Eine schwarze Kugel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: A. Godin
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine schwarze Kugel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17–20, S. 287–291, 293–296, 320–324, 325–330
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[287]
Eine schwarze Kugel.
Erzählung von A. Godin.[1]

Hört man irgendwie die Bezeichnung „Muttersöhnchen“, so entwirft sich die Phantasie sogleich das Bild eines Jünglings, der Leckerbissen zu schätzen weiß, den Schnupfen fürchtet und sich mit naiver Zuversicht als Mittelpunkt des Stückchens Welt betrachtet, auf welchem er sich gerade befindet. Es giebt aber noch eine zweite Ausgabe dieser Species, ebenso liebenswürdig, wie die erstere fragwürdig ist: Jünglinge, selbst Männer, die ein gewisser Hauch feinen Sinnes umweht wie jener Schatten von Duft, den man zuweilen mit sich fortträgt, nachdem man den Raum, wo er wirklich ausströmte, längst verlassen hat. Fast mit Bestimmtheit läßt sich behaupten, daß solche Männer von früher Jugend auf viel in Gesellschaft einer zartfühlenden und liebevollen Mutter gewesen und dann lebenslang unter diesem Einflusse sowohl ihre Eindrücke empfangen wie sich selbst äußern – namentlich in allen Dingen des Geschmacks und Gefühls.

In diesem Sinne durfte Hermann Barner ein „Muttersöhnchen“ genannt werden. Ihm ward zu Theil, was selbst unter günstigen Verhältnissen nur Wenigen in vollem Maße bescheert wird: eine durchaus glückliche Knaben- und Jünglingszeit. Sein Vater, der sich in reifem Mannesalter verheirathet hatte und zur Zeit der Geburt dieses einzigen Kindes schon ein hohes Amt im Staate bekleidete, fand trotzdem immer Zeit, das Familienleben zu pflegen. Seine Mutter, welche ihre Stellung zur großen Welt fein zu behaupten wußte, sprach ohne Hehl den Grundsatz aus, daß die Rücksicht auf Mann und Kind jeder andern voraus ginge, und handelte danach. Jede Anlage des begabten jungen Menschen ward sorgsam gepflegt, sein Verkehr mit frischen Altersgenossen niemals gehemmt, und während er die Grundlage allgemeiner Bildung empfing, bereiteten ihn die Ferienmonate auf den erwünschtesten Lebensberuf vor, da er dieselben häufig auf dem ansehnlichen Gute seines Großvaters verlebte, welches ihm dereinst als Erbe zufallen sollte. Die Provinzialhauptstadt, deren Regierungscollegium Präsident Barner vorstand, besaß den Vorzug einer Universität, und nach Wunsch des Vaters sollte Hermann dort geeignete Collegien besuchen, ehe er sich der Landwirthschaft dauernd widmete.

Was durch das Leben so fest verbunden war, wurde plötzlich durch den Tod getrennt. Der Präsident erlitt inmitten seiner Vollkraft einen Nervenschlag, der ihn binnen wenigen Stunden den Seinen entriß. Fortan zog sich die Wittwe und zwar für immer von der Welt zurück und lebte mehr als je dem Einzigen, was ihr geblieben. Nachdem Hermann’s Ausbildung nach dem Plane des Vaters beendet war, siedelten Beide auf das Gut des Großvaters Barner über, um dort die Heimath der Zukunft zu gründen. So hatte Hermann sein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, ohne jemals länger von seiner Mutter getrennt zu sein, als durch kurze Reisen oder die wiederholten Landwehrübungen, welche ihm die Qualification zum Officier verschafft hattet.

Da kam die Mobilmachung des Jahres 18.., und der junge Landwehrlieutenant wurde einberufen. Schien es auch noch sehr ungewiß, ob ein Krieg wirklich ausbrechen würde, so zitterte doch das Herz der Mutter in tiefem Schrecken, als sie den Liebling ziehen lassen mußte – ein Schreck, den sie vor Hermann zu verheimlichen strebte, denn dieser hatte kein Hehl der Freude, womit er dem ergangenen Rufe folgte. Die Stadt, wohin seine militärische Pflicht ihn führte, war reizvoll gelegen; er hatte dort bereits einmal während seiner letzten Uebungszeit angenehme Wochen verlebt und freute sich auf den cameradschaftlichen Verkehr mit Bekannten – freute sich weit lebhafter noch auf Anderes.

Ein eigenthümliches Dämmern und Träumen war über ihn [288] gekommen und dämpfte die sonnige Tageshelle, welche meist von ihm ausströmte. Nahm er ein Buch zur Hand, so ruhte es bald müßig auf seinem Knie und der in das Weite gerichtete Blick schien Worte zu lesen, die ein unsichtbarer Griffel in die Luft geschrieben. Mitten im Gespräch über Gleichgültiges sprang ein kurzes, glückliches Lachen auf, wie ein Blitz verhaltener Freude. Er sprach nicht über solche Stimmungen, seine Mutter wußte aber gut, weshalb er sie oft so lebhaft umfing, so häufig küßte. Sie schwieg, seufzte wohl ganz im Stillen ein wenig – was heute noch ein Traum, eine Erinnerung war, konnte sich vielleicht bald zu jenem Neuen verdichten, welches jedem liebenden Weibe, sei sie nun Mutter, Schwester oder Frau, im ersten Augenblicke furchtbar erscheint. – –

Es war um die Zeit voller Mittagshöhe, als der Dampfer, welcher Hermann seiner Bestimmung entgegentrug, landete. Der junge Mann sprang leichten Fußes auf den Kai, gab den Matrosen eine Adresse an, wohin sein Gepäck gebracht werden sollte, und richtete dann seine Schritte den Anlagen zu, welche sich rings um die Stadt zogen. Dieselbe Erregung, welche jede seiner Geberden, seinen Gang beherrschte, färbte auch sein angenehmes Gesicht mit leichter Röthe, während er die zur gegenwärtigen Stunde völlig menschenleeren Laubgänge durcheilte.

Als sich die Anlagen in der Nähe eines Stadtthores öffneten, wurde sein Schritt zögernd; sein leuchtendes Auge spann ein rebenumzogenes Häuschen, das dicht an der Straße lag, gleichsam ein; er setzte sich auf eine der Bänke, die einladend unter den letzten Platanen standen, und schaute lächelnd auf das von der Sonne umfunkelte Haus. Plötzlich fiel ein Schatten über die helle Stirn. – Zwei Jahre! – Wer weiß? Es ließ ihn nicht mehr ruhen; er stand hastig auf und ging ohne Zögern dem Hause zu, ohne doch dort einzutreten. Sein Auge spähte nur erwartungsvoll in die Fenster des Erdgeschosses; jählings stieg ihm das Blut bis unter die Haare.

Da saß sie ja – an demselben Platze noch, wo er sie damals so oft gegrüßt, die Näharbeit in den fleißigen Händen. Sie blickte nicht auf, und er wußte kaum, ob ihm das leid oder lieb war, denn nun konnte er sie ein paar Augenblicke betrachten. – Nicht verändert, oder doch nur wenig! Der feine Kopf mit den schweren dunkeln Flechten, die sie auch jetzt noch so einfach verschlungen trug, zeigte das früher kindlich gerundete Gesichtchen vielleicht etwas ovaler; die zarte Gestalt schien voller geworden, im Uebrigen aber war sie es ganz – ja ganz! in all ihrer unbewußten Anmuth, mit der schlichten und doch so eigenthümlichen Haltung, mit dem feinen Zuge um den auch im Schweigen beredten Mund.

Ein Glücksgefühl wallte in ihm auf; er mußte sich Gewalt anthun, nicht stehen zu bleiben und ihren Aufblick abzuwarten, nicht gar einzutreten in das Haus, welches er doch niemals zuvor betreten hatte. Als er weiter ging, war sein Schritt, sein Herz beflügelt. Im Begriff, sich durch das Thor der Stadt zuzuwenden, besann er sich, warf einen flüchtigen Blick über seine durch die Wasserfahrt kaum derangirte Toilette, sah nach der Uhr und schlug dann den weiteren Weg durch die Anlagen zur Linken ein. Es war, um einen Besuch abzustatten, allerdings fast noch zu früh, doch wußte er, daß die Familie, zu der sein Wunsch ihn zog, von drei Uhr an für nähere Bekannte stets zu Hause war, und hierzu durfte er sich ja rechnen. Weshalb überhaupt dem lebhaften Zuge, der ihn lockte, nicht folgen, einer bloßen Etiquettenfrage wegen?

Die schöne Villa, in welche er bald nachher trat, lag etwas seitwärts von der Straße, inmitten eines schattigen Gartens. Schon bei dem flüchtigsten Ueberblicke der kleinen Niederlassung gewann man den Eindruck der Wohlhabenheit. Manchen Häusern ist gleichsam etwas von der Physiognomie ihrer Besitzer aufgeprägt; in diesem erschien Alles vornehm und stattlich. So auch der schnurrbärtige, martialisch dreinschauende Diener, welcher auf Hermann’s Klingeln öffnete und bei dessen Anblick ein unendlich gutmüthiges Lachen vernehmen ließ.

„Aha, der Herr Lieutenant! Na, die Herrschaften haben alle die Tage her davon geredet, daß Sie nun bald kommen müßten. Treten Sie gefälligst ein! Der Herr Oberst sind nicht da, aber die gnädige Frau sitzt im Gartensälchen. Melden braucht’s da nicht erst.“

Rasch schritt der junge Mann dem wohlbekannten Familienzimmer zu und stand im nächsten Augenblicke vor der alten Freundin seiner Mutter, die ihn freudig willkommen hieß. Gleich im ersten Moment ward ihm wieder wohl bis in’s Herz hinein dieser mütterlichen Frau gegenüber, welche auf Alle, die in ihre Nähe gelangten, leise aber dauernde Anziehungskraft übte. Clara Kettler mochte nie schön gewesen sein, anmuthig war sie aber noch heute, und wenn sie sprach, erwachten in dem zarten, verblühten Gesicht ein paar Grübchen, die sie unendlich verjüngten. Diesem Aeußeren entsprach ihr Wesen. Mehr herzlich als geistreich, mehr harmonisch als beweglich, von der wohlthuendsten Ruhe in Wort und Geberde, in ihrer Denkweise ursprünglich und durchaus wahr: so hatte Hermann’s Mutter ihm ihre Jugendfreundin geschildert, als sie ihm die ersten Grüße mitgegeben; so hatte er sie im fast täglichen Verkehre jener Wochen erfunden.

„Der Herr Oberst ist nicht zu Hause – aber doch hier?“ fragte Hermann nach den ersten Begrüßungen.

„Noch ist er hier,“ sagte Frau Kettler, „aber er denkt in Kurzem für einige Wochen nach Paris zu gehen, was mir lieb ist. Ihnen darf ich es wohl sagen, lieber Hermann, und Sie werden es rasch genug selbst erkennen – mein Mann ist tief verstimmt. Zwar spricht er nicht darüber, aber es verräth sich mit jedem Athemzuge, und ich weiß ja auch, was ihn drückt. Nie hat er es überwunden, daß jener unglückliche Sturz, der ihm den Fuß beschädigte, seine Carriere mitten durchschnitt. Für einen Mann seines Naturells ist ein Leben, das nur für Liebhabereien thätig sein kann, auch wahrlich nicht befriedigend. Nun regt sich ringsum ein doppelt frisches militärisches Treiben; ein Krieg ist in Aussicht – da muß es ihm gar schwer fallen, als Zuschauer daneben zu stehen. Sobald er den Gedanken hinwarf, eine Reise zu unternehmen, habe ich ihm lebhaft zugeredet. Wer weiß, wie sich die Dinge gestaltet haben werden, bis er heimkehrt. Eben ist er mit Ida nach der Stadt gegangen, um einige kleine Reisebedürfnisse einzukaufen.“

„Und Fräulein Ida geht es gut?“

„Eine glückliche Braut, neunzehn Jahr dazu, wie sollte es Einem da nicht gut gehen! Aber Sie sprechen von Ida und fragen nicht nach Paula? Die Beiden pflegt doch Jeder in einem Athem zu nennen.“

Verrätherisches Roth jagte seiner Antwort voraus. „Ich komme direct vom Kai; da führte mich mein Weg am Hause Fräulein Hollbach’s vorüber. Sie saß am Fenster. Wenn sich auch keine Gelegenheit ergab, mich bemerklich zu machen, sah ich doch, daß sie wohlauf zu sein scheint.“

„Nun, heute Abend sind Sie natürlich bei uns, und da Paula selten ausbleibt, können Sie sich davon persönlich überzeugen. Im Hause dort ist Alles beim Alten: Die Mutter an ihren Krankenstuhl gefesselt, Paula ihre treue Pflegerin. Beständen wir beiden Mütter nicht so entschieden darauf, daß sie die Abende regelmäßig mit Ida verlebt, so würde sie sogar dann zu Hause bleiben; sie hat dazu neuerdings manchen Anlauf genommen. Zum Glück ist Frau Hollbach aber mit mir einverstanden, daß so gänzliches Einspinnen für die Jugend ungesund ist; sie gönnt der Tochter nicht nur, sondern beansprucht für sie jugendlichen Verkehr. Je freier von Egoismus sie sich aber zeigt, desto mehr erscheint gesteigerte Hingabe Paula als Bedürfniß. Um das gebundene Leben einer Leidenden webt sich eine natürliche Melancholie, die für die Umgebung etwas gefährlich Anziehendes hat gleich dem Wasser.“

„Zur Melancholie zeigte Fräulein Hollbach doch früher niemals Hang,“ sagte Hermann betroffen; „ihre sonnige Heiterkeit –“

„Ist nicht verloren gegangen,“ vertheidigte Frau Clara. „Jenes frische Erfassen des Augenblicks, das auf Jeden so erfreulich wirkt, ist ihr auch jetzt noch eigen. Das Mädchen hat sich herrlich entwickelt, und wenn ein gewisser Hang zur Träumerei mir an ihr neu und deshalb besorglich ist, so muß ich doch sagen, daß auch dies ihr gut steht. Sie werden ja sehen. Ich freue mich auf die kleine Ueberraschungsscene. Wir haben ihr nicht erzählt, daß wir Sie erwarten.“

„Worauf Fräulein Paula auch schwerlich Gewicht legen würde,“ sagte der junge Mann etwas hastig.

„Wer weiß!“ Die leise Schelmerei, welche aus den Augen der Freundin lachte, stand ihrem sanften Gesichte besonders wohl; [289] „trügt mich mein Gedächtniß nicht, so waren Sie der erste Verehrer, und dergleichen vergißt sich nicht so leicht. Inzwischen haben Sie freilich manchen Nachfolger gehabt; wir sind vorigen Winter zu Ball gewesen, und all der junge Flug, welcher hier im Hause aus- und einflattert, ist auch weder blind noch müßig. Nun, vor Ihren Träumen wird auch inzwischen manche Blonde oder Braune die Locken geschüttelt haben. – Zwei Jahre!“

Es berührte Hermann eigenthümlich, fast scharf, als er dieses Wort, das ihm zuvor so ernst durch die Gedanken gezogen, nun scherzweise und doch in gleicher Beziehung aussprechen hörte. Eine plötzliche Verstimmung überkam ihn, und er mußte sich einige Gewalt anthun, um in unbefangenem Tone weiter zu sprechen als er sich erhob:

„Wenn ich zur Theezeit wiederkommen darf, möchte ich mich jetzt empfehlen und von dem Zimmer Besitz ergreifen, das mir ein Camerad im englischen Club-Hause bestellt hat. Ueberhaupt giebt es für die nächsten Stunden noch allerlei zu erledigen.“

„Kommen Sie nicht zu spät!“ sagte die Frau Oberst, indem Hermann Abschied nahm. –

Als der junge Mann, durch verschiedene Begegnungen und Besorgungen länger in Anspruch genommen, als ihm erwünscht war, in das Kettler'sche Haus zurückkehrte, traf er am Theetische die Familie vollzählig, aber allein. Von der Tochter des Hauses lebhaft begrüßt, die ihn mit dem jungen Baumeister, ihrem Verlobten, bekannt machte, fand er sich vom ersten Moment an in reges Gespräch verflochten, kam aber nicht über das Gefühl heimlicher Enttäuschung hinweg. Erst als sich das Brautpaar in irgend eine Erörterung über künftige Haushaltungsangelegenheiten vertiefte, Frau Kettler mit gewohnter Geduld die unsterblichen Anekdoten ihres Logirgastes, eines alten Hausonkels, abhörte und Hermann sich nun ganz dem Hausherrn zuwenden konnte, fand er sich bald so gefesselt, daß er vergaß, was sein Herz bedrückte.

Oberst Kettler war eine jener prononcirten Naturen, die raschen und sicheren Eindruck erwecken, gleich dem kernigen Styl mancher Bücher; vielleicht war Hermann vor zwei Jahren noch zu unfertig gewesen, um die ganze Bedeutung dieser charaktervollen Persönlichkeit zu erfassen; jedenfalls wirkte dieselbe heute in weit stärkerem Maße auf ihn, als zur Zeit jener früheren Begegnung. Die machtvolle Gestalt des Obersten und sein edler Kopf standen kaum so ausdrucksvoll in des jungen Mannes Erinnerung, wie er beides jetzt bewundern mußte. Noch war die breite Stirn faltenlos, nur ein leichtes Ergrauen der Spitzen des schönen Bartes verrieth den beginnenden Fünfziger. Das classisch geschnittene, deshalb etwas strenge Gesicht wurde durch einen Zug von Milde um Mund und Augen eigenthümlich gesänftigt, oder war es ein Zug von Schwermuth? Frau Kettler's Aeußerung über die Verstimmung ihres Gatten kam Hermann wieder in den Sinn, während er mit dem Oberst sprach.

So kräftig, ja scharf Gedanken und Worte in seiner Unterhaltung sich ausprägten, so lebendig der hochgebildete Mann sich über Persönliches wie Allgemeines äußerte und jeder Idee, welche sein Gast berührte, gleichsam einen Gesellschafter gab, lauschte doch in dem stahlblauen Auge ein seltsam nach innen gekehrter Blick – wie eines Menschen, der sich anstrengt, allem Gegenwärtigen aufmerksam zu folgen, dabei aber auf ferne Töne hinhorcht, die ihn näher angehen dürften. Als er sich erhob, um Cigarren herbeizuholen, und Hermann das kaum merkliche, nur den Eingeweihten auffallende Nachziehen des beschädigten Fußes wahrnahm, wallte seine Sympathie lebhaft auf. Er begriff den Schmerz eines Soldaten, eines Mannes in reichster Fülle der Kraft, sich in solchem für sein Vaterland vielleicht kritischen Moment zur Unthätigkeit verdammt und höchstens auf eine jener Verwendungen Halb-Invalider beschränkt zu sehen.

Es schlug acht Uhr. Indem die Hausfrau um den Thee klingelte, rief sie bedauernd zu den Männern hinüber: „Jetzt kommt sie nicht mehr.“ In derselben Minute tönte die Hausglocke. Eine melodische Stimme wechselte draußen einige Worte mit dem alten Franz, und Ida schoß mit einer ihrer blitzschnellen Bewegungen zur Thür hinaus, um gleich darauf mit der Freundin zurückzukehren.

Hermann stand ihr gegenüber – dem Mädchen gegenüber, deren Bild ihn unablässig begleitet hatte, seit er von ihr geschieden war. Wenn diese Begegnung sie überraschte, kam das doch nicht zum Vorschein; die freundliche Bewillkommnung Paula Hollbach's klang sehr gelassen. Er selbst war zu befangen, um mehr zu erwarten oder etwas zu vermissen. Im Banne dieser großen poetischen Augen empfand er nichts als ihre Nähe.

Der Kreis bildete sich von Neuem; ein leichtes Gespräch schwirrte hin und wieder, während der Thee eingenommen wurde. Hermann saß den jungen Freundinnen gegenüber. Paula's Gestalt füllte ihm den Raum; Alles war ihm lichter geworden, jeder Einzelne liebenswürdiger, und das war in der That nicht bloßer Reflex eigenen Empfindens. Es giebt Menschen, die unbewußt für alle Uebrigen zum Mittelpunkt werden, sobald sie erscheinen – weit seltener durch hervorragenden Geist als durch einen herzgewinnenden Zug ihres inneren Wesens, der sich so wenig beschreiben läßt wie harmonische Klänge. Das junge Mädchen, deren Anziehungskraft hier so merklich auf Personen des verschiedensten Naturells wirkte, war kaum neunzehn Jahre alt und nicht von hervorragender Schönheit. Niemand konnte sich ungekünstelter ausdrücken, anspruchsloser benehmen als sie, und doch strahlte eine Wärme von ihr aus, die sich Jedem mittheilte. Unwillkürlich regte sich in Allen das Bedürfniß ihr Angenehmes zu erweisen und ebenso unwillkürlich nahm sich Jeder zusammen, der ruhigen Entschlossenheit gegenüber, welche ihre breite, weiße Stirn aussprach.

Bald nachdem der Thee eingenommen worden, erhob und verabschiedete sich der Hausherr; er entschuldigte sich mit der Nothwendigkeit, noch heute einen Geschäftsbrief vollenden zu müssen. Im Begriff das Zimmer zu verlassen, wandte er sich an der Thür zurück und sagte in formellem Tone: „Franz wird später das Fräulein nach Hause begleiten.“

„Das Fräulein?“ lachte Ida; „Paula, bist Du das?“

Paula antwortete nicht. Der bange Blick, mit dem sie dem Oberst nachsah, welcher eben die Thür hinter sich schloß, fiel Hermann auf und berührte ihn eigenthümlich. Die sichere, in sich geschlossene Natur konnte also auch demüthig sein. Er hielt sich nicht bei der Frage auf, was Kettler Anlaß gegeben haben mochte, dem allgemeinen Lieblinge des Hauses ein so kühles Wort zurückzulassen, daß Paula jedoch offenbar eine auf sich gerichtete Mißstimmung empfunden und sie so still hingenommen, verlieh ihr in den Augen des jungen Mannes einen neuen Reiz. Die Laune des Obersten, der jedenfalls Unrecht haben mußte, verdroß Hermann, ihm war, als müsse er dem lieben Mädchen dafür um so wärmer huldigen. Sein Auge sprach die Empfindung vielleicht allzu lebhaft aus, denn Paula erröthete unter seinem Blicke, und ein leiser Zug von Scheu trat auf die feinen Lippen. Mit jenem Hellseher-Instinct aller Liebenden empfand Hermann auf der Stelle, daß sie sich innerlich vor ihm zurückzog, und suchte nach einem unbefangenen Worte; schon hatte das Brautpaar von Neuem zu flüstern und der Onkel die Hausfrau in Beschlag zu nehmen begonnen.

„Sie werden Fräulein Ida sehr vermissen,“ sagte Hermann; „gewiß bangt Ihnen schon jetzt vor dem nahen Verlust. Freilich ist eine Braut der Freundschaft ohnehin schon halb verloren.“

„Das fürchte ich nicht,“ erwiderte Paula rasch mit einem warmen Blick zur Freundin hinüber. „Ich denke im Gegentheil, wenn man einen Menschen so recht innig lieb hat, liebt man Alles, was man sonst besitzt, doppelt treu und bewußt.“

„Zugegeben! Der Löwenantheil an solchem bräutlichen Herzen dürfte aber doch kaum mehr der Freundin gehören,“ scherzte er.

Sie lächelte. „Und was kommt darauf an? Ist Freundschaft denn ein Tauschhandel, bei dem man fragt, was Einem heimbezahlt wird? Der Löwenantheil bleibt immer Derjenigen, die festhält am Geben; das Empfangen folgt dann ganz von selbst.“

Das seelenvolle, heiter gesprochene Wort blieb für Hermann der Grundaccord aller Töne, welche noch im Verlaufe des Abends angeschlagen wurden. Es klang in ihm nach, als er in später Stunde unter dem sternbesäeten Nachthimmel, zwischen leise rauschenden Bäumen der Stadt zuwanderte. Der leise Athemzug der ringsum schlummernden Welt wurde ihm zum Echo der geliebten Stimme. Die Ewigkeit und der gegenwärtige Augenblick verschmolzen sich ihm zum gleichen Begriffe.




Es war etwa sechs Wochen später, an einem jener unbeschreiblichen Herbstnachmittage, welche in einem Glanze leuchten, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Hermann Barner schlenderte seinen Lieblingsweg am Kai entlang und ließ das Auge [290] über Brücke und Fluß nach den jenseitigen mit Weingelock überkleideten Bergen schweifen. Schon verdunkelte sich ihr goldig durchflimmertes Roth, und endlich schob sich das Gewölk, welches um die Höhen zog, gleich Coulissen vor den Niedergang der Sonne.

Die Luft wurde schwül. Eine müde, schwere Stimmung überkam den Wanderer und ließ ihn umkehren, als er von fern ein paar Cameraden des Weges kommen sah. Einsamkeit und Schweigen waren ihm heute tiefstes Bedürfniß. Rasch, mit gesenkten Auge verschwand er zwischen den Bäumen der Anlage und ließ sich ermattet, als hätte er weite, weite Strecken zurückgelegt, auf einer dicht umbuschten, abseits stehenden Bank nieder. Kaum hätte er selbst zu sagen gewußt, wohin all seine Lebensfreudigkeit entwichen war, woher ihm soeben ein Gefühl aufgestiegen, als sei mit dem Verschwinden dieser glühenden Sonne die ganze Welt abgestorben. Und doch – er wußte dies, wußte es wohl. In wenigen Tagen hieß es Scheiden – von Allem, was ihn hielt und band, und als ihn so der Gedanke an das Ende beschlich, mußte er des Anfangs gedenken, jener ersten Stunde, die ihn unter die gleichen Bäume geführt.

Grübelnd ließ er heute, wie schon so manches Mal, jede der Stunden an sich vorüberziehen, von denen er so viel erhofft; es mag zuweilen schwierig sein, sicher zu wissen, ob man geliebt wird – daß man es nicht wird, erkennt sich nur allzu leicht. Paula war gütig gegen ihn gewesen, all diese Zeit, aber wie frei stand sie ihm gegenüber! So oft sein aufglühendes Gefühl sich Rechte schaffen wollte, bedurfte es nur eines Blickes ihrer klaren und doch so unergründlichen Augen, und all seinen heißen Wünschen zum Trotze schloß ihm ein Gott die Lippen zu. Jetzt, wenn er schied, begleitete ihn nicht mehr der holde Gedanke: auf Wiedersehen! Was er Jahre hindurch als verschwiegene Lebenshoffnung in sich getragen, hatte keine Zukunft mehr. Und doch wußte er, Nichts würde dieses Bild in ihm je auslöschen, noch ersetzen.

Ein wundersam weher und doch reizvoller Traumzustand überkam ihn. Vergangenheit und Zukunft schwebten dämmerig an seiner Seele vorüber; die Gegenwart empfand er nur als Fähigkeit zum Leide, und das umspann ihn mit all dem wilden Zauber, den es am stärksten um glückgewohnte Jugend webt. Längst waren die letzten, vereinzelten Vogelstimmen schweigsam geworden; der schwache, noch draußen irrende Dämmerschein erstarb inmitten der Schatten, welche Büsche und Bäume umschleierten. Durch die gelichteten Bäume fiel mitunter ein heller elektrischer Strahl, um doppeltes Düster hinter sich zu lassen.

Hermann mochte sich nicht zum Gehen enschließen. Im Laubversteck dieser Büsche, welche ihn wie ein Eiland von der Welt abtrennten, im wachsenden Dunkel, wo jede Farbe starb und nur das leise Regen der Blätter um ihn, über ihm die Stille unterbrach, ward ihm leichter zu Muthe. Schon geraume Zeit mochte er so mit halbgeschlossenen Augen geträumt haben, als er in seiner unmittelbaren Nähe Schritte vernahm. Ueber das ihn bergende Buschwerk hinweg unterschied er die unbestimmten Umrisse eines Paares, das den Pfad entlang gekommen sein mußte, und sich nun, wenige Schritte von ihm, einer Bank zuwandte, auf welche die kleinere der Gestalten sich niederließ. Ehe sie Hermann's Augen entschwand, erkannte er, daß es ein Weib war. Ihr Gefährte blieb vor ihr stehen und stammelte in gebrochenen, kaum verständlichen Lauten:

„Wenn ich nicht wahnsinnig werden soll, muß ich Dir einmal, einmal sagen, daß ich an Dich meine Seele verloren habe.“

Hermann, zu dessen Ohr jede Silbe drang, fühlte sich von tödtlicher Verlegenheit ergriffen. Aus seiner Träumerei jäh emporgeschreckt, hatte er Niemand näher kommen hören und wußte nun nicht, wie er es anfangen sollte, der quälenden Lage eines unfreiwilligen Lauschers zu entkommen. Um den Platz zu verlassen, dessen Versteck er geflissentlich gewählt, mußte er an den Beiden vorüber, so dicht vorüber, daß es unmöglich war, unbemerkt zu bleiben. Nach dem stürmischen Geständnisse, das so unvermittelt hervorgebrochen, dessen Ausdrucksweise verrieth, daß die Ahnungslosen gleichem Lebenskreise angehörten, wie er, war solches Auftauchen eines Zeugen von der äußersten Peinlichkeit, besonders für die Dame. Die bloße Vorstellung des Entsetzens, welches ein junges Mädchen ohne Frage erfassen müßte, wenn sie die Nähe eines Dritten auch nur ahnte, trieb ihm eine heiße Gluth bis in die Stirn. Trotz seines Widerwillens, in einer so beschämenden Lage ausharren zu sollen, rang er sich doch den Entschluß ab, zu bleiben, wo er war, sich nicht zu regen und im Bewußtsein eigener, höchster Discretion den Trost zu suchen, dessen sein Zartgefühl bedurfte.

Er vergrub den Kopf in beide Hände, um so wenig wie möglich zu vernehmen. Wirklich drang während der nächsten Augenblicke nur gedämpftes Murmeln und leises, kurzes Aufschluchzen an sein Ohr, bis er plötzlich zusammenzuckte und aus seiner gebeugten Stellung jählings auffuhr. Die Stimme dieses Mannes, welche – unvorsichtig genug! – immer lauter und deutlicher erklang – diese Stimme kannte er.

Aber nein, nein – es war ein Trug seiner Sinne, eine bloße Aehnlichkeit des Klanges. Das volltönende Organ konnte nicht Oberst Kettler's Stimme sein. Sein Ohr mußte ihn täuschen, auch war ja der Oberst nicht hier – dennoch, mit jeder Secunde wich der gewaltsam festgehaltene Zweifel mehr der Gewißheit.

Und jetzt drang auch, leise wie ein Hauch, Antwort herüber: „Sie sind – Sie sind nicht frei – o lassen Sie mich –“

Die halberstickten, kaum unterscheidbaren Laute trafen Hermann wie ein scharfer Stich; er wußte nicht warum. Zuweilen ahnt aber das Herz seinen Tod.

„Ich weiß – ja, ich weiß,“ stammelte der Oberst. „Erinnere mich aber nicht daran – nicht in diesem Augenblicke! Ich lasse Dich – heute – immer – Du sollst mich nicht wiedersehen – nur gewähre mir Eines! Seit mich Deine süßen Lippen berührten, verzehre ich mich in Sehnsucht nach einem freiwilligen Kusse von Dir. Vergiß, was gewesen ist und was sein wird! Gewähre mir die eine große Gabe, vielleicht daß ich dann wieder Mann werde, wieder Herrschaft gewinne über die untergegangene Seele. O Kind, wachst auch Du zuweilen dem Tage entgegen? Weißt auch Du, was es heißt, von einem nie rastenden Wunsche verfolgt, schlummerlos dazuliegen, sich Möglichkeiten zu ersinnen, die vor dem Lichte des Tages zerstieben wie hohnlachende Gespenster und mit verstärkter Gewalt wiederkehren, sobald Nacht und Dunkel sie von Neuem wieder frei läßt? Oft, wie oft, wenn ich vor Dir stehe, überfällt mich ein Zittern; dann regt sich der Wunsch wie ein Dämon, und siehst Du mich dann an mit den liebreich fragenden Augen, und doch meiner innersten Qual so unbewußt, so ist mir, als müßte ich vor Dir umsinken, wie eine Garbe, als müßte ich diesen versengenden Durst zugleich mit meinem Leben verlöschen, und als dürfte mich doch kein Tod berühren, ehe Deine Lippen mich berührt haben. Erbarme Dich meiner!“

Kein Laut als das schwache Rascheln einzelner niedertaumelnder Blätter. Schwül und schwer hing das Dunkel über den Bäumen; keine Cicade unterbrach mit ihrem Liede die Todtenstille.

Dem Lauscher – er war kaum ein unfreiwilliger Lauscher mehr – wurde seltsam zu Muthe. Eine Angst überschauerte ihn; seine Hände wurden kalt und schlossen sich fest ineinander.

Und jetzt – Hermann fuhr zusammen – der Frevler an Allem, was heilig war, hatte nicht umsonst gefleht.

Glühender Unwille ergoß sich durch alle Adern des jungen Mannes. Er sprang auf, nicht mit Zurückhaltung – nein, mit der Absicht, die Nähe eines Dritten bemerklich zu machen. Nicht länger wollte er Zeuge, Mitschuldiger von Sünde und Schmach sein. Hochaufgerichtet stand er; sein Auge bohrte sich durch das Dunkel.

In demselben Momente trat plötzlich der Vollmond aus dem schweren Gewölke und tauchte alle Nähe und Ferne in sein weißes Licht. Ueber das Gebüsch hinweg, welches Hermann's Gestalt verdeckte, begegneten sich die Augen beider Männer und hafteten eine Secunde lang ineinander. Der Oberst stand wie entgeistert und starrte den schönen blassen Jünglingskopf an, der gleich einer Marmorbüste aus dem dunkeln Laube aufragte. Nichts schien an diesem Kopfe zu leben als die glühenden, drohenden Augen.

Im nächsten Momente beugte sich der Oberst zu seiner Dame nieder und stieß leise, heftig die Worte hervor: „Rege Dich nicht!“ Als er sich wieder aufrichtete, that er einen Schritt auf den jungen Mann zu, aber schon der erste Aufblick zeigte ihm, daß es zu spät, daß auch seine Gefährtin erkannt war.

[291] Der Ausdruck in Hermann’s Zügen hatte sich wie mit einem Schlage verwandelt; sie waren in tödtlichem Schreck erstarrt, als hätte er das Haupt der Medusa geschaut. Nur eine Secunde lang – dann verschwand dieses versteinerte Gesicht, während Kettler noch gleich einer Säule dicht vor dem Gebüsche stand, das seinen Schritt gehemmt; zwischen dem Laube zitterte nur das silberne Licht. Der Oberst wandte sich jäh, erfaßte die beiden Hände seiner Gefährtin und zog sie von dem Sitze in die Höhe, auf dem sie bisher regungslos verweilt hatte. Er ließ ihren Arm unter den seinen gleiten und führte sie stumm von dannen.

[293] Als Hermann's heiße, überwachte Augen den nächsten Morgen aufdämmern sahen, fühlte er sich nicht weniger betäubt als in der Stunde, wo er sich auf sein Lager geworfen. Ein Grauen vor dem Dasein, vor der Menschheit lag über ihm wie ein Alpdruck, und dazwischen lachte es bitter in ihm auf. Dieser Mann, für alle Welt das Ideal von Ritterlichkeit und Rechtlichkeit, seinem eigenen Geiste ein Vorbild, dieser Mann, dem die erste Jugend – er zählte einundfünfzig Jahre – längst Valet gesagt – er war der Verführer eines jungen, dem Schutze seiner Familie anvertrauten Mädchens. Und dieses Mädchen selbst – Paula selbst! Wäre ein Engel vom Himmel herniedergestiegen, sie der Sünde zu zeihen, Hermann hätte der Anklage keinen Glauben geschenkt. Mit dem letzten Blutstropfen hätte er Paula's Reinheit vertheidigt jeder noch so leisen Verdächtigung gegenüber. Womit sollte er sie jetzt vertheidigen gegen das unselige Zeugniß seiner eigenen Sinne?

Ihm war, als habe nichts mehr Bestand auf Erden, als laufe Alles Gefahr, aus den Fugen zu gehen. Das Leben kam ihm vor wie eine Brücke ohne Geländer, von der sich Schurken taumelnd in den Pfuhl stürzen und die Willenlosen, Schuldlosen mit sich reißen. Sogar in seiner eigenen Seele fühlte er sich nicht mehr heimisch; sie war ja so übervoll gewesen von dem lieben Bilde, dessen entstellte Züge dort nun keinen Raum mehr fanden.

Wie im Taumel erhob er sich von seinem Lager. Alles war so unheimlich um ihn her; selbst das Ticken der Uhr schien ihm nicht mehr das trauliche zu sein, wie ehedem. Und doch war er froh, als ihn das Zusammenläuten der Glocken daran erinnerte, daß es Sonntag war und keine Dienstpflicht ihn nöthigte, seine vier Wände zu verlassen. Bald durfte er ja überhaupt diesem Orte den Rücken wenden, nach Hause zurückkehren und von all den schweren Träumen ausruhen im Lichte der treuesten Augen, der Augen seiner Mutter. Aber nur für die Dauer eines Moments ward ihm leichter bei diesem Gedanken an die theure Pflegerin seiner Kindheit; mit ihrem Bilde zugleich stieg das ihrer so schmählich verrathenen Freundin vor ihm auf. Clara Kettler's liebenswerthes Wesen, die harmonische Häuslichkeit jener Familie warf auf das Unbegreifliche ein so crasses Licht, daß er, um sich aus der qualvollen Wirrniß zu retten, einer milderen Lösung des Räthsels nachzugrübeln begann. Wie ungeheuerlich seiner Jugend solche Leidenschaft des alternden Mannes auch erschien, war es dem Liebenden doch wieder erklärlich, daß Paula's Anmuth Einen, der sie täglich vor Augen sah, überwältigen konnte. Nur begriff sein strenges Jünglingsherz nicht, daß ein Mann so die innere Ehre verkaufen könne – wie groß auch das Gut, der Preis war zu hoch, und bei der Vorstellung alles Dessen, was vorausgegangen sein mußte, bis eine Natur, wie Paula's, sich zur Mitschuld an solcher Unehre und Sünde hinreißen ließ, glühte Haß gegen den Verführer von Neuem in ihm auf.

Lange mochte er so gebrütet haben, als ein Pochen an der Thür ihn aufschreckte. In der nächsten Minute stand er aufrecht und starrte den Eingetretenen sprachlos an. Oberst Kettler grüßte schweigend, that einige rasche Schritte vorwärts und richtete, die Hand auf den Tisch gestützt, einen forschenden, durchbohrenden Blick auf den jungen Mann.

Als ihn Hermann so vor sich sah, mit der gewohnten würdevollen Haltung, dem ritterlichen Ausdrucke der hohen Erscheinung, kam ihm plötzlich alles Erlebte vor wie ein wahnwitziger Traum. Und doch empfand er zugleich mit voller Schärfe, daß der Oberst kam, eine Erklärung zu geben, vielleicht eine solche von ihm zu fordern. Er nahm sich zusammen, um Dem, was zunächst kommen sollte, wovon er sich kaum einen klaren Begriff machen konnte, seinerseits würdig entgegenzutreten. Dennoch trafen ihn die ersten Worte Kettler's wie ein Blitz.

„Sie werden erwartet haben von mir zu hören, Herr Lieutenant,“ sagte Jener kalt. „Wie die Dinge stehen, ziehe ich vor, unsere Angelegenheit persönlich zu ordnen. Sie werden mir Genugthuung dafür geben, daß Sie Zeuge eines Moments geblieben, der keinen Zeugen vertrug.“

Hermann erblaßte bis in die Lippen hinein, doch klang seine Stimme ruhig und gemessen, als er nach kaum merklicher Pause antwortete:

„Sie finden mich zu jeder Genugthuung bereit, Herr Oberst, und ich bitte, es nicht als Widerspruch gegen Ihre Forderung zu betrachten, wenn ich Sie ersuche, zuvor mein Ehrenwort anzunehmen, daß ich ein höchst unfreiwilliger Zeuge gewesen. Die Localität ist Ihnen bekannt – mehr bedarf es nicht, um Sie darüber zu orientiren, daß der zuerst Anwesende seinen Platz nicht verlassen konnte, ohne sich in indiscreter Weise bemerklich zu machen.“

Der Oberst, dessen Augen sich gesenkt hatten, während der junge Mann sprach, erhob sich nach kurzer Pause wieder und sagte düster. „Wort gegen Wort! Empfangen Sie das meine, daß ich gestern mit – jener Dame zum ersten Male ohne Zeugen gesprochen – in dem Sinne – wir verstehen uns.“

[294] Hermann machte eine unwillkürliche Bewegung. Der Oberst warf einen schnellen Blick auf das erregte Gesicht seines Gegenüber, kreuzte die Arme fest, beinahe gewaltsam über die Brust und durchmaß wiederholt das Zimmer mit schweren Schritten.

„Sie tragen keine Schuld, Barner – zugegeben!“ sagte er und stand zögernd vor Hermann; „aber nur wo der Tod Schildwache steht, ist ein Geheimniß sicher vor Verrath. Es muß sein. Mein Wunsch wäre ein amerikanisches Duell –“

„Ein amerikanisches Duell?!“ unterbrach ihn Hermann überrascht, und der Blick, welchen er auf Kettler heftete, sprach noch lebhaftere Einwendung aus, als das Wort.

„Mein Vorschlag fällt Ihnen auf?“ fragte der Oberst, indem er ihn scharf fixirte, mit gelassenem Tone. „Bei Berücksichtigung der Umstände werden Sie mir aber beipflichten. Wir sind Officiere; ein Duell ohne Zeugen ist für uns unmöglich, und entschließen wir uns, Zeugen zu wählen, dann steht das Geheimniß auf dem Spiele, um dessen willen wir Gegner geworden. Mag fallen wer da wolle, den Räthseln und Fragen wäre Thür und Thor geöffnet, und – für Eine gäbe es dann überhaupt kein Räthsel mehr. Mein Vorschlag hilft über alle diese Schwierigkeiten hinweg; er ist einfach und führt uns zum Ziele. Verabreden wir dreimonatliche Frist! Zeit genug, sein Haus zu bestellen. Der, welcher das schwarze Loos ziehen wird, fällt innerhalb dieser Zeit. Für den entscheidenden Zug fordere ich für mich die Vorhand. Einverstanden?“

Als Hermann seine Hand erhob, um die gegen ihn ausgestreckte Rechte Kettler’s zu berühren, schob sich plötzlich gleich einem Schemen die Gestalt seiner Mutter zwischen ihn und den Andern. Sein Gewissen schlug, aber das Ehrbewußtsein in ihm war stärker. Was der alte, bewährte Officier als Nothwendigkeit bezeichnete, vermochte der jüngere nicht zu verweigern. Die kalten Hände Beider schlossen sich in einander zum Bunde des Todes, um sich nach kurzem Druck wieder zu lösen.

Der Oberst griff nach seinem Hute. „Unten im Clublocal giebt es Ballotage-Kugeln,“ sagte er flüchtig. „Ich bin im Augenblicke wieder hier.“

Während sein schwerer Tritt auf der Treppe verklang, blieb Hermann wie an die Stelle gewurzelt. Ein sonderbares Hellsehen führte seinen Geist in die Heimath; wie ein Bild im Rahmen stand dort seine Mutter im Trauerkleide, das sie seit dem Tode ihres Gatten nie abgelegt, und ihr verzweifelter Blick drang dem Sohne bis in das Innerste. Durfte, mußte er, ihr letztes Gut, sein Leben frevelnd auf einen Wurf setzen, nur weil ein Zweiter es so begehrte? Was war der Einsatz bei diesem schaurigen Spiele? Nicht eigene, nicht fremde Ehre – deshalb gab es auch, wie keinen Streit, so keinen Kampf, nichts als den Tod. Wie hatte doch dieser Mann, den er nach wie vor hassen mußte, aber nicht mehr verachten konnte, seit er ihm in die stolzen Augen geschaut, wie hatte er gesprochen? Ein Geheimniß sei nur da behütet, wo der Tod Schildwache stehe?

Heiße Lohe flammte über die blassen Wangen Hermann’s; ein Zittern rieselte ihm durch alle Glieder. Der Oberst zweifelte also an seiner Ehre, seiner Discretion? Ja, wahrlich, es mußte sein. Unerträglich die Vorstellung, daß ein Mensch auf Erden, daß gar dieser so gering von ihm denken durfte, um den Tod als Wacht nöthig zu erachten, wo die Ehre einer Dame in Frage kam. Alle Bande traten zurück, dieser Wallung gegenüber, unter deren brennender Gluth sich im tiefsten Grunde der Stachel jüngst erlittener Qualen barg – ein um so schärferer Stachel, als sein Bewußtsein ihn doch nicht völlig von Schuld freisprach. Der Oberst hatte ihn gefordert, weil er Zeuge jener Scene geblieben, nicht weil er es gewesen. War auch der Anfang seines qualvollen Lauschens unfreiwillig, das Ende durfte er nicht mehr so nennen. Und darin hatte der Oberst Recht: ein Duell in der regelmäßigen Form stellte nicht nur das Geheimniß in Frage; es ließ auch den Familien beider Gegner ein schmerzliches, nie zu lösendes Räthsel zurück; es belud, wer auch fallen mochte, die Einzige, welche dessen Ursache ahnen würde, mit furchtbarem Bewußtsein. Wohlan denn! Ein Fatum war es, das ihn zur bösen Stunde an jenen Ort geführt – und weil er so empfand, fühlte er sich auch vom Fatum beherrscht. So mochte denn der Würfel fallen, gleichviel wie.

Noch wirbelten in ihm die Gedanken in wilder Jagd, als der Oberst zurückkehrte. Sein scharfes Auge überflog das Zimmer; er näherte sich einem Seitentische, streckte die Hand nach dem dort stehenden Aschenbecher aus, und trat damit zu Hermann. Während er ruhig eine schwarze Kugel auf dessen Grund gleiten ließ, bot er dem jungen Manne die weiße Kugel: „Für Sie!“

Ehe Dieser das Symbol des Lebens gleichfalls in den Becher warf, blickte er seinen Gegner einen Moment an. Auf Kettler’s Zügen lag ein Ausdruck, den der Jüngere nie wieder vergaß. Der Oberst bewegte leicht den Becher, welchen er nicht aus der Hand gelassen; leise klang es darin, während er ihn hob und langsam sprach: „Drei Monate Frist. Bei meiner Ehre!“

„Bei meiner Ehre!“ wiederholte der jüngere Mann. Jeder Blutstropfen drängte sich ihm gegen das Herz, als er die Finger des Obersten in die Höhlung tauchen sah. Gleich darauf öffnete dieser seine Handfläche. Eine schwarze Kugel lag darin. Während er sie betrachtete und in seine Brusttasche gleiten ließ, brach es wie ein Blitz aus seinen Augen. Er reichte Hermann schweigend die Hand. Auch dieser blieb stumm; sein Blick traf den des Andern mit unaussprechlicher Gewalt.

„Wünschen Sie mir Glück!“ sagte Kettler mit energischem Ton, indem er Hermann’s Hand nach starkem Drucke frei ließ. „Es kam, wie es mußte. Nicht immer ist das Schicksal sinnlos. Leben Sie wohl und – glücklich, wenn das möglich, ist!“

Er war fort. Hermann erfaßte mechanisch den Becher, in dem über Leben und Tod gewürfelt worden. Als er die weiße Kugel, welche darin für ihn zurückgeblieben, an sich nehmen wollte, der erschütternden Stunde zum Gedächtniß, schrak er zusammen. Auf dem Grunde des Bechers lagen zwei Kugeln; noch jetzt blieb der Weißen eine schwarze gesellt.

Der Fordernde in diesem verhängnißvollen Spiele hatte sich doppelte Chance gegeben.




2.

An diesem wie am nächsten Tage hing die Zeit wie Blei über Hermann. Was er auch beginnen mochte, die drückende Last der Gedanken wenigstens zu lüften, er konnte, sich auch nicht für die Dauer eines Augenblicks davon frei machen. Der Boden brannte ihm unter den Füßen. Von Anfang an war seine Rolle in all dieser Tragik eine passive gewesen und sollte so bleiben. Das Leben, bisher für ihn ein reiches Gut, erschien ihm jetzt kaum als willkommenes Geschenk – der Kummer um die Räthsel der Welt und des menschlichen Daseins überwog in ihm jede andere Empfindung. Ein schmerzliches Geheimniß läßt sich nur dann ertragen, wenn das Dunkel, worin es sich hüllt, heiliger Art ist. Nur eine Sehnsucht war noch in ihm lebendig: nach Hause! eine melancholische Sehnsucht nach Ruhe und Licht. Noch zwei Tage waren durchzuleben – dann durfte er seinem Heimweh folgen.

Es war spät Abends, gegen neun Uhr, als der junge Mann, nachdem er einmal wieder zehn Gassen durchlaufen hatte, damit er die Stille seines Zimmers ertrüge, sich dort niedersetzte, um ein Wort über die Stunde seiner Ankunft nach Hause zu schreiben. In dem Club-Local unter ihm ging es lebhaft zu; es war heute Gesellschaftsabend; das Gesumme der Stimmen, die Stöße der Billardkugeln drangen herauf, und so überhörte er das Geräusch der sich leise öffnenden Thür – er hatte einen Gesellschafter bekommen.

Ein Begrüßungswort des Eingetretenen ließ Hermann aufblicken, und mit Befremden sah er Oberst Kettler vor sich. Schweigend erhob er sich und erwiderte den Gruß; er hatte nichts weniger erwartet als mit diesem Manne nochmals an dieser Stelle zusammenzutreffen. Seine Miene mochte dies unverhohlen genug ausdrücken, denn ein bitteres Lächeln zuckte um Kettler’s Lippen, als er mit einem Blicke auf das halbgefüllte Briefblatt sagte:

„Ich störe Sie – lassen Sie sich das aber gefallen! Es wird Sie nicht gereuen.“

Der bedeckte Ton, in dem diese Worte erklangen, berührte Hermann eigenthümlich und entwaffnete augenblicklich seine Mißstimmung. Im Begriffe, seinem Gaste nach dem Sopha zu folgen, auf das Jener niedergesunken war wie ein Todmüder, nahm er die Lampe vom Schreibtische, um sie dem Oberst näher zu rücken.

„Lassen Sie das Licht!“ sagte Kettler, „kommen Sie zu mir! Ich muß Ihnen so Manches –“

Obgleich Hermann ihm schon minutenlang gegenüber gesessen, nahm der Oberst doch das Wort nicht wieder auf. Die Augen [295] mit der Hand beschattet, schien er in sich hinein zu sinnen, bis er endlich in etwas bewegtem Tone sagte. „Ich habe mir überlegt: nicht Alles ist damit gethan, wenn ich eines Tages – von der Jagd nicht heimkehre. Erfahren Sie nicht, wie der Augenblick möglich wurde, dessen Zeuge Sie gewesen, so bleibt an ihr ein Makel haften; Sie würden lebenslang gering von ihr denken. Das darf nicht sein. Ich will versuchen – sie selbst weiß ja kaum –“

Er schwieg von Neuem; seine Finger rollten ein leeres Briefcouvert, das vor ihm auf dem Tische lag, mechanisch auf und zu. Plötzlich richtete er sich straff in die Höhe.

„Als ich vor etwa sechs Jahren den Abschied nahm,“ begann er, „und wir uns hier ankauften, entstand gleich in den ersten Monaten eine Schulfreundschaft zwischen den beiden Mädchen und Paula kam häufig zu Ida auf Besuch. Meine Frau gewann das Kind lieb und knüpfte eine Bekanntschaft mit der schon damals kränklichen Mutter an. Bald wurden die Mädchen unzertrennlich. Paula galt uns, je länger je mehr, als zur Familie gehörig. Alle waren ihr gut; jeder Dienstbote freute sich, sobald sie erschien. Welch ein Kind! Wie ein Thautropfen, in dem die Sonne sich spiegelt – Licht, Klarheit, Freude blitzte aus jeder Regung, und dabei zeigte sie, damals schon, im Alter der Selbstsucht, die rührendste Pflichttreue. Als Sie, Barner, vor zwei Jahren Paula kennen lernten, war sie in Wirklichkeit noch ein Kind, nur die Erscheinung voll aufgeblüht, das ganze Wesen aber noch in der Entwickelung begriffen. Sie gehörte zu unserm Leben, unseren Tagen wie ein Theil von uns selbst.

Damals fing der Zustand ihrer Mutter an sich zu verschlimmern, nur die Abendstunden blieben dem Mädchen frei; ohne daß man es sich sagte, wartete Jeder im Hause auf den Abend. Ich hatte Paula lieb wie meine Ida; sie war mir eine Augenweide, doch dachte ich kaum an sie, wenn ich sie nicht vor mir sah. Oft schalt ich sie auch, weil sie sich im Verkehr mit den jungen Männern unseres Kreises zuweilen allzu scheu, fast herbe gab. Oft auch habe ich sie spät aus unserm Hause oder aus Gesellschaften heimgeleitet; da hing sie kindlich an meinem Arme und beichtete in harmloser Fröhlichkeit Alles, was ihr begegnet war. Aber Sie wissen, wie es mitunter im Frühlinge geht, wo alle Pracht mit einem Male unaufhaltsam vordringt – so brach seit dem letzten Winter diese herrliche Natur voll aus der Knospe. Sie sahen es ja selbst, aber nur ihre Nächsten kennen sie ganz. Ihre Anmuth besiegte Jedermann – wir waren stolz auf sie. Da begann es, daß ich zuweilen, wenn ich arbeitete oder mit Anderen zusammen war, die Stimme der Abwesenden dicht neben mir zu hören meinte, deutlich, lebendig, wie wenn man liebe Stimmen im Traume sprechen hört – gleichgültige Worte, aber in herzergreifendem Tone. Und dann – eines Tages –“

Er brach ab und sah mit jenem Blicke in's Weite, der nicht sieht, der nur in's Bodenlose hinein denkt.

„Eines Nachts,“ sagte er in Hast, „eines Nachts fuhren wir vom Mittfastenballe nach Hause. Meine Frau und Ida stiegen bei unserem Hause aus; ich fuhr mit Paula weiter, um sie sicher in ihre Wohnung zu bringen. Als ich dort den Wagen verlassen hatte und ihr die Hand reichte, sie herauszuheben, glitt ihr Fuß auf dem Trittbrette aus und während des Fallens – ich fing sie im Arme auf – streifte ihr Gesicht das meine. Ich fühlte ihre Lippen auf meiner Wange, eine Secunde nur, ihr unbewußt, denn sie war erschrocken und lachte dann, als sie auf den Füßen stand, über ihr Ungeschick. Seitdem – seitdem hat es mich erfaßt und weicht nicht mehr. Was ich auch beginne, welche Gewalt ich übe – es ist umsonst. – Sie werden das nicht begreifen, gewiß aber begreifen Sie, was es heißt: ein Mann sein, sich aus allen Kräften wehren und beständig unterliegen. Ich wurde irre an mir selbst.

Noch hatte ich zu Anfang Besinnung genug, neben der Schuld auch die Lächerlichkeit meiner Leidenschaft zu empfinden. Vor Andern lächerlich erscheinen, ist eine nicht unüberwindliche Probe. Ein fester Wille, ein mächtiges Gefühl besteht sie, ihr Stachel lockert aber viel, das zuvor fest gestanden. Wie Einer, der sich gebunden fühlt und los sein will um jeden Preis, rang ich Tag und Nacht gegen die dämonische Gewalt. O, furchtbar ist es, wenn ein Mensch Macht über den Andern gewinnt – Gesundheit, Stimmung, Leistungskraft, Alles verschlungen von einem Gedanken, abhängig vom Augenblick, von der ahnungslosen Willkür des Andern; wenn da in lichten Momenten Näheres, Lieberes vor uns aufsteigt, dem all unsere Freuden und Leiden gehören müßten, und man schaudernd fühlt, wie das Alles zu Nichts wird vor der elementaren Macht, die uns zwingt, dann lebt man Momente, wo man an seinen eigenen gesunden Sinnen zweifelt, voll Entsetzen an der Grenze des Wahnsinns zu irren glaubt.“

Er sprang auf. Jeder Nerv der mächtigen Gestalt schien zu zucken. Mit zwei Schritten war er am Fenster, stieß einen Flügel auf und ließ die kühle Herbstluft hereinströmen.

„Dort unten am Brunnen,“ sagte er dumpf, „habe ich solch einen Augenblick verlebt. Es war nicht lange nach jener Nacht; wir waren Alle im Casino. Was ich schon oft gesehen: daß sich der Arm eines Tänzers um sie schlang, ich konnte es nicht ertragen; ich verließ das Local; es trieb mich in die Nacht hinaus. Ja, dort am Brunnen stand ich auf dem öden Platze und drückte die hämmernde Schläfe gegen den Schaft und preßte die Hände ineinander, um nicht vor Qual aufzuschreien, wie ein angeschossenes Thier, und dicht neben mir stand der Wahnsinn –“

Hermann erbebte. Nicht ein Wort hätte er stammeln können, und wenn er sich damit vom Tode loskaufen sollte. Seine Kehle war wie zugeschnürt; sein heißes Auge hatte sich an der Gestalt des Obersten gleichsam festgesogen und irrte ihm beständig nach, während dieser auf und nieder schritt. Drunten im Club war es still geworden. Die Gesellschaft mochte sich in den Speisesaal begeben haben. Und hier oben klang zu dem schweren Tritte im Tacte das fast unnatürlich laute Ticken der Wanduhr.

„Was habe ich nicht Alles versucht!“ sagte Kettler, ohne sein Wandern zu unterbrechen, nach langer, schwüler Pause. „Reisen, Arbeit, Zerstreuung – was man so nennt. Aber kein Segen ruht mehr auf Allem, was ich thun oder lassen mag. Nehme ich ein Buch, so lese ich nicht, was da steht, sondern das, was in mir tobt. O, was sind wir! Was nützt die Ernte eines ganzen Lebens, wenn Erfahrung zu Trümmern wird, Sammlung zur unbändigen Leidenschaft!“ Er blieb einen Moment vor Hermann stehen und sah ihm tiefsinnig in die Augen. „Barner, ich liebe ja mein Weib und mein Kind – nicht um ein Atom weniger liebe ich sie als je. Wenn Clara mich ansieht mit den guten, bangen Augen, wenn ich fühle, wie sie grübelt, was mich so rastlos macht, wenn meine Antwort auf ihre sorgenvollen Fragen sie nicht befriedigt, wenn sie sich tausend Möglichkeiten ersinnt und sich abängstigt, ohne zu ahnen – wie könnte sie auch ahnen nach so vielen Jahren herzlicher Treue! – nicht sie, Niemand erwartet von mir solches Verlorensein.“

Wieder begann das rastlose Wandern. „Ich war jung wie Andere, habe meine Jugend empfunden und genossen, habe geliebt oder meinte es wenigstens. In den Sinnen war es still geworden; ich glaubte mit Allem fertig zu sein, was man Leidenschaft nennt. Leidenschaft! Wie man das so hinsagt und daran glaubt, wenn nur einmal die Pulse rascher schlagen! – Wo sie heimsucht, gilt es mehr als Wallungen – und Sträuben ist vergebens. Seit Monaten gehe ich den Menschen, den Meinen aus dem Wege – nicht aus Schuldgefühl; der Sturm bittet auch nicht um Verzeihung – aber ihre Nähe beängstigt mich. Nicht mehr durfte ich meinem Kinde in die klaren Augen schauen, nicht mehr konnte ich des Nachts den ruhigen Athemzug meiner Frau ertragen; ich bettete mich allein, um wenigstens die Hände ringen und aufstöhnen zu dürfen wenn die Marter zu unerträglich wurde. Sie starren mich an, als spräche wirklich Wahnsinn aus mir? O, nur einmal laßt mich die Qual hinausschreien! Ich durfte es ja Keinem, Keinem sagen.“

Der Unglückliche stürzte um Hermann's Hals und schluchzte convulsivisch auf, doch währte diese Zuckung des Schmerzes nur einen Moment. Im nächsten schon richtete er sich auf, verhüllte seine Augen und sagte dann, indem er sich schwer auf das Sopha warf, mit gewaltsam ruhigem Tone:

„Nach alle dem wissen Sie immer noch nicht, wie das Letzte kam. Während längerer Zeit war ich durch das Ordnen einer Erbschaftsangelegenheit meiner Frau hier gebunden; sobald die Geschäfte mich frei ließen, unternahm ich die Pariser Reise – ein Experiment, das mißlang wie alle vorigen. Trotzdem kehrte ich ruhiger zurück, mit dem Entschluß, nach Ida's Verheirathung mit meiner Frau von hier fort in deren Heimath zu ziehen. Ich [296] hatte den Tag meines Eintreffens nicht gemeldet, und war, eben angelangt, im Begriff, aus der Stadt nach Hause zu gehen. Etwas wie Freude regte sich in mir, Freude über das Stillesein meiner Noth und ein Vorempfinden des Wiedersehens von Frau und Kind. So ist Einem zu Muthe, wenn man aus schwerem Traum aufwacht und sich glücklich dünkt, daß es doch nur ein Traum gewesen. Da, auf dem Wege zwischen den beiden Wohnungen, kam sie mir entgegen – Paula. So dämmerig es war, erkannte ich sie schon, als ihr Umriß noch wie ein Nebel erschien; jede Fiber in mir stürzte sich widerstandslos nach ihr hin. Fragen Sie mich nicht – denn ich weiß es nicht, wie es zuging – was ich sprach, warum sie mir folgte, wohl nur wie ein armes Vögelchen, das sich nicht zu helfen weiß, wenn es gescheucht wird – aber sie folgte. Des Uebrigen waren Sie Zeuge. Und nun verdammen Sie den Schuldigen! Für die Schuldlose fordere ich Ihre Achtung bis in Ihr geheimstes Denken hinein.“

Er stand hochaufgerichtet; seine Rechte ruhte auf Hermanns Schulter; seine gebietenden Augen flammten in die des Jüngeren.

„Hören Sie nun auch mich!“ stammelte Hermann. „Ich danke Ihnen, und ich beschwöre Sie: nehmen Sie von mir Ihr Ehrenwort zurück, Oberst! Sie müssen, müssen leben. Offen will ich es bekennen, daß ich Ihrer in tiefem Groll gedacht, seit gestern in doppeltem Groll. Als ich entdeckte, daß Sie sich zweifache Chance des Todes gegeben, empörte sich mein Innerstes gegen Sie, und mein erster Impuls war, Sie darüber zur Rede zu stellen. Ein Duell auf Leben und Tod ist kein Kinderspiel, welcher Form es auch sei. So ungewöhnlich ist aber Alles gestaltet, was Sie zu meinem Gegner gemacht, Schuld und Nichtschuld mischen sich so seltsam in meinem eigenen Bewußtsein, daß ich auch das auf sich beruhen ließ. Nun kann ich es nicht mehr – tief verstehe ich, was Sie in solcher Weise handeln ließ, weder Ihnen noch mir selbst gestehe ich aber fortan das Recht zu, das Todesloos, welches Sie fast willkürlich ergriffen, als gültig zu betrachten. Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Sie sollen mich niederschießen, wo Sie mich finden, wenn Sie erfahren, daß von alledem je ein Hauch über meine Lippen kommt. Ausgelöscht sei das Gedächtniß! Ja, ziehen Sie weit, weit von hier! Dann wird noch Alles gut. Denken Sie an die Ihrigen!“

„Weil’ ich daran denke, muß ein Ende werden. Gesetzt, es würde Alles gut, wie Sie sagen, glauben Sie, ich könnte jemals wieder der Vorige sein? Ein Mann, dem der Glaube an seine eigene Kraft abhanden gekommen ist, hat auf der Welt nichts mehr zu schaffen. Was hätte ich überhaupt hier zu thun? Ein Krüppel trotz dieser Hünenglieder! Die Waffe hängt an der Wand. Ob ich Abhandlungen über Kriegswissenschaft schreibe oder ein Anderer – kein Staubkorn hat es zu bedeuten. Meine Familie bedarf meiner nicht. Zu ersetzen ist Jeder; ich bin es mehr als Andere. Ehe ich gehe, werde ich meiner Tochter Heim aufbauen, dann kann die Mutter folgen und sich des jungen Glückes freuen. Versuchen Sie nicht, mich aufzuhalten, Barner, sonst dürften die Meinen Thränen um den Lebenden vergießen, die all ihr Glück und Heil aufzehren.“

„Und – Paula?“ fragte Hermann mit gesenktem Auge.

Der Oberst machte eine jähe Bewegung.

„Sie wird überwinden, was – – Sie ist sehr jung. Wer weiß auch, ob es bei ihr überhaupt etwas zu überwinden giebt!? Es handelt sich da mehr um den Augenblick. Sie ahnt wohl, daß wir damals einen Zeugen gehabt, aber sie weiß nicht und darf nie erfahren, wer –“ Er brach ab; ein bitteres Lächeln irrte um seine Lippen. „Laßt nur erst Gras darüber wachsen, über Gräber und Alles, dann – wer weiß?“

Sein Blick sprang wie ein elektrischer Funke auf Hermann, so leidenschaftlich beredt, daß der junge Mann heiß erröthete und eine unwillkürlich abwehrende Handbewegung der stummen Frage Antwort gab.

Der Oberst griff nach seinem Hut. „Wann reisen Sie ab?“ fragte er schnell.

„Morgen Abend, Herr Oberst.“

„Dann sehen wir uns nicht mehr. Ich werde morgen nicht hier sein und vielleicht auch übermorgen noch nicht. Herr von Grieben hat mich zur Jagd geladen. Leben Sie wohl!“

Zum letzten Male hielten sich die Hände beider Männer gefaßt. Der Druck, womit sie sich ließen, war ein Abschied auf Nimmerwiedersehen.

[320]
3.

Hermann's Koffer stand gepackt. Schon trug er selbst, seiner militärischen Pflicht entlassen, wieder Civilkleidung. Nur ein Gang war noch übrig, der schwere Abschiedsbesuch im Kettler'schen Hause. Während der letzten Abende hatte ihm Frau Clara's freundlicher Einladung gegenüber der Vorwand eines Unwohlseins beistehen müssen, abreisen durfte er aber nicht, ohne dort Lebewohl gesagt zu haben. Zwar wußte er den Oberst abwesend, dennoch war ihm der Gedanke äußerst peinlich, mit den Frauen zusammen zu treffen. So empfand er es wie eine wahre Wohlthat, Niemand zu Hause zu finden, als er gegen Abend vorsprach. Aber ehe er noch das der Villa zunächst gelegene Stadtthor erreichte, erkannte er in zwei Damen, die ihm entgegenkamen, mit Bestürzung Frau Kettler und Paula Hollbach. Auszuweichen war unmöglich; er nahm alle Fassung zusammen, um die Damen möglichst unbefangen zu begrüßen, und äußerte sein Bedauern, bei diesem letzten Besuche Niemand von der Familie daheim getroffen zu haben.

Frau Clara schüttelte den Kopf. „Ich werde mich bei Ihrer Mama beklagen müssen, Hermann. Sie haben uns neuerdings sehr vernachlässigt. Oder wären Sie in der That ernstlicher unwohl gewesen, als ich glaubte? Wirklich, Sie sehen angegriffen aus. Und noch diesen Abend wollen Sie fort? Mein Mann, der jetzt beständig unterwegs ist, sagte davon kein Wort, als er heute früh wegfuhr. Habt Ihr Euch denn von einander verabschiedet?“

Hermann bejahte schweigend; es erschien ihm unmöglich, [321] angesichts dieser Beiden vom Oberst zu sprechen, sei es auch das Gleichgültigste.

„Ida wird schelten, wenn ich ihr berichten muß, daß Sie in solcher Weise auf und davon gehen, und auch Paula hätte Ursache dazu,“ fuhr die alte Freundin in ihrer herzlichen Weise fort. „Ich darf Sie nicht einmal auffordern, noch für ein Stündchen mit nach Hause zu kommen; die Kinder erwarten mich in der Stadt, wo wir uns ein Stelldichein gegeben haben, um nachher in das Theater zu gehen. Ich war nur eben einen Augenblick bei Hollbach’s, weil diese schlimme Paula sich tagelang nicht hatte sehen lassen; auch heute giebt sie mir nur ein kurzes Wegegeleite.“

„Ist Ihre Frau Mutter leidender?“ fragte Hermann, ohne das junge Mädchen anzusehen und um nur überhaupt etwas zu sagen.

„Doch nicht,“ entgegnete sie mit klarer Stimme; „es geht ihr im Gegentheil neuerdings etwas besser, und wenn Ihre Zeit Ihnen wirklich noch einen Besuch erlaubt, Herr Barner, so begleiten Sie mich vielleicht auf einen Augenblick nach Hause? Meine Mutter wünscht längst, Sie kennen zu lernen.“

Während Paula sprach, war die Gruppe vor dem Thore angelangt, welches zur Stadt führte. Frau Oberst Kettler warf einen erstaunten Blick auf das junge Mädchen und lächelte kaum merklich, als sie Hermann die Hand zum Abschied reichte und seine unverkennbare Aufregung gewahrte.

„Tausend Grüße also von Haus zu Haus, und kehren Sie bald wieder!“ sprach die liebenswürdige Frau mit vielsagendem Blick. „Dich, Paula, erwarten wir morgen bestimmt. Auf Wiedersehen!“ Sie winkte noch einmal zurück und ging dann ihres Weges.

Das junge Paar wandelte neben einander, ohne ein Wort zu tauschen. Mit jeder Secunde empfand Hermann das Auffallende, ja Unschickliche seines Schweigens nach solcher Aufforderung peinlicher, und doch war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Was ließe sich auch sprechen, wenn die Seele voll ist bis zum Ueberfluthen und die Lippe doch von alledem nichts äußern darf? Sobald man nicht sagen darf, was man will, ist es ganz einerlei, ob man spricht oder schweigt.

Schon kam an der Biegung des Weges das rebenumzogene Häuschen zum Vorschein; Ranken und Blätter glühten in herbstlichem Purpur. Da begann Paula ihren Begleiter nach seiner Heimath, seiner Mutter zu fragen, in so sanften Lauten, daß alles Fremde, Starre davor aus seiner Seele wich und nichts zurückblieb, als der alte, allmächtige Zug nach dem lieben Mädchen hin. Ihm ward wundersam zu Muthe, wundersamer noch, als er die Schwelle überschritt, welche er in Gedanken so oft betreten hatte; es war ihm, als träumte er.

Das Zimmer zu ebener Erde, in welchem Frau Hollbach den Tag auf ihrer Chaiselongue zuzubringen pflegte, störte diesen traumhaften Zustand nicht. Alles war dort gedämpft, Licht und Farben. Der Teppich, welcher selbst zu dieser Jahreszeit den ganzen Fußboden bedeckte, ließ keines Schrittes Schall vernehmen; die niederwallenden Gardinen, das dunkle Braun der Polsterung, vor Allem diese überzarte, zwischen Kissen gebettete Gestalt mit dem sanften, geduldigen Gesicht weckten den Eindruck, als lebe sich hier eine besondere Welt aus, in welche kein lauter Ton eindringen dürfe, weder äußerlicher noch innerer Art.

„Hier bringe ich Dir Herrn Barner, liebe Mutter,“ sagte Paula einfach und rollte für den Gast einen Sessel vor das Tischchen, welches neben dem Lager der Leidenden stand. Diese streckte Hermann eine bleiche Hand entgegen und hieß ihn freundlich, ja freudig willkommen. Aus jeder ihrer Bemerkungen und Fragen ließ sich erkennen, daß Paula ihr oft von ihm gesprochen haben mußte.

Das junge Mädchen ging geräuschlos ab und zu; sie bereitete auf einem Seitentische den Thee, wozu bereits Alles vorgerichtet stand. Als sie dem Gaste eine Tasse bot, blickte er sie zum ersten Mal voll an. Sie war sehr blaß, die dunkelgrauen Augen unergründlicher als je, doch sprach eigenthümliche Festigkeit aus ihren Zügen.

Während Hermann so da saß, gleich einem Familiengliede am Lager der Kranken bewirthet, überkam ihn von Neuem tiefstes Unbehagen. Weshalb war er hier? was hatte das Alles zu bedeuten? Unnatürlich, ja fast wie ein Hohn erschien ihm diese späte Einladung und sein Verweilen. Der Contrast dieser leisen Töne, des märchenhaft umspinnenden Stilllebens hier, mit dem in seinem Hirn und Herzen wirbelnden Aufruhr wurde ihm fast unerträglich; sobald ihm die Schicklichkeit irgend gestattete, dem Besuche ein Ende zu machen, erhob er sich mit dem Bemerken, seine Zeit sei abgelaufen.

Paula warf einen schnellen Blick auf ihn; ein schwaches, sogleich wieder verschwindendes Roth huschte über ihr Gesicht, als sie flüchtig sagte: „Unser Gärtchen muß ich Ihnen doch noch zeigen. Es war so oft die Rede davon.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie mit einladender Bewegung dem anstoßenden Zimmer zu; es war ihr eigenes, dasselbe, an dessen Fenster Hermann sie so oft gesehen und begrüßt hatte. Diesem Fenster gegenüber führte eine Glasthür nach dem kleinen Hausgarten, in welchem ein bunter Asternflor prangte.

Hermann war ihr gefolgt. Paula blieb innerhalb der Gartenthür stehen, die Hand auf der Klinke, ohne doch zu öffnen oder den Blick hinaus zu wenden. Sie sah vor sich hin; ihre Wimpern zitterten über dem halb geschlossenen Auge, und ihre Lippen bewegten sich wiederholt, ohne doch einen Laut vernehmen zu lassen. Plötzlich sagte sie in sehr leisem, eindringlichem Tone: „Ich [322] muß Sie fragen – ich muß erfahren – was ist vorgegangen zwischen Ihnen und – und dem Herrn Oberst?“

Er fuhr zusammen. Was wußte sie? Oder ahnte sie nur? Das Wort traf ihn so unvorbereitet; er war so ganz in Unkenntniß über ihr Fühlen und Denken.

„Vorgegangen? Nichts!“ sagte er unsicher.

Paula hob die Wimpern und sah ihn mit tiefem Ernst an. Kein Blutstropfen färbte ihr zartes Gesicht, Hermann dagegen erröthete heftig, als sie nun weiter sprach:

„Ich weiß, daß er bei Ihnen war nach jenem Abend. Das wäre nicht möglich gewesen, ohne –“

Die zurückgedrängte Angst erstickte ihr das Wort auf den Lippen und brach nun unaufhaltsam aus ihren Augen, bebte um den scheuen Mund. Sie neigte sich gegen Hermann vor, als wollte sie ihm leise, ganz leise etwas zuflüstern; schwach wie ein Hauch, aber in erschütterndem Flehen klang ihr Wort:

„Sagen Sie, o sagen Sie mir, was geschehen ist – oder geschehen wird! Es steht – nicht gut zwischen Ihnen Beiden?“

Hermann bewegte den Kopf zu ernstem Verneinen: „Beruhigen Sie sich, Fräulein Hollbach! Ich darf Ihnen mein Wort geben, daß der Herr Oberst und ich in vollem Einverständniß von einander geschieden sind und uns kaum jemals wieder begegnen werden.“

Das junge Mädchen blickte stumm auf ihre fest in einander geschlossenen Hände nieder. Der angstvolle Zug, welcher sich herb um ihre Lippen grub, wich der beschwichtigenden Rede nicht.

„Können Sie mir auch Ihr Wort geben, daß sein Leben durch nichts bedroht wird?“ sagte sie plötzlich. „Sie schweigen?“

„Leben und Tod des Menschen stehen in höherer Hand – wer dürfte sein Wort für ein fremdes Leben verpfänden!“ erwiderte er beinahe schroff.

„Sie schätzen mich nicht mehr.“ Die stolze Geberde, mit der sie das Haupt erhob, widersprach dem Worte, aber das Bangen war stärker als das Selbstgefühl; Thränen stürzten ihr aus den Augen: „O, sprechen Sie nicht so grausam! Sagen Sie mir die Wahrheit – vielleicht ließe sich retten –“

„Fragen Sie ihn selbst,“ erwiderte Hermann, „sagen Sie ihm dabei, daß mein Verzicht bestehen bleibt! Was er auch sinnen mag, Ihnen giebt er wohl Gehör. Ihr Einfluß –“

Das letzte Wort kam mühsam und klang bitter. Ein so heiß schmerzlicher Blick gab ihm Geleit, daß ihre Gedanken zu ihm hinübergezwungen wurden.

„Mein Einfluß?“ wiederholte sie betroffen, und der leise Zug von Scheu vertiefte sich. „Ich kann Ihnen das – ich kann nichts erklären. Sie sahen und hörten – denken Sie von mir, was Sie müssen!“

Sie hatte ihre ganze Fassung wiedergewonnen und blickte mit klaren Augen zu ihm auf: „Ich darf Sie nicht länger zurückhalten. Leben Sie wohl!“

Seine Fassung aber war verloren. Also wirklich! Sie wußte Alles, hatte ihn erkannt an dem Unglücksabende. Nichts war gerettet, nicht einmal der Trost, wenigstens ihr Bewußtsein freigehalten zu wissen. Aber trotz alledem überkam ihn ein Gefühl der Erleichterung. Trostbringend, siegreich erstand in ihm der Glaube an das geliebte Mädchen. Was auch unbegreiflich bleiben, was auch dahin sein mochte, der reine Blick dieser Augen trog nicht, ihr Bild stand hoch und klar an seiner alten Stelle. Alles Ungesagte und Ungefragte, was ihn noch bedrängte, klang aus dem Tone, womit er ihren Namen rief: „Paula!“

Ohne ein Wort hinzuzufügen, ergriff er ihre Hand und beugte sich darüber; seine Lippen berührten sie mit tiefer Ehrerbietung. Ein schwacher Druck der zarten, kalten Finger antwortete. Dann ging er.




Paula hatte ihm kein Geleit gegeben. Die pulsirende Schläfe gegen die kühle Scheibe gepreßt, stand sie an der Gartenthür und blickte hinaus auf die vom Abendlichte übergossenen Beete. Große Thränen fielen zögernd, vereinzelt durch die Wimpern auf das blasse, liebe Gesicht. Da hörte sie ihren Namen rufen; schwach wie ein Hauch nur drang er aus dem anstoßenden Zimmer herüber, aber es genügte, um sie aus ihrer Versunkenheit zum vollen Wachsein aufzurütteln. Wenn Beherrschung sich je erlernen läßt, so ist es am lange behüteten Krankenlager. Die vielgeübte Kraft versagte dem jungen Mädchen auch jetzt nicht; sie trocknete sich hastig die Augen und trat mit der gewohnten ruhigen Haltung bei der Mutter ein. Indem sie ihr das Kissen bequemer rückte, sagte sie zärtlich: „Du riefst, Mütterchen; wünschest Du etwas?“

„Nur Dich!“ sagte Frau Hollbach und sah ihr forschend in die Augen. „Weshalb bist Du nicht mit dem Gaste hereingekommen? Er hat sich bei mir sehr rasch verabschiedet, und Du – Paula, Du hast geweint.“

„Nicht doch!“

Die Mutter bestand nicht auf ihrer Behauptung, doch faßte sie des Mädchens Hände und zog sie neben sich nieder. „Er schien mir sehr bewegt. Ihr habt Abschied genommen – ist er Dir lieb?“

Paula legte ihren Kopf dicht neben den der Mutter auf das Kissen. „Wir haben Abschied genommen, und er ist mir lieb – aber nicht so, wie Du vielleicht denkst.“

„Kind, liebes Kind, ich fürchte, Du hast um meinetwillen aufgegeben, was Dein Glück wäre. Meinst Du, ich fühlte nicht, daß Dich etwas quält, besonders seit den letzten Tagen? Wenn Du auch schweigst! Als er eben ging, sah ich, daß er litt – warum hast Du ihn so gehen lassen? Ich weiß, daß Du mich nicht verlässest, ich weiß aber auch, daß meine Tage, schlimmsten Falles meine Jahre gezählt sind. Ihr habt noch viel Leben vor Euch; weshalb also in Schmerzen scheiden? Nur Gutes und Liebes habe ich von ihm gehört; er hat gar treue Augen – ich wüßte Deine Zukunft geborgen und könnte ruhiger schlafen.“

Paula richtete sich auf und sah ihre Mutter mit einem stillen Blicke an. „Es ist nicht, wie Du meinst. Vielleicht daß ich ihm lieb bin – oder war. Aufzugeben habe ich nicht, was mir nicht dargeboten wurde. Sei also ruhig! Auch weißt Du, ich gehöre zu Dir. Was mich eben ein wenig bewegt hat, geht vorüber.“

Sie strich ihrer lieben Kranken sanft über die müden Augen und waltete leise im Zimmer umher. Als ihr schien, daß die Mutter eingeschlummert sei, was der Schwachen nach jeder ungewöhnlichen Unterbrechung ihres einsamen Lebens leicht geschah, setzte sie sich an das Fenster, dessen Epheugeranke das einfallende Licht hinderte, das Lager zu streifen. Paula’s sonst allezeit fleißige Händchen lagen gefaltet in ihrem Schooße; es wurde dunkel im Zimmer, nur die Gaslaterne vor dem Hause warf durch das zweite Fenster einen hellen, mondlichtgleichen Streifen herein. In der tiefen Stille waren sogar die schwachen, unregelmäßigen Athemzüge der Kranken zu vernehmen. So lautlos war es rings, daß das Rädergeroll von der Straße her das junge Mädchen aufschreckte und sie einen unwillkürlichen Blick durch die Scheiben werfen ließ. Sie schrak zusammen. Das offene Jagdwägelchen, welches da vorbei fuhr, war ihr bekannt, gleich dessen Insassen. Die unwillkürliche Bewegung, womit Paula sich in ihren Sessel zurücklehnte, als wollte sie sich bergen, war überflüssig; der Kopf des Vorüberfahrenden blieb dem rebenumflochtenen Häuschen abgewendet.

Das leichte Geräusch hatte den Schlummer der Mutter unterbrochen. „Bist Du da, Paula?“ fragte sie leise; „und so im Dunkeln – doch nicht mir zu Liebe? Es wird ohnedies Zeit, daß ich mein Schlafzimmer aufsuche. Und sobald ich gebettet bin, gehst Du noch für ein Stündchen zu Kettler’s, Kind; ich wünsche Das. Es wird Dir wohl thun, und mich beruhigt es. Du weißt, es ist mir unlieb, wenn Du Dich tagelang so einspinnst.“

Paula hatte sie unterbrechen, ihr sagen wollen, daß Frau Kettler und Ida im Theater seien, doch sie schwieg; als ihr die Worte schon auf den Lippen schwebten, erfaßte sie plötzlich ein Gedanke. Sie fühlte selbst, wie blaß sie wurde, und blieb einen Moment unbeweglich vor der Lampe stehen, die sie im Begriff war anzuzünden – an diesen Gedanken mußte sie sich im Dunkel gewöhnen. Als das Licht ihre Züge beschien, waren sie voll Entschlossenheit.

Sie rief die Dienerin, bettete ihre Mutter um, gab der Gehülfin noch einige Weisungen und kam dann mit Hut und Tuch, sich zu verabschieden.

„Ich gehe, werde aber nicht lange bleiben. Vielleicht treffe ich Dich noch wach. Schläfst Du ein, dann schließe mich zuvor in Dein Gebet!“

„Um was hätte ich sonst zu beten? Gott sei mit Dir!“

[323] Die schwachen Arme hoben sich, ihr Liebstes zu umfangen. Ihr fehlte Gesundheit, Thätigkeit, Freude – ihre Paula war ihr Ersatz für Alles.




Obgleich der Oberst sehr ermüdet von seiner Jagdpartie zurückgekehrt war, ließ er doch die Glieder nicht ruhen, als er sich daheim in seinem Zimmer befand. Er stand am Fenster, reinigte sein Gewehr und blickte zerstreut durch die Scheiben hinab auf die Bäume des Gartens, deren leuchtende Roth- und Orangefärbung selbst die tiefe Dämmerung noch durchdrang. Sein Gedanke kehrte zum Walde zurück, in welchem er den Tag verlebt; – ein trüber Tag, aber trotz des bedeckten Himmels waren auch dort alle Farben des Feuers mit solcher Kraft durch das schwindende Grün gebrochen, daß die ganze Waldung wie von der Abendsonne angeglänzt erschien. Herbst! – – So waren auch in ihm tiefste Gluthen emporgeloht, nachdem sein Frühling und Sommer bereits zu Rüste gegangen. In allen Farben des Feuers war ihm die kraftvolle Seele aufgeflammt, um nun bald als todtes Laub niederzutaumeln auf den Schooß der Mutter Erde.

Es war still, sehr still in ihm. Der Tod ist ein Strom, welcher alle Leidenschaften verschlingt, aus dem allein sie Vergessenheit trinken. Seine Gedanken hatten in der Gewißheit naher Ruhe schon etwas von deren Wohlthat auf Abschlag empfangen. Es gehört viel Kraft dazu, die Vorstellung deutlich zu fassen, daß etwas enden müsse, mag es sich nun um Dinge des Lebens handeln oder um das Sterben. Sobald der Geist aber einmal die Unmöglichkeit begriffen hat, einen Besitz zu bewahren, gehen Wille und Nothwendigkeit Hand in Hand.

In Gedanken verloren, achtete Kettler der einbrechenden Dunkelheit erst, als sich das Zimmer ganz in Schatten gehüllt hatte. Nun zündete er Licht an, setzte sich vor den Tisch, nahm sein Notizbuch hervor und zeichnete bedächtig, immer neu überlegend, einzelne Sätze darin ein. Es betraf verschiedene Anordnungen, die er in den nächsten Tagen mit seinem Notar besprechen wollte. Seine Stimmung war dieselbe, welche ihn einige Jahre früher vor dem Ausrücken zu einem Feldzuge beherrscht hatte. Eine warme und zugleich gelassene Abschiedsstimmung den Seinen gegenüber. Bei ihnen zu bleiben war unmöglich, konnte gar nicht in Frage kommen; so galt es denn nach bestem Ermessen vorzusorgen, daß sie ihn wenigstens, so weit es Aeußerliches betraf, nicht allzusehr vermissen möchten, falls er nicht wiederkehrte. Es war heute weder etwas Gleichgültiges noch Liebloses in seinem Entschlusse, die Lieben zu verlassen; er war so durchdrungen von dessen Nothwendigkeit, daß auch nicht der Schatten eines Zweifels über ihn kam. Die Parze, welche die Zukunft spinnt, wob für ihn keinen haltbaren Faden mehr.

Niemals hatte er vor einem lebenden Wesen die Augen niederschlagen müssen; jetzt zuckte Alles in ihm vor Scham, sobald er an Paula dachte, die er seit jenem verhängnißvollen Abende nicht mehr wiedergesehen. Alle Zartheit der Empfindung, welche ihn Jahre hindurch mit dem Kinde, dem Mädchen verbunden, setzte sich zur Wehre gegen die Erinnerung an den stürmischer Augenblick, wo seine Leidenschaft sich ihr ohne Hülle gezeigt. Wenige Männer verstehen, was es heißt: ein unschuldiges Mädchen; der Vater eines solchen ahnt es wenigstens. Paula, der Zarten, Reinen, hatte er Regungen verrathen, die er in sich selbst immer voll Neuem zu ertödten gesucht – wie mochte sie jetzt seiner gedenken? Jetzt und alle Zeit?

Das war der bittere Tropfen im lockenden Todeskelche, und doch rückte gerade dieser denselben nahe, ganz nah an seine Lippen. Auszulöschen war das Gedächtniß an jenen Augenblick nicht, wo sein Arm das zitternde Kind umfangen, seine heißen Lippen sich auf den scheuen Mund gepreßt, der nicht gab, sich nur hülflos nehmen ließ – aber dieses Gedächtniß konnte sich mildern und klären, denn Alles vergiebt man den Todten, die fern sind und ohne Gewalt.

Der Stift ruhte längst müßig in seiner Hand; die Ruhe, welche noch eben wie kühlender Schatten über ihm gelegen, wich quälender Unrast. Er stand auf und durchwanderte das Zimmer – wer weiß wie viele Male! Da kam ein leichter Schritt die Treppe hinauf und hielt vor seiner Thür an. Da er noch nicht nach Frau und Tochter gefragt, welche seine Heimkehr erst zum nächsten Tage erwarteten, dachte er, es sei Ida, und rief, als sich draußen nichts weiter regte, mit leiser Ungeduld im Tone: „Herein doch!“

Die Thür öffnete sich, und Paula erschien auf der Schwelle; sie drückte das Schloß hinter sich zu und stand unbeweglich da, die Hand auf der Klinke, als sei sie im Begriff zu gehen, statt zu kommen. Kettler hatte ihr im ersten Moment einen raschen Schritt entgegen gethan, als er aber ihre Haltung sah, blieb er wie angewurzelt stehen und sagte mit unbeschreiblich schmerzlichem Ausdrucke: „Sie fürchten sich vor mir? Dahin also ist es gekommen!“

Mehr als der Ton, so erschütternd er klang, traf Paula das Wort selbst. Seit Jahren hatte der Oberst sie nie anders angeredet, als mit dem traulichen Du – der fremde Ausdruck brachte ihr die Spannung des Augenblicks niederdrückend zum Bewußtsein. Sie erblaßte, während sie ihm rasch näher trat; ihre Wimpern zitterten, wie immer, wenn sie stark erregt war und sich Beherrschung abzwang; sie blieb dicht vor Kettler stehen und sagte mit ihrer tiefen, melodischen Stimme:

„Viel – Alles fürchte ich. Darum bin ich hier.“

Er faßte die kleine Hand, welche sie wie beschwörend zu ihm erhoben hatte, leicht in die seine. „Darum bist Du hier?“ wiederholte er in schwerem Tone.

„Und weil ich einen Auftrag für Sie habe. Herr Barner hat mir –“

Kettler ließ ihre Hand niedergleiten; wie ein Blitz durchzuckte es jäh seine Augen. „Einen Auftrag? Von Hermann Barner! Sie haben ihn also gesprochen?“

Paula sah ernsthaft zu ihm auf. „Heute. Er läßt Ihnen sagen, daß sein Verzicht bestehen bleibt.“

Mit finsterem Lächeln entgegnete Kettler: „Weiter nichts? Oder giebt es vielleicht noch mehr Aufträge – an mich? Und durch Sie?“

Das junge Mädchen schüttelte schweigend den Kopf; der schroffe Ton, womit diese Fragen hervorgestoßen wurden, machte sie einen Augenblick sprachlos. Dann hob sie ihre Augen und sah ihn dringend an: „Was seine Worte bedeuten, weiß ich nicht, aber ich habe andere Worte gehört – von Ihnen – und was diese bedeuten, weiß ich.“

„Worte – Worte –“ sagte Kettler, „was ist an Worten gelegen!“

Paula war in den nächsten Stuhl gesunken; ihre Füße trugen sie nicht mehr. Wie schwer war es doch zu sagen und zu fragen, was sie im Sinne trug! Wie Unnahbarkeit lag es in jedem Blicke und Ton des Mannes, dessen Willen zu bezwingen sie gekommen war, und plötzlich fühlte sie sich von namenloser Angst überwältigt. Sie drückte die gefalteten Hände gegen ihre Brust und stammelte:

„Als wir uns neulich trennten, sagten Sie: 'Es ist Zeit, daß ein Ende wird.' Welches Ende? welches Ende? Bei Allem, was heilig ist, versprechen Sie mir, zu leben!“

Seine Wange färbte sich schwach. „Thörichter Gedanke!“ sagte er kalt.

Sie stand auf ihren Füßen und sah ihm mit zwingender Macht in die Augen. „Ich weiß, wozu Sie entschlossen sind," sagte sie fest. „Mehr als einmal hörte ich Sie sagen: ein Mann müsse zu gehen wissen, wenn es an der Zeit sei.“

„Und Du meinst, solche Zeit sei gekommen – meinst Du das wirklich, Kind?“ sagte er mit plötzlicher Weichheit und faßte ihr zartes Gesicht zwischen seine beiden Hände. „Wohl – wohl! ich werde gehen, aber so weit doch nicht, wie Du denkst – nur von hinnen, von hinnen.“

Des Mädchens Augen ruhten forschend auf seinen erschütterten Zügen, dann hob sie mit freier Bewegung den Kopf, trat von ihm zurück und sagte sehr leise, im entschlossensten Tone: „Wenn Sie – verunglücken, dann folge ich Ihnen, so wahr Gott lebt.“

„Paula! Paula!“ rief er fassungslos, „nimm dieses Wort zurück!“

„Sie sehen wohl – weshalb wollen Sie mich täuschen? Ich bin nur ein Mädchen, aber ich habe doch mehr Muth als Sie. Ich verleugne wenigstens nicht meine Entschlüsse.“

Er verhüllte seine Augen – einen Moment nur – dann beugte er sich zu ihr nieder, zog sie dicht an sich und fragte zitternd: „Sterben um mich? Du liebst mich?“

[324] Sie machte sich mit leiser unwiderstehlicher Bewegung frei. „Lieben? – Sie haben mir gesagt, daß Sie mich lieben, und wollen mir doch das Bewußtsein auf die Seele laden, die Ursache Ihres Todes zu sein. Was kümmert Sie mein Friede, was der Jammer Ihrer Theuersten? Sie wollen die eigene Noth abschütteln; was Sie hinter sich lassen, gilt Ihnen nichts. Ich aber bin nicht standhaft genug, solche Centnerlast auf dem Gewissen durch das Leben zu tragen. Ob Sie noch heute thun, was Sie sinnen, ob Sie es morgen thun, Sie wissen jetzt, daß Sie nicht über Ihr Leben allein verfügen. Noch bindet mich heiligste Pflicht, aber, wie meine arme Mutter erst heute sagte – ihre Tage sind gezählt, und in der ersten Stunde, wo sie meiner nicht mehr bedarf, halte ich mein Gelübde, so wahr Gott lebt.“

„Nimmermehr!“ rief Kettler außer sich.

„Das liegt fortan in Ihrer Hand,“ sagte Paula sanft. „Wollen Sie, daß ich lebe, so schwören Sie mir, daß auch Sie leben wollen.“

„Paula, Paula! Du weißt nicht, was Du forderst.“

„Ich weiß es gut,“ sagte sie fest, und blickte ihn mit den unergründlichen Augen tief an. „Wenn es aber wahr ist, daß Sie mich lieben, dann steht mir zu das Höchste zu fordern. Und gewähren Sie, dann sind wir einander unser Leben schuldig geworden und müssen uns der Gabe werth erweisen. Jeder Athemzug des meinen soll vor Dem bestehen dürfen, der ihn mir schenkt – o, gewähren Sie!“

Sie neigte sich über seine Hand und legte ihre kalte Wange darauf. Er blickte stumm auf sie nieder; eine schwere Thräne fiel aus seinem Auge, auf des Mädchens lockiges Haar.

„Du hast mich bezwungen,“ sagte er nach kurzer, banger Pause. „Nicht um solchen Preis darf ich Frieden begehren – Dein Wille geschehe!“

Leise, wie ein Lufthauch, streiften ihre Lippen die Hand, dann richtete sie sich auf, das zarte, durchgeistigte Gesicht ganz mit Thränen bethaut. „Lebe wohl!“ sagte sie leise, „für immer lebe wohl!“

Er schloß sie einen Moment schweigend in die Arme, ohne sie mit den Lippen zu berühren. Als er sie freigelassen, wandte er sich in raschem Impulse seinem Schreibtische zu.

„Nimm ein Gedenken an diese Stunde, nimm dies!“ sagte er hastig und ließ, was er aus einem Fache des Pultes genommen, in ihre Hand gleiten. Namenloses Leiden wühlte in des Mannes stolzen Zügen, als ihm das Wort aus der Seele brach: „Das Leben für sein Liebstes hingeben ist ja nichts, ist ja süß. Ich schenke Dir mehr als dies, Kind: ich schenke Dir meinen Tod.“

In Paula’s Hand lag eine schwarze Kugel.

[325]
4.

Es war fast zwei Jahre später; im Hochsommer, als auf dem schönen Besitz der Familie Barner eine heitere Festlichkeit ausklang. Die Mutter hatte Nachbarn und Freunde zur Feier des siebenundzwanzigsten Geburtstages ihres Hermann geladen und zugleich das Erntefest begangen. Kurz zuvor war der reiche Getreidesegen welcher sich vom Strome hügelaufwärts zog, glücklich eingebracht worden, und dem Brauche gemäß, den der nun in Gott ruhende Stammherr ein Menschenalter hindurch geübt, ward das Schnitter- und Gutsvolk geladen, am Sonntag, welcher der Arbeitswoche folgte, auf dem grünen Uferplan einen Mittagsschmaus und ein Tänzchen zu genießen.

In diesem gedeihlichen Jahre fiel der Erntesegen so früh, daß die Wiegenfeier des jungen Gutsbesitzers mit dem ländlichen Feste vereinigt werden konnte. Nun war der laute Tag zur Rüste gegangen. Das Zelt aus Laubgewinden, auf dessen improvisirtem Bretterboden Dorf- und Stadtkinder in gleicher Fröhlichkeit getanzt und gesprungen, stand verlassen; die Gäste hatten sich zerstreut. Nur eine dem Hause Barner näher befreundete Familie war auf besondere Einladung der Hausfrau zurückgeblieben, nachdem sich der größere Kreis aufgelöst.

Die Gruppe saß auf der Terrasse, welche Haus und Garten verband und Ausblick nach dem das Grundstück begrenzenden Strome bot, und genoß mehr oder weniger, je nach Stimmung und Individualität, das eigenthümliche Behagen, welches nach geräuschvoller Lust so labend aus der Stille aufgeht. Schon war der Mond emporgestiegen; er stand gerade über dem nahen, dicht am Ufer gelegenen Dorfe, das von Bäumen überhangen wie in Schlummer hingestreckt erschien. Verlassene Nachen lagen am Ufer festgekettet, gegen dessen Böschung die plätschernde Welle leise schlug. Von jenseits des Wassers träumten die mit Gebüsch und Weinlaub umkränzten Berge herüber. Unwillkürlich wurde das Gespräch mit gedämpfter Stimme geführt; kein lauter Ton, kein Auflachen mochte zu den duftdurchströmten Schatten stimmen, die sich rings ergossen, hier und dort von Mondesglanz übersilbert.

Hermanns Nachbarin, ein schönes Mädchen, deren reiches Blondhaar in der schwankenden Beleuchtung der Windlichter wie Gold schimmerte, schien vom Zauber des Ortes und der Stunde ganz umsponnen zu sein; sie erwiderte dem jungen Wirthe nur kurze, vereinzelte Worte. In ihrem blauen Auge glühete jener Funke, der jugendliche Züge so wundersam durchgeistigt.

Als vom Dorfe das Aveläuten herüberklang, stand sie auf und trat bis zum Rande der Terrasse vor. Hermann sah ihr lächelnd nach und folgte ihr, von einem leuchtenden Blicke Frau Barner's begleitet. War es der Stolz der Mutter, der aus diesem Blicke sprach? Die Erscheinung des jungen Mannes, Haltung und Ausdruck hatten wesentlich gewonnen, seit wir ihm zuletzt begegneten. Zur jugendlichen Elasticität und Anmuth hatte sich Kraft gesellt, der schöne Jünglingskopf sich zu dem eines Mannes ausgeprägt. Als er neben dem schlanken Mädchen stand, sie kräftig überragend, erschienen Beide als ein erlesenes, wie für einander geschaffenes Paar. Dieser Gedanke mochte wohl auch in Denen aufsteigen, welche am Tische zurückgeblieben; die Mütter der beiden jungen Leute tauschten einen vielsagenden Blick.

Das Aveläuten, welches im Sommer von Monat zu Monat eine Stunde später erklingt, bis es mit den abnehmenden Tagen wieder aufwärts rückt, hatte an das Verrinnen der Zeit gemahnt, denn die Gäste mußten, um nach Hause zu gelangen, noch ein paar Stunden Nachtfahrt zurücklegen. So ließ man denn einspannen, und bald gaben Barners den Freunden das Geleit; als diese bereits im Wagen saßen, eilte Hermann, einem raschen Impulse folgend, in das Haus und brachte von dort einen der frischen Rosensträuße, welche die Tafel geschmückt hatten. Als die schöne Blondine ihn aus seiner Hand empfing, erröthete sie tiefer als das Herz der Rose, und einer jener Blicke, die aus dem Grunde der Seele empor zu tauchen scheinen, traf den jungen Mann.

Er schritt nachdenklich an der Seite seiner Mutter den kurzen Weg nach der Terrasse zurück, während das Rollen der Räder im Thale verklang. Als sich die Beiden an der vorigen Stelle niederließen, verlöschte ein plötzlicher Lufthauch das Windlicht; sie fachten es nicht wieder an, jedes von ihnen hing eigenen Gedanken nach, bis Frau Barner endlich halblaut sagte: „Hermann?“

Er rückte ihr näher, und strich leise über ihre Hand hin. „Dank für den schönen, stimmungsvollen Tag!“ sagte er herzlich; „nur Du verstehst es, ein Fest zu schaffen, das dem Gemüthe wohlthut.“

„Ein schöner Tag, ja!“ erwiderte sie zögernd; „und doch hat er nicht erfüllt, was ich im Stillen erhoffte: er möchte ein glücklicher Tag werden.“ Indem sie seine Hand erfaßte, fuhr sie wärmer fort: „Es giebt Dinge, so zart, daß man vielleicht nicht daran rühren sollte, aber – das Leben ist so kurz, das Glück so leicht versäumt – warum es nicht festhalten, wenn es dicht neben uns steht, uns so lieb und verheißungsvoll anblickt? Hermann willst Du mir nicht bald eine Tochter geben?“

[326] Er schwieg einen Moment. „Gern möchte ich es, zuweilen auch glaube ich – und doch –“

Der Mond war auf seinem stillen Gange höher gestiegen und wob sein silbernes Gespinnst um Büsche und Bäume. Hermann's Blick hing träumerisch an dem weißen Licht; sein Auge wurde dunkel; er athmete tief. Plötzlich erhob er sich und endete seinen Satz: „Doch fürchte ich, daß ich es nicht kann.“

Die Mutter seufzte: „So ist das Herz Dir immer noch nicht frei? Du weißt, Liebster, wie ich Dich geschont habe, fühlte ich doch, wie Dir die leiseste Berührung neue Schmerzen schuf. Endlich glaubte ich das überwunden, glaubte neues, erreichbares Glück für Dich aufgesproßt und sehe – daß ich mich getäuscht. Drängt sich Vergangenes wirklich noch heute zwischen Gegenwart und Zukunft, dann dünkt es mich an der Zeit diese Geister zu bannen. Ich habe Dich nie mit ausdrücklichem Worte befragt, so schwer ich auch daran trug, Dein tiefstes Fühlen und Kümmern nicht theilen zu dürfen – heute frage ich Dich: Was ist vorgegangen zwischen Dir und dem Mädchen, das Dir nun seit Jahren und Jahren im Sinne liegt? Was war zwischen Euch, daß Du sie weder vergessen noch gewinnen kannst? Erinnerungen mögen das Ende des Lebens füllen, seinen Anfang dürfen sie nicht beherrschen. Du mußt Dich entschließen. Ist es unmöglich zu besitzen, was Dein Herz begehrt, dann wahre Dir eine allzuliebe Gestalt an jenem Ort, wo überwundene Schmerzen, wo unsere Todten ruhen – solche Begräbnißstätte birgt wohl jeder Lebende in sich. Es ist schön sie heilig zu halten, unrecht jedoch das eigene frische Leben mit zu begraben. Ist aber Deiner Sehnsucht Ziel erreichbar, dann wirb um Dein Glück! Haus und Herz stehen ihm offen, wenn es auch andere Züge trägt als die, welche mir und auch Dir eben noch so lieblich erschienen.“

Hermann sah stumm vor sich nieder. „Dränge mich nicht!“ sagte er beklommen. „Vielleicht kommt die Zeit, wo ich Deine Wünsche zu erfüllen vermag – vielleicht ist dort wirklich das Glück. Jetzt – ja, warum sollte ich es Dir verschweigen, jetzt drängt sich noch immer das unvergeßliche Bild zwischen mich und alles Neue, so gut und lieb es sein mag. Hoffnung aber habe ich dort nicht, wie hier – übrigens ist Paula Hollbach auch nicht in der Lage über sich zu verfügen. Ihre Mutter –“

„In diesem Sinne ist sie frei geworden,“ unterbrach ihn Frau Barner lebhaft. „Durch einen Brief Anna Kettler's erfuhr ich, daß Frau Hollbach kürzlich gestorben.“

Hermann fuhr jählings auf. „Du hast Nachricht von Kettlers – endlich – und sagtest mir nichts davon?“

„Der Brief kam heute, als eben die ersten Gäste anfuhren; ich habe ihn nur erst flüchtig überblickt und denke ihn jetzt in Ruhe zu lesen.“

„Der Inhalt des Schreibens ist mir von großem Werthe,“ sagte Hermann sehr bewegt. „Wir hörten lange, lange Nichts von – Allen.“

Er fachte hastig das Licht an; Frau Barner, durch seinen Ton überrascht, fixirte ihn einen Augenblick, nahm dann den Brief aus der Tasche ihres Kleides, entfaltete zwei, drei Bogen und begann zu lesen, während ihr Sohn in lebhafter Erregung auf und nieder schritt. Seine Gedanken irrten zurück in vergangene, stürmische Tage. Es erschien ihm wie ein Wunder, daß jetzt, wo er es nicht mehr erwartete, all seinen stummen Fragen Antwort werden sollte. Ihm däuchte, als schlössen diese Blätter, deren Inhalt er noch nicht kannte, seine Zukunft in ihren Rahmen. – Zukunft? Gab es in der That noch etwas wie Zukunft, das sich an dieses Vergangene knüpfen konnte? Sein Herz schlug ungestüm.

„Lies selbst!“ sagte die Mutter, als er sich ihr näherte, nachdem sie die Bogen zusammengefaltet. Er setzte sich, stützte den Kopf in die Hand und beschattete so seine Augen, während er Seite nach Seite überflog:

„Meine theure Freundin! Als ich heute einen einsamen Abend vor mir sah und in alten Papieren kramte, kamen mir Deine letzten, herzenswarmen Zeilen zur Hand und versetzten mich lebhaft in alte Zeiten. Es drängt mich, endlich wieder zu Dir zu sprechen, von Dir zu hören – weiß ich doch, daß keine Pause, so stumm und lang sie sei, uns auch nur um eines Haares Breite von einander entfernen kann. Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit ich Deinen Brief empfing, und er blieb unbeantwortet, so treu ich Deiner auch gedachte. Dir gegenüber habe ich ja nicht nöthig mein Herz zu vertheidigen. Vieles, unendlich Vieles liegt aber zwischen damals und heute.

„Vielleicht erfuhrst Du, welche neue Wendung unser Leben seit Ida's Verheirathung genommen, und durftest um so mehr erwarten, hierüber Nachricht von mir zu erhalten. Lasse mich nachholen, was in vielfach fordernden Tagen unbesprochen geblieben, was ich Dir auch heute nur in flüchtigen Zügen mittheilen kann! Ja, wäre noch die gute Zeit, wo wir als junge Frauen Haus an Haus wohnten, uns täglich sahen und über Alles, was uns an Freud' und Leid geschah, die Herzen gegen einander entlasteten! Könnte ich wie damals auf dem Schemel zu Deinen Füßen sitzen und Dir, der Weiseren, Erfahreneren, alles Fühlen und Denken beichten – das würde mir oft unendlich wohl gethan haben. Damals verstandest Du mir in den Augen zu lesen – so lies heute zwischen den Zeilen!

Dein Brief, bald nach der Heimkehr Deines Hermann geschrieben, traf mich in großer Sorge. Kettler war in jenen Tagen schwer erkrankt. Ein nervöses Fieber kam plötzlich zum Ausbruche, nachdem es schon lange zuvor in ihm gewühlt haben mochte; es steigerte sich zum Typhus. Laß Dir bekennen, daß sein Erkranken, trotz aller Todesangst, mir in gewisser Hinsicht eine Erleichterung brachte, denn es erklärte die namenlose Veränderung, welche während der letzten Monate zuvor mit meinem Manne vorgegangen war. Er, der allezeit jede Lage und Stimmung beherrscht hatte, war mit einem Male rastlos, erregt, ja launenhaft geworden – dann wieder von einer Weichheit gegen mich und Ida, von einer Schwermuth befangen, die mich noch tiefer ängstigte, als alle Reizbarkeit. Sein schönes Gleichgewicht war dahin. Noch heute durchschauert mich ein unheimliches Gefühl, wenn ich an jenen Sommer denke, wo es Tag und Nacht wie Gewitterschwüle über uns hing. Das Namenlose drückt am schwersten – ich machte mir viel bange Gedanken; die Sorge, daß unser Vermögen bedroht sei, erschien unter all den unbestimmten Befürchtungen noch als die geringste. Kettler wollte mir nicht Rede stehen über den Grund seiner unverkennbaren Beängstigung. Mit einem Worte – als die plötzlich ausbrechende Krankheit mich überzeugte, daß seine Verstörung zweifellos körperliche Ursachen gehabt, lüftete sich die Last trotz aller Sorge.

Monate schlichen zwischen Furcht und Hoffnung langsam hin; eine Erschöpfung, eine Apathie, welche den Arzt fast mehr beunruhigte, als das überwundene acute Leiden, hielt Kettler in langem, schwerem Banne. Auf sein Verlangen wurde Ida's bereits aufgeschobene Verbindung in aller Stille vollzogen; der Beruf unseres Schwiegersohnes führte ihn nach Norddeutschland, und er wollte nicht ohne seine junge Frau gehen. So feierte unsere Einzige einen gar stillen Hochzeitstag, um dann in weite Ferne zu ziehen. Es wurde öde im Hause, doppelt öde, denn auch Ida's Freundin, Paula Hollbach, von der Du weißt, ward durch Pflichten im eigenen Hause dem unsrigen mehr und mehr entfremdet. Das waren sonnenlose Tage, liebe Freundin. Oft überkam mich ein Gefühl trostloser Verlassenheit, und nur die Liebe hielt mich aufrecht.

Da begann Kettler eines Tages, als ich es am wenigsten erwartete, von Zukunftsplänen zu sprechen und über die Zwecklosigkeit seines bisherigen Lebens zu klagen. Er schlug mir endlich vor, wir wollten fort, wollten nach meiner Heimath ziehen. Das Wort labte mich, wie sonnige Tageshelle nach bange durchwachten Nächten. Seit Jahren schon war es mein stiller Wunsch gewesen, wieder nordwärts ziehen zu dürfen, und nun erst, seit die Kinder dort lebten! Ich verhehlte meine Freude nicht – sie mochte auf meinen Mann zurückgewirkt haben, denn von dieser Stunde an ging es bei ihm vorwärts mit Kräften und Stimmung.

So lieb mir unser kleiner Besitz geworden, sah ich ihn doch zufrieden in fremde Hände übergehen. Zu schwer hatte dieses letzte Jahr auf uns gelastet, zu vereinsamt waren Haus und Garten, seit Jugend und Freude von dannen gezogen. Nun zogen wir nach. Zuerst freilich südwärts, nach Bozen, wo wir die letzten Monate des Winters verlebten, wie das Kettler's Arzt gewünscht, dann, im Frühjahre, der alten Heimath zu. Wie schön war es, bei den Kindern, die in Stralsund leben, zu Gaste zu sein! Dort ließ mich Kettler zurück, um sich längs der Küste nach einem unsern Mitteln entsprechenden Gütchen umzusehen. Ungern sah ich ihn von uns gehen; noch immer lag eine Schwere [327] über ihm; seine Wangen waren so blaß, seine Kräfte so leicht ermüdet. Doch sorgte ich mich ohne Not – er kehrte nach ein paar Wochen sichtlich erfrischt und angeregt zurück und sagte, im Falle ich das Opfer bringen wolle, für einige Zeit mit einer Art von Blockhaus als Wohnung vorlieb zu nehmen, sei gefunden, was er sehnlichst wünsche: ein Feld fruchtbarer Thätigkeit für ihn selbst, eine dauernde Heimath für uns.

Das Opfer! O Liebste – der Gedanke, mit ihm, für ihn allein zu leben, ihn wieder Antheil am Dasein nehmen zu sehen, war mir ein Himmel. Du hast Kettler in seiner Jugend gekannt und Dich oft seiner edlen Männlichkeit gefreut – was er in der That ist und bedeutet, habe ich selbst erst jetzt voll begriffen, seit die energische Kraft, welche den Grundzug seines Wesens ausmacht, lebendig wirken kann. Die Strecke, welche er ankaufte, bestand aus meilenweiter Waldung. Ehe er mich dorthin abholte, war bereits ein Theil derselben ausgerottet und auf dem frei gewordenen Platze in der That ein Blockhaus errichtet worden, das für alles Nothwendige, auch für manche Bequemlichkeit, freilich für keinerlei Luxus, Raum bot. Dort richteten wir uns trotz aller Einwendungen der Kinder häuslich ein, sobald das Frühjahr einigermaßen vorgeschritten war. Neues Leben ging mir in diesen Tagen auf; fast besann ich mich wieder auf die längst verklungene Jugend – so reich und inhaltsvoll ward Gegenwart und Zukunft.

Kettler leitete mit fester Hand die Arbeiten, über welche er mit Sachverständigen Rath gepflogen, und zu denen er sich die nöthigen Hülfskräfte herangezogen hatte. Jetzt, im zweiten Sommer unseres Hierseins, hat sich die Wildniß bereits in einen freundlichen und ergiebigen Besitz verwandelt. Von Feld und Wiese umgeben, steht ein geräumiges Wohnhaus, in dessen anstoßendem Garten Blumen und Beeren in Fülle gedeihen. Zum schattigen Walde ist der Weg nicht weit, denn noch umgiebt er uns in dichtgeschlossenem Halbrunde, noch bietet sich der thätigen, schöpferischen Hand Material auf Jahre hinaus. Sogar ein Torflager ist darin entdeckt worden, ein Fund, den sich unser Schwiegersohn mit Befriedigung zuschreibt. In zehn Jahren, sagen die Männer, wird das Gut zu den schönsten und werthvollsten der Provinz zählen. Die Kinder besuchen uns häufig; zuweilen betteln wir uns Ida mit ihrem Söhnchen für eine Woche heraus. Gute Nachbarn haben wir auch.

So glücklich bin ich, liebe Freundin, daß ich kaum Athem zu holen wage, um nur nichts zu stören. Mein geliebter Mann hat sich von dem harten Stoße, welchen seine Gesundheit erlitten, völlig erholt; im schönsten Gleichgewicht körperlicher und geistiger Kraft, ist er zum Mittelpunkte alles Lebens und Strebens ringsum geworden. Mit freudigem Stolze darf ich sagen, daß sich ihm von allen Seiten höchste Schätzung und jede Förderung zugewendet. So besteht denn unsere Geschichte jetzt nur in dem stillen Gebete um Dauer.

Möchtest Du, liebe Seele, mir gleich Gutes von Dir und Deinem Sohne zu berichten haben! Seit langer, allzu langer Zeit ist kein Echo von Haus zu Haus gedrungen. Wie geht es Hermann? Denkt er noch nicht daran, Dir eine Tochter zuzuführen? Einst gaben ihm meine Gedanken eine Gefährtin, aber sie irrten wohl. Dennoch wird es ihn interessiren, von Paula Hollbach zu hören, für die er jedenfalls ein wenig schwärmte.

Das liebe Mädchen ist von der Fessel frei geworden, welche ihr junges Leben band. Zu ihrer tiefen Trauer! Als Ida, mit welcher sie natürlich in Correspondenz geblieben – die Mädchen waren ja unzertrennlich – die Nachricht vom Tode Frau Hollbach's erhielt, lud sie Paula dringend zu sich ein. Diese will sich aber zunächst noch nicht entschließen, ihr stilles Trauerhaus zu verlassen, wo ihr eine alte Verwandte Gesellschaft leistet.

Mein Brief ist lang geworden – dennoch bleibt er nur ein Bruchstück; denn wie viel hätte ich Dir noch zu sagen! Lasse bald und in gleich eingehender Weise von Dir hören! Mit tausend Grüßen von Haus zu Haus
Deine Clara Kettler.“

Hermann faltete die Blätter zusammen und hielt sie noch eine Weile schweigend in der Hand. Dann stand er auf, legte den Arm sanft um die Schulter der stille harrenden Mutter und sagte nach einem tiefen Athemzuge: „Morgen werde ich reisen.“




Paula Hollbach war eben von einem Morgengange nach dem Friedhofe zurückgekommen und setzte sich still an ihren Nähtisch, um zu arbeiten. Eine friedliche, weihevolle Stimmung füllte ihr Gemüth, während ihre Gedanken noch bei Der weilten, auf deren kaum begrüntes Grab sie frische Blumen getragen. Wohl ist es wahr. daß keinerlei Vorbereitung auf den Moment eines schweren Verlustes Einfluß hat – geliebte Augen für immer geschlossen zu sehen, das überwältigt das Herz allezeit mit tödtlichem Schreck. Die Seele fügt sich aber sanfterer Trauer, wenn sie schon Jahre um Jahre auf den Verlust gefaßt sein mußte, wenn ein theures Leben sich nur unter Qual und Entbehrung fortgesponnen. Ist es erloschen, dann freilich erscheinen dem Verlassenen Stunden und Tage trostlos öde; die Pfleger langen Leidens kämpfen schwer mit dem schaurigen Gefühl, daß es fortan auf Erden für sie nichts mehr zu thun gäbe. Dennoch zerreißt die Saite weniger schrill, bleibt der innerliche Zusammenhang ungestörter, als wo ein kräftiges Dasein unerwartet abgeschnitten wird.

Paula hatte ihre Mutter so gut verstanden. Die stumme Lehre ihrer Geduld, welche, in völligem Verzicht auf alle Lust des Lebens, nach höheren Freuden suchte, war auch ihrem jungen Dasein schon begreiflich geworden. Nun war sie ganz von Trauer erfüllt, aber nicht trostlos. Der frühe Morgengang hatte sie erquickt; der liebende Verkehr mit dem Geiste, dessen Nähe sie immer, auf dem stillen Friedhofe aber am ungestörtesten zu fühlen meinte, verklärte ihr Gemüth. Wer Gott sein Liebstes hingegeben, fühlt sich dem Himmel nahe und vertraut.

Auch daheim fand sie wundersame, wohlthuende Stille. Die Tante war ausgegangen, kein Laut zu vernehmen. Im Gärtchen, dessen Glasthüren weit geöffnet waren, lockte die Gluth der höher steigenden Sonne strömenden Duft aus jedem Busch und Beet. Um die Blüthen her wiegten sich Schmetterlinge wie bunte Blumenblätter, die sich vom Stengel gelöst, um über ihm zu schweben. Für Paula's bewegtes Gemüth ward auch das zum Symbol.

Da kam das Dienstmädchen herein und überbrachte ihr eine Visitenkarte mit dem Bemerken: Der Herr warte draußen.

Paula's Wange färbte sich in Ueberraschung. „Ich lasse bitten, einzutreten,“ sagte sie etwas bewegt und ging im nächsten Augenblicke dem Gaste entgegen, welchem sie voll Herzlichkeit die Hand entgegenbot.

„Welcher glückliche Zufall führt Sie hierher, Herr Barner?“ sagte sie freundlich, indem sie ihm einen Sessel neben ihr Tischchen rückte. „Solch liebe Ueberraschung hätte ich mir nicht träumen lassen in so trüben Tagen.“

Er antwortete nicht gleich. Sein Auge mußte sich nach langer Entbehrung erst wieder füllen mit der unvergeßlichen Erscheinung. Das schlichte Trauerkleid zeichnete die jungfräuliche Gestalt in ernster, keuscher Anmuth; blaß und frisch wie eine weiße Rose hob sich das zarte Gesicht mit den sinnenden Augen über der schwarzen Spitzenkrause. Die Ruhe, mit der sie ihn begrüßt, ihr zutrauliches Wort selbst zeigte ihm mit der Helle eines Blitzes, wie wenig er zu hoffen hatte; dennoch hielt er an dem Entschlusse fest, endlich sein innerstes Geschick zum Abschluß zu bringen, und so sprach er bewegt:

„Kein Zufall, Fräulein Paula! Der herbe Verlust, welcher Sie betroffen, gab mir Wunsch und Muth, Sie heute aufzusuchen –“

Eine unwillkürliche, abwehrende Bewegung des jungen Mädchens war ausdrucksvoll genug, doch ließ er sich nicht beirren. „Gönnen Sie mir, wenn nichts weiter, doch ein erlösendes Wort!“ sagte er ernst und innig. „Ich habe Jahre hindurch gewartet – einmal will es zu Tage. Sie müssen es wissen, müssen längst erkannt haben, wie tief ich Ihnen ergeben bin. Der Inhalt Ihres Lebens ist Ihnen verloren gegangen; Sie stehen allein – kann treueste Liebe, kann ein Mutterherz, das sich Ihnen zuneigt, ohne Sie noch zu kennen, kann eine freundliche Heimath Sie beglücken, auch nur Ihr Vertrauen wecken, so nehme Sie uns hin, Paula, liebste Paula!“

„Ich danke Ihnen, tausendmal danke ich Ihnen für die guten Worte,“ sagte sie leise und sah ihn mit warmem Blicke an. „Aber – ich werde mich niemals verheirathen.“

Hermann wechselte die Farbe. „Ist das unwiderruflich? [328] Und wenn es ist, zürnen Sie nicht der Frage, wo für mich Alles, Alles auf dem Spiele steht: ist es das Vergangene, was diesen Entschluß dictirt?“

„Ja!“ sagte sie ruhig.

„Also wäre es dennoch wahr – wäre es möglich – Sie liebten ihn?“

Sie senkte den Kopf und bedeckte einen Moment ihre Augen. „Nun denn – Sie haben mir Ihr ganzes Leben schenken wollen,“ sagte sie dann und blickte ihn ernst an, „ich will so große Gabe vergelten. Was ich keiner Seele gebeichtet, nicht einmal meiner lieben Mutter, lange, o wie lange nicht mir selbst – Sie sollen es erfahren, damit Sie verstehen, weshalb ich einsam bleiben will und muß. In jener Zeit, noch ehe Sie kamen, ahnte ich – mußte ich erkennen, was – – Wie mir dabei zu Muthe war, wüßte ich kaum zu sagen. Ich habe den Vater früh verloren; meine Mutter hat ihn sehr geliebt und füllte meine Seele mit seinem Bilde. So wie den Oberst dachte ich mir als Schulmädchen die Gestalt meines Vaters: hoch über allen Menschen, herrlich, unfehlbar. So erfand ich den Mann allezeit – Keiner reichte je an ihn heran. Diesen nun, der sich in allen Lagen des Lebens so sicher, so unerschütterlich gezeigt, vor mir in tiefster Erschütterung zu sehen, das überwältigte mich. Liebe kam mir dabei nicht in den Sinn – ich hatte mir Liebe und Geliebtwerden so ganz anders gedacht – auch waren Ida’s Augen und die der theuren Frau ja immer neben den seinen. Nur bange ward mir, und ich fand keine Ruhe mehr. An den Abend, der uns Allen verhängnißvoll geworden, denke ich noch heute ohne Furcht und Reue – ich mußte ihm gehorchen, wehrlos wie ein Kind, das gehoben und getragen wird, ohne von eigenem Willen zu wissen. Dann aber, als ich Sie erblickte, den Ausdruck in Ihren Augen sah, nachher Worte von ihm hörte, deren Sinn ich nur zu gut verstand – o Barner! noch heute weiß ich nicht und will auch nicht fragen, was zwischen Euch Männern vorgegangen, aber daß Leben und Tod auf dem Spiele stand, wußte ich so sicher wie daß ich ewig unselig werden müßte, wenn all’ Das eine Folge haben sollte. Gedenken Sie noch der Worte, die Sie hier, an dieser Stelle, zu mir sprachen? Ich begriff Sie, begriff, daß ich mit ihm ringen müsse um sein Leben. Er hat sich überwinden lassen – dafür verlobte ich dem Gedächtnisse dieser Stunde mein eigenes Leben.“

Hermann beugte sich gegen sie vor und sagte bebend: „War das der Preis? Sie mußten ihm versprechen, ewig frei zu bleiben?“

„Nein!“ erwiderte sie und hob den Kopf mit edler Bewegung. „Das würde er weder gefordert noch angenommen haben. Nur ich selbst –“ sie stockte, bis in leisem, erschütterndem Tone die sanfte Stimme weiter klang: „Warum soll ich es leugnen, Ihnen leugnen – seit er meinen Augen entrückt ist, weiß ich, was ich zuvor nicht gewußt. Ja, ich liebe ihn. Von ihm, dem Hohen, Herrlichen, geliebt worden zu sein, ist mir der Gipfel alles Lebens, und ich darf mich diesem Höchsten ohne Schuld ergeben – wir sehen uns niemals wieder.“

„Und so wollen Sie einsam durch das Leben gehen, durch das lange, lange Leben?“ rief Hermann schmerzlich. „Nicht beglücken, noch glücklich sein? Paula, Paula! Dürfen Sie, die Reichbegabte, die Gute, es verantworten, alle Schätze, die Gott Ihnen gab, vergraben ruhen zu lassen, Keinem zu Nutz und Frommen? Auch ihm nicht! Wissen Sie denn, daß er alle diese Stürme überwunden hat, daß sein Leben gegenwärtig reich ausgefüllt ist? Und Sie wollen sich freiwilliger Armuth weihen?“

Ein heller Strahl brach aus ihrem Auge. „Ja!“ sagte sie warm, „ich weiß, daß er sich durch das Stück Nacht, welches ihn bannte, zum Lichte durchgerungen – im Lichte will auch ich gehen, damit er in Stolz und Freude meiner gedenken mag, wie ich sein gedenke. Nichts in mir soll brach liegen, und wenn ich mich zuweilen einsam fühle, so wird es sein, wie man im Tempel einsam ist. Ihr Männer wißt wohl schwerlich, daß es für die Frau nur Eines giebt, durch das sie arm, bettelarm werden müßte; das ist: wenn sie die Treue bräche gegen ihr eigenes Herz. Dieses Gut gewahrt, läßt sich Vieles entbehren. Sind mir wirklich Schätze eigen, so will ich sie in tausend Münzen austheilen an Alle, die mir begegnen; nur den einen Schatz kann ich Keinem geben; Treue muß ich wahren, sonst gehe ich mir selbst verloren. Soll ein großes Geschick nicht zu einem kleinen herabsinken, so muß es sich lebenslang ausklingen dürfen. Daneben bleibt für kein Zweites Raum.“

Hermann sah vor sich nieder. „Ich verstehe Sie,“ sagte er erschüttert nach kurzer Pause, „und Sie haben Recht, weil Sie Paula sind. Bei jeder Andern würde ich solche Entsagung nur als momentane Wahrheit betrachten und die Hoffnung für mich selbst nicht aufgeben. Einem Herzen gleich dem Ihren bringt die Zeit aber keinen Wechsel mit. Ja, ich schaue tief in den Grund dieses entschlossenen Herzens, das um seiner selbst willen festhalten muß, was es so stark erfaßte. Und dennoch – dennoch –“ Er trat einen Schritt zurück und sah sie mit langem Blicke an. „Könnte ich mir nur ein deutliches Bild Ihrer Zukunft zeichnen, sähe ich irgend einen Sonnenstrahl, der auch von außen her auf dieses einsame Leben fallen wird! Daß Sie Ihre Tage fortan nicht müßig hinspinnen, weiß ich ja, was aber werden Sie beginnen, womit die Jahre füllen? Lehrerin von Kindern sein, die Sie gerade dann wieder verlassen müßten, wenn eine Frucht Ihrer Mühen und Sorgen zu ernten wäre? Oder im Hause Verwandter, Befreundeter sich, was man so nennt, nützlich machen? Von Neuem heimathlos, sobald es ein ungünstiger Zufall will? Solche Zukunft, Paula, vermag mein Gedanke nicht zu überwinden – bei dieser Vorstellung taucht mir trotz Allem doch die Möglichkeit auf, daß einmal die Stunde kommen könnte, wo Sie bedauern, keine bleibende Stätte für’s Leben zu haben. Einer Heimath bedürfen wir Alle – die Frau mehr als der Mann.“

„Eine Heimath fehlt mir ja nicht,“ erwiderte sie sanft. „Wir waren stets nur kurze Zeit beisammen, lieber Freund; da ergab sich mir kaum jemals Anlaß, von den abwesenden Gliedern meiner Familie mit Ihnen zu sprechen. Sie wissen nicht, daß mir am Rhein eine Halbschwester lebt, die Tochter meines Vaters, weit älter als ich, eine warme Seele, eine vornehme Natur. Ihr schönes Mädchenbild leuchtet aus den Tagen meiner Kindheit herüber, deren Abgott sie war, bis sie uns verließ. Als mein liebes Mütterchen die Augen schloß, wollte Anna mich sogleich zu sich holen, auch mein Schwager, ein gar freundliches Herz, bot mir das wärmste Willkommen. Ich aber erbat mir, noch ein kurzes Weilchen hier in der Stille trauern zu dürfen, bis die Erinnerung reifer geworden und sich nicht mehr so eigensinnig an äußere Zeichen klammert. Bald ziehe ich dorthin, wo ich gern empfangen und nicht überflüssig bin. Im kinderreichen Hause, im Leben und Weben eines großen Anwesens giebt es für mich freundliche Aufgaben genug, zunächst und künftig.“

Sie hielt einen Augenblick inne, legte die zarten Hände im Schooße übereinander und sann. „Dort besuchen Sie mich vielleicht einmal – nach Jahren,“ sagte sie lächelnd und blickte mit den großen Augen hell zu Hermann auf. „Schon heute kann ich Ihnen sagen, wie Sie es finden werden. Vom grünumrankten Erkerstübchen, wo ich vordem zu Gast gewesen und das mir wieder bestimmt ist, blickt man weit hinaus auf den Rhein, auf Berg und Thal. Dort sitze ich in der Fensternische, an dem alten trautgewöhnten Nähtisch, denn jedes Stück, das mir erinnerungswerth, soll mir folgen. Ueber dem Sopha hängt der lieben Mutter Bild, mit dem Kranz von Erika umgeben, welche auf jenen Höhen so üppig wuchert wie hier und mich an unsere Waldberge, an Sie mahnen soll, der mir so manche Haideblüthe gepflückt. Ein Blondköpfchen sitzt dann wohl neben mir auf niederem Schemel, buchstabirt aus seinem Bilderbuche die Lection, und wenn es sich müde studirt hat, kommt es zum Arbeitskörbchen, um das Stück Naschwerk zu finden, das den Fleiß belohnt – dabei zerknittert es mir das Briefblatt, welches dort gelegen, inmitten aller Siebensachen, und die Gedanken wandern bei dem Knistern aus freundlicher Nähe in freundliche Ferne. Das Blättchen hat Nachricht gebracht von einem lieben Freunde – denn, nicht wahr, Sie lassen zuweilen von sich hören, und Gutes?“ Sie erhob sich, legte ihre Hand auf Hermann’s Arm und sagte warm: „Versprechen Sie mir, daß Sie Ihr Herz nicht eigensinnig sein lassen wollen! Der Mann ist sich in jedem Sinne dem Leben schuldig; ich wünsche, hoffe von ganzer Seele, daß Ihnen schöne Häuslichkeit aufblühen möge früher oder später. Bedarf ich je des Beistandes eines Freundes, dann rufe ich Sie, denn ich habe Sie lieb, und – vergessen werden wir uns nicht.“

Er beugte sich sprachlos über ihre Hand und drückte seine feuchten Augen dagegen. „Gott segne Sie!“ Kein weiteres [330] Wort kam über seine Lippen; noch ein letzter Blick und dann – geschieden!

Als sich die Thür hinter ihm schloß und die theuerste Gestalt seinem Auge barg, wohl für immer, da barg er selbst sie in jene Stätte, von welcher ihm seine Mutter gesprochen: die Begräbnißstätte, wo unsere Todten und überwundene Schmerzen ruhen.

Paula saß mit leicht in einander gefalteten Händen und sann lange, lange. Dann beugte sie sich still über ihr Arbeitstischchen, nahm aus dessen innerstem Gefach ein flaches Kästchen und öffnete es.

Neben einer langen Locke der Mutter lag darin die schwarze Kugel.

Sie neigte sich, nahm die verhängnißvolle Kugel heraus und drückte voll Innigkeit ihre Lippen darauf.

  1. Verf. von Kein Herz“.