Frauenbildung

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Titel: Frauenbildung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[445] Frauenbildung. Unter diesem Titel hat Helene Lange eine Schrift (Berlin, L. Oehmigkes Verlag) herausgegeben, in welcher sie für die wissenschaftlichen Studien der Frauen und für ihre Berufsthätigkeit in einzelnen Fächern eine Lanze einlegt. Jedenfalls enthält die Schrift, der man Freimuth der Meinungsäußerungen und Wärme der Darstellung nachrühmen muß, eine Menge interessanter Angaben über die englischen Verhältnisse auf dem Gebiete der Frauenbildung. Von den dortigen Anstalten, welche erwachsenen Mädchen eine gründliche Ausbildung zu theil werden lassen, wurde als die erste Queens College in London im Jahre 1848 errichtet. Dies College stand stets und steht noch heute unter männlicher Leitung und befolgt den Schülerinnen gegenüber ein vorsichtiges Anpassungssystem. In demselben Jahre gründete Miß Reid in London, anfangs nach dem Vorbilde des erwähnten College, ein zweites, Bedford College, welches sich aber später höhere Ziele steckte und unmittelbar auf die Prüfungen der Londoner Universität vorbereitete. Seit jener Zeit hat sich eine vollständige Umwälzung in der Frauenbildung vollzogen. Wesentlich darauf eingewirkt haben die bahnbrechenden Schriften von Miß Emily Davies; doch auch tonangebende Gelehrte förderten die Bewegung. In der Nähe von Cambridge wurde 1872 das Girton College eröffnet, das gegenwärtig über hundert Studentinnen birgt. Hier halten auch einzelne Professoren von Cambridge Vorlesungen. Seit der Gründung des College haben 129 Girtonians ihr Examen ehrenvoll in Cambridge bestanden und zwar 44 in klassischer Philologie, 36 in Mathematik, 1 in Mathematik und Geschichte, 23 in Naturwissenschaften, 14 in Philosophie, 8 in Geschichte. Aehnliche günstige Ergebnisse hat das in Cambridge selbst befindliche Newnham College aufzuweisen. Als ein Wunder der Gelehrsamkeit wird Miß Ramsay gefeiert, die beim Examen in der klassischen Philologie die höchsten Ehren errang. Die „Times“ schreiben über sie:

„In der That, eine erstaunliche Leistung! Miß Ramsay stand den philologisch durchgebildeten jungen Leuten unserer besten öffentlichen Schulen gegenüber, und sie hat ihre Nebenbuhler auf deren eigenem Gebiete geschlagen. Ja, sie hat sich ihnen allen um den Unterschied einer ganzen Abtheilung überlegen gezeigt, ist nicht nur die erste einer Klasse, zu der mehrere andere Kandidaten zugelassen werden, nein, sie befindet sich in der ganzen ersten Abtheilung allein. Zu einer gleich hohen Auszeichnung ist noch nie ein männlicher Student gelangt.“ Doch sie hat bald darauf ihren Mitbewerbern das Feld geräumt, indem sie sich mit dem Master vom Trinity College in Cambridge verheirathet hat.

Ein wichtiges Ziel war die Berechtigung der Frazen zu den akademischen Graden. Auch dieses wurde erreicht; im Jahre 1878 wurde die Londoner Universität mit allen ihren Graden den Frauen eröffnet.

Im Jahre 1886 wurde in Gegenwart der Königin das Royal Holloway College eröffnet, das schon wegen der Großartigkeit seiner Gebäude besondere Erwähnung verdient. Es liegt etwa anderthalb Stunden von London nahe bei Egham auf einem mäßigen Hügel inmitten einer der lieblichsten englischen Landschaften. Die Gebäude sind wahrhaft fürstlich. Die für ihre Errichtung und Ausstattung verwendeten Summen belausen sich auf 600000 Pfund Sterling. (12000000 Mark), sie sind im französischen Renaissancestil gehalten und umschließen zwei durch ein Quergebäude getrennte Höfe. Das College hat 1000 Zimmer und 3000 Fenster, ist auf etwa 250 Studentinnen berechnet, hat Dampfheizung, elektrische Beleuchtung, weitläufige wirthschaftliche Baulichkeiten und eine Gemäldegalerie im Werth von 90000 Pfund Sterling.

Was die Berufswahl der wissenschaftlich gebildeten Frauen betrifft, so galt als besonders unweiblich die Medizin, schon bei der Abstimmung über die Freigebung der Londoner Universitätsgrade stieß diese bei den Medizinern auf die stärkste Opposition. Der erste weibliche Arzt war Miß Elisabeth Garrett; in Edinburgh wurde Miß Jex Blake im Jahre 1869 als erste Studentin der Medizin ausgenommen; doch das führte zu den häßlichsten Scenen und die zum Studiren zugelassenen Frauen siedelten nach London über. Eine unabhängige Hochschule für Aerztinnen wurde 1874 in London eröffnet; sie steht gegenwärtig in Blüthe. Bis jetzt sind 60 Frauen in das Register der staatlich anerkannten Aerzte eingetragen. Nicht in den vornehmsten, aber in den gebildetsten Kreisen und unter den Armen finden sie hauptsächlich ihren Wirkungskreis. Auch giebt es Hospitäler für Frauen, die nur von Frauen geleitet werden.