Elbeisgang

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Textdaten
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Autor: Louise Otto
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Titel: Elbeisgang
Untertitel:
aus: Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 58-60
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1840-1850
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Moritz Schäfer
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[58]
Elbeisgang 1845.


Weg von der Brust ihr starren Eiseslasten,
Ich kann auch fürder nicht darauf ertragen!
Auf einem Strom seh gern ich stolze Masten
Und höre gern die leichten Ruder schlagen.

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Und fühl ich einen Strom nicht in mir wallen

Des Herzens Fühlen in bewegten Wogen?
Drauf hört ich jetzt kein Fischerliedlein schallen,
Kein Schiff der Hoffnung kam einhergezogen.

Ja, alle Schiffe, die sonst schwer befrachtet

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Mit gold’nen Liedern da und dorthin fahren,

Sie lagen still, zerfroren und verachtet,
Traurig wie Todesbilder zu gewahren.

Der Weg der Töne zu des Ruhms Altären
War jetzt mir nur zur glatten Eisbahn worden,

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Gefroren fest von den erstarrten Zähren

Der Tausende die sich mit Liedern morden –

Denn Lieder Waffen sind, die uns verwunden,
Nicht fromme Kreuze um uns selbst zu segnen!
Denn Poesie schafft allen Schmerzensstunden

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Gefährlich ist’s der Muse zu begegnen.


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Nicht einmal diese Schmerzen sollt ich haben!

In mir war’s starr, kalt wie ein Wintermorgen.
Nur Eis und Schnee mein trotzig Herz umgaben,
Ich konnte nimmer seinen Schlägen horchen.

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Was draußen noch das Leben frisch bewegte,

Das hört ich an wie eine fremde Kunde,
Zu keiner Thräne sich das Auge regte.
Kein Seufzer kam, kein Wort aus meinem Munde

In mir war’s still und dumpf, ja todesstille.

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Nicht Schmerz, nicht Freude fühlt ich in mir wogen,

Gebrochen war die Thatkraft, war der Wille,
Wo Krähen krächzend um das Haupt mir flogen.

Und da geschah’s. Es kam ein mildes Wehen
Dann kam ein Sturm und brach des Stromes Banden

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Die Eisesschollen ließ er fast zergehen.

Und rief im Trotz: Der Frühling ist erstanden!

Und von den Türmen hallte Festgeläute,
Die Glocke rief: Es ist der Herr erstanden!
Der Schnee ertrug nicht diese Osterfreude,

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Er ward zunicht, er war vor ihr zu Schanden.


Da sank ich auf die Kniee brünstig nieder
Und meine Seele rief: „Ich bin erstanden!“
Ein Ostern, einen Frühling hab ich wieder,
Den freien Strom begrüß ich als Verwandten.

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Ein freier Strom braust wieder meine Lieder

Und grüßt mein Volk in allen deutschen Landen
Und alle Dichter grüßt die Hoffnung wieder:
Einst singen wir: „Mein Deutschland ist erstanden!“