Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Passionskapitel 16

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16. Wirkungen des Todes JEsu.

 DIe Wirkungen des Todes JEsu bezogen sich auf den alttestamentlichen Gottesdienst, auf die Natur, auf das Reich der Todten und auf die Lebendigen.

 Unser HErr starb um die neunte Stunde, das ist nach unsern Uhren um drei Uhr Nachmittags. Zu dieser Zeit waren die Priester im Tempel beschäftigt, denn es war die Zeit des gewöhnlichen jüdischen Abendopfers. Als nun eben das vorbildliche Opfer auf dem Tempelaltar zum Himmel emporstieg, da ward auch das wahrhaftige Opfer auf dem wahrhaftigen Altar der Erde, auf Golgatha, vollbracht, − unser HErr starb. Und siehe, da faßt es mit unsichtbaren Händen den Vorhang, der das Allerheiligste verschloß, von oben herab bis unten reißt es das kunstvolle, bretterdicke Gewebe durch; offen ist der Zugang zum Allerheiligsten, − aber leer erweist es sich, wie es auch war. Ein Riß geschieht durch alles alttestamentliche Wesen; seine Weißagung und Bedeutung ist zu Ende; mit Einem Opfer sind alle vollendet, die geheiligt werden sollen − und bald wird das wahre Versöhnblut von dem rechten Hohenpriester, im Schmucke Seines verklärten Leibes und in der hohenpriesterlichen Zier Seines Verdienstes hineingetragen werden ins ewige Heiligtum, zu versöhnen die Sünden des Volkes. − Wie mag den Priestern gewesen sein, als der Vorhang rauschte und das Allerheiligste bloß gelegt ward, − wie, als sie vernahmen, daß der HErr zur selben Zeit vollendet hatte, vollendet mit Siegsgeschrei und einer unverkennbaren Herrlichkeit!

 Als der HErr am Kreuze vollendete − und der| Vorhang riß, da bebte die Erde vor Schrecken und Freude, da rißen die Felsen: die Natur, die sich vor den Sterbenden in finsterer Stille hingelagert hatte, erschütterte in ihren Gründen. Wie mag den Priestern im Tempel gewesen sein, als die Erde bebte und die Felsen rißen, wie der Vorhang − und sich der Zusammenhang mit dem Tode JEsu aufdrang? So nimmt also der Tempel − und die Erde und die unbeweglichen Felsen Theil an Dem, welchen sie, so weit es auf sie ankam, gemordet hatten. In dem Wiederschein solcher Vorgänge strahlte das Bild des als Gotteslästerer Verurtheilten mit grellem Lichte in ihre Seele − und es mußte in ihrem Herzen die Erkenntnis dämmern, daß sie, als sie Ihn zur Kreuzigung beförderten, eine ungeheure Schuld auf sich und das Land gebracht hätten.

 Als der HErr Sein Haupt im Tod neigte, siehe, da öffneten sich die Gräber der alten Heiligen und viele Leiber derselben standen auf. Feiernd harrten sie, der Erlösung ihrer Leiber froh, des Tages, der auf die Ruhetage ihres Erlösers folgte, auf seinen Auferstehungstag, − und als er kam, der herrlichste, freudenreichste Tag für alle Seelen der entschlafenen Gläubigen, siehe, da ließen sich die alten Heiligen hochberühmten Namens von vielen Einwohnern der heiligen Stadt schauen, um dann als Erstlinge der Auferstehung mit dem Erstling einzugehen in Seinen Freudenhimmel. Wie mag den Priestern, den Schriftgelehrten, den Aeltesten gewesen sein, als sie die Kunde von den offenen Gräbern bekamen und als sie sich bestätigte, und als sie endlich in eine Auferstehungsbotschaft und in die Berichte von Erscheinungen ausgieng. Es wirkte also der Tod dieses JEsus belebend auf die Todten: Tempel, Erdreich und das Reich der Todten stand in Beziehung zu diesem großen Todten, und Sein letzter Herzschlag wurde in allen Gebieten der göttlichen Herrschaft gespürt.

 Und wie ward den Leuten zu Muth, die draußen am Kreuze in der schaurigen Finsternis gestanden, die nun Seine letzten Reden und Sein Siegsgeschrei vernommen hatten: wie ward ihnen zu Muth, den Schreiern bei Gabbatha, als die Erde bebte, als die Felsen rißen? Wie ward ihnen zu Muth, als der Hauptmann, welcher am Kreuz die Wache hatte, den Eindruck offen heraussagte, welchen das Sterben des HErrn und die begleitenden Wunder auf ihn machten, als er vor allen Ohren seine Ueberzeugung kund gab: „Dieser ist ein Gerechter, Dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Kein Spott mehr, kein Geschrei, eine tiefe Stille herrschte: an die Brust schlug das Volk, kehrte um und gieng heim. Ohne Zweifel begann eine Stimme im Innern zu lehren und zu predigen, welche aus dem Munde des Hauptmanns Text und Thema nahm und ohne Ende rief: „Wahrlich, Dieser ist ein frommer Mensch, Dieser ist Gottes Sohn gewesen.“

 Und als nun die Haufen betroffen, still und in sich gekehrt heim giengen − nach Jerusalem hinein; als sie zu beichten anfiengen, wie der HErr gestorben, was für Wunder geschehen waren, was der Hauptmann gesagt hatte − und sich in stiller Verborgenheit, wie Wetterleuchten, alle diese Nachricht zu den Hohenpriestern verlief; da mag man sich gegenseitig verlegen angesehen haben, da wird die Angst gewesen sein, daß die Sache noch nicht aus sein könnte. Der Verstorbene war nicht gestorben, wie andre. Bei aller offenbaren Erschöpfung hatte Er einen unbegreiflichen Zufluß an Kraft: Sein Enden war ein mächtiges. Wenn Er nicht todt wäre! − Doch sieh, es war ja Freitag und der Sabbath nahe. Nach dem Gesetz sollte kein Gehängter am Sabbath hängen bleiben, darum waren sie ja zu Pilato gegangen und hatten verlangt, daß den Missethätern die Beine gebrochen würden. Das geschah in solchen Fällen öfter zur Beschleunigung des Todes: man zerschlug die Beine mit Keulen und führte zuletzt einen mächtigen Stoß auf die Brust: da konnte keiner mehr leben. Und das hatte denn Pilatus auch über die drei Gekreuzigten auf Verlangen der Juden verfügt. Wird doch nach dem Beinbrechen keine Möglichkeit der Wiederbelebung sein? So denken sie vielleicht − und etwa so lange, bis ein neuer Umstand, oder eine innere Regung sie in neue Sorge versetzt.

 Mögen sie sorgen − draußen auf Golgatha ereignen sich wieder Dinge von außerordentlicher Art. Es durfte dem HErrn kein Bein zerbrochen werden, denn er war das Passahlamm der Welt und dem Passahlamm durfte schon nach der vorbildlichen Anordnung des Gesetzes kein Bein zerbrochen werden. Also das hilft nichts, Pilati Anordnung und der Juden Verlangen darf an Christo nicht hinausgehen: Er muß mit unverletztem Gebein zu Seiner Grabesruhe kommen. Dagegen war eine alte Weißagung Zachariä, daß eine| Zeit kommen sollte, wo die Israeliten an Seinem Leichnam die Wunden schauen und aus Seiner Herrlichkeit mit Schrecken merken sollten, in welchen sie gestochen hätten. Sollen sie dermaleins − in welch ferner Zeit es auch sei, Wunden, Stichwunden schauen, so mußte Er, noch ehe Er begraben wurde, − denn der neue Leib ist unverletzbar, die verhängnisvollen Wunden oder die verhängnisvolle Wunde bekommen. Und das geschieht, ohne daß irgend Menschen es geleitet und gelenkt hätten, durch Gottes wunderbare Vorsehung. Da kommen sie her, die rohen Kriegsknechte: was wißen sie, wer ihre Thaten lenkt und wie sie zur Ausführung göttlicher Weißagungen dienen müßen. Sie brechen nach Befehl den zwei Mördern die Beine, sie kommen zu gleichem Zweck zu JEsu − und siehe, Er ist schon todt. Offenbar braucht Er, um zu sterben, keine Gewalttat mehr. Man hätte Ihm nun zwar auch die Beine brechen können − auf alle Fälle, zur Vorsorge, weil es befohlen war. Aber das geschieht nicht − Gott lenkt es anders. Einer der Soldaten ergreift die Lanze und sticht dem Leichnam eine Todeswunde, groß genug, daß am auferstandenen Leibe Thomas seine Hand hineinlegen kann, und tief genug, um auf alle Fälle zu tödten, denn das war ja die Absicht. Und sieh, so war Pilati Befehl vollkommen vollzogen − und beide Weißagungen des Gesetzes und des Propheten. Und noch etwas ereignet sich, etwas Unerwartetes, Ungesuchtes: auf den Stoß floß reichlich Blut und Waßer aus der Wunde. Ein Todeszeichen war dies Blut und Waßer nicht, denn wenn aus einem bereits verstorbenen Leichnam Blut und Waßer fließt, so kann es eher Bedenken erregen, als bestätigen, weil todtes Blut nicht gerne fließt. Auch ist der Saft, welcher sich nach schwerem Leid im Herzen eines Sterbenden sammelt, des Namens Waßer nicht werth, während doch Johannes (19, 34.) versichert, Blut und Waßer sei herausgegangen, − Blut für sich und Waßer allein. Es ist hier etwas Wunderbares. Wäre Blut und Waßer nur erwähnt als Todeszeichen, so würde es als solches theils in der Geschichte mehr hervorgehoben sein, theils würde Johannes in seinen Briefen weniger hohen Tones von der Sache reden und zu anderem Zweck davon Gebrauch machen. Nun sieht aber jedermann, daß Johannes im Evangelium kein Wort von dem Blut und Waßer als Todeszeichen redet: der ganze Vorgang erhebt und erfüllt ihn nicht wegen der Todesgewisheit, welche damit gegeben ist, sondern wegen der herrlichen Erfüllung zweier Weißagungen − und der Blut- und Waßerfluß wird überhaupt, so bestimmt er erzählt wird, einen so ausgezeichneten Platz die Erwähnung davon in der Geschichtserzählung einnimmt, doch nur erwähnt und ohne alle Betrachtung vor Augen gelegt. Desto mehr aber ist der Vorfall 1. Joh. 5, 6. hervorgehoben − und zwar zu besonderem Zwecke, das Zeugnis Gottes von Seinem Sohne darzulegen. Da heißt es von Christo: „Dieser ists, der da kommt mit Waßer und Blut, JEsus Christus, nicht mit Waßer allein, sondern mit Waßer und Blut; und der Geist ists, der da zeuget, daß Geist Wahrheit ist.“ Und V. 7. heißt es wieder: „Drei sind, die da zeugen auf Erden: der Geist und das Waßer und das Blut.“ Kann man sich bei diesen Stellen enthalten, an den wunderbaren Vorgang am Leichnam JEsu zu denken? Sollte Johannes sein Absehen darauf nicht gehabt haben? Der HErr erhielt im Leibe des völlig Gestorbenen lebendiges Blut und verschaffte statt des Blutwaßers reines, elementarisches Waßer, auf daß die beiden Sacramente, in denen uns Sein Heil, wie im Worte gereicht wird, in ihrem Zusammenhang mit dem Tode JEsu erkannt würden. Das Waßer deutet auf die Taufe und zeigt uns, daß die Taufe aus dem Tode JEsu quillt; das Blut weist aufs heilige Mahl und zeigt uns den Brunnquell unsers Heils, Christum, den Gekreuzigten. Aus Seinem Tod quillt Leben − und alles Leben wird uns im Wort und in beiden Sakramenten gereicht. Laßen wir diese alte, dem Apostel selbst zukommende Deutung des Blut- und Waßerstromes unangetastet, es gibt keine beßere und würdigere. Steht sie, so ist der Blut- und Waßerstrom ein Geheimnis wunderbarer Art, vom Vater an des Sohnes Leib gestiftet, − und die heimliche Weisheit deutet es auf den schönen und erwünschten Zusammenhang aller Heils- und Gnadenmittel mit dem HErrn JEsu und Seinem gnadenreichen Tode.
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 Vor meinem Auge steht Dein Kreuz, Dein Leichnam dran, HErr JEsu. Deines Vaters Hut und Wacht bewahret dir Deine Gebeine − aber Dein Herz wird geöffnet − da fließen Deine Schätze mir zu gut heraus, mir zur Salbung und zum ewigen Leben.| Die Soldaten wißen nichts, die Priester wißen nichts, aber ich weiß es, und ich bete Dich an für Deinen Tod, für Dein göttliches Vollenden und für die Niederlegung alles Deines Verdienstes in Dein Wort und Deine Sacramente! Amen.




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