Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau/§. 6. Magdalenium

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« §. 5. Blödenanstalt Wilhelm Löhe
Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau
§. 7. Wege und Hospitäler »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).


|
§. 6.
Magdalenium.
     Daß hier ein eignes Haus für Magdalenen erbaut wurde und nun bereits vier Jahre im Stand gehalten wird, verdanken wir fremder Hilfe. Denn, obwohl wir wohl allezeit, seitdem das Diaconissenhaus besteht, uns der Gesunkenen des weiblichen Geschlechtes angenommen haben, so hat man doch das Ziel früherhin nicht methodisch verfolgt, sondern nur dazu gegriffen, wo sich gerade eine Gelegenheit ergab, ohne daß man darauf ausgegangen wäre, die Bemühung anstaltsmäßig fortzusetzen. Es fehlte der Impuls der Noth und wenn der irgend ein Mal hervortrat, so nahm man sich der Hilfsbedürftigen an, so wie es gieng. Es fehlte nicht Raum und| Gelegenheit, eine oder ein paar Magdalenen irgend wie bei den reichen Beschäftigungen des Hauses unterzubringen, und die Masse der Beßeren im Hause wirkten auf die einzelnen wenigen Verkommenen ihres Geschlechtes kräftiger und unaufhaltsamer ein, als wenn man eine größere Anzahl von derselben Art in einem Hause versammelt hätte, die dann doch von dem größeren Ganzen so hätten abgesondert werden müßen, daß sie durch die besondere Führung auffallend geworden wären. Von einem Magdalenium konnten wir anfangs nicht reden, sondern nur von einzelnen Gefallenen, auf welche die ganze Versammlung des Hauses mit erbarmungsvollem Mitleid sah und welche so in das Ganze eingefügt waren, daß sie sich gegen den Geist des Ganzen nicht wohl wehren konnten. Bei der Vereinzelung der Verlornen hatte man guten Erfolg und hatte es nie zu bereuen, sie mitgenommen zu haben. Allmählich aber wurde man genöthigt, zu überlegen, ob nicht ein anstaltsmäßiger Betrieb der Magdalenensache in größerem Maßstab dennoch vorzuziehen wäre. Das Diaconissenhaus lag in so einsamer Stille und so im Zug des Guten, daß man am Ende glaubte, die vorhandene Ueberwindungskraft lange auch für eine größere Schaar. Sehr leicht war es, die sich zusammenfindenden bei der Wäscherei, Bügelei und Flickerei und bei den übrigen Geschäften eines gesonderten Magdalenen-Haushaltes unterzubringen und zu beschäftigen, ja es zeigte sich bald, welch eine Fülle von Arbeit bei den verschiedenen Anstalten und deren verschiedenen Bedürfnissen vorhanden war. An Persönlichkeiten, die geeignet waren, den Magdalenen beim Haushalt und bei ihrer Arbeit vorzustehen, fehlte es nicht, und der eine Hauptfactor eines Magdaleniums, der ihnen die Nothwendigkeit der Arbeit begreiflich machte, war vorhanden. Dazu war man nicht genöthigt, Gebet und Schule mühsam herzustellen, da| ohnehin bei dem Ganzen der Anstalten es auch für die Magdalenen nicht an der nöthigen Fürsorge fehlte. Anderwärts, wo ein Magdalenium vereinsamt liegt und für die verlornen Töchter allein und ganz besonders jede Einrichtung getroffen werden muß, muß man mit viel größerer Anstrengung und durch eigens angestellte Leute jedes Bedürfnis der Schule und der geistlichen Führung herbeibringen, während das bei uns auf dem einfachen Wege der Theilnahme an den Veranstaltungen, die ohnehin für Alle vorhanden sind, erreicht werden kann. Die hiesigen Magdalenen haben ihre mannigfaltige Arbeit in der Wäscherei, Bügelei, Flickerei, je nachdem ihre Gesundheit und ihre verschiedenen Bedürfnisse und Stufen es verlangen. Ja es ist gar nicht schwer, in den Arbeiten und Beschäftigungen Unterschiede und Abwechselungen eintreten zu laßen. Auch haben sie ihre Sonntage, ihre stillen Abende, ihre Häuslichkeit. Auch haben sie ihre täglichen Gottesdienste, an denen sie theilnehmen und je nach Umständen besonders Theilnahme und Anregung finden können; die Matutinen am Donnerstag, die täglichen Abendgottesdienste, ein völlig geordneter Religionsunterricht, besondere Kinderlehren, die ihnen in Gemeinschaft mit den Blöden und Kranken gehalten werden, die Wohlthat der allgemeinen und der Privatbeichten, zu welch letzteren der Geistliche durch die schriftlichen Vorarbeiten der Oberschwester vorbereitet wird, und bei denen eine völlig geordnete Seelenführung statthaben kann, der Reiz des Sacramentsgenußes, soweit er nur Anwendung finden kann und darf und das gesammte Leben in einer Gemeinschaft und Gemeinde, die hunderte umfaßt, das Alles und was damit zusammenhängt, sind Vorzüge, die in andern Magdalenien schwer herzustellen sein werden, während sie hier sich ganz einfach ergeben. Im allgemeinen Bethaus, ja in den Dorf- und Filialkirchen sitzen, gehen und stehen mit den sie leitenden| Diaconissen auch die Magdalenen und es muß ganz besondere Ursachen haben, wenn sie von irgend einer geistlichen Freude und Gemeinschaft ausgeschloßen sein sollen. Auch werden sie in der gliedlichen Theilnahme an Allem und Jedem erhalten. Wöchentlich gehen sie zu bestimmten Zeiten unter Anführung der Schwestern in das Dorfgotteshaus, um in demselben Reinlichkeit und Sauberkeit herzustellen, täglich gehen sie unter gleicher Führung in das Missionshaus, um da Ordnung und Sauberkeit und häusliche Geschäfte auszuüben. Diese Arbeiten geben ihnen eine gewisse Garantie, zum Ganzen zu gehören, und obwohl das Alles schon Jahre lang währt, ist noch nicht ein Mal die Nöthigung hervorgetreten, ihnen diese sie adelnden Geschäfte abzunehmen und die Aufsicht des Hauses hat allezeit hingereicht, sie in der Ordnung zu erhalten. Eine gewaltige Macht übt das Kleid aus, die gemeinsame Kleidung aller, die als wirkliche gefallene Magdalenen aufgefaßt werden müßen. – Und so wie bei Magdalenen der beßeren Stände dies Kleid von beßerem Stoff die Gleichheit der Sünde documentirt, bei aller Verschiedenheit der übrigen Lebensverhältnisse, so ist es umgekehrt ein großer Triumph, wenn die Erlaubniß gegeben wird, das Kleid der Anstalt abzulegen und in den eigenen Kleidern etwa als Magd in der Wäscherei, oder als Hausmagd im Diaconissenhause, oder gar als dienende Schwester bei den eigentlichen Anstaltswerken angestellt zu werden, Lohn zu bekommen, sich mit größerem Vertrauen der Oberen bewegen zu können. Bei dem Allem zeigt sich der Vorzug des hiesigen Magdaleniums, den es durch die gliedliche Gemeinschaft mit so vielen Anstalten gewinnt. Allerdings könnten unsre Magdalenen, die oft durch obrigkeitliches Gebot im Magdalenium sind, oder von Magdalenenvereinen mehr oder minder im Magdalenium unterhalten werden, oder durch den Willen ihrer Eltern bei uns| sind, nicht immer die Freiheit haben, vom Magdalenium auszutreten, aber wenn ihre Stellung so ist, daß sie nur durch ihren Willen gekommen sind, so hindert man auch keine, versteht sich nach empfangenen Ermahnungen, zu gehen, ein freieres Dasein zu erwählen, oder allenfalls auch davonzulaufen, was dann aber auch manchmal eine freiwillige Rückkehr und eine Bitte zur Wiederaufnahme zur Folge hat. Wir haben Magdalenen von sehr verschiedenem Stande und – note bene – wir respectiren Stand- und Lebensverhältnisse und verlangen ebenso wenig, daß eine vornehme Gefallene, als daß eine kranke und schwache Gefallene am Waschfaß und aus Methode in der völligen Lebensgleichheit steht. Eine jede wird behandelt, je nachdem man es für sie für angemeßen hält und wir rechnen das zu unsrer lutherisch pastoralen Richtung. Wir haben auch sonstige große Verschiedenheiten des Lebens nicht vermieden, haben blöde und geisteskranke Magdalenen und zuweilen sogar mitten unter wirklichen Magdalenen solche Leute behalten, die blöde oder närrisch, aber gar keine Magdalenen waren, so daß die Gemeinschaft eine ziemlich bunte ist, die auch dem Seelsorger die mannigfachste Rücksicht auferlegt und von ihm fordert. Dabei dürfen wir nicht vergeßen, daß trotzdem daß wir Brüder haben, deren Beruf es verlangt, frei mit den Magdalenen zu verkehren, noch nicht ein Mal der Fall einer Versuchung für diese oder von diesen auf Magdalenen vorgekommen ist, und daß bisher Alles in den Schranken der Sitte verlaufen ist. Der Name „Magdalena“ ist ein Schutz für diese selbst und für andere.
.
     Es ist bekannt, was für eine schreckliche Sache für gewesene Wollüstlinge aller Stände das Recidiv ist, und die verschiedenen Erscheinungen desselben haben auch wir schon mannigfaltig zu erfahren bekommen, aber wir behandeln es ganz offen, wie eine wieder ausbrechende geistige und geistliche| Syphilis und haben bisher immer Siegeskräfte davon gespürt und es leichter überwunden, als z. B. die Faulheit und Trägheit, welche die Magdalene so oftmals kennzeichnet. Mit alledem haben wir nichts angestrebt, als eine wahre Darstellung des hiesigen Magdaleniums, und wenn es etwa dabei so erschienen ist, daß es durch Art und Lage eigenthümliche Vortheile genieße, so ist eben auch das wahr, und wir gestehen, uns bei der Darstellung selber verwundert zu haben, daß wir so viel zu rühmen fanden, während uns doch so oftmals die Mängel und Schäden der ganzen Sache so drückend gewesen sind, daß wir manchmal versucht waren, sie für unerträglich zu halten. Wie oft habe ich den Diaconissenposten der Magdalenen-Oberschwester in vieler Beziehung für den schwierigsten unter allen erkannt und bekannt. Ich habe viele Aehnlichkeit zwischen ihm und dem Posten eines Pfarrers gefunden, aber immerhin habe ich ihn auch wie jenen größeren als preiswürdig und herrlich anerkannt, an und für sich, und ganz abgesehen von den vielen Erleichterungen, die eine Magdalenenschwester zufälliger Weise durch ihre ganze hiesige Stellung und Lage im Magdalenium genießt.


« §. 5. Blödenanstalt Wilhelm Löhe
Etwas aus der Geschichte des Diaconissenhauses Neuendettelsau
§. 7. Wege und Hospitäler »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.