Erinnerungen (Die Gartenlaube 1872/36)

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Autor: Franz Wallner
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Titel: Erinnerungen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 586–589
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Erinnerungen.


Von Franz Wallner.


Nr. 6. Der erste Brand des Lehmann’schen Circus. – Vom Kaiser Nicolaus. – Beckmann. – Beckmann auf der Eisenbahn. – Beckmann’s Frau. – Lortzing. – Emil Devrient.


Vor Kurzem habe ich eine Zeitungsnachricht aus Petersburg gelesen, nach welcher der dortige Circus von Lehmann abgebrannt ist. Das wüthende Element hat dies aus Holz gebaute Volkstheater, in welchem komische Pantomimen und ähnliche Spectakelstücke aufgeführt werden, zum zweiten Male vernichtet, das erste Mal vor einer langen Reihe von Jahren, unter Umständen, welche einen Schrei des Entsetzens durch das ganze weite Reich hervorriefen.

Die ungeheure Holzbude, welche sechstausend Zuschauer fassen konnte, gab während der Maslanitza – der Butterwoche, ähnlich unserer letzten Carnevalszeit – von zwei zu zwei Stunden je eine Vorstellung, zu welcher sich alle Volksclassen drängten. Der Eigenthümer, unter dessen Leitung die sogenannten schwedischen, sehr hübsch ausgestatteten und geschmackvoll scenirten Ballets gegeben wurden, lebte von dem reichem Ertrage der einen Woche, während welcher allein diese Gattung von Schaustellungen erlaubt und von dem Privilegium der kaiserlichen Hoftheater nicht verdrängt wurde, das ganze Jahr herrlich und in Freuden und wurde, trotzdem der Aufbau des luftigen Hauses und die für die kurze Frist eigens verschriebenen Künstler namhafte Summen kosteten, doch ein reicher Mann. Man kann sich also einen Begriff machen, welch enorme Einnahmen in diesen wenigen Tagen in dem Lehmann’schen Theater gemacht wurden. War eine Vorstellung beendet, so harrten schon Tausende einlaßlechzend auf die folgende; hatte das ungeheure Gebäude nach einer Production die Menge durch die geöffneten Thore entlassen, so strömte eine neue Völkerwanderung herbei, um die geleerten Räume zu füllen. Das Parterre allein zählte über tausendachthundert Sitzplätze. Der tolle Zauberspuk „Der grüne Teufel“ hatte wieder alle Plätze wie in einer Heringstonne voll Zuschauer gepreßt, es war die letzte Abendvorstellung, kurz vor elf Uhr Nachts. Rings auf dem großen Platz tummelte sich, fest gestaut und jubelnd, zwischen den zahlreichen Buden, Schaukeln, Eisbergen, Steinobst-, Schnaps- und Theeverkäufern eine ungeheure Menschenmenge, über welche die gewaltigen Flammen der brennenden Theerkörbe ihr phantastisches Licht ausgossen.

Das brüllende tausendstimmige Lachen aus der Lehmann’schen Bude übertönte den Lärm der übrigen Bevölkerung. Plötzlich verstummten die heiteren Töne, ängstliche schrille Hülferufe ertönten von innen, und als man, dem Angstgeschrei Rechnung tragend, in die Hütte eindringen wollte, um Rettung zu bringen, fand man alle Thüren von innen fest verrammelt. Ungeheure erstickende Rauchwolken lagerten sich um das Gebäude, und helle Flammen schlugen von dem Bühnenraum aus in die Höhe.

Durch einen unglücklichen Zufall war eine Decoration brennend geworden, das Feuer hatte sich, gelockt von dem aufgehäuften Brennmaterial, demselben mit Blitzesschnelle mitgetheilt, und ehe man noch die Tragweite des Unglücksfalles ermessen konnte, hatte das verheerende Element schon solche Fortschritte gemacht, daß an Rettung des luftigen Hauses nicht mehr zu denken war. Der Pierrot, dessen schreckensbleiche Wangen unter der weißen dicken Schminklage nicht bemerkt wurden, trat vor das Publicum und bat, das Haus schnell zu räumen, da in demselben Feuer ausgekommen sei. Ein brüllendes Gelächter antwortete dem vermeinten Spaß des Clowns. Da trat dieser an die Hintergardine, zog sie in die Höhe und zeigte dem entsetzten Publicum die brennende Wand, welche schon lichterloh den Bühnenraum abschloß. Mit einem Schrei der Verzweiflung stürzte sich Alles nach den Ausgängen, deren Thüren sich aber sämmtlich nur nach innen öffnen ließen. Die tobende, nach vorn rasende Menge drückte Jene, die zuerst die Ausgänge erreicht hatten, so fest an dieselben und die Wände, daß an ein Oeffnen der Thüren nicht zu denken war. Das Geschrei der Armen wurde von dem tobenden Gebrüll der Nachdrängenden übertönt und blieb unverstanden, die Stärkeren schritten hinweg über die Uebrigen, zerquetschten und zertraten dieselben, dichte, immer qualmendere Rauchwolken lagerten sich über die kreischende, verzweiflungsvolle Menschenmasse, die Glücklicheren erstickend, während die Uebrigen dem heißen Flammentod vergebens zu entrinnen suchten. Draußen arbeiteten tausend Hände vergebens, um die festgefügten Latten auseinanderzureißen. Bis die nöthigen Instrumente herbeigeschafft wurden, erstarb das entsetzliche Geschrei der Eingeschlossenen, der Tod hielt seine glühende Ernte. Kaiser Nikolaus war aus dem nahen Winterpalais herbeigeeilt, er entriß einem arbeitenden Muschik das Beil und arbeitete schweißtriefend am vergeblichen Rettungswerke. Als man eine breite Oeffnung in die hölzerne Wand gerissen hatte, fielen die Leichen der Erstickten den Hülfebringenden entgegen, während die verbrannten Cadaver aus dem Innern die Luft mit ihrem entsetzlichen Geruch erfüllten.

Ueber die männlichen Wangen des Kaisers rollten heiße Thränen; beinahe wäre er von einem stürzenden Balken erschlagen worden, wenn ihn nicht zu rechter Zeit, im letzten Augenblicke, ein bärtiger Arbeiter so heftig am Rockkragen zurückgerissen hätte, daß der Czaar zu Boden stürzte. Der Retter des Monarchen war inzwischen verschwunden, und selbst die Aussicht auf eine öffentlich zugesicherte große Belohnung konnte denselben nicht bestimmen, aus dem Dunkel hervorzutreten. Wahrscheinlich fürchtete er dafür, daß er die „geheiligte Person“ so rauh angefaßt, Strafe statt Belohnung; möglicher Weise war er auch später bei dem fortgesetzten Rettungswerke mit den Vielen, die ein gleiches [587] Schicksal ereilte, verunglückt; kurz, Niemand erfuhr mehr etwas von ihm. Der Volksglaube, wahrscheinlich lebhaft von der Polizei unterstützt, machte später aus dem Bauer einen Engel, der zur Rettung des Czaars auf die Erde herniedergeschwebt und nach vollbrachtem Werke, wie der Führer des österreichischen Max von der Martinswand, wieder verschwunden war.

Im nächsten Jahre wurde die Lehmann’sche Bude an derselben Stelle wieder aufgebaut, und die Vorstellungen wurden bei ungeschwächtem Besuch wieder aufgenommen.

Es war damals eine gar wunderliche Zeit in Petersburg – um Vieles verschieden von der jetzigen, die man unbedingt eine bessere nennen darf. Trotz des strengen Regimentes, welches Kaiser Nicolaus führte, Bestechung und Willkür an allen Orten und Enden. Wenn er im Winter eine Reise antrat, so eilte ein Bevollmächtigter voraus, der die sonst fast unwegsamen Straßen im Innern des ungeheuren Reiches mit enormen Kosten so glatt machen ließ, daß der Czaar, in dem Wahne, es sei überall im Lande so, auf ebener Bahn wie auf einem Tisch dahinfuhr, in heller Freude über die vortrefflichen Maßregeln seiner Verwaltungsbehörden.

Ich bekam einst zehn Pfund Chocolade von Stettin als Geschenk zugesandt und sollte dafür eine verhältnißmäßig enorme Summe Zoll bezahlen. Ich weigerte mich, diese zu entrichten, und erklärte, das Paket lieber zurücksenden zu lassen.

„Wie viel ist Ihnen die Chocolade werth?“ frug der Bureauchef mit breitem Ordensband um den Hals durch einen deutschen Freund, der, in Petersburg geboren, mit allen dortigen Verhältnissen vertraut, mich zum Zollamt begleitet hatte.

Fünf Rubel höchstens,“ gab ich zur Antwort.

„Wenig, wir sind unser Sechs,“ erwiderte der kaiserliche Beamte. „Nun geben Sie her! Einer meiner Leute wird Ihnen die Chocolade rückwärts in die Tasche stecken. Drehen Sie sich um!“

Dies geschah, man hing mir den Mantel über, und ich fuhr nach Hause, wo ich allerdings statt zehn nur sechs Pfund in meiner Tasche vorfand. „Zu wenig, wir sind unser Sechs,“ bleibt mir unvergeßlich.

Der stolze und mächtige Kaiser, dessen Blick durchbohrte, wen er im Zorn traf, konnte in Heiterkeit überströmen, wenn er auf den Maskenbällen, die im großen Theater gegeben wurden, intriguirt wurde. Freilich durften nur Damen wagen, den hohen Herrn anzusprechen, gleichgültig welcher Art dieselben waren, wenn sie nur gut und witzig in französischer Sprache zu parliren verstanden. Niemand durfte ihn mit seinem hohen Titel ansprechen, Kaiser Nicolaus war an solchen Tagen nur Maskenballgast, nichts weiter.

Manchmal verstand er Spaß, oft aber nahm er solchen sehr übel.

Es ist bekannt, daß der Kaiser in der Osternacht beim Austritt aus der Kirche mit den Worten: „Christus ist erstanden!“ die Schildwache, welche den Posten vor dem Gotteshause inne hat, umarmt, worauf diese antwortet: „In Wahrheit, Christus ist erstanden.“

Einmal aber erhielt der mächtige Monarch die Entgegnung: „Es ist nicht wahr!“ Als der Czaar entsetzt zurückprallte, setzte der Soldat hinzu: „Majestät, ich bin ein Jude.“ Der Mann wurde abgelöst, und die einzige Folge seiner Kühnheit war ein kaiserlicher Befehl, daß in Zukunft in der heiligen Nacht nie mehr ein Jude auf diesen Posten gestellt werden dürfe.

Viel schlimmer kam ein Adjutant des allmächtigen Fürsten Kleinmichel, Herr v. N., fort, der als erklärter Anbeter der schönen Kunstreiterin Laura Bassin, die auch in Deutschland bei der Gesellschaft Lejars u. Cuzent einst durch ihre Reize mehr als durch ihre Kunstleistungen Aufsehen erregte, ein täglicher Besucher des Circus war. Als einst die schöne Laura, welche täglich das schwierige Manöver producirte, wie oft man nach allen Richtungen vom Pferde fallen könne, ohne sich das Genick zu brechen, dies Kunststück eben auf der Probe wieder mit gewohntem Glück in Scene setzte, sprang Herr v. N. wüthend über die Barrière und drang auf Cuzent mit heftigen Vorwürfen ein, daß er seiner Angebeteten „ein zu schlechtes Pferd gegeben“.

„Wenn Sie nicht augenblicklich die Reitbahn verlassen, so peitsche ich Sie hinaus wie einen Stallknecht,“ erwiderte der heißblütige Franzose.

Wüthend und schimpfend entfernte sich, heftige Drohungen ausstoßend, Herr v. N. An demselben Abende führte ihn sein Unstern in eine Soirée bei Fürst Kleinmichel, wo er die Tactlosigkeit hatte, dem Kaiser den Vorfall zu melden. „Und Sie tragen noch Uniform?“ herrschte ihn durchbohrenden Blickes der Czaar an. Vergebens war alle Verwendung seiner hochgestellten Gönner, der russische Officier mußte den Dienst quittiren und bereiste später, als mein College, mit einer mittelmäßigen italienischen Operngesellschaft die Provinzstädte des hohen Nordens. Zu Cuzent aber sagte der Kaiser nach einigen Tagen bitter scherzend: „Was haben Sie denn mit N. vorgehabt? Ich werde Ihnen einen Ring durch die Nase ziehen lassen und Sie nach Sibirien senden.“

Verhängnißvoll war das Geschick, durch welches diese berühmteste aller Kunstreiterfamilien in Petersburg den Gipfel ihres Glücks erreichte und später Alle ihr Ende fanden. Lejars starb an der Cholera, seine bildschöne Wittwe heirathete den französischen Schauspieler Monzause, der ihr Vermögen schleunigst im Spiel vergeudete, der feingebildete Paul Cuzent erlag der Schwindsucht, seine Schwester Pauline folgte ihm bald an derselben Krankheit, ihre Habe wurde zwei Tage lang öffentlich versteigert; in der Ankündigung der vorhandenen Effecten hieß es: „Viele Diamanten – ein wenig Leibwäsche.“

Alle Mitglieder der russischen Kaiserfamilie liebten auf der Bühne die Komik. Dem Komiker des russischen Theaters, der oft die Ehre hatte, in die Hofloge gerufen zu werden, wurden sehr oft die derbsten Scherze nachgesehen. Als der unvergeßliche Beckmann in Karlsbad einst eine Abendunterhaltung bei einer russischen Großfürstin durch seine unvergleichliche Laune belebte und alle Anwesenden, der jetzige deutsche Kaiser voran, sich vor Lachen ausschütten wollten, nahm ein geistreicher Hofmarschall den genialen Künstler bei Seite und sagte: „Wie machen Sie das, lieber Herr Beckmann, daß sich Alles so amüsirt? Wir haben in Petersburg auch Komiker, sehr gute Komiker, o sehr gut, aber man lacht nicht über sie!“

Beckmann! trefflichster aller Komiker, witzigster, gutmüthigster aller Menschen, welche Erinnerungen weckst du in mir! – Kaum dürfte je ein Künstler mit weniger äußeren Hülfsmitteln[WS 1] so enorme reuelose Heiterkeit erweckt haben, als der geniale Fritz! Wer ihn in heiterer Gesellschaft den „Sonntagsjäger“ mit dem Kehrbesen statt dem Gewehr in der Hand darstellen sah, oder den „Concertgeber“ mit der verstopften Clarinette, oder den sich stets versprechenden „Bürgermeister“ einer kleinen Stadt beim Empfange einer fürstlichen Person, dem lacht jetzt noch das Herz im Leibe, wenn er an diese außertheatralischen Leistungen des großen Fritz denkt. Dabei die Bescheidenheit selbst, der beste College, der prächtigste Camerad! – Es gab nur einen Menschen, den er hassen gelernt und der ihm allen Grund, die vollste Veranlassung zur Idiosynkrasie gegeben hatte. Wir wollen den Mann, der noch lebt und an dem das Schicksal das Herzeleid rächte, welches er dem armen Beckmann zugefügt, aus Schonung „Meyer“ nennen.

„Wo haben Sie denn Ihren Hund, Herr Meyer?“ frug ihn Fritz einst auf der Probe.

„Ich habe ja keinen Hund.“

„Nicht? Nun, was will denn Vorstl? Er frug mich so eben: ‚Hast Du den Hund von Meyer nicht gesehen?‘“

Das war das Schlimmste, was er je einem Menschen zu Leid gesagt. Der kleine Vorstl war Beckmann’s unzertrennlicher Begleiter, auf der Jagd, auf Reisen, bei Gastspielen: kein Beckmann ohne Vorstl. Nun war Fritz ein ängstlicher Mensch, er, der unter so bitteren Schmerzen sterben mußte, hatte eine unbeschreibliche Furcht vor allem Wehe, eine unnennbare Angst vor jeder, auch der kleinsten Gefahr. Früher ein alljährlicher, in jedem Kreise gern gesehener, sehnlich erwarteter Curgast in Karlsbad, zog er stets in Freund Vorstl’s Begleitung dahin. Letzterer, in der Gegend von München daheim, lamentirte stets, daß er, so nahe den Seinigen, doch während einer langen Reihe von Jahren nie so glücklich gewesen wäre, seine nächsten Verwandten aufzusuchen.

In gewohnter Gutmüthigkeit beschloß nun Beckmann allein zu reisen und den Freund auf seine Kosten zu seinen Geschwistern nach München gehen zu lassen. Die Eisenbahn ging zu jener Zeit nur bis Schwarzenberg, wohin der Eilwagen unseren Fritz [588] führte. Todmüde und ängstlich, wie immer, drückte er dem Conducteur, der, wie alle seine Collegen, auch damals schon für landesübliche Münzen eine kleine Vorliebe hatte, einen Thaler mit vielsagendem Blick in die Hand, der mit verständnißvollem Kopfnicken erwidert wurde. Beckmann hatte es sich kaum recht bequem gemacht, die Glocke gab das letzte Abgangszeichen, da schob der Zugführer eine bärtige Riesengestalt zu ihm in’s Coupé, mit den Worten: „Entschuldigen Sie, es ist alles überfüllt, der Herr reist nur bis Leipzig mit!“

Nur bis Leipzig,“ brummte der Komiker, „gerade so weit als ich.“

Mit einem tiefen Seufzer rückte er, in sein Geschick ergeben, in eine Ecke, da zeigte ihm ein Blick auf sein Gegenüber, im schwanken Licht der Bahnhofsbeleuchtung, daß der aufgedrungene Reisegefährte einen breiten Ledergurt um den Leib trug, aus welchem der Handgriff eines gewaltigen Messers emporstieg.

„Die Laterne in unserem Waggon brennt ja nicht,“ rief Beckmann mit gepreßter Stimme aus.

„Wozu brauchen wir denn eine Laterne in der Nacht? man schläft viel besser im Finstern,“ meinte das vis-à-vis im tiefsten Grundbaß.

„Da will ich doch lieber in einen andern Wagen –“

Der schrille Abgangspfiff schnitt die Schlußrede ab, der Zug setzte sich in Bewegung. Sehr gesprächig waren die beiden Reisegefährten nicht. – Der Riese machte sich’s bequem und legte Gurt und Messer über sich in’s Netz.

„Sie haben da ein sehr schönes Messer,“ meinte Beckmann.

„O, ich habe da noch ein besseres,“ murmelte der unheimliche Camerad, indem er ein gewaltiges Mordinstrument aus dem hohen Stiefel hervorholte und zu dem andern legte.

Der entsetzte Fritz rückte weit ab und blinzelte unter scheinbar geschlossenen Augen auf den Nachbar hin, der seinerseits Beckmann anstarrte. – Lange Pause! –

„Sie haben da eine sehr schöne goldene Uhrkette,“ frug der Unbekannte wieder.

„Sie ist falsch, ganz falsch,“ erwidert hastig Beckmann; „denken Sie sich,“ fährt er gezwungen lachend fort, „ich habe heute an einem gewissen Ort meine Uhr an der echten Kette und meine Geldbörse vergessen. Fatal – sehr fatal, aus einem Thaler besteht mein ganzes Reisegeld.“

Mit diesen Worten verbarg er die schwere Kette in die Tasche, und als er den mißtrauischen Blick seines Gefährten bemerkte, gab er ihm die Versicherung, das habe nichts auf sich, in Leipzig sei er sehr bekannt, dort bekomme er wieder Geld geliehen. – –

„Station Zwickau!“ rief der Conducteur.

„Herr Conducteur,“ rief Beckmann, herausspringend und ihn am Kragen fassend, „lassen Sie mich in ein anderes Coupé, wenn es auch mehr besetzt ist.“

„Nich das kleenste Plätzchen, mein gutes Herrchen, uf der nächsten Station, in Werdau, will ich Sie anders placiren, wenn Sie durchaus wollen, dort is Abgang! – Aber Herrjemersch, Sie sitzen ja ganz gut, warum wollen Sie denn wechseln?“

„Weil in dem Wagen kein Licht brennt, ich kann auf der Eisenbahn nicht im Finstern schlafen.“

„I du meine Güte, das will ich Sie gleich anzünden, steigen Sie nur ein, wir fahren gleich ab.“

Bei der nun brennenden Laterne kommt ihm die riesige Gestalt seines unheimlichen Reisegefährten noch gefährlicher vor als früher.

„Wozu brauchen Sie denn Licht?“ fuhr er ihn an.

„Weil ich nicht gerne im Dunkeln schlafe.“

„So, warum haben Sie denn in einem andern Waggon fahren wollen?“

„Weil ich im Schlafe so stark schnarche und Sie nicht geniren will.“

„Dummheiten!“ brummte der Fremde, und legte sich wieder in der Ecke zurecht.

Während der Zeit zog Beckmann sein Notizbuch hervor und schrieb bei dem unsicheren Scheine des Wagenlichtes folgenden Zettel:

„Vorstl ist nicht mein Mörder! Ein großer starker, mit zwei Messern bewaffneter Mann, mit vollem Bart, hat mich im Coupé meuchlings überfallen. Vorstl ist in München bei seinen Geschwistern und unschuldig an meinem Tod. Fritz Beckmann.“

Das Blatt schob er vorsichtig unter die Kissen seines Sitzes.

„Haben Sie Feuer?“

„Nein, ich rauche nicht.“

„Sie haben auch gar nichts, kein Geld, keine Uhr, kein Feuer!“

„Ja, ich bin schon so! Sie sind wohl sehr bekannt in dieser Gegend?“

„In dieser Gegend? Das will ich meinen. Jeden Baum, jeden Stein hier im Wald kenne ich. Meine Leute sind auch hier vertheilt.“

Der Geheimnißvolle zog eine kleine Metallpfeife hervor, und auf einen schrillen Pfiff tönten rechts und links ähnliche durchdringende Laute durch den Wald herüber.

Beckmann war mehr todt als lebendig.

„Station Werdau!“ klang es wie Paradiesesruf.

„Station Werdau, ich werde wohl hier über Nacht bleiben,“ rief Beckmann leichten Herzens, seine Reisetasche ergreifend. „Leben Sie recht wohl, es war mir sehr angenehm Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Adjes, Herr Beckmann!“

„Sie kennen mich?“ rief der Komiker ganz erstaunt.

„I, wo werd’ ich nich! Ich komme alle Woche ein Mal nach Wien. Ich bin der Hofschlächter L. … und lasse eben eine Herde Ochsen nach Leipzig bringen. Sie haben mir wohl vor eenen Spitzbuben gehalten?“

„I, wo werde ich!“ rief der über diese Lösung des Mißverständnisses hocherfreute Beckmann. „Na, denn is es nix mit Werdau! Wenn Sie erlauben, lieber Freund, so fahre ich mit Ihnen bis nach Leipzig!“

„Thun Sie das, mein lieber Herr Beckmann, und morgen trinken wir bei Redslob eene feine Pulle zusammen!“ –

Beckmann war, wie viele Künstler, etwas eitel und sehnte sich sehr nach einem bunten Bändchen in sein verwaistes Knopfloch. Er hatte einst einem Freund mit Gefahr seines eigenen Lebens das seine gerettet und von Sr. Majestät dem König von Preußen ausnahmsweise die Erlaubniß erhalten, die Rettungsmedaille am Bande des rothen Adlerordens zu tragen. Der wirkliche rothe Adlerorden war das Ziel seiner Sehnsucht, vor der Hand trug er das Band ohne Medaille. „Wollen Euer Majestät denn wirklich dies naturgemäße Verhältniß trennen?“ frug er bei der Audienz den König von Preußen, auf das ordenslose Band zeigend. Als ihm Se. Majestät auf der Promenade in Karlsbad begegnete und ihn frug, warum er hier sei und was ihm fehle, antwortete er mit einem schüchternen Blick auf das leere Knopfloch seines Rockes: „Ja, Majestät, ich habe schreckliche Kreuzschmerzen!“

Beckmann’s Frau, geborene Muzarelli, war eine der hübschesten und liebenswürdigsten Bühnenerscheinungen, eine höchst talentirte Sängerin und Tänzerin, eine humorreiche Soubrette. Ihr winziges Füßchen und ihre reizende kleine Hand galten als Merkwürdigkeit in der Theaterwelt. Director Carl extemporirte einmal auf der Bühne, und sagte, sie wäre eine Mißgeburt, denn sie habe nur ein Stückchen Fuß.

Bei einem Gastspiel in Triest trat sie in der Titelrolle der Oper „Die Stumme von Portici“ auf. Als sie nun tanzend die Bühne betrat, hatte die Künstlerin unglücklicher Weise ein über dieselbe gespanntes Seil übersehen, welches zur Befestigung der Versetzstücke angebracht war, und die Stumme stürzte mit dem Schreckensschrei: „Jesus, Maria und Joseph!“ der Länge lang auf den Boden hin. Die drastische Wirkung dieser Heilung und Lösung der Sprachwerkzeuge kann man sich denken, das Haus erdröhnte von nicht enden wollendem Gelächter.

Eine wahrhaft herzerquickende, jetzt leider gänzlich verschwundene Cameradschaft herrschte damals in der Theaterwelt. Ich komme wohl ein Mal auf eine Reihe heiterer und rührender Züge aus dem Zusammenwirken der Bühnenangehörigen aus meiner Zeit zurück, jetzt sei nur eines solchen Erlebnisses gedacht: Lortzing, der deutsche Offenbach ohne französische Liederlichkeit, schrieb zu seinen reizenden Opern, für die alle zusammen er von sämmtlichen Bühnen nicht so viel Honorar erhielt, als sein Nachtreter jetzt von einer bezieht, auch die Texte gemeinsam mit Düringer und Reger, die damals zugleich mit ihm am Stadttheater in Leipzig engagirt waren. Einen Tag vor der [589] Ziehung hatte Lortzing von Reger ein Viertelloos zur Staatslotterie gekauft. In Arbeit vertieft, die Kaffeetasse mit seinem bescheidenen Frühstück vor sich, saß der wackere Albert Morgens in seiner Stube, als Reger in’s Zimmer stürmte, ihm um den Hals fiel und jubelnd ausrief:

„Bravo, mein Junge, Dir gönne ich es! bist ein braver Kerl, ein vielkinderiger Familienvater, ich gönne es Dir von Herzen!“ Dabei schlug er dem Erstaunten die Tasse aus der Hand, zerschmetterte zwei Fensterscheiben und eilte jauchzend die Treppe hinab.

Lortzing blieb erstarrt sitzen und glaubte, sein Freund sei plötzlich verrückt geworden. Später erfuhr er, daß sein Viertelloos, welches er von Reger gekauft hatte, mit der Summe von tausend Thalern herausgekommen sei, ein Glücksfall, welcher ihm auf so wunderliche Weise gemeldet wurde. –

Wie neidlos man damals miteinander verkehrte, wie herzlich man sich erfreute an den glücklichen Erfolgen der Collegen, darüber denke ich in der nächsten Zeit eine Reihe Erinnerungen zu bringen, die sich an die wohlklingenden Namen Holtei, Ferdinand Raimund, Scholz und Nestroy knüpfen.

Alle, Alle sind sie heimgegangen. Nicht das „Altwerden“ ist das Schlimmste am Menschendasein, ein kräftiges Alter erreichen ist ein Segen der Vorsehung, aber im Alter zu vereinsamen, Einen nach dem Andern hinsterben zu sehen, die mit uns jung und froh gewesen, das ist schmerzlich, das ist die schwerste Bürde, die uns das Schicksal auferlegt.

Während ich diese Zeilen schreibe, haben sie wieder Einen eingesargt, mit dem mich mehr als ein Vierteljahrhundert treue Freundschaft verbunden, dessen Name mit den besten aller Zeiten in seinem Fache wird genannt werden: Emil Devrient! Tüchtiger unersetzlicher Künstler, zartbesaiteter feiner Mensch, guter Vater, braver College, fahre wohl! fahre wohl! – Vor wenig Wochen noch traf ich ihn heiter und lebensfroh im Leipziger Theater, wo wir einer trefflichen Aufführung der Oper Diana de Solange mit der wärmsten Theilnahme beiwohnten. Pläne für die nächste Zukunft wurden gemacht, eine gemeinschaftliche Reise nach Wien verabredet, nach Wien, wo wir vor fast dreißig Jahren eine unvergeßliche, angenehme Zeit verlebt hatten, wo ich Zeuge eines Schauspielertriumphes war, wie ihn, außer Emil, kaum ein zweiter Mime erlebt haben dürfte. Devrient, der gefeierte Künstler, wurde außer seinem Wirkungskreise von Mädchen und Frauen aus allen Classen der Gesellschaft in einer Weise verfolgt, die man erlebt haben muß, um daran zu glauben. Stoßweise, oft ungelesen, wurden zarte duftende Billetchen verbrannt, ungescheut setzten vornehme Damen ihren Ruf, ihre Existenz auf’s Spiel. Der feinfühlende Gentleman sprach nie über diese Erfolge, nur ich als sein alter ego wußte darum.

Als am letzten Tage seiner Anwesenheit in Wien – er gab einen endlosen Cyclus von Gastrollen bei Carl im Theater an der Wien – lange nach Mitternacht der Wagen, mit Extrapostpferden bespannt, ihn der Residenz entführen sollte, waren wir nicht wenig erstaunt, diesen von einer unabsehbaren Schaar eleganter Damen umringt zu finden, alle ein Andenken zu erbitten, sei es auch nur eine Blume von den zahllosen Kindern Flora’s, die ihm bei seiner letzten Gastrolle gestreut wurden. Mit seinem Lächeln in dem edlen Antlitz dankte Devrient für die ihm erwiesene Güte und ersuchte die Damen, sich am andern Tag von mir die gewünschten Blumen holen zu lassen, da er alle in meine Wohnung geschickt habe. Welch einen bösen Dienst er mir mit diesem Abschiedsscherz erwiesen, wußte nur ich, auf wochenlang „war meine Ruhe hin“.

Wunderbarer Weise war der Erfolg der ersten Rolle Emil’s in Wien kein durchschlagender, derselbe baute sich erst nach und nach so riesenmäßig empor. Der Vergleich mit dem wildromantischen Ludwig Löwe und dem im Lustspiel hinreißenden Fichtner fiel anfangs nicht zu Gunsten der ruhigen classischen Spielweise Meister Devrient’s aus. Von Denen, welche den Künstler damals am Hoftheater, wo er zuerst sein Gastspiel eröffnete, kennen lernten, lebt leider nur noch der große Künstler Carl Laroche, dieser, Gottlob, noch in ungeschwächter Kraft das Publicum nach wie vor mit seinen unerreichten Leistungen erfreuend. Möge dies noch viele Jahre lang der Fall bleiben!

Als sich Devrient, noch im Vollbesitz seiner künstlerischen Mittel, von der Bühne zurückzog, um sich der wohlverdienten Ruhe zu erfreuen, schied er nur scheinbar von den theuren Brettern. An Allem, was gut und schön war, nahm er den innigsten Antheil; jüngere Talente förderte er nach wie vor mit treuem Rath und hülfreicher That. Bei Gelegenheit der großen Feste zur Enthüllungsfeier des Schiller-Goethe-Denkmals in Weimar sah ich eines der merkwürdigste Ereignisse: Emil Devrient und Bogumil Dawison kleideten sich zur Festvorstellung im Hoftheater in Weimar in einer Garderobenstube an, ein Unicum im Leben der beiden Kunstnebenbuhler. Jetzt ruhen sie Beide von ihren Kämpfen, ihren Triumphen friedlich nebeneinander aus, der heißblütige Pole leider lange umnachtet von den Fittigen des Wahnsinns, der glücklichere College hochgeachtet, im vollen Bewußtsein eines reichen Lebens von hinnen scheidend! Fahre wohl, Ihr Beiden, fahret wohl!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hüfsmitteln