Ferienstudien am Seestrande/Die Gegend

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Autor: Carl Vogt
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Titel: Ferienstudien am Seestrande
1. Die Gegend
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, 17, S. 266–269, 290, 292, 293
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[266]
Ferienstudien am Seestrande.


Von Carl Vogt in Genf.


1. Die Gegend.


Fast am äußersten Ende der Bretagne, nur etwa zehn Stunden vom Cap Finisterre entfernt, springt eine schmale Landzunge gegen den Ocean vor, von zahllosen Klippen und Felseninseln umgeben, deren harter Granit dem Anpralle der Wogen Widerstand leistet. Quer vor der Landzunge, die durch tiefe, den Fjorden Norwegens ähnliche Einschnitte von dem Festlande noch weiter geschieden wird, lagert sich eine zwei Stunden lange Insel, deren Gipfel von einem prachtvollen Leuchtthurme erster Classe gekrönt ist. Man könnte den bretonischen Namen „Ile de Batz“ mit „Stecken-Insel“ übersetzen – die langgestreckte Form derselben ist bezeichnend damit ausgedrückt.

Auf der nördlichen Spitze der Landzunge, im Umkreise einer kleinen Einbuchtung hat sich das Städtchen Roscoff angesiedelt, ein altberühmter Ort, aus dessen schwer anzusegelndem Hafen die Bretonen manchen Zug gegen ihre Erbfeinde, die Sachsen (so heißen noch heute in der Landessprache die Engländer), unternahmen, wo Maria Stuart landete, als sie von Schottland nach Frankreich herüber kam, und wo sie sogar (so seltsam gestalten sich historische Personen in der Ueberlieferung des Volkes) im Geruche der Heiligkeit steht, denn man zeigt noch heute den Eindruck, den ihr Fuß auf dem harten Granit zurückließ, als sie ihn aus dem Schiffe an das Land setzte. Ebbe und Fluth erreichen eine bedeutende Tiefe und Höhe; von Westen her drängt die Fluthwelle in den nach dieser Himmelsgegend hin weit geöffneten Canal, der die Insel Batz von dem Festlande trennt, sich stauend gegen Osten hin, wo eine zweite, kleinere Landzunge, die eine der heiligen Barbara geweihte Capelle trägt, den Canal fast zu schließen scheint. Die Schutzheilige der Artillerie hat nicht umsonst dort ihren Cultus; zu ihren Füßen dräuen die Kanonen des kleinen Forts von Bloscon, das den Eingang zu dem Hafen deckt, der bei Ebbe trocken liegt und bei der Fluth nur in Schlangenwindungen zwischen den Felsen hindurch erreichbar ist.

Diesen Ort habe ich mir seit zwei Jahren erkoren, um meine Sommer- und Herbstferien dort zuzubringen. Es ist eine kleine Stadt von etwa viertausend Einwohnern, die auf weitem Raume verstreut wohnen und nur in der Nähe des Hafens sich etwas mehr zusammendrängen. Keine Eisenbahn führt dorthin – Morlaix, die nächste Station an der Linie von Paris nach Brest, ist fünf Stunden entfernt, die Communication durch Fuhrwerke nur sehr mangelhaft eingerichtet. Das elegante Badepublicum bleibt fern; die Ortsfremden, welche sich in den Sommermonaten dort zusammenfinden, bestehen aus Naturforschern, Malern, Touristen und einigen wenigen Familien, welche Stille und einfaches, gemüthliches Leben suchen. Maler sind immer da; einige haben dort ihren ständigen Sommeraufenthalt, wie Boucquet, der berühmte Meister auf Fayence und Porcellan, oder Czermak, der bekannte Genre-Maler, der seine Stoffe meist aus jenen wilden Völkerschichten schöpft, die gegenwärtig tief in der Türkei aufeinander schlagen. Die wilde Schönheit des klippenreichen Strandes, das ewig wechselnde Spiel der Ebbe und Fluth, das weite Strecken Landes ab- und zudeckt, hat sie angelockt und festgehalten, und wenn sie nicht malen, vertreiben sie sich die Zeit mit Fischen und Segeln. Zu ihnen gesellen sich jüngere Kräfte, die reichen Stoff zu Studien finden, mag sie nun das Volk, oder die alterthümliche Bauart der Häuser und besonders des seltsamen Kirchthurmes, oder der Strand selbst anziehen mit seinem unendlichen Horizonte und dem wechselnden Spiele der Wolken und der Wogen. Die Familien fühlen sich festgehalten durch die Ruhe und Stille der meist ernsten, aber freundlichen und ehrlichen Bevölkerung, die sich meist von Gartenbau ernährt, unermüdlich arbeitet und die Producte ihres außerordentlich fruchtbaren Bodens, Kartoffeln, Artischocken und Zwiebeln, meist selbst nach England verschifft, dessen südliche Küste man in etwa zwanzig Stunden mit Segelschiff erreicht. Viele Männer sind auf der See als Matrosen oder Fischer beschäftigt, die Zurückbleibenden bestellen mit den Weibern das trefflich bearbeitete Land, das dreifache Ernten bringt, denn Roscoff kennt, trotz seiner nördlichen Lage, keinen Winterfrost, und Camellien, Veroniken und Mesembryanthemum gedeihen prächtig im Freien; die Agaven (Aloë) wachsen üppig wie bei Nizza, und der Feigenbaum des früheren Kapuzinergartens kann sich fast mit dem berühmten Kastanienbaume am Fuße des Aetna messen. Zur Zeit der Verschiffung der Gartenfrüchte herrscht reges Leben am Hafen; sonst ist Alles still und ruhig und nur zuweilen sieht man einen Bretonen, stehend auf dem Karren wie ein alter Gallier aus Cäsar’s Zeiten, sein Rößlein durch die engen Wege oder über den Strand hinunter treiben, um die Seegewächse einzuheimsen, die man während der Ebbe von den abgedeckten Felsen reißt, um sie in Haufen am Strande aufzusetzen und später als Dünger zu benutzen.

Bei tiefer Ebbe folgt eine wahre Völkerwanderung dem sich zurückziehenden Wasser, hochaufgeschürzt bis über die Kniee, barfuß im Sande watend oder die nackten Sohlen durch Sandalen (espadrilles) geschützt. Jene tragen Hauen und Schaufeln und einen Topf, an einer Schnur über die Schulter gehängt – sie wühlen den Sand und den Schlamm auf, um aus demselben die oft fußlangen Ringelwürmer, die Piere und Marphysen hervorzuholen, welche als Köder beim Fischfange dienen; diese, mit kleinen Netzen und Fischkörben bewaffnet, stellen dem Sandaale (Ammodytes) nach, der bei dem Auffurchen des Bodens sich wie ein Blitz hervorschnellt, um eine Strecke weiter auf’s Neue sich einzugraben. Andere haben größere Netze mit langem Stiele, halbkreisförmig mit engen Maschen – sie waten in den Wassergräben und Tümpeln herum, forschen die dichten Tange und Seegräser mit ihren Netzen durch und haschen so die hurtigen Crevetten (Shrimps), die in einem dichten Korbe verwahrt werden. Noch Andere schleppen Hebel und an einem Stricke gereihte Haken – sie wälzen die großen Steine um, unter welchen sich die Tintenfische und Pulpen (Octopus) mit den Meeraalen (Conger) bergen; wieder Andere sind mit lanzenförmigen, platten Eisen an kurzem Holzstiele bewaffnet, mit welchen sie die Schüsselschnecken (Patella) von den Felsen abstoßen, die dem Geflügel zu Hause zu willkommenem Futter dienen. Der Gewalthaufen der auswandernden Armee aber trägt schwere, scharfe Sicheln, womit sie die Meerpflanzen an ihren Wurzeln abhauen, und bei dieser Arbeit geht es eilig zu, wie bei der Heuernte im Innern des Landes. Die Bursche fahren heran über Stock und Stein, die kleinen Pferde zu äußerster Anstrengung antreibend, oft bis über die Naben der Räder im Wasser; das triefende Gewächs wird hastig auf den Karren geworfen; Weiber und Kinder, welche es absichelten, schwingen sich hinauf auf den nassen Sitz, und zurück geht es mit emsiger Hast, denn das Meer schwillt zusehends und droht, den Rückweg zu sperren.

Zu diesem emsigen Treiben gesellen sich die Naturforscher, deren in den Sommermonaten meistens ein Dutzend oder selbst mehr in Roscoff weilt. Gar Manches zieht sie an. Das Meer ist an sitzenden und kriechenden Thieren hier überreich, so daß nur wenige Strandorte sich in dieser Beziehung mit Roscoff vergleichen lassen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Bequemlichkeit der Untersuchungen. Von den Häusern aus erreicht man unmittelbar die Sand- und Schlammstrecken, welche sich bei der Ebbe entblößen, die mit Seegräsern überzogenen wiesenartigen Gründe, die Felsen, welche vor dem Orte eine Reihe von Klippen bilden. Anderwärts hat man oft eine halbe Stunde und mehr zu waten, um zu den Jagdgründen des Naturforschers zu gelangen – hier drängt Alles sich auf engstem Raume zusammen. Freilich sind die Reviere in unmittelbarster Nähe des Ortes schon erschöpft – kein Stein, der nicht alljährlich mehrmals umgedreht worden wäre, kein Sand, in dem nicht schon die Schaufel gewühlt hätte. Aber der Strom, der von Westen her aus dem Oceane sich zwischen der Insel Batz und dem Festlande durchdrängt, bringt stets neue Schaaren von Bewohnern, die, in ihrer Jugend frei beweglich, sich im Alter festsetzen und frische Colonien bilden. Bei den gewöhnlichen Excursionen, die den Hockern und Schleichern, den Wühlern und Minirern gewidmet sind, zeigen sich die Naturforscher in ähnlicher Weise ausgerüstet, wie die [267] Fischer und Ködersammler. Hacken und Schaufeln, Hebebäume und platte Messerklingen werden ebenso von ihnen benutzt, um die Steine umzuwälzen, die festsitzenden Thiere loszulösen oder die Sand- und Schlammthiere auszugraben. Aber außerdem trägt Jeder einen leichten,

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Karte der Insel Batz.[BER. 1]

aus undurchdringlicher Leinwand gefertigten Feuereimer mit Gläsern, in welchen die erbeuteten Thiere geborgen werden; die Taschen sind vollgepfropft mit kleineren Glasröhren und Fläschchen und um den Hals hängt die unentbehrliche Loupe, mittelst deren die kleineren Organismen, die sich dem bloßen Auge entziehen, auf den nassen Flächen aufgesucht werden. Mancher trägt auch noch ein feines Handnetz, wie ein Schmetterlingsnetz, zum Fangen der in den Tümpeln umherschwimmenden Thierchen. Je tiefer die Ebbe, desto größere Aussicht ist vorhanden, reichen Fang zu thun – denn die nur selten abgedeckten Tiefgründe sind einestheils weit weniger durchforscht und anderntheils bergen sich dort manche Thiere, welche niemals in höheres Niveau aufsteigen. Aber hier gilt es, sich zu tummeln – denn selbst bei den größten Ebben zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche decken sich diese reichen Jagdgründe nur wenige Minuten ab und bald mahnen die Zeichen der annahenden Fluth an den Rückzug.

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Fig. 1. Westlicher Jagdgrund der Naturforscher auf der Insel Batz.[BER. 1]

Doch nicht auf diese Art des Fanges allein, dem am Ende Jeder individuell ohne weitere Hülfe obliegen kann, beschränkt sich die Thätigkeit der Naturforscher. Die Existenz eines wohleingerichteten und unter der wohlwollenden und hülfereichen

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Fig. 2. Nördlicher Jagdgrund der Naturforscher auf der Insel Batz.[BER. 1]

Direction von Lacaze-Duthiers, einem der tüchtigsten Zoologen Frankreichs, stehenden zoologischen Laboratoriums ermöglicht andere Fangweisen. Von einem kleinen Hafendamme, la Ville genannt, am weltlichen Ende Roscoffs gelegen, stößt bei beginnender Ebbe ein kleines, offenes Segelboot ab. Am Steuer sitzt ein schlanker Matrose in himmelblauer Flanelljacke, mit hellgrauen Augen und englischem Backenbarte. Er heißt Yves und commandirt das Boot, das er mit Sicherheit zwischen den Klippen hindurch zu lenken versteht. Am Vordersteven ist ein anderer stämmiger Bursche in rother Jacke, Francis, mit dem Stellen der Segel beschäftigt, und ein dritter, lebhafter Bursche mit drallen Waden, Marti, macht sich auf dem kleinen Vorderdeck mit einer gewaltigen Maschine zu schaffen, die unter einem Haufen alten Netzwerkes verborgen liegt. Im Hintertheile kauern auf den Bänken einige Herren, vor sich große Glasgefäße und Körbe, zur Seite feine Netze, vom feinsten Musselin oder Mahltuch gefertigt, an langen handfesten Stielen. Das Boot folgt der Ebbe und kreuzt zwischen den Inseln hinaus in das Freie. Von Zeit zu Zeit hält einer der Forscher sein Netz über den Bootsrand hinaus so in das Wasser, daß es die Oberfläche pflügt, und nachdem er eine zeitlang den Strom hat durchgehen lassen, hebt er das Netz auf und stülpt es vorsichtig in eines der mit Wasser gefüllten Glasgefäße um, oder schöpft auch mit einem Bierglase den Inhalt des Netzes aus, ohne dasselbe aus dem Wasser zu heben.

[268] Das ist die Oberflächenfischerei mit dem feinen Netze, die zuerst von dem unvergeßlichen Johannes Müller, dem großen Berliner Anatomen, geübt wurde. Ein Anderer wirft einen ebenfalls mit seinem Netze versehenen Metallrahmen aus, der auf einer Seite beschwert, auf der entgegengesetzten durch Korkstücke leicht gemacht ist und an den vier Ecken durch Schnüre festgehalten wird. Der Rahmen stellt sich unter dem Einflusse der Schiffsbewegung senkrecht in das Wasser, und es hält leicht, ihn durch angemessene Beschwerung in bestimmter Tiefe unter der Oberfläche zu erhalten. Von Zeit zu Zeit wird er, wie das feine Handnetz, in ein Glasgefäß umgestülpt, das nun von unzähligen schwimmenden Bestien wimmelt, die meist vollkommen durchsichtig wie Glas und oft nur von mikroskopischer Größe sind. Man fischt sie zu Hause mittelst einer Glasröhre heraus, indem man dieselbe oben mit dem Finger schließt; dann nähert man das andere Ende dem Thierchen, das man fangen will, und hebt im geeigneten Momente den Finger. Das Wasser stürzt in die Röhre hinein; der Wirbelstrom reißt das Thierchen mit, und wenn es glücklich in die Röhre gelangt ist, schließt man dieselbe auf’s Neue mit dem Finger und hebt so den Fang heraus. Der geübte Forscher läßt sich leicht an der Sicherheit erkennen, mit welcher er diese einfache Manipulation ausübt, welche das Thierchen unverletzt in die Glasröhre und aus dieser in ein Uhrgläschen bringt, in welchem es unter dem Mikroskope betrachtet werden kann.

Das Boot ist hinausgelangt über die Klippenreihe in das offene Meer. „Hier ist grober Sandgrund in fünfzehn bis zwanzig Faden Tiefe,“ sagt Yves, „sollen wir die Dretsche auswerfen?“ Ein schwerer Metallrahmen, an der breiten Seite etwas zugeschärft, mit starkem Netzsacke, der am Grunde feiner wird, rasselt in die Tiefe – Wind und Strom schleppen ihn über den Boden hin. Die Kraft der drei Männer genügt kaum, das Netz aufzuziehen, das, von Sand und Grand gefüllt, emporgehoben und auf den Boden oder in einen großen Kübel geleert wird. Alle hocken darum herum und lesen aus; es krabbelt und kraucht in dem Sande – Krebse, Krabben, Würmer, Muscheln, See-Igel liegen bunt durcheinander. Das Ausgelesene wird hinausgeschaufelt und ein neuer Wurf versucht.

Aber unterdessen haben Wind und Strom das Boot abgetrieben auf felsigen Grund. Hier leistet die Dretsche nichts; hier kommt das Korallenkreuz an die Reihe.

Ich habe es früher schon in diesen Blättern ausführlicher beschrieben; es besteht aus zwei kreuzweis gelegten kurzen Balken, unter denen in dem Kreuzungspunkte ein schwerer Stein befestigt ist und an welchen zerfaserte Netze, Seilreste, Schnüre und Fäden hängen, die sich im Wasser ausbreiten, wie das Haar des Struwwelpeters. Dieses Gewirre wird nun auf dem Boden hingeschleift, und es ist wirklich unglaublich, welche Massen von Thieren daran hängen bleiben. Große See-Igel von gelber oder röthlicher Farbe, groß wie ein Kindskopf, sind die gewöhnliche Beute – Muscheln, Schnecken, Moosthiere (Bryozoen), Würmer, Krabben, Seesterne, Schlangensterne, die in höheren Regionen nicht vorkommen, müssen sorgsam aus dem Werge hervorgesucht werden. Hier findet sich namentlich eine Lochmuschel (Terebratula), die man lange lebend erhalten kann, während die übrigen Thiere aus der Tiefe sehr bald in den Aquarien zu Grunde gehen, weil ihnen, wie es scheint, der nöthige Druck mangelt.

Doch wir müssen mit den Jagdgründen selbst etwas nähere Bekanntschaft machen, wozu das Kärtchen und die verschiedenen Ansichten derselben dienen sollen. In weitem Halbkreise spannen sie sich um Roscoff als Mittelpunkt, sodaß man westliche, nördliche und östliche Gründe unterscheiden kann, deren jeder seine specielle Fauna hat. Darin gerade liegt der Vortheil eines Laboratoriums, daß der Director, die Assistenten und Matrosen sogleich angeben können, wo dieses oder jenes Thier, das man sammeln oder untersuchen möchte, am leichtesten und in größter Menge zu finden ist.

„Marti,“ sage ich bei einer Excursion, „ich muß eine Terebratel haben – sie ist mir noch nicht lebend zu Gesicht gekommen.“

Marti sucht in einem Notizenbuche.

„Am Kreuzungspunkte zweier Linien,“ sagt er, „die eine über Duslén und die Westspitze der grünen Insel, der Thurm von Roscoff links und der Wolf (le Loup) rechts, die andere über die Ostspitze von Ti-Saoson und Bloscon, haben wir letztes Jahr manche gedretscht.“

„Ich weiß,“ sagt Yves, „wollen wir hin?“

In einer Viertelstunde sind wir dort. Eine halbe Stunde später habe ich die Terebratel in meinem Glase. Ich hätte vielleicht ohne diese Angabe wochenlang umher irren können, bevor ich den Standort der Muschel gefunden.

Der westliche Jagdgrund (Fig. 1) ist ein unübersehbares Klippenmeer. Eine schmale Landzunge von phantastischer Form, Per’haridi genannt, streckt sich zwischen zwei tiefen Buchten gegen Norden der Insel Batz entgegen und trägt auf ihrem äußersten Ende ein kleines Fort ohne Besatzung, in welchem einige Kanonen an der Erde auf Laffetten harren, die sie niemals bekommen werden. Die westliche Bucht, etwa zwei Kilometer breit und drei Kilometer tief, welche diese Zunge von Roscoff trennt, deckt sich schon bei niedriger Ebbe gänzlich ab; an ihrem Rande sind die Badehütten aufgeschlagen; aus ihrem feinen Sandgrunde, der Würmer und Seewalzen (Synapta) in Menge birgt, ragen nur wenige Felsen hervor. Um so mehr starren seltsame Klippen um die Spitze der Landzunge und auf ihrer westlichen Seite, in der weiten Bucht von Poulduc. Genau im Norden des Forts von Per’haridi ragt ein in der Mitte gespaltener Felsen wie ein gegen den Himmel geöffneter Rachen aus den Strudeln hervor, der seinen Namen, der Wolf (le Loup), mit Recht trägt. Er dient den Schiffern als Wahrzeichen und ist durch Thürme und roth angemalte Felsen linienartig mit anderen Zeichen in Verbindung gesetzt. Vor ihm dehnt sich eine Sandbank mit über einander gethürmten Granitblöcken, die Rolléa de Batz.

Die Felsen bilden grottenartig ausgehöhlte Zwischenräume, die überdeckt sind mit Seescheiden (Ascidien), welche in den wunderbarsten Farben prangen, dunkelroth, grün, schwefelgelb, stahlblau, orangefarbig, dazwischen blendend weiße Kalkschwämme (Sycon) oder durchsichtige Keulenscheiden (Clavellina). Die Tange sind überreich besetzt mit Polypen, Moosthieren und kleinen Röhrenwürmern, aber zwischen ihnen hat sich auch leider die verrätherischste aller Meerpflanzen angesiedelt, die Himanthalia, von den Fischern „das Netz“ genannt. Aus einem dunkelgrünen, becherartigen Gebilde entspringt ein langer gelber Faden von der Dicke eines Federkieles, der bis zwanzig und mehr Fuß lang wird. Alle diese Fäden, welche wahre Teppiche im Wasser und auf den von der Tiefebene entblößten Felsen bilden, sind von einem schleimigen, schlüpfrigen Stoffe überzogen. Kein Parquet kann so glatt sein wie diese Massen – wer einmal mit ihnen bekannt geworden ist, meidet sie wie Feuer. Nirgends ein Halt für den Fuß; man gleitet, stürzt, findet keinen Stützpunkt zum Aufstehen; schon manches Glasgefäß ist hier zerbrochen worden im Sturze, und in jedem Momente hört man einen Angstruf der Ausgleitenden. Um so reicher aber fällt auch die Beute aus, die man nach überstandener Mühe nach Hause bringt.

Nicht minder ergiebig sind die Lachen, welche in dem Felsengewirre auf der Westseite von Per’haridi bei dem Rückzuge der Ebbe stehen bleiben. Dort haust auf der Unterseite sonst völlig nackter Steinblöcke eine der merkwürdigsten Polypenformen, Myriothela von ihrem Entdecker Allman genannt. Mit einer gelblichen Wurzel ist das Thierchen angeheftet, das aus einem walzenförmigen, warzigen, violettbraunen Mundschlauche besteht, der nach der Wurzel zu in einen weißen, dünnen Stamm übergeht, welcher mit weißen Kügelchen besetzt ist. Auf dem umgewälzten Steine sieht man nur einen bräunlichen Schleimtropfen von der Größe einer Linse oder kleinen Erbse; hat man das Ding mit Vorsicht abgelöst und in ein Glas gebracht, so dehnt es sich bis zu zwei Centimeter Länge aus und kriecht langsam, mit dem Munde voran tastend, umher. Die höchst seltsame Entwickelungsgeschichte des Thieres beschäftigt einige jüngere Forscher, die bei jeder größeren Ebbe hinausrennen, um Material für ihre Beobachtungen zu sammeln, denn nur hier findet sich die Myriothela in größeren Mengen; sie glauben neue Entdeckungen gemacht zu haben und träumen von Ehren, die ihnen ihrer Ansicht nach unzweifelhaft werden zu Theil werden; in Paris angekommen, finden sie beim Nachschlagen in den Bibliotheken, daß der Entdecker schon dasselbe gesehen und ihnen das Neue vor der Nase weggeschnappt hat. Unmittelbar neben dem Blockfelde, wo die Myriothela haust, findet sich ein Sandgrund, von Seegras überwachsen; ein feines, spitzenartiges Gewebe überspinnt den Boden und umhüllt die Stiele des Seegrases; es ist ein niedlicher, in Baumform verästelter Kalkschwamm, [269] welcher diese Spitzengewebe zusammenstellt und den man hier pfundweise sammeln kann, während er anderwärts nur in höchst seltenen, vereinzelten Exemplaren vorkommt.

Das besuchteste Arbeitsfeld, weil das am leichtesten zu erreichende, ist das nördliche (Fig. 2), welches sich unmittelbar vor dem Städtchen, vor dem Laboratorium und dem einzigen Gasthofe erstreckt. Nach Westen zu schließt sich die Aussicht gegen den Horizont durch die große Insel Batz, die eine weitgestreckte Vormauer gegen das offene Meer bildet und auf ihrer westlichen Höhe einen schlanken Leuchtthurm und eine Sturmwarte (Sémaphore) trägt, welche mit einer über Roscoff gelegenen anderen Warte correspondirt; von der Insel Batz aus erstreckt sich bei tiefer Ebbe gegen Osten hin eine breite Sandbank bis zu einer hohe Felseninsel, welche den Namen Ti-Saoson (das Haus der Sachsen, das heißt der Engländer) trägt. An dieser Sandbank ankert alltäglich eine ganze Flotille von Schiffen, welche das geschätzte Baumaterial nach anderen Küstengegenden bringt; hierher fährt, wer den Sandaal (Ammodytes) fangen will; dorthin rudert der Naturforscher, welcher sich eine eigenthümliche, im Sande vergrabene Seescheide (Molgula) oder den Pergamentwurm (Chaetopterus) verschaffen will, der seine wie aus feinem Filze gewobene Röhre metertief im Sande verbirgt. Zwischen dieser Sandbank und einer langgestreckten Felsengruppe, welche den malerischen Vordergrund der Aussicht von Roscoff bildet, läuft ein tiefer Canal, der auch bei den größten Ebben nicht ganz trocken gelegt wird. Dort wächst ein dem Sargasso der südlichen Meere ähnlicher Tang und an diesem sitzen die niedlichen, in allen Farben prangenden Haarsterne (Comatula) und in den Monaten Juli und August ihre Jungen, die Medusenhäupter (Pentacrinus), die in ihrem gestielten Jugendzustande die vielfachen Formen ähnlich gestalteter riesiger Wesen wiederholen, welche die Meere der Vorzeit bevölkerten. Wie manches Ruder haben wir hinabgestoßen in den Sargassobusch, um diesen dann um das Werkzeug durch Umdrehen herumzuwickeln und endlich den ganzen Busch auszureißen und in das Boot zu heben, wo dann mit der Loupe jedes Stengelchen untersucht wurde, um den winzigen Pentacrinus zu finden!

[290] Die Felsenreihe, welche diesen Canal von dem Hochgrunde in der Nähe des Städtchens trennt, zeigt drei Gipfel – einen größeren, die grüne Insel (l’île verte) genannt, und zwei nackte, zernagte Klötze, welche den Namen der Bourguignons tragen. Hinter diesen ragt bei der Fluth aus den Wellen eine rothe Kuppel auf weißer Grundlage – auf dem rothen Grunde steht in großen weißen Buchstaben: „Duslén“; bei Ebbe dräut dort ein hoher Thurm auf zerrissener Felsengrundlage. Ein Wahrzeichen für den Schiffer und ein Anziehungspunkt für den Naturforscher, denn auf Duslén sammeln sich die seltenen Nacktschnecken (Doris, Eolis etc.); zwischen den Blöcken bergen sich See-Igel, und in den Tangen klettern und kriechen werthvolle Würmer umher. Oestlich von Duslén deckt sich bei tiefster Ebbe eine Art Amphitheater auf, das mit dem Riffe von Pighet zusammenhängt, das [292] „Silberloch“ (Trou d’argent). Dort hausen die Seeohren (Haliotis), die für die Feinschmecker von Roscoff das Höchste sind, was die See an Wohlgeschmack bieten kann; dort schlängelt sich im Grobsande ein feiner Wurm, einem haardünnen Regenwurme ähnlich, der einen eigenthümlichen Typus unter den Würmern darstellt und dessen Larven eine seltsame Metamorphose durchmachen, der Polygordius Villoti; dort laichen große Nacktschnecken (Doris), und zuweilen selbst der nordische Seewolf oder Lump (Anarrhichas lumpus), ein seltener Gast im Meere vom Roscoff.

Zwischen dem Riffe von Pighet, das stets aus den Wellen hervorragt und mit einem weißen Thurme gekrönt ist, und einem Felsengrate, der bei jeder Fluth sich überdeckt, aber einen schwarzen Thurm mit weißer Kappe trägt, geht die Einfahrt in den Hafen, der bei Ebbe stets trocken gelegt wird. Dem weißkappigen Schwarzthurme haben wir den Namen „Dupanloup“ beigelegt. Er zeigt ebenso sicher den Weg nach dem Hafen wie sein streitbarer Patron denjenigen zum Paradiese und zu Abraham’s Schooße. Wir gehen nur selten nach dieser Gegend; der Hafenschlamm, die Auswürfe der Schiffe wirken nicht günstig auf die Bevölkerung des Meeres zurück. Ueberhaupt ist diese weit delicater, als man gewöhnlich glaubt. Früher sammelte man auf der Nordseite von Ti-Saoson häufig eine besondere Art von Seescheiden, seitdem aber vor zwei Jahren ein großes österreichisches Dampfschiff, mit Gerste beladen, dort scheiterte und seine faulende Ladung auf dem Felsboden ausstreute, sind die Seescheiden dort fast spurlos verschwunden.

Nach Osten hin wird das Arbeitsfeld durch eine weit vorspringende Felszunge begrenzt, die auf ihrer äußersten Spitze ein Fort, Bloscon, und auf einem vorragenden Hügel eine der heiligen Barbara gewidmete Capelle trägt, die auch als Schifferzeichen dient. Auf der östlichen Seite dieser Landzunge ragen wilde Felsthürme hervor – der höchste derselben, Roquille l’Evêque, ist mit einem häßlichen Pavillon gekrönt. Dort pflegen sich die Landschaftsmaler Stoff zu Studien zu holen, denn wunderbar ist von dort aus die Aussicht über den weiten Eingang der Bucht von Saint-Pol de Léon gegen das Château du taureau, auf dem Blanqui lange Jahre als Staatsgefangener saß und das mit seinen Kanonen die Einfahrt des Flusses von Morlaix beherrscht, sowie gegen die liebliche, reich mit blinkenden Landhäusern besetzte Hügelkette, welche das östliche Ufer des Flusses bildet. Die Bucht von Saint-Pol birgt die werthvollsten und seltensten Sandbewohner; dorthin ziehen die Naturforscher, wenn sie einen fußlangen, gelben, fingerdicken Röhrenwurm, Myxicola parasitica, sich verschaffen wollen, der sich eine gallertartige, durchsichtige Röhre mit seinen Ausschwitzungen baut, aus welcher er einen braunrothen Spitzenschirm herausstreckt, zierlich gefaltet, wie der Papierfilter eines Chemikers. Zu den Füßen von Sainte Barbe aber, zwischen der Capelle und dem Fort Bloscon, ist eine kleine, tiefe Bucht durch eine Quermauer abgeschlossen und zu einem Hummerteiche umgeschaffen worden. Tausende von Hummern und Langusten kriechen dort auf dem Boden umher oder hängen, wie gigantische Trauben, an den Pfosten, welche die Gerüste und Floße tragen. Täglich kommen die Fischer und laden ihren Fang gegen bestimmte Preise ab; den streitbaren Hummern schneidet man an der Scheere die Muskeln des Daumens durch, so daß sie nicht mehr kneipen können; die friedfertigeren Langusten, die sich auch leichter an den Menschen gewöhnen, wirft man ohne Beeinträchtigung in das Wasser. Von Zeit zu Zeit erscheint ein schlanker, belgischer Kutter und nimmt eine Ladung der kostbaren Krustenthiere ein, um sie nach Ostende und nach holländischen Küstenorten zu bringen. Aber nicht bloß Hummern und Langusten gehen die Naturforscher zuweilen dorthin nach, auch das Futter, welches man den gefräßigen Krebsen bietet, bildet einen Anziehungspunkt.

Draußen im tieferen Meere sind selbst größere Rochen, sowie kleinere Haifische keine Seltenheit. Große Haifische von sechs und mehr Fuß Länge werden nur höchst selten gefangen, aber die kleineren Dornhaie (Acanthias), Hundshaie (Scyllium) und Rochen verschiedener Art kommen den Fischern häufiger in die Netze, als ihnen lieb ist, denn sie fressen gern die schon gefangenen Schell- und Stockfische von den Angeln ab, wobei sie natürlich den Haken selbst mit hinunterwürgen. Das ist denn ein großer Verlust für die armen Leute – die Rochen können sie noch verkaufen, wenn auch zu Spottpreisen, die Haie aber mag selbst der ärmste Bettler nicht, und früher warf man sie mit einem tödtlichen Schlage auf den Kopf und mit einem tüchtigen Fluche hinterdrein in das Meer zurück. Durch den Hummerpark wird wenigstens eine kleine Entschädigung geboten. Die Krebsthiere bilden die Sanitätspolizei des Meeres; sie haben, wie die Geier der südlichen Continente, die Aufgabe, Aeser und Leichen, sowie unbehülfliche Kranke aus der Welt zu schaffen, und entledigen sich dieser Aufgabe mit um so größerem Erfolge, als sie den faulenden thierischen Stoff in ein schmackhaftes und leckeres Fleisch umwandeln. So füttert denn der Besitzer des Hummerparks seine Pfleglinge mit todten Haifischen. Die Fischer bringen zuweilen hundert Stück an einem Morgen. Man nimmt die Leber heraus, um einen übel riechenden, aber für Lederwaaren vortrefflichen Thran daraus zu sieden, und wirft den Körper den Krebsen in das Wasser. Es ist ein seltsames Schauspiel, die blau und gelb getigerten Hummern mit ihren großen Scheeren, die gelben Langusten mit den langen Fühlhörnern über diese todten Haie herfallen zu sehen. Der Naturforscher aber sputet sich, den Krebsen zuvorzukommen. Er findet auf den Haien seltene, schmarotzende Krustenthiere, die sich an den Augen, den Flossen, den Kiemen festhaken und Blut saugen, oder selbst tief in das Fleisch sich einbohren, und die meisten Weibchen tragen Junge. Ich habe keinen weiblichen Dornhai geöffnet, der nicht drei bis vier Junge in seinen Eileitern gehabt hätte. Semper in Würzburg hat durch seine Arbeiten über die Nieren der Haifische und die an denselben sichtbaren Oeffnungen von eigenthümlichen Segmentalorganen, welche sonst nur bei Würmern vorkommen, der Untersuchung ein neues Feld geöffnet, durch welche ein meines Erachtens besserer Einblick in die Stammesverwandtschaft der Wirbelthiere gewonnen werden kann, als durch den vertrackten Amphioxus, den Haeckel mit so viel Vorliebe den Ehrwürdigen nennt. Jetzt werden Haifisch-Embryonen ebenso emsig studirt werden, wie bisher die Eier der Seescheiden, die man nach dem Vorgange Kowalewski’s in der neuesten Zeit als Ahnen der Wirbelthiere betrachtet hat. Ringelwurm oder Seescheide – hie Welf, hie Waiblingen! Aber wie die Entscheidung auch fallen mag, so scheint mir der Stammbaum immerhin von einem höheren Punkte auszugehen, als wenn man ihn von dem bekannten, künstlerisch modellirten Erdenkloß ableitet, dem ein lebendiger Odem in die Nase geblasen wurde. Sonderbar erscheint es aber auch in dem Falle, wo man sich gegen Kowalewski und Haeckel für Semper entscheiden wollte, daß gerade die Haifische und Rochen, diese räuberischen Bestien, das Meiste von der Organisation der Ahnen zurückbehalten haben sollen.

Doch zurück zu Roscoff. In dem mehr fashionabelen Westend des Städtchens, gegenüber der Kirche und fast neben dem einzigen Gasthause, erhebt sich das Laboratorium für experimentelle Zoologie, an dessen Spitze als Director Professor de Lacaze-Duthiers steht. Ein für Roscoff ungemein stattliches Haus mit fünf Fenstern in der Fronte, drei Stockwerke hoch, mit geräumigen Mansarden, alle Zimmer zum Wohnen und Arbeiten zugleich eingerichtet. In jedem Zimmer zwei Betten, zwei Arbeitstische, zwei Arbeitskisten mit allem nur erdenklichen Material, vom Feuereimer und Wasserkübel bis zum Mikroskope und den Briefcouverts. Geht man durch den Hausgang, so betritt man einen kleinen Garten, dessen Hintergrund von einem hohen, hellgefensterten Schuppen eingenommen ist. Das Meer braust unmittelbar an die Grundmauer an, auf welcher der Schuppen ruht – von seinen Hinterfenstern aus hat man die weiteste Aussicht über das nördliche Arbeitsfeld, denn die beiden Bourguignons liegen unmittelbar gegenüber; von dem kleinen Garten aus gelangt man durch ein treppenartiges Gäßchen auf den Strand, der sich bei der Ebbe abdeckt. Dort sind zwei große Reservoirs aufgemauert, deren jedes acht bis zehn Cubikmeter Wasser enthalten kann. Sie werden täglich bei Fluth durch eine Röhre, welche eine Strecke vom Ufer weg auf dem Boden fortgeleitet ist, mit frischem Seewasser vollgepumpt und speisen vier große Aquarien, welche an den Seitenwänden des Schuppens so vor den Fenstern eingemauert sind, daß das Licht durch sie hindurch fällt.

Die Leitungen speisen noch eine Menge kleinerer Aquarien, die auf schwarz angestrichenen Tischen aufgestellt sind und welchen das Seewasser durch Kautschukröhren zugeführt wird. [293] Daß man unmittelbar aus den Behältern, mittelst Krahnen, Seewasser entnehmen kann, versteht sich von selbst. Hier concentrirt sich nun der wissenschaftliche Zufluß, die Gesammtarbeit – hier werden, meist nach dem Frühstücke, bei einer Cigarre die Excursionen verabredet.

„Morgen ist große Ebbe – sie muß benutzt werden. Was haben die Herren vor?“

„Ich gehe nach Per’haridi,“ ruft der Eine.

„Brauchen Sie Hülfe?“

„Nein.“

„Gut, und Sie?“

„Ich möchte nach Rolléa und dem Loup.“

„Francis wird mit dem Plattschiff, der ‚Molgula‘, Rolléa gegenüber, um neun Uhr am Strande sein, um Sie hinüber zu führen.“

„Wir wollen nach Saint Pol.“

„Zu Schiffe?“

„Nein, im Wagen. Wir fahren bis an den Strand und gehen dann der Ebbe nach.“

„Marti und Yves können mitfahren und graben helfen. Schauen Sie tüchtig nach Chaetopterus aus – er ist selten. Myxicolen werden Sie schon finden, wenn Sie die richtige Stelle finden. Marti und Yves wissen Bescheid.“

So flattert es nach allen Seiten hinaus, die Einen dorthin, die Andern dahin, je nach Bedürfniß. Mit der Fluth kehren sie wieder, und nun geht es an das Auspacken aus den Gläsern und Kübeln, an das Sortiren und Uebertragen in die Aquarien und die speciellen Gefäße, die Jeder sich herrichtet. Keiner darf des Andern Gefäße ohne besondere Erlaubniß anrühren. Jeder wählt sich ein Thema seines Studiums aus, und Allen geht Lacaze hülfreich zur Hand, um ihnen das nöthige Material zu verschaffen und, wenn sie es bedürfen, mit Rath und Anleitung zur Seite zu stehen. Die jungen Leute, welche dort arbeiten, finden freies Logis, und oft sogar zahlt ihnen das Laboratorium die Reise von Paris nach Roscoff und zurück.

Wer mir vor dreißig Jahren, als ich zum ersten Mal an die See ging, von solchen Bequemlichkeiten gesprochen hätte, wäre mir wohl als ein Träumer erschienen. Nun aber sind sie geschaffen, nicht nur hier, sondern auch anderwärts, und noch großartiger ohne Zweifel in Neapel durch meinen jüngeren Freund Anton Dohrn. Ich kann mir wohl einigen Antheil an diesen Schöpfungen zoologischer Observatorien zuschreiben, denn lange Jahre hindurch habe ich mich fast heiser danach geschrieen. Franzosen, Engländer und Amerikaner sind auf dem Wege nachgefolgt, dessen Bahn Dohrn mit großen persönlichen Opfern gebrochen hat. Mögen Diejenigen, welche Interesse für Studien dieser Art hegen, nicht vergessen, daß die Wissenschaft solcher Hülfsmittel bedarf und daß ein internationales Institut, wie das Dohrn’sche, der materiellen Beihülfe nicht entbehren kann. Ja, ich halte es sogar für eine Ehrenpflicht des deutschen Reiches, die Anstalt in Neapel so zu unterstützen und auszustatten, daß sie den anderen als Musteranstalt vorleuchte, ganz so, wie auch die deutschen chemischen Laboratorien Muster geworden sind für die ganze Welt.

Fragt man mich aber, warum ich Roscoff zum Studienort gewählt habe und nicht Neapel, so ist meine Antwort einfach. Meine Ferien fallen in die heißeste Zeit des Jahres, Juli bis September. In diesen Monaten lauert in Neapel das Fieber, und die Hitze wirkt abspannend und lähmend, Roscoff aber erfreut sich dann einer gleichmäßigen Temperatur, eher frisch als warm, und es lohnt sich kaum, Sommerkleider dorthin zu bringen. So findet dann meine Familie dort die Sommerfrische, welche sie früher auf den Bergen suchte, und außer Erholung und frischer Luft spendet uns das Meer die Schätze seiner Fluthen in nicht minder reicher, wenn auch verschiedener Fülle, als an den südlichen Gestaden. Der freilich könnte sich glücklich preisen, dem ein gütiges Geschick neben genügenden Mitteln Freiheit genug beschieden hätte, um den Winter in Neapel, den Sommer in Roscoff zuzubringen – aber Diejenigen, welche das können, haben meist kein Interesse an den Studien, welchen wir obliegen, und Diejenigen, welche gern möchten …. weshalb murren gegen Dinge, die man nicht ändern kann?




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