Erinnerungen (Die Gartenlaube 1863)

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Autor: Franz Wallner
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Titel: Erinnerungen - Ein ungelöstes Räthsel
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[253]
Erinnerungen.
Von Franz Wallner.
Nr. 5. Ein ungelöstes Räthsel.

Croatien war vor 25 Jahren ein Land, welches dem gebildeten Publicum unbekannter war, als die Westküste von Afrika; ja theilweise ist es noch so, selbst von der croatischen Hauptstadt „Agram“ liest man nur selten dürftige Correspondenzen in deutschen Blättern. Meinen Einzug hielt ich dort vor vielen Jahren unter den trübseligsten Umständen, die ich bei einer anderen Gelegenheit meinen freundlichen Lesern bereits mitgetheilt habe.[1] Von Räubern mißhandelt, entkleidet und aus einer tiefen Kopfwunde blutend, fand mich ein bürgerlicher Samaritaner besinnungslos auf der Landstraße, und gewährte mir in seinem gastlichen Hause Pflege und Heilung.

Damals herrschten in Agram noch die absonderlichsten geselligen Zustände, und die öffentliche Sicherheit stand unter Null. Die Nähe der türkischen Grenze sicherte dem flinken Einbrecher, Dieb oder Räuber ein schnelles und strafloses Entkommen, und gewaltsame Anfälle auf das Eigenthum, ja das Leben der Einwohner gehörten selbst in den belebtesten Straßen und am hellen Tage keineswegs zu den seltenen Ereignissen. Wurde die Geschichte zu arg, nahm die Frechheit der Strolche zu sehr überhand, so wurde von Seiten der Behörden „Standrecht“ publicirt, d. h. die Verbrecher, die auf frischer That ergriffen wurden, sofort verurtheilt und hingerichtet; freilich kam dabei ein alter Spruch nur zu oft in Anwendung, denn auch die Agramer hingen, gleich den Nürnbergern, Niemand auf, ehe sie ihn hatten. Unter Trommelschlag wurde dann durch öffentliche Ausrufer publicirt, daß das Gericht, um den wiederholten Räubereien zu steuern, jedem Einwohner das Recht zuspreche, auf einen Fremden, der nach eingebrochener Dunkelheit in seine Wohnung eindringe und auf dreimaligen Anruf nicht antworte, zu schießen; ein Recht, von welchem ein dortiger Büchsenmacher sofort Gebrauch machte, indem er einen Gauner, der in nächtlicher Stunde durch ein Fenster seines Hauses steigen wollte, mitten durch die Brust schoß. Allein nicht nur mit den als vogelfrei erklärten Banditen standen die Behörden in offenem Kampfe, auch die Bürger machten nicht selten von dem Rechte des Stärkeren Gebrauch und sprachen dem Gesetze Hohn. Ich erinnere mich noch, welch enormes Aufsehen der Vorfall machte, als ein reicher Kaufmann, der zugleich Edelmann war, den Zollbeamten, welchen er mit Recht der Schmuggelei im großartigsten Maßstab verdächtig war, sein Haus verschloß und eine vollständige Belagerung desselben mit bewaffneter Hand abwehrte, indem er Jeden niederzuschießen drohte, der ohne seine Erlaubniß die Schwelle überschreite. So lag er mit seinem Personal mit Feuerwaffen an den Fenstern seines inmitten der Stadt gelegenen Hauses im Anschlag, während die Douaniers vor demselben campirten, aber wohl auf ihrer Hut, diesem näher zu kommen, als der Anstand forderte. Während der Zeit wurden die geschmuggelten Waaren von den im Hofe stehenden Wagen abgeladen und Nachts auf Hinterwegen bei Seite geschafft. Ich weiß mich nicht mehr zu erinnern, wie die Sache endete, und ob selbe Folgen hatte, nur ist mir noch gut im Gedächtniß, wie oft nach der Hand der Kaufmann die höheren Zollbeamten in Gegenwart von Zeugen hänselte wegen seines gelungenen Handstreiches, und wie diese den Hohn und den guten Wein des reichen Mannes geduldig hinabschluckten.

Ein pittoreskeres Bild, als der alljährlich abgehaltene Agramer „Viehmarkt“, zugleich das größte croatische Volksfest, gab, konnte keine Phantasie ersinnen. Auf einem ungeheuren Wiesenplan unfern der Stadt wurde es abgehalten und dauerte mehrere Tage und Nächte lang. Gerade die Nacht mit ihrem bunten Treiben hätte einem Breughel den prächtigsten Vorwurf für seinen genialen Pinsel geliefert. Zwischen den zahllosen, zum Verkauf herbeigebrachten Thieren und ihren Begleitern promenirten, von den vielen Zeltfeuern und dem Lichte des Vollmondes malerisch beleuchtet, der Edelmann und seine Dame im reichen Nationalcostüm; halbnackte Zigeunerhorden tummelten sich daneben um ein halbgebratenes Lamm, welches an einem improvisirten Spieß über einem riesigen Feuer schmorte; der kecke Csikos, die braune Bauerndirne trieben sich in der bunten, in alle Volkstrachten Ungarns, Serbiens und Croatiens gekleideten Menge umher; mächtige Weinfässer, von der Großmuth des Edelmanns gespendet, labten mit ihrem duftigen Inhalt Tausende von durstigen Kehlen und stimmten sie zu begeistertem Jubelrufe; die gut geschulten Militärmusiker zogen den Kürzeren im Wettkampf mit den elektrisirenden Klängen der Zigeunermusikbanden. Dazu ein Geheul in allen Menschensprachen, in allen Thierlauten; das Schmerzgebrüll des ertappten und sofort abgestraften Diebes mischte sich mit dem Jauchzen des Trinkers, der mit seiner Vernunft und seinem Gelde am Rande war; kurz ein Leben, wie es so betäubend, fast sinnverwirrend wohl kaum zum zweiten Mal zu finden sein dürfte!

Auf der sogenannten Harmitzen, einer kleinen, aus wenigen Häusern bestehenden Vorstadt Agrams, wohnte ich zusammen mit einem gewissen Lieser, der ein trefflicher Sänger, ein leidenschaftlicher Jäger und auch sonst ein ganz gebildeter umgänglicher Mensch war. In traulichem Gespräch streiften wir oft, Lieser stets mit der Flinte auf dem Rücken, in Feld und Wald umher, wo mir mein Freund, ein geborner Schweizer aus gutem Hause, durch seine Schilderungen der Wunder seines Heimathlandes oft die Sehnsucht nach der Anschauung desselben recht lebhaft rege machte. Damals war der Schauspieler in den Mittelstädten Ungarns und Croatiens noch ein äußerst unbedeutendes und über die Achsel angesehenes Geschöpf, dessen Schicksal vollständig in den Händen der Obrigkeit lag. Lieser war einem der dortigen Polizeiherren auf Rosenpfaden in’s Gehege gekommen, dieser ergriff die nächstbeste Gelegenheit – eine solche fand sich für die unverantwortliche, gefürchtete Polizeiwillkür stets – und ließ Lieser vorladen, um ihn über ein angebliches Versehen, nach welchem der Sänger auf der Bühne die Censurvorschriften überschritten haben sollte, zur Rede zu stellen. In rohester Weise fuhr ihn der Gewaltige an. Trotz dem, daß sich mein Freund erbot, durch Vorlegung des Soufflirbuches seine Unschuld auf das Schlagendste zu beweisen, überhäufte ihn der Stadtrichter doch mit den pöbelhaftesten Insulten und schloß seinen Sermon mit den Worten: „Bei nächster Gelegenheit lasse ich Sie auf die Bank niederziehen und Ihnen fünfundzwanzig herabhauen.“

„Herr Stadtrichter,“ entgegnete mein freimüthiger Schweizer, „daß Sie mich schlagen lassen können, weiß ich, denn Sie haben die Macht in Händen, daß Sie den Willen dazu haben, glaube ich auch; aber Sie wissen, ich bin ein guter Schütze, ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß ich auch ein guter Christ bin, der einen Eid für heilig hält, aber ich bin auch ein solcher, und so schwöre ich [254] Ihnen hier,“ fuhr er fort, indem er seine Finger auf das vor ihm auf dem Beamtentische stehende Crucifix legte, „wenn Sie mich heute prügeln oder irgendwie ungerecht behandeln lassen, so schieße ich Sie morgen nieder wie einen Hund. Jetzt lassen Sie mich prügeln, wenn Sie Muth haben!“

Diesen hatte der todtenbleich gewordene Mann der Gewalt nun allerdings nicht, er ließ den jungen Künstler während der noch kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Agram ungeschoren. Letzterer wurde im Jahre darauf das Opfer eines bösartigen Fiebers und liegt ferne von der geliebten Heimath in fremder Erde begraben.

Ich hielt es für nothwendig, diesen kleinen Charakterzug meines Freundes meiner eigentlichen Mittheilung vorangehen zu lassen, und fahre in meinen Erinnerungen fort: Agram liegt auf einer namhaften Anhöhe, das von uns bewohnte Haus in der oben erwähnten Harmitzen tief im Thale. Es war dies ein alterthümliches, der Gräfin M. gehöriges Gebäude, welches eine Masse kleiner umliegender, größtentheils von Seilern bewohnter Häuschen weit überragte. Diese standen auf der anderen Seite unseres Wohngebäudes, durch kleine mühselig erhaltene Gärtchen getrennt, während wir im Umkreis von 2–300 Schritten keinen Nachbar hatten. Die Gräfin selbst, eine höchst gebildete, liebenswürdige, alte Dame, gehörte einer ansehnlichen, aber verarmten Familie an, und hatte nur noch einen Sohn, der als Officier bei den Grenzern diente. Die tiefe Einsamkeit, in welcher die Gräfin jetzt lebte, die ihre Jugendzeit in glänzenden Verhältnissen in Wien und Paris zugebracht hatte, ließ es ihr wünschenswerth erscheinen, daß zwei junge, lebenslustige Bursche sich in ein paar leerstehende Stuben des unheimlichen Gebäudes einmietheten und durch Geplauder an berufsfreien Abenden ihr die Zeit vertreiben halfen. Die Miethe, die wir zahlten, war kaum der Rede wert und wurde uns in Punsch und anderer den jungen Mägen hochwillkommener Naturalverpflegung reichlich zurückerstattet an unseren Gesellschaftsabenden, denen sich ab und zu einige junge, zur Bekanntschaft ihres Sohnes gehörige Lieutenants anschlossen. Die Dame hatte viel erlebt, wußte ihre Erfahrungen anmuthig zum Besten zu geben, dazu ihr hoher Stand, die Würde, mit der sie alle Entbehrungen ertrug, und die Güte, mit welcher sie denen, die noch minder glücklich gestellt waren, als sie selbst, ihre kleinen Ersparnisse zu Gute kommen ließ: war’s Wunder, daß wir die alte Frau wie ein Wesen höherer Gattung anstaunten und verehrten?

Außer der Eigenthümerin, die den Vordertheil des Gebäudes einnahm, und uns, die wir zwei nach dem ungeheueren Hof zugehende, neben einander liegende Zimmer inne hatten, waren keine Bewohner der großen Räume vorhanden, denn das gräflich M.’sche Haus stand in dem Rufe ein „Spukhaus“ zu sein. Gerade dies war ein Hauptgrund, warum mein Freund Lieser mich beredet hatte, mit ihm dort einzuziehen; er hätte gar zu gerne ein Abenteuer mit Gespenstern bestanden.

Auf unser mehrmaliges Andringen, uns den Grund oder Ungrund der über ihr Haus herrschenden bösen Gerüchte mitzutheilen, gab uns die Gräfin zuerst ausweichende Antworten, später versicherte sie uns im vollen Ernst, daß es dort wirklich jedes Jahr einmal im Hause spuke, und zwar in der Mitternachtsstunde vor dem Christtage. Der Spuk äußere sich jedes Jahr anders, meist aber in unheimlichen, aus dem Hofe und in den Gängen schallenden Tönen. Das Gebäude sei früher ein Kloster gewesen, und in den langen, um das ganze Haus laufenden Corridoren sah man auf einer Seite Nischen und gegen den Hof zu arcadenartige Durchbrüche, in welche hohe, gothischen Fenstern ähnliche Oeffnungen ausgebrochen waren. In diesen Nischen soll in früheren finsteren Zeiten, einer alten Sage nach, mancher widerspenstige oder sonst gegen die strenge Clausur sich verfehlende Mönch, nach dem damaligen Klosterzwange zum Einmauern verurtheilt, sein Leben geendet haben. Mit dieser Sage brachte man die Spukgeschichten des Hauses in Verbindung. Die Gräfin behauptete, sie selber sei von dem Vorhandensein unheimlicher Mächte in demselben überzeugt, nie aber habe sie die Lust gespürt, dem Treiben der Geisterwelt nachzuforschen, sondern mit dem Beginn des verhängnißvollen Abends schließe sich Alles, was zu ihrem Hause gehöre, ein und suche die winselnden, ächzenden Töne, die hörbar durch alle Räume schallen, an sich vorüber gehen zu lassen, bis die Glocke ein Uhr schlage und die Bewohner wieder ein Jahr in Ruhe und Frieden leben könnten. Nie habe der Spuk irgend Jemand ein Leid zugefügt, nie aber habe auch, ihres Wissens, ein Frevler dort die Mitternachtsstunde der Christnacht außer seiner Stube zugebracht.

Dem Andringen Lieser’s, ihm zu erlauben, daß er der Erste sei, der dem Treiben unerklärlicher Mächte in’s Antlitz schaue, gab die Gräfin erst nach, als sie sah, daß alle Versuche, ihn davon abzubringen, fruchtlos waren. Auch ich willigte, auf dessen Aufforderung, das Abenteuer mit ihm in Gesellschaft zu bestehen, erst nach langem Zögern ein, und zwar, wie ich ehrlich gestehe, nur darum, weil ich mich schämte, meinem Freunde eine abschlägige Antwort zu geben.

Die verhängnißvolle Nacht rückte heran, von uns Beiden, jedoch mit ganz verschiedenen Empfindungen, wenn auch in gleich fieberhafter Spannung erwartet. Lieser tollkühn, voll frischen Mutes, seine Pistolen in Stand setzend, genau untersuchend, ich mich ernstlich prüfend, ob ich in der Geisterwelt Stand halten und im entscheidenden Momente nicht das Hasenpanier ergreifen würde. Mein Gewissen ließ die Frage unentschieden, und so sah ich nicht ohne Besorgniß die Stunden bis zur mitternächtlichen Frist immer rascher enteilen.

Die Gräfin hatte sich mit den Dienstleuten, nachdem nochmalige Warnungen vergebens an dem dicken Schweizerschädel Lieser’s abprallten, in ihre Gemächer zurückgezogen, und die lautlose Stille des Hauses wurde nur durch die dröhnenden Schläge der Kirchenuhr unterbrochen, die in meiner Brust ein Echo zu finden schienen. Vergebens suchte mich mein Camerad aufzuheitern; je mehr er mir das gänzlich Gefahrlose unseres Unternehmes vorzustellen suchte, desto wortkarger wurde ich, desto ungemüthlicher stellte mir meine Phantasie den wohlbekannten, langen Gang mit den niedrigen Brüstungen und den in den finsteren leeren Hofraum starrenden hohen Bogenöffnungen vor. Eine kleine Bowle trefflichen Punsches trug Lieser auf eine dieser Brüstungen, setzte zwei Stühle hinter dieselbe, die Pistolen scharf geladen, eine gewaltige Laterne mit brennendem Licht nebst Feuerzeug vor sich hin, und so begannen wir mit dem Schlag halb zwölf unsere Beobachtungsposten einzunehmen.

Von der Dehnbarkeit der Minuten, von der Endlosigkeit einer solchen Stunde kann sich nur der einen Begriff machen, der in ähnlicher Situation ein folgenschweres, ungeheueres Ereigniß erwartet, ohne sich vorher einen Begriff machen zu können, von woher und in welcher Gestalt es eintreten werde. Selbst mein Wagehals wurde stiller und stiller, die selteneren Mittheilungen zwischen uns flüsterten wir uns leise zu, von Zeit zu Zeit scheue Blicke um uns werfend. Das dampfende Getränk lud uns vergebens mit süßen Düften zum Genusse ein, die Gläser blieben leer, und die Sehnerven suchten vergebens das tiefe Dunkel des Hofraumes zu durchdringen, welches eine zweite von Lieser vorsorglich aufgehängte Laterne nur mit noch unheimlicheren Schlagschatten umgab.

Mitternacht schien heute ausbleiben zu wollen. Endlich dröhnte der erste Schlag der erwarteten Stunde, sein mächtiger Schall zuckte mir durch alle Nerven. Auch Lieser war todtenbleich geworden, selbst bei dem matten Licht der Laterne mußte ich dies bemerken. Mechanisch legte er die Hand auf die Pistole, eine zweite hatte ich mit gespanntem Hahn neben mir liegen, und fast tonlos hauchte er mir die Worte zu: „Wenn sich Jemand einen schlechten Spaß mit uns macht, so soll es ihm schlecht bekommen.“

Während ich die Schauer dieser Stunde zu schildern suche, wird mancher Leser, der diese Nummer der Gartenlaube in seiner sonnenbeschienenen heiteren Stube durchliest, lächeln über unsere unnöthige Angst, und keiner wird glauben, daß er in unserer Lage genau dasselbe Grauen empfanden haben würde.

Die Uhr hatte ihre zwölf Schläge verhallen lassen. Lautlose Stille rings umher. Lieser hatte sich erhoben, und sah in großer Erregung in den Hof hinab, über welchem sich in ruhiger Klarheit der gestirnte Himmel wölbte, an dem der Mond hervortrat, der sein zweifelhaftes Licht in die düstern Räume ergoß. Ich rückte meinen Stuhl fest an einen Pfeiler, der mir Schutz versprach, und stierte athemlos in den im tiefen Schatten liegenden endlosen Gang hinab. So verstrich langsam, ach wie langsam! eine endlose halbe Stunde. Bleischwer senkte sich ein verwirrender unruhiger Halbschlummer auf die übermüdeten Augenlider. Wie lange derselbe gedauert, wußte ich nicht zu berechnen, ich wurde, als die Glocke eben Eins schlug, von starken Schlägen, die mit gewaltiger Wucht an dem großen Außenthor thrönten, erweckt und fuhr entsetzt empor. Lieser stand, die Pistole im Anschlag, bereits aufrecht und winkte mir die Laterne zu nehmen. Wir schritten die Treppe hinab; das [255] Pochen dauerte in kurzen unregelmäßigen Pausen fort. Lieser voran, ich mit gehobener Laterne hinter ihm. Wie gerne wäre ich in der Mitte gegangen! Am Thore angelangt, donnerten uns die Schläge mit erneuerter Kraft entgegen.

„Wer ist da?“ rief Lieser.

„Bitte,“ scholl von außen eine ängstliche Stimme, „öffnen Sie, um Gottes Willen.“

„Wer sind Sie?“

„Die Seiler aus der Nachbarschaft. Oeffnen Sie nur.“

Ich steckte den Schlüssel an, den ich in Verwahrung hatte, Lieser stieß das Thor mit Heftigkeit auf. Vor demselben stand, vom Mondlicht bestrahlt, eine Anzahl Männer in halben Nachtkleidern, Schreck und Angst stand leserlich in ihren bleichen Zügen. Auf die Frage, was geschehen sei, erzählten sie, daß seit längerer Zeit aus dem offenen ungedeckten Hofe unseres Hauses die entsetzlichsten Töne erschollen seien, wimmernd, schreiend und wehkagend, als ob hundert Menschen unter den fürchterlichsten Martern gefoltert würden; da hatten sie sich endlich ein Herz gefaßt und hätten, nachdem sie lange von außen zugehört, an’s Thor geklopft, weil sie ein Unglück gefürchtet.

Wir sahen uns betroffen in die bleichen Gesichter. Wir innerhalb der Mauern des Hauses, aus welchem die gräßlichen Laute erschollen sein sollten, hatten keinen Laut, keinen Ton gehört! Die unheimlichste Stille hatte uns eine Stunde lang auf die Folter gespannt! – Ein absichtlicher Betrug war wohl kaum denkbar. Die armen Seiler, rohe ungebildete Halbbauern, waren nicht im Stande, Schreck und Angst so vortrefflich zu heucheln, daß zwei junge Schauspieler dadurch vollständig getäuscht werden konnten, selbst angenommen, daß die Gräfin zu einer solchen Täuschung ihre Hand geboten hätte, was gar nicht mit ihrer Würde und ihrem Charakter vereinbar war.

Genug, das Räthsel wurde uns nie gelöst, und bis zur Stunde weiß ich noch nicht, ob die geheimnißvollen Töne in der Einbildung der Nachbarn existirt haben, oder ob ein toller Spuk unsere eigenen Sinne dergestalt umnebelt hatte, daß die äußeren Eindrücke für uns verloren gingen. Weder ich, noch Lieser wußte sich klar zu machen, was wir von halb ein Uhr bis Eins gethan oder beobachtet hatten, ehe uns die Schläge an dem Thorflügel der Außenwelt zurück gaben. Gerade in der Einfachheit der Mittheilung jener schlichten Leute lag für uns eine erschütterndere Wirkung, als die seltsamsten Phantome hätten hervorbringen können.

Wir verließen bald darauf die Wohnung und ich die Stadt, ohne je wieder etwas von der Gräfin M. und ihrem Spukhause gehört zu haben. [2]


  1. Aus dem Tagebuche des alten Komödianten. Leipzig, im Verlage von Otto Wigand: der arme Josy.
  2. Es wäre dem Schreiber dieses ein Leichtes gewesen, einen befriedigenderen Schluß zu erfinden, da er die Ueberzeugung in sich trägt, daß eine natürliche Lösung des Räthsels vorhanden sein muß. Da ich aber dieselbe nicht gefunden, so ziehe ich es vor, dieses Erlebniß wahrheitsgetreu zu schildern, ohne Zusatz, ohne Ausschmückung, als ein Geheimniß, zu dessen Aufhellung ich wenigstens keinen Schlüssel entdeckt habe.
    Anmerk. d. Verf.