angezeigten Vorrichtung versehenen Flügel und Pianino versandt und allenthalben Anerkennung der Vorzüge gefunden.

Prof. Dr. Oskar Paul.