Eine Fahrt in das Eismeer

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Autor: Eduard Pechuel-Loesche
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Titel: Eine Fahrt in das Eismeer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, 6, S. 83–86, 92–95
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[83]
Eine Fahrt in das Eismeer.
Aus meinem Tagebuche, von M. E. Plankenau.


Eine Hauptstation der im Stillen Ocean kreuzenden Walfänger ist die Gruppe der Sandwich-Inseln. Im Frühling und Herbst laufen sie dieselben an. Der während der letzten „Saison“ erbeutete Thran wird ausgeladen, frischer Proviant eingenommen und den Mannschaften die nothwendige Erholung am Lande gestattet; dann aber eilen die Schiffe nach den Fischgründen und zwar für den Sommer nach dem „Nord-Westen“, hauptsächlich nach dem Meere von Ochotsk und dem nördlich der Bering-Straße liegenden Theile des Polarmeeres.

Im April 1866 verließen auch wir den Hafen von Honolulu und segelten wohlgemuth nach dem hohen Norden. Das herrliche Wetter, dessen wir uns im Anfange der Reise erfreuten, wurde rauher in der Nähe der Alëuten, und als wir diese wüste Inselkette passirten, war es geradezu abscheulich. Eisiger Wind begrüßte uns, Regen, Nebel und Schneegestöber folgten sich in jähem Wechsel und wüthende Böen brausten von den zerklüfteten Bergmassen herab, als wollten sie uns die Durchfahrt verwehren. Oestlich von uns schien ein Vulcan in voller Thätigkeit zu sein. Wir sahen Feuerschein, dunkle Rauchwolken und glaubten in Pausen fernes Getöse zu vernehmen.

Im Bering-Meere fanden wir die Witterung ebenso ungünstig. Bald kämpfte das Schiff tagelang mit Sturm und Wogen, bald ruhte es in dichtem Nebel wie festgebannt auf dunkler Fluth, während Segel, Taue, Holzwerk sich mit einer dicken Eiskruste überzogen. Alles Leben schien hier erstorben. Kein Fisch, kein Vogel war zu sehen, nur verstreute Eisblöcke, bleich und kalt im Nebel schimmernd, trieben vorüber als stille Boten des Nordens.

In noch nie gesehenem Glanze strahlten hier die Polarlichter und entfalteten zuweilen eine überwältigende Pracht. Einmal wurden viele unserer Leute sogar von Furcht ergriffen. Ein Weltenbrand schien zu entstehen. Aus drei im Nord-Osten sich aufbauenden blaßgelben Lichtbogen strömten mächtige grüne und rothe Strahlen über uns hinweg, sie schwangen hin und wieder, neigten sich, sanken zurück und stiegen von Neuem empor, weiter und immer weiter in die Unendlichkeit hineinragend im großartigen Farbenspiel. Wie die Wogen des Oceans vor dem Sturme einherrollen, so überflutheten zuweilen ungeheure Lichtwellen mit majestätischer Bewegung das Himmelsgewölbe, im Zenith mit einem grellen Aufzucken in Tausende von Flammenpfeilen zersplitternd, welche blitzähnlich im Weltenraum verschwanden. Ununterbrochen dagegen trieben die mächtigen Strahlenbündel ihr sinnverwirrendes Spiel, im gewaltigen Schwunge gleich den Flügeln eines Rades nach derselben Richtung eilend, oder fächerförmig auflodernd, sich wild verschlingend und kreuzend. Das ganze Firmament war Licht, Bewegung, ein in den prächtigsten Farben wechselndes Feuermeer. Einzelne Lichtgarben fuhren so jäh und leuchtend herauf, daß sie zwischen Mast und Tauwerk auf uns niederzusinken schienen. Es bedurfte vieler Ueberwindung, um die Täuschung zu erkennen. Oft hatten wir das Gefühl, als müßte so intensiver Lichtentwicklung ein ungeheures Getöse folgen, doch vergebens lauschten wir mit verhaltenem Athem; ein großes Schweigen herrschte in der Natur. Wohl eine Stunde lang zeigte sich die Erscheinung in ihrer höchsten Pracht, dann erlosch sie fast im Augenblick und nur die drei Lichtbogen blieben zurück. Der äußere rückte dann langsam herauf und verschwand mit einem letzten Aufflammen, die beiden übrigen verblichen erst nach und nach, bis sie im Morgenlicht gänzlich verschwanden.

[84] Je weiter wir nach Nord-Westen vordrangen, desto seltener wurde das Eis, und zuweilen war auch nicht ein einziger Block in Sicht. Eines Morgens weckte uns der Ruf: „Ein Bär! Ein Bär!“ und brachte alle Schläfer in größter Hast an Deck. Nicht weit von uns auf einer einsamen Scholle befand sich einer dieser weißröckigen Beherrscher des hohen Nordens und schaute verwundert nach uns herüber. Als wir ein Boot zu Wasser brachten und auf ihn zuruderten, wurde er unruhig. Sich aufrichtend und seltsam mit den Vordertatzen gesticulirend, betrachtete er uns argwöhnisch, lief dann einige Mal hin und her und ließ sich endlich an passender Stelle in einer drolligen Weise, mit dem Hintertheil voran, behutsam in das Wasser gleiten. Der rüstige Schwimmer wurde aber nach einer fliegenden Fahrt erreicht und, obgleich er auch geschickt zu tauchen wußte, mit sicherer Kugel getödtet.

Nach einigen Tagen sahen wir zum ersten Male den Eisblink, einen wenig auffallenden bleichen Schein, der über dem Horizonte hing.


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Meine Ausrüstung als Bären-Jäger.


Bald trafen wir auch auf wirkliche Eisfelder. Sie bestanden aus schneebedeckten Schollen und Blöcken, welche durchschnittlich nur einige Fuß über Wasser hervorragten und nur an wenigen Stellen – in Folge des von Stürmen und Strömungen verursachten oft ungeheuren Druckes – bis zu zehn und fünfzehn Fuß hohen Wällen und Haufen über einander geschoben waren. Doch erschienen diese Erhöhungen ganz unbedeutend, wenn verglichen mit der Ausdehnung der Massen. Hatten wir nun auch, in Folge übertriebener Schilderungen, ganz andere Größenverhältnisse zu sehen erwartet, und fühlten wir uns auch etwas enttäuscht, so wurden wir doch nicht müde, die eigenthümliche Schönheit dieser Eislandschaft zu bewundern.

So weit das Auge schweifte, zeigte sich Eis und wieder Eis, ewig wechselnd in Form und Farbe. Vielfach gewundene Canäle verzweigten sich nach allen Richtungen, an einigen Stellen wurden sie so eng, daß ein Boot kaum durchschlüpfen konnte, an andern erweiterten sie sich und bildeten mitten im Meere einen dunkeln stillen See, rings von krystallenen Ufern umschlossen. Bald strahlte diese nordische Scenerie im vollen Tageslicht so blendend und flimmernd, daß sich das Auge schmerzend abwandte, bald wurde sie von der scheidenden Sonne mit Purpur und Gold übergossen, und dann wieder hüllte sie sich in das geheimnißvolle Zwielicht der kurzen Nacht. – In der Nähe dieser großen Eisflächen war das Wetter beständig schön; der Wind wurde schwach und wir glitten nur leise entlang. Einzelne klare Eisstücke zeigten eine entzückende Farbenpracht in vorherrschend grünen und blauen Tinten, wie schimmernde Edelsteine ruhten sie in der unbewegten Fluth. Bisweilen rollte ein dumpfes Dröhnen durch die Luft, wenn eine große Scholle plötzlich von einer Spalte durchsetzt wurde, und dann stürzte wohl ein überhängendes Eisgebäude klirrend und prasselnd in sich zusammen. Das geräuschvolle Blasen auftauchender Wale drang zu uns, und wir sahen bald nah, bald fern das Dunstgebild ihres Athems aufsteigen. Seehunde ruhten hier und da auf dem Eise oder plätscherten im Wasser, während die Walrosse meistens in großer Anzahl bei einander lagen und einzeln oder im Chor ihr kurzes Gebrüll hören ließen. Möven aller Art umstreiften uns; auch Bären, welche schlau wie die Füchse auf Beute ausgingen, waren nicht selten, doch ergriffen sie bei jeder Annäherung von unserer Seite stets die Flucht. Jetzt und auch späterhin hatten wir volle Gelegenheit, zu beobachten, wie sehr das arktische Thierleben an das Eis gebunden ist.

Mitte Mai endlich erreichten wir die Küste Sibiriens. Sie war noch theilweise von einem Eisgürtel umlagert, hinter diesem erhoben sich kühne Vorgebirge, dunkle Klippen, und landeinwärts ragten schneeige Berggipfel in das klare Blau des Himmels. –

Da die Bering-Straße selten vor Ende Juni mit Sicherheit zu passiren ist, so halten sich die zeitiger anlangenden Walfänger nahe der asiatischen Küste, vorzüglich zwischen Cap Pakhoghinsk und Cap Navarin, um die nach dem Eismeere hier vorüberziehenden Wale abzufangen. Zwischen dem Lande und dem im Meere treibenden Eise findet sich immer ein je nach zufälligen Umständen breites oder enges Fahrwasser. In diesem kreuzten oft mehr als ein Dutzend Schiffe in Sicht von einander, und die vielen Boote derselben schwärmten überall umher oder lagen an geschützten Orten beisammen, während die Mannschaften rauchend und plaudernd die neuesten Nachrichten über Thran, Unglücksfälle und Wetter austauschten. Viele Wale wurden harpunirt, die meisten aber im Eise wieder verloren. – Bei dem schönen Wetter und der keineswegs unangenehmen Kälte befanden wir uns alle sehr wohl, nur der Nebel erregte allgemeine Unzufriedenheit. Ueberraschte er uns, so war größte Vorsicht nöthig, sowohl des Eises, als auch der umherkreuzenden Schiffe wegen. Viele der letzteren machten sich hörbar durch das gerade, vier Fuß lange Nebelhorn, welches die wachthabenden Leute mit aller Kraft ihrer Lungen bearbeiteten und dem sie schauerliche Töne entlockten; auf anderen Schiffen wieder paukte man lustig auf ein leeres Faß los und erzielte einen so heillosen Lärm, daß sich die Stellung der verschiedenen Schiffe leicht errathen ließ.

Das Land war stark bevölkert, überall an geschützten Buchten standen Gruppen niedriger Zelte, die Wohnungen der Tschuktschen, der asiatischen Eskimos. Waren die Umstände günstig, so näherten sich kleine, aus Häuten gefertigte Fahrzeuge, Baidaren, dem Schiffe, und am zugeworfenen Tau kletterten die Insassen behende an Deck. Ihre mittelgroßen, kraftvollen Gestalten waren gänzlich in Pelz gehüllt, die breiten Gesichter hatten einen gutmüthigen, zuweilen etwas listigen Ausdruck. Ihre Bewegungen waren lebhaft und bestimmt, ihre Sprache schnell und energisch, doch lachten sie oft und viel. Sie brachten uns vielerlei Artikel zum Tauschen: vollständige, gut gearbeitete Pelzkleidung; Anzüge, von den Gedärmen der Robben gefertigt und gleich einem Hemd mit Kapuze über dem Pelz zu tragen, um diesen gegen Nässe zu schützen[1]; schön verzierte, warme und wasserdichte Stiefeln von Seehundsfell, Kappen und Stulphandschuhe von demselben Material; ferner Walroßzähne, Fischbein und unbrauchbar gewordene Waffen und Geräthschaften. Sie verlangten dafür Tabak, Flinten, Pulver und Blei, Messer, überhaupt Stahlwerkzeuge aller Art, und wußten diese Sachen sehr wohl mit englischen Namen zu benennen.

Die Beharrlichkeit, mit welcher sie, trotz verlockender Gebote, jede Veräußerung ihrer eigenen trefflich gearbeiteten, obgleich sehr einfachen Waffen verweigerten, hätte allein hingereicht zu beweisen, daß wir es mit einem echten Jägervolke zu thun hatten. Auch die Spiele der Knaben zeugten davon. So fuhren diese, mit der uralten Davidschleuder bewaffnet, hinauf auf das Meer und sandten ihre Geschosse nach den einzelnen vorüberziehenden Vögeln. Bemerkenswerth war es, daß sie nie die Vögelschwärme am Lande belästigten, wo doch ein Fehlwurf kaum möglich war. Sie handhabten ihre Schleuder mit großer Kraft, doch mit wenig Geschicklichkeit. Der beste Schütze erlegte erst mit dem siebenten, ein andermal [86] mit dem vierten Wurfe einen Vogel, dann aber verbrauchte er seinen ganzen Vorrath an Steinen, wohl an zwanzig Stück, ohne jeden Erfolg. Einer großen Raubmöve, die ich untersuchte, war der Stein trotz des dichten Gefieders in den Leib gedrungen und hatte sie so sicher wie eine Büchsenkugel getödtet.

Wahrhaft staunenerregend war die Unzahl von Vögeln, welche sich auf manchen Klippen angesiedelt hatten, während sie andere gänzlich unbesetzt ließen. Von ferne klang ihr Geschrei wie dumpfes Brausen und nur in der Nähe konnte man die keineswegs melodischen Stimmen einzelner Mitglieder dieser sehr gemischten Gesellschaften unterscheiden. Zuweilen regnete es förmlich Koth, wenn die aufgescheuchten Bewohner eines Nistplatzes über uns hinwegzogen, und mancher von uns empfing eine „sibirische Decoration“, wie der Matrosenwitz diese unwillkommenen Auszeichnungen taufte.

So war der Juni gekommen und zur Hälfte vergangen. Seit wir hier kreuzten, waren bedeutende Veränderungen eingetreten; prächtige warme Tage waren nicht selten, am Lande schmolz der Schnee, die Sonnenseite der Thäler schmückte sich mit freundlichem Grün, und große Mückenschwärme spielten im Sonnenschein. Auch in Sibirien war der Frühling eingekehrt. Vom Meere waren die Eismassen fast gänzlich verschwunden, mit ihnen die Walrosse und die meisten Seehunde, sie alle waren mit dem Eise nordwärts gezogen in ihre nahrungsreichen Sommerquartiere.

Viele Schiffe hatten diesen Fischgrund schon verlassen, und auch wir folgten endlich den seltener werdenden Walen nach Norden. Am Cap Navarin vorbei ging die Fahrt quer über Anadyr-Bai und hinein in die Beringstraße. Ungeheure Flüge von Enten zogen hin und her und lieferten uns manches schmackhafte Gericht; auch einzelne Walroßheerden suchten ihre Verspätung durch Eile gut zu machen, und wenn man diese trotzigen Gesellen so dahinschwimmen sah, konnte man sich die Fabel von den Meermännern recht wohl erklären. Auf stillem Wasser wie auf einem Flusse glitten wir an der asiatischen Küste entlang, die in milder Schönheit vor uns lag, während nach dem amerikanischen Ufer hinüber der Blick sich in nebeliger Ferne verlor. Schäumend zog das Schiff seine Bahn durch die bald prächtig grün, bald schwarz, bald bräunlich scheinenden Fluthen; vorbei an jäh abstürzenden dunkeln Klippen, romantischen Fjorden und langgestreckten grünen Thälern. Dort standen viele Tschuktschendörfer und überall herrschte reges Leben; wir sahen Menschen, Hunde, einzelne weidende Renthiere, und begegneten vielen Baidaren, deren Insassen den Bewohnern des Meeres nachstellten und uns mit schallendem Zuruf begrüßten. Nirgends erblickten wir einen Baum oder auch nur einen Strauch.

Bald zeigten sich vor uns zur Rechten die hohen vielnamigen Felsensäulen der Diomeden, starr und steil inmitten der Straße aus den Fluthen ragend wie mächtige Pfeilerreste einer zertrümmerten Riesenbrücke. Meilenweit zur Linken erhob sich der letzte Wächter des Polarmeeres, das weit in die Straße hereintretende Ost-Cap. Drohend und düster liegt dieser einsame Bergkoloß, der anstürmenden See, der Gewalt des Eises jähe trotzige Felsenwände entgegenstellend, den Gipfel von Wolken verhüllt. Wie lebhaft erinnerte ich mich hier Chamisso’s, welcher vor einem halben Jahrhundert, auf dieser selben Stelle und angesichts dieses Caps, seinem Wunsche, das Eismeer zu sehen, entsagen mußte, weil Capitain Kotzebue vom „Rurik“ unter mancherlei Vorwänden nicht weiter zu fahren wagte. Wir aber segelten frisch hinein in den „Arktischen Ocean“, dessen Gewässer sich im Sonnenglanze vor uns ausbreiteten.

Tagelang kreuzten wir nordwärts, ohne mehr Eis zu sehen als hier und da einen einzelnen Block, welcher verwittert und verloren im Wasser trieb und höchstens einem behäbigen Seehunde zum Ruhesitz diente. Zuweilen kam ein Schiff in Sicht und schwarze Rauchsäulen am Horizonte verriethen andere, welche glücklich in der Jagd gewesen waren und „auskochten“.

Wir selbst erlegten in wenigen Tagen mehrere Wale und hatten einen äußerst anstrengenden Dienst, so daß wir in fünfzig, sechszig Stunden kaum vier Stunden ungestört schlafen konnten; in Folge der übergroßen Müdigkeit schliefen die Leute häufig auf den Ruderbänken ein. Die Eßlust überstieg alle Grenzen. Die farbigen Portugiesen von den Azoren und den Capverdischen Inseln[2] namentlich, welche zum ersten Male den Einfluß eines kalten Klimas fühlten, zeigten einen erstaunlichen Appetit. Die fettesten Speisen, von denen wir uns anderswo mit Widerwillen abgewendet hätten, waren uns hier sehr willkommen, und gleich den nordischen unverbesserlichen Anti-Vegetarianern aßen wir mit Vorliebe Speck und Fleisch.

Der altgewohnte Wechsel von Tag und Nacht fand schon längst nicht mehr statt, die Sonne ging für uns weder auf noch unter; stetig kreiste sie über dem Horizonte, am Mittag im Süden um Mitternacht im Norden stehend. So hatten wir viele Wochen lang einen einzigen Tag. Das so verrufene Eismeer machte einen wider Erwarten günstigen Eindruck auf uns. Das Wetter war überraschend mild, der Wind meistens sehr schwach; zuweilen regnete oder schneite es wohl, ungemüthlich war aber eigentlich nur der Nebel. Auffallend war der Einfluß desselben auf die Mannschaft. Einige Gemüther verdüsterte er, andere stimmte er weich, die Mehrzahl aber reizte er auf zu Zank und Streit, und ein lange dauernder Nebel führte fast regelmäßig zu Prügeleien. Allerdings wirkte der nüchterne Wasserdunst nicht gleich alkoholhaltigen Getränken auf den Raufsinn, wohl aber verhinderte er uns die Jagd zu betreiben, und brachte uns so die Langeweile mit ihrem bösen Gefolge.

Bis jetzt waren wir immer glücklich in der Jagd gewesen und hatten schon manches Faß mit Thran gefüllt und kostbares Fischbein in großen Haufen aufgestapelt, so daß wir äußerst zufrieden sein konnten. Nur einmal wandte uns das Glück den Rücken zu. Ganz in der Nähe des Schiffes tauchte unerwartet ein riesiger Wal auf. Leise – um ihn nicht zu verscheuchen – und in größter Eile setzten wir ihm nach. Kaum aber hatte das erste Boot die nichtsahnende Beute erreicht und „festgemacht“, da flog es auch schon vollständig aus dem Wasser, schlug über und verstreute seinen Inhalt, Menschen und Geräthschaften, mit lautem Klatschen in das Wasser. Ein vielstimmiges Wehe- und Wuthgeschrei erscholl. Die unfreiwillig Badenden wurden aufgefischt und von dem einen Boot an Bord gebracht, während die übrigen zwei den Angriff fortsetzten. Dem ersten Officier glückte es, den Wal mit einem Sprenggeschoß tödtlich zu verwunden, doch ehe er aus dem Bereich des wüthenden Thieres gelangen konnte, traf dieses mit einem furchtbaren seitwärts gerichteten Schlage seines Schwanzes den im Boote stehenden Harpunier, daß der Unglückliche, todt und zerschmettert, wie ein Kegel durch die Luft wirbelte. Im nächsten Augenblicke zertrümmerte dann ein zweiter Schlag das Boot und die Leute versanken in die eisigkalte Fluth. Zum Glück waren wir in der Nähe und konnten die Erstarrten in Sicherheit bringen.

Ein Mann war getödtet, mehrere hart getroffen und zwei Boote zerschlagen. Der Anstifter dieses Unheils war dann gesunken wie ein Stein und für uns verloren. Ein anderes Schiff soll mehrere Tage später den aufgedunsenen Leichnam gefunden und aus ihm hundertfünfzig Faß Thran gewonnen haben. – Derartige Unglücksfälle ereignen sich übrigens im Eismeer ziemlich selten. Der nordische Bartenwal ist äußerst furchtsam und selbst verwundet lange nicht so kampflustig wie manche seiner Verwandten in wärmeren Meeren. (Siehe: Fang eines Potwals. Jahrgang 1869. Nr. 38) Er ist durch schlimme Erfahrungen klug gemacht und um seinen Verfolgern zu entgehen, auch der reichlicheren Nahrung wegen hält er sich gern zwischen dem Eise auf.

Dort suchen ihn dir Walfänger vorzugsweise und in Folge dessen begegnen sich die Schiffe sehr häufig oder kreuzen in Gesellschaft an den Eisfeldern auf und nieder. Man besucht sich gegenseitig oder unterhält sich mittelst des Sprachrohres.

Die erste Frage bleibt unabänderlich: „Wie viel Wale habt Ihr?“ und dann werden andere wichtige Nachrichten ausgetauscht, wobei Neid, Aerger oder auch Freude über das eigene Glück sich in ergötzlicher Weise äußern. Die Schiffe liegen beigedreht oft viele Stunden nebeneinander oder segeln auch gemeinsam vorwärts. Dann spähen die Ausluger doppelt scharf von ihrer luftigen Höhe und die schlauesten Manöver werden ausgeführt, um dem Rivalen jeden Vortheil abzugewinnen, falls eine „Thranbutte“ sich irgendwo zeigen sollte. Dennoch hält man viel auf gute Cameradschaft und die kühnen Freibeuter respectiren jene Rechte, welche sie sich für den Walfang aufgestellt haben. Leider aber verlieren, selbst so nahe am Nordpole, die Gesetze nichts von ihrer bekannten Biegsamkeit. –

[92] Nach einem lange anhaltenden schweren Nebel sahen wir endlich wieder einmal den Eisblink und bald befanden wir uns zwischen Eisfeldern, wie wir sie schon im Bering-Meer unter den Namen „Pack“ kennen gelernt hatten.

Dieses „Pack“ ist die einzige Eisformation, welche das Meer selbst zuläßt, es besteht aus den Trümmern der gefrorenen Oberfläche. Eisberge dagegen sind Landgebilde, abgestoßene Theile von Gletschern der Polarländer. Der dort fallende Schnee schmilzt während des kurzen Sommers nur theilweise, große Mengen bleiben zurück, verwandeln sich in Eis und bilden nun Gletschermäntel von oft großartiger Ausdehnung. Derselbe Vorgang, wenn auch in geringerem Maße, findet in wärmeren Gegenden auf Gebirgen statt, welche die Schneegrenze überragen, wie z. B. auf den Alpen.

Diese Eismassen müßten durch immer neue Auflagerungen zu großer Höhe anwachsen und durch ihre ungeheure Last den Schwerpunkt und mit ihm das ganze Wesen unseres Planeten verändern, wenn ihnen nicht eine eigene Bewegungsfähigkeit innewohnte. Sie fließen gewissermaßen, wenn auch nur sehr langsam, thalwärts. Jeder Gestaltung des Bodens bequemen sie sich an, zwängen sich durch enge Pässe und breiten sich aus in weiten Thälern; Felsenblöcke und Geröll schieben sie voraus oder führen es eingebettet mit sich. Erreichen sie das Meer, so senken sie sich in dasselbe hinab und bilden, die Fluthen zurückdrängend, neue Küstenlinien.

Da sie vielfach zerklüftet und von Spalten durchsetzt sind, brechen Theile davon durch ihre eigene Schwere nieder, aber die gewaltigsten Eismassen – oft viele tausend Fuß in jeder Richtung messend – werden wahrscheinlich durch die hebende Kraft des Wassers von den auf dem Grunde vorrückenden Gletschern abgetrennt. Unter weithin vernehmbarem Getöse steigen sie empor, finden nach langem Rollen und Schwanken ihr Gleichgewicht und werden als Eisberge von der Strömung hinweggeführt. Strahlend in herrlicher Pracht und unbewegt in Sturm und Wogenschwall erscheinen sie als hehre Fremdlinge in fernen wärmeren Zonen, wo sie im Meere vergehen.– So vollendet sich der Kreislauf des Wassers vom Land zum Meer in den Polargegenden durch die Gletscher und ungleich langsamer als in niedrigeren Breiten, wo er durch Bäche und Flüsse auf schnellere Weise vermittelt wird.

In den großen Eismassen, welche den Arktischen und Antarktischen Ocean bedecken, sind nun aber wirkliche Eisberge verhältnißmäßig selten und nicht häufiger als vielleicht Berge und Gebirge auf dem Lande. Leicht könnte man, gleich uns, einen Theil des Eismeeres befahren, ohne auch nur ein einziges jener krystallenen Wunder zu erblicken. Sie können nur dort entstehen, wo große Gebirgsländer von ungeheuren Gletschern bedeckt sind. Die bedeutendsten Eisberge haben daher wohl am Südpol ihren Ursprung. Eine andere Hauptgeburtsstätte für dieselben ist auch Grönland, vorzüglich seine Westküste; von dort treiben sie alljährlich mit dem Pack durch die Davisstraße nach Süden, bis sie auf den Golfstrom treffen. In dem warmen Wasser desselben schmelzen sie dann und lassen die mitgeführten Felsblöcke und Gerölle zu Boden sinken. Im Laufe von Jahrtausenden sind durch diese ununterbrochenen Zufuhren jene ausgedehnten Untiefen entstanden, welche man die Bänke von Neufundland nennt. Die zwischen nordamerikanischen und europäischen Häfen fahrenden Schiffe begegnen nicht selten im Spätsommer solchen Eismassen, und manches derselben ist schon dabei verunglückt.

Schwimmendes Eis ragt je nach seiner Gestalt zum ungefähr fünften bis achten Theil aus dem Wasser. Die für gewöhnlich befahrbaren Strecken des Meeres nördlich der Beringstraße sind nur an wenigen Stellen über zweihundert Fuß tief; hieraus folgt, daß wirkliche Eisberge – die doch bis zu mehreren Hundert Fuß hoch sich über die Oberfläche des Wassers erheben und einen entsprechenden bedeutenden Tiefgang haben – in jenen Gewässern nicht vorkommen können, selbst wenn in höheren noch unerforschten Breiten sich große Gletscher befinden sollten.

In den von uns besuchten Meerestheilen, sowohl diesseit als jenseit der Beringstraße, findet sich nur das Packeis, das weniger durch Einzelgröße als durch Ausdehnung der Massen imponirt. Selten findet man Stücke, welche durch ihre Beschaffenheit und durch ihnen anhaftende Steine und Erde sich als Abkömmlinge des Landes legitimiren; doch haben sie keine auffallende Größe. Einmal nur sah ich in der Nähe der Heraldinsel einen Eisblock, welcher zwar von geringem Umfange, aber doch an dreißig Fuß hoch war. Uebrigens ist das meergebildete ebenfalls „süßes Eis“, da das Seewasser beim Gefrieren seinen Salzgehalt ausscheidet.

Während der nächsten Zeit kreuzten wir nun meistens zwischen Eisfeldern. Das Wetter war ausgezeichnet schön, fast windstill, und die Leute arbeiteten in leichter Kleidung. Eines Tages aber setzte eine scharfe Brise von Nordosten ein und mit ihr wälzte sich eine dunkle Nebelwand heran, welche uns bald gänzlich umhüllte. Es war nicht möglich von einem Ende des Schiffes zum andern zu sehen, stieg man aber aufwärts, so wurde es lichter und lichter, von der Mastspitze aus hatte man das wallende Dunstmeer gänzlich unter sich und befand sich im vollen Sonnenschein.

[93]
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Ein Diner im Eismeere.
Nach einer Skizze von M. E. Plankenau.

[94] Ein fremdes Boot suchte Zuflucht bei uns und wir nahmen, nach gutem Brauch, die Verirrten auf. Sie blieben nur kurze Zeit bei uns, da sie unter den bald nah bald fern tönenden Nebelhörnern zufällig das ihres Schiffes erkannten und sich froh von uns verabschiedeten. Nicht immer sind Boote so glücklich. Bisweilen müssen sie mehrere Tage auf einem fremden Fahrzeuge bleiben oder auch, ohne Zuflucht zu finden, lange umherirren. In einigen Fällen sind auch Boote und Mannschaften während eines Nebels auf immer verschwunden.

Die Gefahr, welche uns bedrohte, war für Walfänger eine keineswegs ungewöhnliche; es galt, sich auf den freien Wasserflächen zu halten und womöglich einen Ausgang zu gewinnen. Aber immer häufiger tönte das warnende „Eis voraus!“ der Wache und unsere geschicktesten Manöver halfen zu nichts; es war ersichtlich, daß die Felder sich schlossen. Hätten wir nur dann und wann einmal frei ausschauen können!

„Eis voraus!“ – „Eis zur Linken!“ Blitzschnell folgen sich die Befehle des Capitains; Menschen trampeln, Taue schießen, Segel flattern, und ächzend schwingen die Raaen herum. Doch wie durch Zauberei erscheint nun Eis vor und hinter uns, an allen Seiten. Kein Entrinnen ist möglich. Ein dröhnender Stoß erfolgt, Poltern und Knirschen – herumschwingend gleitet das Schiff nochmals weiter, läuft aber gleich darauf von Neuem fest. Wir waren gefangen.

Mit dem Nebel war wie gewöhnlich eine auffallende Kälte eingetreten; die Feuchtigkeit verdichtete sich am Thauwerk und tropfte wie Regen nieder, bald aber vereiste Alles an und über Deck, so daß Gehen und Steigen beschwerlich wurde. Zum Ueberfluß bildeten sich in der Höhe auch noch Eiszapfen, welche bei der geringsten Erschütterung klirrend herabfielen und einige Leute nicht unerheblich verwundeten. Am nächsten Tage trat Windstille ein, aber der Nebel blieb gleich dicht. Er leitete den Schall außerordentlich gut. Aus weiter Entfernung hörten wir Menschenstimmen wie von einer andern Welt herüberklingen und konnten sogar einzelne Worte und Gespräche verstehen; ohne Zweifel hatten wir Leidensgefährten.

Unsere Gefangenschaft wurde nachgerade langweilig und ungemüthlich; die Feuchtigkeit drang selbst in den geschlossenen Raum hinab, das Bettzeug wurde naß und dumpfig, ebenso Bücher und Papier. Trockene Kleider gab es schon lange nicht mehr. In unserer Nähe schienen zahlreiche Walrosse zu lagern, unausgesetzt hörten wir dröhnendes Gebrüll oder besser Gebell; alte Matrosen behaupteten, das verkünde gut Wetter. Wirklich begann es auch bald sich aufzuhellen, und zuweilen konnten wir schon ein Stück des blauen Himmels über uns erkennen.

Der schwere Dunst begann sich zu zertheilen; die Schwaden färbten sich silbern, zogen und wogten um uns, ballten sich zusammen und dehnten sich in lange Streifen. Immer mehr erweiterte sich unser Gesichtskreis, einzelne Durchblicke öffneten sich und als endlich der verhüllende Schleier sich erhob, schien eine neue Schöpfung aus dem Chaos herauszutreten. Eis ringsum, so weit das Auge schweifte, Block an Block geschoben, flimmernd und blitzend im grellen Sonnenschein und dazwischen einzelne dunkle stille Wasserflächen. Da lag auch ein Schiff im Eise, dahinter ein zweites und in der Ferne ein drittes; die andern waren entschlüpft. Walrosse lagerten in großer Anzahl um einzelne Wasserlöcher und scheue Wale hoben den Obertheil ihres riesigen Kopfes empor, um lang und mächtig zu athmen. Zwanzig Schritt vom Schiffe schob sich ein harmloser Seehund auf das Eis und blieb, da wir ihn unbehelligt ließen, trotz des Lärmes an Bord gemüthlich liegen, sich wohlig von Seite zu Seite und auf den Rücken rollend, damit ja jede Stelle des glänzenden Felles von der lieben Sonne beschienen würde.

Da wir Zeit genug hatten, unternahmen wir weite Wanderungen über die Felder und statteten unseren Leidensgefährten Besuche ab, obgleich der Weg nichts weniger als eben war. Die dicke Schneedecke verbarg manche verrätherische Spalte, welche erst untersucht und dann übersprungen werden mußte. Ueberraschende Luftspiegelungen unterhielten uns fortwährend durch ihre Gauklerkünste. Das Eis dehnte und reckte sich in der Ferne gleich Gebirgen empor, oder erschien in umgekehrter Lage verdoppelt. Menschen vergrößerten sich in einiger Entfernung zu riesenhaften Gestalten, oder schrumpften zu winzigen Männlein zusammen. Das geheimnißvolle Treiben des Lichtes war zuweilen sinnverwirrend und oft wußte man Schein und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden.

Wo Seehunde und Walrosse lagern, da ist der Eisbär unvermeidlich. Uns machte es stets viel Vergnügen, die Bewegungen dieser Räuber zu verfolgen, wie sie hier und da zwischen den Unebenheiten auftauchten, bald ein Wasserloch durchschwammen, bald von einer Erhöhung Umschau hielten, immer berechnend, wie ein unvorsichtiger Seehund am besten zu beschleichen sei. Sie wußten auch ganz genau, was Schiffe und Menschen zu bedeuten hatten; unsere besten Jagdkünste waren ihnen gegenüber noch viel zu plump.

Der Polarbär wird seiner riesigen Kraft und Größe, seiner Vielseitigkeit wegen der König des Eismeeres genannt. Außerordentliche Schärfe der Sinne und raffinirte Schlauheit besitzt er in hohem Grade, sonst aber hat er eine echte Bärennatur und wie die meisten reißenden Thiere verliert er, in der Nähe besehen, viel von seiner Schrecklichkeit. Auch ihm ist es ergangen wie seinem Vetter, dem grauen Bären Amerika’s: Erzählungen von einzelnen grausigen Abenteuern haben die ganze Sippschaft in Verruf gebracht. Er hat einen schönen Pelz und wehrt sich seiner Haut, wenn es sein muß, doch flieht er den Menschen und selbst gereizt oder verwundet greift er selten an. Thut er es aber, dann ist er freilich ein achtungswerther Gegner, dem gegenüber nur Geistesgegenwart und ein zuverlässiges Gewehr die Gefahr zu einer geringen machen. Die Jagd im Wasser ist ein bloßes Abschlachten.

Man findet die Polarbären in der Nähe der Küste, oft auch Tagereisen weit davon im offenen Meere, meistens aber auf dem Eise. Unermüdlich durchstreifen sie ihr weites Reich, alles fressend, was sie erlangen und bezwingen können. Gesättigt treiben sie gern Allotria und ganz ihrer Herrscherwürde vergessend jagen und balgen sie sich auf dem Eise im lustigen Durcheinander. Auf solchen Spielplätzen ist der Schnee zertrampelt und zerwühlt, geneigte Ebenen scheinen als Rutschbahnen benutzt worden zu sein und die breiten Fährten sowohl, als auch Flocken vom Pelz verrathen, wer daselbst gehaust. –

Obgleich vollständige Windstille herrschte, begann doch das uns gefangen haltende Eis sich allmählich auseinander zu schieben und wir unternahmen herrliche Bootfahrten durch die schmalen spiegelglatten Canäle.

Leise gleiten wir entlang. Das Wasser ist voller Leben; Milliarden winziger Flohkrebse und anderer Thierchen tummeln sich umher, prächtige Quallen in allen Farben und Formen leuchten aus der Tiefe gleich wunderbaren Blumen der See. Eingebettet in der dunklen Fluth ruht das Eis und es klingt und knistert leise in der Sonnenwärme; nur das Gebrüll einiger Walrosse und das mächtige „Blurr–r“ „Huf–f“ auftauchender Wale unterbricht die sonntägliche Stille.

Um eine Eisklippe wendend erschrecken wir einen zufriedenen nordischen Einsiedler, einen Seehund, welcher in wilder Hast von seinem kalten Sitz hinab in das Wasser plumpt. Sofort aber steckt er dicht neben uns wieder den Kopf heraus und senkrecht auf und nieder schaukelnd mustert er uns mit großen klugen Augen. Sein komisch grimmiges Gesicht mit martialischem Schnurrbart geziert, seine Harmlosigkeit, sein drolliges Benehmen machen ihn zur lustigen Person des Eismeeres. Eine drohende Bewegung mit dem Arm und dem Kopf und er duckt sich vorsichtig, um sofort wieder an einer andern Stelle aufzutauchen. Ueberhaupt scheinen die Seehunde außerordentlich neugierig zu sein; ein kurzer Pfiff, ein Klopfen am Bootsrande verfehlt selten, mehrere von ihnen an die Oberfläche zu bringen, und dann begucken sie schnaufend, pustend und mit unerschütterlichem Ernste die Urheber des ungewöhnlichen Geräusches.

Die Walrosse sind viel scheuer. Mit Ausnahme der sehr alten und wahrscheinlich griesgrämigen Bullen, welche sich gern abgesondert halten, lagern sie meistens in größerer Anzahl auf dem Eise und verschwinden beim geringsten Anzeichen von Gefahr sofort im Wasser. So unbehülflich sie auf dem Trockenen sind, so gewandt zeigen sie sich im Wasser und sollen da gefährliche Gegner sein. Wir hatten keine Gelegenheit sie von dieser Seite kennen zu lernen, da wir sie nur selten jagten und noch seltener erlegten. Wegen ihrer dicken zähen Haut blieben die Büchsenkugeln meistens wirkungslos und wirkten nur sofort tödtlich, wenn sie am Hinterkopfe in das Gehirn eindrangen. Wenn auch noch so schwer [95] verwundet, rollen sich Walroß sowohl als Seehund stets in das nahe Wasser und gehen, todt oder lebendig, verloren. –

Endlich erlaubten uns Wind und Eis die Fahrt fortzusetzen, und wir fingen in kurzer Zeit verschiedene Wale, deren Ertrag unsere gezwungene Unthätigkeit reichlich vergütete. Die Thiere zogen vorwiegend nordwärts und ihnen folgend treffen wir unter fast 72 Grad nördlicher Breite auf das stehende Eis. Seiner Beschaffenheit nach unterschied es sich in nichts von dem überall treibenden Pack, nur war es nirgends „segelbar“, das heißt für Schiffe unzugänglich. Immer neue Wale sahen wir unter dieser sich endlos dehnenden gefrorenen Einöde verschwinden. Wohin gingen sie? Wann kehrten sie zurück?

War ihre Wanderung nicht ein Beweis, daß im höchsten Norden sich ein offenes Meer befinden muß, in welchem sie den Winter verleben? Wo anders als dort können sie ihre Jungen ungestört aufziehen? Denn es ist eine Thatsache, daß noch kein Walfänger ein Kalb des nordischen Bartenwales weder diesseit noch jenseit der Bering-Straße gesehen hat; ihre Kinderstube muß sich also in der Nähe des Poles befinden. Wie vor zweiundzwanzig Jahren der amerikanische Walfänger Capitän Roys muthig durch die Bering-Straße vordrang und den reichsten Fischgrund der Neuzeit entdeckte, so wird es endlich auch gelingen, den Zugang nach den höchsten Breiten zu finden, und dann werden sich den „Speckjägern“ neue unermeßliche Reichthümer erschließen. –

Südwärts kreuzend sahen wir auf einem Eisfelde eine ungewöhnlich zahlreiche Bärenversammlung, die doch sicherlich ihre ganz besondere Ursache haben mußte. Sie blieb uns auch nicht lange verborgen. Am Rande des Feldes lag der aufgedunsene Leichnam eines Wales und die Bären hatten sich zu einem Schmauße eingefunden. Es war ein köstliches Bild, diese weißgekleideten Festtheilnehmer, deren einige sich bei der immerhin schwierigen Zerlegung des Fleischberges in graulicher Weise besudelt hatten, ihr Strandrecht ausüben zu sehen. Ueber unsere Ankunft waren sie sehr ungehalten und schienen nicht übel Lust zu haben, den herannahenden Booten die Beute streitig zu machen. Als aber der stattlichste Bursche, der wenigstens seine tausend Pfund wog, mit zerschossenem Genick zusammenbrach und ein zweiter schlimm verwundet war, nahmen sie merkwürdig schnell Reißaus. Wie eine Meute grollender Hunde umkreisten sie uns dann in sicherer Entfernung, und unter allerhand ungeschlachten Demonstrationen warteten sie auf unsern Abzug. Für uns war der Wal leider werthlos und wir zogen uns discret zurück, um das „Diner im Eismeer“ nicht weiter zu stören.

Im September begann das Wetter, sich zu verschlechtern; eiskalter dichter Nebel stellte sich häufiger denn je ein und schwere Schneestürme verkündeten den kommenden Winter. Oft waren Tauwerk und Segel so mit Eis bedeckt, daß wir es mit Knitteln losschlagen mußten, und das Schneeschaufeln war eine wirkliche Sisyphus-Arbeit. Die Wale waren selten geworden und die meisten Schiffe hatten den Fischgrund schon verlassen; nur wenige Capitäne, auch der unsrige, trotzten jedem Wetter, um einen letzten Fang zu machen. Wir erlegten auch glücklich unsern zwölften Wal und bereiteten uns jubelnd zur Heimreise vor. Beinahe aber wären wir nie zurückgekehrt. Ein entsetzlicher Sturm faßte uns unweit vom Cap Lisburne und brachte unser Schiff, das langsam der Küste zutrieb, dem Untergang nahe. Auch der Muthigste wagte nicht mehr zu hoffen, als im Augenblick der höchsten Noth der Sturm nachließ, seine Richtung veränderte und erstarb.

Bald darauf arbeiteten wir uns mühsam und vorsichtig, die Lothleine in der Hand, in Nebel und Schneegestöber durch die Bering-Straße, wo kein Leuchtfeuer den Seemann vor Gefahren warnt. Verschiedene Schiffe in Noth erhielten von uns erbetenen Beistand, sie hatten durch den Sturm viel mehr gelitten, als wir – ein Fahrzeug war sogar mit reicher Ladung zu Grunde gegangen –, und mußten von uns mit Segeln und Hölzern versehen werden. Glücklich passirten wir die Alëuten, und Schnee und Kälte hinter uns lassend, liefen wir am letzten October durch das „goldene Thor“ von Californien und ankerten im Hafen von San Francisco.

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