Eine verlorene Flotte im Eismeer

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Autor: M. E. Plankenau
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Titel: Eine verlorene Flotte im Eismeer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 874–876
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Eine verlorene Flotte im Eismeer.
Von M. E. Plankenau.

Vor einigen Wochen brachten die Zeitungen die kurze Notiz, daß im Eismeere nördlich der Beringstraße der größte Theil der amerikanischen Walfängerflotte vom Eise eingeschlossen worden und verunglückt sei. Von befreundeter Hand und von Männern, welche die Katastrophe mit durchlebten, sind mir nun genügende Mittheilungen über dieses Ereigniß zugegangen, so daß ich es unternehmen kann, dasselbe ausführlich zu schildern. Von den nach dem Polarmeer gegangenen Schiffen sind dreiunddreißig theils total zu Grunde gegangen, theils im Eise steckend des herannahenden Winters wegen von ihrer Bemannung verlassen worden. Mein in Nr. 5 und 6 dieses Jahrgangs der Gartenlaube erschienener Aufsatz „Eine Fahrt in das Eismeer“, in welchem ich über Witterungs- und Eisverhältnisse, über die Küstenländer, und deren Bewohner und über das Leben und Treiben der Walfänger in jenen Gewässern eingehend berichtete, kann jetzt für das Nachstehende als belehrende Einleitung benutzt werden.

Die für die Sommerkreuze im arktischen Ocean bestimmten Schiffe verließen, wie gewöhnlich, im Frühling dieses Jahres die verschiedenen Erfrischungshäfen im Stillen Ocean und eilten auf verschiedenen Wegen ihrem Ziele zu. Anfang Mai hatten sie die langgestreckte Inselkette der Alëuten passirt und trafen schon nach wenigen Tagen im Bering-Meer, westlich von der Insel St. Paul, in ungefähr achtundfünfzig Grad nördlicher Breite, auf so mächtiges und so dicht zusammengeschobenes Treibeis, daß die Fahrzeuge sich nur langsam vorwärts arbeiten konnten, zumal der Wind fast während des ganzen Monats Mai scharf von Nordosten und Norden blies.

An der Ostküste von Sibirien, vom sechzigsten Breitengrad an nordwärts, lag das Eis so dicht, daß es den Schiffen jeden Durchgang verwehrte; endlich aber lockerte es sich und erlaubte diesen Anfang Juni bis zum Cap Navarin vorzudringen. Hier gab es zwar Wale genug, doch hielten dieselben sich zwischen dem Pack, so daß es den Booten nicht möglich war, sie zu erreichen. Den nach Norden ziehenden Walen folgend, versuchten nun die Fahrzeuge quer über den Golf von Anadyr segelnd, die Beringstraße und durch diese das Eismeer, so schnell als möglich zu erreichen, hatten aber fortwährend schwer mit großen Massen von Treibeis zu kämpfen.

Während des Juni waren die Winde leicht und unbeständig, das Wetter sehr neblig, und die Flotte hatte erst bis zu Ende dieses Monats die Beringstraße passirt. Ende Juli begannen endlich starke Winde von Südosten und Nordosten zu blasen und trieben das Eis von der amerikanischen Küste ab; die Hauptmasse desselben lag zwischen Cap Lisburne und dem Eiscap, jedoch öffnete sich nun zwischen diesem und dem Lande ein verschieden breiter Streifen freien Wassers. Auf diesem drangen die meisten Schiffe, die Gelegenheit sofort benutzend, nach Nordosten vor, doch wurden sie am Eiscap aufgehalten und ankerten dort, weil auf der unmittelbar nördlich von diesem liegenden Blossombank die Eisfelder auf den Grund gerathen waren und von der sehr starken Nordostbrise dort festgehalten wurden. Am 6. August ging der Wind nieder, das Eis trieb seewärts und die Mehrzahl der Schiffe arbeitete sich zwischen Land und Eis nach Norden hinauf bis zu Wainwright Inlet. Hier fanden sich viele Wale und viele derselben wurden gefangen, obgleich auch eine große Anzahl im Eise verloren ging; immerhin berechtigte der endliche Erfolg zu den schönsten Hoffnungen auf eine gute „Saison“.

Die meisten Fahrzeuge gingen vor Anker oder machten zu den großen, noch auf dem Grunde liegenden Eisblöcken fest, während die Boote in allen Richtungen kreuzten. Die scheuen Wale hielten sich meistens an ihren Lieblingsplätzen auf, den mehr oder weniger großen freien Wasserflächen zwischen den Feldern, und überall sah man ihre Dunststrahlen emporsteigen. Dies verlockte viele Boote, in dem vielverzweigten Netz von Canälen, welche das Eis durchzogen, meilenweit seewärts vorzudringen, um dort auf Beute auszugehen. Diese Streifzüge waren mehrmals erfolgreich und bald wetteiferten die Bemannungen der verschiedenen Fahrzeuge darin, möglichst in die Ferne gerichtete Expeditionen zu unternehmen und sich aus dem Packeis einen Wal zu holen. Mit derartigen Fahrten werden ja die Walfänger in ihrem wechselvollen Leben hinreichend vertraut, und das Dahingleiten auf den stillen dunkeln Wasseradern zwischen den seltsam geformten und stellenweis ziemlich hoch aufgethürmten, in prächtigen Farben strahlenden Schollen und Blöcken übt immer wieder einen eigenen Reiz aus, welcher die in dieses Zauberreich Eingedrungenen tiefer und tiefer in das Labyrinth der Canäle hineinlockt.

So befanden sich auch am 11. August viele Boote wieder meilenweit zwischen dem Eise verstreut, als die leichte Brise plötzlich umschlug und von Westen kommend dasselbe dichter und dichter zusammenschob. Nun ist die Bewegung des sich bei mäßigend Winde schließenden Eises allerdings eine sehr langsame, jedoch zugleich auch eine sehr verschiedenartige, da die kleinen und die namentlich viel Körper über Wasser zeigenden Blöcke sich schneller bewegen, als die sehr großen und tiefgehenden, und so können denn schon, je nach der Kraft des Windes und der Beschaffenheit des Eises, nach kaum einer Viertelstunde die meisten Wasserwege zwischen den Feldern unpassirbar geworden sein.

Diese Erfahrung mußten auch eine große Anzahl Boote machen, welche zu weit seewärts vorgedrungen waren und trotz [875] eiliger Flucht beim Auffrischen des Windes ihren Rückweg versperrt fanden. Es blieb den abgeschnittenen Bemannungen endlich nichts anderes übrig, als ihre Boote auf das Eis zu ziehen und sie wiederholt unter großen Anstrengungen über dasselbe hinweg nach noch befahrbaren Canälen zu schaffen, auf welchen sie endlich ihre Schiffe erreichten. Aber auch diese mußten sehr bald unter Segel und dem Lande näher gehen, um sich vor dem anrückenden Eise zu retten. Glücklicher Weise war dies aber so dick, daß es bald auf den Grund gerieth und am dreizehnten August immer noch genügendes Fahrwasser nach Norden zu offen ließ. Bei der eiligen Flucht nach dem Lande hin waren viele Schiffe in dem hier sehr flachen Wasser festgefahren, wurden aber bald wieder flott und drangen theilweise bis zum Cap Belcher vor.

Dort fand man einen Trupp Eskimos, welche den Officieren riethen, so schnell wie möglich südwärts und in freies Wasser zu gehen, wenn sie nicht ihre Schiffe verlieren wollten. Man schenkte jedoch ihren Warnungen kein Gehör, obgleich sie wiederholt vorhersagten, das Eis würde an die Küste kommen, und sich dort unbeweglich festsetzen. Ihre Prophezeiungen sollten sich nur zu bald erfüllen.

Der Fang war während dieser Zeit auf der ganzen Strecke ein ausgezeichneter und die Leute voll froher Hoffnungen; diese wuchsen, als am fünfundzwanzigsten August ein Nordoststurm das Eis wieder seewärts trieb. Am Siebenundzwanzigsten und Achtundzwanzigsten war schönes Wetter und eine große Anzahl Wale wurden erlegt. Am Neunundzwanzigsten aber sprang ein leichter Südwestwind auf, welcher sich allmählich verstärkte und die Felder schnell gegen das Land hin in Bewegung setzte. Leider hatten verschiedene Schiffe es gewagt, im Vertrauen auf die Beständigkeit der so günstigen Witterung ziemlich weit seewärts in die an vielen Stellen segelbar gewordenen Felder einzudringen, um die dort erlegten Wale gleich an Ort und Stelle abzuspecken und so den Zeitverlust zu vermeiden, welchen das Herausschleppen der Riesenleichen bedingt hätte. Sobald der Wind anfing, aus der gefürchteten Richtung bald schärfer und schärfer zu blasen, versuchten sie natürlich eiligst das freie Wasser am Lande zu erreichen. Einige, die letzterem am nächsten waren, entschlüpften mit Mühe und Noth; die anderen hatten das gleiche Schicksal wie früher die Boote, nur konnte man sie nicht auch wie jene über die Hindernisse hinweg transportiren. Vorläufig waren sie allerdings nur locker vom Pack umschlossen und konnten bei einigermaßen günstiger Witterung auf baldige Befreiung rechnen – wenn diese sich aber verschlimmerte, so wurde ihre Lage eine sehr bedenkliche. Jedenfalls waren sie gefangen und mußten abwarten, was die Zukunft ihnen bringen werde.

So lag denn die ganze Flotte, außer den Schiffen, welche schon vom Eise eingeschlossen waren, abermals nahe am Lande und zwar vom Cap Belcher bis südlich von Wainwright Inlet in einem Fahrwasser, dessen größte Breite vielleicht zweitausend Fuß, die geringste nur eben so viele hundert betrug: Die an jener Stelle vorhandene ziemlich starke Nordostströmung des Wassers schob das Eis, trotzdem letzteres bald auf dem Grunde festsaß, stündlich dem Lande näher. Ein schwerer Nordweststurm mit dichtem Schneegestöber konnte diese Bewegung nur unterstützen.

Die Situation begann nun sehr gefährlich zu werden. Die Eisfelder erstreckten sich seewärts, so weit das Auge reichte, und kamen stetig und mit ungeheurer Gewalt gegen die Küste heran. Die leichteren Schollen und Blöcke drangen bald in das flache Wasser dicht am Lande vor, welches allein noch den dorthin geflüchteten Schiffen eine Art Schutzhafen bot, und engten die letzteren immer mehr ein und hinderten ihre Bewegungen so, daß sie öfters schon mit einander in Collision geriethen. Die größeren Eisblöcke aber setzten sich weiter seewärts bald auf dem Grunde fest und hatten nun zunächst den vereinten Druck der mit wenn auch langsamer doch unwiderstehlicher Bewegung heranrückenden Eismassen auszuhalten. Sie waren diesem Drucke, welcher sich vielleicht nur nach Millionen von Centnern berechnen ließe, nicht im Entferntesten gewachsen und wurden, tief den Boden aufwühlend und Schlamm und Geröll vor sich herschiebend, unaufhaltsam vorwärts gedrängt. An einzelnen Stellen stauten sich die Massen, wo sie einen zu großen Widerstand fanden, schoben sich knirschend und dröhnend übereinander, zermalmten sich gegenseitig und thürmten sich in mächtigen Wällen empor, welche wieder krachend zusammenstürzten, um von neuem emporzusteigen.

Die bis zum fernsten Horizont sich dehnenden Eisfelder bildeten ein unabsehbares Chaos von wildbewegten Schollen und Blöcken, welche Sturm gegen die Küste liefen und Zoll für Zoll, Fuß für Fuß in geschlossener Phalanx heranrückten.

Schlimm erging es dabei den armen, im Pack gefangenen Schiffen. „Concordia“, „George“ und „Gayhead“, welche dicht bei einander lagen, wurden in wenigen Minuten von dem sich unter ihnen stauenden Schollen aus dem Wasser gehoben und lagen bald hoch und trocken auf und zwischen dem Eise. Die Bark „Roman“ wurde am ersten September mit dem Pack unaufhaltsam am Cap Belcher, vorüber bis nach den Seahorse-Inseln getrieben, wo gewaltige Eismassen sich festgesetzt hatten, und wurde bei dem erfolgenden furchtbaren Zusammenstoß vollständig zerdrückt. Ihre Bemannung konnte nichts als das nackte Leben retten und floh mit Lebensgefahr über das Eis hinweg nach den andern Schiffen. Am zweiten September traf die Brig „Comet“ ein gleiches Schicksal, und sechs Tage später folgte ihr die Bark „Awashonks“, während die Mannschaften sich ebenfalls glücklich retteten und von den anderen Fahrzeugen aufgenommen wurden.

Die Gefahr für die in dem schmalen noch etwas eisfreien Wasserstreifen dicht an der Küste befindlichen Schiffe wuchs von Stunde zu Stunde, und sie wären sicherlich von den stetig vorrückenden Eismassen erfaßt und zerdrückt oder hülflos auf das Land geschoben worden, wenn nicht in der höchsten Noth die Witterung sich geändert hätte und das Eis endlich zum Stehen gekommen wäre. Nun war es immer noch möglich, sie zu retten, da sie ja noch frei und seetüchtig waren und sich doch irgendwo ein Ausweg öffnen konnte.

Als nun Tag für Tag verging, ohne daß das Eis sich von der Küste zurückzog und die Schiffe freiließ, wie man bisher ganz sicher und nach früheren Erfahrungen mit Recht erwartet hatte, fing man an ernstlich beunruhigt zu werden, denn die „Saison“ ging zu Ende und der Winter nahte mit Riesenschritten. Doch hegten die Officiere immer noch die Hoffnung, wenigstens die meisten Fahrzeuge zu retten, obgleich die Eskimos wieder auf das Bestimmteste behaupteten, jede Rettung sei unmöglich. Die Capitaine hielten nun verschiedene Berathungen und beschlossen endlich, für alle Fälle die nothwendigsten Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um im letzten Momente wenigstens das Leben der Mannschaften retten zu können. Bei den Schiffen zu überwintern war unmöglich, denn es waren nur noch für ungefähr drei Monate Nahrungsmittel vorhanden; einen Theil der Seeleute als Besatzung zurückzulassen, war ebensowenig thunlich, da man hierdurch die Fahrzeuge auch nicht hätte retten können, denn wenn das Eis von neuem in Bewegung kam und vorrückte, so hätte nichts ihre Zerstörung verhindern können. Ueberstanden sie aber dennoch diese Gefahr, wie auch den langen Winter, das Aufbrechen des Eises und die Angriffe der Stürme – was sehr unwahrscheinlich sein dürfte –, so würde man das, was von ihnen noch vorhanden, eben so gut im Sommer des nächsten Jahres aufsuchen können.

Unter den obwaltenden Umständen war keine Zeit mehr zu verlieren, und Alles mußte aufgeboten werden, um wenigstens den Schiffbrüchigen den Abzug nach Süden möglich zu machen. Zunächst wurde die kleine Brig „Kohola“ von ihrer Ladung befreit, um sie zu erleichtern, und man versuchte sie über die Barre an Wainwright Inlet zu bringen, welche nur ungefähr sechs Fuß Wasser über sich hatte und als unterseeischer Damm das noch offene schmale Fahrwasser versperrte. Der Versuch mißglückte, da der Tiefgang des Fahrzeugs immer noch zu bedeutend war. Gleichzeitig sandte man aber drei Boote nach Süden, welche um jeden Preis sich nach dem offenen Meere durcharbeiten und die, wie man wußte, dort kreuzenden sieben Schiffe aufsuchen sollten, um sie vom der traurigen Lage der Flotte in Kenntniß zu setzen, ehe sie das Eismeer verließen.

Glücklicher Weise hatten die Capitaine der letzteren eine Ahnung von dem Unglück gehabt und waren darum mit ihren Fahrzeugen südlich vom Eiscap vor Anker gegangen. Natürlich versprachen sie den ausgeschickten Booten, so lange als nur irgend möglich auf die Schiffbrüchigen zu warten. Diese hatten unterdessen wieder versucht, die Bark „Victoria“ über die schon genannte die Durchfahrt versperrende Barre zu bringen, mußten sich aber überzeugen, daß ein Ausweg an dieser Stelle nicht zu erzwingen war. Am neunten September war das Wetter klar [876] und kalt, und der glatte Wasserspiegel rings um die Schiffe bedeckte sich mit Eis. Nun durfte keine Zeit mehr verloren werden. Schleunigst wurde eine Anzahl Boote mit Proviant nach Süden gesendet, um am Lande ein Depôt anzulegen, damit man auf der Flucht gegen den Hunger geschützt sei, wenn es nöthig werden sollte, dieselbe über Land zu bewerkstelligen. Das junge Eis war schon so stark, daß die leichten Fahrzeuge sich nur mit Mühe einen Weg hindurchbrechen konnten, und sie mußten in aller Eile am Buge mit Kupfer beschlagen werden, um sie wenigstens etwas gegen Beschädigungen zu schützen.

Die Aussichten, auch nur eines der gefangenen Schiffe zu retten, wurden immer geringer und man mußte sich in das Unvermeidliche fügen und sie verlassen. Jedes längere Verweilen vergrößerte nur die Gefahr für das Leben der Mannschaften. Am dreizehnten September hielten die Capitaine eine letzte Berathung und beschlossen einstimmig, da eine Rettung der Flotte unmöglich sei und die Wohlfahrt Aller in höchster Gefahr schwebe, am nächsten Tage nach Süden aufzubrechen.

Alle eingeschlossenen und noch unversehrten Schiffe lagen in Gruppen umher und in Sicht voneinander, und manchem alten Seebär wurden die Augen feucht, als am vierzehnten September Nachmittags sämmtliche Flaggen zum letzten Male aufgezogen wurden und die Mannschaften in die bereitgehaltenen schwer beladenen Boote stiegen. Hundertundachtzig dieser kleinen Fahrzeuge trugen zwölfhundert Männer hinweg von jenen stolzen Gebäuden, in welchen sie die Erde umkreist und Sturm und Wetter getrotzt hatten und welche sie nun in dieser Einöde zurücklassen mußten.

Kaum hatten die Mannschaften ihre Schiffe verlassen, als auch schon die Eskimos vom Lande herbeieilten, dieselben bestiegen, und geschäftig auszuräumen begannen. Das werthvolle Fischbein namentlich schleppten sie hinweg, um von den im nächsten Sommer wiederkehrenden Walfängern dagegen allerlei für sie kostbare Güter einzutauschen.

Ohne jeden Unfall und nach einer beschwerlichen Fahrt über eine Strecke von ungefähr siebenzig Meilen erreichten sämmtliche Boote am fünfzehnten und sechszehnten September die südlich vom Eiscap ankernden und sie erwartenden Fahrzeuge: „Arctic“, „Progreß“, „Midas“, „Lagoda“, „Chance“, „Daniel Webster“ und „Europa“. Ein heftiger Nordweststurm erschwerte die Einschiffung der Mannschaften und nur wenige Boote konnten an Bord genommen werden, die meisten mußte man Wind und Wellen überlassen. Die mit Menschen überfüllten Schiffe segelten dann gemeinschaftlich nach der Beringstraße, und nachdem fünf derselben in Plover Bai am vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten September noch Holz und Wasser eingenommen hatten, erreichten sie Anfang November ohne Unglücksfall die Sandwich-Inseln.

Die dreiunddreißig verunglückten Fahrzeuge hatten über sechszehntausend Faß Thran und vierzigtausend Pfund Fischbein an Bord; der Gesammtwerth von Schiffen und Ladungen wird auf weit über eine und eine halbe Million Dollars geschätzt. Beim Verlassen waren neunzehn derselben noch nicht vom schweren Packeise umschlossen und lagen so vertheilt, daß bei einem günstigen Abtreiben der Eismassen ihre Rettung mit Aussicht auf Erfolg hätte unternommen werden können. Es ist nun möglich, daß dieselben von den Eismassen auf das Land hinaufgeschoben worden und dort liegen geblieben sind, dann könnte im nächsten Sommer noch Vieles von ihnen gerettet werden; wahrscheinlich aber sind sie vom Eise zerdrückt oder auch seewärts geführt worden und werden dort beim nächsten Sturm zu Grunde gehen. Immerhin aber dürfen im nächsten Jahre interessante Aufschlüsse über ihren Verbleib erwartet werden. –

Bis jetzt hat sich nur eine dieser ähnliche Katastrophe ereignet und zwar im Jahre 1830 in der Bassins-Bai (Melville Bai, am Cap York). Unter ganz ähnlichen Verhältnissen wie die geschilderten wurden dort zwanzig Schiffe, neunzehn englische und ein französisches, vom Eise umschlossen und zerstört; merkwürdiger Weise sind auch damals keine Menschenleben verloren gegangen, obgleich nahe an tausend Schiffbrüchige auf dem Eise campiren mußten. Sie waren in zwei, durch rauhe Eismassen getrennte Abtheilungen gesondert, welche bald eine regelmäßige Postverbindung unter einander einrichteten und sich endlich gelangweilt den tollsten Lustbarkeiten ergaben und im Eismeer allerhand Festlichkeiten arrangirten. Ihr seltsames, mit ihrer Lage so wenig harmonirendes Treiben ist als die „Bassin-Fair“ (Bassins-Messe) bei den Walfängern sprüchwörtlich geworden.