Für Musen und Maulesel

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Titel: Für Musen und Maulesel
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[752] Für Musen und Maulesel. Dem Fremden, der in Berlin zum ersten Male unter den Linden herumwandelt, muß gewiß das große Gebäude auffallen, vor dem jeder richtige Berliner, auch wenn er noch so eilige Geschäfte hat, stehen bleibt, indem er seine Augen in die Höhe richtet, seine Uhr aus der Tasche zieht, um dieselbe nach dem im Mittelfenster angebrachten Chronometer zu richten. Dieses Gebäude ist die bekannte, von dem ersten Könige Preußens auf Vorstellung des berühmten Philosophen Leibnitz gegründete Akademie der Wissenschaften. In diesen Räumen versammeln sich von Zeit zu Zeit die wirklichen und geheimen Unsterblichen, deren Zahl der Tod in den letzten Jahren bedeutend gelichtet hat. Einst saßen in der ehrwürdigen Versammlung Alexander von Humboldt, der originelle Mineraloge Leopold von Buch, der berühmte Geograph Ritter, die großen Sprachforscher Jakob und Wilhelm Grimm, deren Ruf die ganze Welt erfüllte. Sie sind nicht mehr, und mit ihnen hat die Akademie ihre höchsten Zierden verloren. Nur an den Geburtstagen Friedrich des Großen und ihres Stifters Leibnitz tritt die Akademie unmittelbar mit der Oeffentlichkeit in Berührung, indem diese bedeutungsvollen Tage durch öffentliche Vorträge gefeiert werden. Die Wahl der Stoffe entspricht jedoch in den meisten Fällen wenig oder gar nicht den Anforderungen der Zeit, und Reden über die Indefinitesimal-Rechnungen und über die Etappenstraßen der Römer sind gewiß nicht geeignet, die lebendige Wechselwirkung zwischen der Wissenschaft und dem Leben zu unterhalten. Kein Wunder daher, wenn das Publicum keinen besonderen Antheil an der Akademie und ihren Arbeiten nimmt, so segensreich dieselben auch für die strenge Wissenschaft sein mögen. Auch die Kunst hat hier ihren Sitz aufgeschlagen; unsere zukünftigen Raphaels und Michel Angelo’s üben sich in den Sälen im Zeichnen von schiefen Nasen und schielenden Augen, verrenkten Armen und bedauernswerthen Klumpfüßen, bis der Tag, kommt, wo der Genius der Kunst, in der Person des Directors oder Vicedirectors der Akademie, ihnen den ersten Preis ertheilt und somit die Pforten der Unsterblichkeit auch ihnen erschließt. Alle drei Jahre findet in den Sälen eine große Kunstausstellung statt; auch ist die bekannte „Wagner’sche Gemäldesammlung“ hier vorläufig aufgestellt.

Merkwürdiger Weise dient die Akademie der Künste und Wissenschaften noch zu verschiedenen anderen Zwecken, die keineswegs sich mit ihrer sonstigen hohen Bestimmung vereinen lassen. Ein Theil des weitläufigen Gebäudes wird nämlich zu Stallungen für die Pferde des hier garnisonirenden Garde du Corps-Regiments benutzt, während ein anderer Flügel den königlichen Marstall mit seinen herrlichen Trakehner Rossen und prachtvollen Gallawagen beherbergt. Unter diesen Verhältnissen dürfte die lateinische Inschrift, welche ein witziger Kopf für die Akademie vorschlug, vielleicht nicht ganz ungerechtfertigt sein. Dieselbe lautet nämlich: Musis et mulis, das heißt: „für Musen und Maulesel.“

In früherer Zeit befand sich in demselben Gebäude noch die Sternwarte, ein hölzerner Telegraph mit langen Armen und die Anatomie, welche damals hauptsächlich die Leichen der Selbstmörder empfing. So vereinigte das als Akademie bezeichnete Grundstück die verschiedensten und widersprechendsten Elemente, und während in den vorderen Sälen die Wissenschaft ihre erhabene Stimme ertönen, die Kunst ihre Schönheit leuchten läßt, hört man in den hinteren Partien das Wiehern der Pferde, das laute Gelächter der heiter gestimmten Wachtstube und die Stallwitze der königlichen Kutscher. In dieser wunderlichen kleinen Welt wurde auch ein berühmter deutscher Schriftsteller, Karl Gutzkow, geboren, dessen Vater einen Posten im königlichen Marstall bekleidete. Er selbst hat in höchst anziehender Weise die in diesen merkwürdigen Räumen empfangenen Jugendeindrücke in seinem Buche „aus der Knabenzeit“ geschildert und besonders das Grauen, welches ihm die Anatomie mit ihren Leichen einflößete, drastisch beschrieben. Immerhin ist es für Berlin charakteristisch, daß unter demselben Dach Kunst, Wissenschaft, Militär und Marstall friedlich bei einander wohnen.