Fliegende Blätter Heft 11 (Band 1)

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Titel: Fliegende Blätter Heft 11 (Band 1)
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aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 11, S. 81–88
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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[81]

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Nro. 11.
Bestellungen werden in allen Buch- und Kunsthand- Erscheinen monatlich zwei bis drei Mal. Subscriptionspreis
lungen, so wie von allen Postämtern und Zeitungs- für den Band von 24 Nummern 3 fl. 36 kr. R.-W. od. 2 Rthlr.
expeditionen angenommen. Einzelne Nummern kosten 12 kr. R.-W. od. 3 ggr.


Die Kranzbinderin.


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Vor den Thüren der Kirchlein und Kapellen, die zwischen den Edelsitzen und Dörfern der Eppaner-Hochebne ausgestreut liegen, finden die Leute häufig Kränze aus Feldwermuth, Heiderich oder ähnlichem Kraut und Laub gewunden. Sie stoßen dann den dürren, unnützen Kram mit den Füßen bei Seite, und murrend oder spottend sagt etwa Einer zum Andern: „Das hat wieder die närrische Lafrenger-Anna gethan.“

So heißt ein ziemlich bejahrtes Weib, das ohne Heimath und Erwerb, seit langen Jahren in den überetscher Gemeinden umherschweift, als eine unschädliche Irrsinnige gilt, und darum noch immer um Gotteswillen da oder dort ein Stück Brod und eine Lagerstätte gefunden hat. Man weiß von ihr wenig mehr, als daß sie eigentlich oben an der Gränze des Nonsberges daheim sei in dem Hochdörflein Lafreng oder Lauregno, wie es die Wälschen nennen, wo die letzten Deutschen wohnen, und sich seit alten Tagen gegen die um sich greifenden Nachbaren tapfer halten bei ihrer deutschen Sprache und ihrem Väterbrauch.

Obwohl Niemand bestimmt weiß, wo sie Tage lang umherschweift, hat man doch nie gehört, daß sie je sich hinauf verirrt habe in ihren Geburtsort und – es ist, als vermöge sie den Weg dahin zurück nimmer finden, als sei sie in eine gebannte Gegend gerathen, aus welcher sie nicht mehr entweichen könne. Desto öfter begegnen ihr die Leute auf freiem Felde und im Walde; am liebsten besucht sie die Gand, einen öden Heidestrich, wo man über Geröll und Busch weit ausblickt nach „dem Holz und dem Berg“, wie die Eppaner die Waldung des Mittelgebirges und die Wand der hohen Felskuppen der Mendel nennen. Auf der Gaisrast beim Bildstöckel flicht sie ihre Kränze, und in der Schürze sie verbergend wandert sie dann umher zu den Bethäuslein der ganzen Gegend, und legt ihre wunderliche Gabe an den Schwellen derselben nieder. Sie wählet mit Vorliebe die einsamsten Kapellen, auch die Hauskirchlein der vielen Herrensitze. An der Thüre des alten schönen Kirchleins Sankt Sebastian, unweit dem ritterlichen Hause von Englar, hab’ ich selber einmal einen Bündel solcher Wermuthkränze gefunden, und damals ließ ich mir dieß wenige [82] erzählen, was man von der Lafrenger-Anna weiß. Findet sie Jemand zufällig bei diesem Geschäfte, und frägt, wozu sie die Kränze binde, so antwortet sie: „Die Krönlein gehören für die zwölf Apostel und einer für die Mutter Gottes;“ – auch andere Heilige und selbst den lieben Herrgott beschenkt sie zuweilen mit solchem Schmucke aus Unkraut und Dorngeäst. Vorzugsweise sind es aber die zwölf Boten und die Himmelmutter, denen sie die Zierden zuspricht, und fast immer findet man wohlgezählet dreizehn Kränze an den Kirchpforten – Ich habe die Lafrenger-Anna nie gesehen, aber man hat sie mir beschrieben als ein gewöhnliches altes Weiblein, so armselig aussehend, wie alle die verkümmerten Ing’häusen[1] in den überetscher Höfen, etwa nicht allzuhäßlich und hexenhaft, sondern mehr betschwesterlich scheu, – ihren Irrsinn nur verrathend in der Verworrenheit ihrer Rede, nicht einmal durch den Blick eines wunderlich klaren, lichten Auges. Ueber den Grund der Geisteskrankheit, an der sie leidet, seit die Leute in Eppan sie kennen, gibt es nur unsichere Gerüchte, – es läßt sich indessen so ziemlich ein Zusammenhang errathen.

Anna war nie verheirathet, so viel weiß man bestimmt, – aber sie brachte doch, als sie das erste Mal „in der Deutsch“ herab ging, wie die Bewohner jener Gränzdörfer das Etschland nennen zum Gegensatze des Nonsberges, wo es ihnen „in der Wälsch“ heißt, – ein Kind von wenigen Wochen mit sich. Mit ängstlicher Scheue verbarg sie sich damals, so weit es ihr möglich war, vor allen Menschen, – verbrachte wahrscheinlich lange Tage in den Hochwäldern, übernachtete heimlich in offenstehenden Scheuern, und kam sie in ein Haus, um zu betteln, so verhüllte sie das Kind mit alten Lumpen bis über das Gesichtlein, als sollte es Niemand sehen, und darnach befragt, erwiederte sie heftig: „Ein Kind, – wo? – Ich habe kein Kind! – s’ist nicht wahr, was die schlechten Leute mir aufbrachten, das Kind – da – es ist nicht von mir! ich habe keines.“ Einmal kam Anna wieder in einen Hof und bettelte um einen Bissen Brod mit dem sorgsam bedeckten Kinde. Die Bäurin ward aber neugierig das Würmlein der Betteldirne zu sehen, und ob sich auch diese dagegen sträubte, hob sie das Tuch von des Kindes Gesicht. Das aber war bleich und eiskalt, die Aeuglein waren gebrochen, die blauen Lippen offen und verzerrt, kein Athem kam daraus hervor.

„Jesus Maria“ – schrie jetzt das Bauernweib – „das Kind ist ja todt! schaut nur selber, – es hat ja keinen Athem mehr, und die Wänglein sind völlig schwarz, – das ist schon lange todt!“ –

Anna blickte die Jammernde verwundert an, – dann sagte sie: „Todt? – ach wohl nicht? – s’schlaft nur all’m fort, weil es hungrig ist und müd vom Schreien.“

„Ja müd und hungrig“ – lärmte die Andere dagegen – „verhungert wohl, – so müßt ihr sagen. Aber um Gottes willen, – Mensch – habt ihr denn nicht gemerkt, wie’s um das arme Hascherle steht? – Es so gleichgültig zu Grunde gehen zu lassen! Seid ihr seine Mutter, ist’s denn nicht euer Kind?“ –

„Mein Kind? – Nein, – nein,“ lautete die hastige Antwort Anna’s.

„Nun denn, – so bringt mindestens das verstorbene Heiterlein zu den Raben-Eltern, die es einem so unsinnigen Unthiere anvertraut haben wie euch, damit sie’s christlich begraben lassen. Das Kind tragt ihr da wohl schon ein paar Tage todt herum! Es ist grausam! Geht – macht euch durch! Mir wird völlig übel. – Nein so zu thun mit einem armen unschuldigen Kind!“

„Was hab ich ihm denn angethan?“ fragte Jene hinwieder, – „s’schlaft ja recht gut und gesund und wird wohl wieder aufwachen, wenn es genug geschlafen hat!“

„Schlafen – aufwachen, – wenn’s todt ist! – Hört ihr’s denn nicht? Gestorben ist das Häutl, todt – maustodt ist es, und wird nimmer lebendig bis zum jüngsten Tag.“

Plötzlich horchte Anna mit aller Anstrengung aus die Worte der Bäurin. Sie schien verworrene Gedanken und Begriffe in ihrem Kopfe gewaltsam ordnen zu wollen, denn heftig und zu wiederholten Malen fuhr sie mit der Hand über ihre Stirne – auch ward sie bleicher und bleicher, und athmete kurz und schwer, bis sie zuletzt stammelte:

„Nein, – nein, – s’ist nicht todt! s’lebt schon noch! – Gelt’s ja Bäurin, – es lebt schon noch – mein Kind!“

Kalte Schweißperlen träufelten ihr von der Stirne nieder auf das Gesichtchen des todten Kindes, zu dem sie sich

  1. Ing’häus – Insass, – Miethsmann.

[83] in entsetzlicher Angst niederbeugte und es gewaltsam an sich drückte.

„Ja seid ihr ganz närrisch,“ rief nun die Frau dazwischen, „kennt ihr’s wirklich nicht, daß die kleine Kreatur ausgegeistert hat? – Ist’s am Ende dennoch euer eigenes Kind?“

„Ja – ja,“ – stöhnte die sinnlose Mutter, – „aber um’s Blut Christi willen, Niemanden sagen, Niemanden sagen! ich dürfte mich nie mehr daheim sehen lassen! – Und mein Madele lebt noch, nicht wahr?“


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Der Unwille der Bäurin batte sich jetzt in Mitleid verwandelt. „Nein, mein armes Mensch, – euer Madele ist schon wahrhaft todt,“ sagte sie verzagt und mit überlaufenden Augen.

Da stieß die Bettlerin einen jähen Schrei aus, und taumelte rückwärts an die Thürpfosten, die Kniee brachen ihr, und aus den Armen glitt ihr das todte Kind, nach dem noch schnell genug das Bauernweib griff, ehe es zu Boden fallen konnte. Die unglückliche Mutter mußte sie deroweil niedersinken lassen auf die Steine des Flurs.

Sie und andere mitleidige Seelen machten darauf Anstalt, daß das Töchterlein der Lafrenger-Anna ehrlich begraben ward. Selbst ein hübsches Blumenkrönlein legte man auf das Särglein, und dieses nun wollte die von tiefstem Wahnsinn befallene Mutter mit Gewalt haben, da sie vorher ununterbrochen mit denselben Worten ihr Kind verlangt hatte, und ihr die Leute darauf antworteten: „s’ist fort. – s’ist nimmer da, – in den Himmel hinauf ist’s geflogen zu den Engeln – wir können es nicht wieder erwischen. “ –

Um sie zu beschwichtigen, mußte man ihr endlich das Kränzlein mit den Papier- und Flitterblumen geben. Im Kopfe der Armen aber mag sich eine neue irrsinnige Verknotung aller dieser Begebnisse und Reden verschlungen haben. Sie sagte oft für sich: „Mein Kind ist todt – und ist aber auch im Himmel droben. Sie müssen Alle gestorben sein im Himmel droben; der Herrgott mit sammt den Heiligen. – Und sie haben gewiß keine so schönen Kränze am Sarge wie mein Madele!“ – Zugleich fing sie an die Kronen zu binden und bei den Kirchen niederzulegen, – und dieß Gewerbe treibt sie nun seit jener Zeit. Durch eine lange Reihe von Jahren hat sich ihr Wahnsinn nicht im geringsten geändert; mit ihrem Kinde scheint für sie zugleich die ganze Welt gestorben zu sein. Manchmal gibt sie auch zu verstehen, daß sie die Menschen, mit denen sie verkehrt, für todt hält; sie reicht ihnen dann eines ihrer Geflechte hin und sagt dazu: „Sieh da hast auch einen Kranz.“ Viele halten solch eine Begegnung mit der Lafrenger-Anna für eine böse Vorbedeutung; – doch, wie gesagt, verkehrt sie in ihrem Irrsinn weit mehr mit den Heiligen als den Menschen.

Was mag die Arme mit der Frucht einer bösen Stunde an der Brust, zuerst herabgetrieben haben zu fremden Leuten? – Es heißt, sie habe sich mit einem Wälschen vergangen, und von ihm in ihrer Noth verlassen, von ihren Angehörigen mitleidslos verdammt, habe ein dumpfer Irrsinn sie befallen, und zugleich sie hinweggejagt von dem Boden, wo sie mit ihrer Schande nicht mehr leben konnte. Es ist nämlich bei den Deutschen von Lafreng und Proveis im inneren und äußeren Wald auf dem Gampen unerhört, daß ein Mädchen einem der wälschen Nachbaren Gehör gibt, und wie sie ohnehin auf reine Sitte strenge halten, so rügen sie einen Fehltritt mit einem Fremden in doppeltem Maße. Vater und Bruder sprechen dann zur Gefallenen: „Mach dich fort, wir kennen dich nicht mehr,“ und Mutter und Schwester würden nicht um die Welt mit ihr zur Kirche geben. So mag auch Anna zu einer Gezeichneten und Ausgestossenen geworden sein. Niemals hat irgend ein Mensch aus Lafreng ihr nachgefragt. –

Sie kann noch lange Kränze binden, – solche Leute werden meist sehr alt, – bis sie etwa einmal aus ihrem Wermuthbündlein einschläft und im Himmel droben auswacht, und freudig erstaunen wird, daß der barmherzige Gott und seine Heiligen nicht gestorben sind, und bei ihnen ihr Madele als ein schönes Engelein lebt.

[84]

Die Wein’ un ̃ der Bachus
(Pfälzisch)


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Die Wein’ sin amol zum Bachus kumme ̃
Un ̃ habe ̃ ’n um a Entscheidung gebitt’t,
Er soll ihne ̃ saache ̃ uf Wort un ̃ Ehr,
Weller vun ihne ̃ der vornehmschte wär’.

5
Der Bachus hot gsacht, ihr liebe Kinner,

Den Gfalle ̃ den will ich euch wohl thu ̃,
Es schick’ nor a jeder a kleen’s Deputat,
Nocher halt’ ich a Prüfung im große ̃ Rath.

Deß ware ̃ die Wein’ natürlich zufriede ̃,

10
Un ̃ Gsandte sin ̃ kumme ̃ vun aller Welt,

Un ̃ ’s hot nor gewimmlt vun Glanz un ̃ vun Pracht,
Denn der kleenschte der hot sein ̃ Staat gemacht.

Un ̃ ’m Bachus sei ̃ Ceremoniemeschter
Der hot ihne ̃ gsacht, wann die Prüfung is,

15
Geht jeder, so wie ’m gewunke ̃ werd seyn,

Beim König ganz still in die Gorgl ’enein.

Un ̃ richtich! so wie der Tag is gewese ̃,
So hot der Bachus der Reih’ noch gewinkt,
Deß erschte, deß ware ̃ die Herrn vum Rhein,

20
Die sin ̃ dann stolzirt wie die Ferschte ̃ ’enein.

[85]

Dernocher sin ̃ glei ̃ die Burgunder ’kumme ̃
Un ̃ die Bordeaux mit ihr’m rothe ̃ Talar, –
Do habe ̃ die Grieche ̃ schun Gsichter gemacht
Un ̃ habe ̃ die Fremde gar scheel betracht’t.

25
Un a alter Muschkat vun der Insl Samos

Der hot gesacht zum a Malvasir,
Geb’ Acht die Franzose ̃ mit ihr’m Geschwätz
Die krieche ̃ heilig die erschte ̃ Plätz’.

Un ̃ der Bachus der hot ’m Champagner gewunke ̃,

30
Der war wie a rechter Stutzer geputzt,

Besetzt mit Topase ̃ die Knöpp’ am Frak
Un ̃ a Perle ̃schnur an sein’m Chapeau claque.

Er is mehr getanzt als daß er is ’gange ̃
Un ̃ hot noch gesumst so a Stück vun a Lied,

35
Do habe ̃ die annre ̃ gemormlt: wie grob!,

Der hot aach de Großmogl in sein’m Kopp.

 Jetz’ hot der Bachus gerufe ̃: Tokayer!
Do is der natürlich gar wichtich ’enein,
A kleener Mann, ganz kuprich un ̃ roth,

40
Zwee Husare ̃ hinner ’m noch ungrischer Mod’.


D’ruf hot der Bachus nimmer gewunke ̃,
Es war a langi peinlichi Paus’
Un ̃ er hot sich als bsunne ̃ un ̃ hot sinnirt
Un ̃ wie a rechter Gelehrter studirt.

45
Un ̃ wie’s halt geht mit dem dumme ̃ Studire ̃,

So kummt ’m der Schlof un ̃ er duslt ei ̃,
Jetz’ stellt euch die Angscht un ̃ die Ungeduld vor
Vun dem übrige ̃ diplomatische ̃ Corps. –

„Do gilt es a Lischt“ sächt a Piesporter Junker

50
Un ̃ rumplt ’m König durch’s offene Maul!

Deß war a Signal un ̃ Alles will ’nei ̃
Un ̃ kenner der letschte Vergessene sei ̃.

O Mord un ̃ Spetakl, was war deß a Drucke ̃,
Die Grieche ̃, wie Feuer vor Aerger un ̃ Zorn,

55
Un ̃ die Franke ̃, die aach nit vun Huzle ̃ gemacht,

Die habe ̃ sich grose Sottise ̃ gesacht.

Ke ̃ Rücksicht, ke ̃ Schonung war do mehr zu finne ̃,
Die Spanier allee ̃ ware ̃ noch im e ̃ Tackt
Un ̃ habe ̃ die Lacrimae Christi gebitt’,

60
„Ei geben Se vor, mir kumme ̃ schun mit.“ –


Un ̃ der Bachus der hot als gschlofe ̃ un ̃ gschlofe ̃
Un ̃ die Herold die habe ̃ gewart’t und ̃ gewart’t,
Um laut zu verkündige ̃ überall,
Wie dann gefalle ̃ ’m König sei ̃ Wahl.

65
Jetz’ endlich erwacht er, un ̃ wie er’s soll sage ̃,

Derwell’ dann der erschte vun all’ denne ̃ Wein’,
So denkt er in Lieb’, un ̃ deß war wohl aach gscheut,
„Was soll ich een kränke ̃, sin All’ liebe Leut’,

„Un ̃ soll ich’s dann wege ̃ ’me Wörtche ̃ risquire ̃,

70
Daß mancher werd sauer un ̃ kahnig vor Gram?“

Nee, denkt sich der König, un ̃ hot halt nix gsacht,
Als daß ’m die Prüfung Vergnüge ̃ gemacht.

Un ̃ weil er halt gar nix sunscht sage ̃ hot wolle ̃
Der gute un ̃ liebe un ̃ freundliche Mann,

75
Un ̃ so weeß mer noch bis uf die Stund’ nit gewiß,

Derwell’ vun de ̃ Wein’ der vornehmschte is.

(Aus Franz v. Kobells Gedichten.)


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[86]

Die ehrsame Zunft der Steckenreiter.
(Fortsetzung.)


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Der Kunstliebhaber.

Ehedem war er Lederfabrikant, und der unangenehme Lohgeruch wurde das Fundament seiner Lieblingsneigung, des Tabackschnupfens. Späterhin privatisirte er und ließ sich in den Kunstverein aufnehmen. Das ist fashionable und er huldigt seit seinem Standeswechsel dem guten Tone nach besten Kräften. Anfänglich lobte oder tadelte er die Gemälde blos weil er sich als Vereinsmitglied hiezu für berechtigt hielt. Allmählich wurde ihm klar, daß nichts leichter sei, als eine Kunstkritik. Von jenem Zeitpunkte her datirt sich seine Leidenschaft für die Kunst, und er wußte sie mit seiner Liebe für den Schnupftaback auf eine sinnige Weise zu verknüpfen. Ein Paar Dosenbildchen, das Geschenk eines künstlerischen Parasiten, erweckten in ihm die Idee, eine Privatgallerie anzulegen. Die Miniaturporträte seiner Ehehälfte und seiner sieben gesunden Kinder bildeten die Grundlage. Bald vermehrte sich seine Sammlung mit Copien der ersten Meister, sämmtlich auf Dosendeckeln, von denen er nun für jeden Tag des Jahres einen eigenen aufzuweisen hat und für die Schaltjahre noch einen aparten. Zur Zeit strebt er darnach, sich eine theoretische Bildung zu verschaffen, aber das Lesen kommt ihm etwas schwer an, – nicht aber wegen des kleinen Druckes. Im Gegentheile, seine Augen sind durch seine Miniatursammlung bedeutend geübt. Seine Copie von Rubens letztem Gerichte auf einer einzölligen Quadratfläche ist ein Meisterwerk. – Ehe er über ein Gemälde urtheilt, besieht er es durch die hohle Hand und beobachtet eine künstlerische Distanz. Warum? – Hierüber weiß er ausser dem Handwerksgebrauche keinen Grund anzugeben. – Zuweilen besucht er die Bildergallerien und vergißt nie, seinen Katalog mitzunehmen. Er zählt viele Freunde unter den Künstlern, die seinen guten Tisch und seine Weine loben. Auch hat er ziemlich viel pretia affectionis aufzuweisen, welche ihm, nach seiner eigenen Aeusserung, am theuersten zu stehen kamen. Uebrigens ist er ein guter Bürger und Familienvater und seine politische Meinung ist noch nicht zum Durchbruche gekommen.


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Der Inkunabelnsammler.

Das fünfzehnte Jahrhundert ist der Reliquienkasten, daraus er seine Heiligthümer hervorholt. Die Antiquare sind ihm das vermittelnde Medium und seine besten Freunde. Er ist der Gegenwart völlig entfremdet und das neueste Buch, welches ihm seit Jahren zu Gesichte kam, ist von anno 1640. Er hat viel studirt, aber es ist ihm unbegreiflich, daß es eine schönere Sprachform geben sollte, als Mönchslatein und eine bessere Philosophie, als Scholasticismus. Der moderige Duft des vergilbten Papiers hat ihn mager und schwindsüchtig gemacht. Dieser Duft gilt ihm aber höher als Ambra und Moschus. Seine Geruchsnerven sind in der Art ausgebildet, daß es nur einer leisen Annäherung an das hiefür bestimmte Organ bedarf, um das Jahrhundert zu errathen, aus welchem die in Schweinsleder gebundene Scharteke stammt. Druckwerke aus der Mitte des 15. Jahrhunderts wiegt er mit Silber auf. Sein geheimster, seligster Wunsch wäre die Auffindung eines gedruckten Buches, dessen Ausgabe in die Zeit vor Erfindung der Buckdruckerkunst fiele. Sein halbes Vermögen steckt in diesen verschimmelten Folianten und Quartanten und seine muthmaßlichen Erben sind hierüber schwer zu trösten, da sie seinen allenfallsigen Rücklaß nur pfundweise und zu sehr unedlen Zwecken anzubringen hoffen können. Uebrigens ist er noch in Zweifel, ob er sich nicht für den Todfall seine Lieblinge mit in’s Grab sollte legen lassen, etwa wie es der Hindu macht. – Nicht selten wiegt ihn der Duft seiner Sammlung in selige Träume; dann sieht er sie hereinschweben, diese farblosen Skelete vergrabener Zeiten, und die leeren Räume seiner Inkunabelnbibliothek füllen. Er ist selbst zu einer incunabula geworden, und sein Gesicht hat die Farbe seiner Lieblinge in gepreßtem Schweinsleder angenommen.

(Wird fortgesetzt.)

[87]

Beiträge zur Geschichte von Herrn Wahls großer Nase.


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Sagt, ist es nicht ein Verbrechen,
Der Moral so Hohn zu sprechen,
Er trägt, frech und sittenlos,
Den größten Theil des Körpers blos.


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Seines Nasen-Unholds Ende
Steht so ferne vom Gesicht,
Unerreichbar ist’s für seine Hände,
Wenn er nießt, so hört er’s nicht.


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Was kann Wahlens Unstern gleichen;
Er verzieht zwar sein Gesicht,
Wenn ihn eine Fliege sticht,
Kann sie aber nicht verscheuchen.


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Als du jüngsthin schlummertest im Grase,
Ragte himmelan die Wundernase;
Und die Dorfbewohner weit umher,
Zählten einen Kirchthurm mehr.

[88]

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Monumente


manicula Aufruf an das deutsche Publikum.


Es ist ein trauriges Zeichen, daß unsere Zeit, die doch mit so regem Eifer und so großer Thatkraft auf ehrenvolle Anerkennung und Auszeichnung verdienter Männer hinarbeitet, – am füglichsten nach ihrem Tode durch Monumente – bis jetzt eine Anzahl wahrhaft großer Männer und Frauen – den Stolz unseres Vaterlandes, den Neid der Nachbar-Nationen – übersehen, ja beinahe vergessen konnte!

Die unterfertigte Comité, aus sich selbst gebildet, bedeutende Notabilitäten in ihrer Mitte zählend und den Werth des großartigen Unternehmens wohl erfaßend, hat nun beschlossen, in diesen Blättern, so weit es der Raum gestattet, in kurzen Lebensabrissen diese Großen dem deutschen Volke vorzuführen, und wird durch beigelegte Monument-Zeichnungen das monumentenbeitragspendsüchtige Publikum zu glänzenden Beiträgen, um die großen Werke zu fördern, förmlich auffordern.

Die Comité unterzieht sich mit Freuden der Annahme der Beiträge, verspricht auch dereinst vielleicht eine Abrechnung zu stellen; ladet aber um so mehr ein, mit den Spenden zu eilen, da die bereits unterm 1sten Jänner 1845 erfolgte fixe Anstellung eines leitenden Direktors, eines Haupt-Cassiers, so wie zweier Cassiersgehilfen, sodann zweier Rechnungsführer, eines Administrationsbeamten, eines Registratoren und dreier Diener, alle dem hohen Zwecke gemäß würdig salarirt, bereits schon eine bedeutende Summe in Anspruch genommen hat.

Indem wir somit uns nun einer angenehmen Pflicht entledigen, glauben wir nach dem alten „utile dulci“ auch das Nützliche nicht aus dem Auge zu verlieren, wenn wir auf den demnächst erscheinenden ausführlichen Prospectus der verschiedenen Fest-Essen verweisen, die nach den beschlußfassenden Versammlungen, nach dem Gusse und nach der Aufstellung und Enthüllung der Monumente, so wie bei der jedesmaligen Reinigung derselben statt finden, und wenigstens theilweise aus den Vereinsmitteln bestritten werden sollen.*)

Die aus sich selbst gebildete Comité des Vereines für projectirte Monumente.


*) Wir fühlen uns geehrt, durch die gütigen Mittheilungen der „Comité des deutschen Vereines“ im Stande zu seyn, Zeichnung und Beschreibung des ersten der projectirten Monumente unsern geneigten Lesern beifolgend vorführen zu können.
Die Redaktion der fliegenden Blätter.



Dem Erfinder des Stiefelknechtes.

Michel Knecht, (florirte 1452, Erfurt) ein Hausknecht im Gasthause zum silbernen Schwanen daselbst, der immer den Fremden die Stiefel ausziehen mußte, kam zuerst durch tiefes Nachdenken etc. auf diese köstliche Erfindung, wodurch eine der größten Schwierigkeiten dieses unsres Erdenwallens auf’s glücklichste überwunden wird. Das anfangs wenig complicirte Instrument wurde nach ihm Stiefel-Knecht benannt, um seinen Namen zu verewigen. Er genoß indeß nicht mehr lange die Früchte seiner schönen Erfindung, sondern starb schon im Jahre 1454 im schönsten Alter, ein Opfer seines frühern Berufes (hernia inguinalis) und liegt in Erfurt begraben.

War von jeher besonders verehrt von solchen, die keine Lakeien, Husaren und Kammerdiener oder sonstige lebendige Stiefelknechte haben, und ihre Stiefel selber ausziehen müßen.




manicula Um die Größenverhältnisse der Monumente dem deutschen Publikum verständlicher zu machen, geben wir die Maaße überall in französischen Mètres an.




München, Verlag von Braun & Schneider.Papier und Druck von Fr. Pustet in Regensburg.