Fliegende Blätter Heft 10 (Band 1)

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Titel: Fliegende Blätter Heft 10 (Band 1)
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aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 10, S. 73–80
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München = Commons
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Nro. 10.
Bestellungen werden in allen Buch- und Kunsthand- Erscheinen monatlich zwei bis drei Mal. Subscriptionspreis
lungen, so wie von allen Postämtern und Zeitungs- für den Band von 24 Nummern 3 fl. 36 kr. R.-W. od. 2 Rthlr.
expeditionen angenommen. Einzelne Nummern kosten 12 kr. R.-W. od. 3 ggr.


Der Teufel und sein Liebchen.
(Schluß.)


An vielen Tafeln speiseten und zechten die kaiserlichen Reiter, an der ersten aber Magistratus mit den Hauptleuten und Honoratioren des Kriegstrosses, und unter diesen machte sich vor Allen der Feldscheer bemerklich, der in scharlachrothem Kleide, glänzenden Steifstiefeln mit Stulpen, und schwarzem, krausem Haupthaar prunkte, und die ganze Tischnachbarschaft dergestalt mit losen Possen und Schwänken ergötzte, so daß er selber beim Tischgebete das Tüchlein vor den Mund halten mußte, und vor Lachen nicht mitbeten konnte. Dabei schien derselbe dem Herrn Stadtschreiber oftmals freundlich zu winken, als sei er mit selbem schon lange Zeit bekannt. Wie nun aber am Abende Alle voll des süßen Weines waren, und nun die geputzten Dirnen und Frauen kamen, unter ihnen Klara wie ein blühendes Röslein; da begann die rasende Tanzlust, und die Pappenheimer tummelten sich beim Scheine der Fackeln hier im sittigen Ehrensprunge, dort im wilden Taumel. Gern wäre Klara des Gelages überhoben gewesen, aber das herbe Kräutlein: Muß! aus Vater Schwepperleins Munde hatte jedes Bedenken beseitiget, und die allgemeine Lust sogar auch den Konrad unter die Tanzenden eingeschwärzt, der nun am Arme der holden Liebsten in vergönnten Gefühlen dahin flog, während dessen der Pappenheimische Feldscheer den Vater als Kunstverwandten in interessantem Gespräche festhielt und ganz und gar für sich gewann, so daß er ihm am Ende selber das reizende Töchterlein zuführte. Gar wunderlich war es anzusehen, wie der Feldscheer plötzlich in Liebe für das schöne Mägdlein entbrannte, ihr auf Tritten und Schritten folgte, ihr das Schweißtüchlein nachtrug, sie zum Tanze zog und mit ihr sich drehte.


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Es erregte aber sothanes Drehen nicht geringes Lachen, da der Rothrock auf dem linken Bein hinkte und sich im Tanze allerlei schnöde Geberden und Unziemlichkeiten erlaubte, die zwar den wilden Troß ergötzten, die sittige Jungfrau aber [74] dergestalt erschreckten, daß sie thränend in den Schutz der Matronen floh.

Bei alledem schien sich der Stadtschreiber um Klaren gar nicht mehr zu bekümmern, und hatte dem Feldscheer gänzlich seine Stelle überlassen.

Wie nun das empörte Mägdlein fürder mit dem Feldscheer zu tanzen beharrlich verweigerte, sagte dieser trotzig: warte meine holde Dirne, so ich Dir nicht als Tänzer gefalle, werde ich Dir wohl als Sänger anstehen, worauf er sich entfernte, nach einer kleinen Weile aber ganz verändert wiederkam. Denn ausgezogen hatte er den Scharlachrock und angethan eine großblumige Damastweste mit langen Schößen, die demselben weit über den künstlich ausgestopften Speckwanst herunterging, und über welcher ein kurzes braunes Röcklein schlotterte. Das Haupt aber deckte eine schiefstehende Perücke, auf welcher ein winziges dreieckiges Hütlein wackelte. So angethan trat derselbe in die gedrängte Menge, die schon bei diesem Anblicke in wüstes Lachen ausbrach. Aber nunmehr gesellte sich auch Hinzelmann zu ihm und ein stämmiger Pappenheimer, die fingen an in wunderlichen Tönen zu fingen, der Hinzelmann mit seiner gellenden Stimme, der Pappenheimer aber im groben Basse.

Ei, ei! – strafte Consul Dirigens – Herr Stadtschreiber, wie mag doch eine Magistratsperson so unziemlich quinkuliren! aber sein Strafwort verging in der tobenden Welle des Lachens, als nun der Feldscheer zu sothanem Gesange Possen riß und Kapriolen schnitt, welche zeither in Deutschland noch nie erhört waren. Denn es wußte besagter Feldscheer seine Geberden zu verstellen wie einen Sack, und sein Gesicht in Falten zu legen wie einen Priesterrock, dabei auch Nase und Mund dergestalt in sein Kinn zu verschlucken, daß von sothanen Gliedmassen gar nichts mehr zu sehen, letztlich aber seine Ohren zu verlängern und solche wackelnd zu spitzen wie Eselohren.

Männiglich war von dem lustigen Schwanke höchlich ergötzt, nur Klaren aber das lose Spektakulum wie ein unheimlicher Gespensterspuck durch die Seele gefahren, so daß sie nicht mehr länger weilen konnte, sondern entsetzt und fieberkrank in ihr Kämmerlein gebracht werden mußte. Und als nun vollends den Tag darauf, wie das kaiserliche Fähnlein bereits wieder abmarschirt war, der Vater den Rothrock in's Haus brachte und erklärte, daß der Feldscheer in Katzweiler sich zur Ruhe setzen und die Badstube des Vaters für ein Erkleckliches zu kaufen beschlossen, auch ein gar reicher Kauz sei; da vollends ahnete der Armen nichts Gutes, und es schien ihr, als sei dieses ein Zeichen zur Trennung von dem Geliebten ihres Herzens.

Auch Barbara Murchel, die Base, schien dem Rothrocke gewogen vom ersten Augenblicke an, massen der Schlaue sie in die Wange gekniffen, ihre Knochenhand zärtlich gedrückt, und darin etliche Goldstücklein zurückgelassen und womit er denn klüglich das Arkanum getroffen, sich den Drachen zu gewinnen, der sein goldenes Vlies hütete.

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Schon den Tag darauf wurde der Feldscheer Bürger in Katzweiler, vermochte aber als ein Erzspaßvogel den Bürgereid nicht nachzusagen, und hob zum Schwure die Finger verkehrt wie zwei Hörnlein empor. Aber er handirte mit Scheersack und Messer, daß es eine Lust war, warf mit Goldgulden um sich, und ließ wacker einschenken im Keller. Als er nun aber gar um die schöne Klara förmlich warb bei Schwepperlein, und zur Morgengabe tausend Dublonen zu zahlen versprach, da entstand Jubel in des Baders Hause, und selbst Barbaras Kämmerlein blieb dem klagenden Kater verschlossen. Aber Klara verging in liebendem Schmerze. Ach Konrad! – sprach sie zu ihm in der heimlichen Abendstunde: nun ist Alles vorbei, der abscheuliche Hinkefuß führt mich zum hochzeitlichen Altar und wer mag mich retten? O! – entgegnete Konrad – sei getrost, holdes Mägdlein. Bin ich auch arm und habe nicht Geld noch Gut, so habe ich doch einen Freund im Himmel, und einen Vater in seinem Diener, dem ehrwürdigen Pater Florian. Den will ich um Rath und Hilfe flehen, und er wird uns helfen, wenn Hilfe möglich ist.


Am frühen Morgen ging Konrad in die Zelle des frommen Priesters und offenbarte selbigem sein Leid und die ganze Sache. Aufmerksam hörte der Pater die Relation des preßhaften Liebenden, dann aber segnete er sich mit dem heiligen Kreuze und sprach: O mein Sohn, bete und wache, daß du nicht in Versuchung fallest; denn es gehet der Teufel herum wie ein brüllender Löwe, und sucht welchen er verschlinge, und so mich nicht Alles trügt, so mag der Feldscheer Niemand anders seyn, als eben – der Teufel. – Listig wohl [75] spannt der Versucher sein Netz aus, aber es wird ihm nicht glücken. Sei standhaft und ermahne auch Deine Geliebte zu frohem Muthe, bete und arbeite, und folge stets meinem treuen Rathe, laß auch die Sache gehen, wie sie will, wenn es an der Zeit und Stunde seyn wird, soll Euch die Rettung nicht fehlen. Mit sothanen Worten des Trostes gekräftiget ertrugen nun die Liebenden die Unbilden ihres Schicksals und insonderheit Klara das Drängen des unheimlichen Liebhabers, des ungeduldigen Vaters und der sie knöchelnden Base, in deren jungfräulichem Herzen sich eigene böse Liebesbegierde für den viel versprechenden Galan zu regen anfing, welcher das unreine Flämmlein dieser Brust mit dem Oele seiner Zärtlichkeiten und Goldgulden speisete, so daß sie beinahe geschwankt hätte, ob sie den stattlichen Rothrock in's Hochzeitbette der Muhme leiten oder für ihn das eigene Kämmerlein schmücken sollte. Daß der Fremde ein unheimlicher Gesell sei, hatte ihre Hexenwitterung bereits lange schon erspähet. Aber was that das? War denn nicht auch der Stadtschreiber doch nur ein schwarzer Kater, und schien derselbe nicht still und geduldig die Oberherrschaft des Rothrockes anzuerkennen, der übrigens mit Hinzelmann auf vertrautem Fuße lebte.

So verging der Winter und als der Frühling kam, drängte der Fremde ungestümer auf die eheliche Verbindung. – Da war der Plan des ehrwürdigen Paters Florian gereift und er sprach zu der Liebenden: Meine Tochter, es nahet die Walburgisnacht. In sothaner Nacht wird der Böse sein Beilager mit dir halten wollen auf dem Blocksberge nach höllischem Brauche. Höre nun, was Du dabei thun sollst. Wenn er vorher Dein Jawort fordert, so gib ihm solches unbedenklich, denn dem Teufel mag man kecklich keinen Glauben halten, bestelle ihn aber zu Dir auf den folgenden Abend in Dein Kämmerlein zur Verabredung der Hochzeit. Damit Du aber nicht vor Furcht und Entsetzen verderbest und damit der Böse in Nichts an Dir Macht und Gewalt, vielmehr im Nothfalle kräftigen, männlichen Widerpart haben möge, so sollst Du, wenn das Stündlein nahet, unbemerkt von Deiner Base aus dem Fenster Deines Kämmerleins steigen, und mich im Thore unsers Klosters erwarten, wo ich Dich zu einer ehrbaren Matrone bringen werde. Indessen soll Konrad in Dein Gemach steigen, Deine weiblichen Kleider anlegen und mit Deiner Stimme Unterhandlung pflegen im Dunkeln. Du, Konrad, sollst alsdann darauf bestehen, daß der Böse die Morgengabe von tausend Dublonen, wohlgezählt im Sacke, am Abende vor der Hochzeit unbemerkt in das Schlafkämmerlein schaffe. Geschieht solches nun, so bringe flugs das Gold zu mir, daß unser Prior darüber den Segen spreche, und so solches geschieht, möget ihr sicher seyn. daß sich der Mammon nicht in Stank und Unsegen verwandle, sondern Euch verbleibe und Vater Schwepperlein, dem ich das Gewissen rühren will, Eurer ehelichen Verbindung nichts mehr in Weg legen werde. Damit aber auch letztlich der Teufel den Trug und die Verwechselung nicht merke, will ich Dir Konrad hiemit ein heiliges Bildlein verehren, welches die Kraft hat, die Augen des Bösen zu verblenden, daß er Dich halten muß, für wen Du Dich gibst, und daß auch Barbara, die Hexenmutter, und Hinzelmann, der Kater, keine Macht und Gewalt an Dir haben. Darum magst Du auch dem Bösen getrost Alles zusagen und versprechen, was er von Dir wegen der Hochzeit und der Brautfahrt begehret, sintemal solches Alles Gott zum Besten lenken und herrlich hinausführen wird, deß dürft ihr nicht zagen und sorgen. Dankend und fröhlich schieden die Liebenden aus Pater Florians Zelle, und thaten wie ihnen befohlen war.

In den letzten Tagen des Monats April erhielt der Teufel das Jawort aus dem Rosenmunde der schönen Klara, zugleich aber auch die Bestellung in ihr Kämmerlein zur heimlichen Beredung der Hochzeit bei nächtlicher Weile, und des Jubilirens in Nepomuk Schwepperleins Hause war kein Ende. Der Rothrock trieb unaufhörlich lächerliche Possen und Schwänke, und becherte in der Gesellschaft des künftigen Schwiegervaters und des Stadtschreibers, welcher Letztere mit spinnenden Murren um den dämonischen Kollegen schwänzelte, mit welchem er den höllischen Partagekontrakt über Leib und Seele der lieblichen Braut geschlossen. Aber im Herzensschreine der Base Barbara hatte nun die unziemliche Ueppigkeit und die Begierde nach dem Fremden die Oberhand erhalten, und brannte lichterloh in unreiner, diabolischer Flamme.

Als nun der verabredete Abend eingebrochen, Klara bereits unter sicherm Hort des frommen Paters und Konrad im Kämmerlein der Liebsten, angethan mit ihren Kleidern sich befand, hatte Barbara das Hinken des Rothrockes in das Gemach der zarten Muhme erlauscht, und sich auf die Treppe geschlichen, von wo ein kleines Fensterlein oben in Klarens Schlafkammer ging. Solches öffnete sie leise und horchte der süßen Zwiesprache der Liebesleute im Dunkeln.

Schon waren, ehe Barbara das Runzelgesicht durchs Fensterlein gesteckt, die Präliminarien geschlossen, und die Lauscherin zu spät gekommen, um zu hören, wie der Rothrock versprochen, die tausend Dublonen noch am Abend vor der Hochzeit in Klarens Kämmerlein zu spediren, aber was die Präparaturen zur Hochzeit anbelangt, so entging ihr davon nicht ein Wörtlein. Unser Beilager – sprach der höllische Galan zu der vermeinten Braut – soll nach der Sitte meines [76] vornehmen Hauses in der Walburgisnacht vollzogen werden, jedoch nicht allhier, sondern bei meinem Vetter, dem reichen Herrn von Brocken im Gebirge, welcher dazu ein fröhliches Gelage anrichten und mehrere ehrbare und lustige Gäste von meiner Bekanntschaft laden wird. Hiezu hab' ich ein Rößlein bereit, welches um Mitternacht auf uns in Deiner Küche harren wird. Darauf setze Dich ungescheut, so es Dir auch als ein struppiger Besen erscheint, und hinter Dir werden meine starken Arme Dich umfassen, daß Du nicht fällst und Schaden nimmst. Wohlgesprochen Herr Bräutigam – entgegnete Konrad mit zarter Stimme – aber vergönnt der schämigen Jungfrau, daß sie bei dem Ritte nicht vor Euch sondern hinter Euch sitzen und Euch mit ihren zitternden, liebenden Armen umfangen möge. Leichtlich gab der gefällige Sponse dieß zu, und hinkte lustig und guter Dinge zum Kämmerlein hinaus. Barbara Murchel aber, suchte ihre steifen Festkleider hervor und harrete sehnsüchtig der Walburgisnacht, in welcher sie dem Teufel ein X für ein U zu machen, und anstatt Klarens mit dem infernalischen Bräutigam ins hochzeitliche Bette zu fahren gedachte. Vorher lief richtig die stipulirte Morgengabe wohlgezählt und in die Säcke gepackt ein, wurde schnell zu Pater Florian spedirt, und so war nun endlich der von allen Interessenten ersehnte Walburgis-Abend herangedämmert.

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Wie Klara sich in ihr Kämmerlein zum Schlafe begeben, schnappte die arglistige Base von außen das Schloß ab und schob den Riegel vor, wusch das Runzelfell mit Kleie und Seife, und legte die starrende Kontusche an. Oben vom Dache herab tönte Hinzelmanns Liebesklage, aber Barbara rief: Inkommodiren sich der Herr Stadtschreiber nur nicht weiter, da eine noblere Passion sich meines Herzens bemeistert! und als nun die Rathsuhr die zwölfte Stunde brummte und Eulenruf sich in Hinzelmanns Brautlied mischte; schlich Barbara heimlich und still in die finstere Küche. Hier wartete der Rothrock schon und frug mit leise krächzender Stimme: Bist Du da feines Liebchen? – Ja war die Antwort leise. Nun wohl, so setz Dich hinter mich – fuhr der Rothrock fort und schwang sich bald von den dürren Armen der Braut hinter ihm umknöchelt und flog im Hui mit ihr zum Fenster hinaus in die sausende Luft.
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Aber wer mag sein Entsetzen beschreiben, als er auf dem Blocksberge angekommen, das schmähliche qui pro quo, die scheußliche Braut beim flackernden Hochzeitfeuer erblickte und sie mit langgestreckten Krallen nach ihm griff, und ist es damals gewesen, daß der Teufel über sich selbst vor allen vornehmen Gästen und höllischen Honorationen „pfui Teufel!“ habe gerufen. Ob er aber dem untergeschobenen Gesponse sofort den Hals umgedrehet oder sie als Hexe mit infernalischen Missionsgeschäften beauftraget, durch die Welt wandern lassen, davon ist keine Kunde nach Katzweiler gekommen, vielmehr Barbara Murchel spurlos verschwunden verblieben, und auch der Herr Stadtschreiber, der um dieselbe Zeit auf Reisen gegangen, bis dato noch nicht revertiret.

Aber mit dem freundlichen Frührothe des ersten Maitages, als im Dunkel der blühenden Bäume die Nachtigallen schlugen, wurde das Haus des Baders mit Besemen gefegt, mit geweihtem Weihrauch und Myrthen durchräuchert und Nepomuk Schwepperlein dergestalt zugesetzt, daß er gänzlich zerknirscht sich fürder aller losen Possen und Schlemmerei abthat, den wakern Konrad mit dem liebenden Töchterlein zusammengab und mit den Kindern der gesegneten Dublonen sich freuete in Glück und Ruhe bis an sein Ende.

C. Weißflog.
[77]
Die Künstler.


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Der Italiener. Auf frisch dahin im raschen Flug,
In hast’ger Eile mag ich gern skizziren.
Leicht aufgefaßt, ist Alles gut genug,
Und wer zufrieden ist, spart das Studiren.


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Der Deutsche. Was kümmern mich der Sonne erste Gluthen,
Der steile Fels, des Meeres weite Fluthen –
Wer Dich, Natur! im Kleinen treu erschaut,
Umfaßt im Großen Dich als seine Braut.


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Der Franzose. Ik will dok sehn, wenn ik mir kaprizier’,
Obs nit gelingt, la foudre su skizzir’
Pour le français il n’y a rien d’impossible, wißt:
Für den Franzosen nix unmöglik ist.


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Der Engländer. Die große Tour mach’ ich zu See und Land,
Den Krater des Vesuvs faßt keck auf meine Hand.
Und bin ich wieder angelangt zu Haus,
Geb’ ich im Stahlstich meine Reis’ heraus.
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Die ehrsame Zunft der Steckenreiter.


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Es gibt kleine Leidenschaften, welche zwar nicht großen Zwecken entsprechen, aber doch große Summen absorbiren. Adamskinder, welche mit ihnen behaftet sind, stehen zu einander in einem gewissen Rapporte; sie suchen sich und erkennen sich unter Tausenden; aber sie sind auch aus Tausenden leicht kenntlich. Es liegt etwas Zünftiges in diesen kleinen Leidenschaften, auch wenn sie sich nicht vom Vater auf den Sohn forterben, wie Realgewerbe. Jede derselben bildet unter ihren Anhängern eine Gilte; – unter einer höheren Einheit subsumirt entsteht sodann die große Zunft der Steckenreiter. – Einige Exemplarien aus dem Leben, welche wir unserm freundlichen Leser vor die Augen führen wollen, mögen als Begriffserläuterung dienen.




Der Horologiophile.


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Es gibt Liebhabereien, welche durch ihre schlichte Bezeichnung ihre Lächerlichkeit verrathen. In solchen Fällen kommt eine aus fremder Sprache entlehnte Terminologie sehr zu Statten, sie mag noch so barbarisch klingen. Horologiophilos heißt eigentlich Uhrenfreund. Aber unser Zünftiger hat humaniora studirt, und liebt einen technischen Ausdruck für seine Leidenschaft. Er ist auch viel zu sehr Kosmopolit, als daß ihm die deutsche Bezeichnung genügen könnte. Dieß entnehmen wir schon aus der Ornamentik der Prachtexemplarien seiner Sammlung. Da kräht stündlich der gallische Hahn neben dem russischen Adler, und mitten inne spielt ein vielstimmiges Uhrwerk in einem Kästlein mit altdeutscher Architektonik die bekannte Weise: „War Einer, dem’s zu Herzen ging etc. In seinen Lieblingsgedanken hat unser Steckenreiter einige Aehnlichkeit mit Karl dem V. Er möchte es so weit bringen, daß all’ seine Uhren auf einen Schlag gehen. Aus dem Grunde treibt er auch Mechanik und Mathematik, und ist hiebei unter Anderem zu dem rechnerischen Resultat gelangt, daß die Zinsen des auf seine Sammlung verwendeten Kapitals zusammt den Reparaturkosten nicht so viel ausmachen, als ihm eine standesgemäße Frau kosten würde. Der Horologiophile ist demnach Hagestolz aus Grundsatz. Er findet kein Weib, welches so pünktlich geht wie seine Uhren. Das Picken der Perpendikel ist ihm die angenehmste Musik, die einzige Sprache, die zu seinem Herzen spricht. Das Meisterwerk seiner Sammlung ist eine Uhr, auf welcher ein Constabler die Stunden kündet durch die Anzahl Prügel, womit er einen vor ihm liegenden Bauern Sitte lehrt.

[79]
Die Steckenreiter.


Der Alterthümler.


Er ist von altem aber heruntergekommenen Adel. Schon in frühester Jugend erging er sich gerne in Erinnerungen längst verklungener Tage. Eine verrostete Pickelhaube und ein zerbrochener Morgenstern, welche er auf dem Dachboden seines baufälligen Ahnenschlosses fand, gaben den Impuls zu seiner Neigung für Alterthümer. Nachgerade trat er in den Staatsdienst, und wurde zum Kanzleireferenten befördert, eine Stelle, welche ihm so viel einträgt, daß er nun mit Muße seiner Leidenschaft nachhängen kann.


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Am liebsten träumt er sich nun unter alten Harnischen, Schlachtschwertern und Hellebarden in die Zeiten des Faustrechts zurück. Er ist ein großer Anhänger des Feudalsystems und die vorlauten liberalen Ideen der Gegenwart sind ihm ein Gräuel. Seine Sammlung von Humpen, Trinkhörnern und Pokalen bleibt unbenützt. Zum täglichen Gebrauche begnügt er sich mit dem Arzneigläslein; denn er leidet am Podagra. Es ist die Liebe zum Extreme, die sich in diesem schwindsüchtigen Repräsentanten der Gegenwart und seiner Anhänglichkeit an eine kraftstrotzende Vergangenheit ausspricht. Er geberdet sich in dem Streitsattel, wie das Soldatenkind im Reitstiefel des Vaters. Seine Linke ist mit einem Stahlhandschuh seiner Ahnen überzogen, darinnen die ganze Duodezausgabe des freiherrlichen Nachkommen Platz hätte; das Ringlein, das er betrachtet, prangte wohl einst als Minnesold an dem Finger eines Turnierfähigen. Nun soll es in seiner Sammlung prangen, wie der Mammuthknochen in einem Naturalienkabinete.



Stiefel, Schuh und Pantoffel.


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Ein stolzer Schuh gerieth mit einem Stiefel in Streit und behauptete, daß sein Amt weit edler, als das des Stiefels wäre, indem man sich seiner nur bei besondern Gelegenheiten bediene. Kein Ball, keine Cour, keine Aufwartung (schrie er mit blähender Selbstsucht) findet statt ohne mich, während man sich Deiner, Du armer Teufel, nur bei schmutzigem Wetter als gemeine Fußbekleidung bedient. Der gereizte Stiefel warf erzürnt der Gründe viele entgegen, führte als Beweis seines Gegenrechtes die silbernen Spornen, welche in hundert Formen ihm zur Zierde verfertigt werden, an, jedoch keine der Streit führenden Mächte wollte nachgeben, als der Zufall einen schleichenden Pantoffel vorüber führte. Dieser hörte kaum, wovon die Rede war, als er ausrief: O ihr Thoren, was will Eure Macht gegen die meinige! Philosophen, Künstler, Helden und Staatsmänner seufzen unter meiner Herrschaft. Ein Laune von mir läßt den Schuh nicht auf den Ball und den Stiefel nicht aus dem Hause.

[80]
Naturgeschichte.


Homo studens. Homo studens.
Civis academicus sociarius (Ling. acad.) Civis academicus Ling. acad.
Anima obscura
Familie der Rabiaten. Familie der Pacaten.
Zu Deutsch:      Der Bursch. Zu Deutsch:      Der Obscurant.
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Kennzeichen:      Trägt farbige Bänder und raucht immer an den Schildwachen vorüber. Kennzeichen:      Geht nicht los, trägt auch kein Band.
Fundort:      Halle, Leipzig, Göttingen etc. auf Straßen, in Wirthshäusern, auf Fechtböden etc. Fundort:      In Hörsälen, Krankenhäusern, Dachstuben und Garküchen.
Zweck:      „Stürzen“ (Ling. acad.) Zweck:      Nachschreiben in den Collegien für sich und Andere – „ochsen“ (Ling. acad.)



München, Verlag von Braun & Schneider.Papier und Druck von Fr. Pustet in Regensburg.