Frauen-Emancipation (Gartenlaube 1868/39)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Frauen-Emancipation
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 623
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[623] Frauen-Emancipation. Der Drang nach sogenannter Emancipation scheint bei dem „schönen Geschlecht“ von Tag zu Tag stärker zu werden. Aller Orten und Enden bilden sich Gesellschaften, um diese „wichtigste aller Fragen“ zu besprechen; Vereine werden von Damen gegründet und Reden gehalten, und in vielen solchen Versammlungen, auf dieser wie der andern Seite des atlantischen Oceans, verlangen die schönen Rednerinnen völlige Gleichberechtigung mit den Männern, Zutritt zu Staatsämtern, das Recht der Wahl, kurz alles das, was sich bis jetzt der „Herr der Schöpfung“ als alleinige Gerechtsame vorbehalten. Ich will hier gar nicht von der physischen Unmöglichkeit reden, eine solche Maßregel durchzuführen, da verheirathete Frauen oft auf lange Zeit hinaus allen übernommenen Geschäften entzogen werden würden; ich möchte die emancipationseifrigen Damen nur auf etwas aufmerksam machen, an das vielleicht doch nicht alle gedacht haben, und es fragt sich, ob sie im Vortheil wären, wenn sie gerade das gegen ihre Emancipation eintauschten. Lassen Sie mich vorher eine ganz kleine Anekdote erzählen:

Wie bekannt, sind die Amerikaner außerordentlich rücksichtsvoll gegen Damen. In einer größeren Stadt der Vereinigten Staaten war eine Versammlung von Damen angekündigt worden, um einen Verein für die Emancipation zu gründen. Der Waggon der Straßeneisenbahn, die zu diesem Local führte, war vollständig besetzt. Eine Dame will noch mitfahren und steigt ein. Ein schon sitzender Herr steht, wie gewöhnlich, auf, um der Dame seinen Platz anzubieten; ehe sie aber an ihm vorüber kam, fragt er sie sehr artig, ob sie ebenfalls für die Emancipation der Frauen wäre.

„Allerdings, mein Herr,“ erwidert sehr entschieden die junge und hübsche Dame.

„Dann, Miß,“ erwiderte der Herr ruhig, indem er seinen kaum verlassenen Sitz wieder einnahm, „sehe ich nicht ein, weshalb Sie nicht eben so gut stehen können, wie ich.“

Meine schönen Leserinnen werden jetzt sagen: „Das war sehr grob und ungezogen,“ und unter gewöhnlichen Verhältnissen hätten sie Recht. Lassen Sie uns aber die Sache genauer betrachten. Der Mann ist der natürliche Beschützer der Frau. Wie ihm die Stärke gegeben wurde, so hält er das schwächere Weib mit seinem Arm und kämpft für dasselbe des Schicksals Stürme durch. Aber gerade deshalb liebt er es nur desto mehr. Jene holde Weiblichkeit bildet den schönsten und herrlichsten Schmuck der Frau. Als sorgende Gattin und Mutter verehren wir sie und tragen wir sie auf Händen. Der Mann, von schwerer Tagesarbeit ermüdet, findet, wann er nach Hause kommt, eine freundliche Heimath und schöpft da Kraft und Lust zu neuen Anstrengungen. Was er der Frau an den Augen absehen kann, thut er, um ihr die Liebe und Sorge, die sie für ihn und seine Kinder zeigt, nur in etwas abzutragen. Und nicht allein unter dem Schutz des eigenen, nein, unter dem jedes wackeren Mannes steht die Frau. Auf den Eisenbahnen werden besondere Waggons für sie reservirt, andere ebenfalls, damit sie nicht durch Rauchen belästigt sind, kleine Hülfsleistungen werden ihnen gern geboten, man läßt sie nicht allein in der Nacht über dunkle Straßen gehen und thut mit einem Wort Alles, was man kann, um sie nicht belästigt, nicht zurückgesetzt zu sehen. Das aber hört von dem Moment an auf, wo sie aus dem Schutz des Mannes heraustritt und sich selber gleichberechtigt ihm an die Seite oder vielmehr gegenüber stellt. Eine emancipirte Frau kann wohl noch auf Achtung Anspruch machen, aber nur auf eine solche, wie sie auch sonst jedem anständig sich betragenden Mann gezollt wird, vorausgesetzt nämlich, daß sie nicht vollständig ausartet. Artigkeiten und Hülfsleistungen, wie man sie jetzt mit Vergnügen jeder Dame darbringt, kann und darf sie nicht mehr erwarten. Sie waren nur eine Folge ihrer geschützten und reservirten Stellung und fallen in demselben Moment weg, wo sie diese verläßt.

Jetzt setzen wir Alles daran, den Frauen irgend eine Freude zu bereiten, weil sie ja eben auf uns angewiesen sind. Das hört auf, sobald die Frau nicht mehr für uns, sondern mit uns sorgt und arbeitet. Sie wird dann dem Manne ein gleichberechtigter Freund – nichts mehr, und jeder Schutz selbst, den ihr sogar jetzt in vielen Fällen und vorzugsweise die Gesetze gewähren, muß ebenfalls schwinden.

Wollen die Damen das Alles aufgeben, wollen sie die Liebe und Sorgfalt des Mannes gegen eine für sie unnatürliche Stellung gänzlicher Unabhängigkeit eintauschen, immer noch den sehr zweifelhaften Fall gesetzt, daß sie eine solche Stellung auch ausfüllen und besonders durchführen könnten: dann mögen sie ihr Glück versuchen – aber die Folgen haben sie sich auch selber zuzuschreiben. Schiller’s „Ehret die Frauen“ paßt nicht mehr auf sie, und ich fürchte, sie werden mehr dabei verlieren als gewinnen.

Fr. Gerstäcker.