Eine zweideutige Tierfreundschaft

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Titel: Eine zweideutige Tierfreundschaft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 205, 220
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: angebliches Zusammenleben von Präriehunden, Kaninchenkäuzen und Klapperschlangen
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[205]
Die Gartenlaube (1894) b 205.jpg

Tierfreundschaft in der Prairie.
Nach einer Originalzeichnung von F. Specht.



[220] Eine zweideutige Tierfreundschaft. (Zu dem Bilde S. 205.) Der Prairiehund, dessen „Dörfern“ wir einen Besuch abstatten, ist ein Verwandter des Murmeltieres – die ersten Trapper, welche die nordamerikanischen Prairien betraten, nannten ihn „Prairiehund“, da er ähnlich wie ein Hündchen bellt und kläfft; sonst hat dieses Geschöpf mit dem Hunde nichts gemein. Die Naturforscher stellen es in die Ordnung der Nager und in die Familie der Hörnchen.

Der Prairiehund wird nicht viel größer als unser Eichhörnchen, auf der Oberseite ist er licht rötlichbraun, an der Unterseite schmutzig weiß gefärbt, seine äußere Erscheinung ist auf unserem Bilde von Meister F. Specht naturgetreu wiedergegeben. Die baumlose Steppe, die echte Prairie ist seine Heimat. Hier siedelt sich das muntere und aufgeweckte Tier in großen Gesellschaften an. Wo es sich niedergelassen hat, dort sieht man die Prairie wie mit Maulwurfshügeln besät, nur daß diese Hügel bedeutend größer sind und jeder aus einer guten Karrenladung Erde besteht, welche die Tiere beim Bau ihrer unterirdischen Wohnungen ans Tageslicht gefördert haben. Diese Hügel können als Häuser gelten, in denen eine oder zwei Familien wohnen; sie stehen bald dichter beisammen, bald weiter voneinander, in der Regel mag die Entfernung fünf bis sechs Meter betragen; dazwischen sehen wir festgetretene Pfade, die von einem Loch zum andern, von Haus zu Haus führen; oft bedecken solche Hügelgruppen mehrere Morgen Landes. Kein Wunder also, daß die ersten Wanderer in den Prairien diesen Ansiedlungen den Namen „Dörfer“ beigelegt haben!

In diesen Gemeinden herrscht stets ein reges Treiben und ein geselliger Geist; die Nachbarn besuchen sich fortwährend und kläffen und bellen, so lange die schöne Jahreszeit dauert; denn bei Wintersanfang verstopfen diese Dörfler ihre Hausthüren und halten einen halben Winterschlaf. Es ist aber nicht so leicht, das Leben und Treiben dieser kleinen Gesellen zu belauschen, denn sie sind scheu und stellen Wachtposten auf, die von deu Zinnen ihrer Burgen herab die Gegend mustern und ihre Mitbürger durch Bellen vor jeder nahenden Gefahr warnen. Prairiewölfe, Füchse, Geier und – Menschen zählen bei ihnen immer zu den gefährlichen Erscheinungen; während sie früher wohlgemut zwischen den Hufen der Büffel hin und her huschten und heute sich dicht an Eisenbahnlinien anbauen, da sie wohl wissen, daß das schnaubende Dampfroß rauch- und dampfspeiend vorübereilt, ohne sich um sie zu bekümmern.

An diese Prairiehunde nun knüpft sich die Sage von einer eigenartigen Freundschaft, die sie mit zwei erbitterten Feinden aller Nager halten sollen.

Trapper wußten davon zu erzählen, daß die Prairiehunde mit Erdeulen und Klapperschlangen auf einem befreundeten Fuße leben. Man war vielfach geneigt, diese Berichte für amerikanisches Jägerlatein zu halten, aber als der bekannte Dichter und Schriftsteller Washington Irving im Jahre 1832 die Prairien besuchte, mußte er die Thatsache bestätigen. In seinem hinreißend geschriebenen Buche „Ein Ausflug in die Prairien“, welches der Welt die Poesie der amerikanischen Steppe zum erstenmal enthüllte, schrieb er:

„Die Prairiehunde sind aber nicht die einzigen Bewohner dieser Dörfer. Eulen und Klapperschlangen sollen unter ihnen hausen, ob aber als geladene oder als zudringliche Gäste, darüber ist man nicht einig. Die Eulen sind von besonderer Art, sehen lebendiger aus, sind hochbeiniger, fliegen rascher als die gewöhnlichen und am hellen Tage. Nach einigen bewohnen sie nur die verfallenen Höhlen der Prairiehunde, welche von letzteren verlassen worden sind, weil ihnen ein Verwandter darin gestorben ist; es soll dem Gefühle dieser sonderbaren kleinen Geschöpfe zuwiderlaufen, an einem Orte zu bleiben, wo sie einen der Ihrigen verloren haben. Andere behaupten, die Eule sei eine Art Haushälterin beim Prairiehund, und da ihr Geschrei fast ganz so klingt wie das seinige, so meint man sogar, sie lehre die Jungen bellen und versehe so das Amt des Hauslehrers. Was die Klapperschlange betrifft, so konnten wir nichts Bestimmtes darüber erfahren, welche Rolle sie im Haushalte der kleinen Gemeinde spielt. Manche erklären sie geradezu für einen Schelm und Verräter und behaupten, sie nehme schnöderweise die braven, leichtgläubigen Prairiehunde zu sich, und daraus, daß man hin und wieder ein junges Mitglied der Gemeinde in ihrem Magen findet, geht sattsam hervor, daß sie sich insgeheim nach etwas Besserem als Aschenbrödelkost umsieht.“

Etwas anderes können heute nach sechzig Jahren die Naturforscher nicht aussagen. Einige meinen, daß an ein friedliches Zusammenleben der drei Bewohner nicht gedacht werden könne. Dr. O. Finsch erklärte dagegen auf eine Anfrage Brehms: „Jeder, welcher mit der Prairie und ihren Bewohnern vertraut ist – und ich erkundigte mich bei sehr verschiedenen durchaus glaubwürdigen Männern – weiß, daß Prairiehunde, Erd- oder Prairieeulen und Klapperschlangen friedlich in einem und demselben Baue beisammenleben. Ausstopfer im fernen Westen wählen das Kleeblatt mit Vorliebe als Vorwurf zu einer Tiergruppe, welche unter dem Namen ‚Die glückliche Familie‘ bei Ausländern nicht wenig Verwunderung erregt. Da ich in die Aussagen meiner Gewährsmänner nicht den leisesten Zweifel setze, stehe ich keinen Augenblick an, dieselben als wahr anzunehmen.“

Diese Erklärung braucht nicht als ein vollgültiger Beweis angesehen zu werden. Viele der sogenannten „Tierfreundschaften“ haben sich infolge genauerer Beobachtung als ein Zusammenleben von Tieren erwiesen, bei dem die Freundschaft nicht weit her ist und bei dem das schwächere Tier zwar seinen Vorteil wahrnimmt, aber stets auf der Hut vor dem stärkeren ist. Die Freundschaft zwischen dem Prairiehund, der Erdeule und der Klapperschlange harrt sonach noch einer annehmbaren Erklärung; vielleicht ist einer der Gartenlaubeleser in den Prairien des fernen Westens in der Lage, uns über diese rätselhafte Erscheinung eine bessere Auskunft zu geben. Auch hat, soviel wir wissen, die Leitung des Berliner Zoologischen Gartens die Absicht, dem Wesen dieser vielumstrittenen Tierfreundschaft durch besondere Versuche auf die Spur zu kommen. *