Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau/§. 5. Blödenanstalt

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« §. 4. Das Diaconissenhaus als Schule Wilhelm Löhe
Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau
§. 6. Magdalenium »
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§. 5.
Blödenanstalt.
     Auch das lag in der göttlichen Vorsehung, daß die hiesige Diaconissenanstalt zugleich mit dem Gedanken an eine| Blödenanstalt auftreten mußte. Diaconissenanstalt und Blödenanstalt sind so disparate Dinge, daß nicht die geringste Nöthigung vorhanden ist, sondern daß es rein zufällig ist, wenn sie in einem Odem zusammen ausgesprochen oder zugleich mit einander in Absicht genommen werden. Der Blöde ist einer von den tausend und aber tausenden Leidenden, für die man nach dem Sinne des Herrn arbeiten und leiden darf. Aber er ist es nicht mehr, als andere, und wenn man zuweilen die Blöden die elendsten unter den Elenden genannt hat, so gehört das unter die rhetorischen Übertreibungen einer Sache: man kann sich an sie gewöhnen, man kann sie schön finden, aber man kann ebenso gut gegen als für sie reden. Am Schluße des Krieges 1866, da die Heere heimwärts zogen, kam einmal eine Abtheilung bayerischer Soldaten für einen Tag nach Dettelsau und wurden hier einquartiert. Alles interessirte sie, aber nichts so sehr als die Blöden. Den ganzen Tag war das Blödenhaus umlagert, so sehr, daß man eine Weile meinen konnte, es würde gestürmt, eine so große Theilnahme fanden die armen Blöden. Ein Trupp der Leute begegneten gerührt und mit Zähren dem Pfarrer und meinten, sie wollten sich doch lieber von den Preußen todtschießen laßen als blöde sein. In der That konnte man glauben, daß die Soldaten auch den Gedanken hatten, daß die Blöden unter den Elenden die Elendsten seien. Und doch ist es so gar häufig, daß diese Elenden als besonders glückliche Menschen aufgefaßt werden. Wer sie mit einander leben und umgehen sieht, der kann sich zuweilen nicht genug darüber verwundern, wie schnell sie sich an einander und zusammen gewöhnen, wie glücklich sie unter einander sind, und wie fröhlich sie Himmel und Erde anlacht. Ich der mich zwar nicht rühmen kann, dem Chore der Blöden besonders nahe zu stehen, der ich aber seit dem Anfange des| Blödenhauses immer mein Auge auf sie gerichtet habe, und zeitenweise sehr viel mit ihnen umgegangen bin, habe manchmal gesagt, gerade so glücklich wie andere, aber auch gerade so lasterhaft und boshaft und sündenbefleckt, kurz gerade wie andere seien sie, nur unter einen niedrigeren und engeren Horizont. Daß ich nun gerade auf die Blöden verfallen bin, und ohne sie eigentlich besonders elend zu finden, sie doch so an und aufgenommen habe, als wären sie besonders erbarmenswürdig, daß ich ihr Elend zu dem ersten gemacht habe, an welchem sich meine Diaconissen abmühen, üben und plagen sollten, das halte ich rein für eine göttliche Führung; dem Herrn hat es eben gefallen, das hiesige Haus zunächst an den Freuden und Leiden der Blöden vorüberzuführen. Das war sein Wille und ist dahier sein Werk.
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     Hier lebte ein großer und stattlicher Mann von besonderer Art, Ortsvorsteher und angesehen: er hatte keine Kinder, nur einen einzigen Sohn, und der war blöde. Wenn man den Vater ansah, seine Art und sein Wesen, dazu auch Art und Wesen seiner Frau, so konnte man bei aller practischen Begabung, die er hatte, sich doch leicht denken, wie der zu einem blöden Sohn kam, und daß auch sonst in seiner weiteren Verwandtschaft blödsinniges Wesen wahrzunehmen war, das konnte man begreifen, ehe man nur nach Gründen und Ursachen gesucht hatte, die man jedoch auch ganz leicht ausspüren konnte. Der Mann erbarmte sich immer seines Sohnes, und so oft er seinen Pfarrer sah, reizte er ihn zum Mitleid mit dem Sohne und muthete ihm zu, sich demselben fleißiger zu widmen. Dieser Sohn war es, zu dem Gott das Herz des Pfarrers neigte, und der es ihm ganz ernstlich nahe brachte, mit dem Diaconissenhaus ein Blödenhaus zu verbinden. Aber nicht blos er zog Aufmerksamkeit und Mitleid auf sich, wenn er, groß und schlank gewachsen, wie er war, fast in die Kniee| sinkend mit den langen Händen bis zu den Knieen greifend, mit wahrhaft blöden Gebährden dahingieng und lallte, sondern in der ganzen Gegend schien der Pfarrer einmal aufmerksam geworden, blöde Kinder zu finden. Im Trunk erzeugte, aus zu nahem Verwandtschaftsgrade stammende, mit Mohntrank beschwichtigte Kinder, namentlich solche, die unter natürlichen Umständen aufwuchsen, die zum Blödsinne sich hinneigten, besonders verwahrloste, in Onanie herangewachsene, auf der Winterseite wohnende Menschen fand ich sehr häufig blöde. Wie Cantor Güttler vor seinem Antritt bei den Blöden eine Reise nach Winterbach machte, so hatte auch ich gethan. Ich hatte das Glück, eine Unzahl von Menschen beisammen zu finden, die sich seit Guckenbühl viel mit Blöden und dem Blödsinne abgaben und die auch durch meinen Besuch und den von zwei Begleitern, mit denen ich reiste, sich besonders getrieben fühlten, von dahin einschlägigen Gegenständen zu reden. Fast in all den dargelegten Erfahrungen glaubte ich meine eigenen Erfahrungen wiederzuerkennen, und ich kam schon damals mit Gedanken heim, die mich zu einem Freunde der Blöden machten. Es war nur mit der Stiftung einer Blödenanstalt voller Ernst. Nicht daß ich mir einbildete, es mit den Blöden besonders gut zu können, aber daß ich es ganz der Mühe werth fand, daß sich Diaconissen mit ihnen abgaben. Es war mir, als müßten solche Diaconissen der Blöden Lohn empfangen, denn, wie wir später sagten, mit einer Art von Humor und Witz, aber doch auch mit voller Wahrheit: den Blöden ist Er hold.
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     Dazu kam es, daß uns gleich anfangs ein reicher blöder Knabe übergeben wurde, noch in bildsamen Jahren. Die Anverwandten waren gleich von Anfang sehr froh, ihn uns übergeben zu können, weil, nachdem wir einmal den Gedanken gefaßt hatten, Blöde zu erziehen, der Blödsinn uns gewissermaßen| heilig war. An diesem Knaben hat die Blödenanstalt ihre ersten Sporen verdient: seit dem Anfange des Diaconissenhauses ist er bei uns und man kann sagen, an ihm ist uns viel gezeigt worden. Nun ist er ein reicher Jüngling, aber dennoch trotz aller unserer Mühe und Mühsal ein völliger Blöder. Jener Bauernsohn, der uns zu allererst auf die Blöden aufmerksam machte, wurde nach Jahren von den Seinen wieder zurückgenommen, weil ihnen das Geld zu viel war und der Nutzen zu gering; die wirklich vorhandenen, starken Einwirkungen der Blödenanstalt auf ihn mußten wir trauernd wieder vorübergehen sehen und konnten es seitdem nicht hindern, daß er zu einem wilden und viehischen Wesen zurücksank. Da sahen wir, was wir seitdem oft gesehen und gesagt haben, daß der Blöde in seiner Welt, das ist in der Anstalt, bleiben muß und daß man ihn nicht aus derselben nehmen darf, ohne daß das Letzte ärger wird, als das Erste. Bei dem zweiten Knaben, dem reichen Waisenkinde, dem es jedermann gönnte, die Zinsen seines Reichthums in der Blödenanstalt zu verzehren und dem zu Gefallen die frommen Verwandten gern alles Mögliche aufwendeten, sahen wir das Gegentheil. Er genoß das Leben auf eine anständige Weise und wurde wohlgehalten, beßer als andere Blöde, aber aus der Sphäre des Blödsinns ist er nie herausgewachsen, wird er auch nie herauswachsen; doch hat er sein Lebensglück, wie es eben ein Blöder haben kann, den niemand beneidet, von dem man sagt: laß ihm, gönne ihm das und das, er hat ja so nichts auf der armen Erde und ist ein Blöder. An diesen beiden Beispielen, dem Bauernknaben wie dem reichen Erben haben wir ganze Haufen von Blöden kennen lernen, wie an Typen, die sich durch Nothwendigkeit der Natur oft genug wiederholen. – Ein anderer Knabe war von seiner vornehmen und reichen Mutter von Jugend auf mit aller Sorgfalt erzogen,| später mit großem Glück in Winterbach unterrichtet und zu allem Möglichen befähigt worden. Er spielte Clavier und Violine, lernte lateinisch, machte schöne Aufsätze, zeichnete schön, war ein feiner Jüngling von gebildeten Sitten und einem frommen Herzen, hatte im Leben und Sterben Gottes und aller Menschen Gunst, mehr werden als er, kann kaum ein Blöder, aber mehr als ein Blöder war auch er nicht. Auch ihm fehlte wie so vielen andersgearteten seinesgleichen der Strich die Stirn herab, der nach der Lehre der Phrenologen die Selbstständigkeit und die Selbstbestimmung bezeichnet. Zwischen ihn und den beiden ersten, dem Bauernknaben und dem reichen Erben, ist ein Unterschied, wie zwischen Himmel und Erde, aber auch er gehörte nur zu den Blöden und in die Blödenanstalt, und Gottes Geist hat von ihm das Unglück abgewendet, daß man versucht hätte, ihn anderswo und anders zu erziehen. Er hat sein Lebensglück geschmeckt und kann man sagen, mit Geschmack alles gethan und vorgenommen. Die Klumpfüße, mit denen er mühsam gieng, haben durch Gottes Barmherzigkeit verhindern müßen, daß er einen andern Lebensweg eingeschlagen hätte. Wenn man ihm aber auch die hätte abnehmen und seinem Leib und Leben den vollen Adel einer vornehmen Erziehung in der Blödenanstalt geben können, so hätte man zwar an ihm sehen können, wie viel die Blödenschule thut, aber aufgehört hätte er doch nicht, ein Blöder zu sein. Wer blöde ist, wirklich blöde, wird nie vollsinnig und gesund. Es gibt zwar Blöde, Leute, bei denen der Blödsinn nicht eigentlich durchgedrungen ist, wo seine Wirkungen nicht tiefer gehen; – manchmal könnte man sagen, wo die Hemmung und Zerstörung der armen Seele so arg nicht ist, und da mag die Blödenbildung vielleicht ganz Außerordentliches thun, und es mag vielleicht manches Mal bei einer ganzen Classe ein lebhafterer Auf– und Umschwung gelingen: auch da mag| man Gott preisen und solche Erfolge sind Glück der Blödeninstitute. – Aber ich bezweifele, ob sie eigentlich da sind, um solche Stufen zu erringen und ob nicht die Arbeit, die das Blödeninstitut an denen thut, bei denen keine große Umwandlung hervortritt, gerade die schönste ist. Sie können in ihrer Sphäre und unter ihrem Horizonte für Leben und Sterben reifen, aber ob sie auf Erden jemals das werden, was ein gesunder Mensch sein und werden kann, das ist eine andere Frage. Wir in Dettelsau haben von der ersten und zweiten ja auch von der dritten Art Beispiele gehabt, aber das Glück haben wir selten gefunden, die Blöden zu den Fortschritten der Gesunden zu bringen und die Folgen des Blödsinns für dieses Leben aufzuheben.

     Es mag wohl sein, daß gerade die Blöden von unseren Gegenden nicht wie die von anderen Gegenden sind, und daß man uns wenig bildungsfähige herzubringt, oder wir mögen unter welchen andern Einflüßen sein und wirken, gewiß gönnen wir jedem Blöden seinen Ort und seine gesegnete Führung. Wir bescheiden uns aber auch gern, die Blöden zu bedienen, wie sie Gott uns gibt, mit dem Mangel und Übel, aber auch mit der Gnade und Hoffnung, wie sie Gott uns verleiht und möglich macht. Dieses unser Referat über unsre beiden Blödenanstalten, so männliche als weibliche Abtheilung, kann einigermaßen zur Traurigkeit stimmen, aber es ist am Ende wahr, und wir werden bei den Angehörigen unsrer Blöden gewiß nirgends als Heuchler erfunden werden, wobei es aber fern von uns ist, uns zu entschuldigen und andere anklagen zu wollen. Im Gegentheil wir bewundern die Erfolge anderer und pflegen, so gut wir können, das uns gegebene Maß von Gaben.

     Ob man nun gleich aus dem bis jetzt Gesagten den Schluß machen könnte, wie wenn es mit der Blödenanstalt| von Dettelsau nicht viel wäre, so ist doch die Meinung keineswegs so, sondern im Gegentheil wir halten Blödenanstalten für nothwendig und segensreich und alles, wozu wir uns unsres Ortes bekennen wollen und dürfen, besteht darin, daß wir unsern wohlgemeinten und treuen Dienst nicht unter übertriebenen Ansprüchen und großen Verheißungen leisten wollen. Wer hier bekannt ist, der weiß, mit welchem Vergnügen die hiesigen Blödenprüfungen besucht zu werden pflegen, und daß man sich vielfach über die Leistungen der Anstalt verwundert. Dem Allen aber wollen wir nicht widersprechen, sondern sind froh, daß die Lehrerinnen bei ihrer großen Mühe und Plage diese Anerkennung finden und mit gutem Gewißen dahinnehmen dürfen. Überhaupt gleicht die Blödenanstalt auf dem Territorium von Dettelsau einer schönen Insel, die sich rings von dem Lande und Anstaltencomplex zu ihrem Vortheil heraushebt und geltend macht. Unsere Schulanstalten stehen im Flor und es ist keine Ursache vorhanden, sie nicht zu wünschen oder nicht zu fördern, aber die Blödenanstalt hat dennoch einen Vorrang vor den Schulen und das kommt daher, daß sie einem so großen und namenlosen Elend steuert. Sie dient den Blöden aller Art und aller Stufen, sie dient Epileptischen, sie dient Geisteskranken. Also leistet sie nach einer dreifachen Seite hin ihre Dienste und gewiß vom Arzte und der Oberschwester an bis zur jüngsten Diaconissin und Dienerin sucht jedes das Mögliche zu leisten. Der Arzt steht im größten Ansehen und der Rector selber wird seine Hilfe und Dienstleistung mit vollem Willen anerkennen und ehren, und ebenso wird die Güte, Tüchtigkeit und Treue der Oberschwester das beste Lob verdienen. Es geht auch hier zuweilen der Todesengel durch’s Haus und macht die armen Blumen welken, aber ich habe noch nie gehört, daß irgend ein verständiger Mensch mit den Leistungen der Anstalt unzufrieden| war. Wohl habe ich schon oft Anstalten wie Münchengladbach rühmen hören und ich selbst bin zum Beispiel für Ecksberg und Stetten ein begeisterter Lobredner gewesen, aber man darf doch gewiß mit Wahrheit sagen, daß auch Dettelsau sich von Jahr zu Jahr gehoben hat. Vielleicht darf man Ordnung und Reinlichkeit in eine gleiche Linie mit den berühmtesten Anstalten setzen, und vielleicht erkennen andere noch mehr als wir selbst den äußeren Aufschwung den unsre Anstalt genommen hat. Auch sie hat in der Sonne ihren Anfang genommen und hat Stadien verschiedener Art durchlaufen, aber man kann doch sagen, daß sie seit dem 11. August 1864, zehn Jahre nach dem Beginn des Diaconissenhauses wie in ein Alter der Vollkommenheit eingetreten sei. Nicht blos das große schöne dreistöckige Haus mit durchaus sonnigen und luftigen Räumen, sondern auch die Umgebung dient ihr zum Lobe. Der schöne Anstaltsgarten und seine sich rings immermehr ausbreitenden parkartigen Anlagen, die zu jeder Jahreszeit einen anmuthigen Aufenthalt bieten, überwinden je länger je mehr die Schwierigkeit der natürlichen Lage. Allerdings haben wir die Bäume von Stetten nicht und nicht Ecksberg’s prachtvollen Inn, aber die mühselige Arbeit unsrer Gärtner ist auch gesegnet, und wie wenig noch wird es bedürfen, um den Gang ringsum das Blödenhaus zum angenehmsten in der ganzen Gegend zu machen. Auch für die Epileptischen ist je länger je beßer gesorgt worden, und wenn auch die Sammlung, die wir zur Errichtung eines eignen Epileptischen Hauses gewagt haben, ihren Zweck nicht erreicht hat und wir nach gemachten Anstrengungen von dem Bau eines eigentlichen Epileptischen Hauses haben abstehen müßen, so haben wir es dennoch wagen dürfen, unser hiesiges Blödenhaus als einen Bau für Blöde und Epileptische zu rühmen und haben die eingegangenen Gaben zur Herstellung| von Tobzellen verwenden können, ohne welche kein Haus für Epileptische bestehen kann. Auch haben wir unsre Räume bereits oft genug zur Aushülfe für Geisteskranke verwenden können, die sich in unsren reinen Lüften wohler befinden, als an manch andrem berühmteren Ort. Die ganze Anstalt für Blöde, Epileptische und Geisteskranke hat aber auch noch manch anderen Vorzug, den wir rühmen können und dürfen. Unser liebliches Bethaus, das vielleicht mit jedem anderen von dieser Art sich ganz wohl vergleichen kann, die täglichen Gottesdienste mit ihrer mannigfaltigen Lust, die Möglichkeit einer ohne Prunk und Schminke hervortretenden regelmäßigen Seelsorge, die Gelegenheit der Privatbeichte und eines oftmaligen Abendmahlsgenußes, die ganze Einrichtung und Gewöhnung, bei der man es auch den Epileptischen nicht wehren muß, den Gottesdienst zu besuchen, das gesammte friedenvolle und stille Dasein, bei dem man jede Krankheit und jedes Unwohlsein abwarten kann und darf, dazu die reiche und mannigfaltige Bewegung der ganzen Colonie hat oft schon nicht blos Kranke, sondern auch Gesunde angezogen, hier Posto zu faßen. Dazu haben wir es ja auch dahin gebracht, daß männliche Blöde, Epileptische und Geisteskranke besonders, allein von den weiblichen ihresgleichen, geführt und in dem lieblichen Polsingen, in geschützter Lage und gesunder Umgebung geführt werden können. Das Schloß in Polsingen hat einen Raum geboten für einen eignen Betsaal, in welchem dieselben Vortheile für das geistliche Leben wie in Dettelsau selbst sich dargeboten haben. Dazu gewährt die größere Ökonomie in Polsingen die Möglichkeit einer Vereinigung des Gebets und der Arbeit. So hilft Gott allezeit und überhaupt, wie wir die Vortheile des Aufenthalts in Dettelsau für weibliche Kranke rühmen konnten, so können und dürfen wir gewiß auch das süße Stillleben von Polsingen| für männliche Kranke rühmen. Auch dort ist die Möglichkeit gegeben, einen eignen Seelsorger und einen eigenen Arzt zu benützen, und Dettelsau hat nichts unterlaßen, um auch sein Diaconissenfilial dem Mutterorte gleich zu machen, und Männer und Frauen an zwei verschiedenen Orten durch Aufenthalt und Pflege so glücklich zu machen, als es möglich ist. Fehlt auch hüben und drüben noch manches, so hat man doch alle Ursache, einen jeden von den beiden Orten zu preisen. Auch scheint auf beiden Orten ein göttlicher Segen zu ruhen. Die Bayerische Kirchencollecte, die wir seit 1863 erbeten haben, hat doch 5043 Gulden eingetragen und die Bauschulden sind seitdem von 18000 aus 3000 Gulden herabgesunken und Polsingen, das freilich eine so starke Erleichterung seines Daseins noch nicht gefunden hat, hat doch auch schon mehrfach solche Zeichen der göttlichen Gnade und Durchhilfe gefunden, daß man die starke Hoffnung faßen konnte, es werde auch je länger je mehr zu einem gesegneten Gang und segensreichen Dasein gelangen.

     Wer mit aufrichtigem Herzen und billigem Sinne die Blödenanstalten von Dettelsau und Polsingen vergleicht, der wird sich wahrscheinlich getrieben und veranlaßt finden, Segenshände über beide Orte aufzuheben und ihnen wie Jerusalem um seiner Freunde willen Glück zu wünschen. – Über die Einweihung des großen Blödenhauses am 11. August 1864 schreibt die Chronistin:

     „Die Feier des 11. August begann am Nachmittag um 2 Uhr. Wie alle unsere Häuser der Barmherzigkeit, so sollte auch dieses dem HErrn feierlich übergeben werden. Wenn ein neues Haus kirchlich behandelt werden soll, muß eine Dedication und Benediction erfolgen: dies ist von den höchsten Mustern hergenommen, von den Sacramenten. Dort werden die Elemente dem HErrn hingegeben, und wie der Mensch diese Hingabe dedicirt, so benedicirt der Allmächtige in der Consecration; denn die Spitze aller Benediction ist die Consecration, sie ist die göttliche| Antwort auf die menschliche Dedication. Die Benediction unserer Häuser geschieht im Namen des HErrn, die Dedication geschah im Namen des Diaconissenhauses und umfaßte das Haus mit seinem Innern. – Dem Festhause war geschehen, was durch äußeres Thun ihm gegeben werden konnte, es harrte nun des Hauches von oben, dadurch es geheiligt und Gott zum Dienst hingegeben werden sollte. –
     Der 100. Psalm: Jauchzet dem HErrn alle Welt, dienet dem HErrn mit Freuden, kommt vor Sein Angesicht mit Frohlocken – erscholl aus vollem Herzen, als wir und zum Beginn der Feier im Betsaal versammelt hatten, und wie aus Einem Munde strömten die Worte des Dankes für alle Güte der zehn Jahre, die dem lobenden Munde des Vorbeters nachgesprochen wurden. Als man daraus die Verse: „Nun lob mein Seel den HErrn“ anstimmte und zu der Strophe kam „den Blöden ist Er hold“ – da lag die Deutung so nahe, daß wohl niemand mit der Untersuchung sich abgab, wo hier die Blöden genannt sind; wir sangen im Andenken an unsere Schwachsinnigen, um derenwillen wir uns so außergewöhnlich versammelt hatten. Nach dieser einleitenden Feier ordnete sich die Prozession aus sämmtlichen Bewohnern des Hauses und den geladenen und freiwilligen Gästen. Wir sangen auf den Wegen, „daß die Ehre des HErrn groß sei“ Ps. 138; und wie mit einem Male zerriß die Sonne das dunkle Gewölke, Sturm und Regen legten sich, heller warmer Sonnenschein begleitete die fröhlich Wallenden und umstrahlte das Bild des Gekreuzigten, das dem Zuge vorangieng. Der Psalmenschluß, das Gloria, gehörte dem andern neuen Gebäude, dem freundlichen, reinlichen Waschhause, das auch seinen Gotteshauch bekommen durfte, wenn es gleich nur untergeordneten Zwecken dient, darum wurde ihm zu Liebe so lange stille gehalten. Nun aber richteten sich die Gedanken zum Einzug in’s festliche Haus, und die Prozession stimmte die Verse an: „Dir öffn’ ich JEsu meine Thür, ach komm und wohne du bei mir.“ Vor den Pforten erfolgte hierauf die Dedication: „HErr ich bin nicht werth, daß du unter mein Dach gehst,“ und „Heute ist diesem Hause Heil wiederfahren“ waren die Gottesworte, die wie je und je, so auch hier wieder zur Weihe dienten. „Zeuch ein zu deinen Thoren“ flehte weiter der Gesang, indessen die Pforten von der Hausmutter der Anstalt eröffnet wurden. Es folgten nun die zwei uralten Dedicationscollecten, wie sie schon bei der Einweihung des Rettungshauses hier verzeichnet wurden.
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     Im Vorplatz des Hauses erfolgte hierauf die Benedicton: „Friede sei mit diesem Hause“ waren die ersten Worte, „Amen, Friede sei mit ihm,“ soll fort und fort darin erschallen, Friede und Freude bei allem Elend, weil Er dabei ist, der so gerne unter den Elenden waltet. Die Lection Luc. 10, 5. 6. sprach von den Kindern des Friedens, um derenwillen der Friede im Hause bleibt; auch bei gehemmter Seele kann der Mensch ein Kind des Friedens sein, und wer kann wissen, ob nicht am Ende leichter und sicherer? Weiter lasen wir vom Einzug des HErrn in den Tempel und noch einmal von dem Heile, das dem Hause Zachäi durch den Eingang JEsu widerfuhr.
     „Ich will dir Freudenopfer bringen so lange sich mein Herz bewegt“ lobte darauf weiter der Gesang der Feiernden. – Nach den Benedictionscollecten erfolgte von dem Benedicierenden eine kurze Ansprache an die Versammlung, das Thema gab die Inschrift über der Pforte des Hauses: Den Blöden ist Er hold. Fragt man nach dem biblischen Beleg des Satzes, so gehört hieher alles, was von der Beziehung des HErrn zu den Kindern geschrieben steht, denn die Blöden sind und bleiben Kinder ihr Leben lang. Die Kirche dachte lange nicht daran, sich nach den Verheißungen, welche die Pflege der Kinder hat, auch durch Fürsorge für die Blöden auszustrecken, aber in neuerer Zeit sind Augen und Herz für diese Elenden von GOtt geöffnet worden, und darum wollen wir nur recht, recht hold den Blöden sein, da Er ihnen so hold ist. – Mit Gebet um Gedeihen des Wirkens derer, die hier zu wirken haben, Vaterunser und Segen schloß die Handlung ab, an welche sich sodann zur Feier des Tages einige Reden in einem der Säle des Hauses anschloßen. Die des Arztes der Anstalt, Herrn Dr. Riedel, handelte zuerst vom Entwickelungsgang der Irrenbehandlung im allgemeinen, deren traurige Gestalt in der Vergangenheit und der erfreulichen Wendung zum Humanismus seit Pinel; sodann vom Wesen des Idiotismus, dessen Behandlung und Pflege. Der zweite Vortrag, von Hrn. Conrector Lotze, besprach die Blödenschule, die mögliche Leistung derselben, und die Ansprüche, welche an solche zu machen seien. Als Trost, der „wie ein Licht von oben her die gesammte Arbeit erleuchtet,“ wird an die Lehre der Kirche von Kinderglauben und von der Objectivität der Gnadenmittel erinnert, welche Lehre von den Erfahrungen in der Blödenschule in einer unverkennbaren und lieblichen Weise bestätigt werde. Paßende Gesänge wechselten ab, und auf diesen Theil der Feier folgte sodann die Einführung der eigentlichen| Bewohner des Hauses, die sich in wunderlichem Zuge zusammenschloßen, Kinder und Erwachsene, vom Schwachsinn bis zum Cretinismus, alle zogen fröhlich ein in ihr schönes Haus und gaben ihre Freude auf die seltsamste Weise zu erkennen. Die Katechisation über die Bedeutung des Tages, welche hierauf mit ihnen vorgenommen wurde, gab doch bei allem Verkehrten der Antworten ein Zeugnis, wie auch diese Armen ein Gefühl der an ihnen geschehenen Wohlthaten besitzen; in rührender Weise zählten sie auf, was ihnen bisher im alten Hause zu Theil geworden, eines der Kinder legte aus eigenem Antrieb ganz richtig die Auslegung des 1. Artikels dabei zu Grunde. – Darauf zerstreute sich die Versammlung, entweder um die Räume des Hauses zu durchwandern, oder der Bewirthung der Blöden zuzusehen, oder um sich selbst bewirthen zu laßen. Durch die Stiftung einer Freistelle von einem Wohlthäter für ein blödes Kind erhielt dieser Tag noch eine paßende Auszeichnung, dem es ohnehin an Dank und Freude nicht mangelte. Möge nun der Segen der Benediction auf dem Hause ruhen und in gleicher Weise sichtbar werden, wie es bei unserm Rettungshaus der Fall ist, dessen liebliches Gedeihen zuversichtlich der Kraft der Benediction zugeschrieben werden darf, daß uns die Bauschulden nicht zu einer Last, sondern vielmehr zu einem neuen Beweis werden, wie GOtt selber alle Häuser zahlt, die Ihm zu Liebe erbaut sind.“


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Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau
§. 6. Magdalenium »
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