Fliegende Blätter Heft 13 (Band 1)

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Titel: Fliegende Blätter Heft 13 (Band 1)
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aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 13, S. 97–104
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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[97]

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Nro. 13.
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lungen, sowie von allen Postämtern und Zeitungs- für den Band von 24 Nummern 3 fl. 36 kr. R.-W. od. 2 Rthlr.
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Des Perlenfischers Töchterlein.
(Schluß.)


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Halb getröstet, halb an der Möglichkeit verzweifelnd, des Abtes Begehr je erfüllen zu können, wanderte Margarethe wieder heimwärts, und überdachte, was zu thun wäre. Der lange Matheis aber, als ihm seines Dienstherrn Wille kund ward, fühlte gar bald, wie beim gegenwärtigen Stand der Perlenbäche sich die Perlen wie Maden vermehren müßten, um binnen der gesetzten Frist seine Aufgabe lösen zu können, doch wollte er nichts unversucht lassen, und da er bei seinem Siechthum selber nicht im Stande war, das Bette zu verlassen, so eröffnete er seiner Tochter die geheimen Vortheile seines langbetriebenen Geschäftes. Da mußte nun die arme Dirne sich bequemen, nachdem sie den ganzen Tag für den kranken Vater gesorgt und geschafft, in den kühlen Herbstabenden die Perlenbäche zu durchwaden, um dann – wenn sie matt und müde heim gekommen – noch die lange, trübe Nacht hindurch Krankenwache zu halten. Doch ging sie willig und hoffnungsvoll an’s Werk. Sei es aber, daß sie die Vortheile, deren eine jede Hantierung hat, nicht verstand, oder daß wirklich die Schaalthiere just dazumal wenig Perlen absetzten: unter der geringen Anzahl der aufgefundenen Muscheln fanden sich wenige, meist gar keine, welche den kostbaren Samen in ihrer Hülle verbargen. So waren mehr denn vier bange Wochen verstrichen; die Hoffnung schwand, und eine große Trostlosigkeit bemächtigte sich der beiden Leute. Der lange Matheis aber klagte sich Tag und Nacht als der Urheber dieses Unglückes an; denn er wußte schon vom Urahne her, daß jede veruntreute Perle den Samen von zehn wachsenden ersticke. So offenbarte sich der Fluch seines Vergehens! Doch sein frommes, trostspendendes Töchterlein ließ nicht ab, des Vaters reuiges Gemüth [98] zu sänftigen, wenn sie auch selbst im Stillen sich die Augen roth weinte, und an der Möglichkeit aller Hilfe verzweifelte, soferne nicht ein Wunder geschehen würde.

Eines Abends nun ging sie die sumpfigen Bergthäler mit ihren bloßen Füßlein entlang, dem Rinnsal des Perlenbaches nach, und wußte ihrer Noth kein Ende! Die langverhaltenen Thränen rannen ihr einmal wieder ohn’ Ende über die abgehärmten Wangen, und wenn der Abt mit diesen Perlen hätte vorlieb genommen, die jedenfalls kostbarer waren, als die edelsten vom weißen Wasser, er hätte im ganzen deutschen Reiche der Geschmeidehändler nicht genug finden können, welche ihm den Schatz abgenommen und bezahlt hätten, und das arme Menschenpaar wäre gerettet gewesen! Wo aber fände sich der Juwelenkrämer, der die Thränen eines unverschuldet Unglücklichen mit gleichem Golde aufwäge, wie die Thräne eines verkrüppelten Muschelthieres?

Margaretha hatte lange vergebens gesucht. Sie war dem Gießbache schier bis an die Quelle auf den Bergen entgegengegangen, – alles umsonst! da überkam sie der Schlaf vor vieler Sorge und Müdigkeit, sie setzte sich auf eine mit Moos überwachsene Felsenplatte, lehnte ihr Häuptlein zurück auf den jungen Birkenstamm, der aus einer Spalte hervorgewuchert war, und entschlief.


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Vom Westen herauf aber drangen die Strahlen der untergehenden Sonne, und das Abendroth legte sich wie ein schmerzstillendes Gewebe über die Berghalde, d’rauf sie ruhte. Die Heimchen zirpten ihr Abendlied, und auf dem thauigen Farrenkraute und den Herbstzeitlosen, die zu den Füßen der schlummernden Magd sproßten, wiegten sich stahlblaue und meergrüne Libellen, Traumesgeistern gleich. – Wie Tröstung umwehte sie die Abendluft, und als sie so da lag und schlief, da däuchte es ihr, als würde es plötzlich lebendig auf dem glänzenden Grunde des Baches, und zwischen den Steinchen, darüber die Wasser rieselten, tauchten winzig kleine Männlein empor, kaum spannlang, welche sich in den Wellen umhertummelten, als wäre dieß so recht ihr Element. Ihre knappen Höslein hatten eine Farbe, wie glänzende, roth gefleckte Forellen, und die kleinen Kahlköpfe bedeckten grüne Mützchen, umgestülpten Kelchen von Wasserlilien ähnlich. Vorne an der Brust aber schimmerte Jedem eine leuchtende, edle Perle. Wie sie nun so geschäftig auf- und abtauchten, da brachten sie eine glänzende Perlen-Muschel nach der andern aus der Tiefe hervor, von solcher Größe, daß sie dieselben nur mit Noth auf ihrem kleinen Rücken zu schleppen vermochten. Da gab es auch viel Jubels und Gelächter, wenn Ein oder der Andere, von der überschweren Last hinabgezogen, vom Gestade wieder zurück in die Wellen fiel, und seine Mühe wieder von vorne begann; was sich jedoch keiner verdrießen ließ. So dauerte das Spiel eine geraume Weile, und über kurz – so hatten sie längs des moosigen Gestades eine schöne Reihe bunter Muscheln aufgeschichtet. Endlich schien es als ob sie damit zu Ende wären. Da nahmen sie sich unter einander bei den Händlein, bildeten allzusammen einen Reigen, und begannen unter drolligen Geberden und Sprüngen einen Tanz um ihren reichen Fund. Alsdann trat der größte und schönste unter ihnen hervor, so der Einzige war, der ein Bärtchen hatte am Kinn, ohngefähr so lange als die Härchen an den Nachtfalterflügeln. Seine Mütze war aus Goldstoff, und um Hals und Arme trug er Spangen von winzig kleinen, blitzenden Perlen, so daß er wohl leichtlich als der König des kleinen Völkleins zu erkennen war, schon um der Ehrfurcht willen, damit ihm die Perlenmännlein gehorchten. Mit einem weißen Blüthenstengel berührte er nun die Muscheln der Reihe nach, und sie knackten alle auf, wie die Haselnüße, und offenbarten den geheimen Schatz in ihrer Tiefe, von so hellem, weißen Wasser, wie man dergleichen kaum im indischen Meere finden mochte.

So glaubte wenigstens Margaretha; denn sie hatte von den Perlen im Inderlande wohl schon gehört, aber noch keine gesehen. Die sie aber hier erblickte, waren schöner als die kostbarsten, welche ihr je zu Gesichte gekommen, und sie konnte sich nicht enthalten, beugte sich nieder, und besah sich den überschwänglichen Schatz näher, prüfend, ob er wohl hinreichen möge, ihre traurigen Tage zu enden. Mein Gott, das waren [99] wohl dreimal so viel, als der Abt von ihr begehrt hatte, und sie hätte sich just auch mit dem dritten Theile begnügt.

Da kam es ihr mit einem Male vor, als drängten sich die spannenlangen Männlein alle freundlich um sie, und jeder nahm zwei, drei Perlen von der Reihe weg, und warf sie ihr in den Schooß. Die Dirne wußte vor Freuden nicht, wie ihr geschah, hätte gerne vor Glückseligkeit laut aufjauchzen mögen, aber die Stimme versagte ihr, und es dauerte auch nicht lange; denn unversehens glitschten ihr die Füße aus auf dem abhängigen, benetzten Grasboden des Ufers, sie bekam das Uebergewicht, und just hielt sie sich noch an einer Birkenwurzel fest sonst wäre sie kopfüber in den Bach gestürzt. Aber der ganze, reiche Schatz der Perlen entfiel der losgelassenen Schürze, und wie Quecksilbertropfen rollten sie unaufhaltsam wieder zurück in die heimischen Fluthen. Margaretha that einen leisen Schrei, darob sie erwachte! Noch däuchte es ihr, als vernehme sie das Geplätscher der Wellen, die zusammenschlugen über den Zwerglein, welche eilig dem versinkenden Horte nachhuschten; als sie aber näher trat an den Bach, da war Alles still und ruhig, und das Wasser rieselte – wie nie gestört – über den klaren Granitsand, und der Mond, der schon hoch am Himmel stand, spiegelte sich auf der dunklen Fläche. Es mochte wohl schon tief in der Nacht seyn. Da wadete das arme Mädchen wieder durch das nasse Moor heimwärts zu ihrem kranken Vater, und gedachte unter Weges mit leiser Wehmuth des tröstenden Traumgesichtes! –

Es ist ein wunderlich’ Geschick; aber gar Mancher, dem Erwas auf dem Herzen lastete, wird es erfahren haben, wie die Sorge dem müden Auge allmählig und unwillkührlich die Lieder zudrückt, und das belastete Herz in Schlummer wiegt, wie eine Mutter. ’S ist wohl auch die Sorge, welche bei uns armseligen Menschenkindern Ammenstelle vertritt, die uns groß zieht in ihren Armen, uns wecket am Morgen, und uns unter Thränen einschlafen macht am Abende! So war denn auch der lange Matheis eingeschlummert mitten in der Angst um sein Kind, das so lange ausblieb, und es mochte ihn wohl sein Kummer bis in den Traum verfolgt haben; denn gerade stöhnte er leise auf, als Margaretha behutsam in die Kammer schlich. Mit besorgter Miene beugte sie sich über den Kranken. Aber als ob der Hauch seines Schutzengels über sein Angesicht hinwehte, so glätteten sich die Falten auf dessen Stirne, und er schlief fort so fest und ruhig, wie seit langem nicht mehr! Da schob sich Grete den gepolsterten Lehnstuhl an des Vaters Bett, und nahm sich fest vor, nun getreulich bei ihm zu wachen, bis er ausgeschlummert. In dieser Absicht wollte sie das Nachtlicht anmachen, aber das letzte Tröpflein Oel im Hause war verbrannt, und der Kienspan verbreitete mehr Rauch, als für den schwerathmenden Vater gut war. So begnügte sie sich denn mit dem hellen, freundlichen Schein des Mondes, der gar heimlich durch die mit Papier geflickten Scheiben in das Kämmerlein hereinlugte. Die Nachklänge ihres Traumes am Perlenbache bewegten ihr Gemüth noch immer tiefinniglich. Aber – als ob es ihr Unrecht däuchte, sich derlei Gauckelbildern hinzugeben, so wandte sie sich nun mit brünstigem Gebete zu ihrem Herrgott, dem alleinigen Helfer aus aller Noth.

Da kündete der Kukuk an der schweren Wanduhr, welche in der Ecke des Zimmers hinter’m Ofen hing, die Mitternachtsstunde. Die Dirne rang mit dem Schlafe, der wie ein bleiern’ Gewicht auf ihren Aeuglein lag. Sie widerstand; aber es flimmerte ihr vor den Blicken, und es kam ihr vor, als schwämme Alles im Zimmer auf den zitternden, silbernen Wellen des Mondlichtes. Sie rieb sich die Augen aus – – still! – hatte sich nicht die Thüre der äußern Stube bewegt? – Es mochte ein Windhauch seyn; doch nein! das Geräusch dauerte fort; Margaretha horchte auf, die Hände auf die Brust gelegt, die ihr zitternd klopfte. Es ward ihr unheimlich zu Muthe! Da klang es. wie leises Trippeln, wie Mäuschentritte im Zimmer; die angelegte Kammerthüre drehte sich langsam in ihren Angeln. Ein banger Schreckensruf entschlüpfte den Lippen des Mädchens, und der Gedanke an die Mordgeschichten der vagirenden Freibeuter hatte ihr den Schlaf schneller, als alles Reiben, aus den Augenliedern weggebannt. Nichts desto weniger glaubte sie noch zu träumen, als die Thüre nun offen war, und die späten Gäste in’s Kämmerlein traten. Sie strengte ihre Aeuglein an, so scharf sie konnte; aber – bei der heiligen Jungfrau vom Kreuzberge! – es waren dieselben freundlichen Zwerglein, die sie im Traume am Perlenbache sah, wie sie leibten und lebten! Noch triefte ihnen das Wasser von den forellenfarbigen, rothgedupften Höslein, die Mützen aber hatten sie von den glattgeschornen Köpfchen abgenommen, und wie Rücksäcke über die Schulter geworfen. Wie sie nun näher kamen, da grüßten sie die Jungfer gar zuthunlich, nahmen die Mützen ab vom Rücken, drinn jedes Männlein drei große, schimmernde Perlen trug, welche noch naß waren von den Fluthen, woraus sie dieselben geholt. Und wie es Greten dazumal im Traume vorkam, so schichteten sie auch jetzt die glänzenden, thauigen Tropfen der Reihe nach auf, und machten dann wieder ihren lustigen Tanz um ihren Schatz. Dabei glitzerten und flimmerten die Perlen, und warfen Strahlen, als wären sie aus dem reinsten Lichte gegossen. Margaretha wußte nicht, wie ihr geschah! Es war ihr träumerisch zu Muthe, und dennoch fühlte sie sich vollkommen wach. Als nun aber aus einen Wink des Perlenkönigs seine kleinen Vasallen näher traten, und nun wieder eine Perle nach der andern dem Mädchen auf die Schürze flog, daß sie dieselben deutlich fühlte: da hielt sie das Tüchlein wohl zusammen, um ein neues Entwischen des kostbaren Schatzes zu verhüten. Dabei kamen ihr die Thränen in die Augen, über das unverhoffte Glück, und sie lachte und weinte zu gleicher [100] Zeit, mochte wohl auch in der Rührung viel verkehrtes Zeug herausgeschwatzt haben, was den Perlenmännlein gar komisch dünkte. Denn diese lachten aus vollem Halse über des Mädchens Dankaddresse, und ehe diese noch damit zu Ende kommen konnte, huschten sie aus dem Kämmerlein und waren im Nu verschwunden. Grete aber, nachdem sie ihre Nothhelfer vorher in Sicherheit gebracht, fiel nieder auf die Kniee, und stammelte ihren Herzensdank zum Himmel empor. Und er drang durch die Sternendecke an ein liebendes Ohr, ob er auch in verkehrten Worten gelallt war. Zweien Menschen war die Noth weggehoben, die auf ihren Herzen lastete!

Gestärkt durch den erquickenden Schlaf, doppelt gelabt durch die trostreiche Mähre seines Töchterleins und den Anblick des Schmuckes, welcher ihm das Lösegeld war aus seinem Elende, fühlte sich der lange Matheis des andern Morgens wie neugeboren. Zwar waren die Perlen beim hellen Sonnenlichte betrachtet just nicht so schön, als es Margarethen in der Nacht dünkte; denn wie die Erze in den Händen der Berggnomen glänzender strahlen und flimmern, da sie durch magische Kraft berührt sind, so auch die Perlen in den Händen der Perlenmännlein. Doch waren sie immerhin als Pfälzerperlen nicht zu verachten. Margaretha hatte nicht sobald ihr kleines Hauswesen in Ordnung gebracht, und für des Vaters Bequemlichkeit gesorgt; als sie sich auch damit auf den Weg gen Walderbach machte.

Es war ein schöner, freundlicher Frühherbst-Morgen. Auf den Feldern und Wiesen war Alles rührig, den Gottessegen einzuärndten, und als das Mägdlein hinabkam in das Thal, wo die Felswände vom Regen zurücktreten, Föhren- und Tannenhügel die Niederung umgürten, und links an den Ufern des stillen, freundlichen Stromes auf terassenförmiger Anhöhe die schmucke Abtei über die fruchtbeladenen Obstbäume emporragte: als die tausend Fenster des Klosters im Morgenstrahle glitzerten und flimmerten, und das volle Geläute vom Kirchthurme herab wie Morgensegen klang über die Klostermarken; da ward es ihr wohl ganz anders zu Muthe, denn dazumal, als sie tiefbekümmerten Herzens zuletzt desselben Weges wanderte. Sie konnte nicht an der Klosterkirche vorüber zum Prälatenstock, ohne vorher mit ihrem Herrgott gesprochen und ihm ihren Dank zum Opfer gebracht zu haben.

Als der Pater Guardian des Perlenfischers Tochter zur Zelle des Abtes geführt, und dieser auf ihr zitterndes Klopfen sie hereinkommen hieß, öffnete Margaretha mit schüchterner Hand die Thüre, blieb aber plötzlich wie gebannt an der Schwelle stehen, und konnte kaum einen leisen Ausruf – sie wußte selbst nicht klar, des Schreckens oder der Freude – unterdrücken. Denn mitten unter seidenen, golddurchwirkten Meßgewändern, blüthenweißen Altartüchern und andern kostbaren Stoffen, stand an der Seite des Prälaten der Kaufherr von Regensburg, derselbe, dessen Wunden sie in ihres Vaters Hütte den Verband angelegt, den sie so freundlich-sorgsam gepflegt; – derselbe, der ihr zum Danke weiter nichts als ein goldenes Reiflein hinterlassen hatte, das sie unablässig gemahnte an einen tiefgeheimen, stillwuchernden Schmerz in ihrer Brust. Kaum ihres Gefühles Meister reichte sie dem hochwürdigen Abte mit hochklopfendem Herzen die Perlen hin.


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Dieser aber konnte sich des Staunens nicht enthalten über den eingelieferten Schatz, und hielt dafür, daß in diesen Tagen der Segen des Himmels in die Perlenbäche müsse gekommen seyn, um deß’willen er dem Fischer gestatten wolle, in seiner Hütte fortzuhausen. Da senkte Margaretha die Wimpern, um die Thränen zu bergen, die ihr nun unaufhaltsam aus den Augen quollen; sie beugte sich nieder, und küßte das Gewand des Mannes, der mit einem einzigen Wörtlein des Bannes Siegel löste, der so schwer auf ihres Vaters Hütte lastete. Den wackeren Prälaten rührte der Dank des frommen Töchterleins, und er nahm aus einer Lade zwei blanke Silberstücke, die er mit freundlichen Worten der Dirne reichte. Um des anwesenden Gastes willen hätte sich diese beinahe des dargebotenen Almosens geschämt; aber sie gedachte ihres nothleidenden Vaters, nahm es an, und verbarg das aufsteigende Roth ihrer Wangen mit ihrem Tüchlein, das sie vor die Augen hielt, um die Thränen aufzutrocknen. Aber mehr noch als diese Gabe drängte ihr der Antrag des Kaufherrn [101] das Blut in’s Gesicht, der sich mit dem Angebote an sie wendete, daß sie Platz nehmen sollte auf seinem Wäglein, da er ohnehin gerade nach Cham auf den Markt fahren wollte, und er ihr ein gutes Stück Weg das Geleit geben könnte. Hätte ihr nicht der geistliche Herr zugeredet, sie hätte es nicht über’s Herz bringen können, allein mit diesem Manne den einsamen Weg zurück zu legen, so sehr es auch ihr Herz im Geheimen wünschte. So aber – und der Kaufherr betrug sich auch so sittsam und ehrbar an ihrer Seite, getraute sich selbst schier keine Silbe zu sprechen, und es schien fast, als ob ihn das Gefühl drückte, seiner Wohlthäterin den Dank so lange schuldig geblieben zu seyn. Allmählich aber löste sich ihm doch die Zunge, und er erzählte ihr, daß er in Folge seiner Verwundung noch mehrere Monate daheim fortgesiecht habe, daß er erst diesen Sommer wieder zu Kräften gekommen, und dieses Mal fest Willens gewesen sei, ihren Vater heimzusuchen. Er wolle nun also gleich das Versäumte nachholen, und sie bis in ihre Hütte geleiten. Kaum vermochte Margaretha d’rob ihre Freude zu bergen, und nun gestand auch sie ihm ihrerseits all’ die traurigen Erlebnisse des verwichenen Jahres. Im Ergusse ihres frommen, kindlichen Herzens vermochte sie es nicht, ein Wörtlein zu verschweigen, und so erzählte sie ihm denn auch von ihren kleinen Rettern. Als auf diese Weise die sittsame Maid unbewußt den ganzen Reichthum ihres Gemüthes vor dem Manne entfaltete, an dem sie mit stiller, tiefer Neigung hing, seit sie ihn das erste Mal gesehen: da überkam auch diesem die Ahnung eines Gefühls, das er noch nicht kannte, und das wir Menschenkinder Liebe nennen. Er mochte sich dieß wohl zu Gemüthe gezogen haben; denn als er nach kurzer Rast in des Perlenfischers Hütte von diesem und seinem Töchterlein Abschied nahm, da versprach er auf der Rückkehr wieder zuzusprechen, und dem Kranken ein Heilmittel mitzubringen, das ihm, so Gott es wolle, zu baldiger Genesung verhelfen würde. Was er versprach, hielt er nun dieses Mal wie ein wackerer Mann; aber auch für Margaretha brachte er eine süße Herzensstärkung mit, da er ihr, der armen Dirne, seine Hand treuherzig bot, und ihr verschlug, mit ihm nach Regensburg zu ziehen, so es ihr recht wäre, und als liebende Hausfrau so treu und freundlich für ihn und sein Hauswesen zu sorgen, wie hier.


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Es wird wohl kaum der Worte viel bedürfen, um meines Mährleins Ausgang zu erzählen, Margaretha, das glückliche Mädchen, nahm das Angebot an, und binnen acht Tagen wollte der Kaufherr sie und ihren alten Vater nach Regensburg abholen zur Hochzeit. Am Abende des letzten Tages, den sie in ihrem heimischen Kämmerlein zubrachte, und sich bis in die Nacht hinein für den kommenden Tag vorbereitete, war just ein Monat seit jener Nacht verflossen, welche ihr Schicksal so glücklich wendete. Mit frommen Danke gedachte sie dessen. Der Mond aber lugte so freundlich wie dazumal durch die Fensterscheiben; ein leiser Nachtwind wehte über die schlummernde Welt hin, und das gelbe fallende Laub rauschte am Fenster vorüber. Da öffnete sich wieder leise die Thüre, und herein traten in langem Zuge die Perlenmännlein, ihren König an der Spitze. Margaretha war hocherfreut über den Besuch so lieber, bekannter Gäste, bewillkommte dieselben gar herzlich, und hätte ihnen gerne einen Stuhl angeboten, wenn just einer für sie getaugt hätte. Die Zwerglein aber begannen wieder auszupacken, denn sie hatten einen reichen Vorrath milchweißer Perlen in ihren Mützen. Nachdem sie dieselben aufgeschichtet und durch ihren Tanz gefeiet hatten, trat der König hervor mit einem glänzenden Seidenfaden, und wie er die Perlen mit seinem Stäbchen berührte, reiheten sie sich von selbst aneinander, und bildeten die köstlichste Schnur, welche er dem Mädchen zum Brautgeschenke darreichte. Als käme es dem Völklein hart an, sich von ihrem lieben Schützlinge zu trennen, so schieden sie dießmal traurig und still von hinnen. Das Bräutlein aber fühlte in tiefster Seele, wie dem gläubigen Gemüthe die Geisterwelt offen stünde. Sie nahm die Perlenschnur, und trug sie in dankender Erinnerung an die Helfer aus ihrer Noth.

So lange die silberreinen Tropfen an ihrem Halse hingen, wich der Segen nicht von ihrem Hause, und sie lebte ein glückliches, zufriedenes Leben. –



[102]

Romanze vom Junggesellen.


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„Nun endlich hätt’ ich Brod und Amt,
Und fühl’ auch, wie mein Herz entflammt
     Für’s edle Frauenzimmer.

Auf’s Freien will ich also geh’n,

5
Und alle Mädchen mir beseh’n,

     Die Blonden wie die Braunen!“

Da nimmt er seinen Hut und Stock,
Und kommt im feinsten Moderock
     Und ganz moderner Weste.

10
Und geht und freit von Ort zu Ort,

Sieht Mädchen hier und Mädchen dort
     Wie Blumen blüh’n im Garten.

Doch ach, wie ist so schwer die Wahl!
Die hat ein kleines Feuermal,

15
     Und die am Aug’ ein Flämmchen.


Die Reiche ist ein Jahr zu alt,
Und arm die Schlanke von Gestalt,
     Und blöd die reiche Schöne.

Und wie er mustert auch die Zahl,

20
Ei ei, ihm tauget nun einmal

     Nicht Eine von den Allen.

Muß er nun bleiben ganz allein?
Wer wird jetzt sein Gefährte seyn?
     Ein junger, treuer Pudel.

25
Der springt ihm wedelnd auf den Schooß,

Er zieht ihn recht mit Sorgen groß
     Und streichelt ihm die Zotten.

Er theilet mit ihm Tisch und Bett,
Und geht, weil er so dick und fett,

30
     Langsam mit ihm spazieren. –


„Doch ach, wie flieh’n die Jahre schnell,
Ich werd’ ein alter Junggesell,
     Und Niemand wird mich pflegen.“

Da nimmt er wieder Hut und Stock;

35
O weh, wie hängt an ihm der Rock,

     Wie schlottert ihm die Weste.

Sein Blick ist trüb, die Stirne kahl,
Die Lippe welk, die Wange fahl,
     Und seine Lende mager.

40
Er aber freit von Ort zu Ort,

Doch Mädchen hier und Mädchen dort,
     Sie stieben auseinander.

Bald ist vor Wuth er blaß, bald Roth,
Drei Tage noch, da ist er todt,

45
     Und so wird er begraben.


Auf seinem Hügel sitzt der Hund
Und winselt recht aus Herzensgrund,
     Es ist schier zum Verzweifeln.

Und wer das Liedlein hat erdacht?

50
Ein Bursch, der Hochzeit früh gemacht,

     Und den es nicht gereuet.




Johannes Frank.     

[103]

Engländer erwarten den Einsturz des Calanda bei Felsberg.


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Lady.       Seit wir hier u – arten sind fünf Monat schon verronnen.
Der U – inter hat seitdem, – das Schauspiel nicht begonnen.
Lord. Nichts geht hier, wie bei uns, Milady, wie bekannt,
Nach Ordnung und nach Recht in diesem Schweizerland.
Lady. Sie u – erden bald an mir nur eine Leiche haben!
Lord. Ich laß’ Sie Angesichts des Schauspiels hier begraben.
Was sagen Sie Marquis?
Marquis. Yes Yes, ich hab’ die Ehr’, zu trinken ein Tass’ Thee mit Ihnen.
Lord. Das freut mich sehr.



Gedanken eines alternden Ueberschuhes
bei Betrachtung von Nr. 10. der fliegenden Blätter.


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Rühmt euch nur eurer Dienste und Privilegien, ihr übermüthigen Schuhe und Stiefel und du Alleinherrscher Pantoffel! Auch wir armen geknechteten Ueberschuhe haben Bewußtsein, auch wir erkennen unsern Werth und den Dienst euch Stolze zu schützen und zu erhalten. Von gleichem, ja oft von weit besserem Stoffe wie ihr, ist unser Leben dennoch eine Kette mühevoller Arbeit und harter Gefangenschaft ohne Dank und Lohn. Kein freundlicher Blick trifft uns, denn leider ward uns nicht die große Kunst die Füße zu verkleinern. Mißmuthig sucht man uns hervor zum harten Dienste im Herbst, den Weichling Schuh und Stiefel zu umschließen, im Winter wärmt uns selten nur ein heimlich Ofenplätzchen, und fröstelnd naß noch in den Sohlen, stehn wir auf rußigem Herd zu neuer Frohne bereit, während sie, die Trocknen, Zarten, Warmen, behaglich unterm Ofen lungern oder vornehm knarrend über Teppich und Parquette schleichen. Der Winter geht zu Ende, der Schnee verschmilzt, wir sind stets unermüdet; durch manch Wasser und Morast geht unser Weg und dennoch halten wir fest an Schuh und Stiefel. Aber kein Erbarmen; kaum wehen die linden Frühlingslüfte über Berg und Thal und trocknen Weg und Auen, so stößt man uns verachtungsvoll in unsere Sommerhöhlen, in Schränke, dunkle Kleiderkammern, alte Koffer und läßt uns hier verkümmern. Die Hoffnung nur, gleich Pfeffels Hundeinsel, ein Jenseits zu erringen für treue Ueberschuhe ist Trost und Stütze durch dieß Jammerthal, im Geiste schon seh’ ich dies Land der Braven und ihrer Schaaren fröhliches Gewimmel! –


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[104]

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Monumente
Dem Erfinder der Rebus.

Wer kennt nicht den süßen Zauber des Verhüllten, Geheimnißvollen? – nicht den Zauber des verschleierten Antlitzes, und des verschleierten Auges? – nicht den Reiz eines noch geschlossenen Briefes – einer ankommenden Depesche – eines durchreisenden Courier's?

Wie natürlich daher der unendliche Reiz der Rebus, wie natürlich ihre grenzenlose Verbreitung in und außer dem Vaterlande! – In Gesellschaft fragt die Frau vom Hause dich als eingeführten Fremden nicht mehr um deine Familie, sie fragt nicht mehr nach deinem Leumund, Paß oder Steckbrief – um dein Wohl oder Weh, um Wetter oder Theater; sondern süß lispelnd mit hoffnungsstrahlendem, sehnendem Auge fragt sie: „Sie bringen uns jewiß doch man einen neuen Rebus mit? Wie?“ – und bringst du einen neuen, guten – Triumph! dann bist du immer willkommen, für immer geladen! – Bringst du keinen, Unglücklicher! dann stehle dich weinend fort u. s. w. oder grolle mit Gott, wie der Herr von Herwegh.

Und fort, vom Salon in's Vorzimmer, in die Küche bis auf die Straße, in alle Häuser hoch und nieder ranket der Rebus fort – unaufhaltsam – allum und überall Rebus – alles – alles kniet und huldigt dir, o göttlicher Rebus! – Aber wem danken wir das alles? schreit die Welt, wie heißt der Große, der Held, der Unübertreffliche – der Löwe des Tages, der Unmensch? (d. h. mehr als Mensch.)

Umsonst waren alle Anfragen von unserer Seite bei den trefflichsten Polizeiämtern – umsonst mühte sich unser thätiger Polizei-Rath Taucher für uns seit 3 Jahren ab – sogar die Frau Professorin *r in München, die sonst doch alles weiß, wußte es nicht.

Da las man am 17. Jänner 1845 im Quedlinburger Wochenanzeiger unter den Gestorbenen:

„Herr Wilh. Gotthelf Heinrich Korkbaum, genannt Suber, Schriftsteller und Occidentalist, 60 Jahre alt, an Gehirnvertrocknung.“ Darunter war vermuthlich von einem guten Freunde des Verblichenen folgende kurze biographische Notiz:

„Korkbaum (Suber) war geboren 1795 in der Mark, der Sohn eines Landschullehrers; kam mit 20 Jahren nach Berlin, und wurde Ausgeher in der Paßvogel’schen Offizin daselbst. Der Hang zum Geheimnißvollen, noch mehr aufgeregt durch das Umhertragen der versiegelten Packete, Briefe und unaufgeschnittenen Exemplare; der tiefe Sinn, den er in den Druckfehlern der Correcturbögen fand, z. B. uno statt und, oder Waffer statt Wasser u. dgl. mehr, die er alle sich in ein eignes Buch eintrug, veranlaßte unsern Korkbaum zu Anfang des Jahres 37 unter dem latinisirten Namen Suber (nach Art: der Bauer in Agricola etc. etc.) sich mit Herausgabe eines periodisch erscheinenden Werkes zu befassen, unter dem Titel: „„Sammlung aller seit Erfindung der Buchdruckerkunst in deutschen Büchern befindlichen Druckfehler, mit raisonnirendem Texte““ was aber leider keinen Verleger fand. Auch B*** wies es zurück. Der 2. Band von Fritsch’s Hieroglyphen, der noch im selben Jahre sich zufällig in seine Hände und in seine beiden Dachstübchen, sein wirkliches und geistiges verirrte, brachte ihn auf die glückliche Idee, Hieroglyphen (die nach seiner Meinung nichts sind als ägyptische Rebus) auch im Deutschen anzuwenden, und er ließ zuerst etliche im Quedlinburger Wochenblatte eindrucken zu großer Freude von Jung und Alt, und setzte seinen Schriftstellernamen verkehrt als Autor darunter; daher der Name Rebus.“ u. s. f.

Wie seitdem die Lust am Rebus die höchsten Sprossen erstiegen, welchen grenzenlosen Enthusiaßmus die Welt dafür zeigt, ist überflüßig hier noch näher zu erörtern; beiläufig aber wollen wir nur auf den ungeheuern Nutzen derselben aufmerksam machen, der dadurch der Orthographie zufließt z. B. „Jener – ahl – zeig – m – eis – t – er – s – uniform“ od. „jud – er – hayn – er – ich – kanone – Thür – nicht – löwen,“ etc.

Die Monumentzeichnung anlangend, glauben wir, daß es vom Künstler sehr schön gedacht war, Herrn Suber nachläßig lehnend an einem Obelisken, dem Symbol des Geheimnißvollen, und mit einem gemüthlichen Blicke darzustellen, der sich in der großen Gesellschaft der Menschheit umschaut, wer seinen Rebus löst …

Ehre dem Ehre gebührt! Friede seiner Asche!

manicula Im Namen des Vereines für projectirte Monumente, stellen wir an alle Rebusfreunde die Aufforderung, den auf dem Relief befindlichen Rebus zu lösen. Das Portrait des glücklichen Auflösenden soll an dem Monumente jedenfalls Platz finden.
Die Redaction der fliegenden Blätter



München, Verlag von Braun & Schneider.Papier und Druck von Fr. Pustet in Regensburg.