Die Tochter der Frau Birch-Pfeiffer

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Titel: Die Tochter der Frau Birch-Pfeiffer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 589–592
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Tochter der Frau Birch-Pfeiffer.


Es ist ein trefflicher wohlbegründeter Beruf der Gartenlaube, ihren Lesern durch Bild und Lebensskizze die Personen derjenigen Gartenarbeiter vorzustellen, welche durch gediegene Geistesschöpfungen incognito zu trauten Hausbewohnern in den Herzen der Leser geworden sind. In der That, wer eine Dichtung liest, die einen höheren Zweck hat, als Held und Heldin auf möglichst halsbrecherischen Pfaden zum unvermeidlichen Altar zu führen, eine Dichtung, welche von Anfang bis Ende ein tieferes geistiges Interesse in hellen Flammen erhält, dem wird es ein wahres Bedürfniß, den Dichter kennen zu lernen, und wenn ihm dies versagt ist, so malt sich unbewußt die Phantasie ein Bild von ihm mit Leib und Seele, zu welchem die Figuren und Motive der Dichtung die Umrisse und Farben liefern. Mag nun auch ein solches Phantasieportrait mit dem Original oft wenig Aehnlichkeit haben, geschmeichelt oder carrikirt sein, die psychische Skizze wenigstens wird immer einige getroffene Züge enthalten. Was in lebendigem Strome aus der echten Dichterbrust hervorquillt, das verräth trotz aller Objectivität in seinem ganzen Gepräge und in tausend Einzelheiten den subjectiven Boden, aus welchem der Quell entsprungen, sei es daß der Autor bewußt oder unbewußt sein Ich in concreten typischen Gestalten conterfeit, sei es daß er nur den Reflexionen seinen persönlichen Stempel aufdrückt. – In ganz besonderem Maße bewahrheitet sich dieser Erfahrungssatz bei der geistvollen Verfasserin des Romans „Aus eigner Kraft“ und seiner Vorgänger „Doppelleben“ und „Ein Arzt der Seele“. Sie tritt mit der ganzen reichen Fülle ihrer inneren Persönlichkeit so leibhaftig, so scharf charakterisirt aus dem Rahmen ihrer Werke dem Leser entgegen, daß die folgenden Zeilen, welche von ihr eine Zeichnung nach der Natur bieten sollen, nur dazu dienen können, im Verein mit dem wohlgetroffenen Portrait ihrer Außenseite dem Lichtbild, in welchem sie bereits den Lesern vorschwebt, eine feinere Ausführung und volle Realität zu geben. Als Biograph wurde mit dieser dankbaren, aber immerhin schwierigen Aufgabe ein Freund der Frau von Hillern betraut, der in langjährigem intimen Verkehr sie in alle Situationen des Lebens, auf dem wohldressirten Paradepferde des Salons wie in der ungeschminkten Natürlichkeit des Hauses beobachtet und in allen Stimmungen studirt hat und welchem der Genuß gegönnt war, im vertrauten Einblick in ihre Geisteswerkstätte das Werden und Wachsen ihrer Werke zu belauschen.

Wilhelmine v. Hillern ist die Tochter von Dr. Christian Birch und Charlotte Birch-Pfeiffer, demnach eine glückliche kerndeutsch gerathene Mischung dänischen und schwäbischen Blutes. Ihr Vater, welcher sich der diplomatischen Laufbahn gewidmet und als Gesandtschaftssecretär längere Zeit in Paris und London gelebt hatte, zog sich nach seiner Verheirathung in’s Privatleben zurück und verwerthete seinen feinen Kopf und seine mannigfachen gediegenen Kenntnisse bis zu seinen letzten, leider durch Blindheit und Rückenmarksleiden schwer getrübten Lebensjahren in zahlreichen literarischen Producten auf politischem und belletristischem [590] Gebiet. Ihre Mutter – wer brauchte einen Commentar zu dem Namen der eminenten schöpferischen Frau, die sich in dem reichen Schatz ihrer dramatischen Dichtungen einen weitschattenden Gedächtnißbaum gepflanzt hat, welcher trotz aller Anfeindungen auf der deutschen Bühne fort und fort grünen wird, so lange dieselbe ihren wahren Zwecken nicht ganz entfremdet ist? Wer die Freude hatte, mit den beiden liebenswürdigen Alten in nähere persönliche Berührung zu kommen, der erkennt in der Tochter das echte Kind ihrer Eltern, der erblickt zahlreiche Darwin’sche Erbwurzeln, welche aus dem reichentfalteten Wesen der Tochter tief in den Boden der väterlichen und mütterlichen Natur hineinreichen.

Wilhelmine Birch ist ein Münchner Kindel. Bereits im ersten Lebensjahre wurde sie nach Zürich verpflanzt, wohin ihre Mutter zur Uebernahme der Direction des dortigen Stadttheaters übersiedelte. Es war eine freudeleere, trübselige Kindheit, welche Wilhelmine in Zürich verlebt. Getrennt vom Vater, welcher in München zurückgeblieben, unfreiwillig abgeschlossen von der Mutter, welche unter einer Ueberlast von Sorgen ihre ganze bewunderswerthe Arbeitskraft Tag und Nacht der Durchführung ihrer mißlichen Aufgabe und der literarischen Thätigkeit widmen mußte, fast ausschließlich auf die treue, aber ernste, pädagogisch und diätetisch strenge Pflege einer von schwerem Siechthum heimgesuchten Tante angewiesen, ohne Gespielinnen, wuchs das schwächliche, nur mühsam durch die liebevolle Sorgfalt des damals in Zürich weilenden Schönlein körperlich aufrecht erhaltene Kind in stiller Monotonie heran. Aber vielleicht war gerade diese düstere Einförmigkeit der äußeren Lebensoberfläche in vieler Beziehung einer gedeihlichen inneren Entwicklung günstig; vielleicht klingen in der heutigen Originalität des reifen Geistes theilweise noch die Nachbilder einer nothgedrungen selbstständigen unbefangenen Verarbeitung der ersten Eindrücke nach. Eine gänzliche Umkehrung dieser Verhältnisse trat ein, als Wilhelmine im achten Lebensjahr mit der Mutter, welche einer ehrenvollen Berufung als königliche Hofschauspielerin folgte, nach Berlin überwanderte, welches ihr zur eigentlichen Heimath wurde.

Hier trat die Freude in ihr Leben, hier begann ein warmer Verkehr mit Vater und Mutter, die Grundlage des innigsten Pietätsverhältnisses, welches ungetrübt bis zum Tode der Eltern fortbestand und der Mutter gegenüber später durch die zweifache Berufsgemeinschaft auf der Bühne und am Schreibtisch eine besondere Weihe erhielt. Hier traten der bildsamen Seele in bunter Fülle die mannigfachsten und einflußreichsten äußeren Anregungen entgegen, welche sie im Verein mit einem gründlichen, vielseitigen Unterricht für die Erfüllung ihrer Bestimmung schulten. Es erinnert sich wohl so Mancher noch der gemüthlichen grünen Stube an der Ecke der Friedrichs- und Krausenstraße in Berlin, des Schlaf-, Arbeits- und Empfangscabinets der „Mama Birch“, in welchem sie, vor dem chaotisch beladenen Schreibtisch sitzend, Jedem, der sie suchte, trauliche Audienz gab, in welchem allezeit Künstler, Dichter, Gelehrte von bestem Namensklang fröhliche Einkehr hielten. Das war in der That auch die Hochschulstube für Wilhelmine. Dort in dem zwanglosen lebendigen Verkehr mit leuchtenden Vorbildern schuf sie sich ihre Ideale, schmückte sie mit den Originalfarben der eigenen Natur und übte gleichsam spielend die Schwingen zum Flug nach den idealen Höhen. Wie gern und dankbar weilt heute die Erinnerung der Frau v. Hillern bei dieser gesegneten Frühlingszeit, wie getreulich berichtet sie ihren Freunden von dem Einfluß, welchen eine Jenny Lind oder ein Prediger Sydow, v. Putlitz und zahllose andere bedeutende Persönlichkeiten auf ihren Entwicklungsgang gewonnen, der eine in dieser, der andere in jener Richtung! Und wen sie so in die kostbaren Reminiscenzen aus der Mutterstube eingeführt hat, den geleitet sie sicherlich auch hinüber in die stille Stube des Vaters und erzählt mit aufrichtiger Rührung von der sorgsamen Pflege des Verstandes und Herzens, die sie dort von dem mit innigster Liebe an ihr hängenden Mann empfangen.

Daß die Tochter dieses Hauses in der Kindheit schon kein anderes Lebensziel, als die Bühne, sich setzen konnte, ist selbstverständlich; es hätte so kommen müssen, auch wenn jeder innere Beruf dazu gefehlt hätte. Es begreift sich, daß diese Prädestination anfangs in den gewöhnlichen kindischen Formen Ausdruck erhielt, bei dem heißtemperirten Kinde in extravaganterer Weise als sonst, daß an die Stelle der todten Puppe die eigene kleine Person als Theaterpuppe trat, die in jeder unbelauschten Minute in heimlichen Winkeln ihre Bühne aufschlug und mit einer aus Schürzen und Tischtüchern improvisirten königlichen Garderobe in freien Impromptus sich erging, oder den leeren Wänden die Rolle vordeclamirte, die sie selbst unter dem Schreibtisch, auf welchem die Schulhefte als Attrape lagen, heimlich verfaßt. Es begreift sich aber auch, daß das Verlangen nach den Weltbretern mit jedem Tage der wachsenden Reife und des Bewußtwerdens der innewohnenden Begabung an Ernst und Inbrunst gewann, daß der energische Widerstand, welchen die Mutter der Realisirung desselben entgegensetzte, nur dazu diente, den Strom noch mächtiger anzustauen, bis er seine Dämme durchbrach. Erst als Wilhelmine bereits dreizehn Jahre alt war, gestattete ihr die Mutter, ein Theater zu besuchen, und dieser Besuch war entscheidend. Kein Wunder: Dawison, der gewaltige Heros, war die erste Erscheinung, welche auf dem Stadttheater zu Hamburg als „Pfarrherr“ und als „Hamlet“ mit dem ganzen unwiderstehlichen Zauber seines Genies als Verkörperung ihrer Ideale Wilhelmine entgegentrat. Da war kein Halten mehr, im Sturm wurde der Consens der Mutter erobert, und nun ging es in athemloser Hast hinweg über alle Hindernisse, leider auch theilweise hinweg über eine methodische, technische Dressur, dem ersehnten Ziele entgegen.

Im siebenzehnten Lebensjahr betrat Wilhelmine Birch, mit einem Debut als „Julie“, unter dem Schutze des ihrer Mutter befreundeten kunstsinnigen Herzogs von Coburg-Gotha die Bühne, erfüllt von heißer priesterlicher Hingebung für den erwählten Beruf, erfüllt von kühner Zuversicht auf die Tragkraft ihres in zügelloser Freiheit aufgewachsenen Talents, erfüllt von stolzer Hoffnung, eine glänzende Sonnenbahn zu ziehen, während in den Sternen geschrieben stand, daß es nur ein flüchtiger Meteorlauf werden sollte. Das hochtragische Rollenfach war unbestreitbar das Terrain, welches die Natur ihr zugewiesen. Wenn auch in dieser Hinsicht die zart construirte Novize nicht alle Ansprüche befriedigte, so vergaß man doch gern die damalige nicht ganz heldenmäßige Schmächtigkeit der Gestalt über der Fülle und dem Wohllaut des für alle Stimmungen modulirbaren Organs, und die kleinen Abweichungen der Gesichtszüge vom Schulbegriff des classischen Typus über dem Adel, welchen eine von glühender Begeisterung inspirirte Mimik ihnen aufprägte. Zwei charakteristische Grundzüge kennzeichneten die dramatischen Darstellungen von Wilhelmine Birch: einerseits eine von tiefem Verständniß geleitete, bis in’s feinste Detail durchgearbeitete Auffassung, welcher sie durch Sprache und Action einen in allen Nüancen treuen Ausdruck verlieh, und andererseits eine unbändig aus der innersten Tiefe hervorfluthende, in den tragischen Culminationspunkten zum Dämonischen sich steigernde Leidenschaftlichkeit, mit welcher sie ihre Hörer, selbst ihre kritischen Feinde, fortriß.

Es mag wahr sein, daß diese Leidenschaftlichkeit sie verführte, häufig Licht und Schatten allzu grell zu markiren, zuweilen sogar die Grenzen des Schönen und der möglichen Wahrheit zu überschreiten. Allein auf der andern Seite war gerade diese Eigenthümlichkeit das Pygmalionsfeuer für alle ihre Gestaltungen, und das Uebermaß wurde gedämpft durch solide Lehrmeister, wie Eduard Devrient in Karlsruhe und Frau Glaßbrenner in Hamburg, bei denen sie nachträglich in die Schule ging. Nie hat Wilhelmine Birch einem hohlen Pathos gefröhnt, nie sich zu wohlfeiler Schablonenarbeit herabgewürdigt, im Gegentheil war bei ihr eine strenge Opposition gegen allen herkömmlichen Schlendrian leitendes Princip. Sie war, wie v. Putlitz mit vollstem Recht sagt, bestimmt, eine deutsche Rachel zu werden, und hätte dieses hohe Ziel ihres Ehrgeizes erreicht, wenn nicht besagte Sterne auf Anstiften der Venus ihr zugerufen hätten: Bis hierher und nicht weiter!

Nachdem sie den größten Theil ihrer kurzen Bühnenlaufbahn gastirend in Gotha, Braunschweig, Karlsruhe, Frankfurt a. M., Magdeburg, Hamburg, Posen und Berlin zugebracht und endlich ein festes Engagement in Mannheim angenommen hatte, gelang es einem der begeistertsten Kunstmäcene, Herrn v. Hillern, damals Hofgerichtsrath in Mannheim, sie dem Theater zu entwenden und als seine Gattin in das bürgerliche Leben zu verpflanzen. Welcher Nachruf konnte der scheidenden Künstlerin ehrenvoller sein, als der Ausspruch Dawison’s: er beklage in ihrem Abschiede von der Bühne den Verlust der letzten echten Tragödin Deutschlands!

Seit ihrer Verheirathung lebt Frau v. Hillern in Freiburg im Breisgau, wo ihr Gemahl gegenwärtig die Stelle eines [591] Directors des Kreis- und Hofgerichts bekleidet. Drei liebliche Töchterchen wachsen neben der Mutter heran, wiederum unverkennbar ausgestattet mit werthvollen Erbschätzen mütterlicher und großmütterlicher Anlagen, welche sie in schwesterlicher Theilung zu pflegen und als unveräußerliches Familiengut mit Zinsen weiter zu vererben versprechen. Es ist ein bewegtes geselliges Dasein, welches Frau v. Hillern in der kleinen, aber im raschen Aufblühen begriffenen Stadt führt. Lebenslustig, voll warmen Interesses für alle die wechselvollen Strömungen auf der Oberfläche und in der Tiefe der menschlichen Gesellschaft, Allen mit Leichtigkeit sich accommodirend, ist sie in allen Kreisen heimisch, eines der besten anregendsten Elemente derselben. Sie genießt daher eine wohlverdiente allgemeine Beliebtheit, bei Denen aber, welche ihr ganzes Wesen ergründet haben und „Alles in Allem zu nehmen“ verstehen, eine wahre Verehrung. Ihre guten Freunde erfreut sie noch oft und gern mit köstlichen Lebenszeichen ihres in Ruhestand versetzten dramatischen Talents durch meisterhafte Declamation von Gedichten, unter denen sie besonders die effectvollen, fein nuancirten Erzeugnisse ihres Freundes Scherenberg bevorzugt, oder durch Reproduction von Bruchstücken aus ihren Lieblingsrollen, oder auch durch wirkliche Action auf der Dilettantenbühne, welche sie nicht allein durch die eigene vollendete Leistung, sondern auch durch die sorgsame Einexercirung ihrer Trabanten weit über das gewöhnliche Niveau zu erheben weiß. Wer sie so sieht und hört, der empfindet ihr noch die Illusion nach, die ihre Seele in die verlassenen Sphären zurückversetzt, ihr das Podium unter die Füße, Rampe und Coulissen vor die Augen zaubert und das Schwert der Jungfrau in die Hand drückt, bis unter dem Beifall der Hörer das Märchen aus alten Zeiten erblaßt, der geträumte Musentempel wieder zum nüchternen Salon zusammenschrumpft.

Die Gartenlaube (1872) b 591.jpg

Wilhelmine von Hillern.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Daß diese schwachen Nachklänge der einst mit so glühendem Enthusiasmus betriebenen Thätigkeit die echte Künstlerseele nicht ausfüllen konnten, daß der Geist, der einst so ungestüm den Drang nach künstlicher Gestaltung befriedigt hatte, nach einem neuen Gebiete verwandten Schaffens verlangte, begreift sich leicht. So erfüllte Frau v. Hillern naturgemäß eine frühere Weissagung Dingelstedt’s, daß sie später zum Kiel greifen würde, und feierte ihre künstlerische Auferstehung als Dichterin. Mit derselben Sicherheit natürlicher Bestimmung, wohlgerüstet mit derselben [592] reichen Mitgift des Talents zur poetischen Plastik, aber auch mit neuem bisher unerschlossenen geistigen Fonds, endlich mit der gleichen leidenschaftlichen Hingebung, mit welcher sie einst die Bühne beschritten, betrat sie die neue Laufbahn und hat sich auf der kurzen, erst durch wenige Marksteine bezeichneten Strecke, welche sie auf ihr zurückgelegt, bereits einen Namen von bestem, weittragendem Klange geschaffen.

Im Jahre 1865 erschien unter dem Titel „Doppelleben“ das Erstlingswerk, ursprünglich im Märchenstil angelegt als flüchtige Freske moderner Charaktertypen, unter den Händen im ersten noch undisciplinirten Eifer der Production zum Roman nach Form und Umfang herangewachsen. Nach mehrfachen verunglückten Versuchen, dem Neugeborenen ein gutes Unterkommen zu verschaffen, fand endlich die Verfasserin in dem Buchhändler O. Janke einen Verleger, der dasselbe in die Oeffentlichkeit einführte. Drei Jahre später brachte die „Romanzeitung“ desselben Verlegers (und bald darauf eine besondere Ausgabe, welche bereits die zweite Auflage erlebte) ihr zweites umfangreicheres und weit bedeutenderes Werk, „Ein Arzt der Seele“. Dasselbe hat durch das scharfe lebenswahre Gepräge seiner Figuren, durch die geistvolle Tiefe der Reflexionen und vor Allem durch den sittlichen Ernst der Tendenz sich eines raschen, außergewöhnlichen Erfolges (auch auswärts, zum Beispiel in Amerika, wo es bei Lippincott in Philadelphia in englischer Uebersetzung in kurzer Zeit fünf Auflagen erlebte) erfreut und ihren Ruf als Schriftstellerin ersten Ranges dauernd begründet. Im Jahre 1870 bezog Frau v. Hillern mit ihrem dritten Romane, Aus eigener Kraft, einer ehrenvollen Einladung des Verlegers folgend, als neue Heimath die „Gartenlaube“. Derselbe soll, von der Verfasserin überarbeitet, dieser Tage in Buchausgabe erscheinen und wird soeben auch in die ungarische Sprache übersetzt. Seitdem hat ihre Muse geruht mit Ausnahme eines kleinen, aber trefflich gelungenen Versuchs in Novellenform; die Sage von der Entstehung des kunstvoll geschnitzten Hochaltars im Dome zu Altbreisach, welche bei einem gelegentlichen Besuch der Kirche vom Küster ihr vorgetragen wurde, bildet das Skelet ihrer im „Bazar“ erschienenen anmuthigen Erzählung „Höher als die Kirche“. Endlich haben wir dem Verzeichniß ihrer Werke noch zwei dramatische Bluetten, „Guten Abend“ und „Der Autographensammler“ einzureihen, welche, eigentlich als Gelegenheitsdichtungen entstanden, doch ihren Weg über die deutsche Bühne gemacht und – besonders die letztere – überall gute Aufnahme gefunden haben.

Was nun kommen wird? Ich kann es nicht verrathen. Man sagt, daß den gewaltigeren Ausbrüchen der Vulcane eine längere ungewöhnliche Ruhe vorauszugehen pflege; und in der That ist es, wie Gustav Freytag treffend von ihr sagt, ein edles Metall, welches der Schooß ihres Geistes birgt, aber ein schwerflüssiges, das nur eine anhaltende Gluth zum Schmelzen bringt. Einen dringenden Wunsch gebe ich meiner Freundin für die neue Arbeit auf den Weg, daß es ihr einmal vergönnt sein möge, in concentrirter Sammlung des Geistes, unbeirrt durch innere und äußere Störungen in der Freude am Schaffen, ein Werk zu vollenden, was bisher nicht der Fall war. Im besten Fluß der Arbeit am „Arzt der Seele“ traf sie mit lange anhaltenden Nachwehen der jähe Schicksalsschlag, der ihr in wenigen Tagen nach einander Mutter und Vater raubte. In der Ausarbeitung des Romans „Aus eigener Kraft“, welche sie sich selbst durch nachträgliche Modificationen des Planes und Ganges erschwerte, wurde sie nicht allein durch die heftigste Steigerung ihrer nervösen Kopfschmerzen, sondern auch durch eine acute Erkrankung an Masern wiederholt unterbrochen und mußte dann, von den Setzern gehetzt, ihr Werk in einer Hast vollenden, welche der künstlerischen Abrundung nicht förderlich sein konnte.

Eine kritische Beleuchtung der Werke von Frau v. Hillern liegt außerhalb der Grenzen meiner Aufgabe, welche sich allein auf die Person der Dichterin bezieht. Darum zum Schluß, nachdem ich diese in ihrer Entwickelung geschildert, noch mit wenigen Strichen eine Skizze der fertigen Persönlichkeit, wie sie heute leibt und lebt.

Wilhelmine v. Hillern ist ein so ungemein reich und vielseitig angelegtes Naturell, daß ihre Erscheinung keine einförmige sein kann, vielmehr nothwendig kaleidoskopartige Mannigfaltigkeit zeigen muß. Scharfe Beobachtungs- und Auffassungsgabe, prompte Urtheilskraft, ein klares Denkvermögen von außerordentlicher Agilität, wie Quecksilber auf den leisesten Impuls reagirend, eine leichtentzündliche Phantasie, eine Willenskraft, welche, aus dem Alltagsschlummer gerüttelt, zur höchsten Energie sich steigern kann, dazu ein durchaus edles reines Gemüth von ungemeiner Eindrucksfähigkeit, hochaufwallend in allen Affecten, endlich eine Reihe angeborener und anerzogener Eigenthümlichkeiten, ebensowohl ein reger Sinn für das Schöne in jeder Sphäre als eine Vorliebe für Glanz und Pracht, überhaupt ein großer Hang zum Extremen, ebensowohl unersättliche Wißbegierde als eine kleine Dosis Aberglauben, ebensowohl ein warmes Gerechtigkeitsgefühl als ein reizbarer Widerspruchsgeist, lebendiger Formensinn, aber keine Spur von Zeitsinn, das sind die charakteristischen Ingredientien, die sich alle unter der Dampfspannung eines leidenschaftlichen Temperaments an die Oberfläche drängen. Kein Wunder, wenn dieselbe sich mannigfach und reich an Contrasten gestaltet. Heute ein lustiger Waldbach, der in tollen Wirbeln dahinfließt, an jedem Stein in regenbogenschimmernden Schaum zerstiebend, morgen ein stiller Bergsee, in dessen sonniger Tiefe organisches Leben üppig gedeiht; heute mit allen Insignien geschmückt als Fürstin des Salons, seine äußersten Anforderungen streng befriedigend, morgen am Schreibtisch in intensive Geistesarbeit versunken; heute hoch zu Roß als kühne übermüthige Reiterin, morgen in philiströser Emsigkeit an der Nähmaschine; heute in pikantem Wortgefecht über Theater, Politik oder Mode, morgen in ernster, von penetrirendem Verständniß geleiteter Discussion über ein Thema der Physiologie oder Psychologie; heute in kindlicher Naivetät sich in die Interessen ihres Hundelieblings vertiefend, morgen die liebevollste sorgsamste Mutter am Arbeitstisch oder am Krankenbett ihrer Kinder; heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt; heute „Ernestine“, morgen „Anna“: dies ist Wilhelmine v. Hillern in einigen ausgewählten Phasen ihrer äußeren Erscheinung, in ihrem ganzen Wesen aber ist sie eine wahrhaft geniale, edle, liebenswürdige Frau.

Werden Sie sich wiedererkennen, meine liebe Freundin, wenn Sie dieses Ihr Bild in meinem Spiegel erblicken, und werden Sie davon befriedigt sein? Wer weiß? Das aber weiß ich gewiß, daß es aus wahrhaftigster Ueberzeugung heraus gezeichnet ist.