Fliegende Blätter Heft 12 (Band 1)

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Titel: Fliegende Blätter Heft 12 (Band 1)
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aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 12, S. 89–96
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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Nro. 12.
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lungen, so wie von allen Postämtern und Zeitungs- für den Band von 24 Nummern 3 fl. 36 kr. R.-W. od. 2 Rthlr.
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Des Perlenfischers Töchterlein.


In Bayern ist ein Ländlein, heißt die Steinpfalz. Nun ist aber kein Ding auf der Welt ohne Grund, und so mag denn auch Niemand diesem Ländlein den Vorwurf machen, daß es seinen Namen nicht mit Fug und Recht trage. Vom böhmischen und bayerischen Walde her streichen zwei Granitarme, längs der Donau einer, und der andere nördlicher gegen Untergang zu, und bilden in ihrem Schooße einen freundlichen Thalgrund, benetzt von den braunen, geruhigen Wellen des Regenflusses. Aber nicht nur im Gebirge thürmen sich die Felsblöcke zu wundersamen, eigenthümlichen Gestaltungen auf, daß der Wandersmann sie für zerfallene Burgen oder Kirchen, allenfalls selbst für versteinerte riesige Menschengestalten ansehen möchte; auch in der Ebene liegen allenthalben die Granittrümmer zerstreut, als wäre hier der Schauplatz gewesen, wo weiland die Giganten mit Felsblöcken die Himmelsburg erstürmen wollten. Seit Jahrtausenden arbeiten Sturm und Regen an diesen steinernen Wahrzeichen, ebnen und glätten ihnen die Kanten und Ecken. Als wären sie durch kunstgeübte Hände zugemeisselt, so liegen sie nun mitten auf Feldern und Aengern, oder ragen wie eine Warte über das Waldesgrün empor, d’rauf man einen Blick weit herum in’s pfälzische Land werfen kann. Der heilige Beda, welcher nach den Chronikbüchern Steine in Brod zu verwandeln wußte, hätte hier für seine Wunderthätigkeit einen feinen Spielraum gefunden, und wäre den Leuten hier zu Lande höchlich willkommen gewesen. Denn die Pfälzer – obwohl sonst ein wackeres, braves Völklein – wollen doch das Brod lieber schon gebacken auflesen, als daß sie im Schweiße ihres Angesichtes ihren undankbaren Boden umreißen. Der kalte Granitsand des Erdreichs lohnt auch ihren Fleiß gar wenig, so daß Reichthum und Ueberfluß im Lande selt’nere Erscheinungen sind als die Schalttage. Selbst die Gießbäche, die von den Bergen in die Niederungen strömen, fördern [90] das Gedeihen wenig, da sie keinen befruchtenden Schlamm mit sich führen. Aber ein anderer Schatz ruhet in ihrer Tiefe. Auf ihrem Grunde finden sich Muschelthiere in großer Zahl, die nicht selten gar schöne, kostbare Perlen in ihren Schalen enthalten. Die reichen Mönche der Cistercienser-Abtei Walderbach hatten vor mehr denn hundert Jahren das Regale der Perlenfischerei um einen annehmbaren Schilling für längere Zeit gepachtet, und eigene Fischer bestallt, denen es oblag, die Muscheln aus den Perlenbächen zu sammeln. Manch edle Perle wanderte sofort in den Schatz der frommen Väter, und wurde entweder zu einem Marienkrönlein oder sonst einer Zierde der Klosterkirche verwendet, oder an die Goldschmiede und Geschmeidehändler in Regensburg um schweres Geld veräussert. –

Wo in den Gebieten von Frankenberg und Brennberg einer dieser Perlenbäche dem Regen entgegenfließt, stand vor geraumer Zeit die Hütte solch eines Perlenfischers, den man allgemein in der Umgegend den „langen Matheis“ nannte. Die kleinen Zellen des Waldhäusleins boten kärgliches Obdach für die zahlreiche Familie. Das ist in der Pfalz so daheim; je dürftiger der Imbiß, desto mehr hungrige Buben und Dirnen warten darauf. – Unseres Perlenfischers Ehebett hatte der Himmel bereits zum siebenten Male gesegnet, und es war ein Werk der Barmherzigkeit, als die frommen Väter zu Walderbach ihm auch die Jagd- und Waldhut anvertrauten gegen einen Malter Roggen jährlich, und die Halbscheid der Pfandgebühren bei Waldfreveln, welche öfter vorfielen, als man sich’s just denken sollte. Auch war die Gränze in der Nähe, welche die Wildbahn der Herren von Falkenstein von der Walderbacher Jagdrevier trennte, was schon des Wildstandes wegen eine Aufsicht nothwendig machte. Das waren nun aber zwei Aemter, welche selbst für den wackersten und gewissenhaftesten Mann Verführung genug darboten, um so mehr, wenn Einer wie der lange Matheis ein schlimmes Weib und ein hübsches Häuflein Kinder mit Atzung und Kleidung versehen mußte, und dabei eine so karge Löhnung hatte, wie sie in dem Falle die strengen Cistercienser geben. Was Wunder, wenn eben hie und da ein Häslein oder ein junges Reh, welches sich von der Falkensteiner Revier herüber vergangen hatte, und von Gott und Rechts wegen nicht als Klostergut angesehen werden konnte, statt zum Pater Küchenmeister in die Hände der ehrsamen Frau Barbara wanderte, und in aller Stille bestmöglichst zubereitet wurde. Der Jagdaufseher fand darin auch nichts weiter, als eine freisinnige Auslegung seines Rechtes an der Pfandgebührenhälfte, und nahm sofort jedes zweite Stück Wild für seinen eigenen Haushalt in Anspruch, das unbefugt in sein Revier herüberwechselte. Das hätte gerade noch hingehen mögen in Anbetracht der Noth, die unter dem Strohdach hauste und ob der Seltenheit der Fälle. Wo aber der böse Feind einmal einen Finger hat, geht bald die ganze Hand mit in den Kauf! Der lange Matheis hat es gar wohl erfahren, als ihm sein zanksüchtiges Eheweib die Wirthschaft oft zu toll trieb, und er mit dem Vorwurf im Herzen nichts zu entgegnen sich getraute. Es ist ein böses Ding, mit dem Hehler seiner eigenen Vergehen zu rechten. Fiel ihm nun die Zanksucht seines Weibes und der beständige Hader recht schwer auf’s Herze, so ging er hin, und vertrank seinen Aerger, und machte damit die Sache noch schlimmer. Nun wächst zwar in der Pfalz viel Hopfen; aber das Bier, welches man dort braut, ist just nicht das beste in Bayern. Nachgerade behagte es dem Perlenfischer nicht mehr, und er hielt sich dagegen wacker an Kirschbranntwein und Annis, vertrank den ganzen Rest seines Lohnes, dessen größere Hälfte ohnehin in die Tasche der Frau Barbara wandern mußte, oft an einem Tage, und konnte sich doch nicht d’rein fügen, die andern Tage Durst zu leiden. So gewann er es denn endlich über sich, hie und da eine gute Perle auf eigene Faust in den Handel zu bringen. Ein mitleidiger Jude aus dem benachbarten Städtlein Cham begünstigte seine Hantierung, und nahm ihm das veruntreute Gut um den dritten Theil des Werthes ab.

Wer vermag aber den Scharfblick eines Weibes zu täuschen? Frau Barbara merkte alsbald ihres Mannes geheime Handelschaft. Sei es nun, daß sie grollte ob des eigenmächtigen Uebergriffs über die verbrieften Ehepakten, welchen gemäß sich die angehenden Eheleute vollkommene Gütergemeinschaft ausbedungen hatten; oder sei es, daß sie wirklich um das Seelenheil ihres Gesponses besorgt war; kurz – das Schelten und Grollen nahm kein Ende, so lange der Mann daheim war, und sie nannte ihn einen Galgenvogel und Lotterbuben, und was dergleichen Betheuerungen mehr waren. Er ertrug’s eine Weile, ohne ein Wörtlein zu sprechen; alsdann ging er aber von hinnen, und vertrank seinen Ingrimm, um dann seinem Weibe neuen Anlaß zu Aergerniß zu geben.

So dauerte das Ding wohl mehrere Jahre, und der Gram und der Branntwein zehrten an dem langen Matheis, daß er schier zusehends länger und hagerer wurde. Zudem waren nun auch seine Kinder herangewachsen, mehreten die Last des Hauswesens, und er konnte es nicht dahin bringen, daß die Mutter sie in den Dienst schickte. Die Buben führten ein wahres Tagediebleben, nahmen an ihres Vaters Wildfreveln ein gut Exempel, und die Dirnen waren just auch nicht vom besten Schlag. Nur die blauäugige Margaretha, das jüngste Kind im Hause, war aus der Art gerathen, fromm und sittsam, die schönste Perle, so der Fischer aus trüber Quelle gefischt. Unangesteckt von der Rohheit ihrer Mutter und Brüder, und von der Sittenlosigkeit ihrer Schwestern, blühete sie auf wie ein Maiblümlein unter Giftpflanzen, und, obwohl die Versündigung ihres Vaters ahnend, hing sie doch an ihm mit treuer, kindlicher Liebe, da sie zu sehr fühlte, wie nur Gram und Kummer daheim ihn auswärts zum Bösen verleiteten.

[91] Zur selbigen Zeit ging es im deutschen Reichshaushalte wohl eben so d’runter und d’rüber, wie in dem kleinen Haushalte unseres Perlenfischers. Der unglückliche Churfürst Maximilian Emanuel von Bayern irrte umher – ein Flüchtling – und Bayern schmachtete unter dem Drucke österreichischer Truppen.

Obwohl dem Churfürsten Johann Wilhelm von der rheinischen Pfalz nebst der Reichsverweser-Würde auch das Fürstenthum der obern Pfalz und die Grafschaft Cham vom Kaiser war übertragen worden: so lasteten doch die Greuelthaten österreichischer Freibeuter, die sich von dem Regimente des Churfürsten nicht irre machen ließen, auf dem Ländlein, darinnen sie plünderten und marodirten nach ihrem Herzgelüste.

War nun der lange Matheis mit Leib und Seele dem unglücklichen Emanuel zugethan, so war andererseits seine Ehehälfte, welche die Pracht und den Jubel des Landtages auf dem Amberger Rathhause mit angesehen hatte, und vom kaiserlichen Statthalter eigens mit einem freundlichen Gruße war beglückt worden, gut kaiserlich gesinnt, und sollte es auch nur seyn, ihrem Manne Widerpart zu halten. Das mehrte den gegenseitigen Haß, und der Unfriede wucherte fort unter dem Dache, wie ein giftiges Schlinggewächse.

Da geschah es, daß der lange Matheis, als er eines Tages noch spät am Abende die Waldhut versah, ein leises Stöhnen die Fahrstraße entlang vernahm. Als er sich an Ort und Stelle begab, fand er einen jungen Mann, mit Blut bedeckt, das aus einer offenen Kopfwunde hervorquoll, der schier halbtodt im Graben lag, und sich nicht fortzuhelfen vermochte. Mitleidig, wie er war, lud ihn der Perlenfischer auf seinen Rücken, und schleppte ihn, so gut es ging, in seine Hütte. Trotz des Gescheltes der Frau Barbara über die unzeitige Barmherzigkeit ihres Mannes, und die Last, die ihrem Hauswesen durch die Pflege eines zum Tode Verwundeten aufgebürdet wurde, nahm sich doch ihr frommes Töchterlein des Unglücklichen sorgsam an, wusch ihm die Wunden, und verband sie mit weißen Linnen. Ihr eigenes Bettlein trat sie ihm ab, und pflegte seiner gegen zwölf Tage. Der Fremde aber, da er seiner Sinne wieder mächtig geworden, erzählte dem Perlenfischer, daß er ein Kaufmann wäre aus Regensburg, daß ihn die kaiserlichen Strauchritter, da er mit seinen Waaren gen Cham auf den Markt fahren wollte, überfallen und ausgeplündert, Wagen und Rößlein davongeführt, und ihn in schwerer Noth im Graben liegen gelassen hätten. Er wolle es ihm, dem Perlenfischer, gedenken, der an einem Fremdlinge eines der sieben barmherzigen Werke verübt, wenn er selber halbwegs von seinen Wunden geheilt und wieder heimgekehrt wäre. – Manch Thränlein rann über Margarethens rothe Wangen, als der Kaufherr die schlimme Geschichte erzählte, und ihr Antheil an dem Verwundeten wuchs noch mehr, wenn sie ihm in das blasse, freundliche Angesicht sah, und ein dankender Blick seiner Augen auf ihr ruhte. Das war wohl gut; aber die Hausfrau und ihre übrigen Kinder betrachteten den landfremden Mann, der sich gegen ihren Willen unter ihrem Dache eingenistet, mit scheelen Augen, und Margarethe hatte um der sorgsamen Pflege willen, womit sie ihren kranken Gast auswartete, manches Scheltwort hinzunehmen und über manche unzüchtige Aeusserung zu erröthen. Es konnte nicht fehlen, daß der Kaufherr alsbald die Sinnesart seiner Wirthin errieth, und als er sich so weit fühlte, um den Heimweg wieder antreten zu können, ließ er ein Brieflein besorgen an den Abt zu Walderbach, den er wohl kannte. Ueber kurz, so ward ihm auch ein Fuhrwerk geschickt vom Kloster, das ihn wieder heimbringen sollte gen Regensburg. Dankbar drückte er beim Abschiede dem Perlenfischer die Hand, und versprach, seiner eingedenk zu seyn, und ihm den Liebesdienst zu vergelten so viel als möglich wäre.


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Als er aber Margarethen Valet gab, zog er ein goldenes Reiflein vom Finger, das Einzige von Werth, was ihm die Strauchritter gelassen hatten, und reichte es ihr mit der Bitte, daß sie seiner gedenken möchte, wie auch er all seiner Lebtage nimmer der lieblichen Pflegerin vergessen wolle. Frau Barbara wieß trotzig jeden Dank zurück. Als nun das Wäglein die Waldstraße entlang fuhr, und bald im Gehölze aus den [92] Augen der nachsehenden Dirne verschwunden war: da überkam es diese wie leise Sehnsucht, und sie steckte das Ringlein – das einzige, abgerissene Glied aus der Kette menschlicher Freuden, so ihr bisher zu Theil geworden – mit einer zerdrückten Thräne an den Finger. Von der Stunde an aber hörte sie kein Wörtlein mehr von dem Kaufherrn. Wie es sonst auch vorkommen mag im Leben, so hatte er der schlimmen Tage kein Gedächtniß mehr, als die guten wieder an die Reihe kamen, und damit war auch des Dankes vergessen, welchen er seinem Retter zugesagt hatte. Der Perlenfischer kümmerte sich nicht darob, Margarethen aber kränkte es in die Seele hinein, weil Mutter und Geschwisterte schlecht dachten und redeten von dem undankbaren Manne. –

Nachgerade ging des Perlenfischers Hauswesen seinen alten, trübseligen Gang weiter, ja es verschlimmerte sich wo möglich, denn nach Jahr und Tag verfiel er in eine langdauernde Krankheit, die Folge seines ausschweifenden Trunkes, und der Gewissensangst, die auf ihm lastete. Da verließ Frau Barbara mit ihren ältern Töchtern das Haus in der Noth, und hängte sich an die Oesterreichischen, welche in der Umgegend in Quartier lagen. Dieses Vorkommniß wäre wohl dem langen Matheis zu jeder andern Zeit nicht gram gewesen; aber nun, da er krank und elend daniederlag, auch seine Söhne – weiß der Himmel, in welcher Herren Land herumschweiften – nun ging es ihm hart zu Gemüthe, und er wäre sicherlich vom Schragen nicht mehr aufgestanden, wenn nicht seine Margarethe bei ihm ausgehalten und seiner gepflegt hätte mit dem ganzen Reichthum ihrer Kindesliebe. Zugleich sah sie des Vaters Prest an als eine Fügung des Himmels, als eine Heimsuchung für die Sünden früherer Tage. Da legte sie Hand an’s Werk, ihn wieder umzulenken auf den rechten Weg, und verlobte sich zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau in Frauenzell, wenn ihr das fromme Vorhaben gelänge! –

Das war wohl gut, aber das Geschäft des Perlenfischers blieb liegen, die Waldhut ward versäumt, und der Abt von Walderbach merkte schon lange den Ausfall in den Einkünften des Stiftes, da seit langer Zeit wenige, und zuletzt gar keine Perlen mehr eingeliefert wurden.

Dazumal trug der ehrwürdige Herr Joannes Pichler die Insul im Kloster, ein frommer, gottesfürchtiger Prälat, dabei aber ernst und streng, und gewissenhaft in Ueberwachung und Mehrung des Stiftsgutes. – Als nun diesem zu Ohren kam, wie sich in den jüngsten Tagen die Holz- und Wildfrevel mehrten, und schier seit einem halben Jahre keine Perle mehr sei eingeliefert worden, schickte er einen Laienbruder ab nach des Perlenfischers Hütte, zu erforschen, wie es daselbst stünde. Da der Laienbruder den Mann krank danieder liegend fand, und merkte, wie er wohl für lange Zeit, vielleicht für immer untauglich wäre für sein Geschäft; nebstdem auch die schlechte Wirthschaft erfuhr, und wie die von Falkenstein bei der schlechten Aufsicht im Klosterbanne jageten nach Herzenslust: vermeldete er es dem Abte, und schilderte allenfalls die Sache noch um ein gut Theil schlimmer. – Der Prälat aber ließ alsobald dem Perlenfischer zu wissen machen, daß er sich um einen andern Dienst umsehen könne, wann er wolle. –


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Das war der letzte, schwerste Schlag, der den kranken Mann treffen konnte, und er wußte mit seinem Töchterlein des Jammers kein Ende. In dieser Noth entschloß sich Margarethe, selbst nach Walderbach zu gehen, und den Abt fußfällig zu bitten, daß er nur kurze Zeit Nachsicht haben, und den siechen Vater nicht aus der Hütte werfen möge. Gedacht – gethan! Als nun die hübsche, blasse Dirne mit dem farbigen Tuch um den Kopf, drunter die dunkelbraunen Haare in reichen Flechten hervorquollen, mit dem Schmerzenszug im frommen Gesichte weinend und jammernd vor dem Prälaten stand, die Schürze nicht wegbrachte von den Augen, dabei vor Schluchzen kaum ihre Bitte zu stammeln vermochte: da ergriff diesen ein mitleidiges Gefühl, und er gestattete dem Vater um der Tochter willen noch eine Frist von zween Monden. Nach dieser Zeit aber müsse eine bestimmte Anzahl Perlen eingeliefert seyn, widrigenfalls dem Perlenfischer der Nachfolger in’s Haus gesetzt würde, und er dann sehen möge, wo er Unterschluf fände. –


(Fortsetzung in nächster Nummer)

[93]

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Räuber und Richter




Hoch oben im steilen, im luftigen Thurm,
Da spricht zu den Wolken, da spricht zu dem Sturm
Der Räuber, des Räubers Enkel und Sohn,
Er reißt an der Kette und lachet voll Hohn,

5
Und feilet.


Tief unten in düsterer Stube, da schreibt
Der Richter dem Räuber das Urtheil, und bleibt
Noch immer in Zweifel, ob jetzo das Werk
Auch habe die rechte und rechtliche Stärk’?

10
Er feilet.


„Ihr Raben, was krächzt ihr und jubelt so laut?
Für diesmal verspeist ihr noch nicht meine Haut!
Bald wehen die Lüfte des Himmels mich an,
Bald brechen die Stäbe, dann ist es gethan.

15
Ich feile!“


„Erstaunen soll Alles, ob meinem Geschick!
Nach Carpzow brech’ ich dem Schuft das Genick.
Nach Quistorp und Kech soll gerädert er sein.
Die Kosten, die trägt er nach Böhmer und Klein.

20
Ich feile!“


Und als nun der Richter das Urtheil gemacht,
Da hat auch der Räuber die Sache vollbracht.
Das Urtheil ist fertig, der Räuber ist weg,
So kamen der Räuber und Richter zum Zweck.

25
Mit Feilen.


Karl Immermann.

[94]

Träume.


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Der Traum am blauen Montage.


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Der Traum der Kokette.


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Der Traum des Junkers.

[95]

Die ehrsame Zunft der Steckenreiter.
(Fortsetzung.)


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Die Hundeliebhaberin.

Auf dem Wendepunkte des Lebens brütet die Sonne des Hochsommers oder des nahenden Herbstes hie und da noch ein Gefühl der Liebessehnsucht in uns aus. Wir öffnen dann unsere Arme; aber Niemand fällt hinein, und uns überkommt das schmerzliche Bewußtseyn der Engbrüstigkeit und Lieblosigkeit des Adamsgeschlechtes. Was Wunder, wenn sich nun die galvanische Batterie nach andern Richtungen hin entleert; wenn wir dann unsere Neigung da in den Kauf geben, wo uns Gegenneigung erwartet!

Wer könnte die anschmiegende Zärtlichkeit eines Mopses unerwiedert lassen, wie wir dergleichen auf unserm Bildchen sehen? Die geliebkoste Herrin ist Eine von den Vielen an jenem Punkte des Lebens, von denen oben die Sprache war. Ihre Leidenschaft hat sich nun nach mancher bitteren Erfahrung und Zurechtweisung lediglich auf einige Varietäten des canis domesticus Linn. concentrirt, die wir unter dem Namen Spitze und Möpse kennen. Sie spart sich die Leckerbissen vom Munde ab, um sie den geliebten Creaturen vorzusetzen. Sie hat arme Verwandte, aber – obwohl selbst zeitlich gesegnet – vermag sie doch nichts für dieselben zu thun, weil heute Melina eines neuen Halsbandes bedarf, und morgen Mazeppa eines neuen Pelzes zum Winterhöslein. Der Bettlerin, die flehend an der Thüre harrt, gibt sie nichts – aus Grundsatz. Aber sie ist dennoch äußerst fromm, geht täglich in die Kirche, und schickt regelmäßig die Ueberbleibsel der Mahlzeit ihrer Lieblinge in das benachbarte Spital. Während sie die kleinsten Fehler der Nebenmenschen unerbittlich verdammt, setzt sie den zahllosen Unarten ihrer Favoriten eine unerschütterliche Mutterzärtlichkeit entgegen. – Ihre erste Liebe war Adonis. Er starb einen anakreontischen Tod, denn er erstickte an einer Wildpretpastete. Als er das Zeitliche gesegnet, ließ sie die edle Hülle – mit Häckerling gefüllt – auf ein zierliches Monument setzen, das sie noch täglich mit ihren Thränen bewässert!


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Der Prozeßkrämer.

Er lebt vom Prozessiren. Aber er prozessirt nicht blos, um leben zu können, sondern aus Leidenschaft. Wo er von einem Prozesse erfährt, der das Kainszeichen der Unsterblichkeit an der Stirne trägt, weiß er auf irgend eine Weise Partei zu nehmen, und – wehe alsdann dem Gegenparte! Chicanen aller Art, Contumazen, Terminsverlängerungen treiben diesen zur Verzweiflung, oder zu einem für den Prozeßkrämer günstigen Vergleich. – Er kauft unbezahlte Kontos, Schuldverschreibungen, halbgiltige Contrakte, und über kurz – so beginnt ein neuer Prozeß den Kreuzweg durch alle Instanzen. Bei jeder Gantverhandlung ist er betheiligt. In den Gerichtsstuben und Botenzimmern kennt er jeden Winkel; Aktuare, Schreiber und Frohnboten sind seine intimsten Freunde, seine Zubringer und Kuppler. Er denkt nur an Prozesse, spricht nur von Prozessen, und träumt nur von solchen. Hier liegt er – auf aufgehäuften Aktenstößen – und genießt eines solchen Traumes! Aber er ist nicht angenehm. Er sieht seine schönste Streitsache nur noch an einem Faden hängen, – ein boshafter Teufel ist daran, diesen Faden entzwei zu schneiden. Daher der schmerzlich beklommene Zug an den Mundwinkeln, der jedoch auch vom Aktenstaubschlucken herrühren könnte! – [96]

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Monumente


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Jean Jacques Fracas, Schneiderssohn aus Schlettstadt, im Elsaß (also ächt deutsche Erfindung, so sehr auch Paul de Kock, Georges Sand und andere neue französische Schriftsteller sich abmühen), geb. um 1771, war der Erfinder des Frackes. Er starb schon ein Jahr nach seiner Erfindung als Sansculotte unter der Guillotine.

Die französische Revolution, besonders bedacht, die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft wieder auf den Urzustand zurückzuführen, erkannte in der Erfindung Jean Fracas nur eine neue Repräsentation des bekannten Feigenblattes, jedoch in umgekehrter Anwendung.

Der Frack ist also gewissermassen ein Sohn der Revolution, der wir so vieles Herrliche in der Welt verdanken: daher seine Anerkennung in den feinsten Kreisen der ganzen civilisirten Welt, wo kein Fest, keine Aufwartung, kurz gar nichts legaliter gefeiert werden könnte, ohne ihn.




manicula Das Monument sollte wo möglich in einen Feigenhain zu stehen kommen.




München, Verlag von Braun & Schneider.Papier und Druck von Fr. Pustet in Regensburg.