Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Passionskapitel 11

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11. JEsus vor dem weltlichen Gericht.
Matth. 27, 1−30.
 MIt Anbruch des Tages versammelte sich der hohe Rath noch einmal, um am Sonnenlichte zu vollenden, was sie Nächtliches in der Finsternis begonnen hatten. Sie banden den HErrn und führten Ihn in hellem Hauf zu dem Landpfleger Pontius Pilatus. Hätten sie die Macht über Leben und Tod gehabt, so würden sie den Römer nicht herbeigezogen haben, um ihre Blutgier zu erfüllen. Aber grade drei Jahre vorher hatten die Römer dem hohen Rathe die Macht genommen, am Leben zu strafen. Wollten also die Hohenpriester JEsum tödten, so mußten sie den Landpfleger zu einer Verurtheilung zu bestimmen suchen. Als der Landpfleger den Haufen sah und nach der Ursache fragte, um deren willen sie diesen Gefangenen verhaftet und zu ihm gebracht hätten, gaben sie nicht auf der Stelle den Grund an, sondern sie pochten auf ihre eigene Gerechtigkeit, wie uns Johannes (18, 29 ff.) erzählt, denn, sagten sie, „wäre Dieser nicht ein Uebelthäter, wir würden dir Ihn nicht überliefern.“ Als sie aber anfiengen, die Klage vorzubringen, da logen sie (Luc. 23, 2.), Er sei ein Empörer, welcher das Volk aufrege und ihm sage, man solle dem Kaiser den Zins nicht geben, denn Er sei der König der Juden. Was war also hier der Klagpunkt? Vor dem geistlichen Gerichte wurde Er verdammt, weil Er gelästert und lästernd gesagt hätte, Er sei Christus, Gottes Sohn; hier aber wird Ihm, damit Er der zwei größten Sünden schuldig sei, Hochverrath Schuld gegeben, denn Er habe gesagt, Er sei Christus, der König. Darüber nahm Ihn Pilatus ins Verhör. „Bist Du der Juden König,“ war die einfache Frage, und die einfache Antwort war: „Ja, du sagsts.“ Wie| der HErr im geistlichen Gerichte auf nichts eine Antwort gegeben hatte, als auf die Frage: „Bist Du Gottes Sohn“; so läßt Er nun im weltlichen Gerichte die Hohenpriester Klag auf Klage vorbringen, ist aber zu keiner Antwort zu bewegen als zu der einen: „Ja, Ich bin der Juden König.“ Pilatus verwundert sich hoch und nimmt, wie St. Johannes (18, 33.) erzählt, den HErrn mit sich ins Richthaus, um Ihn, vom Getümmel der Menge gesondert, zu verhören. Auch hier bleibt der HErr Seiner Aussage treu, daß Er ein König sei, gibt aber dem Landpfleger über die Natur Seines Reiches eine solche Auskunft, daß dieser zu der sichern Ueberzeugung gelangt, von einem Majestätsverbrechen und von Hochverrath sei hier keine Rede. Die Haltung JEsu war auch so, daß der Richter auf die Behauptung der Hohenpriester, JEsus rege das Volk auf, gar nicht eingieng. Er wußte sicher das Gegentheil und würde JEsum nicht in den letzten Tagen mit so gewaltigem Zulauf haben predigen und wirken laßen, wenn er in Seinem Thun etwas Staatsgefährliches hätte entdecken laßen. So führt er Ihn denn heraus und bezeugt vor den Hohenpriestern und dem massenhaft zusammengelaufenen Volke, es sei nichts an ihrer Klage, er finde keine Schuld an Ihm. Allein so leicht waren die Juden diesmal nicht heimzuschicken, nur desto stärker klagen sie, Er habe von Galiläa bis Judäa das Volk aufgewiegelt. Als Pilatus von Galiläa hört, ergreift er Gelegenheit, sich aus der Sache zu ziehen. In Galiläa hatte er nichts zu gebieten, wohl aber Herodes Antipas. Da nun dieser gerade zum Osterfest anwesend war, so schickt Pilatus unsern HErrn zu ihm. Dort aber ist JEsus durch keine Klage noch Rede zu irgend einer Antwort zu bewegen; stumm steht Er vor dem Idumäer, der nicht einmal Seine Obrigkeit war; in der stillen Würde eines wahrhaftigen Königs steht Er vor dem Mörder Johannis, dessen neugieriges Verlangen, Jesum und Wunder JEsu zu schauen, am wenigsten im Ernst dieser Stunden eine Statt finden konnte. Herodes aber, wie er nun von JEsu denken mochte, war auf alle Fälle überzeugt, daß JEsus kein Hochverräther sei: der Vorwurf paßte nun einmal nicht zu unserm HErrn, Seinem Auftreten − und Seiner damaligen Lage. Im Unschuldskleide, wenn auch mit Spott und Hohn, schickt er Ihn wieder zu dem rechtmäßigen Richter Pilatus. Dieser versteht Herodes: er findet keine Schuld an JEsu − so wenig als er selbst. Das sagt er auch den Juden − und um der Blutgier in etwas nachzugeben, will er, der ungerechte Richter, Ihn züchtigen, körperlich züchtigen und los laßen. Der ungerechte und muthlose Richter beginnt hier mit den Juden zu markten ums Leben JEsu, da er doch, wie er Christo gegenüber sich rühmte, Macht hatte, den Unschuldigen los zu laßen. Statt Sein Richter wird er Sein Sachwalter und seine Absicht ist, JEsum auf alle Fälle mit dem Leben davon zu bringen. Was thut er? Er hat einen Menschen, der wirklich des Hochverraths schuldig war, der im Aufruhr überdies einen Mord begangen hatte, den stellt er neben JEsus und fragt, welchen er ihnen zur Festfeier loslaßen soll. Der ungeheure Contrast, − denn auch im Gewißen Pilati war zwischen den zweien ein ungeheurer Contrast, − soll die Juden bewegen, unbekümmert um die Anklagen der Hohenpriester, sich Den frei zu erbitten, den er selbst so gerne frei gegeben hätte. JEsus hatte nicht im Winkel gewirkt, Pilatus kennt die ganze Sache, er weiß, daß die Priester Ihn aus Neid überantwortet hatten; er ist unwillkürlich von Scheu und Ehrfurcht gegen JEsum eingenommen, und sein eigner Eindruck von der Person dieses Gefangenen, dessen Gleichen ihm noch nicht vors Angesicht gekommen war, wird verstärkt durch die warnende Botschaft seiner Gemahlin, die ihm sagen ließ: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute Seinetwegen viel erlitten im Traum.“ Was hilft aber alles das? Zum Muth eines gerechten Richters kann dieser Mensch, der wohl wußte, daß ihn die Juden wegen vieler Dinge selbst verklagen konnten, der sich eigentlich in ihrer Gewalt sah, − sich nicht empor schwingen. Die Hohenpriester wühlen und arbeiten im Getümmel da unten, unterhalb des Hochpflasters, − und dieß Volk, das vor wenigen Tagen Ihn fast angebetet hätte, wurde nun dahingebracht, einem Barabbas das Leben zu erbitten und die Freiheit. Pilatus hätte ihnen, nachdem er nun gezwungen war, Barabbam loszugeben, gerne JEsum auch noch freigegeben. „Was soll ich denn mit JEsu thun?“ ruft er − und eine höllische Einstimmigkeit ertönt hierauf: „Er soll gekreuzigt werden.“ Die Kreuzigung war keine jüdische Strafe, sondern eine römische und zwar die schmachvollste und entehrendste, die es gab, die einem freien Mann nicht zuerkannt werden durfte. Die, grade die muß von Pilatus erbeten werden,| auf daß die Weißagung von der Todesart des Erlösers hinausgienge. Pilatus will nicht: „Was hat Er denn Böses gethan?“ ruft er, der innerlich von der Heiligkeit Christi überzeugt war. Aber nur desto wüthender verlangt Israel nach dem Kreuzestode seines Königs und Erlösers. Da bringt der Elende, der Muthlose, der Ungerechte und doch innerlich von Scheu und Ehrfurcht vor dem HErrn Bewältigte Waßer vors Volk, wäscht die Hände zum Zeichen und Zeugnis, daß er den Heiligen für heilig halte und gerne der Blutschuld los wäre; willig nimmt Israel, so weit es von ihm abhängt, die Schuld auf sich: „Sein Blut, schreien sie grausig und schrecklich, komm über uns und unsere Kinder.“ Und so wird der HErr den Soldaten zur Kreuzigung hingegeben. Vor der Kreuzigung thut man, wie gewöhnlich, man geißelt den heiligsten Leib; ja, innen im Hof des Richthauses kommt die ganze Cohorte römischer Soldaten zusammen, welche dort aufgestellt war; mit einer Freude, die Gott geklagt sei, krönen sie den Bluttriefenden und Nackten mit jener Dornenkrone, die wir seitdem mit Gefühlen der tiefsten Wehmuth und mit Scheu im Geist betrachten, − geben Ihm statt des Scepters ein Rohr in die heiligen Hände, − einen elenden, rothen Reitermantel um die purpurne, blutende Schulter, − sie beugen die Kniee vor Ihm und speien Ihm ins Gesicht, − sie grüßen Ihn mit verfluchten Spottworten als den Judenkönig und schlagen Ihm die Dornenkrone ins Haupt, daß Ihm sein Königtum festsitze. So helfen diese Soldaten − ach vielleicht Deutsche, denn eine deutsche Legion, im Dienste der Römer, soll damals in Jerusalem gelegen sein, − dem Volk Israel seinen wahrhaftigen König verachten und überbieten, wenn nicht an Wuth, doch an Spott und Hohn das Volk des Gesalbten. Pilatus sieht die höchste Ungebühr. Noch einmal, von Mitleid bewogen, führt er Ihn im spöttlichsten Aufzug, in welchem man einen hochgeborenen König schauen kann, hinaus zu den Juden. Mit den Worten: „Seht, welch ein Mensch“ − welch ein armer, verachteter, genug und übergenug und zur höchsten Ungebühr verhöhnter Mensch! − mit den Worten fleht er um Mitleid. Und Er Selbst, der Heilige, vor deßen Füßen ich niederfallen, sie umfaßen und küßen möchte, indem ich das sage, ich elender, fluchbeladener und fluchwürdiger Sünder, − Er Selbst steht voll Blut, voll Thränen, voll Schmach, ein Spott aller Menschen, ein Schauspiel, vor dem die Engel ihr Angesicht verbergen, − ein König, erniedrigt, wie mans nie hätte glauben können, − und findet kein Mitleid. Das wüthende „Kreuzige, Kreuzige“ erschallt wieder. „Nehmt ihr Ihn hin und tödtet Ihn, ruft Pilatus, denn ich finde keine Schuld an Ihm.“ Antwort: „Er muß sterben, denn Er hat gelästert, denn Er hat Sich zu Gottes Sohn gemacht.“ „Zu Gottes Sohn“ − Pilatus ist nicht JEsu Feind, er ist auch nicht Sein Jünger, er ist ein gottloser, ungerechter Richter, aber doch auch wieder nicht ungerecht aus Haß gegen JEsum. JEsus hat einen so mächtigen Eindruck auf ihn gemacht trotz all des Spotts und Hohnes, daß er es glaublich findet, Er sei Gottes Sohn. Ach, was für ein Mann, was für ein Benehmen, daß man, auch wenn man Pilatus war und hieß, von solcher Erniedrigung nicht gehindert war, in Ihm einen Sohn Gottes zu erkennen. Noch einmal nimmt Pilatus den Verhöhnten ins Richthaus: „Von wannen bist Du?“ ruft er. Keine Antwort. „Ich kann Dich kreuzigen und loslaßen, und Du redest nicht mit mir?“ − Antwort: „Du hättest keine Macht wider Mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre; der Mich dir überantwortet hat, hat größere Sünde.“ Stille, gefaßte, getroste, hohe, eines Gottessohns würdige, ja richterliche Antwort. Sie beantwortet Pilati Frage: „Von wannen bist Du?“ ohne ein Wort zur Antwort darauf zu sagen. Pilatus fühlt, von wannen Er ist, − es dringt sich ihm, dem Entarteten, dem von Christo freundlich und gnädig Geschonten, fast der Glaube auf. Er trachtet, Ihn loszulaßen; die Gottesnähe des HErrn stärkt sein Gerechtigkeitsgefühl: der Himmel winkt ihm. Aber als er seinen Entschluß vor der Menge ankündigt, da streckt der Satan seine Hand nach ihm mächtig aus. „Wenn du Diesen losläßest, bist du des Kaisers Freund nicht, denn jeder, der sich zum König macht, ist wider den Kaiser.“ Hiemit ist er gefangen, in seinen Lebensgang, in seine Wirklichkeit zurückversetzt. Er sieht die Klage, die wider JEsum erklungen, sich wider ihn selbst erheben. Nun kann er nicht mehr. Er führt JEsum heraus, er setzt sich auf den Richtstuhl. Noch einmal ruft er, wie wenn sich zum letzten Male sein beßeres Theil in ihm regte: „Seht euern König!“ In mächtigem Anlauf erhebt sich, wie zum Siege, der Haufe, und seine Wuth, seine teufelische, aus der Hölle entzündete:| „Weg, weg mit Diesem, kreuzige Ihn!“ − „Soll ich euern König kreuzigen?“ „Wir haben keinen König, sondern nur den Kaiser.“ Sie wollen den Kaiser nicht, aber auch keinen König, am wenigsten diesen, sondern nur sich selbst und ihre Erdenmacht und Hoheit, die sterbliche, die sterbende, die verdammte! − − Pilatus spricht den Spruch und schreibt fürs Kreuz, die Ursache des Todes: „JEsus von Nazareth, Judenkönig.“ Er schreibt nicht, wie die Priester korrigieren: „Er hat gesagt, daß Ers sei“, sondern er schreibt, daß Ers ist. Denn Er ists, − und das ist Seine Schuld vor dem entarteten Judengeschlecht, daß Ers ist und sies nicht widerlegen können und daß sie zu Ihm und Er zu ihnen nicht paßt. − Meinst du, Er werde Seinen Schwur nicht halten und kommen in Gottesmajestät, am Ende der Tage? Er wird ihn halten. Er wird Sich rechtfertigen und erweisen. Dann wird Er auch offenbar werden in Seiner Königswürde. Denn Gott hat Ihm den Stuhl Seines Vaters David gegeben und Seines Königreichs wird kein Ende sein. Um die zwei Dinge dreht sich die Weltgeschichte und die Welt und das Ende der Welt, das schreckliche; daß Er sei Gott und König. Die Juden haben mit dem Teufel ihr Nein geschrieen, daß Er drüber sterben mußte; aber Er sagt ja, daß die Himmel brechen und die Welt davon vergeht. Was Er bis zum letzten Hauch behauptet hat, das ist das große Thema Seiner Führungen und Offenbarungen bis ans Ende und bis in Ewigkeit hinein. Die Schrift: „JEsus von Nazareth, Judenkönig“ wird über den Trümmern der Welt und über Seinem ewigen Throne unangefochten stehen − und wenn die Verfluchten in den Pfuhl gehen, werden sie die Ueberzeugung mitnehmen, daß es so und nicht anders ist, daß JEsus ewig lebt und ist JEsus von Nazareth, der Juden König! Amen.




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