Für Gartenfreunde/3. Das Veredeln der Bäume

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Autor: Hermann Sigismund Neumann
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Titel: Für Gartenfreunde/3. Das Veredeln der Bäume
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 248–249
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Für Gartenfreunde.
III. Das Veredeln der Bäume.

Mit dem Frühjahre naht für den Gärtner und Gartenfreund auch die günstigste Zeit für das sogenannte Veredeln der Bäume und anderer Pflanzen heran. Wir hoffen, durch Mittheilung des Nachstehenden manchem Leser der „Gartenlaube“ für seinen Garten, sei es auch nur ein Garten im Zimmer, uns nützlich zu machen. Gestattet uns auch der gebotene Raum nicht, das interessante Thema ausführlich und erschöpfend zu behandeln, so wird doch ein rationelles Eingehen in die Natur desselben für das Verständniß des Hauptsächlichen genügen.

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a. das Oculiren.

Das Veredeln, das heißt das Uebertragen eines Pflanzentheiles (Propfreises oder Auges) auf den Stamm oder die Wurzel einer anderen Pflanze, des sogenannten Wildlings oder der Unterlage, so daß beide zu einem Individuum zusammenwachsen, bezweckt entweder die Vermehrung solcher Pflanzengattungen, die sich nicht anders fortpflanzen lassen, wie viele Obstarten, Varietäten, wie die Hänge-Esche etc. oder die schnellere Erzielung von Blüthen und Früchten. So wird eine Kirsche, Orange oder Myrthe, aus dem Kern erzogen, auf ihrem eigenen Stamme mehrere Jahre später zum Blühen gelangen, als wenn man davon ein Propfreis auf ein anderes Exemplar überträgt, und noch früher erhält man einen blühbaren Baum, wenn man das Propfreis von einem schon fruchtfähigen Stamme, resp. Zweige genommen hat. Auch erlangt man durch das Veredeln noch andere Vortheile. Man veredelt z. B. Süßkirschen auf Weichselkirschen, Prunus Mahalep, und gewinnt dadurch Bäume, die einen schlechten und von Grundwasser heimgesuchten Boden vertragen; und man pfropft Aepfel und Birnen auf Quitten, die ebenfalls mit geringerem Boden vorlieb nehmen und ein gutes Verpflanzen noch im hohen Alter aushalten.

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b. das Pelzen oder Pfropfen in die Rinde.

– Zur Veredelung aufeinander sind jedoch nur solche Gattungen geeignet, die in einer natürlichen Verwandtschaft mit einander stehen. So die verschiedenen Arten des Kernobstes unter sich, Aepfel, Birnen, Quitten, Mispeln, Ebereschen, Weißdorn; oder des Steinobstes, Aprikosen, Pfirsiche, Mandeln, Pflaumen, Kirschen, Weichselkirschen etc. Andere Arten, die sich nicht verwandt sind, gehen wohl mitunter eine Verbindung ein, aber diese ist niemals von längerer Dauer.

Die Manipulation des Veredelns besteht darin, daß das Pfropfreis mit der veredelnden Unterlage so in Verbindung gebracht wird, daß Rinde und Bast beider Theile in genaue Berührung mit einander kommen, damit die darin befindlichen Saftgefäße zusammenwachsen können. Darüber wird ein Verband angelegt, der die Atmosphäre von der Schnittwunde möglichst absperrt und beide Theile zusammenhält, ohne jedoch den Saftzufluß zu verhindern. Ist die Operation gut ausgeführt, so lassen beide Theile Saft in die Wunde treten, aus dem sich eine Anhäufung von Gefäßzellen (Callus) bildet, welcher ein schwamm- oder knorpelartiges Aussehen hat. Dieser Callus erlangt mit der Zeit die Härte des Holzes und vermittelt die Verbindung und den Saftzufluß aus der Unterlage in den edlen Theil. Dennoch wird diese Verbindung nicht so organisch und einig, daß nicht zuweilen bei ungünstigen Umständen, großer Dürre, Frost, Wechsel des Standorts, der aufgesetzte Theil bis zur Unterlage wieder einginge.

Man hat je für die verschiedenen Pflanzenarten, die Zeit der Veredelung, für den Standort im freien Lande oder im Gewächshause mancherlei Arten der Veredelung in Anwendung gebracht; wir müssen uns aber hier begnügen, das Hauptsächlichste mitzuteilen und durch Zeichnungen anschaulich zu machen.

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c. das Pfropfen in den Spalt.

a. Das Oculiren oder Einsetzen eines einzelnen Auges mit einem daran in der Form eines Schildes ausgeschnittenen Stücke der Rinde geschieht zur Zeit, wenn solches sich leicht vom Holze ablösen läßt, im Freien am besten von Juni bis Ende August bei Rosen, Obstbäumen, Trauereschen etc., im Gewächshause auch zu andern Zeiten. Unsere Zeichnung zeigt ein solches ausgelöstes edles Auge und einen zur Aufnahme desselben vorgerichteten Wildling. Das Verbinden geschieht kreuzweise mit einem Bast- oder Wollfaden, wobei das Auge selbst aber nicht bedeckt werden darf. Das Oculiren ist die am wenigsten gewaltsame Operation, gelingt deshalb auch am leichtesten und verdirbt beim Fehlschlagen den Wildling nicht, so daß derselbe immer noch wieder operirt werden kann. Sobald das edle Auge austreibt, was bei den im Spätsommer oculirten erst im Frühjahr geschieht, ist der Wildling dicht über dem Auge wegzuschneiden und sämmtliche wilde Triebe zu entfernen.

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d. das Copuliren

b. Das Pelzen oder Propfen in die Rinde hat insofern mit dem Oculiren Aehnlichkeit, als auch hier das Pfropfreis, welches unten einseitig zugespitzt werden muß, zwischen Holz und Rinde eingeschoben wird. Auch schneidet man es oft so zu, daß es mit einem sattelartigen Ansatz auf dem Wildling aufzusitzen kommt, wodurch die Haltung eine festere wird. Das Pelzen wird im Frühjahre bei Exemplaren angewendet, die zum Copuliren zu stark sind. Der Verband geschieht bei diesen und den folgenden Operationen am leichtesten mittelst mit weichem Baumwachs dünn bestrichenen Papierstreifen. Das Papier haftet beim Umwickeln sofort fest, bildet einen luftdichten Verband und zerreißt von selbst, wenn ein Anwachsen des Pfropfreises erfolgt ist, wodurch kein Lockern des Verbandes nöthig wird.

c. Das Propfen in den Spalt wird besser nur bei älteren Bäumen angewendet, die keine weniger gewaltsame Art der Veredelung zulassen. Doch pfropft man auch krautartige Pflanzen in dieser Weise. Das Pfropfreis wird von zwei Seiten keilförmig zugespitzt und, wie die Zeichnung zeigt, in den geöffneten Spalt des Wildlings so eingeschoben, daß Rinde genau auf Rinde paßt. Bei stärkeren Exemplaren pflegt man mehrere Reiser rund um einen Stamm aufzusetzen.

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e. das Einspitzen.

d. Das Copuliren ist jedenfalls die beste Veredelungsart, sobald Wildling und Edelreis von einer Stärke sind und ganz besonders für Kirschen und andere dem Harzflusse unterworfene [249] Obstarten zu empfehlen. Es stellt eine gut verwachsende organische Verbindung her; doch gehört dazu ein sehr exactes Zuschneiden beider Theile und ein festangelegter Verband.

e. Das Einspitzen geschieht gewöhnlich bei manchen Gewächshauspflanzen, wie Orangen, Camelien etc. Das Verfahren ist einfach aus der Zeichnung zu ersehen, und der Verband kann mit einem Faden Wolle oder Bast gemacht werden.

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f. das Pfropfen in den Kerb

f. Das Pfropfen in den Kerb ist ähnlich dem Pfropfen in den Spalt, gewährt aber den Vortheil, daß eine weniger starke Verletzung dadurch herbeigeführt wird. Schwieriger dagegen ist es, das Pfropfreis passend für die Unterlage zuzuschneiden.

g. Das Ablactiren wird meist bei Pflanzen der Gewächshäuser angewendet und zwar bei solchen, die nicht leicht eine Verbindung eingehen. Es ist jedenfalls die natürlichste Art, zwei Gewächse mit einander zu verbinden, und wir glauben, daß ein ähnliches zufälliges Zusammenwachsen zweier Zweige oder Bäume, wie solches in der Natur gar nicht so selten vorkommt, dem Menschen als Fingerzeig gedient habe, Veredelungen vorzunehmen. Behufs der Operation stellt man die beiden aufeinander zu ablactirenden Gewächse nahe zusammen, entfernt durch scharfe Schnitte an der Vereinigungsstelle beider Zweige oder Stämme die Rinde und einen Theil des Holzes, bindet nun beide Theile mit ihren Schnittflächen genau gegeneinander, und umgibt sie mit einem guten Verband. Sind sie nach kürzerer oder längerer Zeit verwachsen, so trennt man, wie auf der Zeichnung durch die Striche 1 und 2 angegeben ist, das ablactirte Edelreis von seinem Stamme und schneidet von der Unterlage die Spitze hart über der Veredlungsstelle weg. Das Ablactiren gewährt den großen Vortheil, nicht nur einzelne Reiser, sondern selbst ganze Zweige und kleine Kronen veredeln zu können. Zur Vorsicht ist es aber rathsam, die Trennungsschnitte nicht mit einem Male auszuführen, sondern durch allmähliches Einschneiden den ablactirten Zweig zu gewöhnen, aus seinem neuen Ernährer Nahrung zu ziehen.

Außer den erwähnten Veredelungsarten gibt es noch mancherlei mit Erfolg angewendete, wie Anplatten, Röhren, Veredeln auf die Wurzeln u. s. w., doch ist die Theorie immer dieselbe und daher von jedem denkenden Gartenfreund leicht auszuführen. Geschicklichkeit und Genauigkeit sind selbstredend bei der Operation die Hauptsachen, und können nur durch Uebung, durch Fehlschlagen und Bessermachen erlangt werden. Noch einmal machen wir aber darauf aufmerksam, daß der Verband nicht sorgsam genug gemacht werden kann, und alle verletzten Stellen, die nicht durch den Verband gedeckt werden, noch besonders mit Baumwachs zu verkitten sind.

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g. das Ablactiren.

Wir behalten uns vor, in einem spätem Artikel besondere Vortheile bei der Nutzanwendung des heute kurz behandelten Thema’s specieller hervorzuheben.

H. Neumann.