Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Paradiso

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche


<<< Paradiso >>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)
Seite: {{{SEITE}}}
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
Paradiso Canto 31.jpg
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[397]
Das Paradies.
[Abfassungszeit: letzte Lebensjahre des Dichters.*)[1]]
_____


Erster Gesang.[2]
Invocation. Siebenter Morgen; Aufflug zum Himmel. Belehrung über das Weltall.


1
Der Ruhm deß, der bewegt das große Ganze,[3]

Durchdringt das All, und diesem Theil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze.

[398]
4
Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt,

War ich und sah, was wieder zu erzählen[4]
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt.

[399]
7
Denn, nahn dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,

Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muß der Rückweg dem Gedächtniß fehlen.

10
Doch Alles, was im heiligen Gebiet

Nur einzusammeln war von sel’ger Schöne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied.

13
Apollo, Güt’ger, leih mir deine Töne[5]

Zum letzten Werk – mach’ ein Gefäß aus mir,
Werth, daß es dein geliebter Lorbeer kröne.

16
Mir gnügt’ ein Gipfel des Parnaß bis hier,

Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen,
So fleh’ ich jetzt um beid’ empor zu dir.

19
Den Odem hauch’ in mich, den reinen, süßen,

Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf seist,
Den Marsyas kämpft’, um frevlen Stolz zu büßen.[6]

22
O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,

Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze

[400]

Zu malen aus dem Bild in meinem Geist,

25
Dann siehest du mich nahn der theuren Pflanze[7]

Und, durch den Stoff und dich deß werth, geschmückt
Und reich gekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze.

28
Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt,

Um Kaiser- oder Dichter-Sieg zu ehren,
Weil ird’scher Wunsch mit Schuld und Schmach uns drückt,

31
Muß Freud’ es wohl dem freud’gen Gott gewähren,

Den Delphos preist, kehrt noch mit kühnem Muth
Nach Daphne’s Laub ein Herz all sein Begehren.

34
Und weckt ein kleiner Funk’ oft große Glut,

So fleht nach mir zu höherer Verkündung
Ein Andrer wohl um deine Hülf’ und Hut. –

37
Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung[8]

Das Licht der Welt; allein in Einer sind
Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung,

40
Wo’s bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,
[401]

So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen
Von ihm ein schöneres Gepräg’ gewinnt.

43
In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen[9]

Und dort entglühn; und auf dem Halbkreis hier
Die schwarze Nacht sich nahn und dort entweichen.

46
Und links gewandt erschien Beatrix mir,[10]

Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr.

49
Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,

Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt,
Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet,

52
So macht’ ihr Blick, der durch die Augen itzt

Mein Innres traf, zur Sonn’ auch meinen steigen,
Mit größrer Kraft, als sonst der Mensch besitzt.

55
Viel kann man dort, was hier zu übersteigen[11]

Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,
Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen.

58
Nicht lang’ ertrug ich’s, doch so wenig nicht,

Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feu’r entnommen,
Das Eisen sprüht, sie sprüht’ in Glut und Licht.

61
Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,

Als sei durch den, der’s kann, am Himmelsrand
Noch eine zweite neue Sonn’ entglommen.

64
Fest schauend nach den ew’gen Kreisen, stand[12]

Beatrix dort, und ihr in’s glanzerhellte
Gesicht sah ich, von oben abgewandt,

[402]
67
Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte,

Was Glaukus fühlt’, als er das Kraut geschmeckt,[13]
Das ihn den Meeres-Göttern zugesellte.

70
Verzückung fühlt’ ich. Was sie sei, entdeckt

Die Sprache nicht, mag’s drum dies Beispiel lehren,
Wenn je in euch die Gnade sie erweckt!

73
Ob ich nur Seele war? – Du magst’s erklären,[14]

O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären.

76
Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich[15]

In Sehnsucht rollt, mein Aug’ an sich gezogen
Mit Harmonie’n, vertheilt, gemischt durch dich,

79
Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen

So weit hin, wie von Strom- und Regenflut
Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen.

82
Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,

Sie machten, daß ich vor Begierde brannte,
Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut;

85
Drob Sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,

Mir zu befried’gen den erregten Geist,
Noch eh’ ich fragte, schon sich zu mir wandte,

88
Und sprach: „Ein Wahn ist schuld, daß du nicht weißt,

Was du sogleich erkennen wirst und sehen,
Sobald du dich von seinem Trug befreist.

91
Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,

Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland
So schnell, wie du jetzt eilst, hinauf zu gehen.“

94
Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand,

Durch’s kurze Wort und ihres Lächelns Frieden,
Als wieder schon ein neuer mich umwand.

97
„„Vom großen Staunen ruht’ ich schon zufrieden;
[403]

Doch steig’ ich jetzt durch leichte Stoff’ empor,[16]
Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden.““

100
Ein Seufzer weht’ aus ihrem Mund hervor,

Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben
Die Mutter blickt, die sagen will: du Thor!

103
„Die Dinge sämmtlich“, so begann Sie, „haben

Unter sich Ordnung, und das All ist nur
Durch diese Form Gott ähnlich und erhaben.

106
Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur[17]

Der Kraft, der ew’gen, die zum Ziel gegeben
Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur.

109
Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,

Ob hoch ihr Loos, ob niedrig sei; ob mehr,
Ob minder nah’ sie ihrem Ursprung leben.

112
Sie treiben durch des Seins unendlich Meer

Geleitet von dem Trieb, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf manchem Hafen her.

115
Er ist’s, der trägt zum Mond empor das Feuer,[18]

Der diesen Erdenball zusammenhält
Und eint, er, der bewegt die Herzen euer.[19]

118
Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, schnellt

Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,
Auf die auch, denen Geist und Lieb’ gesellt.

121
Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Theile,

Die durch ihr Licht des Himmels Ruh’ erhält,[20]

[404]

In dem der Kreis sich dreht von größter Eile,

124
Läßt zum bestimmten Platz in jener Welt

Uns jetzo durch die Kraft der Sehne bringen,
Die, was sie treibt, nach heiterm Ziele schnellt.

127
Wahr ist’s, daß, wie oft Formen nicht gelingen,

Wie sie in sich des Künstlers Geist empfahn,
Wenn spröde mit der Kunst die Stoffe ringen,

130
So das Geschöpf oft weicht von seiner Bahn,

Denn ihm ist von Natur die Kraft verliehen,
Trotz jener Kraft, sich anderm Ziel zu nahn,

133
Wenn erdenwärts es falsche Reize ziehen –

Gleichwie man seh’n kann aus der Wolke Schlund
Zum Boden hin des Feuers Strahlen fliehen.

136
Nun ist dir, denk’ ich, weniger nicht kund,

Wie von der Erde du emporgestiegen,
Als, wie der Bach vom Berge fließt zum Grund!

139
Bliebst du, von Hemmniß frei, am Boden liegen,

Erstaunenswerther wär’s, als sähest du
Träg an den Grund sich lebend Feuer schmiegen.“[21]

142
Hier wandt’ ihr Antlitz sich dem Himmel zu.
_______________


[405]
Zweiter Gesang.
I. Abtheilung, die sieben Planetenkreise. 1) Im Mond. Schluß der Belehrung über das Weltall (Mondflecken).

1
O ihr, die ihr, von Hörbegier verleitet,[22]

Des Nachens Fahrt nach meinem Schiff gewandt,
Das mit Gesange durch die Fluten gleitet,

4
Kehrt wieder heim zu dem verlaßnen Strand,

Schifft nicht in’s Meer! denn, die mir folgen, wären
Vielleicht verirrt, wenn meine Spur verschwand.

7
Ich steure hin zu nie befahrnen Meeren;

Minerva haucht, Apoll ist mein Geleit,
Und neue Musen zeigen mir die Bären.

10
Ihr andern wen’gen, die zur rechten Zeit

Ihr euch geneigt zum Engelsbrod, das Leben
Hienieden uns, nie Sättigung verleiht,

13
Ihr könnt euch kühn auf’s hohe Meer begeben,

Wenn ihr daher auf meiner Furche fahrt,
Eh’ wieder gleich das Wasser wird und eben.

16
Anstaunen sollt ihr, was ihr bald gewahrt,
[406]

Mehr als die Helden, die nach Kolchis zogen,
Anstaunten, daß zum Pflüger Jason ward. – –[23]

19
So schnell fast, als des Himmels Kreise, flogen

Wir fort, zum Reich, dem Gott sein Bild verlieh,
Vom angebornen, ew’gen Durst gezogen.

22
Beatrix blickt’ empor und ich auf Sie,

Doch kaum so lang, als sich ein Pfeil zu schwingen
Vom Bogen pflegt und fliegt und ruht – da sieh’

25
Mich dort, wo mir der Blick von Wunderdingen

Gefesselt ward, schon angelangt mit Ihr;
Und Sie, gewohnt, mein Innres zu durchdringen,

28
Sie wandte sich so froh wie schön zu mir:

„Auf, bring’ jetzt Gott des Dankes Huldigungen!
Wir sind durch ihn im ersten Sterne hier.“[24]

31
Mir schien’s, als hielt’ uns eine Wolk’ umschlungen,

Von Glanz durchstrahlt, dicht, ungetrennt und rein,
Wie Diamant, vom Sonnenstrahl durchdrungen.

34
Die ew’ge Perle nahm uns also ein,

Gleichwie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich aufnimmt des Strahles goldnen Schein.

37
Wenn ich nun Leib war und wir nicht erkennen,[25]

Wie sich in einem Raum ein zweiter fand,
Und wie in Körper Körper tauchen können:

40
Sollten wir um so heißer sein entbrannt,

Das Ursein zu erschau’n, in dem wir schauen,
Wie unserer Natur sich Gott verband.

[407]
43
Dort wird uns das, worauf wir gläubig bauen,

Nicht durch Beweis, nein, durch sich selber klar,
Der ersten Wahrheit gleich, auf die wir trauen.

46
„„Ihm, Herrin,““ sprach ich, „„der mich wunderbar

Der Erd’ entrückt, ihm bring’ ich jetzt, entglommen
Von frommer Glut, des Dankes Opfer dar.

49
Doch sprecht, woher die dunkeln Flecken kommen

Auf dieses Körpers Scheib’, aus welchem man
Zur Kainsfabel dort den Stoff entnommen.““[26]

52
Sie lächelt’ erst ein wenig und begann:

„Irrt sich des Menschen Geist in solchen Dingen,[27]
Die nicht der Sinne Schlüssel öffnen kann,

55
So solltest du dein Staunen jetzt bezwingen,

Siehst du, wie, selbst den Sinnen nach, nicht weit
Sich die Vernunft erhebt mit ihren Schwingen.

58
Allein was meinst du selbst? Gib mir Bescheid!“

Und ich: „„Von dünnern oder dichtern Stellen[28]
Kommt, wie mir scheint, des Lichts Verschiedenheit.““

61
Drauf Sie: „Du wirst bald selbst das Urtheil fällen,

Daß falsch die Meinung sei, drum gieb wohl Acht,
Was ich für Gründ’ ihr werd’ entgegenstellen.

64
Der achte Kreis zeigt vieler Sterne Pracht,[29]
[408]

An Größ’ und Eigenschaften sehr verschieden,
Wie ihr verschiednes Ansehn kenntlich macht.

67
Wär’ dies durch Dünn’ und Dichtigkeit entschieden,

So gäb’s in Allen ja nur eine Kraft,
Die diesem mehr, dem minder wär’ beschieden.

70
Doch der verschiedne Bildungsgrund erschafft[30]

Verschiedne Kräft’, und alle diese schwänden,
Nach deinem Satz, vor einer Formungskraft.

73
Denn, wenn die Flecken durch die Dünn’ entständen[31]

So denke, daß entweder hier und dort
Sich durch und durch stoffarme Stellen fänden;

[409]
76
Oder, gleichwie am Leib von Ort zu Ort

Das Fett’ und Magre wechseln, also gingen
Die Schichten durch den Mond abwechselnd fort.

79
Das Erste würd’ an’s Licht die Sonne bringen,

Wenn sie verfinstert ist – es würd’ ihr Schein
Dann wie durch andre dünne Stoffe dringen.

82
Doch dies ist nicht, drum bleibt das Zweit’ allein,

Und wenn wir widerlegt auch dieses sehen,
Dann wird dein Satz als falsch erwiesen sein.

85
Kann durch und durch der dünne Stoff nicht gehen,

So muß wohl eine Grenze sein, und hier
Der dichte Stoff den Strahlen widerstehen.

88
Zurücke blitzt sodann der Strahl von ihr –

So wirft das Glas, auf seiner hintern Seite,
Mit Blei belegt, zurück dein Bildniß dir.

91
Nun sagst du wohl, daß, weil aus größrer Weite

Der Strahl sodann auf dich zurückeprallt,
Er deshalb auch geringres Licht verbreite.

94
Doch diesen Einwurf widerlegt dir bald

Erfahrung, der, als seiner ersten Quelle,
Jedweder Strom der Wissenschaft entwallt.

97
Drei Spiegel nimm, und zwei von diesen stelle

Gleich weit von dir – dem dritten gieb sodann
Entfernter zwischen beiden seine Stelle.

100
Kehrst du dich ihnen zu, so stelle man

Drauf hinter dich ein Licht, das sich in allen
Zum Wiederstrahl des Schimmers spiegeln kann.

103
In’s Auge wird der fern’re kleiner fallen,

Doch wird auf dich von ihnen allzumal
Ein gleich lebendig Licht zurückeprallen.

106
Jetzt aber, wie beim warmen Sonnenstrahl

Des Schnees Massen in sich selbst zergehen,
Und Farb’ und Frost zerrinnt im rauhen Thal,

109
So soll’s dem Wahn in deinem Geist geschehen,

Und durch mein Wort sollst du lebend’ge Glut
Vor deinem Blick erzitternd funkeln sehen.

112
Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,[32]
[410]

Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten
Das Sein all deß, was er enthält, beruht.

115
Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,

Vertheilt dies Sein verschiednen Körpern drauf,
Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.

118
Aus andern Kreisen von verschiednem Lauf

Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend.
Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.

121
So siehst du diese Weltorgane schwebend,

In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,
Von oben nehmend und nach unten gebend.

124
Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,

Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise,
Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad.

127
Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise

Von Lenkern an, die ew’ges Heil beglückt,
Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise.

130
Dem Himmel, der die Schaar der Sterne schmückt,

Wird von dem Geist, durch den sie rollend schweben,

[411]

Gepräg’ und Bildniß mächtig eingedrückt.

133
Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,

Durch Glieder von verschiedner Art beweist,
Was in ihr für verschiedne Kräfte leben,

136
So zeiget seine Huld der Weltengeist,

Der ewig Einer ist, hier, vielgestaltet,
Im Sternenheer, das durch den Himmel kreist.

139
Daher verschiedne Kraft verschieden waltet

Im Himmels-Körper, welchen sie durchdrang,
In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.

142
Und da sie heiterer Natur entsprang,

Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,
Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.

145
Durch sie also, und nicht durch’s Dünn’ und Dichte,

Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schaar;
Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,

148
Schafft diese Bildnerin, was trüb’ und klar.“
_______________

Dritter Gesang.
Fortsetzung. Bewohnerinnen des Monds. Die Nonne Piccarda; Constanze, Friedrichs II. Mutter. – Belehrung über das Wesen der Seligkeit.

1
Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt,[33]

Beweisend hatte sie und widerlegend
Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt.

4
Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend,

Wollt’ eben, daß ich’s sei, gestehn und stand,
Das Haupt, so weit sich’s ziemt, emporbewegend.

7
Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt

Hielt ich den Blick darauf, um’s zu gewahren,
Daß mein Geständniß der Erinn’rung schwand.

10
Und wie von Gläsern, von durchsicht’gen, klaren,[34]
[412]

Von Weihern, welche seicht, doch still und rein,
Den Boden unverdunkelt offenbaren,

13
Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,

Daß man erkennen würd’ in größrer Schnelle
Auf weißer Stirn der Perle bleichen Schein:

16
So sah ich manch Gesicht an jener Stelle.

Im umgekehrten Wahn, wie der, durch den[35]
Einst Lieb’ entflammt ward zwischen Mann und Quelle,

19
Glaubt’ ich jedoch, sobald ich sie erseh’n,

Es wären Spiegelbilder und bemühte
Mich, rings umher ihr Urbild zu erspähn.

22
Doch sah ich nichts, und zweifelnd im Gemüthe,

Schaut’ ich in’s Licht der süßen Führerin,
Die lächelnd in den heil’gen Augen glühte.

25
Und Sie begann: „Nicht staun’ in deinem Sinn,

Belächl’ ich deine kindischen Gedanken.
Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin,

28
Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.

Wahrhafte Wesen zeigt dir dies Gesicht,
Die, untreu dem Gelübd’, in Schuld versanken.

31
Sprich, hör’ und glaube; denn das wahre Licht,[36]

Das sie beseligt, wird es nie gestatten,
Daß ihm zu folgen sich ihr Fuß entbricht.“

34
Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,

Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann,
Den längst gequält der Neugier Stacheln hatten:

37
„„O Seele, die das ew’ge Licht gewann,

Die selig hier die Süßigkeiten machten,

[413]

Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann,

40
O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten

Ist ja dein Nam’ und euer Loos. Drum sprich!““ –
Und Sie, bereit, mit Augen, welche lachten,

43
Sprach: „Unsre Lieb’ erschließt sich williglich[37]

Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen,
Die ihr Gefolg gebildet will nach sich.

46
Dort auf der Welt gehört’ ich zu den Nonnen;

Doch wende nur mir die Erinn’rung zu,
Und trotz der höh’ren Schönheit, höh’rer Wonnen,

49
Daß ich Piccarda bin, erkennest du,[38]

Mit diesen Allen, die sich selig nennen,
Zum trägsten Kreis versetzt in Wonn’ und Ruh’.[39]

52
All’ unsre Wünsche, die allein entbrennen

In Lust des heil’gen Geists, sind hoch ergetzt,
Weil seine Ordnung willig sie erkennen.

55
Dies Loos, vor andern niedrig wohl geschätzt,

Ward uns zu Theile, weil wir dort auf Erden
Verabsäumt die Gelübd’ und sie verletzt.“

58
Drauf ich: „„Euch glänzt in Antlitz und Geberden,
[414]

Ich weiß nicht was, von Gottheit wunderbar,
Und läßt die alten Züg’ unkenntlich werden,

61
Drob ich so säumig im Erkennen war;

Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen,
Und stellt mir deutlicher dein Bildniß dar.

64
Doch sprich: Euch, glücklich hier in diesen Auen,

Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier,
Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?““[40]

67
Ein wenig lächelten die Schatten hier,

Dann, als ob sie in erster Liebe glühte,
Erwiederte sie froh und wonnig mir;

70
Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb’ und Güte

Jedweden Wunsch, und völlig gnügt uns dies,
Und nicht nach Anderm dürstet das Gemüthe.

73
Denn wenn es höhern Ort uns wünschen ließ,

So würd’ es ja dem Willen widerstehen,
Der uns in diesen niedern Kreis verwies.

76
Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen;
[415]

Lieb’ ist das Band des ewigen Vereins,[41]
Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen.

79
Vielmehr ist’s Wesen dieses sel’gen Seins,

Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen,
Drum schmilzt hier Aller Wunsch und Trieb in Eins.

82
Wie wir vertheilt von Grad zu Grad, muß Allen,

Wie Ihm, deß Will’ allein nach seiner Spur
Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen.

85
Und unser Frieden ist sein Wille nur,

Dies Meer, wohin sich Alles muß bewegen,
Was Er schafft, was hervorbringt die Natur.“[42]

88
Nun sah ich: Paradies ist allerwegen

Wo Himmel ist, strömt auch von oben her,
Vom höchsten Gut, nicht gleich der Gnade Regen. –

91
Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr

Von dieser will und sich nach jener wendet,
Für diese dankt und noch verlangt von der;

94
So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,

Um zu erfahren, was sie dort gewebt,[43]
Allein verlassen, ehe sie’s vollendet.

97
„Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt

Ein Weib,“ so sprach sie, „zu den höhern Kreisen,[44]
In deren Tracht und Schleier Manche strebt,

100
In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen

Dem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt,
Den reine Liebestrieb’ ihm schwören heißen.

103
Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,

Weiht ihrem Orden mich und war beflissen,
Dem gnug zu thun, was sein Gesetz enthält.

[416]
106
Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen

Gewaltsam dem Verließ, dem süßen, mich.
Wie drauf mein Leben war – Gott wird es wissen!

109
Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich

So freudig hell bestrahlt, (denn er entzündet
In unsrer Sphäre ganzem Schimmer sich),

112
Versteht von sich auch, was von mir verkündet.

Denn man entriß, wie meinem, ihrem Haupt
Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet.

115
Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt,

Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze,
Den ihrer Stirn verruchte That geraubt.

118
Sie ist das Licht der trefflichen Constanze,[45]

Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland
Den dritten zeugt’, umstrahlt vom letzten Glanze.“

121
Piccarda sprach’s, mir heiter zugewandt,

Und fing ein Ave an, indem sie singend,
Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand.

124
Mein Blick, ihr nach, so weit er konnte, dringend,

Erhob sich dann, sobald er sie verlor,
Nach einem Ziele größern Sehnens ringend,

127
Zu Beatricens Antlitz ganz empor.

Doch als ihr Aug’, ein Blitz, in meins geschlagen,
So daß zuerst es niedersank davor,

130
Da macht’ es zögern mich mit weitern Fragen.
_______________


[417]
Vierter Gesang.
Fortsetzung. Belehrung über Wesen und Stufen der Seligkeit – weiterhin über den freien Willen.

1
Zwischen zwei Speisen, gleich entfernt und lockend,[46]

Ging hungrig wohl ein freier Mann zu Grund,
Nicht von der einen noch der andern brockend.

4
So stünd’ ein Lämmchen zwischen Schlund und Schlund

Von zwei Wölfen fest, in gleichem Zagen,
So stünd’ auch zwischen zweien Reh’n ein Hund:

7
So ließ verschiedner Zweifel mich nicht fragen.

Ich schwieg nur, weil ich mußt’ und kann davon
Drum weder Gutes jetzt noch Böses sagen.

10
Ich schwieg, doch ward mein Wunsch vom Antlitz schon

Klar ausgedrückt und deutlicher vernommen,
Als hätt’ ich ihn erklärt mit klarem Ton.

13
Beatrix that wie Daniel, als entglommen[47]

Nebucadnezar war in blinder Wuth,
Die des Propheten Deutung ihm benommen.

16
„Daß dich zwei Wünsche drängen, seh’ ich gut,“

Begann sie, „die dich fesseln, so daß keiner
Von beiden sich nun kund nach Außen thut.

19
Du fragst: Bleibt unser Will’ ein guter, reiner,[48]

Wie macht Gewaltthat Andrer dann den Werth
Und wie den Umfang des Verdienstes kleiner?

22
Hiernächst macht Zweifel dir, was Plato lehrt:

Daß, wie’s ihm scheint, zu ihrem Sternenkreise

[418]

Die Seele von der Erde wiederkehrt.

25
Die beiden Fragen lasten gleicherweise

Auf deinem Willen noch, daher ich jetzt
Der schlimmern Meinung Falschheit erst beweise.

28
Der Seraph, den der reinste Schimmer letzt,

Moses und Samuel – die je heilig waren,
Ja, selbst Marien nenn’ ich dir zuletzt,

31
Sind nicht in anderm Himmel, als die Schaaren

Der sel’gen Geister, die du jetzt gesehn,
Sind länger hier und kürzer nicht an Jahren.

34
Den höchsten Himmel machen Alle schön,

Doch ist verschiedner Art ihr süßes Leben,
Wie mehr und minder Gottes Hauche wehn.

37
Sie zeigten hier sich, nicht, weil ihnen eben

Der Kreis zu Theil ward, nein, weil dies beweist,
Daß sie zum Höchsten minder sich erheben.

40
So sprechen muß man ja zu eurem Geist,

Den nur die Sinne zu dem Allen leiten.
Was die Vernunft sodann ihr eigen heißt.

43
Drum läßt sich auch zu euren Fähigkeiten

Die Schrift herab, wenn sie von Gott euch spricht,
Von Hand und Fuß, um Andres anzudeuten.

46
Die Kirche zeigt mit menschlichem Gesicht,

Gabriel’ und Michael’ und Raphaelen,
Der neu geklärt Tobias Augenlicht.

49
Doch des Timäus Lehre von den Seelen

Ist andrer Art, meint er es, wie er lehrt,

[419]

Und will ein Sinnbild nicht darin verhehlen.

52
Daß sich zu ihrem Stern die Seele kehrt,

Er spricht’s und glaubt, daß sie von dort gekommen,
Als die Natur sie uns zur Form gewährt.

55
Allein wird dies nicht wörtlich angenommen,

So kann er doch vielleicht mit dem Beweis
Dem Ziel der Wahrheit ziemlich nahe kommen,

58
Dafern er meinte, daß, aus welchem Kreis

Der Einfluß stamm’, dahin die Seel’ sich kehrte
Zu mindrer Glorie, oder höh’rem Preis.

61
Und dieser schlecht verstandne Satz verkehrte

Fast alle Welt, so daß in Sternen man
Den Mars, Merkur und Jupiter verehrte. –

64
Der andre Zweifel, welcher dich umspann,

Hat mindres Gift, indem er nicht entrücken
Dich meinem Pfad durch seine Schlingen kann.

67
Denn scheint auch ungerecht den Menschenblicken[49]

Unsre Gerechtigkeit, nun, so beweist
Dies Glauben nur, nicht ketzerische Tücken.

70
Allein wohl fähig ist des Menschen Geist,

In diese Wahrheit tiefer einzudringen,
Drum will ich jetzt, daß du befriedigt seist.

73
Ist das Gewalt, wenn Jenen, welche zwingen,[50]
[420]

Der, welcher leidet, nie sich willig zeigt,
So kann sie Diesen nicht Entschuld’gung bringen,

76
Weil Wille, der nicht will, sich nimmer neigt,

Vielmehr, wie Feuer, wenn die Stürme schwellen,
Trotz allem Zwang neu in die Höhe steigt.

79
Der Wille wird zu der Gewalt Gesellen,

Wenn er sich beugt; drum fehlte jenes Paar,
Rückkehren könnend zu den heil’gen Zellen.

82
Blieb jener Nonnen Will’ unwandelbar,

Wie auf dem Rost Laurentius geblieben,
Wie Scävola, der streng der Rechten war,

85
So hätt’ er sie, befreit zurückgetrieben

Denselben Pfad, auf dem man sie entführt;
Doch selten sind, die solchen Willen lieben.

88
Noch hättest du den Zweifel noch gespürt,

Der jetzt gewiß vor meinem Wort geschwunden,
Wenn du wohl aufgemerkt, wie sich’s gebührt.

91
Doch hält ein andrer schon dein Aug’ umwunden,

Und gänzlich schwände deine Kraft dahin,
Eh’ du dich selbst aus ihm herausgefunden.

94
Ich legt’ es als gewiß in deinen Sinn,

Die Seele, die der ersten Wahrheit Pforten
Stets nahe bleibt, sei niemals Lügnerin.

97
Doch nun erfuhrst du durch Piccarda dorten,

Daß ihren Schlei’r Constanze nie vergaß,
Und dies scheint Widerspruch mit meinen Worten.

[421]
100
Oft, Bruder, die Gefahr zu fliehn, geschah’s,

Daß sich ein Mensch, auch wider Willen, dessen,
Was nimmer sich zu thun geziemt, vermaß.

103
So hat Alkmäon, welcher sich vermessen[51]

Des Muttermords, weil ihn sein Vater bat,
Die Sohnespflicht aus Sohnespflicht vergessen.

106
Daraus erkennst du diese Wahrheit: hat

Der Wille sich vermischt dem äußern Drange,
So liegt in ihm die Schuld der bösen That.

109
Der Will’ an sich, er trotzet wohl dem Zwange,

Doch stimmt insofern bei, als der Gefahr
Er zagend weicht, vor größerm Schaden bange.

112
Piccarda sprach, dies siehst du jetzo klar,

Vom unbedingten Willen nur zum Guten,
Vom zweiten ich, und Beider Wort ist wahr.“

115
So war das Wogen jener heil’gen Fluten[52]

Dem Quell entströmt, dem Wahrheit nur entquillt,
Daß süß befriedigt meine Wünsche ruhten.

118
„„Liebste des ersten Liebenden, o Bild[53]

Der Gottheit,““ rief ich, „„deren Rede regnet,
Erwärmt und mehr und mehr belebt und stillt,

121
O, wär’ mit Inbrunst doch mein Herz gesegnet

Zum Dank, der gnügte deiner Huld – doch dir
Sei nur von ihm, der sieht und kann entgegnet![54]

124
Nie sättigt sich der Geist, dies seh’ ich hier,

Als in der Wahrheit Glanz, dem Quell des Lebens,

[422]

Die uns als Wahn zeigt Alles außer ihr.

127
Doch fand er sie, dann ruht die Qual des Strebens;

Und finden kann er sie, sonst wäre ja
Jedweder Wunsch der Menschenbrust vergebens.

130
Drum läßt der Geist, wenn er die Wahrheit sah,[55]

An ihrem Fuß den Zweifel Wurzel schlagen,
Und treibt von Höh’n zu Höh’n dem Höchsten nah.

133
Dies ladet nun mich ein, dies heißt mich wagen,

Nach einer andern dunkeln Wahrheit jetzt
Voll Ehrfurcht, hohe Herrin, euch zu fragen.

136
Kann wohl der Mensch, der ein Gelübd’ verletzt,

Durch andres gutes Werk dies so vergüten,
Daß ihr’s, nach eurer Waag’, als gnügend schätzt?““

139
Sie sah mich an, und Liebesfunken sprühten

Aus ihrem Aug’ so göttlich klar hervor,
Daß ich, besiegt, sobald sie mir erglühten,

142
Gesenkten Blicks mich selber fast verlor.
_______________

Fünfter Gesang.
Anhang zur letzten Belehrung: über Gelübde. Aufflug 2) zum Merkur.

1
„Wenn ich in Liebesglut dir flammend funkle,

Mehr, als es je ein irdisch Auge sieht,
So, daß ich deines Auges Licht verdunkle,

4
Nicht staune drum – es macht, daß dies geschieht,

Vollkommnes Schauen, welches, wie’s ergründet,[56]

[423]

In dem Ergründeten uns weiter zieht.

7
Schon glänzt, ich seh’s in deinem Blick verkündet,

In deinem Geist ein Schein vom ew’gen Licht,
Das, kaum gesehen, Liebe stets entzündet.

10
Und liebt ihr, weil euch andrer Reiz besticht,[57]

So ist’s, weil, unerkannt, vom Licht, dem wahren,
Ein Strahl herein auf das Geliebte bricht.

13
Ob andrer Dienst, dies willst du jetzt erfahren,[58]

Gebrochenes Gelübd’ ersetzen kann,
Um vor dem Vorwurf euer Herz zu wahren?“

16
So fing ihr heil’ges Wort Beatrix an,

Und setzte dann, die Rede zu vollenden,
Ununterbrochen fort, was sie begann.

19
„Die größte Gab’ aus Gottes Vaterhänden

Und seiner reichen Güte klarste Spur,
Von ihm geschätzt als höchste seiner Spenden,

22
Ist Willensfreiheit, so die Creatur,

Der Er Vernunft verlieh, von ihm bekommen,
Von diesen jede, doch auch diese nur.[59]

25
Hieraus ersieh’ den hohen Werth des frommen[60]

Gelübdes, wenn es so beschaffen ist,
Daß Gott, was du geboten, angenommen.

28
Denn, wer mit Gott Vertrag schließt, der vermißt
[424]

Sich, diesen Schatz zum Opfer darzubringen,
Mit dessen Werthe sich kein andrer mißt.

31
Wie kann drum je hier ein Ersatz gelingen?

Brauchst du auch wohl, was du geopfert hast,[61]
So ist’s nur Wohlthat mit gestohlnen Dingen.

34
Du hast das Wichtigste nun aufgefaßt,

Doch weil die Kirche vom Gelübd’ entbindet,
So zweifelst du an meiner Wahrheit fast.

37
Drum bleib am Tisch ein wenig noch. Hier findet,

Ob du auch Unverdauliches gespeist,[62]
Das Mittel sich, vor dem der Schmerz verschwindet.

40
Dem, was ich sag’, erschließe deinen Geist,

Denn Hören giebt nicht Weisheit, nein, Behalten;
Behalt’ es drum, damit du weise seist.

43
In diesem Opfer sind zwei Ding enthalten;

Das erste: des Gelübdes Gegenstand
Das zweite: der Vertrag, es treu zu halten.

46
Der letztere hat ewigen Bestand,

Bis er erfüllt ist, und wie er zu achten,
Dies macht’ ich oben dir genau bekannt.

49
Drum mußten die Hebräer Opfer schlachten,[63]

Obwohl für das Gelobte dann und wann
Sie, wie du wissen mußt, ein andres brachten.

52
Der Gegenstand kann also sein, daß man

Auch ohne Reu’ und Vorwurf zu empfinden,
Mit einem andern ihn vertauschen kann.

55
Nur mag sich dessen Niemand unterwinden

Nach eigner Wahl, wenn ihn der ersten Last
Der gelb’ und weiße Schlüssel nicht entbinden.[64]

[425]
58
Und jeder Tausch der Bürd’ ist Gott verhaßt,[65]

Wenn, die wir nehmen, die wir von uns legen,
Nicht so, wie Sechs die Vier, voll in sich faßt.

61
Drum, ziehet das, was man gelobt, beim Wägen

Jedwede Waag’ herab durch sein Gewicht,
So giebt’s auch nirgendwo Ersatz dagegen.

64
Scherzt, Sterbliche, mit dem Gelübde nicht.

Seid treu, doch seht euch vor; denn schwer beklagen
Wird’s Jeder, der wie Jephtha, blind verspricht.

67
Ihm ziemt’ es besser: Ich that schlimm! zu sagen,

Als, haltend, schlimmer thun – und gleiche Scham
Sah man davon den Griechenfeldherrn tragen,

70
Drob Iphigenia weint’ in bitterm Gram,

Und um sich weinen Weis’ und Thoren machte,
Ja, Jeden, der von solchem Dienst vernahm.

73
Sei nicht leichtgläubig, Christenvolk, und trachte,[66]

Nicht wie der Flaum im Windeshauch zu sein;
Daß dich nicht jedes Wasser wäscht, beachte!

76
Das alt’ und neue Testament ist dein,

Der Kirche Hirt ist Führer ihren Söhnen,
Und dieses gnügt zu eurem Heil allein.

79
Und heißt die schlechte Gier euch Anderm fröhnen,

Nicht Schafe seid ihr, eurer unbewußt;
Drum laßt vom Nachbar Juden euch nicht höhnen.[67]

[426]
82
Thut nicht dem Lamm gleich, das der Mutter Brust

Aus Einfalt läßt, im Uebermuth vergebens
Den Weg sich sucht nach seiner eignen Lust!“ –

85
Beatrix sprach’s und wandte, regen Strebens,

Ganz Sehnen, ihren Blick zum hellern Licht,
Empor zur schönen Welt des höhern Lebens.

88
Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht

Geboten dem begier’gen Geiste Schweigen,
Und ließen mich zu neuen Fragen nicht.

91
Und schnell, wie sich beschwingte Pfeile zeigen,

In’s Ziel einbohrend, eh’ die Sehne ruht,
So eilten wir, zum zweiten Reich zu steigen.[68]

94
Die Herrin sah ich so in frohem Muth,

Da uns der Flug zum neuen Glanze brachte,
Daß heller ward des Sternes Licht und Glut.

97
Wenn der Planet nun sich verwandelnd lachte,

Wie ward wohl mir, mir, welchen wandelbar
Schon die Natur auf alle Weisen machte?

100
Gleichwie im Teich, der ruhig ist und klar,[69]

Wenn das, wovon die Fischlein sich ernähren,
Von außen kommt, her eilt die muntre Schaar,

103
So sah ich hier zu uns sich Strahlen kehren,

Wohl tausende, von welchen Jeder sprach:
„Seht, der da kommt, wird unser Lieben mehren!“[70]

106
Und wie sie uns sich nahten nach und nach,

Da sah ich süßer Wonne voll die Seelen
Im Glanz, der hell hervor aus jeder brach.

109
Bedenke, Leser, wollt’ ich dir verhehlen,

Was ich noch sah, und schweigend von dir gehn,
Wie würde dich der Durst nach Wissen quälen?

[427]
112
Du wirst daraus wohl durch dich selbst verstehn,

Wie ich ihr Loos mich sehnte zu erfahren,
Sobald mein Aug’ in ihren Glanz gesehn.

115
„Begnadigter, dem hier sich offenbaren[71]

Des ewigen Triumphes Thron’, eh’ dort
Du noch verlassen hast der Krieger Schaaren,

118
Wir sind entglüht vom Licht, das fort und fort

Den Himmel füllt – drum, wünschest du Erklärung
So sättige nach Wunsch dich unser Wort.“

121
Ein frommer Geist verhieß mir so Gewährung;

Beatrix drauf: „Sprich, sprich und glaub’ ihm fest,[72]
So fest, als wär’ es göttliche Belehrung.“

124
„„Ich sehe, würd’ger Geist, du hast dein Nest

Im eignen Licht, das, wie du lächelst, immer[73]
Mit hellerm Glanz dein Auge strahlen läßt.

127
Doch wer bist du? was ward der schwache Flimmer

Der niedern Sphäre dir zum Sitz gewährt,
Die uns umschleiert wird durch andern Schimmer?““[74]

130
So sprach ich, jenem Lichte zugekehrt,

Das erst gesprochen hatt’, und sah’s in Wogen
Von Strahlen drum weit mehr als erst verklärt.

133
Denn gleichwie Sol, von dichtem Dunst umzogen,

In zu gewalt’gen Glanz sich selber hüllt,
Wenn Glut der Nebel Schleier weggesogen;

136
So barg sich jetzt, von größrer Lust erfüllt,

Die heilige Gestalt im Strahlen-Ringe,
Und sie entgegnete mir, so verhüllt,

139
Das, was ich bald im nächsten Sange singe.
_______________


[428]
Sechster Gesang.[75]
Im Merkur. Justinian’s Rede vom kaiserlichen Adler (Geschichte des heil. römisch-deutschen Reichs; Dante’s politisches System.) Bewohner des Merkur.

1
„Nachdem der Kaiser Constantin entgegen[76]

Der Himmelsbahn gewendet jenen Aar,
Der einst ihr folgt’ auf des Aeneas Wegen,

4
Da sah man mehr als schon zweihundert Jahr

Zeus Vogel an Europens Rand verbringen,
Nah’ dem Gebirg, dem er entflogen war.

[429]
7
Beherrschend unter’m Schatten heil’ger Schwingen

Von dort die Welt, ging er von Hand zu Hand,
Bis ihn beim Wechsel meine Händ’ empfingen.

10
Cäsar war ich, Justinian genannt,[77]

Der aus dem Recht, treu erster Liebe Walten,
Das Unmaß und das Eitle hat verbannt.

13
Und eh’ ich’s unternahm, dies zu gestalten,

Lebt’ ich zufrieden in dem Wahne fort,
Ein Wesen sei in Christo nur enthalten.

16
Doch Agapet, der Ober-Hirt und Hort,

Er lenkte mich zurück zum Aechten, Wahren,
Zum rechten Glauben durch sein heilig Wort.

19
Ich glaubt’ ihm und bin völlig nun im Klaren;

Weil Eines wahr, das Andre falsch zu sehn[78]
Stets, wo der Widersprüche zwei sich paaren.

22
Kaum fing ich an, der Kirche nachzugehn,

So flößt es Gott mir ein, mich aufzuraffen,
Und nur dem hohen Werke vorzustehn.

25
Dem Belisar vertraut’ ich meine Waffen,[79]

Und ihm verband des Himmels Rechte sich,
Zum Zeichen mir, ich soll’ in Ruhe schaffen.

28
Befriedigt hab’ ich nun im Ersten dich,[80]
[430]

Was du gefragt; allein die Art der Frage
Verbindet noch zu einem Zusatz mich,

31
Damit du seh’st, welch Unrecht Jeder trage,

Der dieses hehren heil’gen Zeichens Macht
An sich zu ziehn und ihr zu trotzen wage.[81]

34
Du siehst die Kraft, die’s werth der Ehrfurcht macht,

Seit seiner Herrschaft Pallas, überwunden,[82]
Sein Leben selbst zum Opfer dargebracht;

37
Weißt, daß es drauf den Wohnsitz aufgefunden,

Dreihundert Jahr und mehr in Alba’s Au’n,
Bis Drei und Drei dafür den Kampf bestunden;[83]

40
Weißt, was vom Raube der Sabiner-Frau’n,

Es that bis zu Lukreziens Schmerz, durch Sieben,[84]
Die rings umher besiegt die Nachbar-Gau’n.

43
Weißt, wie es Brennus, Pyrrhus auch vertrieben,

Getragen vor der wackern Römer Schaar,
Und siegreich noch in manchem Kampf geblieben;

46
Drob Quinctius, benamt vom wirren Haar,[85]

Drob auch Torquatus, Decier, Fabier glänzen
In freud’gem Ruhme durch den heil’gen Aar.

49
Er schlug der Libyer Stolz, die, Welschlands Gränzen

Einst Hannibal verführt, zu überziehn,
Wo Alpen deinen Quell, o Po, umkränzen.

52
Ein Jüngling noch, hob Scipio sich durch ihn,

Pompejus auch zu des Triumphes Ehren,
Der bitter deinem Vaterlande schien.[86]

55
Dann, nah der Zeit, in der die Welt verklären

Der Himmel wollt’ in seinem heitern Schein,
Nahm Julius Cäsar ihn auf Roms Begehren.

[431]
58
Was er dann that vom Varus bis zum Rhein,

Iser’ und Seine sahn’s, es sahn’s, bezwungen,
Die Thale, die der Rhon’ ihr Wasser leihn.

61
Wie er den Rubicon dann übersprungen,

Was er dann that, das war von solchem Flug,
Daß Zung’ und Feder nie sich nachgeschwungen.

64
Nach Spanien lenkt’ er dann den Siegerzug,

Dann nach Durazz’ und traf Pharsaliens Auen
So, daß man Leid am heißen Nile trug;

67
Sah wieder dann den Simois, die Gauen,

Von wo er kam, wo Hektor ruht und schwang
Sich auf dann, zu des Ptolemäus Grauen,

70
Worauf er blitzend hin zum Juba drang;

Dann sah man ihn die Flügel westwärts schlagen,
Wo ihm Pompejus’ Kriegstrommet’ erklang.

73
Was er mit dem that, der ihn dann getragen,[87]

Bellt Brutus, Cassius noch in ew’ger Noth,
Sagt Modena, Perugia noch mit Klagen.

76
Kleopatra beweint’s noch, die, bedroht

Von seinem Zorn, entfloh und an die Brüste
Die Schlange nahm zu schnellem, schwarzem Tod.

79
Mit diesem eilt’ er bis zur rothen Küste,

Mit diesem schloß er fest des Janus Thor,
Weil Fried’ und Ruh’ den ganzen Erdball küßte.

82
Doch was der Adler je gethan zuvor,

Und was noch drauf gethan dies hohe Zeichen,
Das Gott zur Herrschaft ird’schen Reichs erkor,

85
Muß dem gering erscheinen und erbleichen,

Der’s in der Hand des dritten Cäsar schaut[88]
Mit klarem Blick, dem Wahn und Irrthum weichen.

88
Denn die Gerechtigkeit, die jeden Laut[89]

Mir einhaucht, hat ihn, ihren Zorn zu rächen,
Der Hand deß, den ich dir benannt, vertraut.

91
Jetzt staun’ ob dessen, was ich werde sprechen:
[432]

Er nahm, begleitend dann des Titus Bahn,
Rach’ an der Rache für ein alt Verbrechen.

94
Und als darauf der Langobarden Zahn

Die Kirche biß, sah unter seinen Schwingen
Man Karl den Großen ihr mit Hülfe nahn.

97
Nun siehst du selbst, wie Jene sich vergingen,[90]

Von denen ich, sie hart anklagend, sprach,
Die über euch all euer Uebel bringen.

100
Der trachtet selbst dem Reiches-Zeichen nach,

Der will es durch die Lilien überwinden,
Und schwer zu sagen ist, wer mehr verbrach.

103
Der Ghibellin mög’ andres Zeichen finden,

Denn schlechte Folger sind dem heil’gen Aar,
Die standhaft nicht das Recht und ihn verbinden.

106
Der neue Karl mit seiner Guelfen-Schaar,

Nicht trotz’ er ihm, der wohl schon stärkerm Leuen
Das Vließ abzog mit seinem Klauen-Paar.

109
Oft muß der Sohn des Vaters Fehl bereuen.

Nicht glaub’ er seine Lilien Gott so lieb,
Um ihrethalb sein Zeichen zu erneuen. – –

112
Der kleine Stern, der fern und dämmernd blieb,[91]
[433]

Ist Wohnsitz derer, die zum thät’gen Leben
Der Durst allein nach Ruf und Ehre trieb.

115
Und wenn so falsch gelenkt die Wünsche streben,

So muß sich wohl der wahren Liebe Licht
Mit minderm Glanz zum rechten Ziel erheben.

118
Doch wägen wir dann des Verdienst’s Gewicht

Mit dem des Lohns, so wird uns Wonn’ und Frieden,
Weil eins dem andern so genau entspricht.

121
Dann stellt uns die Gerechtigkeit zufrieden

Und sichert uns vor jedem sünd’gen Hang,
Denn glücklich macht uns das, was uns beschieden.

124
Verschiedne Tön’ erzeugen süßern Klang;

So bilden hier die Harmonie der Sphären
Die lichten Kreise von verschiednem Rang.

127
Du siehst in dieser Perle sich verklären[92]
[434]

Romeo’s Licht, mußt’ auch sein schönes Thun
Auf Erden des verdienten Lohns entbehren.

130
Allein die Provenzalen lachen nun

Nicht ihres Grolls, denn Solche nahn dem Falle,
Die sich in Andrer Gutthat Schaden thun.

133
Vier Töchter hatt’, und Königinnen alle,

Graf Raimund, und Romeo that ihm dies,
Der niedre Fremd’ in stolzer Fürstenhalle.

136
Und Jener folgt’, als ihn die Scheelsucht hieß,

Dem Biedermanne Rechnung anzusinnen,
Der acht und vier für zehn ihm überwies.

139
Arm und veraltet ging er dann von hinnen;

Und wüßte man, mit welchem Herzen Er
Fortzog, sein Brod als Bettler zu gewinnen,

142
Man preist ihn hoch und pries’ ihn dann noch mehr.“[93]
_______________


[435]
Siebenter Gesang.
Im Merkur, Schluß. Belehrung über Sünde und Erlösung. Anhang: von der unmittelbaren und mittelbaren Schöpfung.

1
„Hosianna dir, du Gott der Macht und Wahrheit,[94]

Dir, der du hier der sel’gen Flammen Glanz
Reich überströmst mit Fülle deiner Klarheit!“

4
So schien, zurückgewandt zu ihrem Tanz,[95]

Die Seel’ im Lied den höchsten Herrn zu feiern,
Umringt vom lichten Doppel-Strahlenkranz.[96]

7
Den Reigen sah ich Alle nun erneuern,

Und Funken gleich, die durch die Lüfte fliehn,
Von plötzlicher Entfernung sie verschleiern.

10
Ich zweifelte. „„Sprich, sprich, zur Herrin,““ schien

Mein Herz zu sprechen bei des Mundes Schweigen,
„„Die stets dir Lab’ in süßem Thau verliehn.““

13
Allein die Ehrfurcht, der ich immer eigen

Als Sclav war, wo nur be und ice klang,[97]
Ließ gleich dem Schläfrigen, das Haupt mich neigen;

16
Sie aber duldete mich so nicht lang;

In Lächeln strahlte mir das hohe Wesen,
Das Feuerpein umschüf’ in Wonnedrang.[98]

19
Sie sprach: „Ich hab’ in deiner Brust gelesen;[99]
[436]

Wie ist – dies ist’s, was dir im Haupte kreist –
Gerechter Rache Zücht’gung recht gewesen?

22
Doch bald entwirren will ich deinen Geist,

Damit du, wenn dein Sinn sich mir erschlossen,
Um eine große Wahrheit reicher seist.

25
Der Mensch, der nicht geboren ward, verdrossen,[100]

Zu dulden, sich zum Heil, des Willens Zaum,
Verdammte sich und mit sich seine Sprossen;

28
Drob das Geschlecht in Wahn und falschem Traum

Viel hundert Jahre krank lag, matt und trübe,
Bis sich das Wort geneigt zum niedern Raum,

31
Wo’s der Natur, die sich im irren Triebe

Vom Schöpfer abgekehrt, sich ganz verband,
Bloß durch das Walten seiner ew’gen Liebe.

34
Scharf sei dein Blick jetzt auf mein Wort gespannt.

Jene Natur, dem Schöpfer hingegeben,
Und ihm vereint, war rein, wie sie entstand.

37
Nur durch sich selbst war sie für falsches Streben

Vom Paradies verbannt, weil sie die Bahn
Verlassen, wo nur Wahrheit ist und Leben.

40
Drum ward die Strafe, durch das Kreuz empfahn,

Mit größerm Recht, als jemals irgend eine,
Der angenommenen Natur gethan.

43
Doch war die Straf’ auch ungerecht, wie keine,

In Hinsicht deß, der sie erlitten hat,
Mit der Natur, der ird’schen, im Vereine.

46
Verschieden war die Wirkung einer That.

Gott und den Juden mußt’ ein Tod gefallen,
Drob Erd’ erbebt’ und Himmel auf sich that.

49
Schwer wird dir’s nicht mehr zu begreifen fallen,

Wenn man von dem gerechten Richter spricht,
Deß Rach auf rechte Rache schwer gefallen.

[437]
52
Doch deinen Geist, gleich einem Netz, umflicht

Gedank’ jetzt und Gedank’ in engem Kreise,
Aus dem er sehnlich Lösung sich verspricht.

55
Der Rache Recht war klar in dem Beweise,

Denkst du; doch weshalb wählt’ in seiner Macht
Gott zur Erlösung eben diese Weise?

58
Der Schluß, mein Bruder, birgt sich dem in Nacht,[101]

Dem nicht, wenn hell der Liebe Flammen brennen,
Die Glut den Geist zur Mündigkeit gebracht.

61
Vernimm deshalb, weil wenig zu erkennen,

Obwohl der Blick sich häufig spähend müht,
Warum die Art die würdigste zu nennen.

64
Die ew’ge Güt’, in sich nie neidentglüht,[102]

Zeigt, wenn im All sich ihre Schönheit spiegelt,
Wie sie die Funken eigner Glut versprüht.

67
Was ihr unmittelbar entströmt – verriegelt[103]

Ist dem des Todes Thür, und fest und treu
Ist das Gepräge, wenn sie selber siegelt.

70
Was ihr unmittelbar entströmt, ist frei,

Ist völlig frei, und deshalb wohnt dem Neuen
Die Kraft nicht, es zu unterjochen, bei.

73
Je mehr’s ihr gleicht, je mehr muß sie’s erfreuen;

Drum will die heil’ge Glut, das Licht der Welt,
Auf’s Aehnlichste den hellsten Schimmer streuen.

76
In allem dem ist hoch der Mensch gestellt,
[438]

Der aber, wenn nur eins ihm fehlt, entweihet,
Mit Schmach herab von seinem Adel fällt.

79
Die Sünd’ allein ist das, was ihn entfreiet,

Unähnlich macht sie ihn dem höchsten Gut,
Das wen’ger drum von seinem Glanz ihm leihet.

82
Nie kehrt zurück ihm seine Würde, thut

Er dem nicht G’nüge durch gerechte Leiden,
Was er gefehlt in sünd’ger Lüste Glut.

85
Eure Natur, die in den ersten Beiden[104]

Ganz sündigte, ward, wie der Würd’ entsetzt,
So auch verdammt, das Paradies zu meiden.

88
Und Möglichkeit, dahin zurückversetzt

Dereinst zu sein, gab’s nur auf zweien Pfaden,
Wenn scharf dein Geist der Dinge Wesen schätzt:

91
Entweder Gott verzieh allein aus Gnaden,

Oder es mußte sich, der ihn gekränkt,
Der Mensch, g’nugthuend, selbst der Schuld entladen.

94
Dein Blick sei in den Abgrund jetzt versenkt

Des ew’gen Rathes, und mit ernstem Schweigen
Sei ganz dein Geist nach meinem Wort gelenkt.

97
G’nugthuung konnte nie der Mensch erzeigen,

Und, eng beschränkt, so tief nicht niedergehn,
Gehorchend, nicht sich so in Demuth neigen,

100
Als, ungehorsam, er sich wollt’ erhöhn;

Drum konnt’ er nie sich von der Schuld befreien,
Genugthuung nicht durch ihn selbst geschehn.

103
Drum wählt’, ihn neu zum Leben einzuweihen,

Gott, so gerecht wie gnädig, seinen Pfad,
Und führt’ auf diesem ihn, vielmehr auf zweien.

106
Doch weil so werther ist des Thäters That,

Je heller strahlt die Güt’ in dem Gemüthe,
In dem die Handlung ihre Quelle hat,

109
Hat, die die Welt gestaltet, Gottes Güte,

Auf jedem Wege, der ihr offen lag,
Euch neu erhöht zu eurer ersten Blüte.

[439]
112
Und zwischen letzter Nacht und erstem Tag

Ist niemals noch so Herrliches geschehen
Und Höheres man niemals sehen mag.

115
Freigeb’ger war’s, von Gott, selbst einzustehen,

Daß zur Erhebung Kraft dem Menschen ward,
Als wenn er nur die Sünde nachgesehen!

118
Karg wär’ erfüllt in jeder andern Art

Das Recht, wenn Gottes Sohn um euretwillen
Nicht demuthsvoll dem Fleische sich gepaart. –

121
Jetzt, um noch besser deinen Wunsch zu stillen,

Und daß du seh’st, gleich mir, das volle Licht,
Will ich noch Eins dir deutlicher enthüllen.

124
Ich sehe Feuer, sehe Luft – so spricht[105]

Dein Zweifel – Wasser, Erd’, in mannigfachen
Vermischungen und alle dauern nicht.

127
Geschöpfe sind ja alle diese Sachen;

Und sollte dies, wenn ich dich recht verstand,
Sie nicht vor der Verderbniß sicher machen?

130
Die Engel, Bruder, und dies reine Land,

Sie dürfen wohl sich für erschaffen halten,
Weil, wie sie sind, ihr volles Sein entstand;

133
Doch Alles, was die Element’ entfalten,

Die Elemente selbst, sie läßt allein
Der Höchste durch geschaff’ne Kraft gestalten.

136
Geschaffen ward ihr Stoff, ihr erstes Sein,

Geschaffen ward die Bildungskraft dem Tanze
Der Sterne, die um eure Welt sich reihn.

139
Die Seele jedes Thiers und jeder Pflanze

Zieht nach verschiedner Bildungsfähigkeit
Regung und Licht aus ihrem heil’gen Glanze.

142
Jedoch der höchsten Güte Hauch verleiht
[440]

Unmittelbar uns nur allein das Leben
Und Liebe, die dann ihr sich sehnend weiht.

145
Wie aus der Gruft die Leiber sich erheben,

Erkennst du, wenn du denkest, wessen Ruf
Dem Menschenleib sein erstes Sein gegeben,

148
Als er die beiden ersten Eltern schuf.
_______________

Achter Gesang.
3. Venus. Karl Martell und seine unähnlichen Söhne. Die verschiedenen Anlagen begründen nach göttl. Vorsehung die menschliche Gesellschaft, den Staat.

1
Die Welt glaubt’ einst, unsel’gen Irrthum hegend,[106]

Daß Cypris toller Liebe Glut entflammt,
Im dritten Epicyklus sich bewegend.

4
Drob nicht zu ihr allein mit Opferamt

Und Weiherufen sich anbetend kehrte
Das alte Volk, im alten Wahn verdammt,

7
Nein, auch Dionen und Cupiden ehrte,

Als ihre Mutter sie, ihn als das Kind,
Dem Dido ihren Schooß zum Sitz gewährte.

10
So ward nach ihr, von der mein Sang beginnt,

Der Stern benannt, der, bald der Sonn’ im Rücken,[107]
Bald ihr im Angesicht liebäugelnd minnt.

[441]
13
Nicht fühlt’ ich mich in diesen Stern entrücken,

Doch, daß ich wirklich drinnen sei, entschied
Der Herrin höh’res, schöneres Entzücken.

16
Und wie man Funken in der Flamme sieht,

Und wie wir Stimmen in der Stimm’ erkennen,
Die aushält, wenn die andre kommt und flieht;

19
So sah ich Lichter hier im Lichte brennen,

Und, nach dem Maß des ewigen Schaun’s erregt,
So schien’s, im Kreis mehr oder minder rennen.

22
Kein Wind unsichtbar, oder sichtbar, pflegt[108]

So schnell aus kalter Wolk’ herabzugleiten,
Daß er nicht langsam schien’ und schwer bewegt

25
Dem, der die Lichter uns entgegenschreiten

Im Flug gesehn, aus jenem Kreis hervor,
Den hohe Seraphim bewegend leiten.

28
Und hinter diesen ersten klang’s im Chor:

Hosianna! Und seit ich den Ton vernommen,
Sehnt stets nach ihm sich brünstig Herz und Ohr.

31
Und einen sah ich dann uns näher kommen,

Und er begann allein mit frohem Klang:
„Willfährig sind wir Alle, dir zu frommen.

34
Wir wandeln hin, ein Kreis, ein Schwung, ein Drang,

Uns nie vom Pfad der Himmelsfürsten trennend,
Zu welchem du gesagt in deinem Sang:

37
Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend;[109]

Für dich wird uns nicht schwer ein Stillestand,
Für dich in so inbrünst’ger Liebe brennend.“[110]

[442]
40
Als ich zu Ihr voll Ehrfurcht mich gewandt,

Und so der Herrin Blick sich ausgesprochen
Daß ich mich sicher und befriedigt fand,

43
Schaut’ ich zum Licht, das mir in sich versprochen

So Großes hatt’, und sprach: „„Wer bist du, sprich!““
Den Ton vor großer Inbrunst fast gebrochen.

46
O wie vermehrte, wie verschönte sich

Der frohe Glanz in neuer Lust entglommen,
Bei meinem Wort – dann sprach er freudiglich:

49
„Zu früh ward eurer Erde ich entnommen;[111]

Verweilt’ ich mehr, dann wäre Vieles nicht
Vom Uebel, das noch über euch wird kommen.

52
Nur meine Freude birgt dir mein Gesicht,[112]

Nur sie verhüllt mich rings im Strahlenrunde,
So, wie den Seidenwurm die Seid’ umflicht.

55
Du liebtest mich, und wohl aus gutem Grunde;[113]

Denn lebt’ ich noch, gewiß, dir keimten jetzt
Nicht Blätter nur aus unserm Liebesbunde.

58
Der linke Strand, den Rhodanus benetzt,[114]

Nachdem er mit der Sargue sich verbündet,
Sah einst im Geist durch mich den Thron besetzt;

61
So auch Ausoniens Horn, wo, fest begründet,[115]

Bari, Gaëta und Crotona drohn,
Von wo im Meere Verd’ und Tronto mündet.

64
Auch schmückte mich des Landes Krone schon,
[443]

Das längs durchstreift der Donau Wogenfülle,[116]
Nachdem sie aus Germaniens Gau’n entflohn.

67
Trinacria – bedeckt von schwarzer Hülle[117]

(Zwischen Pachino und Pelor, am Schlund
Des Meers, das schäumt bei Eurus Wuthgebrülle.)

70
Durch Typhöus nicht, nein, durch den Schwefelgrund –

Der Fürsten harrt’ es noch, der edlen Sprossen[118]
Rudolphs und Karls, aus meinem Ehebund,

73
Hätt’ schlechte Herrschaft, welche stets verdrossen

Der Unterworfne trägt, zum Mordgeschrei
Nicht in Palermo jeden Mund erschlossen.[119]

76
Ging’ Ahnung dessen meinem Bruder bei,

So würd’ er Kataloniens Bettler jagen,
Damit ihr Geiz kein Sporn zum Aufruhr sei.

79
Noth thut’s fürwahr, daß ihm die Freund’ es sagen,

Wenn er’s nicht sieht: daß volle Ladung schon
Sein Nachen hat und nichts kann weiter tragen.

82
Er, des freigeb’gen Vaters karger Sohn,[120]
[444]

Braucht Diener, die nicht Gold nur zu gewinnen
Begierig sind, nicht blos erpicht auf Lohn.“ –[121]

85
„„Herr, weil ich glaube, daß die Lust hier innen,

Die deine Rede strömt in meine Brust,
Du, wo die Güter enden und beginnen,

88
So deutlich schauest, wie sie mir bewußt,

Wird sie mir werther – daß du beim Betrachten
Des Herrn sie schauest, giebt mir neue Lust.

91
Mach’ jetzt, wie froh mich deine Worte machten,

Mir klar und schaffe noch dem Zweifel Ruh’:
Wie süße Saaten bittre Früchte brachten?[122]

94
So ich – und Er: „Die Wahrheit fasse du,

Und dem, was du gefragt, kehrst du zufrieden,
Wie jetzt den Rücken, dann das Antlitz zu.

97
Das Gut, das ihren Lauf und ihren Frieden[123]

Den Himmeln gab, hat jedem Stern den Schein
Und eine Kraft, als Vorsehung, beschieden.

100
Nicht nur der Wesen vorbestimmtes Sein[124]

Hat der durch sich vollkommne Geist erwogen,
Er schließt in sich auch ihre Wohlfahrt ein.

103
Drum, was nur immer fliegt von diesem Bogen,

Kommt gleich dem Pfeil auf vorbestimmtem Gang
Gewiß herab zu seinem Ziel geflogen.

106
Wär’ dieses nicht, dann würd’ im wirren Drang

Was diese Himmel irgend wirkend schaffen,
Kein Kunstwerk sein, nein, Graus und Untergang.

[445]
109
Dies kann nicht sein, wenn Jene nicht erschlaffen,

Die Geister, lenkend diese Sternenschaar,
Der Urgeist auch, der dann sie schlecht erschaffen.

112
Ist diese Wahrheit nun dir völlig klar?“

Und ich: „„Gewiß, ich seh’s, Natur bleibt immer
In dem, was nöthig ist, unwandelbar;““

115
Drum Er: „Nun sprich, wär’s für den Menschen schlimmer,[125]

Wenn er nicht Bürger ward und einsam blieb?“
Ich: „„Ja, und weitern Grund begehr’ ich nimmer!““

118
„Und wär’ ein Staat, wenn in verschiednem Trieb

Die Menschen nicht verschieden sich erwiesen?
Nein, wenn die Wahrheit euer Meister schrieb!“

121
So folgert’ er bis jetzt, um hier zu schließen:

„Drum also muß der Menschen Thun hervor
Verschieden aus verschiedner Wurzel sprießen.

124
Und Solon sproßt’ und Xerxes so empor,

Also Melchisedek, und der Erfinder,
Der bei dem luft’gen Flug den Sohn verlor.

127
Natur, im Kreislauf, so die Menschenkinder

Wie Wachs ausprägt, übt ihre Kunst, und sieht
Auf dies und jenes Haus nicht mehr noch minder.

130
Dies ist’s, was Esau’s Keim von Jacob’s schied,

Drob auch Quirin entsproß so nied’rer Lende,[126]
Daß man als Vater ihm den Mars beschied.

133
Und stets auf der Erzeuger Wegen fände

Man die, so sie erzeugten, nur – wenn nicht
Die Vorsehung des Höchsten überwände.

136
Was hinter dir war, sieh jetzt im Gesicht;

Doch wie ich dein mich freue, geb’ ich Kunde,
Und dir durch einen Zusatz bess’res Licht.

[446]
139
Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde,[127]

Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat,
Die man gesä’t auf fremdem, falschem Grunde.

142
Und folgte der Natur des Menschen Pfad,

Suchtet auf ihrem Grund ihr nach dem Rechten,
Dann gäb’ es gute Leut’ und wackre That.

145
Doch solche, die geboren sind, zu fechten,

Macht ihr zu Priestern wider die Natur,
Und macht zu Fürsten die, so pred’gen möchten,

148
Und deshalb schweift ihr von der rechten Spur.
_______________

Neunter Gesang.
Fortsetzung. Cunizza, Folko. – Kirchen-Verderbniß; Kirchenreformation geweissagt.

1
Noch sprach dein Karl, als er mich aufgeklärt,

Schöne Clemenza, von den Ränkevollen,[128]
Durch welche schnöden Trug sein Sam’ erfährt.

4
Doch sagt’ er: „Schweig, und laß die Jahre rollen!“

Drum sag’ ich nur, daß, eh’ viel Zeit entschwand,
Dem Trug gerechte Thränen folgen sollen.

7
Schon hatt’ das Leben in dem Lichtsgewand[129]

Sich zu der Sonn’, die Alles macht genesen
Als höchstes Gut und Heil, zurückgewandt.

10
Betrogne Seelen, gottvergeßne Wesen!

Was wendet ihr das Herz von solchem Gut,
Und habt nur Eitelkeit zum Ziel erlesen!

13
Und sieh, ein andres jener Lichter lud

Mich, nahend, ein, und zeigte seinen Willen
Mich zu befriedigen, in hell’rer Glut.

[447]
16
Beatrix, die den Blick, den heil’gen, stillen,

Auf mich gewandt, wie erst, erlaubte mir
Durch theure Zustimmung, den Wunsch zu stillen.

19
Ich sprach: „„O gnüge meiner Wißbegier,

Bewähr’ o Geist, den Fried’ und Lust durchdringen,
Daß, was ich denke, wiederstrahl’ in dir.““

22
Das Licht, das ich aus seinem Innern singen

Vorher gehört, sprach, mir noch unbekannt,
Wie der, den’s freut, das Gute zu vollbringen:

25
„Doch im verkehrten schnöden welschen Land,[130]

Zwischen der Brenta und der Piave Quelle
Und des Rialto meerumfloßnem Strand,

28
Dort hat ein nied’rer Hügel seine Stelle;

Von ihm herab stürzt’ eine Fackel sich
Und macht’ in grausem Brand die Gegend helle.

31
Aus einer Wurzel sproßten Sie und Ich.

Ich, einst Cunizza, glänz’ in diesem Sterne,
Denn seines Schimmers Reiz besiegte mich.[131]

34
Und meines Schicksals Grund verzeih’ ich gerne[132]

Mir selber hier, da’s mir nicht bitter dünkt,
So schwer eu’r Pöbel dies auch fassen lerne.

37
Sieh diesen Glanz, der mir am nächsten blinkt[133]

In unserm Kreis, den leuchtenden, den theuern!

[448]

Groß blieb sein Ruhm, und eh’ er ganz versinkt,

40
Wird fünfmal das Jahrhundert sich erneuern.

Sieh, wenn das erste Sein ein zweites schenkt,[134]
Soll dies zur Trefflichkeit euch nicht befeuern?

43
Doch dies ist’s nicht, woran die Rotte denkt,[135]

Die Tagliamento hier, dort Etsch umfließen,
Die selbst das Unglück nicht zur Reue lenkt.

46
Doch färbend wird sich Padua’s Blut ergießen[136]

Zum Sumpfe, der Vicenza’s Mauer wahrt,
Weil die Verstockten sich der Pflicht verschließen.

49
Und dort, wo sich Cagnan mit Sile paart,[137]

Herrscht Einer, hoch die stolze Stirne tragend,
Zu dessen Fang das Netz schon fertig ward.

52
Schon seh’ ich Feltre den Verrath beklagend[138]

Des Hirten, der dort herrscht, an Schändlichkeit,
Was Malta je verborgen, überragend.

55
Kein Paß auf Erden ist so hohl und weit,

Um alles Ferrareser Blut zu fassen,
Das zum Geschenk der wackre Pfaff verleiht,

58
Um als Parteiglied recht sich sehn zu lassen;

Und solcherlei Geschenk wird wohl zum Geist
Und zu des Landes Art und Leben passen.

[449]
61
Von hohen Spiegeln, die ihr Throne heißt,[139][140]

Glänzt Gott, der Richtende, zu uns hernieder,
Drum sich uns solche Rede recht erweist.“

64
Sie sprach’s und wandte dann die lichten Glieder[141]

Zurück zu ihrem Kreis, wo sie verschwand,
Erfüllt die Seel’ von andern Dingen wieder.

67
Die andre Wonne, mir bereits bekannt,[142]

Sie ward vor mir zu höherm Glanz erhoben,
Wie in der Sonne Blitz der Diamant.

70
Durch Freudigkeit erwirbt man Glanz dort oben

Wie Lächeln hier; es hält bei innrer Pein
Das Dunkel drunten die Gestalt umwoben.[143]

73
„„Alles sieht Gott – du siehst in Seinen Schein,““

Sprach ich „„und kann in Ihn dein Auge dringen,
So muß dir klar sein ganzer Wille sein.

76
Drum deine Stimme, die im frommen Singen,[144]
[450]

Den Himmel mit dem Sang der Feuer letzt,
Die sich bekleiden mit sechsfachen Schwingen,

79
Warum nicht g’nügt sie meinen Wünschen jetzt?

Denn deiner Frage harrt’ ich selbst nicht säumend,
Wär’ ich in dich, wie du in mich versetzt!““ –

82
„Das größte Thal, worin das Wasser schäumend[145]

Sich ausgedehnt,“ begann des Sel’gen Wort,
(„Außer dem Meere, rings die Erd’ umsäumend),

85
Geht zwischen Feindesufern westlich fort,[146]

So weit, daß hier, an seinem letzten Strande,
Gesichtskreis ist, was Mittagsbogen dort.

88
Ich lebt’ an dieses großen Thales Rande

Zwischen Ebro und Macra, die, nicht lang,
Trennt Genua’s Gebiet vom Tusker-Lande.

91
Fast einen Aufgang hat und Niedergang

Buggéa und die Stadt, der ich entsprossen,
Sie, deren Blut einst warm den Port durchdrang.

94
Mich hießen Folco meine Zeitgenossen,

Und diesen Stern schmückt meine Freudigkeit,
Wie dort sein Licht sich in mein Herz ergossen.

97
Nicht zu Sichäus’ und Creusa’s Leid[147]

Fühlt’ in sich Dido solche Flammen wogen,
Wie ich einst fühlt’ in meiner Jugendzeit;

[451]
100
Nicht Phyllis, von Demophoon betrogen,

Und nicht Alcid, nachdem in seine Brust[148]
Eurytos Tochter siegend eingezogen.

103
Doch fühlt man hier nicht Reue drob, nein Lust,

Ganz die Erinnerung der Schuld verlierend,
Und nur des ew’gen Ordners sich bewußt.

106
Und jene Kunst, die Welten herrlich zierend,[149]

Sehn wir, und sehn zu gutem Zwecke nun
Die obre Welt die untere regierend.

109
Doch um dem Wunsche ganz genug zu thun,

Der dich durchdrungen hat in dieser Sphäre,
Darf ich noch nicht in meiner Rede ruhn.

112
Du möchtest wissen, wer der Schimmer wäre,

Der nahe hier so strahlt, als ob die Glut
Der Sonn’ in reinem Wasser sich verkläre.

115
So wisse, daß darinnen Rahab ruht,[150]

Die hier in unsern Orden aufgenommen,
Sich kund im höchsten Glanz des Sternes thut.

118
Vor jedem andern Geist der Höll’ entnommen,

Ist sie zum Stern, wo sich vom Erdenrund[151]
Der Schatten spitzt, durch Christi Sieg gekommen.

121
Der Sieg, den Er, an beiden Händen wund,

Errungen hat, wird hier von ihr verkündet;
Den Himmeln thut sie als Trophä’ ihn kund,

124
Weil sie des Josua ersten Ruhm begründet

Durch ihre Hülf’ in jenem heil’gen Land,
Das jetzt der Papst kaum werth der Sorge findet.

127
Und deine Stadt, die einst durch den entstand,[152]
[452]

Deß Neid euch alles Mißgeschick bereitet,
Und der zuerst von Gott sich abgewandt,

130
Sie ist’s, die das verfluchte Geld verbreitet,

Das einzig, weil’s zum Wolf den Hirten macht,
Vom rechten Wege Schaf’ und Lämmer leitet.

133
Drum wird nicht an die Bibel mehr gedacht,

Doch hat man sehr genau – wär’s zu verhehlen,
So zeigt’s der Rand – der Decretalen Acht.

136
Drin wird studirt von Papst und Kardinälen

Und Nazareth, wo Gabriel das Wort
Verkündigt hat, wird fremd den geiz’gen Seelen.

139
Doch Vatikan, sammt jedem heil’gen Ort[153]

In Rom, wo Petri Folger einst gepredigt,
Der Märtyrer geweihte Gräber dort,

142
Bald werden sie des Ehebruchs entledigt.
_______________


[453]
Zehnter Gesang.[154]
4) In der Sonne. Heilige der Erkenntniß. Sie bilden zwei Lichts-Kränze oder Räder. – Die Theologen: Thomas, Albrecht, Lombardus, Salomo, Boëthius, Beda, Isidor u. a.

1
Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,[155]

Die Ihr und Ihm allewiglich entweht,
Die Unaussprechliche, das All’ erbauend,

4
Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug’ erseht,

So ordnungsvoll, daß sie mit Wonneregung
Den ganz durchdringt, der ihre Werk’ erspäht.

7
Erheb’, o Leser, Blick und Ueberlegung[156]
[454]

Mit mir zum Himmel jetzt, gerad dahin,
Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung.

10
Von dort an letz’ am Kunstwerk deinen Sinn,

Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnügen,
Und spiegelt liebend seinen Blick darin.

13
Von dort vertheilt sich zu verschiednen Zügen[157]

Der schräge Kreis, der die Planeten trägt,
Der Welt, die ihnen rufet, zu genügen.

16
Und wär’ ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,[158]

So wäre viele Himmelskraft verschwendet,
Und todt fast, was auf Erden je sich regt.

19
Und wär’ er mehr und minder abgewendet

Vom graden Weg, so blieb’ auf Erden dort,
Wie hier, die Weltenordnung unvollendet.

22
Jetzt bleib’, o Leser, still auf deinem Ort,

Um dem, was du gekostet, nachzudenken,
Und eh’ du matt wirst, reißt dich Wonne fort.

[455]
25
Ich trug dir auf – du magst nun selbst dich tränken;

Denn alle meine Sorge muß ich nur
Auf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken. –

28
Die Dienerin, die größte, der Natur,[159]

Die himmelskraft-durchdrungen alles machte,
Die leuchtend zeigt der Zeiten Maß und Spur,

31
Sah man, dem Orte, dessen ich gedachte,

Vereint, im schraubenförm’gen Kreis sich drehn,
In dem sie schneller hier die Tage brachte.

34
Ich war in ihr – allein wie dies geschehn,

Das spürt’ ich nur, wie wir Gedanken spüren,
Bevor sie noch in unserm Geist entstehn.

37
Beatrix that’s, die so uns weiß zu führen,

Vom Guten uns zum Bessern einzuweihn,
Daß sich indessen nicht die Stunden rühren!

40
Wie mußte selber sonnenartig sein

Das, was ich drinnen in der Sonne schaute
Durch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein!

43
Ob ich auf Geist und Kunst und Uebung baute,

Nie stellt’ es doch mein Wort euch deutlich vor,
Drum sehne sich zu schau’n, wer mir vertraute.

46
Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,[160]

Daß sie zu solchen Höh’n sich schwach erweise;
Kein Blick fliegt über diesen Stern empor.

49
So war ich nun im vierten Kinderkreise[161]
[456]

Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht,
Und wie er zeugt, ihn nährt mit ew’ger Speise.

52
Beatrix sprach: „Dank, Dank sei dein Gebet!

Zur Engelsonne laß ihn sich erheben,[162]
Die dich zu dieser sichtbaren erhöht!“

55
Kein Menschenherz war je mit allem Streben

Zur Andacht noch so freudig hingewandt,
Keins noch so ganz und innig Gott ergeben,

58
Als ich bei diesem Worte meins empfand,

Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte,
Daß in Vergessenheit Beatrix schwand.

61
Sie zürnte nicht; ihr lächelnd Aug’ entbrannte[163]

Drob so in Glanz, daß nun mein Geist, der nicht
An Andres dacht’, itzt Andres doch erkannte.

64
Und sieh, viel singendes lebend’ges Licht[164]

Macht’ uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone,
Süßer im Sang, als leuchtend im Gesicht.

67
So schmückt ein Kranz die Tochter der Latone,[165]

Wenn dunstgeschwängert sie die Luft umzieht,
Und fest sich um sie legt als lichte Zone. –

70
Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,[166]

Giebt’s viele schöne, köstliche Juwelen,
Nicht auszuführen aus des Reichs Gebiet.

73
Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;

Doch wer nicht selbst zu jenen Höh’n sich schwang,
Der lasse von den Stummen sich’s erzählen.

76
Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,

Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen,

[457]

Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang,

79
Da schienen sie wie Frau’n sich zu erweisen,[167]

Die horchend stehn, noch nicht gelöst vom Tanz,
Bis sie gefaßt das Maß der neuen Weisen.

82
„Wenn, wahre Lieb’ entzündend, dir der Glanz[168]

Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,“
So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz,

85
„Wenn er in dir vervielfacht sich verkläret,

So, daß er dich empor die Stiege lenkt,
Die Niemand absteigt, der nicht wieder kehret,[169]

88
So würd’ der, welcher deinen Durst nicht tränkt’

Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen,
Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt.

91
Erfahren möchtest du, von welchen Zweigen

Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sich
Um Sie schlingt, die dich stärkt, empor zu steigen.

94
Von Dominiks geweihter Schaar war ich,

Der solche Wege leitet seine Heerden,
Wo wohl gedeiht, wer nicht vom Wege wich.[170]

97
Man hieß mich Thomas von Aquin auf Erden,[171]

Und meines Meisters, meines Bruders Schein,
Albrechts von Köln, sieh rechts hier heller werden.[172]

[458]
100
Und willst du aller Andern sicher sein,

So folge mit den Augen meinen Worten
Auf diese Blumen, die zum Kranz sich reihn.

103
Den Gratian sieh wonneflammend dorten;[173]

Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand
Er frohen Einlaß an des Himmels Pforten.

106
Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;[174]

Als Scherflein bot er nach der Wittwe Weise
Der Kirche seinen Schatz mit treuer Hand.

109
Der fünfte Glanz, der schönste hier im Kreise,[175]

Haucht solche Liebe, daß die ganze Welt
Nach Kunde gierig ist von seinem Preise.

112
So tiefes Wissen ist’s, das er enthält,

Daß, ist das Wahre wahr, ihm nie ein Zweiter
Als Weiser sich und Seher gleichgestellt.

115
Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter;[176]

Niemand war je auf Erden noch im Amt
Und der Natur der Engel eingeweihter.

118
Das klein’re Licht, das dorten lächelnd flammt,[177]

Des Glaubens Anwalt ist’s, aus deß Lateine
In Augustini Schriften Manches stammt.

121
Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine

Mit geist’gem Blick, erspähst du dürstend jetzt,
Wer in dem achten Lichte dir erscheine.

[459]
124
Jedwedes Gut in sich zu schau’n ergötzt[178]

Die heilge Seele, die den Trug danieden
Dem offen kund thut, der sie hört und schätzt.

127
Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden,

Liegt in Cield’or, und sie kam aus Gefahr
Und Bann und Märtyrthum zu diesem Frieden.

130
Beda und Isidor sieh hell und klar,[179]

Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden,
Der mehr als Mensch einst im Betrachten war.

133
Das Licht, von dem zurück zu mir sich wenden[180]

Dein Auge wird, rief bei der Erde Gram
Tiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden.

136
Sigieri ist’s, der zu der Thoren Scham

Einst im Strohgäßchen las, aus dessen Munde
Manch bitt’rer Schluß, mißfäll’ge Wahrheit kam! –

139
Dann, wie beim Schlag der frühen Morgenstunde,[181]

Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied
Singend dem Bräutigam zum Liebesbunde,

142
Ein Uhrenrad das andre treibt und zieht,

Tin! tin! verklingend in so süßem Tone,
Daß liebgeschwellt der Geist nach oben flieht:

145
So regte sich die edle Strahlenkrone,

Mit Süßigkeit im wechselnden Gesang,
Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone

148
Die ewig ungetrübte Lust errang.
_______________


[460]
Eilfter Gesang.
Fortsetzung. Thomas’ Rede über den heiligen Franciscus von Assisi; Strafrede wider die damaligen Dominikaner.

1
O menschliche Begier voll Wahn und Trug,

Wie mangelhaft sind doch die Syllogismen,
Die dir herabziehn des Gefieders Flug!

4
Der ging dem Jus nach, der den Aphorismen;[182]

Der sucht’ als Priester Ehren und Gewinn;
Der herrschte durch Gewalt, der durch Sophismen;

7
Der stahl, dem stand auf ein Gewerb der Sinn;

Der mühte sich, in Fleischeslust befangen,
Und Jener gab dem Müßiggang sich hin;

10
Indeß ich, allem diesem Tand entgangen,

Im Himmel oben mit Beatrix war,
So herrlich und so ruhmvoll dort empfangen.

13
Still stand nun Jeder von der sel’gen Schaar,

Im Kreis zurückgekehrt zur ersten Stelle,
Und stellte sich, wie Licht auf Leuchtern, dar.

16
Da schien es mir, aus jenem Schimmer quelle,[183]

Der mich zuerst gesprochen, neuer Laut,
Und lächelnd sprach er dann in rein’rer Helle:

19
„Wie, wenn in’s ew’ge Licht mein Auge schaut,

Mich dieses ganz mit seinem Strahl entzündet,
So ist mir deines Denkens Grund vertraut.

22
Du zweifelst noch, und hörtest gern verkündet

In offnen Worten, und verständlich breit,
So, daß sie deine Fassungskraft ergründet,

[461]
25
Was wohl mein ob’ges Wort: Wo wohl gedeiht

Und dann: Kein Zweiter kam ihm gleich – bedeutet.[184]
Und hier ist nöthig scharfer Unterscheid.

28
Die ew’ge Vorsicht, die das Weltall leitet,

Mit jener Weisheit, die in Tiefen ruht,
Zu welchen kein erschaffnes Auge gleitet,

31
Damit sich dem Geliebten ihre Glut

– Die Glut der Braut, die er mit lautem Schreie[185]
Sich anvermählt hat durch sein heil’ges Blut –

34
Sich’rer in sich, und ihm getreuer, weihe,

Hat, ihr zur Gunst, zwei Fürsten ihr bestallt.
Und hier und dorten führen sie die Zweie.

37
Der Eine war von Seraphsglut umwallt,[186]
[462]

Der Andre zeigt’ wie Glanz der Cherubinen[187]
Die Weisheit dort im ird’schen Aufenthalt.

40
Von Einem sprech’ ich, weil, wen man von ihnen

Auch preisen mag, man nie vom Andern schweigt,
Da Beide wirkten, einem Zweck zu dienen.

43
Beim Bach, der von Ubaldo’s Hügel steigt,[188]

Und dem Tupino, hebt sich, zwischen beiden,
Ein Berg, deß Abhang fruchtbar grün sich neigt.

46
Von ihm muß Hitz’ und Frost Perugia leiden,

Und hinter diesem Berg liegt Gualdo dicht,
Und mit Nocera fühlt’s des Joches Leiden.

49
Dort, wo sich seines Abhangs Jähe bricht,

Dort sah man einer Sonne Glanz entbrennen,
Gleich der am Ganges klar im hellsten Licht.[189]

52
Nicht möge man den Ort Ascesi nennen,

Denn wenig sagt, wer also ihn benannt;
Nein, was er war, giebt Orient zu erkennen.

55
Schon als der Glanz nicht fern dem Aufgang stand,[190]
[463]

Begann er solche Kraft zu offenbaren,
Daß sich dadurch erquickt die Erde fand.

58
Denn mit dem Vater stritt er, jung an Jahren,

Für eine Frau, vor der der Freuden Thor
Die Menschen fest, wie vor dem Tod, verwahren,

61
Bis vor dem geistlichen Gericht und vor

Dem Vater sie zur Gattin er sich wählte,
Und täglich lieber hielt, was er beschwor.

64
Sie, deß beraubt, der sich ihr erst vermählte,[191]

Blieb ganz verschmäht mehr als eilfhundert Jahr,
Da, bis zu diesem, ihr der Freier fehlte

67
Obgleich durch sie Amiclas in Gefahr[192]

So sicher ruht’, als dessen Stimm’ erklungen,
Des Mächt’gen, der der Erd’ ein Schrecken war;

70
Obgleich sie standhaft, kühn und unbezwungen,[193]

Als selbst Maria unten blieb, sich dort,
An Christi Kreuz, zu ihm emporgeschwungen.

73
Allein nicht mehr in Räthseln red’ ich fort;

Franziskus und die Armuth sieh in ihnen,
Die dir geschildert hat mein breites Wort.

76
Der Gatten Eintracht, ihre frohen Mienen
[464]

Und Lieb’ und Wunder, und der süße Blick
Erweckten heil’gen Sinn, wo sie erschienen.

79
Und solchem Frieden eilte, solchem Glück

Barfuß erst Bernhard nach, der Ehrenwerthe,[194]
Und glaubte doch, er bleibe träg zurück.

82
O neuer Reichthum! Gut von echtem Werthe!

Egid, Sylvester folgten bald dem Mann
Barfuß, weil hoher Reiz die Frau verklärte.

85
Der Vater und der Meister ging sodann[195]

Nach Rom mit seiner Frau und mit den Seinen,
Die schon des niedern Strickes Band umspann.

88
Nicht feig sich beugend sah man ihn erscheinen,

Als Peter Bernardone’s niedrer Sohn,
Mocht’ er auch ärmlich und verächtlich scheinen,

91
Nein, kund that er vor Innocenzens Thron

Den strengsten Plan mit königlicher Würde,
Und der besiegelte die Stiftung schon.

94
Dann, als die Schaar der Armen in der Hürde

Des Hirten wuchs, deß Wunderleben hier,
Im Himmelsglanz, man besser singen würde,[196]

97
Verlieh der frommen heiligen Begier,

Auf Gottes Eingebung, zum Eigenthume
Honorius der zweiten Krone Zier.

100
Dann predigend, aus Durst nach Märtyrthume,[197]

Kühn in des stolzen Sultans Gegenwart,
Von Christi und von seiner Folger Ruhme,

[465]
103
Fand zur Bekehrung er das Volk zu hart,

Drob, da ihm hier sein edles Werk nicht glückte,
Von ihm bebaut Italiens Garten ward.

106
Und auf Averna’s Felsenhöhen drückte[198]

Das letzte Siegel noch ihm Christus ein,
Das dann zwei Jahre seine Glieder schmückte.

109
Als der, der ihn berufen, aus der Pein

Zur Wonn’ ihn rief, den Lohn hier zu erwerben,
Daß er sein Knecht war, niedrig, arm und klein,

112
Empfahl er noch, als seinen rechten Erben,

Den Brüdern seine Frau, ihm lieb und werth,[199]
Zu treuer Lieb’ im Leben und im Sterben.

115
Eh’ ihrem Schooß die Seele, schon verklärt,[200]

Entfloh, heimkehrend zu des Vaters Reiche,
Ward nur die Erd’ als Sarg von ihm begehrt.

118
Jetzt denke selbst, wer dem an Würde gleiche,[201]

Der, sein Genoß, durch’s Meer führt Petri Kahn,[202]
Daß er auf gradem Weg das Ziel erreiche.

121
Dies Amt hatt’ unser Patriarch empfahn,

Und gute Waare trägt auf seiner Reise,
Wer treu ihm folgt auf der befohl’nen Bahn.

124
Doch seine Heerd’ ist jetzt nach neuer Speise

So lüstern, daß sie üppig hüpft und springt,
Und sich zerstreut und irrt vom rechten Gleise.

127
Je weiter hin der Schäflein Heerde dringt,
[466]

Dem Hirten fern, sich irrend zu zerstreuen,
Je minder Milch zum Stalle jedes bringt.

130
Wohl giebt’s noch welche, die den Schaden scheuen.

Die folgen, angedrängt dem Hirten, nach,
Doch wenig Tuch giebt Kutten diesen Treuen!

133
Jetzt aber, war mein Wort nicht trüb und schwach,

Verblieb dein Ohr aufmerksam meinen Lehren,
Rufst du zurück dem Geiste, was ich sprach,

136
Dann wird’s Befried’gung deinem Wunsch gewähren,

Dann zeigt der Baum, den man verstümmelt, sich,
Und meines Tadels Grund wird sich erklären:

139
Wo wohl gedeiht, wer nicht vom Wege wich.“
_______________

Zwölfter Gesang.
Fortsetzung. Bonaventura’s Rede über den h. Dominikus. Strafrede wider die heutigen Franziskaner. – Weitere Theologen: Hugo, Chrysostomus, Anselm, Joachim u. a.

1
Sobald mir nur das letzte Wort erschollen,

Das aus der sel’gen Himmelsflamme drang,
Begann die heil’ge Mühl’ im Kreis zu rollen.[203]

4
Doch eh’ sie rund herum sich völlig schwang,

War sie umringt von einem zweiten Kranze,
Der gleichen Takt einhielt in Tanz und Sang.

7
Das war ein Sang bei diesem Strahlentanze,

Dem unsrer Musen und Sirenen Lied
So weicht, wie Wiederschein dem ersten Glanze!

[467]
10
Wie auf Gewölk, das leicht das Blau umzieht,[204]

Man zwei gleichfarb’ge, gleichgespannte Bogen,
Wenn Juno ihrer Magd befiehlt, ersieht,

13
Erzeugt vom innern der, der ihn umzogen

– Der Rede Jener gleich, die Liebesglut,
Wie Sonnenglut die Dünste, aufgesogen –

16
Zwei Bogen, die nach allgemeiner Flut

Der Herr dem Noah zeigte, zum Beweise
Des Bunds, durch den die Erde sicher ruht:

19
So drehte jetzt um uns sich gleicher Weise

Der ew’gen Rosen schöner Doppelkranz,
So glich der äußere dem innern Kreise.

22
Und als zuletzt der festlich frohe Tanz,

Die Lust des Sangs, der lichten Flammen Schweben,
Das Spiegeln Einer in der Andern Glanz,[205]

25
Still ward in einem Nu, mit gleichem Streben,

Wie sich die Augen, wenn es dem gefällt,
Der sie bewegt, verschließen und erheben:

28
Klang aus dem Kreis, von neuem Licht erhellt,

Ein Laut, nach dem ich mich so eilig kehrte,
Wie der Magnet nach seinem Sterne schnellt.

31
Er sprach: „Die Liebe, die mich schön verklärte,[206]

Ist’s, die vom zweiten Hort mich sprechen heißt,
Durch den man hier so hoch den meinen ehrte.

[468]
34
Vom Andern spreche, wer den Einen preist;

Zusammen glänzt’ ihr Ruhm, so wie sie stritten
Für einen Zweck und mit gleich tapferm Geist.

37
Des Heilands Heer, für welches schwer gelitten,[207]

Der’s neu bewehrt, zog zweifelnd und voll Leid
Der Fahne nach, schwach und mit trägen Schritten,

40
Als Er, der herrscht in Zeit und Ewigkeit,

Den Kriegern half, die hart gefährdet waren,
Aus Gnad’ und nicht ob ihrer Würdigkeit,

43
Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,

Zwei Kämpfer rief, durch deren Wort und That
Gesammelt wurden die zerstreuten Schaaren.

46
Woher der Zephyr haucht, um am Gestad,[208]

In Thal und Au die Knospen froh zu schwellen,
Wenn sich der Lenz im Schmuck Europen naht –

49
Dort, nah’ dem Strand, wo hoch gethürmte Wellen

Weit hergewälzt, von Sturmeswuth bekriegt,[209]
Dem Sonnenstrahl sich oft entgegenstellen,

52
Dort ist der Platz, wo Callaroga liegt,
[469]

Beschützt und wohlgedeckt vom großen Schilde,[210]
Auf dem der Leu obsiegt und unterliegt.

55
Dort ward erzeugt im glücklichen Gefilde[211]

Der glaubenstreue Buhle, der Athlet,
Dem Feind ein Graus, den Seinigen voll Milde.

58
Dem Geist, erschaffen kaum, ward zugeweht

Vom höchsten Geiste Kraft und hohe Gabe,
Und ungeboren war er schon Prophet.[212]

61
Als mit der Glaubenstreue drauf der Knabe[213]

Verlöbniß hielt, vom heil’gen Quell benetzt,
Wo gegenseit’ges Heil die Morgengabe,

64
Da ward die Zeugin, die sein Ja! ersetzt,

Schon von der Wunderfrucht, die ihm entsprieße,
Und seiner Schul’, im Traumgesicht ergötzt.

67
Und daß sich, was er war, erkennen ließe,[214]

Gebot ein Geist, vom Himmel hergesandt,
Daß man nach ihm, der ihn besaß, ihn hieße.

70
Dominikus ward er darum benannt,
[470]

Der Gärtner, welchen als Gehülfen Christus
Für seinen Garten wählt’ und sich verband.

73
Wohl schien er Bot’ und treuer Knecht von Christus,

Da erste Liebe er dadurch bezeugt,
Daß er vollzog den ersten Rath von Christus;[215]

76
Wohl fand ihn öfters die, so ihn gesäugt,[216]

Am Boden liegend, wach, in tiefem Schweigen,
Als spräch’ er aus: Hierzu bin ich gezeugt.

79
O du, sein Vater, Felix wahr und eigen![217]

O Mutter, wahrhaft als Johann’ erblüht,
Wenn wir bis zu des Namens Wurzel steigen!

82
Nicht für die Welt, für die man jetzt sich müht,

Nach des von Ostia, des Thaddäus Lehren,[218]
Nein, für’s wahrhafte Manna nur entglüht

85
Sollt’ er als Lehrer bald sich groß bewähren,

Den Weinberg pflegend, der bald Unkraut trägt,
Wenn nicht des Winzers Händ’ ihm emsig wehren!

88
Vom Stuhl, der einst die Armen mild gehegt[219]

Einst, nicht durch Schuld des Stuhls, durch dessen Sünden,
Der sitzt und aus der Art der Väter schlägt –

91
Erbat er Zehnten nicht, noch fette Pfründen,

Erlaubniß nicht, Ablaß und Heil um Geld,

[471]

Um Zwei und Drei Dispens für Sechs zu künden,[220]

94
Nein, die, zu kämpfen mit der irren Welt,

Durch jenen Samen, dem die Bäum’ entspringen,
Die, zweimal zwölf, sich um dich her gestellt.

97
Die Pflichten des Apostels zu vollbringen,

Strebt’ auf sein Will’ und seine Wissenschaft,
Gleich Strömen, die aus tiefer Ader springen.

100
Und ihre Wellen stürzten grausenhaft

Auf ketzerisch Gestrüpp, es auszubrechen,
Und mit dem Widerstand wuchs ihre Kraft.

103
Er gab darauf den Ursprung manchen Bächen,

Die hinziehn durch der Kirche Gartenland,
Drob ihre Bäume schön’re Frucht versprechen. –

106
Wenn so ein Rad des Kriegeswagens stand,

Auf dem den Kampf die heil’ge Kirche wagte,
Als sie die innern Meutrer überwand,

109
So muß dir jetzt, wie hoch das andre ragte[221]

An Trefflichkeit, vollkommen deutlich sein,
Und was von ihm dir Thomas Gutes sagte.

112
Allein das Gleis hält jetzo Niemand ein,

Das in den Grund der Schwung des Rades prägte,
Und Essig wird, was vormals süßer Wein.

115
Die Schaar, die seiner Spur zu folgen pflegte,

Hat jetzt der Füße Stellung ganz gewandt,
Und geht zurück, wo Er sich vorbewegte.

118
Wie schlecht die Saat ist, wird euch bald bekannt,

Denn bei der Ernte wird das Korn erlesen

[472]

Und eingescheuert, doch der Lolch verbrannt.

121
Zwar, will man Blatt für Blatt das Buch durchlesen,

Das unsre Namen zeigt, so sagt ein Blatt
Noch hier und dort: Ich bin, was ich gewesen.

124
Doch nicht Casal, noch Aquasparta hat

Dergleichen Glieder unsrer Schaar gegeben,
Da der zu streng ist, der zu schlaff und matt.

127
Jetzt wiss’, ich bin Buonaventura’s Leben,

Von Bagnoregio, und gering erschien
Beim großen Amt mir jedes andre Streben.

130
Hier sind Illuminat und Augustin,[222]

Zwei von den ersten barfuß-armen Schaaren,
Die durch den Strick in Gottes Huld gediehn.

133
Hier sind der von Sanct Victor zu gewahren,
[473]

Und Mangiador, der Spanier Peter dann,
Deß Ruhm der Welt zwölf Bücher offenbaren.

136
Nathan der Seher, Erzbischof Johann,

Anselm, Donat, der sich dem Werke weihte,
Deß sich die erste Kunst berühmen kann.

139
Raban ist hier; und solchen Brüdern reihte

Sich dieser an, begabt mit Sehergeist
Abt Joachim, hell leuchtend mir zur Seite.

142
Wenn solchen Kämpfer meine Rede preist,

So ist’s des Thomas liebentflammte Weise,
Die mit sich fort auch meine Rede reißt,

145
Und mit mir fortzieht All’ in diesem Kreise.
_______________

Dreizehnter Gesang.
Fortsetzung. Die zwei Theologenkränze (Räder) im gemeinschaftlichen Doppelreigen. – Thomas redet noch über Adam und Christus.

1
Wer wohl versteh’n will, was ich nun gesehen,[223]

Der denke sich – und lass’ im Geist das Bild,
Indeß ich spreche, fest wie Felsen stehen –

[474]
4
Funfzehen Sterne, die man am Gefild

Des Himmels in verschiedner Gegend findet,
So glanzvoll, daß ihr Licht durch Nebel quillt;

7
Den Wagen, der um unsern Pol sich windet,

Und sein Gewölb bei Tag und Nacht durchkreist,
Drob er beim Deichselwenden nicht verschwindet;

10
Er denke, was der Mund des Hornes weist,

Das anfängt an der Himmelsachse Gränzen,
Um die das erste Rad nie rastend kreist;

13
Die Sterne denk’ er sich in zweien Kränzen,

Die, dem gleich, der sich zur Erinn’rung flicht
An Ariadnens Tod, am Himmel glänzen,

16
Umringt den einen von des andern Licht,

Und beid’ im Kreis gedreht in solcher Weise,
Daß dem nach vorwärts, rückwärts der entspricht;

19
Dann glaub’ er, daß sich ihm ein Schatten weise,

Des wahren Sternbilds, welches, zweigereiht,
Den Punkt, auf dem ich stand, umtanzt’ im Kreise.

22
Denn was wir kennen, steht ihm nach, so weit

Als nur der Chiana träger Lauf dem Rollen[224]
Des fernsten Himmels weicht an Schnelligkeit.

25
Dort sang man nicht von Bacchus, von Apollen,

Nein, „Drei in Einem – Gott und Mensch nur Eins“,
Die Lieder waren’s, welche dort erschollen.

28
Als Sang und Tanz des heiligen Vereins

Vollbracht war, wandt’ er sich zu uns, von Streben[225]
Zu Streben, ewig froh des sel’gen Seins.

31
Und jenes Licht hört’ ich die Stimm’ erheben[226]

Im eintrachtsvollen Kreis, das mir vorher

[475]

Erzählt des heil’gen Armen Wunderleben.

34
Es sprach zu mir: Das eine Stroh ist leer,[227]

Und wohlverwahrt die Saat, allein entglommen
Von süßer Liebe, dresch’ ich dir noch mehr.

37
Du glaubst: der Brust, aus der die Ripp’ entnommen[228]

Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,

40
Und jener, die, als sie der Speer durchstach,

So nach wie vor so große Gnüge brachte,
Daß sie die Macht jedweder Sünde brach,

43
Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,

Und deß er fähig ist, voll eingehaucht
Von jener Kraft, die jen’ und diese machte;

46
Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:

Der fünfte Glanz sei bis zum tiefsten Grunde
Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.

49
Erschließ’ jetzt wohl die Augen meiner Kunde;

Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.

52
Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,[229]

Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
Die, liebreich zeugend, unser Herr ersann.

[476]
55
Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen

Dem ew’gen Lichtquell, ewig mit ihm Eins
Und mit der Lieb’, als Drittem, Eins in Ihnen,

58
Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins,

Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
Im ewigen Verein des Einen Seins.

61
Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,

Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad,
Zufäll’ges nur, von kurzer Dauer, zeugend.

64
Zufäll’ges, wie mein Wort bezeichnet hat,

Das sind die Dinge, welche die Bewegung
Des Himmels zeugt, mit oder ohne Saat.

67
Ihr Wachs ist ungleich, wie die Kraft der Prägung,

Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
Man drum hier schwächere, dort stärkre Regung;

70
Daher denn auch von Bäumen gleicher Art

Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen,
Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward.

73
Wär’ irgendwo das Wachs rein und vollkommen,

Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft,
Rein würde das Gepräg’ dann wahrgenommen.

76
Doch die Natur giebt’s immer mangelhaft

Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen
Der Uebung kann, doch dessen Hand erschlafft.

79
Drum bildet heiße Lieb’ und klares Schauen

Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß,
Vollkommenes erschaffen und erbauen.

82
So ward gewürdiget der Erdenkloß,

Die thierische Vollkommenheit zu zeigen,
Und so geschwängert ward der Jungfrau Schooß.

85
Darum ist deine Meinung mir auch eigen:

Daß menschliche Natur in jenen Zwei’n
Am höchsten stieg und nie wird höher steigen.

[477]
88
Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,

So würdest du die Frage nicht verschieben:
Wie konnt’ ein Dritter ohne Gleichen sein?

91
Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,

So denke, wer er war, und was zum Flehn,
Als ihm gesagt ward: „Bitt’!“ ihn angetrieben.

94
Aus meiner Rede konntest du ersehn:[230]

Als König fleht’ er um Verstand, beflissen,
Damit dem Reiche gnügend vorzustehn –

97
Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,

Nicht, ob Nothwend’ges und Zufälligkeit
Nothwendiges als Schluß ergeben müssen;

100
Nicht, was, zuerst bewegt, Bewegung leiht,

Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
Noch anderen, als rechten Winkel, beut. –

103
Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.

Du siehst, ein Seher sonder Gleichen war
Durch Königsklugkeit jener hohe Weise.

106
Auch ist mein Wort: dem nie ein Zweiter, klar;

Von Kön’gen sprach ich nur an jenem Orte,
Die selten gute sind, ob viele zwar.

109
Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,

Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei
Vom ersten Vater und von unserm Horte. –

112
Und dieses leg’ an deine Füße Blei,
[478]

Und mache schwer dich, gleich dem Müden, gehen
Zum Ja! und Nein! wo nicht dein Auge frei,

115
Denn unter Thoren selbst sieh’ niedrig stehen,

Die sich zum Ja und Nein ohn’ Unterschied
Gar schnell entschließen, eh’ sie deutlich sehen;

118
Drob sich die Meinung, wie es oft geschieht,

Zum Irrthum neigt, und dann im Drang des Lebens
Die Leidenschaft das Urtheil mit sich zieht.

121
Wer nach der Wahrheit fischt, und, irren Strebens,[231]

Die Kunst nicht kennt, der kehrt nicht, wie er geht,
Und schifft vom Strand drum schlimmer als vergebens,

124
Wie ihr dies an Melissus deutlich seht,

Und an Parmenides und andern Vielen,
Die gingen, eh’ sie nach dem Ziel gespäht;

127
Drob Arīus und Sabell in Thorheit fielen.

Gleich Schwertern waren sie dem heil’gen Wort,
Und machten die geraden Blicke schielen.

130
Nicht reiß’ euch Wahn zum schnellen Urtheil fort,

Gleich denen, die das Korn zu schätzen wagen,
Das eh’ es reift, vielleicht im Feld verdorrt.

133
Denn oftmals sah ich erst in Wintertagen
[479]

Den Dornenbusch gar rauh und stachlicht stehn,
Und auf dem Gipfel dann die Rose tragen.

136
Und manches Schiff hab’ ich im Meer gesehn,

Gerad’ und flink auf allen seinen Wegen,
Und doch zuletzt am Hafen untergehn.

139
Nicht glauben möge Hinz und Kunz deswegen,

Weil dieser stiehlt, und der als frommer Mann
Der Kirche schenkt, mit Gott schon Rath zu pflegen;

142
Da der erstehn, und Jener fallen kann.[232]
_______________

Vierzehnter Gesang.
Schluß. Eine Stimme redet über die Verklärung des Leibes. Es folgen, Kreis 5–7, die Heiligen des christl. Lebens. 5) Mars: Die Gotteskämpfer (Martyrer, Krieger u. a.) ein Kreuz bildend

1
Vom Rand zur Mitte sieht man Wasser rinnen[233]

Im runden Napf, vom Mittelpunkt zum Rand,
Je wie man’s treibt nach außen oder innen.

4
Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stand,

Als stille schwieg des Thomas heil’ges Leben
Und süß verhallend seine Stimme schwand,

7
Ob jener Aehnlichkeit, die sich ergeben,

Da Er erst sprach, dann Beatricens Mund,
Der’s jetzt gefiel, die Stimme zu erheben:

10
„Ihm thut es Noth, obwohl er’s euch nicht kund

In Worten giebt, noch läßt im Innern lesen,
Zu spähn nach einer andern Wahrheit Grund.

[480]
13
Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen

So schön umblüht, euch ewig bleiben wird
Im selben Glanze, wie’s bis jetzt gewesen;

16
Und, bleibt’s, so sagt, damit er nimmer irrt,

Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,[234]
Es euren Blick nicht blendet und verwirrt.“

19
Wie mit verstärkter Lust oft hier auf Erden

Die Tanzenden im heitern Ringeltanz
Die Stimm’ erhöhn und froher sich geberden;

22
So zeigte neue Lust der Doppelkranz,

Als sie ihn bat, so rasch, doch fromm-bescheiden,
In freud’gem Drehn und Wundersang und Glanz. –

25
Wer klagt, daß wir den Tod auf Erden leiden,

Um dort zu leben, o, der fühlt und denkt
Nicht wie wir dort am ew’gen Thau uns weiden!

28
Das Drei und Zwei und Eins, das Alles lenkt

Und ewig lebt in Einem, Zwei’n und Dreien,
Und, ewig unumschränkt, das All umschränkt,

31
Gesungen ward’s in solchen Melodeien,

Dreimal im Chor, um vollen Lohn der Pflicht
Und jeglichem Verdienste zu verleihen.

34
Und eine Stimm’ entklang dem hellern Licht[235]

Des kleinern Kreises dann, und wich an Milde
Wohl der des Engels der Verkündung nicht.

37
„So lang die Lust im himmlischen Gefilde,

So lange währt auch unsre Lieb’ und thut
Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde.

40
Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,

Die Glut dem Schau’n, und dies wird mehr uns frommen,
Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.

43
Wenn wir den heil’gen Leib neu angenommen,
[481]

Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn,
Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.

46
Drum wird sich das freiwill’ge Licht erhöhn,

Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen,
Licht, welches uns befähigt, Ihn zu sehn,

49
Und höher wird zum Schau’n der Blick gelangen,

Höher die Glut sein, die dem Schau’n entglüht,
Höher der Strahl, der von ihr ausgegangen.

52
Doch wie die Kohle, der die Flamm’ entsprüht,

Sie an lebend’gem Schimmer überwindet
Und bleibt erkennbar, wie auch jene glüht;

55
So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,

Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,
Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.

58
Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein,

Denn stark, um alle Wonnen zu genießen,
Wird jedes Werkzeug unsers Körpers sein.“

61
Und Amen riefen beide Chör’ und ließen

Durch Einklang wohl den Wunsch ersehn, den Drang,
Sich ihren Leibern wieder anzuschließen.

64
Und wohl für sich nicht nur, nein, zum Empfang

Der Väter, Mütter, und der andern Theuern,
Die sie geliebt, eh’ sie die Flamm umschlang. –[236]

67
Und sieh, zum Glanz von diesen ew’gen Feuern[237]

Kam gleiche Klarheit rings, wie wenn das Licht

[482]

Des Tags der Sonne goldne Pfeil’ erneuern.

70
Wie, wenn allmählich an der Abend bricht,

Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen,
So daß der Anblick wahr erscheint und nicht:

73
So glaubt’ ich jetzt in neuen Ringeltänzen,

Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn,
Weit außerhalb von jenen beiden Kränzen.

76
O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn

Des heil’gen Geist’s so plötzlich hell! – Geblendet
Konnt’ ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.

79
Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,

War sie so lachend schön, so hoch beglückt,
Daß solches Bild kein irdisch Wort vollendet.

82
Da ward von neuer Kraft mein Aug’ entzückt;

Ich schlug es auf, und sah mich schon nach oben
Mit ihr allein zu höherm Heil entrückt.

85
Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben,

Denn glühend lächelte der neue Stern,
Und schien von ungewohntem Roth umwoben.

88
Vom Herzen, in der Sprache, welche fern[238]

Und nah’ gemeinsam ist den Völkerschaaren,
Bracht’ ich Dankopfer dar dem höchsten Herrn.

91
Und lustentzündet konnt’ ich schon gewahren,

Eh’ ich die ganze Glut ihm dargebracht,
Daß angenehm dem Herrn die Opfer waren.

94
Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht,

Sah ich aus zweien Schimmer-Streifen scheinen,[239]
Und rief: O Gott, du Schöpfer solcher Pracht! –

[483]
97
So thut, besä’t mit Sternen, groß’ und kleinen,

Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,
Von welcher dies und das die Weisen meinen,

100
Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund

Des rothen Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund.

103
Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtniß weichen,[240]

Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gäb’s ein Bild, ihm würdig zu vergleichen?

106
Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,

Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn,
Denn blitzen sieht auch Er im Glanze Christus.

109
Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh’ erschien

Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,
Weil sich’s verband, dort beim Vorüberziehn.

112
So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend,

Atome, hier gerad’, dort krumm geschweift,
Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,

115
Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,

Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren,
Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift. –

118
Und wie harmonisch Laut’ und Harfe schwirren,

Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,
Ob auch im Ohr die Töne sich verwirren;

121
So hört’ ich jetzt den Sang vom Kreuz, und stand,

Als ob in Lust die Sinne sich verlören;
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand,

124
Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören,

Denn: Du erstehst und siegst! – erklang’s und ich
Glich denen, welche nicht verstehn, doch hören.

127
Und so durchdrang hier süße Liebe mich,[241]

Daß, welche holde Band’ auch mich umfingen,
Doch keins bis dahin diesem Bande glich.

[484]
130
Vielleicht scheint sich zu kühn mein Wort zu schwingen,

Nachsetzend selbst der schönen Augen Paar,
Die jeden Wunsch in mir zur Ruhe bringen.

133
Doch nimmt man die lebend’gen Stempel wahr,

Die höher immer Schöneres gestalten,
Und denkt, daß ich gewandt von jenen war,

136
So wird man drob mich für entschuldigt halten,

Und sehn, daß ich vom Wahren nicht geirrt;
Doch durft’ auch hier die heil’ge Wonne walten,

139
Die, wenn man aufsteigt, immer reiner wird.
_______________

Fünfzehnter Gesang.
5) Im Mars. Fortsetzung. Cacciaguida’s Lobrede der guten alten Zeiten von Florenz.

1
Gewogner Will’, in welchem immer dir[242]

Sich offen wird die echte Liebe zeigen,
Wie böser Wille kund wird durch Begier,

4
Gebot der süßen Leier Stilleschweigen

Und hielt im Schwung der heil’gen Saiten ein,
Die Gottes Rechte sinken macht und steigen.

7
Wie sollten taub gerechter Bitte sein

Sie, die einhellig den Gesang itzt meiden,
Um Muth zur Bitte selbst mir zu verleihn!

10
O, wohl verdienen ewiglich zu leiden

Die, weil die Lieb’ in ihrer Brust erwacht
Für Irdisches, sich jener Lieb’ entkleiden.

[485]
13
Wie durch die Heiterkeit der stillen Nacht[243]

Oft Feuer läuft, vom Augenblick geboren,
Und des Beschauers Augen zücken macht,

16
Gleich einem Stern, der andern Platz erkoren,

Nur daß an jenem Ort, wo er entbrannt,
Sich nichts verliert und er sich schnell verloren;

19
So sah ich aus dem Arm zur rechten Hand

Jetzt einen Stern zum Fuß des Kreuzes wallen,
Aus jenem Sternbild, das dort glänzend stand.

22
Die Perl’ war nicht aus ihrem Band gefallen;[244]

Sie lief am lichten Streif dahin, und war
Wie Feuer hinter glänzenden Krystallen.

25
So, redet unsre größte Muse wahr,[245]

Stellt’ in Elysiums Hainen seinem Sprossen
Anchises sich mit frommer Liebe dar.

28
„O, du, mein Blut, auf welches sich ergossen

Die Gnade hat, wem hat der höchste Hort
Zweimal, wie dir, des Himmels Thür erschlossen?“[246]

31
Mir zog den Geist zum Lichte dieses Wort;

Drauf, als ich mich zu meiner Herrin wandte,[247]

[486]

Ward mir Entzückung, Staunen, hier, wie dort,

34
Weil Ihr im Auge solch ein Lächeln brannte,

Daß, wie ich glaubte, meins den Grund darin
Von meinem Himmel, meiner Gnad’ erkannte.

37
Der Geist dann fügte Dinge zum Beginn,

Er, angenehm zu hören und zu sehen,
Die ich nicht faßte vor zu tiefem Sinn.

40
Doch wollt’ er nicht, ich soll’ ihn nicht verstehen;

Es mußte sein, weil Reden solcher Art
Weit über’s Ziel der Menschen Fassung gehen.

43
Doch als der Schwung, in dem sich offenbart

Der Liebe Glut, in so weit nachgelassen,
Daß jenes Ziel nicht überflogen ward,

46
Sprach er, was ich nun fähig war, zu fassen:

„Preis Dir, Drei-Einer, der du auf mein Blut
So reich an Gnade dich herabgelassen.“

49
Und dann: „Der Sehnsucht lange, süße Glut,[248]

Entflammt, da ich im großen Buch gelesen,
Das unverfälschet kund die Wahrheit thut,

52
Stillst du, mein Sohn, im Licht, aus dem mein Wesen

Jetzt freudig zu dir spricht: Dank Ihr, die dich[249]
Zum Flug beschwingt und dein Geleit gewesen!

55
Du glaubst, daß Alles, was du denkst, in mich

Vom Urgedanken strömt; denn es entfalten
Die fünf und sechs ja aus der Einheit sich;[250]

58
Drum fragst du nicht nach mir und meinem Walten

Und deshalb höher meine Freude scheint,
Als die der andern dieser Lichtgestalten.

61
Dein Glaub’ ist wahr, weil Groß und Klein, vereint

In diesem Reich, nach jenem Spiegel blicken,
Wo, eh’ du denkest, der Gedank’ erscheint.

[487]
64
Doch, um die Lieb’, in die mit wachen Blicken[251]

Ich ewig schau’ und die die Süßigkeit
Der Sehnsucht zeugt, vollkommner zu erquicken,

67
Erklinge sicher, kühn, voll Freudigkeit

Von deinem Wunsch die Stimme, deinem Sehnen,
Und die Entgegnung drauf ist schon bereit.“

70
Ich sah auf Sie, die, eh’ die Wort’ ertönen,

Mich schon versteht, und, lächelnd im Gesicht,
Hieß sie mich frei des Willens Flügel dehnen.

73
Ich sprach: „„Das Wollen und des Könnens Licht[252]

Sind, seit die erste Gleichheit ihr ergründet,
Bei Jeglichem von euch im Gleichgewicht,

76
Weil euch die Sonne, die euch hellt und zündet

Mit Licht und Glut, damit sogleich durchdringt,
Daß solche Aehnlichkeit man nirgend findet.

79
Doch Will’ und Witz, wie sie der Mensch erringt,

Sie sind aus dem euch offenbaren Grunde
Mit sehr verschied’ner Kraft zum Flug beschwingt.

82
Dies fühl’ ich Sterblicher in dieser Stunde,

Und danke deine Vaterliebe dir
Drum mit dem Herzen nur, nicht mit dem Munde.

85
O du lebendiger Topas, du Zier

Des edlen Kleinods, hell in Glanz entglommen,[253]
Still’ itzt, dich nennend, meine Wißbegier!““

88
„Mein Sproß, längst froh erwartet, jetzt willkommen,

In mir sieh deine Wurzel!“ So der Geist,
Und setzt’ hinzu, nachdem ich dies vernommen:

91
„Und er, nach welchem dein Geschlecht sich heißt,

Der hundert Jahr’ und mehr für stolzes Wesen
Des Berges ersten Vorsprung schon umkreist,

[488]
94
Er ist mein Sohn, dein Urgroßahn, gewesen,

Und dir geziemt’s, von solcher langen Pein
Durch gute Werk’ ihn schneller zu erlösen. – –[254]

97
Florenz, im alten Umkreis, eng und klein,[255]

Woher man jetzt noch Terzen hört und Nonen,
War damals friedlich, nüchtern, keusch und rein.

100
Nicht Kettchen hatt’ es damals noch, nicht Kronen,[256]

Nicht reichgeputzte Frau’n – kein Gürtelband,
Das sehenswerther war, als die Personen.

103
Bei der Geburt des Töchterleins empfand[257]

Kein Vater Furcht, weil man zur Mitgift immer,
So wie zur Zeit, die rechten Maße fand.

106
Und öde, leere Häuser gab’s da nimmer;[258]

Nicht zeigte dort noch ein Sardanapal,
Was man vermag in Ueppigkeit der Zimmer.

109
Nicht übertroffen ward der Montemal[259]
[489]

Von dem Uccellatojo noch im Prangen –
Und wie im Steigen, also einst im Fall!

112
Ich sah vom schlichten Ledergurt umfangen[260]

Bellincion Berti noch und sah sein Weib
Vom Spiegel gehn mit ungeschminkten Wangen.

115
Ich sah ein unverbrämtes Wamms am Leib

Des Nerli und des Vecchio – und den Frauen
War Spill’ und Rocken froher Zeitvertreib.

118
Glücksel’ge Frau’n! in eurer Heimath Auen

War euch ein Grab gewiß – durch Frankreichs Schuld
War Keiner noch das öde Bett zum Grauen.[261]

121
Die, wach und emsig an der Wiege, lullt’

In jener Sprach’ ihr Kindlein ein, die Jeden
Der Vater ist, entzückt in Süß’ und Huld.

124
Die, ziehend aus dem Rocken glatte Fäden,

Letzt’ ihrer Kinder Kreis von Römer-That,
Von Troja, Fiēsole, mit klugen Reden.

127
Was ihr an einer Cianghella saht,[262]

An Salterell, solch Wunder hätt’s gegeben,
Als itzt Cornelia gäb’ und Cincinnat.

130
So ruhigem, so schönem Bürgerleben,

So treuer Bürgerschaft, so theurem Land,

[490]

Gab mich Maria, die mit Angst und Beben

133
Die Mutter anrief, als sie Weh’n empfand,

Und dort, in unserm Taufgebäu, dem alten,[263]
Ward ich ein Christ und Cacciaguid genannt.[264]

136
Zwei Brüder hatt’ ich, und zu treuem Walten

Im Hause kam die Gattin mir vom Po,
Von der den zweiten Namen du erhalten.

139
Dem Kaiser Konrad folgt’ und dient’ ich, so,[265]

Daß er mich weihte zu des Ritters Ehren,
Und immer blieb ich seiner Gnade froh.

142
Mit ihm wollt’ ich des Gräuels Reich zerstören,

Deß Volk, durch eurer Hirten Fehler, sich
Der Länder anmaßt, die euch angehören.

145
Und dort, von jenem schnöden Volk, ward ich

Vom Trug der Welt entkettet und geschieden,
Der viele Herzen jeder Zeit beschlich,

148
Und kam vom Märtyrthum zu diesem Frieden.
_______________

Sechszehnter Gesang.
Fortsetzung. – Cacciaguida über die spätere Geschichte und den gegenwärtigen Zustand von Florenz (vgl. Fgf. 14).

1
O du geringer Adel unsers Bluts,[266]

Kannst du hienieden uns zum Stolz verführen,
Wo wir noch fern vom Schau’n des wahren Guts,

[491]
4
So werd’ ich nimmer drob Verwund’rung spüren;

Denn dort, wo falsche Lust uns nicht erreicht,
Fühlt’ ich darob in mir den Stolz sich rühren.

7
Du bist ein Mantel, der, sich kürzend, weicht,

Setzt man nicht Neues zu von Tag zu Tagen,
Weil rings die Zeit mit ihrer Scheere schleicht. –

10
Mit jenem Ihr, das Rom zuerst ertragen,[267]

Das jetzt die Römer minder brauchen, trat
Ich näher hin, beginnend neue Fragen.

13
Beatrix drum, zur Seite stehend, that,

Lächelnd, gleich Jener, die beim ersten Fehle
Ginevrens, wie man schreibt, gehustet hat.

16
„„Ihr seid mein Vater; Ihr erhebt die Seele,

Daß ich mehr bin als Ich; Ihr gebt mir Muth,
Mit Euch zu sprechen frei und sonder Hehle.

19
Mir strömt zur Brust vielfacher Wonne Flut,

Doch sie erträgt es, ohne zu zerspringen,
Weil süß das Herz in eigner Freude ruht.

22
Drum sprecht, mein Urahn, welche Vordern gingen

Euch noch voraus, und wie bezeichnet man
Die Jahre, die euch hier itzt Früchte bringen?[268]

25
Vom Schafstall sprecht des heiligen Johann;[269]

Wie groß war er? Wer ist, den, hoch zu stehen
In jenem Volk, man würdig preisen kann?““

28
Gleichwie, belebt von frischen Windes Wehen,
[492]

Die Kohl’ in Flammen glüht, so war das Licht
Bei meinem Liebeswort in Glanz zu sehen.

31
Und so verschönt’ er jetzt sich dem Gesicht,

Wie seine Sprache sich dem Ohr verschönte;
Doch war’s nicht jene, die man jetzo spricht.[270]

34
Er sprach: „Seitdem des Engels Ave tönte,[271]

Bis meine Mutter, heilig itzt, in Qual,
Sich meiner Last entledigend, erstöhnte,

37
Kam allbereits fünfhundert achtzig Mal

Dies Feuer zu den Füßen seines Leuen,
Dort zu erneuern seinen Flammenstrahl.

40
Des ersten Lichts sollt’ ich am Ort mich freuen,

Den Vätern gleich, wo man das Sechstheil fand,[272]
Wohin sich eure Jahresläuf’ erneuen.

43
Und dies sei von den Ahnen dir bekannt;

Wer sie gewesen, und woher entsprossen,
Wird schicklicher verschwiegen als benannt.

46
Was da, von Mars und Täufer eingeschlossen,[273]

Befähigt war, sich zum Gefecht zu reih’n,
Ein Fünftheil war’s der jetz’gen Stadt-Genossen.

49
Allein das Bürgerblut, mag’s jetzo sein[274]
[493]

Vermischt mit Campi’s und Certaldo’s Schaaren,[275]
Dort war’s im letzten Handwerksmann noch rein.

52
Wohl besser wären, die einst Nachbarn waren,[276]

Es jetzo noch – wohl besser war’s, Galluzz
Und Trespian als Gränzen zu bewahren,

55
Als innerhalb sie haben, Stank und Schmutz

Von Aguglion und Signa zu ertragen,
Die listig gaunern allem Recht zum Trutz.

58
Wenn sich, der gänzlich aus der Art geschlagen,[277]
[494]

Am Kaiser nicht stiefväterlich verging,
Statt ihn am Herzen väterlich zu tragen,

61
Wär’ mancher Schach’rer, den Florenz empfing,

Bereits zurückgekehrt nach Simifonte,
Wo sein Großvater schmählich betteln ging.

64
Wie Montemurlo Grafschaft bleiben konnte,[278]

So wären noch die Cerchi in Acon,
Vielleicht in Valdigriev die Buondelmonte.

67
In Volksvermischung fand man immer schon

Den ersten Keim zu einer Stadt Verfalle,
Wie Speis’ auf Speisen unsern Leib bedrohn.

70
Ein blinder Stier stürzt hin in jäherm Falle

Als blindes Lamm, und öfters ist ein Schwert
Mehr werth als fünf, und schneidet mehr als alle.

73
Sieh Luni, Urbisaglia schon verheert,[279]

Sieh Chiusi in derselben Noth sich winden,
Die Sinigaglia, jenen gleich, erfährt;

76
Dann wirst du’s nicht mehr neu und seltsam finden,

Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein,
Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden.

79
Was euer ist, das trägt, wie euer Sein,

Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt,[280]
Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein.

82
Und wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt,

Und ihn in Ebb’ und Flut entblößt und deckt,
So ist’s, wie das Geschick Florenz behandelt.

85
Drum werde dir kein Staunen mehr erweckt,

Sprech’ ich von Edeln deiner Stadt, von ihnen,
Die in Vergessenheit die Zeit versteckt.

[495]
88
Die Ughi hab’ ich und die Catellinen[281]

Der Greci und Ormanni Stamm gesehn,
Die selbst im Fall erhabne Bürger schienen.

91
Mocht’ alt, wie hoch, der von Sanella stehn,

Er mußte mit Soldanier, den von Arke,
Und den Bostichi kläglich untergehn.

94
Am Thor, das jetzt an Hochverrath so starke[282]

Belastung hat, daß in den Wogen bald
Versinken wird die überladne Barke,

97
Dort war der Ravignani Aufenthalt,

Das Stammhaus derer, die den Namen führen
Des Bellincion, der edel ist und alt.

100
Wohl wußte, wie sich’s zieme, zu regieren,

Der della Pressa – Galligajo nahm
Das Schwert, das golden Blatt und Knauf verzieren.

103
Groß war die scheck’ge Säul’ und wundersam,[283]

Groß waren die Sachetti, die Barucci,
Und die ein Scheffel jetzt erfüllt mit Scham.[284]

106
Groß war vordem der Urstamm der Calfucci;

Zu jeglichem erhabnen Platz im Staat
Rief man die Sizii und die Arrigucci.

109
Wie Manchen noch trug fehl des Stolzes Saat,[285]
[496]

Indeß Florenz erblüht’ auf allen Aesten
Durch jener goldnen Kugeln Rath und That!

112
Auch durch die Väter derer, die in Festen,[286]

Wenn man den Sitz des Bischofs ledig sieht,
Im Consistorium sich behaglich mästen.

115
Das prahlende Geschlecht, das dem, der flieht,[287]

Zum Drachen wird, doch sanft wird, gleich dem Lamme,
Wenn man die Zähne weist, den Beutel zieht,

118
Kam schon empor, allein aus niederm Stamme,

Drum zürnt’ Ubert dem Bellincion, daß er[288]
Zu solcherlei Verwandtschaft ihn verdamme.

121
Von Fiesole kam Caponsacco her

Auf euren Markt, und war in jenen Tagen
Wie Infangat’ noch bieder und von Ehr’.

124
Unglaubliches, doch Wahres werd’ ich sagen:[289]

Ein Thor des Städtchens ließ man ungescheut
Den Namen des Geschlechts der Pera tragen.

127
Wen nur des schönen Wappens Schmuck erfreut,[290]

Des großen Freiherrn, dessen Preis und Ehren
Alljährlich noch das Thomas-Fest erneut,

130
Ließ Ritterwürden sich von ihm gewähren,

Mag der auch, der’s mit goldner Zier umwand,

[497]

Jetzt im Vereine mit dem Volk verkehren.

133
Da hoch der Stamm der Gualterotti stand,

So würd’ in Kriegsnoth Borgo minder beben,
Wenn er sich mit den Nachbarn nicht verband.[291]

136
Das Haus, das euch zum Weinen Grund gegeben,[292]

Da’s in gerechtem Grimm euch Tod gebracht
Und ganz beendigt euer heitres Leben,

139
Stand mit den Seinen fest in Ehr’ und Macht.

O Buondelmont’, was hattest du Verlangen
Nach andrer Braut? was fremden Antriebs Acht?

142
Wohl Viele würden froh sein, die jetzt bangen,

Wenn Gott der Ema dich vermählt, als du
Zum ersten Male nach der Stadt gegangen.

145
Doch wohl stand dieser Stadt das Opfer zu,[293]

Das sie der Brücken-Wacht, dem wüsten Steine,
Mit Blut gebracht in ihrer letzten Ruh’. –

148
Mit Diesen und mit Andern im Vereine[294]

Sah ich Florenz des süßen Friedens werth,
In dem’s nie Ursach fand, weshalb es weine.

[498]
151
Mit diesen sah ich hoch sein Volk geehrt,

Gerecht und treu, in ruhig edler Haltung,
Und nie am Speer die Lilie umgekehrt,

154
Und nimmer roth gefärbt durch inn’re Spaltung.
_______________

Siebenzehnter Gesang.
Fortsetzung. – Cacciaguida weissagt dem Dante seine Verbannung, sein gastliches Asyl bei Can grande, den Ruhm seines Gedichtes, für das er ihm den ausdrücklichen Lehrauftrag, als berufenem Prediger seiner Zeit, ertheilt.

1
Wie der, der Väter karg gemacht den Söhnen,[295]

An Climene um Kunde sich gewandt
Von dem, was man gesagt, ihn zu verhöhnen;

4
So war ich jetzt in mir und so empfand

Beatrix mich und Er, deß Liebesregung
Vom Flammenkreuz ihn zu mir hergebannt.

7
Drum Sie: „Folg’ itzt der inneren Bewegung,

Und laß den Wunsch hervor, nur sei er rein
Bezeichnet durch des innern Stempels Prägung.

10
Er soll nicht größre Kenntniß uns verleihn,

Doch muthig deinen Durst hier zu bekennen,
Gewöhne dich, daß man dir reiche Wein.“

13
„„O theurer Ahn, hochragend im Erkennen!

Gleich wie der Mensch sieht, daß im Dreieck nicht
Zwei stumpfe Winkel sich gestalten können,

16
So siehst du, was da sein wird, das Gesicht[296]

Dem Spiegel zugewandt, der alle Zeiten
Als Gegenwart dir zeigt im klaren Licht.

[499]
19
Als noch Virgil bestimmt war, mich zu leiten,

Um auf den Berg, der unsre Seelen heilt,
Und zu der todten Welt hinabzuschreiten,

22
Ward von der Zukunft Kunde mir ertheilt,

Die hart ist, mag ich auch als Thurm mich fühlen,
Der trotzend steht, wenn ihn der Sturm umheult.

25
Drum wüßt’ ich gern, um meinen Wunsch zu kühlen,

Welch ein Geschick mir naht. Vorausgeschaut,
Scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen.““

28
Ich sprach’s zum Licht, das mir mit süßem Laut

Gesprochen hatt’ und hatt’ ihm nun vollkommen,
Nach meiner Herrin Wink, den Wunsch vertraut.

31
In Räthseln nicht, wie man sie einst vernommen,[297]

Bestimmt, ein Netz für Thoren-Wahn zu sein,
Eh’ Gottes Lamm die Sünd’ auf sich genommen,

34
In klarem Wort und bündigem Latein

Antwortete mir jene Vaterliebe
Verschlossen in der eignen Wonne Schein:

37
„Der Zufall, Werk allein der Erden-Triebe,[298]

Malt sich im ew’gen Blick, wie vorbestimmt,
Und keiner ist, der ihm verborgen bliebe,

40
Obwohl er euch die Freiheit nicht benimmt,

So wenig, als das Aug’ ein Schifflein leitet,
Das drin sich spiegelt, wenn’s strom-unter schwimmt.

43
Wie Orgel-Harmonie zum Ohre gleitet,

So kann mein Aug’ im ew’gen Blicke sehn,
Welch ein Geschick die Zukunft dir bereitet: –

[500]
46
Wie Hippolyt, vertrieben aus Athen[299]

Von der Stiefmutter treulos argen Ränken,
So mußt du aus dem Vaterlande gehn.

49
Dies wollen sie, dies ist’s, worauf sie denken;

Und wo man Christum frech zum Markte trägt,[300]
Dort wird zur That, was Noth thut, dich zu kränken.

[501]
52
Und dem verletzten Theil folgt, wie er pflegt,

Der Ruf der Schuld – allein die Wahrheit künden
Wird Gottes Rache, die den Argen schlägt.

55
Du wirst dich Allem, was du liebst, entwinden,

Und wirst, wenn dies dir bittern Schmerz erweckt,
Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden.

58
Wie fremdes Brod gar scharf versalzen schmeckt,

Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen,
Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt.

61
Doch wird so schwer nichts deinen Rücken biegen,
[502]

Als die Gesellschaft jener schlechten Schaar,
Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen.

64
Ganz toll, und ganz verrucht und undankbar,

Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen,
Ihr Kopf, nicht deiner, wer im Rechte war.

67
Wie dumm sie ist, das wird ihr Thun besagen;

Und daß du für dich selbst Partei gemacht,
Wird dir erwünschte, schöne Früchte tragen.

70
Die erste Zuflucht in der harten Acht

Wird dir der herrliche Lombard’ gewähren,
Den heil’ger Aar und Leiter kenntlich macht.

73
Zwischen euch wird von Geben und Begehren

Das, was sonst später kommt, das Erste sein,
So sorgsam wird auf dich sein Blick sich kehren.

76
Dort siehst du Ihn, dem dieses Sternes Schein[301]

Bei der Geburt im hellsten Licht entglommen,
Ihm das Gepräg zu hoher That zu leihn.

79
Und hat die Welt noch nichts davon vernommen,

So ist’s, weil eben erst der Jahre neun
Den Lauf die Sonne hat um ihn genommen.

82
Eh’ der Gascogner Heinrich wird bedräun,[302]

Wird er schon Funken seiner Tugend weisen,
Wird Gold nicht achten, keine Mühsal scheu’n.

85
Von seiner Großmuth Proben und Beweisen

Wird so die Welt erfüllt, daß selbst der Troß
Der Feinde nicht vermag, sie nicht zu preisen.

[503]
88
Leg’ seiner Huld getrost dich in den Schooß!

Indem er Arme reich macht, arm die Reichen,
Wird er verwandeln vieler Menschen Loos.[303]

91
Und dies noch laß nicht aus dem Sinn dir weichen

Von ihm – doch schweig’!“ Dann sagt’ er Dinge mir,
Die dem selbst, der sie sah, noch Wundern gleichen.

94
„Sohn,“ also sprach er weiter, „siehe hier,

Zu dem, was dir verkündet ward, die Glossen.[304]
Schon droht man aus dem Hinterhalte dir.

97
Doch nicht beneide deine Landsgenossen,

Denn lang, bevor du sinkst in’s dunkle Grab,
Ist dem Verrath gerechte Rach’ entsprossen.“

100
Hier brach die heil’ge Seel’ ihr Reden ab,

Und hatte das Gewebe ganz vollendet,
Wozu ich fragend ihr den Aufzug gab.

103
Und wie man zweifelnd sich an Jemand wendet,

Der innig liebt und Rechtes will, und sieht
Nach gutem Rath – so ich, als er geendet:

[504]
106
„„Ich seh’s, wie rasch heran die Stunde zieht,[305]

Um gegen mich den scharfen Pfeil zu kehren,
Der schwerer trifft, wen die Voraussicht flieht.

109
Drum muß ich wohl mit Vorsicht mich bewehren,

Um fern dem Ort, der, was ich lieb’, enthält,
Nicht durch mein Lied der Zuflucht zu entbehren.[306]

112
Denn reisend durch die endlos bittre Welt,

Dann auf den Berg, wo mich, vom Angesichte
Der Herrin, Licht zum höhern Flug erhellt,

115
Dann durch den Himmel selbst von Licht zu Lichte,

Erfuhr ich, was wohl Manchen brennt und beißt
Durch ätzenden Geschmack, wenn ich’s berichte.

118
Und zagt, der Wahrheit feiger Freund, mein Geist,

Dann, fürcht’ ich, bin ich todt bei jenen Allen,
Bei welchen diese Zeit die alte heißt.““[307]

121
Und neuen Glanz sah ich dem Licht entwallen,

Das Strahlen, wie ein goldner Spiegel, warf,
Auf den der Sonne Feuerblicke fallen.

124
„Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,“[308]

Sprach er, „wen eigne Schmach, wen fremde drücket,
Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.

127
Dennoch verkünde ganz und unzerstücket

Was du gesehn, von jeder Schminke frei,
Und laß nur den sich kratzen, den es jücket.

130
Ob schwer dein Wort beim ersten Kosten sei,[309]

Doch Nahrung hinterläßt’s zu kräft’germ Leben,
Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.

[505]
133
Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,

Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt,
Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben.

136
Drum sind berühmte Seelen alle fast,

Die du im dunkeln wehevollen Schlunde
Und auf dem Berg und hier gesehen hast.

139
Denn Niemand traut beruhigt einer Kunde,

Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,
Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,

142
Und nur was hell strahlt überzeugt die Welt.“
_______________

Achtzehnter Gesang.
Schluß. Cacciaguida nennt Weitere: Josua, Makkabäus, Karl den Großen, Roland, Gottfried v. Bouillon, Guiscard etc. 6) Zum Jupiter, dem Stern der gerechten Herrscher. Die Seelen bilden durch ihre Aneinanderreihung die Worte: diligite justitiam etc., dann einen Adler. – Strafrede wider den päpstlichen Stuhl.

1
Schon freute sich der sel’ge Geist alleine[310]

An seinem Wort, und ich, mit Süßigkeit
Das Bittre mäßigend, genoß das meine.

4
Und jene Frau, zum Höchsten mein Geleit,

Sprach: „Wechsle die Gedanken – denk’, ich wohne
Dem nah’, der mildert unverdientes Leid.“

7
Ich, hingewandt zum süßen Liebestone,

Konnt’ in den heil’gen Augen Liebe schau’n,
Die ich nicht sing’ in dieser niedern Zone.

10
Denn nicht der Sprache nur muß ich mißtrau’n;

Selbst das Gedächtniß kehrt nicht, ungetragen[311]
Vom Flug der Gnade, zu den sel’gen Au’n.

13
Ich kann von jenem Augenblick nur sagen:

Ich fühlte jeden Wunsch der Brust entfliehn,

[506]

Als ich den Blick zur Herrin aufgeschlagen,

16
Solang’ die Himmelswonn’, die Sie beschien

Unmittelbar, vom schönen Angesichte
Mir wiederstrahlend, Gnüge mir verlieh’n.

19
Besiegend mich mit eines Lächelns Lichte,

„Nicht mir im Aug’ allein ist Paradies“,
Sprach Sie: „horch auf! dorthin die Augen richte!“

22
Wie Lieb’ auf Erden wohl sich mir erwies,

Die lächelnd glänzt’ auf eines Freundes Zügen,
Der seine Seele ganz ihr überließ,

25
So zeigt’ in Glanz und wonnigem Vergnügen

Des Urahns[WS 6] Geist die liebende Begier,
Mir noch durch ein’ge Reden zu genügen:

28
„In dieses Baumes fünfter Stufe hier,[312]

Der von dem Gipfel Nahrung zieht und Leben,
Stets reich an Frucht und frischer Blätter Zier,

31
Sind Sel’ge, die, eh’ sie empor zu schweben

Der Himmel rief, in eurem Erdenthal
Durch Ruhm der Muse reichen Stoff gegeben.[313]

34
Sieh auf die Arme hin am Kreuzes-Maal,

Und zeigen wird sich Jeder, den ich nannte,
Wie in der Wolk’ ihr schneller Feuerstrahl.“[314]

37
Und sieh, ein Licht, gleich schnellem Blitz, entbrannte,

Beim Namen Josua – so daß ich Wort
Und That in einem Augenblick erkannte.

40
Den Maccabäus nannt’ er dann und dort

War kreisend Feuer glänzend vorgedrungen,
Und Freude trieb den heil’gen Kreisel fort.

43
Als Karl der Groß’ und Roland dann erklungen,

Folgt’ ich so aufmerksam dem Glanz, als man
Dem Falken folgt, der sich emporgeschwungen.

46
Wilhelm zog meinen Blick zum Kreuz hinan,[315]
[507]

Und Rinoard, bei ihres Namens Klange;
Auch Herzog Gottfried, Robert Guiscard dann.

49
Drauf mischte sich dem schimmernden Gedrange

Die Seele, die erst sprach, als Meisterin
Sich zeigend in dem himmlischen Gesange. – –

52
Ich kehrte mich zur rechten Seite hin,

Um in Beatrix meine Pflicht zu lesen,
In Wink und Wort der heil’gen Führerin,

55
Und sah so rein ihr Aug’, ihr ganzes Wesen

So hold, daß, was ich sah an Himmelslust,
Sie übertraf, ja, was sie je gewesen.

58
Und wie, des guten Wirkens sich bewußt,

In größ’rer Wonne man von Tag zu Tagen
Der Tugend Wachsthum merkt in eigner Brust;

61
So merkt’ ich jetzt, vom Himmel fortgetragen

In seinem Schwung, gewachsen sei der Kreis,
Sobald ich sah dies schön’re Wunder tagen.

64
Und wie das Roth der Scham, die glühend heiß

Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen,
Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß;

67
So, nach dem rothen Licht, das mich umfangen,[316]

Sah ich mich in den Silberglanz entrückt
Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.

70
Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt,

War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,[317]
Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt.

73
Wie Vögel, die empor vom Strande fahren,

Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald
In runden, bald in langen Haufen schaaren;

76
So flatterten, vom Himmelslicht umwallt,

In Sängen Sel’ge hin, im Fluge zeigend
Des D und dann des I und L Gestalt,

79
Sich senkend nach der Melodie und steigend,
[508]

Und, war die Ordnung diesen Zeichen gleich,
Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.

82
Kalliope, die du die Geister reich

An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,
Wie sie durch die verew’gen Stadt und Reich:

85
Erleuchte mich, damit ich die Gestalten

Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;
Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten! –

88
Vokal’ und Consonanten – sieben mal

Fünf waren’s, die mein Auge dort ergetzten,
Auch merkt’ ich wohl die Ordnung dieser Zahl.

91
Diligite iustitiam – so setzten[318]

Erst Haupt- und Zeitwort sich; dann sieh sofort:
Qui iudicatis terram – als die letzten.

94
Und alles blieb beim M im fünften Wort

Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.
So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.[319]

97
Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend

Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,
Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.[320]

100
Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt,[321]

Draus unzählbare Funken sprühend flammen,
Woraus die Thorheit wahrzusagen pflegt,

103
So hoben dort sich mehr als tausend Flammen[322]
[509]

Und die stieg mehr, und minder die empor,[323]
Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.

106
Als jed’ an ihrer Stelle war, verlor

Sich das Gewühl – da trat in Flammenzügen
Der Kopf und Hals von einem Adler vor.

109
Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen;[324]

Ihn leitet nichts; die Kraft entstammt durch Ihn,
Draus in den Nestern sich die Formen fügen.

112
Die andre Schaar, die erst befriedigt schien,

Das M bekrönend mit dem Lilienkranze,
Fügte sich, leicht bewegt, zum Ganzen hin.

115
So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze

In uns die Keime der Gerechtigkeit,
Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze.

118
Zum Geist, der Kraft dir und Bewegung leiht,[325]
[510]

Fleh’ ich, nach jenem Rauche hinzuschauen,
Der deinen Strahl verdunkelt und entweiht.

121
Sein Zorn mach’ einmal noch dem Volke Grauen,

Das in dem Tempel schachert und verkehrt,
Den Er aus Wundern ließ und Martern bauen.

124
O Himmels-Kriegerschaar, dort hell verklärt,

Bitte für die, so noch der Leib umschlossen,
Die schlechtes Beispiel falsche Wege lehrt.

127
Einst kriegte man mit Schwertern und Geschossen,

Doch jetzt, das Brod wegnehmend dort und hie,
Das unser frommer Vater nie verschlossen.

130
Du, der du schreibst, um auszustreichen, sieh:

Für jenen Weinberg, welchen du verdorben,
Starb Paul und Petrus; doch noch leben sie.

133
Du aber denkst: Hab’ ich nur den erworben,

Der in die Einsamkeit der Wüst’ entrann,
Und der zum Lohn für einen Tanz gestorben,

136
Was kümmern Paulus mich und Petrus dann?
_______________

Neunzehnter Gesang.
Im Jupiter, Fortsetzung. Der Adler spricht: Belehrung über die Gnadenwahl (20, 130) d. h. die Seligkeit der Nichtchristen. Gottes Urtheil beim Weltgericht. Strafrede gegen damalige Fürsten (Albrecht, Philipp u. s. w.)

1
Vor mir erschien mit offnem Flügelpaar

Das schöne Bild, wo, selig im Vereine,
Der Geister lichter Kranz verflochten war.

[511]
4
Jedweder war wie ein Rubin, vom Scheine

Der Sonne so in Licht und Glut entbrannt,
Als ob sie selbst mir in die Augen scheine.

7
Der Schilderung, zu der ich mich gewandt,

Wie kann die Sprache sie, die Feder wagen,
Da Phantasie dergleichen nie erkannt? –

10
Ich sah den Aar und hört’ ihn Worte sagen,[326]

Und in der Stimm’ erklangen Ich und Mein,
Als Wir und Unser ihm im Sinne lagen.

13
Er sprach: Für frommes und gerechtes Sein,

Sollt’ ich zu dieser Glorie mich erheben,
Die jeden Wunsch uns zeigt als arm und klein.

16
Und solch Gedächtniß ließ ich dort im Leben,[327]

Daß es für rühmlich selbst den Schlechten gilt –
Nur daß sie nicht der Spur zu folgen streben!“

19
Wie vielen Kohlen eine Glut entquillt,

So tönte jetzt von vielen Liebesgluten
Ein einz’ger Ton mir zu aus jenem Bild.

22
„„Ihr ew’ge Blüten des endlosen Guten,““

Begann ich, „„die Ihr mir als einen jetzt
Laßt eure Wohlgerüch’ entgegenfluten,

25
Ich bitt’ euch nun, mit eurem Hauch ergetzt

Mich Hungrigen und reicht mir jene Speise,
Mit welcher mich die Erde nie geletzt.

28
Wohl weiß ich – spiegelt schon in anderm Kreise[328]
[512]

Des Himmels sich des Herrn Gerechtigkeit –
Daß sie sich euch nicht unter’m Schleier weise.

31
Ihr wißt, zum Hören bin ich schon bereit,

Auch wißt ihr, welch ein Zweifel mich befangen,
Der unbefriedigt ist seit langer Zeit.““[329]

[513]
34
Gleichwie ein edler Falk’, der Kapp’ entgangen,

Das Haupt bewegt, sich schön und freudig macht,
Stolz mit den Flügeln schlägt und zeigt Verlangen,

37
So machte sich des hohen Zeichens Pracht,

Das Gottes Gnade laut dem All verkündet,
Mit Sang, wie der nur hört, der dort erwacht.

40
Und es begann: „Er, der die Welt gegründet,[330]

Und sie begrenzt, hat viel Geheimes drin
Und Offenbares viel darin begründet;

43
Doch hat er seine Kraft vom Anbeginn

Nicht völlig ausgeprägt im Weltenalle,
Denn endlos überragt’s sein hoher Sinn.[331]

46
Der erste Stolze, welcher höh’r als alle

Geschöpfe stand, sank drum im frevlen Zwist,
Des Lichts nicht harrend, früh in jähem Falle.

[514]
49
Denn jegliches der kleinern Wesen ist[332]

Zu eng, um jenes Gut darein zu bringen,
Das, endlos, sich nur mit sich selber mißt,

52
Drum kann so weit der Menschenblick nicht dringen;

Er, nur ein Strahl von jenes Geistes Schein,
Der Urstoff ist und Grund von allen Dingen,

55
Kann nie durch eigne Kraft so mächtig sein,

Um seinen Ursprung deutlich zu ersehen,
Denn Nebel hüllt für ihn so Tiefes ein;

58
Drob zu der Urgerechtigkeit das Spähen

Des Menschenblicks sich nur so weit erstreckt,
Als in den Grund des Meers die Augen gehen.

61
Leicht wird der Grund am Strand vom Aug’ entdeckt,[333]

Doch nie im Meer, wie sehr sich’s müh’ und übe;
Grund ist dort, doch zu tief, und drum versteckt.

64
Nur aus der Heitre dort, die nimmer trübe,

Kommt Licht – all Andres ist nur Dunkelheit,
Ist Schatten oder Gift der Fleischestriebe.

67
Sieh das Versteck, das die Gerechtigkeit

Dir lang verhehlt, jetzt offen dem Verstande,
Und ruhn wird nun in dir der Zweifel Streit.

70
Erzeugt wird Jemand an des Indus Strande,[334]

So sprachst du, doch wer spricht von Jesus Christ,
Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande?

73
Wenn er, so weit es die Vernunft ermißt,

In That und Willen rein und unverdorben,

[515]

Und ohne Sünd’ in Wort und Leben ist,

76
Und er ungläubig, ungetauft gestorben,

Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt?
Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben? –

79
Und wer bist du, der sich so hoch gestellt,

Um, richtend, tausend Meilen weit zu springen,
Da eine Spanne kaum dein Blick enthält?

82
Gewiß, daß die mir nach im Forschen ringen,[335]

Wär’ über euch nicht Gottes heil’ges Wort,
Zum Zweifel und Erstaunen Grund empfingen!

85
O Thier’ aus Erd’! ihr stumpfen Geister dort!

Der erste Wille, gut von selber, gehet[336]
Nie aus sich selbst, dem höchsten Gute, fort.

88
Gerecht ist, was mit ihm in Einklang stehet.

Ihn kann nicht anziehn ein erschaffnes Gut,
Das nur aus Seiner Strahlenfüll’ entstehet.“ –

91
Wie über ihrem Nest die Störchin thut,

Wenn sie die Brut gespeist, im Kreise schwebend,
Und wie nach ihr hinschaut die satte Brut;

94
So that – und so auch ich, das Aug’ erhebend –[337]

Das heil’ge Bild, das seine Flügel schwang,
Durch ein’gen Willen Aller aufwärts strebend,[338]

[516]
97
Indem’s, im Kreis sich schwingend, also sang:

„So wie du nicht verstehst, was ich verkündet,
So kennt ihr nicht des ew’gen Urtheils Gang.“

100
Dann, noch im Zeichen, das den Ruhm begründet[339]

Der Römer hat, stand still die sel’ge Schaar,
Von lichter Glut des heil’gen Geist’s entzündet.

103
„In dieses Reich“, begann auf’s Neu’ der Aar,

„Stieg Keiner je, der nicht geglaubt an Christus,
Vor oder nach, als er gekreuzigt war.

106
Doch siehe, Viele rufen Christus! Christus!

Und stehn ihm ferner einst beim Weltgericht,
Als Jene, welche nichts gewußt von Christus.

109
Das Strafurtheil für solche Christen spricht

Der Heid’ einst aus, wenn sich die Schaaren trennen,
Die zu der ew’gen Nacht und die zum Licht.

112
Wie wird ein Perser eure Fürsten nennen,[340]

Zeigt ihm sich aufgeschlagen jenes Buch,
In dem er ihre Schmach wird lesen können?

115
Die That des Albrecht wird mit hartem Spruch[341]

Er in dem Buch bald eingetragen sehen,
Ob der ihn trifft des Böhmer-Reiches Fluch.

118
Auch Frankreichs Schmerz wird aufgezeichnet stehen,[342]

In den es durch den Münzverfälscher fällt,
Der durch des Ebers Stoß wird untergehen.

121
Dort steht der Stolz, der Durst nach Land und Geld,[343]
[517]

Drob Schott’ und Engeländer thun, gleich Tollen,
Und Keiner sich in seiner Grenze hält.

124
Dort wird die Ueppigkeit sich zeigen sollen[344]

Des Spaniers und des Böhmen, welcher nie
Die Trefflichkeit gekannt, noch kennen wollen.

127
Dort, Lahmer von Jerusalem, dort sieh[345]

Mit einem M bezeichnet deine Sünden,
Und deine Tugenden mit einem I.

130
Dort wird sich auch der niedre Geiz verkünden[346]

Deß, der dort herrschet, wo Anchises ruht
Nach langer Fahrt, bei Aetna’s Feuerschlünden.

133
Und wie gering er ist an Kraft und Muth,

Das wird die abgekürzte Schrift bezeugen,
Die Vieles kund auf engem Raume thut.

136
Auch wird das schmutz’ge Thun des Ohms sich zeigen,[347]

Und das des Bruders kund sein überall,
Die mit dem edlen Stamm zwei Kronen beugen.

139
Auch den von Norweg, den von Portugal[348]

Und den von Rascia wird man unterscheiden,
Der Schuld ist an Venedigs Münzverfall.

[518]
142
Mög’ Ungarn fernerhin nicht Unbill leiden![349]

Navarra, es vertheidige getrost
Die Bergesreih’n, die es von Frankreich scheiden!

145
Und glaube Jeder, daß schon Famagost[350]

Und Nicosia seien, deß zum Zeichen
Und Vorschmack, auf ihr wildes Thier erbost,

148
Deß Thaten den der andern völlig gleichen.
_______________

Zwanzigster Gesang.
Schluß. Der Adler schweigt. Die Seelen singen. Dann spricht der Adler wieder als Ganzes und nennt einzelne Selige, welche ihn bilden: David, Trajan, Hiskia, Constantin, Wilhelm der Gute, Ripheus. – Weitere Belehrung über die Seligkeit der Nichtchristen und die Gnadenwahl.

1
Wenn Sie, die hell die ganze Welt verklärt,[351]

Von unsrer Hemisphär’ herabgeschwommen
Und rings der Tag ersterbend sich verzehrt,

4
Dann zeigt der Himmel, erst von ihr entglommen,

Von ihr allein, viel Sterne rings im Rund,
Die all’ ihr Licht von einem Licht entnommen.

7
Dies war’s, was jetzt vor meiner Seele stund,
[519]

Als unsrer Welt und ihrer Herrscher Zeichen
Stillschweigen ließ den benedeiten Mund.

10
Denn alle Lichter, jene wonnereichen,

Erglänzten nun im Sang, an dessen Macht
Nicht irdischer Erinn’rung Schwingen reichen.

13
O Lieb’, umkleidet mit des Lächelns Pracht,[352]

Wie sah ich Glanz dich in die Funken gießen,
Die heil’ger Sinn allein dort angefacht!

16
Dann, als die Edelsteine, die mit süßen[353]

Lichtstrahlen hold das sechste Licht erhöhn,
Die Engelsglocken wieder schweigen ließen,

19
Schien mir’s, es zeig’ in murmelndem Getön

Ein Fluß, von Fels zu Felsen niederfallend,
Wie reich sein Quell entstand auf Bergeshöh’n.

22
Und wie ein Ton, aus reiner Laute schallend,

An ihrem Hals sich formt, und wie der Wind
Durch’s Mundloch eindringt, die Schalmei durchhallend;

25
So hatte jener Murmelton geschwind

Sich bis zum Hals des Adlers aufgeschwungen,
Und drang, wie aus der Kehle süß und lind;

28
Und ward zur Stimm’, und, dort hervorgedrungen,

Ward er gebildet zum erwünschten Wort,
Und wohl behält mein Herz, was mir erklungen.[354]

31
„Den Theil in mir, der bei den Adlern dort

Die Sonn’ sieht und erträgt, schau’ an!“ so hoben
Die Wort’ itzt an und fuhren weiter fort:

34
„Denn von den Flammen, die mein Bild gewoben,

Stehn, die hier glänzen an des Auges Statt,
In allen Würden vor den andern oben.

[520]
37
Der, so den Platz des Augenapfels hat,

Des heil’gen Geistes Sänger war’s und brachte[355]
Die Bundeslade fort von Stadt zu Stadt.

40
Wie der, der ihn begeistert, seiner achte

Und seines Sangs, das kann er jetzo sehn,
Da Er dem Werth gleich die Belohnung machte.

43
Von fünf, die um mein Aug’ als Braue stehn,

Sieh nächst dem Schnabel den, der eh’mals Weile[356]
Dem Heer gebot auf einer Wittwe Flehn.

46
Wie, wer nicht Christo folgt zu seinem Heile,

Dies theuer büßt, das hat er nun erkannt
In dieser Wonn’ und in dem Gegentheile.

49
Der Nächst’ im Kreise, der mein Aug’ umspannt,[357]

Ist Jener, der den Tod auf fünfzehn Jahre
Durch wahre Reue von sich abgewandt.

52
Jetzt sieht er ein, daß der Unwandelbare

Den Rath nicht ändert, ob sein Urtheil sich,
Auf würd’ges Fleh’n, von heut’ auf morgen spare!

55
Der nachfolgt, führte das Gesetz und mich,[358]

Durch guten Sinn zur Unheilsthat bewogen,
Nach Griechenland, weil er dem Hirten wich.

[521]
58
Jetzt sieht er, daß, nach gutem Zweck gewogen,

Die That, ob sie in Trümmern euch begräbt,
Ihm dennoch nichts von seiner Wonn’ entzogen.

61
Sieh Wilhelm, wo der Bogen abwärts strebt,[359]

Ob dessen Tod des Landes Bürger weinen,
Das klagt, weil Karl und Friederich jetzt lebt.

64
Jetzt sieht er, Gott liebt zärtlich, als die Seinen,

Gerechte Fürsten, und, in Glanz erhellt,
Läßt er dies hier in frohem Blitz erscheinen.

67
Wer glaubt’ es in der wahnbefangnen Welt,

Daß Ripheus, den Trojaner, hier im Runde[360]
Des fünften Lichtes heil’ger Glanz enthält?

70
Jetzt hat er wohl von Gottes Gnade Kunde

Und siehet mehr, als eurer Welt sich zeigt,
Dringt auch sein Blick nicht bis zum tiefsten Grunde.“ – –[361]

73
Gleichwie die Lerche in die Lüfte steigt,

Erst singend flattert, aber dann, zufrieden,
Vom letzten süßen Ton gesättigt, schweigt:

76
So schien mir jenes Bild, durch das hienieden[362]

Der Abdruck ew’ger Wonnen zu uns spricht,
In deren Suchen jedem Ding beschieden

[522]
79
Das wahre Sein. – Barg ich auch minder dicht,[363]

Als Glas die Farb’, den Zweifel, litt er Schweigen
Und läng’res, stummes Harren dennoch nicht.

82
Er zwang dies Wort dem Munde zu entsteigen:

„„Was sah ich dort!““ durch seines Drangs Gewicht;
Drob ich sah Freudenfunkeln dort sich zeigen.

85
Daß ich in Staunen länger schwebe nicht,

Ließ sich der Aar vernehmen also gegen
Mich, und sein Aug’ durchglühte hell’res Licht:

88
„Ich sah, du glaubest dies, doch nur deswegen,

Weil ich’s gesagt, und siehest nicht das Wie?
Wie wir Verborgenes zu glauben pflegen,

91
Wie man der Sache Namen lernt, doch sie

Nicht kann nach ihrem Wesen unterscheiden,
Wenn nicht ein Anderer uns Licht verlieh.

94
Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden,[364]

Wenn Kraft der Lieb’ und Hoffnung es bekriegt,
Denn Gottes Wille wird besiegt von beiden;

97
Nicht wie ein Mensch dem Stärkern unterliegt,

Nein, Er siegt, denn er will sich ja ergeben,
Drob er, besiegt durch seine Güte, siegt.

[523]
100
Du staunst beim ersten und beim fünften Leben

In meiner Brau’, und nennst es wunderbar,
Daß beide hier in hellem Glanze schweben.

103
Als Christen, nicht als Heiden, starb dies Paar.

Der glaubt’ an’s Leiden, das schon eingetroffen,
Der Zweit’ an das, das noch zu dulden war.[365]

106
Der ist vom Höllenschlund, der nimmer offen

Zur Rückkehr war, zum Leib zurückgekehrt,
Und dies verdankt er nur lebend’gem Hoffen;

109
Lebend’gem Hoffen, das von Gott begehrt,[366]

Ihn zu befreien aus des Todes Banden,
Damit er lebe, wie das Wort gelehrt.

112
Und die ruhmwürd’ge Seele kehrt’ erstanden

Auf kurze Zeit zum Leib, und glaubt’ an Ihn,
Deß Allmacht auf ihr Flehn ihr beigestanden,

115
Und fühlte, glaubend, sich so hell erglühn

In wahrer Liebe, daß sie dieser Wonnen
Bei ihrem zweiten Tode werth erschien.

118
Der Zweit’, aus Gnade, die so tiefem Bronnen

Entquollen ist, daß nie die Creatur

[524]

Die Quell’ erspähen kann, wo er begonnen,

121
Weiht’ all sein Lieben einst dem Rechten nur,

Drum hob ihn Gott empor zu Gnad’ und Gnaden,
Und zeigt’ ihm künftiger Erlösung Spur.

124
Er glaubt’ an sie, und schalt sodann, entladen

Des Heidenthums, von seinem Stanke frei,
Die, so noch wandelten auf falschen Pfaden.

127
Anstatt der Taufe standen ihm die Drei,

Die du am rechten Rad im Tanz gesehen,[367]
Wohl tausend Jahre vor der Taufe bei.

130
O Gnadenwahl, wie tief verborgen stehen

Doch deine Wurzeln jenem Blick, der nicht
Vermag den Urgrund völlig zu erspähen!

133
Drum, Menschen, seid vorsichtig im Gericht,

Da wir nicht all’ die Auserwählten wissen,
Wir, die wir schau’n in Gottes ew’ges Licht.

136
Und süß ist uns auch das, was wir vermissen,

Da immer reiner draus das Heil entquillt,
Da dessen, was Gott will, auch wir beflissen.“ –

139
So reichte jenes gottgeliebte Bild,

Der schwachen Sehkraft Stärkung zu bereiten,
Mir Arzeneien, wundersüß und mild.

142
Und wie mit lieblichem Geschwirr der Saiten

Die guten Lautner guter Sänger Lied
Zu größ’rer Süßigkeit des Sangs begleiten,

145
So regt’, indeß der Adler mich beschied,

Der benedeiten Lichter Paar zusammen,[368]
Wie man zugleich die Augen blicken sieht,

148
Bei seinem Wort die hellen Wonneflammen.
_______________


[525]
Einundzwanzigster Gesang.
7) Saturn: die Heiligen des beschaulichen Lebens. Die Seelen bilden eine Himmelsleiter. Kein Gesang. – Schluß der Belehrung über die Gnadenwahl. – Damiani straft die üppige, hohe Geistlichkeit. Allgemeiner Weheruf der Seelen.

1
Schon heftet’ ich die Augen auf’s Gesicht

Der Herrin wieder, Augen und Gemüthe,
Und dachte drum an alles Andre nicht.

4
Sie lächelte mir nicht, doch sprach voll Güte:[369]

„Dafern ich lachte, würde dir geschehn
Wie Semelen, als sie in Staub verglühte.

7
Wenn meine Schönheit, (die, wie du gesehn,

Beim Steigen in dem ewigen Palaste
Sich mehr entflammt, je mehr wir uns erhöhn),

10
Sich deinem Blick nicht mäßigte, sie faßte

Dich wie ein Blitz – du wärst von ihr erdrückt,
Zerschmettert gleich dem blitzgetroffnen Aste.

13
Wir sind zum Glanz, dem siebenten, entrückt,[370]

Der vom Gebild des Himmels-Leu’n umgeben,
Aus seiner Glut den Strahl herniederzückt.

16
Laß jetzt den Geist, dem Blicke nach, sich heben;

Und deinen Blick – mach’ jetzt zum Spiegel ihn
Für’s Bild, das kund wird dieser Spiegel geben.“[371]

19
Wer wüßte, wie ihr Blick so selig schien,[372]
[526]

Wie er dem meinen ward zur süßen Weide,
Als sie gebot, ihn wieder abzuziehn,

22
O der erkennt’ auch wohl, mit welcher Freude,

Ich dem gehorcht, was Sie mir auferlegt,
Denn Wonne hielt das Gleichgewicht dem Leide.

25
In dem Krystall, der, um die Welt bewegt,[373]

Vom theuren Führer, unter dem entweichen
Die Bosheit mußte, noch den Namen trägt,

28
Erblickt’ ich einer Leiter schimmernd Zeichen,[374]

An Farbe gleich dem Gold, durchglänzt vom Strahl,
Hoch, daß zur Höh’ nicht Menschenblicke reichen.

31
Und auf den Sprossen stieg in solcher Zahl

Die Schaar der sel’gen Himmelslichter nieder,
Als ström’ hier alles Licht mit einem Mal.

34
Und wie, nach ihrer Art, die Kräh’n, wenn wieder

Der Tag beginnt, sich rasch bewegend ziehn,
Um zu erwärmen ihr erstarrt Gefieder,

37
Und die von dannen ohne Rückkehr fliehn,

Die rückwärts fliegen, andre dann, im Bogen
Dieselbe Stell’ umkreisend, dort verziehn:

40
So sah ich’s jetzt in jenem Glanze wogen,[375]

Der dort zugleich entströmt’, – bis daß die Flut
War zu gewissen Stufen hergezogen.

43
Und Einer glänzte, der, uns nah’, geruht,

Drum wollte schon dies Wort der Lipp’ entsteigen:

[527]

„Ich seh’ es wohl, du zeigst mir Liebesglut.“

46
Doch Sie, die mir zum Sprechen und zum Schweigen

Das Wie und Wann bestimmt, sie schwieg, und ich
That wohl, nicht fragend meinen Wunsch zu zeigen.

49
Doch sie erklärte wohl mein Schweigen sich,

In Ihm, der Alles sieht, mich klar erschauend,
Und sprach: „Still’ jetzt den heißen Wunsch und sprich!“

52
Und ich begann: „„Nicht dem Verdienste trauend,

Halt’ ich von dir mich einer Antwort werth;
Ich frag’, auf Sie, die mir’s gestattet, bauend:

55
O sel’ges Leben, das du schön verklärt

Dich in der Freude birgst, aus welchem Grunde
Hast du zu mir dich liebevoll gekehrt?

58
Und sage mir, weswegen diesem Runde

Die Paradieses-Symphonie gebricht,
Die tiefer dort erklang im frommen Bunde?““

61
Und Er: „Dein Ohr ist schwach, wie dein Gesicht;

Weshalb Beatrix nicht gelacht, deswegen
Ertönt der Sang in diesem Kreise nicht.

64
Ich kam von heil’ger Leiter dir entgegen,

Um mit der Red’ und mit dem Licht, das mir
Zum Kleide dient, dich freudig aufzuregen.

67
Und nicht aus größ’rer Liebe bin ich hier;

Nein, mehr und gleiche Liebe glüht in ihnen,
Die dorten sind, und Schimmer zeigt sie dir.

70
Doch höchste Liebe, die uns treibt, zu dienen

Dem ew’gen Rath, braucht, wen sie wählt, dabei,
Wie dir in dem, was du gesehn, erschienen.“[376]

73
„„Ich sehe wohl,““ sprach ich, „„daß Liebe, frei,
[528]

An diesem Hof den Schlüssen nachzugehen[377]
Der ew’gen Vorsehung, genügend sei.

76
Doch bleibt mir Eins noch schwierig zu verstehen:

Warum bist du von allen Jenen dort
Schon im Voraus zu diesem Amt ersehen?““

79
Noch war ich nicht gelangt zum letzten Wort,

Da drehte sich, sich um sich selber schwingend,
Das Licht im Kreis gleich einer Mühle fort.

82
„Da jenes Licht, dem Urquell selbst entspringend,“

Antwortete die Liebe drin, „mir scheint,
Das, welches mich in sich verschließt, durchdringend,

85
Hebt seine Kraft, mit meinem Schau’n vereint,

Mich über mich, so daß in seinem Schimmer
Das Ursein, das ihn ausströmt, mir erscheint.

88
Und daher kommt mein freudiges Geflimmer,

Denn wie des Blickes Klarheit sich vermehrt,
Vermehrt sich auch der Flammen Klarheit immer.[378]

91
Doch der, der sich im reinsten Licht verklärt,

Der Seraph selbst, der Gott am hellsten siehet,
Genügt dir nicht in dem, was du begehrt.

94
Denn in dem Abgrund ew’gen Raths umziehet

Das, was du fragtest, Nacht, die, nie erhellt,
Es jeglichem geschaffnen Blick entziehet.

97
Verkünde dies, zurückgekehrt, der Welt,

Und warne sie vor jenem stolzen Streben,
Das so Erhabnes sich zum Ziele stellt.

100
Licht hat den Geist hier, dorten Rauch umgeben;

Drum sieh, wie kann zum höchsten Ziel hinauf,
Das hier nicht klar wird, er sich dort erheben!“ –

103
Dies trug das Wort des Seligen mir auf,

Drum ließ ich demuthsvoll von diesen Fragen,
Und fragte nur nach seinem Lebenslauf.

106
„Zwischen Italiens beiden Küsten ragen

Felsberge, Tuscien nah’, so hoch empor,<ref>107. Gebirge, die Apenninen.

[529]

Daß unter ihren Höh’n die Wolken jagen.

109
In ihnen springt ein Bergeshöcker vor,

Catria genannt, und drunter liegt die Oede,[379]
Die Gott zu seinem ächten Dienst erkor.“

112
Also begann er seine dritte Rede,

Und fuhr dann fort: „Dort stärkt’ ich meine Kraft
Im Dienste so, daß ich der Speisen jede

115
Mit nichts mir würzt’, als mit Olivensaft;

Dort hat Beschauung mir in vielen Jahren
Bei Hitz’ und Frost Zufriedenheit verschafft.

118
Fruchtbare Felder für den Himmel waren

Im Klosterbann, jetzt wuchert Unkraut dort,
Und wohl geziemt sich’s, dies zu offenbaren.

121
Pier Damian war ich an jenem Ort.[380]

(Petrus Peccator lebt’ in unsrer lieben
Frau’n heil’gem Kloster an Ravenna’s Bord.)

124
Nur wenig Leben war mir noch geblieben,

Da rief, ja zog man mich zu jenem Hut,
Der jetzt zu schlimmen reizt und schlimmern Trieben.[381]

127
Petrus war mager einst und unbeschuht,

Paulus ging so einher in jenen Tagen
Und fand die Kost in jeder Hütte gut.

[530]
130
Die neuen Hirten, feist, voll Wohlbehagen,

Sieht man gestützt, geführt und schwer bewegt,
Und hinten läßt man gar die Schleppe tragen.

133
Wenn über’s Prachtroß sich ihr Mantel schlägt

Sind zwei Stück Vieh in einer Haut beisammen.
O göttliche Geduld, die viel erträgt!“ –

136
Hier stiegen von der Leiter viele Flammen

Und kreisten dort, so daß sie mehr und mehr
Bei jedem Kreis in schönem Lichte schwammen.

139
Sie stellten sich um jenen Schimmer her,

Mit einem Rufe von so lautem Schalle,
Daß nichts auf Erden tönt so laut und schwer.

142
Doch nichts verstand ich in dem Donnerhalle.
_______________

Zweiundzwanzigster Gesang.
Schluß. (Zweite) Weissagung der Kirchenreformation. Der heil. Benedikt. Strafrede wider (seinen) Orden, Klöster und Abteien. – Höheres Emporschweben zum Fixsternhimmel, zunächst in die Zwillinge, Dante’s Geburtsgestirn. – Dante blickt auf die durchlaufene Bahn und die arme Erde zurück.

1
Ich kehrte mich, vom Staunen überwunden,

Zu meiner Führerin, gleich einem Kind,
Das Hülfe sucht, wo’s immer sie gefunden.

4
Sie sprach, der Mutter gleich, die sich geschwind

Zum Knaben kehrt, der athemlos beklommen
In ihrer Stimme frischen Muth gewinnt:

7
„Bedenk’s, dich hat der Himmel aufgenommen,

Wo Alles heilig ist, wo heißem Drang
Gerechten Eifers, was geschieht, entglommen.

10
Wie dich mein Lächeln, wie dich der Gesang

Verwandelt hätten, wirst du jetzt verstehen,
Da jener Ruf dich so mit Graus durchdrang.

[531]
13
Verstündest du das drin enthalt’ne Flehen,[382]

So wäre dir die Rache schon erklärt,
Die du noch wirst vor deinem Tode sehen.

16
Von droben fällt zu frühe nicht das Schwert,

Und nicht zu spät, wie’s dem scheint, der mit Grauen
Es harrend fürchtet, oder es begehrt. –

19
Jetzt blicke nur auf Andres mit Vertrauen;

Sieh dortenhin: du wirst in großer Zahl
Dort hochberühmte sel’ge Geister schauen.“

22
Ich sah, den Blick gewandt, wie sie befahl,

Wohl hundert Kreise, welche Funken sprühten,
Verschönert von dem gegenseit’gen Strahl.

25
Wie auch in mir der Sehnsucht Stacheln glühten,

Doch wagt’ ich keine Frag’ und hieß sie ruhn,
Um vor zu großer Kühnheit mich zu hüten.

28
Die größte, hellste Perle nahte nun,[383]

Um jenem Wunsch, den sie in mir ergründet,
Mit süßem Liebeswort genug zu thun.

31
„Wenn du die Liebe säh’st, die uns entzündet,“

So sprach die Stimme jetzt aus jenem Licht,
„Du hättest, was du denkst, mir frei verkündet.

34
Doch horch, auf daß du, harrend, später nicht

Zum hohen Ziel gelangest, und ich deute
Dir, was zu fragen dir der Muth gebricht.

37
Des Berges Höh’, an dessen Abhang heute[384]
[532]

Cassino liegt, war einst Versammlungsort
Für viel Betrüger und betrogne Leute.

40
Der Erste nannt’ ich dessen Namen dort,

Der jene Wahrheit, die uns hoch erhoben,
Der Erde bracht’ in seinem heil’gen Wort.

43
Und solche Gnade glänzt’ auf mich von oben,

Daß ich das Land umher vom Dienst befreit,
Der mit verruchtem Trug die Welt umwoben.

46
Wer hier glänzt, lebt’ einst in Beschaulichkeit,

Und Keiner ließ in sich die Flamm’ erkalten,
Die Blüten treibt und heil’ge Frucht verleiht.

49
Sieh des Macar, des Romuald Lichtgestalten,[385]

Sieh meine Brüder, die im Klosterbann
Den Fuß gehemmt und fest das Herz gehalten.“

52
„„Dein liebevolles Wort,““ so hob ich an,

„„Und diese Freundlichkeit, die es begleitet,
Die ich an jedem Glanz bemerken kann,

55
Sie haben also mein Vertrau’n erweitet,

Wie Sonnenschein die Rose, welche sich
So weit sie kann, erschließet und verbreitet.

58
Und, so vertrauend, Vater, bitt’ ich dich,

Dich meinen Blicken unverhüllt zu zeigen,[386]
Ist solche Gnade nicht zu groß für mich.““

61
„Wenn so hoch,“ sprach er, „deine Wünsche steigen,

Beut dir der letzte Kreis Erfüllung dar.
Durch sie wird jeder Wunsch, auch meiner schweigen.[387]

64
Dort wird vollkommen, reif und ganz und wahr,[388]
[533]

Was nur das Herz ersehnt – und dort nur findet
Sich jeder Theil da, wo er ewig war,

67
Weil jener Kreis sich nicht im Raum befindet;

Doch unsrer Leiter Höh’ erreichet ihn,[389]
Daher sie also deinem Blicke schwindet.

70
Als sie dem Jacob einst im Traum erschien,

Sah er die Spitze bis zum Himmel streben,
Und drauf die Engel auf- und niederziehn.

73
Jetzt mag man nicht den Fuß vom Boden heben,

Um sie zu steigen, und bei Schreiberei’n[390]
Bleibt an der Erde träg’ mein Orden kleben.

76
Denn Räuberhöhlen sind, was einst Abtei’n,

Und ihrer Mönche weiße Kutten pflegen
Nur Säcke, voll von dumpf’gem Mehl, zu sein.

79
Kein Wucher ist so sehr dem Herrn entgegen,

Als jene Frucht, auf die die Mönch’ erpicht,[391]
Drob sie im Herzen solche Thorheit hegen.

82
Das, was die Kirche wahrt, gehört nach Pflicht

Den Armen nur zur Lind’rung der Beschwerden,
Nicht Vettern, noch auch schlechterem Gezücht.

85
Schwach ist des Menschen Fleisch, so, daß auf Erden[392]

Ein guter Urspung nicht genügen kann,
Bis Eichensprossen Eichenbäume werden.

[534]
88
Petrus fing ohne Gold und Silber an,

Und ich begann mit Fasten und mit Flehen,
Franz seinen Orden als ein nied’rer Mann.

91
Willst du nach eines Jeden Ursprung spähen,

Dann sehn, wie ihn verführt der Uebermuth,
So wirst du Schwarzes statt des Weißen sehen.

94
Traun! daß sich aufgethürmt des Meeres Flut[393]

Auf Gottes Wink, ist wunderbar zu finden,
Mehr, als die Hülfe, die euch nöthig thut.“ – –

97
Sprach’s, um mit seiner Schaar sich zu verbinden;

Zusammen drängte sich die Schaar und fuhr
Vereint empor, gleich schnellen Wirbelwinden.

100
Und ihnen nach, mit Einem Winke nur,[394]

Trieb mich die Herrin aufwärts jene Stiegen;
So zwang jetzt ihre Kraft mir die Natur.

103
Hienieden, wo bald sinkt, was erst gestiegen,

Giebt die Natur nie solche Schnelligkeit,
Daß sie vergleichbar ist mit meinem Fliegen.

106
So wahr ich, Leser, zu der Herrlichkeit

Einst kehren will, für die ich oft in Zähren
Den Busen schlag’ in Reu’ und tiefem Leid;

109
Du kannst in’s Feu’r den Finger thun und kehren[395]

So schnell nicht, als ich war im Sterngebild,
Das nach dem Stier durchrollt die Himmelssphären.

112
O edle Sterne, kraftgeschwängert Bild,

Dem das, was ich an Geist und Witz empfangen,
Sei’s wenig oder sei es viel, entquillt,

[535]
115
In euch ist auf-, in euch ist untergangen

Die Mutter dessen, was auf Erden lebt,[396]
Als mich zuerst Toskana’s Luft umfangen.

118
Als ich zum hohen Kreis, in dem ihr schwebt,[397]

Geführt von reicher Gnad’, emporgeflogen,
Da ward zu Theil mir, daß ich euch erstrebt.

121
Fromm seufz’ ich jetzt zu euch, seid mir gewogen!

Wollt Kraft zum schweren Pfade mir verleihn,
Der meine Seele ganz an sich gezogen!

124
„Zum letzten Heile führ’ ich bald dich ein,“

Sie sprach’s, die mich zu diesen Höhen brachte,
„Und scharf und klar muß jetzt dein Auge sein.

127
Darum, bevor du tiefer dringst, betrachte

Was unten liegt, und sieh, wie viele Welt
Ich unter deinem Fuß schon liegen machte,

130
Damit dein Herz, so viel es kann, erhellt,

Bereit sei, vor den Siegern zu erscheinen,
Die fröhlich sich in diesen Kreis gesellt.“

133
Durch alle sieben Sphären warf ich meinen

Blick nun zurück, und sah dies Erdenrund,
So, daß ich lächelt’ ob des niedern, kleinen.

136
Und jener Rath beruht auf gutem Grund,

Denn die dies Rund verschmähn in höherm Streben,
Nur ihnen wird die echte Weisheit kund.

139
Ich sah in Glut Latona’s Tochter schweben,[398]

Von jenem Schatten frei, der mir zum Wahn
Vom Dünnen und vom Dichten Grund gegeben.

142
Dich, strahlenreicher Sohn Hyperions, sahn[399]

Jetzt meine Blicke fest und ungeblendet,

[536]

Und um dich Maja’s und Dione’s Bahn;[400]

145
Dich sah ich, Zeus, der mäß’gen Schimmer spendet,[401]

Zwischen Saturn und Mars, auch ward mir klar,
Wie seinen Wechsellauf ein jeder wendet.

148
Wie groß die Sieben sind, ward offenbar,

Wie schnell sie sind, den Weltenraum durchreisend,
Auch stellte mir sich ihre Ferne dar.

151
Und mit dem ew’gen Zwillingspaare kreisend,

Sah ich das Plätzlein, das so stolz uns macht,[402]
Mir Land und Meer und Berg’ und Thäler weisend.[403]

154
Dann kehrt’ ich mich zu Ihrer Augen Pracht.
_______________

Dreiundzwanzigster Gesang.[404]
II. Abtheilung. 8) Im Fixsternhimmel, dem Kreis der Rose und Lilien, der Maria mit den Aposteln und Adam. – Dante’s innerer Fortschritt. – Christus, Maria zeigen sich.

1
Gleichwie der Vogel, der, vom Laub geborgen,

Im Nest bei seinen Jungen süß geruht,
Indeß die Nacht die Dinge rings verborgen,

[537]
4
Um zu erschauen die geliebte Brut

Und ihr zu bringen die willkommne Speise,
(Drob jede Müh’ des Suchens ihm dünkt gut),

7
Noch vor der Zeit, sobald am Himmelskreise

Aurora nur erschien, in Lieb’ entbrannt,
Der Sonn’ entgegenschaut vom offnen Reise [Aste];

10
So, aufmerksam, das Haupt erhebend, stand

Die Herrin nach dem Theil der Himmelsauen,[405]
Wo minder eilig Sol sich zeigt, gewandt.

13
Ich konnte harrend Sie und sehnend schauen,

Und war gleich dem, der Andres wohl begehrt,[406]
Doch freudig ist in Hoffnung und Vertrauen.

16
Und bald ward Schau’n für Hoffen mir gewährt,

Denn fort und fort sah ich den Glanz sich mehren,
Und sah den Himmel mehr und mehr verklärt.

19
Beatrix sprach: „Sieh in den sel’gen Heeren
[538]

Christi Triumph, und sieh gesammelt hier[407]
Die ganze Frucht des Rollens dieser Sphären!“

22
Als reine Glut erschien ihr Antlitz mir,

Als reine Wonn’ ihr Blick – und nimmer brächten
Die Wort’ hervor ein würdig Bild von Ihr.

25
Wie in des Vollmonds ungetrübten Nächten

Luna inmitten ew’ger Nymphen lacht,[408]
Die das Gewölb’ des Himmels rings durchflechten;

28
So über tausend Leuchten stand in Pracht

Die Sonne, so die Gluten all’ erzeugte,[409]
Wie unsre mit den Himmelsaugen macht.

31
Und, glänzend durch lebend’gen Schimmer, zeigte

Der Lichtstoff sich in solcher Herrlichkeit[410]
Mir im Gesicht, daß es, besiegt, sich neigte.

34
O Herrin! theures, himmlisches Geleit! –

Sie sprach zu mir: „Was hier dich überwunden,
Ist Kraft, vor der nichts Hülf’ und Schutz verleiht.

37
Hier ist’s, wo Weisheit sich und Macht verbunden;

Sie machten zwischen Erd’ und Himmel Bahn,
Nach welcher Sehnsucht längst die Welt empfunden.“

40
Wie wenn der Wolken Schooß sich aufgethan,

Die Feuer sich, sie sprengend, niedersenken

[539]

Und gegen ihren Trieb der Erde nahn;[411]

43
So rang mein Geist, von diesen Himmelstränken

Gestärkt, vergrößert, aus sich selber sich
Doch, wie ihm ward, wie könnt’ er deß gedenken?

46
Sieh auf, und wie ich bin, erschaue mich![412]

Durch das Erschaute hast du Kraft empfangen
Und nicht vernichtet mehr mein Lächeln dich.“

49
Ich war, wie Einer, dem sein Traum entgangen,

Und der, vom dunklen Umriß nur bethört,
Umsonst sich müht, die Bilder zu erlangen,

52
Als ich dies Wort, so werth des Danks, gehört,

Daß in dem Buch, das den vergangnen Dingen
Gewidmet ist, es keine Zeit zerstört.

55
Und möchten mit mir alle Zungen singen,

Die von der hohen Musen ganzer Schaar
Die reinste Milch zum Labetrank empfingen,

58
Doch stellt’ ich’s nicht zum Tausendtheile dar,

Wie hold ihr heil’ges Lächeln, wie entzündet
In lauterm Glanz ihr heil’ges Wesen war.

61
Und so, da’s Paradieses Lust verkündet,

Muß jetzo springen mein geweiht Gedicht,
Gleich dem, der seinen Weg durchschnitten findet.

64
Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht,

Und daß es schwache Menschenschultern tragen,
Der schilt mich, wenn ich drunter zittre, nicht.

67
Durch Wogen, die mein kühnes Fahrzeug schlagen,[413]

Darf sich kein Schiffer, scheu vor Noth und Mühn,
Darf sich kein kleiner, schwanker Nachen wagen.

70
„Was macht mein Blick dich so in Lieb’ entglühn,

Um nicht zum schönen Garten hinzusehen,
Wo unter Christi Strahlen Blumen blühn?

73
Die Rose siehe dort, in der’s geschehen,[414]
[540]

Daß Fleisch das Wort ward – sieh die Lilien dort,
Bei deren Duft wir gute Wege gehen.“

76
Beatrix sprach’s – ich aber, ihrem Wort

Gehorsam stets, erneute mit den matten
Besiegten Augen doch den Kampf sofort.

79
Wie ich besonnt oft sah beblümte Matten,

Besonnt vom Strahl aus einer Wolke Spalt,
Indeß bedeckt mein Auge war von Schatten;

82
So sah ich Schaaren dort, von Glanz umwallt,

Der, Blitzen gleich, auf sie von oben sprühte,
Doch sah ich nicht den Quell, dem er entwallt.

85
Du, die du ihn verströmst, o Kraft voll Güte,[415]

Du bargst dich in den Höh’n, so daß mein Sinn
Ertragen konnte, was dort strahlend blühte.

88
Der Name klang der Blumenkönigin,[416]

Nach der die Arme früh und spät sich breiten,[417]
Und zog mich ganz zum größten Feuer hin.[418]

91
Kaum malte sich in meinen Augen beiden

Die Größ’ und Glut des Sterns, den Strahl und Glanz[419]
Siegreich, wie hier einst, so jetzt dort umkleiden,

94
Da kam, gleich einer Kron’, ein Feuerkranz[420]

Vom Himmel her, die Blume zu bekrönen,
Umwand sie auch mit Strahlenkreisen ganz.

97
Was auch hienieden klingt von süßen Tönen,

Von Harmonie, die hold das Herz erweicht,

[541]

Scheint wie zerrißner Wolke Donnerdröhnen,

100
Wenn man’s mit jener Leier Ton vergleicht,[421]

Der Leier, den Saphir als Kron’ umgebend,[422]
Der zu des klarsten Himmels Schmuck gereicht.

103
„Ich bin die Engelslieb’; im Kreise schwebend,

Und von der Lust, die uns der Leib gebracht,[423]
Der unser Sehnen aufnahm, Kunde gebend,

106
Werd’ kreisen ich, solang in höh’rer Pracht,[424]

Weil, Herrin, du dem Sohn dich nachgeschwungen,
Bei deinem Nahn die höchste Sphäre lacht.“

109
Hier war des Kreises Melodie verklungen.

Maria! tönt’ es aus dem andern Licht[425]
Mit einem Klang, doch wie von tausend Zungen.

112
Der Königsmantel, der die Stern’ umflicht,[426]

– Entglüht in lebensvollstem Strahlenbrande
In Gottes Hauch und Strahlenangesicht –

115
War über uns mit seinem innern Rande

So weit entfernt, daß er noch nicht erschien,
Noch nicht erkennbar war von meinem Stande.

118
Drum war dem Auge nicht die Kraft verliehn,

Um, als sie sich erhob zu ihrem Sprossen,
Der Flamme, der bekrönten, nachzuziehn.

[542]
121
Und wie das Kindlein, wenn’s die Milch genossen,

Zur Brust, aus der es trank, die Arme reckt,
Von Liebesglut auch außen übergossen;

124
So sah ich hier, die Flamm’ emporgestreckt,

Jedweden Glanz; so ward sein innig Lieben
Zur hohen Jungfrau-Mutter mir entdeckt,

127
Worauf sie noch mir im Gesichte blieben,

Als ihr Regina coeli! mir erscholl
Im Sang, deß Lust mir keine Zeit vertrieben.

130
O wie sind dorten doch die Scheuern voll

Von reicher Frucht, die Jeder, der hienieden
Gut ausgesä’t, in Lust genießen soll.

133
Dort lebt bei solchem Schatz in sel’gem Frieden,

Der weinend ihn erlangt in Babylon,
Und sich im Bann vom Erdengut geschieden;

136
Dort triumphiret unter’m hohen Sohn

Der Jungfrau und des Herrn, und mit dem alten
Und neuen Bund, so nah’ dem ew’gen Thron,

139
Er, der die Schlüssel solchen Reichs erhalten.[427]
_______________

Vierundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Petrus examinirt (belehrt) den Dante über den Glauben. Des Dichters Glaubensbekenntniß.

1
„O auserwählte Tischgenossenschaft

Beim großen Mahl des Lamms, das solcherweise
Euch speiset, daß euch’s volle Gnüge schafft!

4
Wenn Der, durch Gottes Huld, sich an der Speise,

Die eurem Tisch entfällt, vorkostend stillt,
Eh’ ihn der Tod beschwingt zur letzten Reise,

7
So denkt, wie seine Brust vor Sehnen schwillt;

Netzt ihn mit eurem Thau – euch letzt die Quelle,
Der Alles, was er sinnt und denkt, entquillt.“

10
Beatrix sprach’s – wie um des Poles Stelle
[543]

Sich Sphären drehn, so jene Sel’gen nun,
Flammend, Kometen gleich, in Glut und Helle!

13
Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder thun –

In voller Eil’ zu fliegen scheint das letzte,
Das erste scheint, wenn man’s beschaut, zu ruhn –

16
Also verschieden in Bewegung setzte

Sich jeder Kreis, drob, wie er sich erwies[428]
Schnell oder träg’, ich seinen Reichthum schätzte.

19
Und aus dem Kreis, den ich den schönsten pries,

Sah ich ein so beseligt Feuer schweben,
Daß es nichts Klareres drin hinterließ.

22
Um Beatricen schwang dies heil’ge Leben

Sich erst dreimal, und Sang entquoll dem Licht,
Den keine Phantasie kann wiedergeben.[429]

25
Drum springt die Feder hier und schreibt es nicht,

Weil, wo der Phantasie die Kraft benommen,[430]
Sie noch weit mehr dem armen Wort gebricht.

28
„O heil’ge Schwester, die du in so frommen

Gebeten flehst, durch deine Liebesglut
Bin ich aus schönerm Kreis herabgekommen!“

31
Nachdem das heil’ge Feu’r im Tanz geruht,

Wandt’ es den Hauch zur Herrin mit den Worten,
Die mein Gedicht euch kund hier oben thut.

34
„O ew’ges Licht des großen Manns, dem dorten“

– Sie sprach’s – „der Herr die Schlüssel ließ, die Er
Hinabgebracht, zu dieses Reiches Pforten,

37
Prüf’ ihn mit ein’gen Fragen, leicht und schwer,

Wie dir’s gefällt, ob jener Glaub’ ihm eigen,
Durch welchen du gegangen auf dem Meer.[431]

[544]
40
Ob er recht liebt, recht hofft und glaubt – verschweigen

Kann er dir’s nicht, denn dort ist dein Gesicht,[432]
Wo abgemalt sich alle Dinge zeigen.

43
Doch weil man hier durch wahren Glaubens Licht[433]

Zum Bürger wird, so wird es Früchte tragen,
Wenn er mit dir zu dessen Preise spricht.“[434]

46
Gleichwie der Baccalaur, des Meisters Fragen[435]

Erwartend, stillschweigt, denn er rüstet sich,
Entscheidung nicht, doch den Beweis zu wagen;

49
So rüstet’ ich mit jedem Grunde mich,

Indeß sie sprach, daß schnell und wohlerfahren
Ich red’, wenn solcher Meister spräche: Sprich!

52
„Sprich, guter Christ, um dich zu offenbaren:

Was ist der Glaub’?“ – Ich hob die Stirne schnell
Zum Lichte, dem entweht die Worte waren.

55
Zur Herrin blickt’ ich dann, die, froh und hell,

Mir Winke gab, die Flut hervorzulassen,
Wie sie entströmte meinem innern Quell.

58
„„Die Gnade,““ sprach ich , „„die mich zugelassen

Zur Beichte bei der Streiter hohem Hort,[436]
Sie lasse recht mich meine Antwort fassen.

61
Die Wahrheit, Vater,““ also fuhr ich fort,

„„Hab’ ich in deines Bruders Buch getroffen,[437]

[545]

Der Rom bekehrt hat durch sein heilig Wort.

64
Glaub’ ist Substanz deß, was wir fröhlich hoffen,

Ist der Beweis von dem, was wir nicht sehn.
Und hierin zeigt sich mir sein Wesen offen.““

67
„Wohl richtig denkst du,“ hört’ ich’s jetzo wehn,

„Wenn du den Grund erkennst. Darum verkünde:
Was mocht’ er bei Substanz, Beweis verstehn?“

70
Drauf ich: „„Die Dinge, die ich hier ergründe,

Die ihres Anblicks Wonne mir verleihn,
Sind so versteckt dem Blick im Land der Sünde

73
Daß dorten nur im Glauben ist ihr Sein,

Auf welchen wir die hohe Hoffnung bauen,
Drum ist er die Substanz davon allein.

76
Auch muß dann, ohn’ auf Anderes zu schauen,

Vom Glauben aus nur folgern der Verstand;
Drum muß man ihm auch als Beweise trauen.““

79
Ich hörte drauf: „Würd’ Alles so erkannt,

Was dort auf Erden die Gelehrten lehren,
So wäre der Sophisten Witz verbannt.“

82
Den Hauch ließ jene Liebesglut mich hören,

Und fuhr dann fort: „Fürwahr, ich sehe dich[438]
Die Münz’ als echt in Schrot und Korn bewähren.

85
Doch hast du wohl sie auch im Beutel? Sprich!“

Und ich drauf: „„Ja, so hell und so geründet,
Daß beim Gepräg nie Zweifel mich beschlich.““

88
Da sprach es aus dem Licht, dort hell entzündet:

„Wie ward dies theure Kleinod dein, dies Gut,[439]
Auf welches sich jedwede Tugend gründet?“

91
Und ich: „„Des heil’gen Geistes Regenflut

Die sich so reich auf’s Pergament ergossen,[440][441]

[546]

Das kund den alten Bund und neuen thut,

94
Sie ist der Grund, aus dem ich es geschlossen,

So scharf, daß anderer Beweis und Grund
Mir stumpf erscheint wie Tand und leere Possen.““

97
Ich hörte drauf: „Der alt’ und neue Bund,

Durch den dein Geist, so folgernd, dieses dachte,
Wie wurden sie als Gottes Wort dir kund?

100
Und ich: „„Das, was mir klar die Wahrheit machte,

Die Werke sind’s, von der Art, daß Natur[442]
Sie nie hervor in ihrer Werkstatt brachte.““

103
Drauf klang’s: „Wo aber ist die klare Spur,[443]

Daß sie geschehn? Dies wäre zu bewähren,
Da’s Niemand dir bezeugt mit sicherm Schwur.“ –

106
„„Daß ohne Wunder sich zu Christi Lehren

Die Welt bekehrt – dies Wunder schon bezeugt’
Die Wahrheit sichrer, als wenn’s hundert wären.

109
Denn du betratest arm und tiefgebeugt

Das Feld, den guten Samen drein zu bringen,
Der einst die Reb’ und jetzt den Dorn erzeugt.““[444]

112
Ich sprach’s und hörte durch die Sphären klingen

Der Sel’gen Lied: Herr Gott, dich loben wir!
In Melodien, wie sie nur Jene singen.

115
Und jener Herr, der Zweig um Zweig mit mir

Emporklomm, und mich prüfend also führte,
Daß ich erreicht’ des Gipfels Höhe schier,

118
Sprach weiter: „Wie dein Herz die Gnade rührte,

Erschloß sie dir den Mund auch wundersam,
Drum öffnet’ er sich jetzt, wie sich’s gebührte;

121
Drum billigt’ ich, was ich aus ihm vernahm.[445]
[547]

Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,
Und auch woher dir dieser Glaube kam.“ –

124
„„O Heil’ger,““ sprach ich, „„der du hier gefunden,

Was du so fest geglaubt, daß du den Fuß[446]
Des Jüngern einst am Grabmal überwunden,

127
In meinem Wort soll, dies ist dein Beschluß,

Auch meines Glaubens Form dir klar erscheinen,
So auch, warum ich also glauben muß.

130
So hör’: Ich glaub’ an Gott den Ew’gen, Einen,[447]

Der, unbewegt, des Himmels All bewegt
Durch Lieb’ und Trieb zu Ihm, dem Ewig-Reinen.

133
Und nicht Vernunft nur und Natur erregt

Den Glauben mir und giebt mir die Beweise;
Die Offenbarung auch, so dargelegt

136
Moses, Propheten, Davids Sangesweise,

Das Evangelium, und was Ihr, vom Schein
Des Geist’s erleuchtet, schriebt zu Gottes Preise.

139
Ich glaub’ an drei Personen, Eins in Drei’n,

Dreifach in Einem Wesen, Einem Leben,
Und „ist“ und „sind“ gestattet ihr Verein.[448]

142
Von dieser Gotteswesenheit, die eben[449]

Mein Wort berührt, hat meinem innern Sinn
Das Evangelium den Beweis gegeben;

145
Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn,[450][451]
[548]

Die dann lebendig in mir aufgestiegen,
Der Stern, von welchem ich erleuchtet bin.“

148
So wie der Herr, erst horchend mit Vergnügen,

Für gute Nachricht in der Freude Drang
Zuletzt den Knecht umarmt, wenn er geschwiegen;

151
Also das Licht, das dreimal mich umschlang,

Als ich geendet, was es mir befohlen,
Mich segnend mit dem himmlischen Gesang.

154
So hatte, was ich sprach, mich ihm empfohlen.
_______________

Fünfundzwanzigster Gesang.
Im Fixsternhimmel. Fortsetzung. Dante über sein Gedicht; Hoffnung auf Rückkehr nach Florenz und Dichterkrönung. – Jacobus examinirt ihn über die christl. Hoffnung. – Johannes erscheint. Beatrix verschwindet einige Zeit.

1
Zwäng’ einst dies heil’ge Lied, zu dem die Erde,[452][453]

Zu dem der Himmel mir den Stoff gereicht,
Durch das auf lang’ ich blaß und mager werde,

[549]
4
Die Grausamkeit, die mich von dort verscheucht,[454]

Wo ich, ein Lamm, geruht in schöner Hürde,
Jedwedem Wolfe feind, der sie umschleicht,

7
Mit anderm Ton und Haar, als Dichter, würde[455]

Ich kehren, und am Taufquell dort empfahn
Im Lorbeerkranz der Dichtung höchste Würde.

10
Denn dort betrat ich jenes Glaubens Bahn,

Durch welchen Gott bekannt die Seelen werden,
Für den mit Petri Licht die Stirn umfahn. –

13
Da naht’ ein Licht mir aus derselb’gen Heerden,

Aus der der Erste derer vorgewallt,[456]
Die Christ als Stellvertreter ließ auf Erden.

16
Beatrix sprach, umstrahlt die Lichtgestalt

Von neuer Lust: „Sieh Ihn, sich zu uns neigend,
Den Herrn, für den man nach Gallizien wallt.“[457]

19
Wie wenn die Taub’, aus hohen Lüften steigend,[458]

Zur Taube fliegt, wie sich das Paar umkreist,
Und fröhlich girrt, die heiße Liebe zeigend;

22
So war’s, wie jetzo der und jener Geist

Der hohen Fürsten freudig sich empfingen,
Lobend die Kost, die man dort oben speist.

25
Dann standen nach dem Freudentanz und Singen

Die beiden Lichter schweigend vor mir dort,

[550]

So feurig, daß die Augen mir vergingen

28
Und selig lächelnd fuhr Beatrix fort:

„Der du geschrieben hast, erlauchtes Leben,[459]
Was gut sei, komm’ allein von diesem Ort,

31
O laß dein Wort die Hoffnung hier erheben;

Du stellst ja, wie du weißt, so oft sie vor,[460]
Als Jesus sich den Dreien kund gegeben.“

34
„Du, fasse Muth – das Antlitz heb’ empor![461]

An unserm Strahl muß reifen der Beglückte,
Der von der Erde kommt zum sel’gen Chor.“

37
Als so das zweite Feuer mich erquickte,

Hob ich die Augen zu den Bergen auf,[462]
Vor deren Last ich erst das Antlitz bückte.

40
„Läßt unsers Kaisers Gnade deinen Lauf,[463]

Bevor du stirbst, zu seinem Hofe gehen,

[551]

Führt er zu seinen Grafen dich herauf,

43
Um, wenn du hier das Wahre klar gesehen,[464]

Die Hoffnung, draus euch dort die Lieb’ erblüht,
In dir und Andern heller anzuwehen,

46
So sage, was sie ist? wie dein Gemüth

Von ihr erblüht? woher du sie entnommen?“
Das zweite Feuer sprach’s, in Licht entglüht.

49
Und Sie, durch die in mir die Kraft entglommen

Zum hohen Flug, war mit der Antwort schon
In diesen Worten mir zuvorgekommen:

52
„Die Kirche, die da kämpft, hat keinen Sohn[465]

Von stärkrer Hoffnung – also zeigt’s geschrieben
Die Sonn’ auf unsres Freudenreiches Thron.[466]

55
Drum aus Aegypten, nach des Herrn Belieben,[467]

Kommt er nach Zion, wo das Licht ihm tagt,
Eh’ ihm des Kampfes Ende vorgeschrieben.

58
Zwei andre Punkt’, um die du ihn befragt,

Nicht um zu wissen, nein, damit er sage,
Wie diese Tugend hier noch dir behagt,

61
Lass’ ich ihm selbst; denn nicht, wie jene Frage,

Sind sie ihm schwer, nicht Reiz zur Prahlerei;
Und helf’ ihm Gott, daß er sie würdig sage.“

[552]
64
Dem Schüler gleich, der seinem Meister frei

Entgegenkommt, und freudig und besonnen,
Daß, was er weiß, kund in der Antwort sei,

67
Sprach ich: „„Die Hoffnung ist der künft’gen Wonnen[468]

Erwartung und gewisse Zuversicht,
Durch Gnad’ und früheres Verdienst gewonnen.

70
Von vielen Sternen kam mir dieses Licht;

Der höchste Sänger macht es mir entbrennen,[469]
Der im Gesang vom höchsten Horte spricht.““

73
„O, alle die, so deinen Namen nennen,

Hoffen auf dich“ – so sang der Gottesmann –
„Und wer, der glaubt, wie ich, sollt’ ihn nicht kennen?

76
Du träufeltest mir seine Tropfen dann

In’s Herz durch deinen Brief mit solchem Regen,
Daß ich die Flut auf Andere gießen kann.“[470]

79
Indem ich sprach, sah ich’s im Licht sich regen,

Und wie ein Blitz, schnell und vom Glanz umsprüht,
Mit zitterndem Gefunkel sich bewegen.

82
„Die Liebe,“ weht’ es, „die mich noch durchglüht

Für jene Tugend, welche mir durch’s Grauen
Des Kampfs gefolgt, bis mir die Palm’ erblüht,

85
Heißt mich durch sie dich letzen und erbauen,

Und gern vernehm’ ich dieses noch von dir:
Auf was heißt deine Hoffnung dich vertrauen?“

88
„„Die alt’ und neuen Schriften zeigen mir,““

Sprach ich, „„das Ziel, das denen Gott bescheidet,[471]

[553]

Die ihn geliebt, und dieses seh’ ich hier.

91
Jesajas zeigt’, vom Doppelkleid bekleidet,[472]

Sie All’ in ihrem Land – und dieses Land
Das süße Leben ist’s, das hier euch weidet.

94
In denen, so, die Palmen in der Hand,[473]

In weißen Kleidern vor dem Lamme stehen,
Macht’s klarer noch dein Bruder mir bekannt.“ –

97
Kaum das ich schloß, erscholl es aus den Höhen:

Ihr Hoffen sei auf dich! – und aus dem Tanz
Der Sel’gen hört’ ich die Erwied’rung wehen. – –

100
Dann zwischen beiden drin entglüht’ ein Glanz,[474]

So hell, daß, wär’ dem Krebs ein solcher eigen,[475]

Es würd’ ein Wintermond zum Tage ganz.
103
Wie froh aufsteht und geht und in den Reigen

Die Jungfrau tritt, aus eitelm Triebe nicht,
Nur dem Verlobten Ehre zu erzeigen;

106
So schwebte zu den Zwei’n das neue Licht,

Die ich so eilig in lebend’gem Kreise
Sich schwingen sah, wie’s heißer Lieb’ entspricht.

109
Einstimmt’ es zu dem Lied und zu der Weise;

Und, gleich der Braut, sah sie die Herrin an,
Stillschweigend, unbewegt, bei solchem Preise.

[554]
112
„Er ruht’ am Busen unsers Pelikan;[476]

Ihn hat der Herr zur großen Pflicht erlesen,[477]
Als er den Martertod am Kreuz empfahn.“

115
Sie sprach’s; ihr Blick war wie er erst gewesen;[478]

Nicht mehr Aufmerksamkeit war jetzt darin,
Als erst, bevor sie dies gesagt, zu lesen.

118
Wie der, der nach dem Sonnenrande hin,

Der sich verfinstern soll, die Blicke sendet,
Vor lauter Sehn verliert des Auges Sinn;

121
So stand ich, zu dem letzten Glanz gewendet.

Da klang es: „Was nicht ist an diesem Ort,
Was suchst du’s hier, und stehst drum hier geblendet?

124
Mein Leib ist jetzt noch Erd’ auf Erden dort,

Und bleibt’s mit Andern, bis die sel’gen Schaaren
Die Zahl erreicht, gesetzt vom ew’gen Wort.

127
Zum Himmel sind zwei Lichter nur gefahren,[479]

Bekleidet mit dem doppelten Gewand:
Und dieses laß einst deine Welt erfahren.“

130
Als dieses Wort gesprochen war, da stand[480]

Der Kreis der Flammen still, sammt dem Gesange,

[555]

Zu welchem sich dreifaches Wehn verband,

133
Gleichwie nach Müh’n und schwerem Wogendrange

Die Ruder, so die Flut durchwühlt, zugleich
Allsämtlich ruhn bei einer Pfeife Klange.

136
Ach, wie ward ich vor Angst und Sorge bleich,

Als ich mich nun zu Beatricen kehrte,
Und, zwar ihr nah’ und im beglückten Reich,

139
Doch sie nicht sah, die ich zu sehn begehrte.[481]
_______________

Sechsundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. – Dante ist erblindet. Johannes examinirt ihn über die Liebe. Sein Augenlicht kehrt zurück, er sieht wieder Beatrix – dann Adam. Ueber die Zeit seit seiner Erschaffung, seinen Aufenthalt im Paradies, den Sündenfall und die menschl. Sprache.

1
Ob des erloschnen Augenlichts voll Gram,

Hört’ ich ein Wehn aus jener Flamme kommen,[482]
Die mir’s verlöscht, und horcht’ ihm aufmerksam.

4
Es sagte: „Bis das Licht, das dir verglommen

In meinem Schimmer ist, dir wiederkehrt,
Wird Sprechen zum Ersatz des Schauens frommen.

7
Drum sprich: Was ist es, das dein Herz begehrt?[483]
[556]

Und möge deinen Muth der Trost erheben:
Dein Aug’ ist nur verwirrt und nicht zerstört;

10
Denn Sie, die dich geführt in’s höh’re Leben,

Hat jene Kraft im Blicke, die der Hand
Des Ananias unser Herr gegeben.“

13
„„Sie helfe dann, wann sie’s für gut erkannt,““

Sprach ich, „„den Augen, die ihr Pforten waren,
Als sie, einziehend, ewig mich entbrannt.

16
Das Gut, das froh macht dieses Reiches Schaaren,[484]

Das A und O der Schriften ist’s, die hier
Mir Lieb andeuten, dort sie offenbaren.““

19
Dieselbe Stimm’ erklang – wie sich an ihr

Mein Muth, als ich mich blind fand, aufgerichtet,
Gebot sie jetzo weit’res Sprechen mir.

22
„Durch eng’res Sieb sei, was du meinst, gesichtet,

Und klarer sei von dir noch dargelegt,
Was dein Geschoß auf solches Ziel gerichtet.“ –

25
„„Durch das, was Weltweisheit zu lehren pflegt,““

Versetzt’ ich, „„und durch Himmels-Offenbarung
Ward solche Liebe mir in’s Herz geprägt;

28
Je mehr ein Gut, so weit es die Erfahrung

Uns kennen lehrt, der Güt’ in sich enthält,
Je stärker giebt’s der Liebesflamme Nahrung.

31
Das Wesen drum, so gut, daß, was der Welt

Sich außer ihm noch als ein Gut verkündet,
Ein Strahl nur ist, der seinem Licht entfällt,

34
Dies ist es, das die höchste Lieb’ entzündet.

Und wohl erkennt es liebend jeder Geist,
Der jene Wahrheit kennt, die dies begründet;

37
Und Jener, der die erste Liebe preist,
[557]

Der in der ew’gen Engel Herz entglühte,
Ist’s, der die Wahrheit klärlich mir beweist.[485]

40
Gleichfalls versichert sie mir im Gemüthe,

Der einst zu Moses sprach, der wahre Hort:
Dein Angesicht schau’ alle meine Güte.

43
Du prägst sie ein auch, hohes Heroldswort

Beginnend vom Geheimniß dieser Sphären.
Lauter, als Andres tönt’s auf Erden fort:““

46
Da sprach’s: „Nach menschlichen Verstandes Lehren,

Und höherm Wort, das beistimmt dem Verstand,
Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren.

49
Doch fühlst du nicht noch manches andre Band[486]

Zu ihm dich ziehn? Du sollst mir jedes nennen,
Mit welchem diese Liebe dich umwand.“

52
Nicht war der heil’ge Wille zu verkennen
[558]

Des Adlers Christi, ja, ich sah, wohin[487]
Er mich gelenkt zum weiteren Bekennen.

55
Und wieder sprach ich: „„Was nur Herz und Sinn

Hinlenkt zu Gott, erzeugt hat’s im Vereine
Die Lieb’, in welcher ich entzündet bin.

58
Denn durch des Weltalls Dasein und das meine,

Und durch den Tod deß, der mich leben macht,
Durch das, was hofft die gläubige Gemeine,

61
Nächst der Erkenntniß, deren ich gedacht,

Bin ich dem Meer der falschen Lieb’ entgangen
Und an der echten Liebe Strand gebracht.

64
Die Blätter all’ auch, die im Garten prangen

Des ew’gen Gärtners, liebe ich so sehr,
Als Gutes sie aus seiner Hand empfangen.““

67
Ich schwieg – und durch die Himmel, süß und hehr,

Hört’ ich der Herrin Sang und Aller klingen,
Erschallend: Heilig, heilig, heilig Er! –

70
Und, wie wir uns dem schweren Schlaf entringen

Beim scharfen Licht, das unsre Sehkraft weckt,
Wenn uns von Haut zu Haut die Strahlen dringen,[488]

73
Und, was er sieht, den jäh Erwachten schreckt,

Der sich noch nicht besinnt, vom Schlafe trunken,
Bis der Verstand die Wahrheit ihm entdeckt:

76
So war die Decke meinem Aug’ entsunken[489]

Vor Beatricens Strahlenangesicht,
Auf tausend Meilen streuend Glanzesfunken.

79
Drum sah ich klar, wie vorhin nimmer nicht,

Und fragte staunend noch und kaum besonnen,
Nach einem vierten uns gesellten Licht.

82
„Aus diesen Strahlen schaut in Liebeswonnen,“
[559]

Sprach Sie, „zum Schöpfer hin der erste Geist,[490]
Deß Dasein durch die erste Kraft begonnen.“

85
Gleichwie der Baum, an dem der Sturmwind reißt,

Den Gipfel beugt, dann, wenn der Sturm vergangen,
Sie wieder hebt, wie inn’re Kraft ihn heißt;

88
So that jetzt ich, der – als Sie sprach, befangen,

Erstaunt, gebückt – jetzt in die Höhe fuhr,
Denn mich erhob nun Sprechlust und Verlangen.

91
Ich sprach: „„O Frucht, die als die einz’ge nur

Schon reif entstand, o alter Vater, sage,
Du, dem, was Weib heißt, Tochter ist und Schnur,

94
Sag’ an, was ich dich fromm zu bitten wage;

Du siehst ja, welchen Wunsch die Seele hegt,
Und schneller hör’ ich, wenn ich dich nicht frage.““

97
Wie unter Decken oft ein Thier sich regt,[491]

Wodurch wir seinen innern Trieb erfahren,
Weil die Verhüllung sich ihm nachbewegt;

100
So ließ durch ihre Hülle jetzt gewahren

Die erste Seele, wie so froh sie war,
Mir das, was ich gewünscht, zu offenbaren.

103
„Dein Sehnen,“ weht’ es, „nehm’ ich besser wahr,

Magst du’s auch nicht bekennen und gestehen,
Als du, was noch so sicher ist und klar.

106
Im wahren Spiegel kann ich es erspähen,[492]

Der jedes Dinges Bildniß in sich faßt,
Doch seines läßt in keinem Dinge sehen.

109
Du fragst: wie viel der Zeitraum wohl umfaßt,

Seit Gott mich in den hohen Garten setzte,[493]
Aus dem du dich mit Ihr erhoben hast?

112
Wie lange mir sein Reiz die Augen letzte?

Was eigentlich den großen Zorn erweckt?

[560]

Und welche Sprach’ ich mir zusammensetzte?

115
Mein Sohn, nicht daß ich jene Frucht geschmeckt,[494]

War Grund des Zorns an sich – daß ich entronnen
Den Schranken war, die mir der Herr gesteckt.

118
Mich hat viertausend und dreihundert Sonnen[495]

Und zwei im Höllenvorhof sonder Qual
Sehnsucht erfüllt nach diesen Himmelswonnen.

121
Auch sah ich, daß neunhundert dreißig Mal

Zu jedem Sterngebild die Sonne kehrte,
Indeß ich lebt’ in eurem Erdenthal.

124
Die Sprache, die ich einst gesprochen, hörte[496]

Schon vor dem Bau auf, der, wie schwach die Kraft
Des Menschen sei, das Volk des Nimrod lehrte.

127
Denn was nur irgend die Vernunft erschafft,

Ist, weil die Neigung nach der Sterne Walten
Zu wechseln pflegt, nur wenig dauerhaft.

130
Die Sprache habt ihr von Natur erhalten,

Allein so oder so – euch läßt hierin
Sodann Natur nach Gutbedünken schalten.

133
Eh’ ich zur Hölle sank, im Anbeginn

Hieß El das höchste Gut, an dem entglommen[497]
Der Glanz, mit welchem ich umkleidet bin.

136
Den Namen Eli hat man drauf vernommen,
[561]

Weil Menschenbrauch sich gleich den Blättern zeigt,
Von welchen jene gehn, wenn diese kommen.

139
Auf jenem Berge, der am höchsten steigt,[498]

Hab’ ich, rein und befleckt, mich sieben Stunden
Von früh, bis wieder sich die Sonne neigt,

142
Wenn sie im zweiten Viertheil steht, befunden.“
_______________

Siebenundzwanzigster Gesang.
8) Schluß. Paradiesischer Lobgesang. Petri machtvolle Strafrede gegen Papstthum und Kirche; Weissagung des Rächers. Er verschwindet. – 9) Zum Krystallhimmel, dem primum mobile und Sitz der Engel. – Beatrix über die Verkehrung der Weltordnung und allgemeine Entartung der Zeit. Wiederholte Weissagung des Erretters.

1
Dem Vater, Sohn und heil’gen Geiste sang

Das ganze Paradies; Ihm jubelt’ Alles,
So daß ich trunken ward vom süßen Klang.

4
Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,[499]

Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

7
O Lust! o unnennbare Seligkeit!

O friedenreiches, lieberfülltes Leben!
O sichrer Reichthum sonder Wunsch und Neid!

10
Ich sah vor mir die Feuer glühend schweben,

Und das der Vier, das erst gekommen war,[500]
Sah ich in höherm Glanze sich beleben.

13
Und also stellt’ es sich den Blicken dar,
[562]

Wie Jupiter, nähm’ man an seinen Gluten
Das hohe Roth des Marsgestirnes wahr.

16
Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,

Deß Vorsicht dort vertheilet Pflicht und Amt,[501]
Daß aller Sel’gen Wonnechöre ruhten.

19
Da hört’ ich: „Siehst du röther mich entflammt,[502]

So staune nicht – bei meinen Worten werden
Sich diese hier entflammen allesamt.

22
Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,[503]

Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt jetzt wacht
Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Heerden,

25
Hat meine Grabstatt zum Kloak gemacht[504]

Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen[505]

[563]

Einst von hier oben fiel, dort unten lacht.“

28
Wie früh und Abends sich die Wolken malen,

Die grad’ der Sonne gegenüberstehn,
So sah ich jetzt den ganzen Himmel strahlen.

31
Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,[506]

Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,
Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehen:

34
So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;[507]

Und so verfinstert, glaub’ ich, wie Sie dort,
War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.

37
Er aber fuhr in seiner Rede fort,

Und wie verwandelt war der heitre Schimmer,
So war verwandelt auch das heil’ge Wort:

40
„Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer[508]

Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt,
Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,

43
Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt,

Dem hat des Sixt und Pius Blut gegolten,
Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.

46
Das war’s nicht, was wir von den Folgern wollten,[509]

Daß sie um sich das Christenvolk getrennt
Zur Rechten und zur Linken setzen sollten.

49
Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt,

Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,
Womit man gegen Mitgetaufte rennt.

[564]
52
Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,[510]

Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt,
Drob ich erröth’ und glüh’ in diesen Höhen.

55
Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt,

Raubgier’ge Wölfe dort die Heerden hüten.
O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt!

58
Und Caorsiner und Gascogner brüten[511]

Schon Tücken aus, voll Gier nach unsrem Blut.
O schnöde schlechte Frucht von schönen Blüthen!

61
Allein die Vorsicht, die durch Scipio’s Muth[512]

Den Ruhm der Welt beschützt in Roma’s Siegen,
Bald hilft sie, wie es kund der Geist mir thut.

64
Du, Sohn, wenn du zur Erd’ hinabgestiegen,

Erschleuß den Mund, und sprich, wie sich’s gebührt,[513]

[565]

Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.“

67
Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,

Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,
Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt;[514]

70
So, aufwärts, sah ich an des Aethers Hallen

Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,
Der Andern Schaar, wie Schimmerflocken, wallen.

73
Mein Auge folgte diesem Anblick nach,

Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,
Daß er den Pfad des Blickes unterbrach.

76
Da sprach die Herrin, die mich abgezogen

Von oben sah: „Jetzt schau’ hinab – hab’ Acht,
Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen.“

79
Vom ersten Rückblick an, deß ich gedacht,[BN 2] [515]

Hatt’ ich den Weg der Hälft’ im halben Kreise
Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht.

82
Von Cadix jenseits lag das Furth zur Reise[516]

Ulyß, des Thoren – diesseits nah’ der Strand,
Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise.

85
Noch mehr von unserm Ball hätt’ ich erkannt,[517]

Doch unten war die Sonne vorgegangen,
Der fern, um mehr noch, als ein Zeichen, stand.

88
Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen
[566]

Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht,
Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.

91
Was jemals der Natur und Kunst entblüht

An Leib und Bild, dem Aug’ als Reiz zu dienen,
Und durch den Blick zu fesseln das Gemüth,

94
Vereint wär’ Alles dies als Nichts erschienen

Bei jener Götterlust, die mich beglückt’,
Als ich hinschaut’ in’s Lächeln ihrer Mienen.

97
Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt,

Hatt’ ich dem Nest der Leda mich entrungen[518]
Und war zum schnellsten Himmelskreis entrückt.

100
Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen

Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn,
Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.

103
Doch Sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,

Begann jetzt lächelnd in so sel’gen Wonnen,
Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien:

106
„Sieh hier des Weltenlaufs Natur begonnen,[519]
[567]

Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und Alles rings im Kreis den Flug gewonnen.

109
In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,

Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb’ entzündet,
Die ihn bewegt – die Kraft, die er vertheilt.

112
Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet

Ihn, wie die Andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur Er, der ihn geründet.

115
Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn;

Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären,
Wie man nach Hälft’ und Fünftheil mißt die Zehn.

118
Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren

Der Zeit, wie ihr Gezweig zu andern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären. – –

121
O Gier, die tief die Sterblichen begräbt[520]

In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,
Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!

124
Wohl blüht des Menschen Will’; allein in Güssen[521]

Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt,

[568]

Drob echte Pflaumen Butten werden müssen.

127
Unschuld und Treue trifft man nur im Kind;

Doch sie entweichen von den Kindern allen,
Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.

130
Die fasteten beim ersten Kinderlallen,

Sieht, bei gelöster Zunge, gierig man
In jedem Mond auf jede Speise fallen.[522]

133
Der liebt die Mutter noch und hört sie an,

So lang’ er lallt, der ihren Tod im Herzen
Bei voller Sprache kaum erwarten kann.

136
Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen

Der schönen Tochter deß, der, kommend, bringt[523]
Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.

139
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,[524]

Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,
Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt.

142
Doch eh’ der Jänner fällt in Frühlingszeiten[525]
[569]

Durch das von euch vergeßne Hunderttheil,
Wird solchen Donner dieser Kreis verbreiten,

145
Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil,

Damit’s auf graden Lauf die Flotte richte,
Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vordertheil,[526]

148
Und auf die Blüthen folgen echte Früchte.“[527]
_______________

Achtundzwanzigster Gesang.
9) Im Krystallhimmel. Die Engelswelt und Körperwelt in ihrer Beziehung; die Intelligenzen. – Belehrung: über die Engelshierarchie in neun Kreisen.

1
Nachdem Sie tadelnd mir das jetz’ge Leben

Der armen Menschen wahrhaft kund gemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben, –

4
Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht

Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,

7
Und rückwärts blickt, ob, was er wahrgenommen,

Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und That
So überein wie Lied und Weise kommen:

10
War ich, und seinem Thun gleich, was ich that,[528]

Als ich in’s Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu fahn, die Lieb’ entnommen hat.

13
Ich sah jetzt das mir in die Augen dringen,

Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,
Was die erspähn, die diesen Kreis erringen.

16
Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,[529]
[570]

Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.

19
Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,[530]

Ein Mond erschien’ es, könnt’ es seinem Licht,
So nah’, wie Stern dem Stern, sich beigesellen.

22
So weit, als Sonn’ und Mond ein Hof umflicht,

Vom eignen Glanz der beiden Stern’ entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,

25
War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen[531]

In reger Glut, daß er auch überwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.

28
Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
[571]

Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fünfte, dann der sechst’ umwand.

31
Drauf sah man sich den siebenten gestalten,

So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,[532]
Doch viel zu enge wär’, ihn zu enthalten.

34
Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,

Und jeder war langsamer’n Schwungs, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.

37
Und jedes’ Licht ist reiner mehr und heiter,

Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.

40
Sie, die mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,

Sprach ungefragt: „Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die sämmtliche Natur.

43
Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;

Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,
Es ist der heil’gen Liebe Glutverlangen.“[533]

46
Und ich zu Ihr: „„Wäre die Welt gefügt

Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So hätte völlig mir dein Wort genügt.

49
Doch in der Welt, der sichtbaren, beweisen,

Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.

[572]
52
Drum soll in dieser Engels-Herrlichkeit,

Im Tempel, den nur Lieb’ und Licht umschränken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,

55
So sprich: Wie kommt’s – ich kann mir’s nicht erdenken –

Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht
Und andere Gesetze beide lenken?““

58
„Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,

So ist’s kein Wunder; weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht.“

61
Sie sprach’s, und dann: „Nimm, um dich zu erquicken,

Das, was ich dir verkünden werd’; allein
Betracht’ es ganz genau mit scharfen Blicken.

64
Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,

Je wie die Kraft, die sich durch seine Theile
Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.

67
Die größre Güte wirkt zu größerm Heile,

Und größres Heil füllt größeres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zu Theile.

70
Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht,

In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.

73
Darum, wenn du dein Maß dem innern Preise,

Und nicht dem äußern Umfang angelegt,
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,

76
So wirst du, zur Bewunderung erregt,

Das Mehr und Minder sich entsprechen sehn
In jedem Kreis, und dem, was ihn bewegt.“ –

79
Wie rein das Blau erglänzt aus Aethershöhen,

Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,[534]
Aus der gelinder seine Hauche wehen,

82
So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,

Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;

85
So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,<ref>85. Meiner Frauen, für: meiner Herrin. Man möge jene Form, die ohnehin nicht ungewöhnlich ist, z. B. das Kloster unserer lieben Frauen, zu gut halten.
[573]

Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.

88
Und als ihr heil’ges Wort beendet war,

Da stellten anders nicht, als siedend Eisen,
Sich jene Kreise, Funkend sprühend, dar.

91
Die Funken folgten den entflammten Kreisen

In größrer Meng’, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.[535]

94
Dem festen Punkt, der sie ohn’ Aenderung

Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.

97
„Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,“[536]

Sie sprach’s, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
„Und Seraphim und Cherubim drin walten.

100
Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,[537]

So viel sie können, Ihm sich anzuschließen,
Und können’s, wie sie hoch im Schauen sind.

103
Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,

Die Throne sind’s, von Gottes Angesicht
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.

106
So groß ist Aller Wonn’, als ihr Gesicht,

Tief in die ew’ge Wahrheit eingedrungen,

[574]

Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.

109
Durch Schau’n wird also Seligkeit errungen,

Nicht durch die Liebe, denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schau’n, wie ihrem Quell, entsprungen.

112
Und das Verdienst, das durch die Gnade man

Und Willensgüt’ erwirbt, ist Maß dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.

115
Die andre Dreizahl, die in diesen Auen

Des ew’gen Lenzes blüht, und welcher nie
Das Laub entfällt bei nächt’gen Widders Grauen,[538]

118
Singt ewig in dreifacher Melodie

Hosiannasang in dreien sel’gen Schaaren,
Und also Eins aus Dreien bilden sie.

121
Herrschaften sind’s, die erst sich offenbaren,

Sodann die Kräfte sind im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mächte zu gewahren.

124
Die Fürstenthümer sieh zunächst im Tanz,

Dann die Erzengel ihre Lieb’ erproben;
Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.[539]

127
Die Ordnungen schau’n allesammt nach oben;[540]

Nach unten wirken sie, was lebt mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben;

130
Und Dionysius rang so brünstiglich,

Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Daß er sie nannt’ und unterschied wie ich.

133
Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,[541]

Doch er belächelte dann seinen Wahn,
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.

[575]
136
Hat solch Geheimniß kund ein Mensch gethan,

So staune nicht; von Ihm, der Alles schaute,
Hatt’ er davon auf Erden Kund’ empfahn,

139
Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute.“
_______________

Neunundzwanzigster Gesang.
9) Im Krystallhimmel, Schluß. – Fortsetzung und Ende der Belehrung: Engelschöpfung, Engelfall, gute Engel, Zahl der Engel. – Strafrede über falsche Philosophie, Verdrehung der heil. Schrift, unevangelische Predigt, Ablaß und Volksverdummung.

1
So lang, wenn beide Kinder der Latone[542]

Bedeckt von Waag’ und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,

4
Die Waage des Zenith in gleichen Stand

Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:

7
So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,

Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.

10
„Ich red’ und frage nicht,“ so sprach sie dann,[543]

„Da, was du hören willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.

[576]
13
Nicht daß Er – was nicht sein kann – selbst gewönne,[544]

Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Wiederglanz „Ich bin“ verkünden könne,

16
Hat Er, der Ew’ge, außerhalb der Zeit

Sowie des Raum’s, wie’s ihm gefiel, die Gluten

[577]

Erschaffner Lieb’ an ewiger geweiht.[545]

19
Nicht müßig vorher seine Kräfte ruhten;

Kein „Vorher“ gab’s, kein „Nachher“, er’ ergoß
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.

22
Und Form und Stoff, rein und vermischt, entsproß

Durch einen Act in’s Dasein und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.

25
Und wie im Wiederschein des Strahls, vom Kommen

Zum vollen Sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Krystall im Sonnenglanz entglommen;

28
So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,

All’ im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.

31
Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,

Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen Er reine Thätigkeit gespendet.

34
Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,

Empfänglichkeit und Thatkraft ist mittinnen,
Verknüpft und nie von diesem Band befreit.

37
Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen

Der Engel bis zu dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;

40
Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,

Sich vielfach aus der heil’gen Schrift bewähren,
Wie’s dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.

43
Auch die Vernunft kann dies beinah’ erklären;

Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker deß, was lenkbar ist, entbehren.

46
Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie

Erkennst du nun, so, daß in dem Gehörten
Dir schon dreifache Labung angedieh. –

49
Allein bevor man Zwanzig zählt, empörten<ref>[49–81. 127–145. Von der Schöpfung der Engel kommt die Belehrung der Beatrix auf den Fall der bösen und die Bewahrung [578] und Erhöhung der gebliebenen, guten Engel, anhangsweise auf einige Fragen über deren Wesen (70–81) und Unzählbarkeit (127–Ende). – Der Fall des Luzifer mit seinen Genossen, wodurch die „Unterlage unsrer Elemente, die Erde, aufgewühlt wurde“ (Hölle 34, 121 ff.; Parad. 19, 46 ff.), geschah unverweilt nach der Erschaffung, gemäß damaliger Annahme, welche man auf Joh. 8, 44 gründete: V. 49–51. Die gebliebenen Engel aber traten sofort ihr Amt der Himmelslenkung und -Bewegung an, V. 52–54 und wurden „durch Gnade und ihr Verdienst“ zugleich erhöht zu höherer und unverlierbarer Seligkeit, V. 58–63. Denn zwar nicht im Empfang der Gnade, aber in der freien Willens-Mitwirkung zu derselben, liegt ein Verdienst für Mensch und Engel: V. 64–66. (Vgl. Gesang 28, 112 ff., Ges. 20, 40 ff. und Anm. dort.) – Haben die Engel eine Erinnerung, ein Gedächtniß? Diese, ihre Natur betreffende, Frage, will D., offenbar mit Rücksicht auf entgegenstehende Zeitmeinungen, noch dahin entscheiden, daß ihnen das Erinnerungsvermögen an sich nicht abzusprechen sei; aber sie bedürfen dessen nicht, weil ihr Schauen ewig und ohne Unterbrechung im Spiegel Gottes Alles umfaßt, V. 70–81. – In den Zusammenhang und zum Abschluß der ganzen Betrachtung und Belehrung gehört endlich auch, V. 127–145, die Frage über die Zahl der Engel, worüber Anm. zu jenen Versen besonders zu vergleichen ist.]
[578]

Die Engel sich zum Theil, so daß sie nun
Im Fall der Elemente trägstes störten.

52
Die Bleibenden begannen drauf das Thun,

Das du hier wahrnimmst, also voll Entzücken,
Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruhn.

55
Grund war des Falls, daß jener sich berücken

Von frevlem Hochmuth ließ, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken.

58
Die du bei Gott hier siehest, sahn auf Ihn

Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,
Da Er nur Kraft zu solchem Schau’n verliehn.

61
Drum wurden sie zum Schauen so erhaben

Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.

64
Und zweifelfrei besteh’s in eurer Welt:

Verdienstlich ist’s, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr der Wille hält.

67
Jetzt, wenn in’s Herz dir meine Lehren drangen,

Errennst du ganz den englischen Verein,
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.

[579]
70
Doch weil den Engeln Jene, die ihr Sein

Auf Erden dort in Schulen euch erklären,
Verstand, Erinnerung und Willen leihn,

73
So zeig’ ich, um dich völlig zu belehren,

Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die Jene dort verwirren und verkehren.

76
Die Wesen, die des Anschauns Lust geschmeckt,

Verwenden nie den Blick vom ew’gen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.

79
Drum unterbricht das Neu’ ihr Schauen nimmer,

Drum brauchen sie auch die Erinn’rung nicht,
Denn ungetheilt bleibt ja ihr Denken immer. –

82
So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;[546]

Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,[547]

[580]

Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.

85
Der Eine Weg ist’s nicht, auf dem ihr schreitet[548]

Bei eurem Forschen; drob ihr irre geht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.

88
Doch, wenn die heil’gen Schriften man verschmäht,[549]

Dies hat den Himmel stets noch mehr verdrossen,
Wenn man hintan sie setzt und sie verdreht!

91
Nicht denkt man, wie viel theures Blut geflossen,

Sie auszusä’n; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demuthsvoll an sie sich angeschlossen.

94
Zu glänzen strebt ein Jeder jetzt und zeigt

Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.

97
Der sagt, daß rückwärts Luna’s Lauf sich kehrte

Bei Christi Leiden, und sich zwischenschob,
Und drum der Sonn’ herabzuscheinen wehrte.

100
Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob[550]
[581]

Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsterniß umwob.

103
Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,[551]

Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,

106
So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,

Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen,
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.

109
Nicht sprach der Herr zur ersten der Gemeinen:[552]

Geht hin, und thut der Erde Possen kund! –
Nein, wahre Lehre spendet’ er den Seinen.

112
Von ihr ertönt’ im Kampf des Jüngers Mund,

Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.

115
Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,

Und die Kapuze schwillt, wenn Alles lacht,[553]
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.

118
Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,[554]
[582]

Daß, säh’ man’s, es den Werth dem Ablaß raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.

121
Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,

Daß, möcht’ ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.

124
Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,[555]

Und Andre, die noch ärger sind, denn Sauen,
Falschmünzer, reich an trügerischem Schein. – –

127
Doch seitwärts führt’ ich dich von diesen Auen;

Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,[556]
Mußt du jetzt wieder grade vorwärts schauen.

130
So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad[557]

Der unzählbaren sel’gen Engel Schaaren,
Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.

133
Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,

Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.

136
Das ihnen Allen strahlt, das erste Licht,

So vielfach wird’s von ihnen aufgenommen,
Als Engel schau’n in Gottes Angesicht.

139
Drum, da vom Schau’n der Liebe Gluten kommen,
[583]

Ist auch verschieden ihre Süßigkeit,
Hier lauer, dorten glühender entglommen.

142
Sieh denn die Hoheit, die Unendlichkeit
[584]

Der ew’gen Kraft, die, theilend ihren Schimmer,
So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,

145
Und Ein’ in sich bleibt ewiglich und immer.“
_______________

Dreißigster Gesang.[558]
III. Abtheilung. 10) Das Empyreum, der eigentliche Himmel, Sitz der Seligen und Gottes selbst. – Die Engel der neunten Sphäre verschwinden. Höchster Glanz der Beatrix. Der kreisrunde Lichtstrom; die Himmelsrose; Heinrichs VII. Platz; Clemens’ V. Fall.

1
Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget[559]

Der Mittag auf, indeß schon diese Welt
Den Schatten fast zum eb’nen Bette neiget,

[585]
4
Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;

Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Deß Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt;

[586]
7
Und wie Aurora mehr emporgeklommen,

Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen:

[587]
10
So der Triumph, der ewiglich im Tanz[560]

Den Punkt umkreist, der Alles hält umschlungen,
Was scheinbar ihn umschlingt als lichter Kranz.[561]

13
Er schwand allmälig, meinem Aug’ entschwungen,
[588]

Drum kehrt’ ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nicht-Schau’n und von Liebesdrang gezwungen.[562]

16
Wär’ Alles, was bis jetzo mein Gedicht

Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen,
Doch g’nügend wär’s für diesen Anblick nicht.

19
Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,[563]

Weit überschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen.

22
Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,

Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragöd’ je überwunden ward.

25
Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,

Vergeht vor ihren Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen.

28
Vom ersten Tag, da mir der Herr beschied,[564]

Ihr Angesicht zu schau’n in diesem Leben,
Folgt’ Ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.

31
Doch jetzt muß ich des Wunsches mich begeben,

Kein Künstler je sein letztes Ziel errang! –[565]
Noch höher ihrer Schönheit nachzustreben.

34
Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
[589]

Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,

37
Sprach sie, mit Ton, Geberd’ und Angesichte

Eifrigen Führers froh zu mir: „Du bist[566]
Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,

40
Von geist’gem Licht, das nur ein Lieben ist,

Ein Lieben jenes Guts, des ewig wahren,
Von Lust, mit der kein andres Glück sich mißt.

43
Du siehst hier beide Himmelskrieger-Schaaren,[567]

Und siehst die ein’ in jener Hülle heut’,[568]
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren.“

46
Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,[569]

So, daß er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den stärksten selbst, der sich dem Blicke beut,

49
So ward ich von lebend’gem Licht umfunkelt,

Deß Glanz mir that, wie uns ein Schleier thut,
Denn Alles außer ihm war mir verdunkelt.

52
„Die Lieb’, in welcher dieser Himmel ruht,

Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen,
Und macht die Kerz’ empfänglich ihrer Glut.“

55
Wie mir die kurzen Wort’ in’s Inn’re drangen,

Da fühlt’ ich, daß sich Geist mir und Gemüth[570]

[590]

Weit über die gewohnten Kräfte schwangen.

58
Und neue Sehkraft war in mir entglüht,

So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich aufthat, das am reinsten blüht.

61
Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen[571]

Glanzwogend zwischen zweien Ufern ziehn,
Und einen Wunderlenz sie beide malen;

64
Und aus dem Strom lebend’ge Funken sprühn;

Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.

67
Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,

Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.

70
„Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweihn,

Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein.

73
Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,

Eh’ solch ein Durst in dir sich stillen kann.“
So sprach die Sonn’, aus der ich Licht gesogen.

76
„Der Fluß und diese Funken,“ sprach sie dann,

„Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.

79
An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,

Sie zu erkennen fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen.“

82
Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,

Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenn’s über die Gewohnheit spät erwacht,

85
Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,

Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren.

88
Und wie der Rand der Augenlider sog

Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.

91
Dann, wie ein Mensch, der sich verlarvt befunden,

Ein Andrer scheint, wenn abgethan das Kleid,
Worin er unter fremdem Schein verschwunden:

[591]
94
Verwandelten zu größrer Herrlichkeit

Sich Blumen mir und Funken und ich schaute
Die Himmelsschaaren beide dort gereiht.[572]

97
O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute

Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gieb jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.

100
Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,

Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre,
Dem nur in seinem Schau’n der Friede lacht.

103
Es dehnt weithin sich aus in Form der Sphäre,[573]

Und schließt so viel in seinem Umkreis ein,
Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre.

106
Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,[574]

Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleihn.

109
Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,[575]

Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn
Im blüthenreichen grünenden Gewande;

112
Also sich spiegelnd, sah ich in den Höh’n

In tausend Stufen, die das Licht umringen,
Die von der Erd’ in jene Heimath gehn.

115
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,[576]

Zu welcher Weite muß der letzte Kranz
Der Blätter dieser Himmelsrose dringen?[577]

118
Mein Aug’ ermaß die Weit’ und Höhe ganz
[592]

Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Wie, Wieviel von diesem Wonneglanz.

121
Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,

Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt fürder kein Naturgesetz in’s Leben. – –[578]

124
In’s Gelb der Rose, die sich immerdar[579]

Ausdehnt, abstuft, und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,

127
Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,

Beatrix mich und sprach: „Sieh hier verschönt
In weißem Kleid, die dorten wohl geendet.

130
Sieh, wie so weit hin unsre Stadt sich dehnt,

Sieh so gefüllt die Bänk’ in unserm Saale,
Daß man jetzt hier nach Wenigen sich sehnt.[580]

133
Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle[581]

Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst,
Dort, eh’ du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,

136
Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,

Des Cäsars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh’ es sich dazu geneigt beweist.

139
Die blinde Gier ist’s, die mit Zauberwalten

Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.

142
Dem göttlichen Gerichtshof aber steht[582]

Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.

[593]
145
Doch stürzt des Himmels Rach’ ihn ohne Säumen

Vom heil’gen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus stöhnt in dunklen Räumen,

148
Drob tiefer noch der von Alagna fällt.“
_______________

Einunddreißigster Gesang.
Fortsetzung. Die zwei Höfe der Seligen in der Himmelsrose. Beatrix ist verschwunden und hat sich in die Rose gesetzt. Abschiedsworte (letzte Cardinalstelle). Der heil. Bernhard. Die Himmelskönigin.

1
So sah ich denn, geformt als weiße Rose,[583]

Die heil’ge Kriegsschaar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schooße.

4
Allein die andre, welche, fliegend, schaut

Und singt deß Ruhm, der sie in Lieb’ entzündet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,

7
Sie senkt’, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet

Der Blüthen Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo würz’ger Honigseim sein Thun verkündet,

10
Sich in die Blum’, im reichen Kelch vertheilt,

Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb’ allewig weilt;

13
Lebend’ger Flamm’ ihr Antlitz zu vergleichen,

Die Flügel Gold, das Andre weiß und rein,
So, daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.

16
Und in die Rose zog von Reih’n zu Reih’n

Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Höhe, stets mit ihnen ein.[584]

[594]
19
Und ob sie zwischen Blum’ und Höhe flogen,

Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Höchsten Blick und Glanz der Ros’ entzogen.

22
Denn so durchdringend ist das höchste Licht,

Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Daß nichts im Weltenall es unterbricht.

25
Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,

Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,[585]
Hielt Lieb’ und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.

28
O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,[586]

Die dort dich schau’n, in sel’gem Frieden hegend,
Schau her auf uns, die wilder Sturm umhallt. –[587]

31
Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,[588]

Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,

34
Zu jenen Zeit, als noch der Lateran[589]

Die Welt beherrscht’, von Staunen überwunden,
Rom und der Römer große Werke sahn:

37
Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,

Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Und von Florenz zu Wackern und Gesunden,[590]

40
Wie mußt’ ich staunen solcher Herrlichkeit?

Lust fühlt’ ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören,

[595]

Getheilt in Staunen und in Freudigkeit.

43
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren

Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst Andre zu belehren;

46
So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt,

Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.

49
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,

In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,[591]
Geberden, sich mit jeder Tugend zierend.

52
Im Allgemeinen konnt’ ich schon ersehn,[592]

Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim Einzlen stehn;

55
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,

So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach Ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte?

58
Sie fragt’ ich, und ein Andrer sprach zu mir.[593]
[596]

Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Sel’gen Zier.

61
Auf Aug’ und Wang’ ergoß sich gleicherweise

So Güt’ als Freude – fromm war Art und Thun,
Wie’s Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise.

64
„„Und wo ist Sie?““ so sprach ich eilig nun.

Drum Er: „Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genug zu thun.

67
Du wirst, den Blick zum dritten Kreis gewendet

Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schau’n,

[597]

Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet.“

70
Ohn’ Antwort hob ich rasch die Augenbrau’n –

Sah Sie, – sah ew’ge Strahlen ihr entwallen
Im Wiederschein und ihr die Krone bau’n.[594]

73
Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hallen,

War nimmer noch ein Menschenblick so weit
Und wär’ er auch in’s tiefste Meer gefallen,

76
Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit;

Doch sah ich klar ihr Bildniß niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.[595]

79
„O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,

Du, der’s zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hölle zu begeben,

82
Dir dank’ ich Alles, was ich dort geschaut,

Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest,
Und deine Gnad’ und Stärke preis’ ich laut.

85
Die du zum Freien mich, den Sclaven, machtest,

Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,

88
Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt.[596]

Daß dir sich einst die Seele dort geselle,
Die Seele, die gesund durch dich jetzt ward.“ –

91
So betet’ ich – und Sie, von ferner Stelle,

Sie lächelte, wie’s schien, und sah mich an,
Dann wandte sie sich ab zur ew’gen Quelle.

94
„Damit du ganz vollendest deine Bahn,“

Begann der Greis, „auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heil’gen Lieb’ empfahn,

97
Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,

Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.

[598]
100
Und Sie, die mich entflammt, die Königin

Des Himmels, läßt uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin.“[597]

103
Wie der, der von Croatien hergekommen,

Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht[598]
Satt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen,

106
Und, wenn man’s zeigt, zu sich im Innern spricht:

Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
So also war geformt dein Angesicht? –

109
So ich, als mir der Anblick ward beschieden

Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.[599]

112
Er sprach: „Was Schönes dieses Reich enthält,

Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält.

115
Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,

Bis daß er sich zur Königin erhöht,
Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen.“

118
Aufschaut’ ich, und, wie, wenn die Früh ersteht,[600]
[599]

Der Ost den Himmelstheil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,

121
So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Thalen

Die Berg’ ersteigen, sah ich einen Ort
Im höchsten Rand all Andres überstrahlen.

124
Und als ob früh der Ost, da, wo sofort

Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;

127
So sah ich jene Friedens-Oriflamme[601]

Inmitten mehr erglühn, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.

130
Ich sah viel tausend Engel, dort geschaart,

Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden Jeglichen an Glanz und Art.

133
Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder

Und bei dem Spiel, und strahlt’ in Seligkeit
Aus aller andern Sel’gen Augen wieder.

136
Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,

Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Theil der Herrlichkeit.

139
Bernhard, bemerkend, daß mit heil’gem Triebe

An seiner glüh’nden Glut mein Auge hing,[602]
Erhob auch sein’s zu Ihr mit solcher Liebe,

142
Daß mein’s zum Schauen neue Glut empfing.
_______________


[600]
Zweiunddreißigster Gesang.
Empyreum, Fortsetzung. – Bernhard erklärt die Rose im Einzelnen; ihre beiden Halbrunde; die Gesammtheit der Seligen. – Ueber die Erwählung der Kinder.

1
Indeß sein Blick nach seiner Wonne flammte,[603]

That er mit heil’gem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:

[601]
4
„Sieh zu Mariens Fuß, die euch gesund

Und heil gemacht, die erste dort der Frauen,
Die Schönste, die euch krank gemacht und wund.

[602]
7
Im Range, den die dritten Sitze bauen,

Wirst du sodann die Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.

10
Sara, Rebecca, Judith zeigen dir

Sich mit deß Ahnfrau, der im Bußgesange
Voll Reu’ ausrief: „Herr, schenk’ Erbarmen mir“,

13
Absteigend stufenweis von Rang zu Range,

Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.

16
Hebräerfrau’n, vom siebten Ring ab, wie

Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zu Theile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,

19
Weil sie, je wie sie sich zu Christi Heile,

Gläubig gewandt, so nun als Mauer stehn,
Daß sich durch sie die heil’ge Stiege theile.

22
Hier, wo die Blume reich und voll und schön

Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten,

[603]

Die gläubig auf den künft’gen Christ gesehn.

25
Dort, wo noch leere Lücken für Gefährten

Im Halbkreis sind, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.

28
Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit

Und unter ihr die Andern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;

31
So jenseits der des Täufers, der erfahren,

Der immer Heil’ge, Wüst’ und Märtyrpein[604]
Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren.

34
Franz, Benedict und Augustin – sie reihn

Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,
Mit Andern unterhalb von Reih’n zu Reih’n.

37
Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,

Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts eilt,
Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen.[605]

40
Und von der Stuf’ abwärts, die mitten theilt

Die Scheidewände, sitzt die Schaar der Seelen,
Die nicht durch eigenes Verdienst hier weilt,

43
Nein, fremdes – nur darf der Beding nicht fehlen –

Denn hier sind Alle, die dem Leib entflohn,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen.

46
Dies merkst du an den Angesichtern schon

Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton. –

49
Nun seh’ ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,[606]
[604]

Doch lösen werd’ ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Grübelei’n umschlingen.

52
Aus unsers ew’gen Königs weitem Land

Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit verbannt.

55
Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten

Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring
Zum Finger paßt, so unter sich verhalten.

58
Daher auch, wer dem Truge früh entging,

Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.

61
Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,

In solcher Lieb’ und solcher Wonne ruht,
Daß Keiner ist, deß Wünschen höher stünde,

64
Vertheilt den Seelen, seiner heitern Glut[607]

Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben:[608]
Es g’nüge hier, was kund die Wirkung thut.

67
Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben[609]
[605]

Die heil’ge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben.

70
Und gleichwie färbt der Gnade Schein ihr Haar,

Gleich also scheint das höchste Licht in ihnen,
Nach ihrer Würde, mehr und minder klar.

73
Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,

Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen:

76
So g’nügt’ es in der Jugendzeit der Welt

Unschuld’gen, um zum Heile zu gelangen,
Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.

79
Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,

Was männlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.

82
Doch blieb, als kommen war der Gnade Zeit,

Unschuld ohn’ die vollkommne Taufe Christi
Gehalten drunten in der Dunkelheit. –[610]

[606]
85
Jetzt schau’ in’s Antlitz, das dem Antlitz Christi[611]

Am meisten gleicht, und deine Kraft erhöhn
Wird seine Klarheit zu dem Anschau’n Christi.“

88
Wonn’ strahlt aus dem Gesicht, so klar und schön,[612]

Die Christus Ihr durch jene Heil’gen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Höh’n,

91
Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,

Mich also mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.[613]

94
Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,[614]

Verbreitete vor Ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie – Sei begrüßt, Maria! sang.

97
Und alsogleich antworteten die Lieder

Der sel’gen Geister diesem Himmelslied,
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wieder.

100
„O Heil’ger, du, den Lieb’ herniederzieht,

Der du für mich dem süßen Ort entronnen,
Wo ew’ge Vorsicht dir den Sitz beschied;

[607]
103
Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen

Im Blick Maria’s mit dem seinen ruht,
Und scheinet wie ein Feuerstrahl entbronnen?“

106
So wandt’ ich mich zu Ihm mit heiterm Muth,

Und sah ihn in Maria’s Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern an Sonnenglut.

109
Und Er: „Was Seel’ und Engel haben können[615]

Von Kühnheit und von Schönheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wir’s ihm Alle gönnen,

112
Weil Er zu Ihr einst mit der Palme kam,

Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken,
Nach seinem heil’gen Willen übernahm. –

115
Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,

Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.

118
Die Zwei dort, an der höchsten Wonne reich,

Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.

121
Der Vater sitzt zu ihrer linken Seiten,

Deß kühner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten giebt so herbe Bitterkeiten.

124
Sieh rechts der heil’gen Kirche Vater dort,

Dem dieser Blume Schlüssel übergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort,

127
Und jener, welcher noch im Erdenleben[616]

Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt,
Die Wundenmaal’ erwarben, sitzt darneben.

130
Neben dem Andern sitzt, in Ruh’ beglückt,

Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tück’ und Wankelmuths erquickt.

133
Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna,
[608]

Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.

136
Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn

Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.

139
Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,[617]

Drum thun wir, wie der gute Schneider thut,
Der, so viel Zeug er hat, in’s Kleid verwendet.

142
Die Augen richten wir auf’s höchste Gut,

Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als möglich in die reine Glut.

145
Doch wahrlich, soll’s mit dir nicht rückwärts gehen,

Ob vorwärts sich dein kühner Flügel schwingt,
Ist durch Gebet erst Gnade zu erflehen,

148
Gnade von Jener, die dir Hülfe bringt;

Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu Ihr empor in meinem Worte dringt.“

151
Und also betet’ Er mit brünst’gem Triebe:[618]
_______________


[609]
Dreiunddreißigster Gesang.
Schluß. – Bernhard’s Gebet. Maria. Dante schaut die heil. Dreieinigkeit.

1
„O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,

Demüth’ger, höher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehn vom Herrn des ew’gen Throns,

[610]
4
Geadelt hast du so des Menschen Wesen,

Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut,
In dir Geschöpf zu sein, dich auserlesen.

[611]
7
In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,

An der die Blume hier zu ew’gen Wonnen
Entsprossen ist, in ew’gem Frieden ruht.[619]

[612]
10
Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen,

In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.

13
Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,

Daß Gnade suchen und zu dir nicht flehen,
Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht.[620]

16
Du pflegst dem Armen nicht nur beizustehen,

Der zu dir fleht, nein, öfters pflegt von dir
Die Gabe frei dem Flehn vorauszugehen.

19
Erbarmen ist, und Mitleid ist in dir,

In dir großmüth’ges Wesen – ja, verbunden,
Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir.

22
Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden

Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,

[613]
25
Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleihn,[621]

Daß er die Augen höher heben könne,
Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weihn.

28
Und ich, der ich so für sein Schauen brenne,

Daß ich dem eig’nen nie mehr Glut geweiht,
Ich fleh’, und das, was ich gefleht, vergönne!

31
Jedwede Wolke seiner Sterblichkeit

Sei weggebannt durch dein Gebet! Entfalten
Soll sich ihm höchste Wonn’ und Herrlichkeit!

34
Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du walten

Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn
Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.

37
Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn;[622]

Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte
Mit mir zugleich, die Hände faltend, flehn!“

40
Die Augen, die Gott lieb und werth hält, kehrte

Sie fest dem Redner zu und zeigt’ daran,
Ihr sei das fromme Flehn von hohem Werthe.

43
Zum ew’gen Lichte wandten sie sich dann,[623]

Zu dem die Blicke – glaubet sicher! – senden
Nie ein Geschöpf mit solcher Klarheit kann.

[614]
46
Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden,

Mich nähernd, fühlt’ in meinem Innern ich
So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden.

[615]
49
Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich

Mein Auge nun empor zum Höchsten richte;
Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.[624]

52
Denn stets ward’s klarer mir vor’m Angesichte,

Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
Mein Blick zum hohen in sich wahren Lichte.

55
Und tiefer, größer war mein Schau’n fortan,

Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.[625]

58
Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,[626]

Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt,
Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden:

61
So bin ich, dem beinah’ sein Traumgebild

Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.

64
So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Thoren

Die Sonn’ erwärmend steigt; so war beim Wind
In leichtem Laub Sibylla’s Spruch verloren. –

67
O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,[627]
[616]

So weit zurückläßt, leih’ jetzt meiner Seele[628]
Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.

70
Mach’ jetzt, daß Kraft die Zunge mir beseele,

Damit ein Funke deiner Glorie nur
Der Nachwelt bleib’ in dem, was ich erzähle.

73
Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,

Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.

76
Mich hätte, glaub’ ich, ganz der Blitz geblendet,[629]

Den ich von dem lebend’gen Strahl empfand,
Hätt’ ich von ihm die Augen abgewendet.

79
Und ich erinn’re mich: mein Muth erstand

Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen,
Bis sich mein Blick der ew’gen Kraft verband.[630]

82
O überreiche Gnad’! Ich durft’ es wagen,

Fest zu durchschau’n des ew’gen Lichtes Schein,
Bis zum Versinken drein den Blick zu tragen.

[617]
85
In Seiner Tiefe sah im Drei-Verein

Die Ding’ ich, die im Weltall sich entfalten,
Und Liebe faßt’ in diesen Bund sie ein.

88
Wesen und Zufall, ihre Weis’, ihr Walten

– Wie dies verschmolz in eines Lichtes Glanz:
Nur Stammeln kann davon mein Lied enthalten.

91
Die Form, die allgemeine, dieses Bands,

Ich sah sie, glaub’ ich, weil mich, deß zum Zeichen,[631]
Noch beim Erzählen Wonn’ erfüllt ganz.

94
Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,

Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
Der Argo nach Neptunus fernsten Reichen.

97
Scharf, unbeweglich schaut’ in solcher Art

Die Seele nach dem göttlichen Gesichte,
Drob sie stets mehr im Schau’n entzündet ward.

100
Und also wird man dort bei jenem Lichte,[632]

Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt
Von ihm, je anderwärts die Augen richte,

103
Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,

Ganz in sich faßt, und außerhalb voll Schwächen
Das ist, was man in ihm vollkommen fand. –

106
Kurz werd’ ich nun von dem Geschauten sprechen,

Und sprechend stell’ ich mich als Kindlein dar,
Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.

109
Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,[633]
[618]

Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte,
– Denn jener bleibt so, wie er immer war –

112
Nur weil im Schau’n sich meine Sehkraft mehrte,

Schien’s, daß verwandelt jener eine Schein
Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte:

115
Im tiefsten Schooß vom lichten Strahlenschein

Schienen drei Kreise schimmernd mir zu sehen,
Dreifarbig und an Umfang eins zu sein.

118
Wie Iris von der Iris glänzt, so zween

Im Wiederschein; der dritt’, als Gluth und Licht
Schien’ er gleichförmig beiden zu entwehen.

121
Für meine Vorstellung des Worts Bericht,[634]

Er ist zu arm! Und nehm’ ich, was beschieden
Mir war zu seh’n, wie arm ist diese nicht!

124
O ew’ges Licht, du, in dir selbst im Frieden,[635]
[619]

Allein dich kennend, und, von dir erkannt,
Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,

127
Als zu dem Kreis, den ich in dir erfand

Wie wiederscheinend Licht, die Aug’ ich wandte,
Und ihn verfolgend mit den Blicken stand:

130
Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte,

Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.

133
Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,

Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;

136
So ich beim neuen Schau’n – ich wollt’ ermessen,

Wie sich das Bild dem Kreise ein’ und wie
Die Züge mit dem Licht zusammenflössen.

139
Doch dies erflog der eigne Fittich nie. –

Da ward mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh.

142
Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,

Schon aber folgten Will’ und Wünschen gerne,
Gleichwie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,[636]

[620]
145
Der Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.[637]




Ende.

Anmerkungen der Vorlage

  1. *) [Das Paradies wurde von D. mit langem Widmungsschreiben von Ravenna an Can grande nach Verona gesandt. Dies Schreiben liefert auch viele authentische Gesichtspunkte für Auffassung der göttl. Kom. im Ganzen.]
  2. Vorbemerkung. Wir haben schon in der Vorbem. zu Ges. 31 des Fegf. den Gang der göttl. Kom. bis zum Schluß skizzirt. Das vorliegende (himmlische) Paradies ist in der That nichts Anderes, als eine Ausführung der, schon dort eigentlich im Keime gegebenen, Einigung des Menschen mit dem Göttlichen. Dieselbe wird nun nur noch in ihrer vollen Entfaltung aufgezeigt d. h. die absolute, himmlische Seligkeit wird an der steigenden Gotteserkenntniß bis zur vollen Gottesanschauung verfolgt, worin die Gottvereinigung (unio) liegt, das höchste Ziel der gottebenbildlichen Menschheit. Diese Aufzeigung geschieht, als eine an und mit Dante selbst sich vollziehende innere Entwicklung, durch ein zweifaches poetisches Mittel: 1) Der Dichter besucht wieder die stufenweise sich folgenden 9 Kreise der Seligen, an und mit ihnen die Seligkeit von Stufe zu Stufe selber erfassend, theilend und erlebend; 2) er empfängt noch überdies gelegentlich dieser Wanderung gesprächsweise eine bestimmte Summe von Belehrungen über die Hauptpunkte des Christenthums. – Das Erstere leitet den epischen Faden auf eine, nunmehr allerdings sehr dünngesponnene und wenig bewegte Weise fort; das Andere prägt dem Paradies den vorherrschenden Charakter eines Lehrgedichtes auf. Die wandernde Betrachtung der Seligen, vielmehr diesmal der Flug durch ihre Kreise, dient vornehmlich der stufenweisen Vorbereitung der Anschauung Gottes und des Vollgenusses der Seligkeit; die Belehrung dagegen der Vollentwicklung seines Erkennens, als der andern Seite der beatitudo. [398] Jene giebt dem Dichter zu freier Phantasie-Gestaltung Raum; diese schließt sich streng dem scholastischen Lehrgange an. – Der letztere forderte nämlich folgenden Stufenweg, dem dann die Belehrungen Dante’s genau folgen: a) über das Weltall, Ges. 1, 2; b) über den freien Willen des Menschen Ges. 4, 5; c) über Sündenfall und Erlösung, Ges. 6, 7; d) über die Gnadenwahl, Ges. 19, 40; 20, 94; 21, 76; e) über die drei geistlichen Tugenden (vgl. Fegf. 29, 121) Glaube, Liebe, Hoffnung, Ges. 24–26; f) die Lehre von den Engeln, Ges. 28–29. Dagegen sind die neun Kreise der Seligen im Einzelnen freie Erfindung des Dichters, soweit nicht die überirdischen Oertlichkeiten, wo er sie findet, dem ptolemäischen System entnommen sind, welches sich die Erde von sieben Planeten in immer weiterer Ferne umkreist und über diesen den Fixsternhimmel, endlich den Krystallhimmel, das primum mobile, ausgebreitet denkt. Indem nun zwar Dante die Geister auf diese sieben Planeten und zwei Himmel nach dem Princip immer höherer und vollkommenerer Seligkeit vertheilt, will er jedoch nach Ges. 3, 70 ff., 4, 28 ff. die überall gleiche und ganze Seligkeit damit nicht in Wahrheit zerspalten, sondern vielmehr nur poetisch zerlegen und individualisiren, was ihm mit Meisterschaft gelingt. Ebensowenig natürlich denkt er sich die himmlischen Räume von einander abgegrenzt. Denn über ihren neun Kreisen wölbt sich der zehnte, der Feuerkreis oder das Empyreum, der höchste Himmel Gottes selbst, das urbewegende Unbewegliche, in und nach welchem sich die andern Himmel, von Sehnsucht hingerissen (Ges. 1, 77) drehen und wo Dante in der Himmelsrose alle Seligen beisammen sieht. Also ein Himmel, in’s Unendliche mit mächtiger Wölbung und immer weiteren Kreisen verschwebend und dieses Ganze durchwogt von Millionen lichter Seelenflammen, die jede in ihrem Maaß und alle völlig im All-Einen selig sind: dies ist das majestätisch-prachtvolle Gesammtbild des D.’schen Paradieses – Die Kühnheit in der Conception, die tiefsinnige Vergeistigung des Stoffs und die glänzende Detailmalerei wird man dieser letzten Schöpfung des unversieglichen Genius niemals abzusprechen vermögen. Mit den kindlich-naiven, oder grob-sinnlichen poetischen Schildereien des Jenseits im Mittelalter hat er hier, wie bei der Hölle, kaum mehr, als eben den Gegenstand gemein. Fehlt auch im Paradies die bewegende Handlung – sie muß es hier, wo die innere Entwicklung, ohne Krisen, ohne Wendepunkte nur mehr eine leise, gleichmäßige Entfaltung ist. Beatrix führt den Dichter, voranschwebend. Ihre Gestalt bildet ja von Fegf. 30 an den Mittelpunkt als Geliebte und Gottesgnade zugleich, im Paradies aber nunmehr speciell als die, dem Dichter, dem Menschen inne gewordene Gnade und Erleuchtung, mit andern Worten: als Personification der gottbegnadeten, vollendeten Seele selbst (zu Hölle 2, 121). Es ist von unvergänglichem Reiz, wie ihr Blick, ihr Lächeln, ihre [399] grenzenlos sich verklärende Schönheit ihn von Stern zu Sterne hinaufzieht. Aber in den persönlichen und moralischen Grundgedanken der Dichtung wird auch hier der zeitgeschichtliche mit aufgenommen. Als ein seliger Prophet zürnt und mahnt er vom Himmel herab mit directen Worten, wie im Fegf. mehr mit eingewobenen Beziehungen und Symbolen, ja seine diesfallsigen Auslassungen haben nun hier sogar von Stern zu Stern eine, denselben entsprechende Reihenfolge und Vollständigkeit und wiederholen, bestätigen so gleichsam vor Gottes Thron die ewig wahren Grundlagen des erleuchtetsten politischen und Geschichts-Systems, welches das Mittelalter kennt.]
  3. [399] [1–4. Vgl. Hölle 1, 127 ff. Gott, der Urbeweger, wohnt im höchsten, hellsten Himmel, dem Empyreum, von wo sein Licht sich über die ganze Welt ergießt, in dem Maße, als ein jedes Ding, nach seiner mehr irdischen oder himmlischen Natur, es aufnimmt. Nach Aristoteles und den Scholastikern.]
  4. [399] [5. 6. Vgl. Ges. 33, 58 ff. und 2. Cor. 12, 3 4.]
  5. [13 ff. Apollo selbst, nicht mehr blos, wie bisher, die Musen, wird jetzt angerufen; und weil nach Probus’ alter Erklärung zu Virgil’s Georg der eine Gipfel des Parnaß den neun Musen, der andere aber ihrem Haupt geweiht war, so konnte D. sagen, er bedürfe jetzt auch des andern. Nebenbei heißt dies: er bedürfe jetzt besonders höherer Unterstützung, um das Höchste, das Göttliche selbst zu singen.]
  6. 21. Marsyas hoffte durch sein Flötenspiel das Saitenspiel Apolls zu übertreffen, und verlor im Wettkampfe den Preis des Sieges und seine Haut. [Der Vergleich paßt übrigens nicht ganz.]
  7. [25–36. Große, ächte Dichterworte über die Dichtkunst selber! – Auch der heilige Sang verschmäht nicht Daphne’s Laub (in welches diese, von Apoll verfolgt, sich verwandelt), den geliebten Lorbeer, um so weniger, als weder Dichter- noch Kaiser-Stirnen, von irdischem Streben irregeleitet, „allzuhäufig um diesen reinsten Siegeslohn ringen“, zu jener, wie zu allen Zeiten. (Bereits also eine, an die Adresse des gesunkenen Kaiserthums gerichtete politische Beziehung!) Aber der schönste Lohn der Dichtung ist doch, „mit kleinem Funken große Glut zu wecken“, d. h. zündend auf die Nachwelt zu wirken und vielleicht noch größere Dichter hervorzurufen – eine Wirkung, die Dante auch seinem Werke nicht mit Unrecht hier, im vollen Selbstbewußtsein des Genius, geweissagt hat.]
  8. [37 ff. Der Gang der Erzählung wird mit diesen Versen wieder aufgenommen. Sie wollen, einfach ausgedrückt, sagen, es sei die Zeit des Frühlingsanfangs gewesen, in welchem ein neues Leben durch alle Creatur ströme – also die rechte Zeit auch für des Dichters Aufflug zum Höchsten! Dieser Gedanke wird aber aus der Astrologie begründet, welcher D. sehr ergeben war. Die verschiedenen Stellen, an welchen die Sonne emporsteigt, werden drastisch „Lichts-Mündungen“ oder Schleußen genannt. Unter denselben ist eine hervorragend wichtige diejenige, bei welcher, wie eben jetzt, die Sonne im Widder steht. Denn da „verbinden sich vier Kreise zu drei Kreuzen“. Es durchschneiden sich nämlich der Horizont, der Zodiakus, der Aequator und der Aequinoctialkolur (ein über die Pole rings um den Himmel gelegter Kreis) und bilden durch ihre Kreuzung ein dreifaches Kreuz. Dies hält D. für den Grund der Frühlingserscheinung, durch die „der Erde Wachs ein schöneres Gepräge erhält.]
  9. [43. 44. Vgl. zu Fegf. 33, 103.]
  10. [46. Die Fortbewegung im irdischen Paradies geschah von der westlichen Seite, wo sie eingetreten waren, nach der östlichen, Fegf. 29, 12. Da wir aber auf der südlichen Halbkugel uns befinden, so steht die Sonne ihnen zur linken Hand, wohin denn Beatrix blickt.]
  11. [55–58. Im irdischen Paradies, wo sie sich noch befinden und von wo aus sie sich zu erheben im Begriff sind – allegorisch im vollkommenen Zustand.]
  12. [64 ff. Vgl. V. 91 ff. und Ges. 2, 22 ff. Das Aufschweben „in die ewigen Kreise“ (deren äußerster Hintergrund der, das Urlicht entsprühende, Feuerkreis, Empyreum ist, V. 60) beginnt hiermit. Dasselbe geschieht, wie schon in der Vorbemerkung gesagt worden, (mit einer Ausnahme) immer in dem und durch den Anblick der Beatrix, welche selbst ihrerseits „die Sonne“ schaut. Der allegorische Sinn ist ersichtlich.]
  13. 68. Glaukus, ein Fischer von Euböa, wurde durch den Genuß eines Krautes in einen Meergott verwandelt.
  14. [73. Vgl. wieder 2. Cor. 12, 2.]
  15. 76. Der Kreis etc. Der Himmel mit seinen Sternen, welche der Drang, sich mit Gott zu vereinigen, in ewige Bewegung setzt. Gott vertheilt und mischt die Harmonie der Sphären, indem er jeder einzelnen ihren Laut giebt, und alle durch Liebe zu Einklang und Wohllaut verbindet, worin alle Töne vermischt als einer erklingen. [Vgl. Vorbem. über das Empyreum.]
  16. 98. Die leichten Stoffe sind die Luft und das Feuer, durch deren Sphären der Dichter emporsteigt, da er doch, wegen seines schweren Körpers, nach dem gewöhnlichen Gesetze in ihnen hätte sinken müssen. [Wie es möglich gewesen, daß er nicht sank, davon sollte im Folgenden die Erklärung gegeben werden. Dieselbe bleibt aber aus oder scheint sie dem Dichter selbstverständlich aus dem Bisherigen, wonach er „von der Höhe des irdischen Paradieses“ aus aufsteigt, vgl. zu V. 55–58, und aus dem Folgenden, was sofort über den Grundzug aller Wesen nach oben hin und zu Gott gesagt wird.]
  17. [106. Die höheren Wesen sind hier eben die Seligen mit den Engeln. Nur sie vermögen den rothen Faden in der Weltordnung, nämlich, daß alles „zu Gott geschaffen ist“, recht zu erkennen.]
  18. [115. Zum Mond empor d. h. er giebt dem Feuer seine aufwärtssteigende Natur.]
  19. [117. „Euer“, der Menschen.]
  20. 122. 123. Das Empyreum, der oberste Himmel, welcher in Gottes [404] unmittelbarem Lichte fest und unbeweglich ist. In ihm dreht sich das Primum mobile, der Kreis, welcher seine Bewegung aus jenem Himmel unmittelbar erhält und sie den anderen Kreisen mittheilt. Er muß in seiner Bewegung der schnellste sein, weil er alle anderen Kreise umspannt, folglich der weiteste ist, und alle übrigen in seine Bewegung mit fortreißt.
  21. [141. Der Leser wird, in Erinnerung an das schon im V. 1–4 ausgesprochene Grundgesetz, leicht der vorstehenden, großartigen und tiefsinnigen Darstellung des Weltlaufs gefolgt sein, nicht ohne bei den schönen kühnen Worten V. 112–114, und nicht blos in poetischer Hinsicht, an die Stelle im Faust erinnert worden zu sein: In Lebensfluten, im Thatensturm, wall’ ich auf und ab etc. – Also: Alles in der Welt strebt in seinem Theile, theils näher, theils ferner, theils unbewußt, theils bewußt, mitunter auf ganz verschiedenen Wegen, vom gotteingesenkten Triebe geführt, zur Gottheit zurück! Dieser Trieb, selbst ein Theil des Göttlichen, ist die eigentliche bewegende Kraft des Weltganzen und erhebt die Weltordnung zum Abbild der Gottheit, V. 104. 106 ff. bis 114. Er wirkt die Elementar-Erscheinungen in Natur- und Menschheit, z. B. den Zug des Feuers nach oben, den Umschwung der Erde unten, die physisch-psychische Seite des Menschenlebens, wie sie in der [405] Herzbewegung ruht, V. 115–117. Er waltet aber auch in den vernünftigen Wesen als das höhere, geistige Begehrungsvermögen nach Gott V. 118–121. Er äußert sich im höchsten Himmel als ewiges Ruhen in Gott und wiederum schwingt er die andern Sphären in der ewigen Sehnsucht nach seinem Ziele unablässig um, V. 121–123. Aber wie er auch wirke – sein „heitres“ Ziel ist immer und überall dasselbe und sicher führt er jedes Ding demselben zu, V. 124–126. Freilich ist den höheren Wesen jene Freiheit des Willens gegeben, deren mögliche Abirrung vom wahren Ziele in Fegf. Ges. 16–18, 74 entwickelt worden ist und auch hier in Betracht kommt, V. 127–135. Aber nimmer beim geläuterten Menschen! Dieser muß sich, der ursprünglichen Bestimmung treu, gerade dem Ziele zu immer mehr emporheben, wie D. jetzt, zum Sinnbild davon, körperschrankenlos sich in den Himmel schwingt, V. 136–140. Vgl. zu V. 98 und Ges. 2, 37.]
  22. [II. 1 ff. Diese Warnung drückt authentisch den, schon in der Vorbem. angegebenen, Charakter des dritten Theils gegenüber dem zweiten und besonders dem ersten aus, sofern der unsrige rein himmlische und Glaubenssachen behandelt (V. 10 ff. und V. 9: neue Musen zeigt mir das Polargestirn). Und doch, wer ihm bis hierher gefolgt, dem gewaltigen Meister, der wird auch jetzt nicht von ihm lassen können, wo er völlig zum Sänger der Gottheit, aber auch im reichsten poetischen Sinne zum göttlichen Sänger wird!]
  23. 18. Jason bändigte, mit Meda’s Hülfe, die flammenathmenden, dem Vulkan geweihten Stiere, und zwang sie, mit dem Pfluge die Furchen zu ziehen, in welche er die Drachenzähne aussäete.
  24. 30. Im ersten Sterne, im Monde.
  25. 37. Dante war, wie der Strahl in das Wasser, in den Mond eingedrungen, ohne mit seinem Körper den des Mondes zu trennen, da doch nach dem gewöhnlichen Naturgesetz ein Körper den andern aus demselben Raume ausschließt. Wie dies möglich sei, ist nicht zu erkennen, und dies sollte den Menschen veranlassen, mit verdoppeltem Drange nach dem Anblicke Gottes zu trachten, in welchem noch Unerklärlicheres, die Verbindung der göttlichen Natur mit der menschlichen, ohne gegenseitige Ausschließung, uns klar werden wird, und zwar ohne Beweis, vielmehr, wie jeder Urbegriff [V. 45], durch sich selbst.
  26. 51. Die Kainsfabel – nach solcher glaubt man in den Flecken des Mondes den Kain zu sehen, welcher ein Dornenbündel aufhebt.
  27. [53. Der Sinn ist (a minori ad majus): Daß sich der Mensch in den höchsten, übersinnlichen Dingen so oft und so sehr irrt (53. 54), das wundere dich jetzt nicht mehr, wenn die Vernunft nicht einmal durch die Sinne erkennbare Dinge recht zu erkennen vermag (55. 56), d. h. wenn du nicht einmal Dinge, wie die Mondflecken, begreifst!]
  28. 59. Das stärkere oder schwächere Licht im Monde leitet der Dichter von der größern oder geringern Dichtigkeit des Körpers her. Beatrix widerlegt diese Meinung, und beweiset, daß dieses verschiedene Licht von den verschiedenen Kräften herrühre, welche den Sternen von oben her, [vom achten Kreis, dem Fixsternhimmel] verliehen sind.
  29. [64. Dieser (achte) Fixsternhimmel nämlich zeigt an seinen sichtbaren Sternen nicht nur verschiedene Stärke, sondern verschiedene Arten des Lichts, was auf verschiedene Kräfte hinweist – während bei Dante’s Meinung nur eine Kraft, in verschiedener Intensität vertheilt, zu Grunde läge.]
  30. 70. Bildungsgrund, principio formale, das bildende Princip, die Kraft, nach welcher die Formen sich bilden [scholastisch]. Eine der größten der großen Schwierigkeiten, welche dem Uebersetzer der göttlichen Komödie besonders in diesem dritten Theile sich entgegenstellen, liegt darin, daß wir keine, die Begriffe der scholastischen Philosophie darstellenden deutschen Worte haben, und daß die lateinischen zum größten Theil nicht angewandt werden können.
  31. 73–111. [Der kurze Sinn dieser, poetisch höchst unerquicklichen Stelle, ist der: die Mondflecken schreiben sich nicht von einer ganz oder theilweise durchsichtigen Mondsubstanz her, sondern von verschiedener Kraft des, auf dieselbe fallende Fixstern- bezhdl. Empyreums-Lichts, V. 112 ff. Für Leser, welche Dante’s Beweisführung hierüber näher verfolgen mögen, lassen wir die folgende Streckfuß’sche Anm., mit Hinweis auf die einzelnen Verse, stehen.] Die Falschheit der vom Dichter geäußerten Meinung wird von Beatricen nicht nur durch das Vorhandensein und die Nothwendigkeit verschiedener Kräfte, sondern auch durch Gründe der Optik und der Katoptrik widerlegt. Würden die lichteren und dunkleren Flecken im Monde durch die größere oder geringere Dichtigkeit des Stoffs auf den verschiedenen Stellen hervorgebracht, so wären zwei Fälle denkbar. Entweder ginge der minder dichte, das Licht nicht zurückwerfende, sondern es durchlassende Stoff durch den ganzen Durchmesser des Mondes; oder er läge nur, wie eine Schicht, auf der Oberfläche, und hinter ihm folgte der dichtere Stoff. – Im ersten Falle würde, wenn der Mond zwischen die Sonne und zwischen die Erde tritt und eine Sonnenfinsterniß entsteht, das Licht durch jene durchsichtigen Stellen des Mondes fallen, der die Verfinsterung bewirkende Mondschatten also einzelne glänzende Punkte zeigen, was bekanntlich nicht zu bemerken ist. Im zweiten Falle würde das Licht zwar nicht von der ersten durchsichtigen Schicht, wohl aber von der dahinterliegenden dichtern zurückgeworfen werden [V. 82–87.] Dann aber würde dasselbe, wenn auch kleiner am Umfange, doch nicht minder hell erscheinen [88–96]. Dieses wird durch das V. 97 bis 105 ausgeführte Beispiel von drei Spiegeln bewiesen.]
  32. [112–144. Mit diesen Versen kommt D. auf seinen Hauptgegenstand in den zwei ersten Gesängen, auf die Belehrung über das Weltganze [410] zurück und man wird sagen müssen, mit erneuter, durchdringender poetischer Gestaltungskraft. – Das ausgesprochene System ist das schon in der Vorbemerkung zum Paradies skizzirte und es ist zum Verständniß unsrer Stelle nur dies hinzuzufügen: Die vom unbeweglichen Empyreum aus auf das primum mobile ausgehende Bewegungs- und Lichtkraft wird von diesem aus, in stufenweiser Abstufung, den weitern, innerhalb desselben in immer engeren Kreisen sich drehenden, Himmelskörpern zweckentsprechend und in verschiedenem Maaße mitgetheilt, 112–123. Diese Vertheilung geschieht aber nicht durch die Himmelskörper selbst, sondern durch selbstbewußte Principien, die sogenannten „Intelligenzen“ die Engel, V. 124–129. In dieser Function sucht die mystische Theologie, wenn auch nicht die einzige, doch die Hauptbeschäftigung jener seligen Geister. „Wie im Mikrokosmus, im Menschen, die Urkraft (des Herzens; Fegf.[WS 1] Ges. 25) durch die Seele formirt und in die Glieder vertheilt wird (V. 103–135), so wird im Makrokosmus der Welt, die von dem Urlicht (Empyreum) und der obersten Intelligenz (Gott, Weltseele) ausströmende Kraft durch die englischen Intelligenzen (Weltseelen) formirt und vertheilt zu verschiedener, eigenthümlicher Wirkung V. 136–141, (Boëthus, Platoniker).“ So ist das Weltall von heitrem Lichte allüberall durchlebt und in seiner sich drehenden Sphären Mitte steht die Erde fest, ist darum auch am meisten unter des ganzen Sternenhimmels Einfluß gestellt (Astrologie).]
  33. III. 1. Die Sonne, Beatrix.
  34. 10. Das tiefe Wasser und das Glas, hinter welchem ein dunkler Körper liegt, zeigen die Bilder im deutlichen Umrisse. Aber was Dante sieht, zeigt sich ihm matt und kaum erkennbar, wie das Bild, welches das [412] ganz seichte und klare Wasser und das mit nichts belegte Glas zurückwirft.
  35. 17. 18. Narcissus, sein Bild in der Quelle sehend, hielt es für eine wirkliche Gestalt, während Dante wirkliche Lichtgestalten nur für zurückgespiegelte Bilder hält. Im Monde, der dem höchsten Kreise am fernsten ist, der auch, wie im vorhergehenden Gesange beschrieben ist, minder helle Flecken zeigt, sind die Seelen derer selig, welche ihr Gelübde nicht vollständig erfüllten. Aber sie sind selig, vollkommen befriedigt und beruhigt, weil Gottes Wille ihnen diesen Kreis anwies, und weil die Seligkeit nur in völliger Hingebung in den Willen Gottes besteht. [Vgl. zu V. 49 ff.]
  36. 31. Den auf Gott blickenden und von seinem Lichte durchdrungenen Seelen ist jede Täuschung unmöglich.
  37. 43. 44. Gleich der (Liebe), der Liebe Bronnen, gleich der Liebe Gottes, gleich Gott selbst, welcher will, daß Alle ihm ähnlich sein sollen.
  38. [49–108. Piccarda, schon in Fegf. 24, 10 erwähnt, war die Schwester des Corso und Forese Donati und aus freiem Willen in den Clarissinnen-Orden getreten, obwol sie schon verlobt war. Daher entführte sie Corso mit Gewalt und sie trat in die Ehe. Letzteres war allerdings ein Bruch ihres Nonnen-Gelübdes. Sie befindet sich daher im Mond, wo die Seligen die verhältnißmäßig niederste Seligkeit haben, ohne aber eine höhere zu vermissen, V. 52 ff. und wo sie noch, wenn auch verschönert und vergeistigt, ihre menschliche Gestalt erkennen lassen, V. 47–49, welch’ letztere weiter oben sich ganz in Licht auflöst und erst im höchsten Himmel, in der Himmelsrose, wieder sichtbar wird. – Aus ihrer folgenden schönen Rede, womit noch Ges. 4, besonders V. 28–42 und unsre Vorbemerkung zum Paradies zu vergleichen ist, ersieht der Leser leicht, wie Dante in poetischem Interesse, ohne inneren Widerspruch mit der Idee des Paradieses, die Seligen in neun abgestufte Kreise, nach der, mehr oder weniger von ihnen schon im zeitlichen Leben erlangten Vollkommenheit und Vollendung eintheilen konnte: Die Seligkeit ist eine, aber in verschiedenen Geistern sich verschieden reflectirende (individuelle). Und wiederum: ihr Wesen giebt einer stets wachsenden [414] Versenkung in’s Meer der Gottheit Raum, aber in jedem Stadium dieser ist jede Seele ganz und gar voll und befriedigt. Denn die Einheit mit dem Willen und der Ordnung Gottes, das Nicht-Mehr-Wünschen, als Gott gibt, ist ihre Seligkeit. – Sind nun diejenigen Nonnen, welche später wieder ihr Gelübde auflösten, im ersten niedersten Kreis, so werden wir dies daraus zu erklären haben, daß die höchste, irdische Vollendungsstufe für Dante das rein beschauliche Leben ist, die geringste Vollkommenheit dagegen darin besteht, das beschauliche Leben einmal gewählt, aber wieder aufgegeben zu haben. Die Heiligen der Beschaulichkeit treffen wir darum im letzten, siebenten, die Nonnen im untersten, ersten Kreise, so daß zwischen diesen beiden ein feiner Zusammenschluß stattfindet. Zwischen beiden werden wir im Verfolg des Gedichts, jedesmal unter Voraussetzung des hier ausgesprochenen Gesammtbegriffs der Seligkeit, noch fünf weitere Classen finden, welche wir – ebenfalls unter Voraussetzung des hier Bemerkten – am betreffenden Ort kurz nennen wollen. Die zwei allerletzten Kreise (8 und 9) nehmen dann die Apostel und Engel ein, während ganz consequent der zehnte Himmel (Empyreum) die eigentliche, wahre Meinung des Dichters, die Gesammtheit aller Seligen beisammen in der Himmelsrose, zeigt.]
  39. [414] 51. Der trägste Kreis – der des Mondes, weil dieser dieselbe Zeit braucht, um den engsten Kreis zu durchlaufen, in welcher die höheren Sterne die weiteren und weitesten Bahnen zurücklegen.
  40. [66. Befreunden, mit Gott = Gott nahen.]
  41. 77. Die erste Liebe, die erste Kraft, das erste Licht; mit diesen und ähnlichen Worten wird man oft Gott in der Folge bezeichnet finden.
  42. 87. Was von Gott unmittelbar erschaffen, oder mittelbar durch seine Dienerin, die Natur hervorgebracht ist. Von diesem Unterschiede zwischen der mittel- und unmittelbaren Schöpfung wird noch in mehreren Stellen die Rede sein.
  43. 95. Das Gewebe, das sie unvollendet verlassen, ist das Gelübde, das sie nicht vollkommen erfüllt hatte.
  44. 98. Ein Weib, die heilige Clara.
  45. 118. Constanze, Tochter Königs Roger von Sicilien, wurde mit Heinrich dem Sechsten, dem Sohne Friedrichs des Ersten vermählt, und Mutter Friedrichs des Zweiten. Daß sie in Palermo Nonne gewesen und dem Kloster entrissen worden sei, scheint geschichtlich nicht erwiesen zu sein. Die oben bezeichneten drei hohenstaufischen Kaiser nennt der Dichter nicht unangemessen die drei Stürme aus Schwabenland. Mit Friedrich dem Zweiten erlosch der Glanz dieses Geschlechts.
  46. IV. [1 ff. Buridan’s (Scholastiker um 1360) Esel, der zwischen zwei Heuhaufen aus Wahlfreiheit verhungert, hat also an diesem originalen Bild des Dante einen Vorgänger.]
  47. [13. Daniel erklärte Nebukadnezars Traum, ehe ihm der König denselben erzählte (und entging dadurch seinem Zorn)].
  48. [19–63. Zwei Zweifel sollen dem Dante gelöst werden. Der zweite zuerst: wie sich die Vertheilung der Seligen auf die Sterne zu Plato’s Ansicht im Timäus stelle, wornach jede Seele zu dem Stern wiederkehre, auf dem sie vor ihrem Erdenleben gewesen, V. 22–24. Nun steht fest, daß von einer abgegrenzten Localisirung der Seelen und einem Mehr oder Minder in der wesentlichen Seligkeit selbst gar nicht die Rede sein kann, V. 25–48 mit Ges. 3, 70–108. Der Seraph, der, wörtlich, „sich am meisten zu Gott macht“ („Vergottung“ der Mystiker), der Gläubige des alten und neuen Testaments, Maria [418] mit eingeschlossen – sie sind alle eigentlich im obersten, empyreischen Himmel (V. 34) und sind alle selig und ewig (V. 33) dort. Einzig die Verschiedenheit der Art und Intensität ihres Schauens, ihrer Gottversenkung wird durch die verschiedenen Kreise angedeutet V. 35–39 mit Par. 28, 106. Letztere sind aber nur ein Bild, wie deren auch die heilige Schrift braucht, zur Nachhülfe unserer Fassungskraft, V. 40–46. Ist also Plato’s Lehre wörtlich zu nehmen, so ist sie irrig V. 49–54. Steckt aber nur das Sinnbild dahinter, daß jede Seele unter dem Einfluß eines bestimmten Sterns stehe und, indem sie zu demselben zurückkehre, gleichsam die größre oder geringere Glorie und Ehre ihm zurückbringe, die sie seinem Einfluß verdankt und nun im Himmel genießt, dann ist etwas Wahres daran V. 55–59. Wiederholt also D. hier seine tiefgewurzelte Ansicht, vom astrologischen Einfluß selbst auf das individuelle Maaß der himml. Gottesanschauung, so will er [419] sich doch ernstlich gegen eine daraus gefolgerte Stern-Anbetung verwahrt haben V. 60–63. Denn auch jene Sternenmacht steht ja unter Gottes vorbestimmter Ordnung. – Soweit Dante’s authentische Darlegung. Der Leser möge nun hiernach die feine Grenzlinie zwischen der behaupteten, allgemeinen Seligkeit und der verschiednen Art und Glorie derselben, (welche übrigens auch von Schrift und Kirche gelehrt wird, Joh. 14, 2. 1. Cor, 15, 41. „progressus in infinitum“,) selbst weiter überlegen und im Auge behalten. Wir führen hier nur noch das treffliche Gleichniß des alten Landino an, welcher das gegenseitige Verhältniß der Seligen durch verschiedene Gefäße darstellt, die, ungleich in der Größe, doch alle gefüllt sind. Das kleinste und das größte sind also gleicherweise voll, wiewohl das große mehr enthält, als das kleine.]
  49. 67. Der Zweifel, ob in einem bestimmten Falle der Himmel wirklich gerecht sei, setzt den Glauben an die Gerechtigkeit überhaupt voraus [muß also nicht nothwendig aus Ketzerei hervorgehen.]
    Unsere Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit Gottes, welcher, wie V. 45 des vorigen Gesanges gesagt ist, sein Gefolg gebildet will nach sich.
  50. [73(64)–114. Nunmehr wird der erste Zweifel Dante’s widerlegt, [420] betreffend die Bewohnerinnen des Mondes speziell (V. 19–21). Wenn diese durch Gewalt einst ihrem Gelübde entzogen wurden, wie kommt ihnen dann irgend eine Schuld zu, wie doch nach Ges. 3, 30. 57 der Fall ist? Die Antwort wird, in Uebereinstimmung mit der, dem Leser wohl noch erinnerlichen Theorie vom freien Willen im Fegf. Ges. 16, 70; Ges. 18, 19–75, mit abermaligem Anschluß an Aristoteles und Thomas gegeben: Der Wille hat seine eingeborene Widerstandskraft und es ist also eine selbstverschuldete Willenshandlung, auch wenn man der Gewalt weicht, V. 73–90. Dennoch ist – ein neues Bedenken! – Constanze in Ges. 3, 115 ff. von Piccarda eigentlich unschuldig im Herzen genannt worden, V. 91–99. Hierauf wird geantwortet, daß allerdings jene gewaltsamen Willenshandlungen auch als unwillkürliche betrachtet werden können, sofern sie eben die instinktmäßige Flucht vor der Gefahr sind, wobei der Wille an sich unberührt und nur auf’s Gute gerichtet bleibt, V. 100–105, 109, 112, 113. Andererseits [421] sind jene Handlungen aber auch willkürlich, sofern der Wille, „dem äußern Zwange sich vermischend“, die kleinere Gefahr vor der größeren wählt, V. 106–108, 110, 111, 114. Diese Unterscheidung nach Aristoteles’ Ethik ergibt denn schließlich die relative Entschuldbarkeit, aber eigentliche Schuldhaftigkeit jener causae mixtae – womit auch Thomas übereinstimmt. Der Leser vgl. noch die weitere, schöne Stelle über die, von Dante hochgehaltene Willensfreiheit im folg. Ges. V. 19–24.]
  51. 103. Alkmäon, s. Anm. zu Ges. 12 V. 49 des Fegefeuers.
  52. 115. Die Rede Beatricens, welche, Gott schauend, Alles, was sie spricht, aus ihm entnimmt.
  53. 118. Der erste Liebende – Gott. [Liebe des ersten Liebenden – Beatrix als göttl. Gnade.]
  54. 123. Gott der Allsehende und Allmächtige, belohne dich zur Entgegnung auf deine Rede.
  55. [130 ff. mit 124 ff. Die menschliche Forschung entsteht aus unsrem angebornen Wissensdrang und Gottesdurst und soll und kann, wenn ihre Zweifel und Untersuchungen „aus dem Fuß der Wahrheit, wie Schößlinge emporwachsen“, d. h. ernste Denkerzweifel sind, nur zur wachsenden Erkenntniß des Höchsten ausschlagen. Ein merkwürdiges und groß gedachtes Wort.]
  56. V. [5 ff. Hier hat man den deutlichen Ausdruck für den steten Fortschritt in der Gottesanschauung, welchen sich D. im Himmel denkt.]
  57. 10. Nur das wahre ewige Licht erzeugt Liebe. Die Liebe zu irdischen Dingen entsteht nur dadurch, daß dieselben, auch ohne daß wir’s ahnen, von einem Strahl des ewigen Lichtes beleuchtet werden – etwas Göttliches in sich haben [– ein Wort von großartiger Wahrheit und Tragweite!]
  58. [13. Die folgende Theorie von den Gelübden, um deren mögliche oder nicht mögliche Vertauschung mit anderen Opfern es sich handelt, ist nach Thomas v. Aquino und Hugo von S. Victor. Wir wollen den Leser nicht mit detaillirter Darstellung derselben aufhalten, da die Stelle poetisch wenig anziehend ist.]
  59. 24. Alle vernünftigen Geschöpfe sind begabt mit Willensfreiheit, aber auch nur die vernünftigen. [Im Uebrigen vgl. vorigen Ges. zu V. 73 ff.]
  60. 25. Wer Gott ein Gelübde ablegt, kann nicht mehr nach freiem Willen handeln, sondern muß, auch wider Willen, dem Gelübde Genüge leisten. Daher der hohe Werth des Gelübdes, durch welches man die größte der göttlichen Gaben, die Willensfreiheit zum Opfer bringt.
  61. 32. Wenn du auch das, was du geopfert (im Gelübde dargeboten) hast, den freien Willen, zu einer andern, als der gelobten Bestimmung wohl verwendest, so begehst du doch Sünde, weil das Gelobte nicht mehr dein war.
  62. 38. Wenn auch das, was du vernommen, schwer einzusehen ist, so wird dich doch weitere Belehrung aufklären.
  63. 49. Nach dem Kap. 12 und 27 im dritten Buch Moses ist den Juden erlaubt, gewisse vorgeschriebene Opfer und Leistungen durch andere zu ersetzen.
  64. 57. Der gelbe und weiße Schlüssel; siehe Fegefeuer Ges. 9 V. 118.
  65. 58–63. Wenn der gelobte Gegenstand von solchem Werthe ist, daß er durch nichts Anderes ersetzt werden kann, so ist ein solcher Ersatz auch gänzlich unmöglich. Denn das, was wir zum Ersatz bieten, muß das Gelobte seinem Werthe nach ganz in sich fassen.
  66. [73–78. Nachdem D. in V. 64 vor leichtsinniger Eingehung von Gelübden gewarnt, fährt er hier mit der Warnung vor leichtfertiger Lösung der einmal eingegangenen fort. Dabei hat er in V. 75 ohne Zweifel gewissenlose Priester im Auge, welche zu solch’ leichtfertiger Lösung behülflich waren, und weist V. 76 ff. auf die h. Schrift als sichere Norm und auf Christum den wahren Kirchenhirten – eine Stelle von reformatorischer Bedeutung, ob auch das Bibellese-Verbot damals noch nicht so streng gehandhabt war, als nach dem tridentinischen Concil!]
  67. 81. Die Juden, auf welche die Priester wenig Einfluß haben, weil ihre Gesetze ihnen zur Richtschnur dienen, haben Ursache, die Christen, unter welchen sie wohnen, zu verlachen, wenn diese dem Pfaffen mehr glauben, als dem Worte Gottes.
  68. 93 ff. Das zweite Reich, der Planet Merkur. Der Stern glänzt heller im Glanz Beatricens, welcher von Kreise zu Kreise sich erhöht, je mehr sie der Gottheit sich nähert.
  69. 100. Man ist es am Dichter schon gewohnt, daß er gemeine Gegenstände zu ungemeinen Gleichnissen zu benutzen weiß. Das Herbeieilen der Fische, wenn Nahrung für sie in einen klaren Teich geworfen wird, versinnlicht vollkommen das Herbeieilen der seligen Seelen, da ein neuer Gegenstand erscheint, der ihrer Liebe neue Nahrung giebt.
  70. [105. S. zum f. Ges. V. 114.]
  71. 115. 116. Hier, im Himmel. – Dort, auf Erden.
  72. 122. Vgl. Ges. 3 V. 31.
  73. [125. Diese Seligen strahlen eigenes Licht aus, was eine höhere Stufe, als im Mond, bedeutet. Vgl. zu 3, 70 ff.]
  74. 129. Der kleine Planet Merkur erscheint den Erdenbewohnern, weil er der Sonne so nahe ist, nur in der Dämmerung, und daher in sehr schwachem Lichte, weil das stärkere Licht der Sonne das seinige verschleiert.
  75. [VI. Dante’s mehrerwähntes und schon in der Vorbem. zur Hölle kurz skizzirtes politisches System beruht auf 3 Hauptsätzen. Im Fegf. Ges. 16, 94 ff. sahen wir den ersten, philosophischen Hauptsatz von epochemachender Tragweite entwickelt: die Nothwendigkeit einer selbstständigen Staatsgewalt zur weltlichen Lenkung und Beglückung der Völker – der moderne Staatsgedanke! Der zweite, geschichtliche Hauptsatz nun wird im vorliegenden Gesang dargelegt, wonach „der Adler“, die göttliche Institution der Weltherrschaft, in Aeneas den Römern verliehen ist, aber von ihnen, von der Gründung Rom’s an, durch die Zeiten der Könige, der Republik, der Cäsaren, in ununterbrochener Continuität auf Karl den Großen und die weiteren deutschen Kaiser überging, so daß also das deutsche, damalige Kaiserreich und kein anderes ihm als das legitime, providenzielle Weltreich erscheint, welches auch Italien beherrschen sollte und dessen Wunden allein heilen könnte (Fgf. 6, 76 ff.) Diese eigenthümliche Anschauung des Dichters kennt jedoch der Leser auch schon aus Hölle 2, 13–30, sowie endlich der dritte Satz von der resultirenden Stellung dieses Dante’schen Universalstaats zum Papstthum u. umgekehrt – die eigentliche Spitze des Systems – zu Fegf. Ges. 32, V. 38 u. 112 entwickelt worden ist. So wird denn der Leser im Zusammenhang dieser Stellen den vorliegenden Gesang leicht zu verstehen und zu ergänzen vermögen und wir können uns bei den Anmerkungen aufs unmittelbar Nothwendigste beschränken, indem wir nur noch aus der Anm. zu Hölle, Ges. 9, V. 61 ff. extr. wiederholen, daß die zusammenhängende Explication dieses hochinteressanten Systems von Dante in einem besonderen Buch „de monarchia“ gegeben wird, dessen Inhaltsdarstellung, die hier nicht möglich ist, der Herausgeber in seiner Einleitungsschrift zu Dante II. 2. gegeben hat.]
  76. 1–6. Der Weg der Gestirne geht für unser Auge von Osten nach Westen. Diesem Wege folgte Aeneas, als er, der erste Begründer der römischen Macht, von Asien nach Italien zog. In entgegengesetzter Richtung, nämlich vom Westen zum Osten trug Constantin den Adler, als er seinen Sitz von Rom nach Byzanz verlegte [nahe dem Berg Ida, von dem Aeneas auszog.]
  77. [10. Justinian, 527–565, hob die letzte Stütze des Heidenthums, die Schule des Proklus in Athen auf, gab das berühmte, geläuterte und vereinfachte Staatsrecht, dessen hohe Bedeutung D. in V. 11 und 12 auf die Analogie mit dem göttlichen Walten („der ersten Liebe“) zurückführt und wurde dem Einfluß der, durch seine Gemahlin Theodora begünstigten, monophysitischen Irrlehren durch Papst Agapet entzogen, V. 13–18.]
  78. [20. 21. Nach dem Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten.]
  79. [25. Belisar vollbrachte die eine der beiden segensreichen Unternehmungen der Regierung Justinian’s, die Wiedereroberung des Abendlands, während er selbst in Ruhe zu Hause der andern, der Legislation, oblag]
  80. 28. Die erste Frage V. 127 des vorigen Gesanges war die: Wer der Selige sei? Justinian hat hierauf geantwortet. Aber der Dichter kann diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne sich weiter über die Heiligkeit des römischen Reichs, das er in seinem Zeichen, dem Adler, darstellt, zu verbreiten. [Wir werden übrigens diesen Adler im Gestirn des Jupiter noch mehr verherrlicht wiederfinden, wo die Versammlung seiner gerechten Träger ist.]
  81. [33. Ghibellinen und Guelfen; vgl. zu. V. 97 ff.]
  82. [35. Pallas, Evanders Sohn, Aeneas’ Verbündeter, war der Erste, der, im Kampf mit Turnus, sein Leben an das junge Rom setzte]
  83. 39. Drei und Drei – Horatier und Curiatier.
  84. 41. Sieben, die Könige der Römer.
  85. [46 ff. Weitere Gottesurtheile, wie D. annimmt, welche für Roms Herrschaft entschieden. Die Thatsachen sind dem Geschichtskundigen bekannt.]
  86. [54. Fiesole, an dessen alter Stätte Florenz erbaut sein soll, war der Hauptsitz der catilinarischen Verschwörung, welche gegen den römischen Staat gerichtet war und unter Pompejus unterdrückt wurde.]
  87. 73. Nach Cäsar trug Augustus den Adler und schlug die Mörder Cäsars, welche der Dichter in der Hölle (s. Ges. 34 V. 64 ff.) für diesen Mord büßen läßt.
  88. 86. Des dritten Cäsar, des Tiberius, unter dessen Regierung Christus gekreuzigt wurde.
  89. [432] 88–93. [Eine eigenthümliche Dialektik! Jesu Kreuzigung zur Versöhnung unserer Sünde war eine nothwendige Zulassung der göttl. Gerechtigkeit und deren Vollzug durch die ordentliche kaiserliche Obrigkeit läßt auch hierin wiederum das röm. Kaiserthum als Organ der Vorsehung Gottes erkennen.] Aber diese Rache war von Seiten der Juden ein neues Verbrechen, für welches Titus, Jerusalem zerstörend, Rache nahm. Im folgenden Gesange wird dies näher erläutert.
  90. 97–109. Nachdem der Dichter nun durch diesen Abriß der römischen Geschichte, welche er durch Karl den Großen und die nachfolgenden Kaiser für fortgesetzt hält, seinen Hauptbeweis geliefert hat, daß der römische Adler von jeher zum Zeichen der Weltherrschaft, besonders der Herrschaft über Italien, bestimmt gewesen sei, rügt er, wie schon in V. 31–33 angedeutet war, gleichmäßig das Benehmen der damaligen Ghibellinen, wie der Guelfen, indem die ersteren, wie jede Partei, keineswegs die Herstellung der Herrschaft des Adlers, sondern nur ihre eigene Herrschaft suchten, die anderen aber dieses Zeichen durch das der Lilien, den Kaiser durch Frankreich, zu demüthigen strebten. Er sagt dem Karl von Valois voraus, daß die Anmaßung seines Geschlechts durch den Kaiser, der wohl schon stärkere Feinde besiegt habe, werde bestraft werden. Der „neue Karl“ im Unterschied vom König von Neapel.]
  91. [112–126. Nach Beendigung seiner Rede wendet sich Justinian zu [433] der Frage zurück, weshalb, Ges. 5, 128, dieser kleine niedere Merkur-Stern ihm und Anderen zum Aufenthalt gegeben sei? Antwort: sie hatten auf Erden nach der Bekehrung noch den Makel der Ehrsucht an sich, welche ihr christliches Tugend- und Vollendungsstreben nicht ganz rein und vollkommen werden ließ V. 112–114. Darum erheben sie sich auch im Himmel nicht höher V. 115–117, sind aber an ihrem jetzigen Aufenthaltsort eben darin und dadurch selig, daß sie erkennen, wie nach göttl. Gerechtigkeit ihnen diese Stufe und keine andere gebühre V. 118–123. Und weil denn überhaupt sie, wie alle anderen Seligen, je auf ihrer Stufe zufrieden und beseligt seien, so bilde gerade diese Verschiedenheit der einzelnen Töne einen um so entzückenderen Gesammtaccord der Himmelsharmonie, V. 124–126. Vgl. Ges. 3, 49 ff. und unsere Anm. dazu. – Zur Sühnung geschichtlicher Gerechtigkeit dient es, daß Justinian seine Eitelkeit und Prunksucht hier selbst, als Mitbewohner des Merkur, bekennen muß, nachdem ihn Dante durch das Bisherige eigentlich viel zu hoch erhoben hat. Mit Unrecht hat man aber durch Zusammenbringen dieser Stelle mit V. 104 des vorigen Gesanges die dortigen Worte: „der da kommt, wird unser Lieben mehren“ darauf gedeutet, daß D. seinen eigenen zukünftigen Platz in diesem Stern weissagen wolle, weil er sich öfter, besonders Fegf. 13, 133; 11, 118 ff., zu den „Stolzen“ rechnet. Denn Stolz und Ehrgeiz sind nicht immer beisammen und auf allen Sternen wird D. von den Seligen ähnlich begrüßt. Nur die Seligkeit im Allgemeinen prophezeit sich D. und zwar Ges. 15, 31 ff.]
  92. 127 ff. Ein Romeo soll, als Pilger von einer Wallfahrt kehrend, vom Grafen Berlinghier von Provence aufgenommen und zum Verwalter seiner Einkünfte bestellt worden sein. Als solcher erfüllte er treulich seine Pflicht und vermehrte mit den Einkünften des Grafen dessen Ansehn so, daß die vier Töchter desselben sämmtlich Königen vermählt [434] wurden. Dennoch forderte Berlinghier Rechnungs-Ablegung von ihm, durch welche Romeo nachwies, daß unter seiner Verwaltung des Grafen Einkünfte sich verdoppelt hatten. Indessen war dies Ansinnen dem treuen Verwalter so schmerzhaft gewesen, daß er den Grafen verließ und als Greis sich vom Betteln ernährte. –
  93. [142. Warum dieser Romeo aber nun hier sei, ist schwer zu sagen, da ihn D. keineswegs als ehrgeizig direct bezeichnet. Wir möchten vermuthen, daß er dem D. denn doch zu sehr seine ganze Kraft und Ehre in die finanzielle Hebung seines Herrn gesetzt und zu empfindlich denselben verlassen, als seine Thätigkeit angezweifelt wurde, trotzdem er völlig gerechtfertigt ward – was alles denn doch einen gewissen Ehrgeiz implicirt. Denn Notters vorgeschlagener Ausweg zu der Stelle, wornach umgekehrt auch Solche den Merkur bewohnen, deren Verdienste durch eigene Schuld verborgen blieben, können wir, so sinnig er ist, der Consequenz der Dante’schen Eintheilung wegen nicht acceptiren. Es möchte zwar eingewendet werden, daß D. besonders hervorhebt, er sei selig, „obwol sein edles Thun auf Erden mißkannt worden“ V. 129, 140 ff. Allein dies muß sich noch nicht auf die Stufe seiner Seligkeit, sondern nur auf das Seligsein überhaupt beziehen und wenn Dante in jenem Wort die Unbilligkeit menschlicher Beurtheilung rügt, welche den Romeo von ihrem Standpunkt hätte hoch ehren sollen, so bleibt dadurch die Möglichkeit unberührt, daß das göttliche Urtheil ihn doch nicht ganz rein fand.]
  94. VII. 1–3. Diese drei ersten Zeilen sind im Original lateinisch mit einigen hebräischen Worten.
  95. 4. Die Seligen, in Lichtgewändern erscheinend, drücken ihre Wonne durch Tanz im Kreise aus, der lebhafter, glänzender und schneller wird, wenn sich eine Veranlassung zu erhöhter Liebe und Freude darbietet. Manche werden vielleicht diese Aeußerung der Seligkeit zu gemein und irdisch finden. Aber sie mögen versuchen, ob ein würdigeres Bild aufzufinden ist, als die Bewegung der Sterne durch das unermeßliche All.
  96. [6. Wird auf Justinians Doppel-Verdienst als Gesetzgeber und Eroberer gedeutet.]
  97. 14. be und ice. Die Anfangs- und Endsylben des Namens Beatrice, der abgekürzt auch wohl Bice ausgesprochen wurde.
  98. 18. Im Original weit schöner, einfacher und deutlicher: welches den Menschen im Feuer glücklich machen würde.
  99. [19. Die folgende (dritte) der systematischen Belehrungen über die Hauptpunkte der christl. Erkenntniß bewegt sich in zwei Hauptgedanken. 1) Warum war die, doch zur Erlösung nothwendige, Kreuzigung Christi für die Juden eine Sünde, welche nach dem vorigen Ges. [436] V. 92 ff. durch Titus gerächt wurde? V. 20–56. 2) Warum wählte Gott gerade diesen Weg der Erlösung, da es ja (vgl. Gregor d. Gr.; Thomas) auch andere gegeben hätte? (V. 58–120). Die Antwort auf beide Fragen ist trotz ihrer Dialektik, dem mit christlichen Ideen Vertrauten leicht verständlich.]
  100. 25. Der Mensch, welcher nicht geboren ward, Adam, welcher Gott ungehorsam war.
  101. 58 – 63. Der Geist bemüht sich vergebens, das göttliche Geheimniß zu erkennen, wenn er nicht gereift ist in der Glut der Liebe.
  102. [64. Herrlicher Ausdruck für den Gedanken, daß Schöpfung (wie Erlösung) nur ein Werk der neidlos und grenzenlos sich manifestirenden göttl. Liebe sei.]
  103. [67 ff. Daher auch die unmittelbar aus Gottes Hand erschaffenen Dinge (im Unterschiede von der mittelbaren elementaren Schöpfung V. 121 ff.) mit den höchsten und kostbarsten Vorzügen der Unsterblichkeit, der Freiheit von jedem „Neuen“, d. h. von den Gesetzen der niederern, mittelbaren Schöpfung, und der Gottähnlichkeit ausgestattet sind – und so auch der Mensch im paradiesischen Zustand V. 76. Durch die Sünde verlor er dann die beiden letzten. Nur die Unsterblichkeit blieb ihm, der Seele wie dem Leib, was V. 145 noch wiederholt betont wird.]
  104. 85. In den ersten Beiden, in Adam und Eva.
  105. 124. V. 67 hat Beatrice den Satz aufgestellt: daß Alles, was Gott unmittelbar erschaffen, nicht sterbe. Sie beseitigt in dem Folgenden einen Einwand, den man ihr machen könnte, da man so vieles Erschaffene vergehen sieht. Das, was untergeht, ist nicht von Gott unmittelbar, sondern mittelbar durch die Kräfte erschaffen, die er, wie wir früher erfahren, den Sternen mitgetheilt hat. Der Menschenleib dagegen, da er in den ersten Eltern von Gott unmittelbar erschaffen wurde, ist gleich der Seele unsterblich, und wird einst beim Weltgericht aus dem Grabe erstehen, um sich wieder mit der Seele zu verbinden, [13, 62; 14, 37 ff.]
  106. VIII. 1–9. Epicyklus. Nach dem Ptolemäischen Systeme, nach welchem die Erde als der feststehende Mittelpunkt[WS 2] der Gestirne betrachtet wurde, vermochte man den Lauf der Planeten nicht mit dem der übrigen Weltkörper in Uebereinstimmung zu bringen, und die oft ganz unregelmäßig scheinende Bahn derselben nicht zu erklären. Man nahm daher an, daß jeder Planet sich in einem besondern kleinern Kreise für sich drehe, und mit und in diesem den großen Kreislauf durch das Firmament mache. Diese kleineren besonderen Kreise heißen Epicykel. Durch sie hielt man die zuweilen als rückgängig erscheinende Bewegung der Planeten für erklärt. – In dem dritten dieser Epicykel glaubt man, wie der Dichter hier sich ausdrückt, nach der Mythologie der Griechen und Römer, die Venus in dem nach ihr benannten Sterne zu sehen, und ehrte sie, sammt ihrer Mutter und ihrem Sohne.
  107. 11. 12. Die Venus geht der Sonne nach, wenn sie untergeht, und ihr voraus, wenn sie aufgeht.
  108. [22. Nach der Physik des Aristoteles entstehen Erbeben, Wind und Gewitter allesammt aus trockenen Dünsten, welche in der Erde das Erste, über der Erde das Zweite, in den Wolken das Dritte erregen. Der unsichtbare Wind ist also der Blitz.]
  109. 37. Die ihr den dritten Himmel lenkt, erkennend. Voi, che intentendo il terzo ciel movete – Anfang der ersten vom Dichter in Convito erläuterten Canzonen. Die Engel erkennen den Willen Gottes und leiten dadurch die Sterne mit ihren Einflüssen. Deshalb werden sie auch in der scholastischen Theologie Intelligenzen genannt. [Daher V. 27, vgl. auch Ges. 2, 127 ff.]
  110. [39. 46 ff. Die innige Nächstenliebe und Freude, Mit-Erlöste zu sehen, ist einer der schönsten Züge der in Gott vergnügten Seligen, welcher durch’s ganze Paradies geht.]
  111. 49. Der hier sprechende Geist ist Karl Martell, erstgeborner Sohn Karls des Lahmen, Königs von Neapel. Schon bei Lebzeiten seines Vaters wurde er nach dem von seiner Mutter ererbten Rechte König von Ungarn, und würde nach dem Tode des Vaters auch das Königreich Neapel und die Provence geerbt haben. Allein er starb im Jahre 1295, früher als sein Vater, und seine Kinder wurden nach dem Tode Karls des Lahmen im Jahre 1309 gemäß dessen Testament von seinem Bruder Robert verdrängt, [einem gelehrten, zum Fürsten nicht berufenen Mann; daher V. 145 ff.]
  112. [52. Dies ist der letzte Stern, wo die menschlichen Züge der Seligen noch erkennbar sind. Vgl. 3, 60 und Anm. dort zu 49 ff.]
  113. [55 ff. Dante scheint große Hoffnungen auf Karl gesetzt zu haben.]
  114. 58. Der Theil der Provence, der dem Könige von Neapel gehörte.
  115. 61. Neapel, bezeichnet durch drei in verschiedenen Provinzen des Landes belegene Städte und zwei in die beiden Meere nach Westen und nach Osten sich ergießenden Flüsse.
  116. 65. 66. Ungarn.
  117. 67–70. Sicilien, Trinacria genannt, wegen seiner dreieckigen Gestalt und der drei Vorgebirge Lilybäum, Pelorum und Pachynum. Die beiden letzteren begrenzen die Küste, die dem Ostwinde ausgesetzt ist. Dort verbreitet sich der Rauch des Aetna, nicht, weil nach der alten Fabel dort Typhöus, der Gigant, unter den Berg hinabgestürzt ist, sondern weil der im Grunde liegende Schwefel das unterirdische Feuer hervorbringt.
  118. 71 ff. Die Kinder Martells, dessen Gemahlin, Clemenza (9, 2) eine Tochter Kaiser Rudolphs[WS 3] gewesen war. Rudolph und Karl sind also die Großväter dieser Kinder. Sie würden Hoffnung haben, Sicilien zu beherrschen, wenn nicht die schlechte und tyrannische Herrschaft der Franzosen das bekannte Blutbad, die Sicilianische Vesper, veranlaßt hätte (1282), in deren Folge Sicilien in die Gewalt Peters von Arragonien fiel. Denn später, als Sicilien wieder durch Vertrag dem Hause Anjou zurückgegeben werden sollte, widersetzten sich die Sicilianer, jener schlechten Herrschaft eingedenk, der Vollziehung, und die Nachkommen der Enkelin Kaiser Friedrichs des Zweiten behielten noch lange Sicilien als einzigen Rest der Herrlichkeit des versunkenen Geschlechts der Hohenstaufen.
  119. 75. Robert war umgeben von Kataloniern, die er, während er sich in Spanien als Bürge für seinen Vater aufgehalten, kennen gelernt hatte, und die, von ihm begünstigt, sich in Neapel zu bereichern suchten.
  120. 82. Robert braucht, da er selbst geizig ist, Diener, die vom Geize [444] frei sind, damit sie wieder gut machen, was er durch dieses Laster verderben möchte.
  121. 84. Wo die Güter enden und beginnen – in Gott, dem Urquell und dem höchsten aller Güter. Die Seligen erkennen, was in dem Dichter vorgeht, weil sie Gott schauen, in welchem das All, folglich auch die Seele jedes Menschen, sich spiegelt.
  122. 93. Wie süße Saaten etc. Wie ein freigebiger Vater einen kargen Sohn erzeugte (V. 82).
  123. 97. Das Gut – Gott. Seine Vorsehung äußert sich mittelbar durch die Kräfte, welche er den Sternen verliehen hat.
  124. 100–108. Nicht nur für die Existenz der Wesen, sondern auch für die Dauer und Wohlfahrt derselben sorgt Gott. Darum ist in der Wirksamkeit der Sterne nichts Zufälliges, da dies nur Verwirrung und durch diese Untergang veranlassen würde, was bei der Vollkommenheit der Schöpfung nicht sein kann.
  125. 115 ff. Die Staatsgesellschaft dient dazu, die Kräfte des Menschen auszubilden. Aber ein Staat kann ohne Verschiedenheit der Kräfte, wie schon Aristoteles bemerkt, nicht bestehen. Deshalb ruft die Vorsehung nach ihren Zwecken den Gesetzgeber, den Herrscher, den Priester und den Künstler hervor, ohne auf das Geschlecht Rücksicht zu nehmen.
  126. 131. Quirin, Romulus. Sein Vater blieb unbekannt, daher der Volksglaube seine Erzeugung dem Mars zuschrieb.
  127. 139 ff. Das Glück, Fortuna, als Dienerin Gottes, wie sie in der Hölle Ges. 7 ff. geschildert ist. –
  128. IX. 2. Von den Ränkevollen, von denjenigen, durch deren Betrug Karls Kinder von der Erbfolge ausgeschlossen wurden, [denen im Folg. Dante irgend einmal gerechte Vergeltung erwünscht].
  129. 7. Das Licht, in welchem die Seligen erscheinen, ist nur ihr Gewand; in demselben ist ihr wahres Wesen, ihr Leben. [Die Sonne ist Gott.]
  130. 25 ff. Die Sprechende ist die Schwester des berüchtigten Tyrannen Ezzelino da Romano, den wir in der Hölle Ges. 12 V. 110 bis an das Stirnhaar im siedenden Blutstrom eingetaucht gefunden haben. In V. 26 u. 27 ist die Lage des Schlosses Romano bezeichnet. [Die Fackel ist Ezzelin. Bekannt ist, daß es seiner Mutter geträumt haben soll, sie werde eine brennende Fackel gebären.]
  131. [33. In allzuviele Liebesverhältnisse (auch mit Sordello. Fegf. 6, 58 ff.) nach einander verwickelt, war Cunizza im Uebrigen „fromm, barmherzig, mildthätig“ und linderte viel des Elends, das ihr scheußlicher Bruder anrichtete. Das Letztere mag für Dante der Hauptgrund gewesen sein, sie selig zu sprechen. – Wir erfahren also hier (und V. 96) zugleich, wer die Bewohner der Venus sind: fromme Seelen, welche, der erlaubten irdischen Liebe allzusehr ergeben, dadurch in christlicher Ascese und Vollkommenheit gehemmt wurden.]
  132. 34. Vgl. 103 ff. Die bereute und in der Lethe abgewaschene Schuld hört auf, ein Gegenstand der Betrübniß und des innern Vorwurfs zu sein [ein ächt christlicher Gedanke.]
  133. 37. Cunizza weist hin auf den Folco von Marseille, einen berühmten provenzalischen Liebesdichter, welchem sie lang dauernden [448] Ruhm voraussagt. [Späterhin wurde er Mönch und Bischof von Toulouse. Daher wohl die Seligsprechung desselben hier, welche sonst auffallend wäre!]
  134. [41. Die letzte Bemerkung der Cunizza bringt den Dichter auf den, öfters wiederholten Satz, daß irdischer Nachruhm etwas in seiner Art Erstrebenswerthes sei und dies wieder auf einen gelegentlichen Ausfall über unrühmenswürdige, zeitgeschichtliche Vorgänge in der Lombardei nach Ezzelino’s Tode. Hierbei werden natürlich die anti-ghibellinischen Elemente und Bestrebungen hervorgehoben und gebrandmarkt. Ein Eingehen auf das Einzelne würde jedoch den Leser wohl nur ermüden.]
  135. 43. Die Einwohner der Mark Trevigi.
  136. 46. Die Paduaner erlitten mehrere Niederlagen bei Vicenza in den Jahren 1312–1317 [gegen Can grande.]
  137. 49. Die hier benannten beiden Flüsse vereinigen sich bei Trevigi, wo im Jahre 1300 Richard da Cammino herrschte, der 1313 beim Schachspiel erschlagen wurde.
  138. 52–60. Nach Feltre, einer Stadt der Trevisaner Mark, flüchteten sich viele [Ghibellinen von Ferrara, nach Mißglücken einer Verschwörung gegen die dortigen Guelfen] und ergaben sich dem dortigen Erzbischof als Gefangene. Dieser aber lieferte sie an den Gouverneur von [449] Ferrara aus, welcher sie alle ermorden ließ. Dadurch zeigte sich der Erzbischof glänzend als Anhänger des Papstes, und handelte, wie man in Feltre zu handeln gewohnt war.
    Malta oder Marta, ein Ort, an welchem sich ein Kerker befand, den die Päpste zur Einsperrung der schlechtesten Geistlichen zu verwenden pflegten.
  139. 61. Von hohen Spiegeln, von Engeln, über deren Hierarchie der Ges. 28 nähere Auskunft geben wird.
  140. [61–63. Der Leser bemerke diese Worte auch für künftig! Sie sollen die Berechtigung dieser und anderer zornerfüllter Strafreden im Munde von Seligen – und also auch im Munde Dante’s – darthun V. 63. Diese liegt darin, daß die Seligen im Spiegel der, den Engeln gegebenen Erkenntniß nunmehr die göttl. Gerechtigkeit völlig erkennen und daher der heil. Eifer gegen deren Verächter ihnen nicht benommen ist, 61, 62.]
  141. [64 ff. Die Seligen stellen sich in kreisenden Flammenringen dar, wie wir schon öfter hörten. Aus solchem ihrem „Kreis“ und zugleich „Kreisen“ herausgetreten, um stillestehend mit D. zu sprechen, kehrt nun Cunizza dahin zurück. Damit ist auch ihre Seele wieder den eben besprochenen irdischen Dingen abgewandt und mit Anderem, Himmlischem, erfüllt.]
  142. 67. Der Selige, von welchem Cunizza im V. 37 dieses Gesanges gesprochen hat.
  143. 72. Drunten in der Hölle. [Gegenüberstellung des Leibs der Seligen, der Lebenden, der Verdammten.]
  144. 76. Die Seligen singen gemeinschaftlich mit den Seraphinen (den Feuern, weil jener Name in der Ursprache dies bezeichnen soll). Jesaias, [450] Kap. 6, V. 2, sagt von ihnen: ein jeglicher hatte sechs Flügel: mit zween deckten sie ihr Antlitz, mit zween deckten sie ihre Füße, und mit zween flogen sie. – Man wird nicht umhin können, den Vorwurf, welchen der Dichter hier dem Folco über sein weniges Entgegenkommen und sein zu langes Säumen macht, etwas sonderbar zu finden, da, nach dem, was wir schon über den Zustand der Seligen erfahren haben, Folco, Gott schauend, nichts thun kann, was nicht dem höchsten Willen entsprechend wäre.
  145. 82 ff. Das größte Binnenmeer, das mittelländische, welches nur dem Weltmeere an Größe nachsteht und gegen Norden von christlichen, gegen Süden von mohammedanischen Staaten begrenzt wird. Ueber die Berechnung seiner Ausdehnung siehe Anmerkung zum Fegefeuer Ges. 27, V. 1–5.
  146. [85 ff. Folco beschreibt in diesen Versen, zu denen er schon in 82 ff. weit ausgeholt hat, die Lage seiner Vaterstadt Marseille genau, als in gleicher Entfernung zwischen Ebro und Macra und unter gleichem Meridian mit Budschea in Afrika liegend. Das Blut in V. 93 soll an die Eroberung durch Brutus erinnern.]
  147. 97. Vgl. zu 37.
  148. [101. Herkules liebte Iole, um deren willen Dejaneira ihn vergiftete.]
  149. [106. Vgl. V. 34. Frei von bitterer Erinnerung sehen die Seligen in allen ihren Lebensführungen und Lebensirrungen nur „die Kunst des höchsten Ordners“, „die göttl. Weisheit, welche auch den Einfluß der Sterne voraussehend, denselben in ihren Heilsplan aufnahm.“ Notter.]
  150. 115. Rahab. [Vgl. Josua 2, Ebräer 11, 31.]
  151. 119. Nach Ptolemäus reicht der kegelförmige Schatten der Erde bis zur Venus.
  152. 127. Nach dem Vorwurf, den der Dichter im vorigen Verse dem Papst gemacht, daß er sich um das heilige Land nicht bekümmere, entwickelt [452] er die Gründe, aus welchen diese Achtlosigkeit herrührt. In Florenz war eine Hauptmünzstätte, von wo die Floren ausgingen. Deshalb glaubt er die Stadt vom Teufel selbst gegründet, denn dies Geld macht den Hirten zum Wolf. Es verursacht, daß man nicht die Bibel, sondern die Decretalen, die kirchlichen Gesetze, studirt, aus denen zu ersehen ist, in welchen Fällen die Priester für Indulgenzen, Dispensationen etc. Geld verdienen können. Wie fleißig man darin studire, zeigt der beschmutzte und abgegriffene Rand des Buches. Aber bald wird eine andere Ordnung der Dinge eintreten, und Rom wird nicht mehr Zeugin sein, daß der Papst, seiner Braut, der Kirche, untreu, um andere Dinge buhle.
  153. [139–142. Dies ist eine der, zu Fegf. 33, 45 am Ende genannten, wahrhaft prophetischen Stellen, in welcher mit reformatorischer Divination eine, Allem nach rein geistliche Kirchenreinigung und Kirchenerneuerung im Allgemeinen ersehnt und erschaut wird, wie an anderen Orten eine politische Wiedergeburt der Zeit. Wann und wie und durch wen D. diese Reinigung der Kirche denkt, darüber scheint uns auch hier der Streit ebenso müssig, als fruchtlos und das Wort selbst verliert durch seine Allgemeinheit nichts an seiner herzerfreuenden Klarheit, Kühnheit und Gewalt. Wir werden im Paradies noch eine Reihe derartiger directer und indirecter Stellen begegnen, welche seiner Zeit sowohl in den Bemerkungen, als den Ueberschriften sollen herausgehoben werden.]
  154. [X. Vorbemerkung. Mit diesem Gesang beginnt die zweite Hälfte der Planetenkreise, deren Eintheilung wir, im Anschluß an die Bemerkungen zu Ges. 3, 49 und 4, 19, hier gleich zum Voraus geben wollen. In dem 119. und 120. V. des vorigen Gesanges schon ist der nunmehrige Fortschritt allegorisch angedeutet. Wie der Kegelschatten der Erde bis zur Venus reicht, so ziehen sich durch Mond, Merkur und Venus auch bei den Seligen noch Schatten des Erdenlebens. Von nun an aber nicht mehr. Von nun an treffen wir keine „Gehemmten“ irgend einer Art mehr, sondern nur noch verschiedene Classen und Indivitualitäten von, auf Erden erreichbarer, christlicher „Vollkommenheit“. Und zwar sind es die Vollkommenen in der Erkenntniß (Sonne; Theologen), im christl. Leben überhaupt (Mars; Märtyrer, Glaubenshelden), in der gerechten Herrschaft speciell (Jupiter; Fürsten), in der Beschaulichkeit (Saturn; Mönche, Orden). Daß die Aehnlichkeit und Erkennbarkeit der alten, menschlichen Züge von jetzt an ganz verschwunden und in Licht aufgelöst ist, ist schon öfter vorausbemerkt worden. Daß ebenso der Glanz der Sterne, die ganze Erscheinungsweise der Seligen im Einzelnen und Ganzen, die Figuren von Rädern, Kreuzen, Adlern, Leitern, die sie bilden, in mehr oder weniger genauem Bezug zu ihrer Vollkommenheits- und Seligkeits-Stufe stehen, wird der Leser selbst leicht verfolgen und wird nur in seltenen Fällen noch einer besonderen Erinnerung oder Erklärung bedürfen.]
  155. 1–3. Die unaussprechliche Urkraft, Gott der Vater, beschaut den Sohn mit der Liebe, die von Vater und Sohn ausgeht [d. h. in dem heil. Geist. Also die göttl. Dreieinigkeit als Princip der Erschaffung der Welt].
  156. 7. Da Dante mit Beatricen sich zur Sonne erhebt, welche, wie anderwärts öfter gesagt ist, damals im Widder stand, und Widder und Wage die Punkte sind, wo der Thierkreis mit dem Aequator sich durchkreuzt, so fordert der Dichter uns auf, mit ihm die Augen zum Widder zu erheben. Und wie die Fixsterne mit dem Krystallhimmel sich [454] in Kreisen bewegen, die dem Aequator, die Sonne und die Planeten aber [neben der Theilnahme an diesem Umlauf, noch selbstständig umlaufen] in Kreisen, die dem Thierkreis parallel laufen, so sagt er, daß dort die doppelte Bewegung sich durchkreuzt. Im Original: eine Bewegung die andere stößt (percuote). Lombardi.
  157. 13. Vom Aequator theilt sich der Zodiak, in welchem Sonne und Planeten sich bewegen, indem dessen Fläche die des Aequators in einem Winkel von 23 Graden 30 Minuten durchschneidet. Lombardi. – Auf der nördlichen und südlichen Seite der Sonnenbahn stellt man sich, in einem Abstande von 10 Grad, Kreise, mit derselben parallel gezogen, vor, die eine Zone von 20 Grad Breite einschließen, welche der Zodiakus oder Thierkreis genannt wird. In dieser Zone vollenden beständig die Sonne, der Mond und die sechs Planeten, Uranus, Saturnus, Jupiter, Mars, Venus und Merkur, ihren periodischen Lauf. Die Sonnenbahn liegt genau in der Mitte derselben, der Mond und die Planeten aber weichen in ihren Fortwanderungen die meiste Zeit, doch niemals über 9 Grad nord- und südwärts von derselben ab. Ihre Bahnen durchschneiden daher die Ekliptik in zwei einander entgegengesetzten Punkten unter verschiedenen Winkeln, so daß die eine Hälfte nördlich und die andere südlich von der Ekliptik liegt. – Diese Sonnenbahn macht mit dem Aequator einen Winkel von 23½ Grad.
  158. 16–21. Durch diese schiefe Bewegung nähern sich die Planeten jedem Theile der Erde so, daß sie die Kraft, welche ihnen verliehen ist, überall äußern können, und entfernen sich von keinem weit genug, um ihren Einfluß zu verlieren.
  159. 28–33. Die Sonne, scheinbar vom Wendezirkel des Steinbocks zu dem des Krebses und von diesem zu jenem sich bewegend, folglich an jedem Tage mit ihrem Laufe nördlich oder südlich weiter rückend, beschreibt spiralförmig ihre Kreise. Sie stand eben zur Zeit des Frühlings-Aequinoctii im Zeichen des Widders, und brachte daher hier, d. i. in Italien, die Tage schneller, d. h. sie ging von Tag zu Tag zeitiger auf.
  160. [46 ff. Dante kann den Glanz der Sonne nicht mehr beschreiben. Denn da das irdische Auge kaum das Sonnenlicht erträgt, so kann sich auch die Phantasie von einem helleren keine Vorstellung machen.]
  161. [49. Kinderkreise = Kreise von Kindern Gottes, Seligen. Und da es die seligen Helden der christl. Erkenntniß sind, so ist auch hier ihre besondere Nahrung (Ges. 2, 11 ff.) und Befriedigung die Erkenntniß der göttl. Dreieinigkeit. (Wehen = Geist. Zeugen = Sohn durch die Kraft des Vaters).]
  162. 53. Die Engelssonne, diejenige, welche, wie die irdische Sonne den Menschen, den Engeln Licht verleiht, also Gott.
  163. 61–63. Beatrix zürnt nicht, daß der Dichter, zu Gott gewandt, sie selbst vergißt. Aber noch ist er nicht reif dazu, sich ganz im Höchsten zu verlieren. Er wird daher vom Lächeln Beatricens zurückgerufen und befähigt, das zu schauen, was ihn umgiebt.
  164. [64 ff. Das erste Rad der sel. Theologen. Das zweite zeigt sich in 12, 5.]
  165. [67–69. Hof um den Mond.]
  166. 70. Dante, Gott als den König der Himmel betrachtend, nennt häufig die Seligen seinen Hof, die vornehmsten darunter seine Grafen, Patricier etc.
  167. 79. Dieses Gleichniß deutet wahrscheinlich auf einen zu des Dichters Zeit gewöhnlichen Tanz, in welchem, ohne daß die Tänzer ihre Reihen verließen, von Zeit zu Zeit die Melodie oder der Rhythmus wechselte, welchen aufzufassen die Tänzer verweilten.
  168. 82–90.[WS 4] Da Gott dem Dichter so gnädig ist, und die Seligen in Gott diese Gnade und den Wunsch des Dichters nach Belehrung lesen, so können sie nichts Anderes wollen, als diesen Wunsch zu erfüllen. Ein anderer Wille würde von einem unfreien, den Seligen nicht natürlichen Zustande zeugen.
  169. 87. Niemand, der die Seligkeit des Himmels kennen gelernt hat, kann am Irdischen wieder Freude finden, sondern wird immer wieder seinen Geist zum Höchsten richten. [Dante’s eigene Seligkeits-Gewißheit liegt hierin.]
  170. [96. Vgl. Ges. 11. 122, ff.]
  171. [97. Thomas, Graf von Aquino in Unter-Italien, 1225–1274. Haupt-Scholastiker und theolog. Lehrer Dante’s.]
  172. [99. Albertus Magnus, 1193–1280, eigentlich Albrecht von Ballenstädt aus Lauingen an der Donau, ebenfalls Dominikaner, zuletzt in Cöln. Ein Mann von immensem Wissen, Thomas’ Lehrer.]
  173. 103. Gratian, Mönch im Kloster S. Felix zu Bologna, zeigte in seinem decreto die Uebereinstimmung des kanonischen Rechts mit dem bürgerlichen.
  174. 106. Petrus Lombardus, Bischof zu Paris, [dessen vier Bücher „Sentenzen“ von hohem Ansehen waren.] Er sagt von seinem Werke in der Vorrede, daß er es darbiete, wie die Wittwe ihr Scherflein.
  175. 109–114. König Salomo, wie in der Folge näher erläutert werden wird.
  176. 115. Dionysius Areopagita, Verfasser[BN 1] eines Buches de coelesti hierarchia [von Paulus bekehrter Lehrer der älteren Zeit].
  177. 118. Paul Orosius, ein Schriftsteller von geringerm Rufe, daher hier von kleinerm Licht. Er schrieb sieben Bücher gegen die heidnischen Verleumder der christlichen Religion, und widmete sie dem heiligen Augustin. Dieser Letztere soll in seinem Werke von der Staat Gottes die Schriften des Ersteren benutzt haben.
  178. 124–129. Severinus Boëthius, erst Freund und Günstling des ostgothischen Königs Theodorich, dann durch ihn eingekerkert und martervoll hingerichtet. Im Kerker schrieb er das berühmte Buch de consolatione. Sein Leichnam soll in der Kirche des heiligen Petrus in Pavia, die, nach Lombardi, jetzt Ciel aureo heißt, begraben sein. [† 524.]
  179. 130–133. Beda, † 735, ein englischer Mönch, der Ehrwürdige genannt – Isidor, Bischof von Sevilla – Richard von St. Victor, durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichnet, mystischer Theologe, † 1173.
  180. 133–138. Sigieri las in einem Theile von Paris, der hier Vico degli strami, Strohgäßchen, geheißen wird, Logik [ward aber der Ketzerei bezüchtigt; † vor 1300.]
  181. 139 ff. Die Braut Gottes, die christliche Kirche.
  182. XI. 4. Der Uebersetzer hat hier ein lateinisches Wort gebraucht, weil es allgemein bekannt ist, und weil es, übersetzt, eine ganz falsche Bedeutung erhalten haben würde. Denn dem Recht nachgehen, ist nie eine tadelnswerthe Bestrebung. Aber man sagt denen, welche der Rechtsgelehrsamkeit nachgehen, es nach, daß nicht immer das Recht ihr Ziel sei; und diese tadelt hier der Dichter.
    Aphorismen, die des Hippokrates. [Die ganze Stelle verherrlicht, das Folgende voraus deutend, die himmlische Contemplation gegenüber dem irdischen, armen Wissen, Streben und Genießen.]
  183. 16. Aus jenem Schimmer, dem heiligen Thomas von Aquino.
  184. 26. [Unter Anschluß an Ges. 10, 96 und 113 nimmt der Dichter hier Anlaß auf Leben und Stiftung der beiden Ordensfürsten (V. 35) des Mittelalters zu kommen, des h. Franz und Dominik. Er zeigt dabei eine ebenso geistvolle, kirchengeschichtliche Auffassung ihrer Stellung und Bedeutung, wie sie sein sollte – V. 28–36 – und seine Unterscheidung ihrer beiderseitigen characteristischen Eigenthümlichkeiten – V. 37–39 —, als eine tiefgehende, reformatorisch-ernste Würdigung ihrer Orden und deren gegenwärtiger Zustände. – Diese Erzählung und Darstellung umfaßt den vorliegenden und nächsten Gesang ganz und wird hier dem Thomas, dort dem Bonaventura in den Mund gelegt. Wenn dabei Dante die Rollen so vertauscht, daß der Dominikaner Thomas, ehe er zuletzt den Verfall seines eigenen Ordens geißelt (V. 120 ff.), zuvor das Leben des heil. Franziskus rühmt (V. 43) und Bonaventura den h. Dominik schildert, ehe er seinen Franziskanern die Meinung sagt – (Ges. 11) – so wird man in diesem feinen und edlen Zug leicht die Meinung des Dichters erkennen, welcher – angesichts der steten Eifersüchteleien zwischen beiden Orden – zum Frieden, zum einmüthigen Streben nach dem geistlichen Ziele mahnen will (V. 40 ff.). Nächst ihrer poetischen Schönheit müssen diese beiden gewaltigen Gesänge mit ihren beiden Strafreden gegen die mächtigsten Mönchsorden jener Zeit, nach Kühnheit und evangelischer Wahrheitstiefe zu den bedeutsamsten des ganzen Werks gezählt werden. Und man vergesse nie, daß Dante, einer der großartigsten und reinsten Charactere der Geschichte, auch der Mann war, hier und anderwärts (vgl. bes. Hölle 19; Par. 21, 127. 22, 76 ff. 29, 88 ff. 27, 19 ff.) so zu reden und insbesondere die Armuth selbst lebenslang zu seiner Braut erkoren hatte. – Vgl. auch Vorbem. S. 6 und zu Par. 9, 142.]
  185. 32. Die Glut der Braut, der Kirche, die Christus sterbend sich vermählt hat.
  186. 37. Von Seraphsglut, von den Flammen der himmlischen Liebe, [der Mystik, welcher Franz einzig huldigte.]
  187. 38. Im Glanz der Cherubinen, der Engel, in welchen die himmlische Weisheit strahlt, [die Forschung, welcher Dominik zugewendet war.]
  188. 43. Hier ist die Lage von Assisi, des Geburtsorts des Heiligen, zwölf Miglien von Perugia entfernt, beschrieben. Der Berg, an welchem Assisi, vom Dichter Ascesi genannt, liegt, macht, daß wenn er mit Schnee bedeckt ist und der Wind von ihm herweht, Perugia durch Kälte, wenn aber die Sonnenstrahlen von ihm zurückprallen, durch Hitze leidet. Gualdo und Nocera waren der Stadt Perugia unterworfen und von ihr mit schweren Auflagen bedrückt.
  189. [51. Wörtlich: wie diese, die sichtbare Sonne, wenn sie im Sommer den Fluten des Ganges zu entsteigen scheint, d. h. so kräftig. Der Herausg. wollte jedennoch hier die verständlichere Wendung von Streckfuß nicht ändern.]
  190. [55. Die folgenden berühmte Verherrlichung des h. Franz ist historisch wohlbegründet. In der That war dieser Mann einer der wundersamsten, reinsten Gestalten der Kirche, wohl befähigt, „eine Sonne“ derselben zu werden (V. 50). Der Sohn eines reichen Kaufmanns Bernardone, warf er schon als Jüngling, zum Aerger seines Vaters, all’ irdisches Gut weg, gelobte sich ganz der Armuth, als seiner „Braut“ und setzte in Assisi vor dem Bischof sein Mönchs-Gelübde durch, 1206 (V. 55–63). Noch steht dort, von Overbeck bemalt, von einer riesigen Kirche überbaut, die kleine, uralte Portiuncula-Kapelle, welche der Ort seiner ersten Berufung und die Stätte der Stiftung seines Ordens ist. Diese und der, gleich nach seinem Tod begonnene, [463] prachtvolle Doppeldom (Ober- und Unter-Kirche), zeugen von den mächtigen Impulsen, welche aus der Begeisterung für ihn, wie auf das christliche Leben, so auch auf die kirchliche Kunst ausgingen. Der große Giotto wurde der eigentliche Franziskaner-Maler und schmückte die Unterkirche zu Assisi mit seinen herrlichsten Schöpfungen, worunter auch die Vermählung des heil. Franziskus mit der Armuth. Er war der Freund Dante’s, welcher ja selbst Franziskaner (Tertiarier-) Novize gewesen und der großartige Geist des Dichters weht durch jene epochemachenden Malereien. – Der spezifisch neue Ordensgedanke des heil. Franz war, den bisherigen Mönchsgelübden der Demuth und Keuschheit noch das der Armuth, und zwar in unerbittlich strenger Fassung, beizufügen. So wurde er der Stifter des ersten der beiden großen und einflußreichen „Bettelorden“.]
  191. 64. Des Heilands, der ebenfalls irdische Güter verschmähte.
  192. 67. Amiclas, ein armer Fischer, schlief, wie Lucan in den Pharsalien erzählt, ruhig und ohne sich um den Krieg in seiner Nähe zu kümmern, in seiner Hütte, als Cäsar in einem Ungewitter bei ihm ein Obdach suchte.
  193. 70. Die Armuth blieb Christo, als er an’s Kreuz geschlagen ward, treu, und folgte ihm mit dem Frieden, welchen sie giebt, selbst dahin, wohin Maria ihm nicht folgen konnte.
  194. 80–84. Bernhard von Quintavalle, dann Egid und Sylvester, waren die ersten Nachfolger des heiligen Franziskus. [Die Ordenstracht war: bloße Sandalen, braune Kutte mit Strick.]
  195. 85–99. Obgleich in Rom vor Kurzem erst die Regel festgestellt worden war, daß die Mönchsorden nicht vermehrt werden sollten, so fand sich doch Papst Innocenz III. durch die feste Beharrlichkeit des Mannes und seine wunderbare Persönlichkeit, nicht minder, wie versichert wird, durch nächtliche Erscheinungen, welche den Franziskaner-Orden als eine Stütze der Kirche zeigten, bewogen, dem heiligen Franz eine so günstige Antwort zu geben, daß dieser der Erreichung seines Zweckes näher treten konnte. Die feierliche Bestätigung des Ordens erfolgte aber erst von Honorius III. im Jahre 1223.
  196. 96. Hier man besser singen würde, als es auf Erden seine oft unwürdigen, nicht in seinem Geiste lebenden Nachfolger thun.
  197. [100–105. Franz schloß sich 1219 dem Kreuzheere an.]
  198. 106. Auf einem Felsen [des höchsten Apenninenstocks] soll Christus dem heiligen Franziskus seine Wundenmaale eingeprägt haben.
  199. 113. Seine Frau, hier, wie im ganzen Gesange, die Armuth.
  200. [115. Ein Armer nicht nur mit Worten, sondern in Wahrheit und feurigster Weltentsagung, besaß Franziskus in der That nichts, als seine armseligen Kleider auf dem Leibe. Baar von allem wollte er sterben und ließ sich entkleidet auf den Boden der Portiuncula legen, wo man ihn am 11. Okt. 1226 auch entseelt getroffen haben soll.]
  201. [118. Der heilige Dominik, auf dessen damaligen Orden, nach dem, zu V. 26 Bemerkten, jetzt die Rede kommt. Thomas zeigt, daß seine Ordensbrüder von dem, dem heiligen Franz wie dem Dominik gleichen geistlichen Zwecke abkommen, „neuer Speise lüstern“ (V. 124) und erklärt damit jenen V. 96 in Ges. 10.]
  202. 119. Petri Kahn, die Kirche.
  203. XII. 3. Man wird es am Dichter schon gewohnt sein, daß er, um das Erhabenste zu versinnlichen, nicht immer erhabene Bilder braucht, sondern daß ihm diejenigen die liebsten sind, welche das, was er ausdrücken will, am lebendigsten darstellen. So hier die Mühle, oder vielmehr das Mühlenrad, welches den Kranz der Seligen bezeichnet, die um den Dichter sich tanzend im Kreise bewegen, mit einem Willen und in einem Nu still stehen und eben so wieder ihren Tanz beginnen. V. 25. [Der zweite Kranz, das zweite Zwölf seliger Theologen, tritt nun hervor, sich um den ersten herum schließend.]
  204. 10–18. Diesen zweiten Kreis oder Kranz von Seligen vergleicht der Dichter dem Wiederscheine des Regenbogens, der einen zweiten, an Form und Farben gleichen, doch schwächer glänzenden Bogen bildet. Dieser zweite Bogen verhält sich zu dem ersten, wie Echo’s Nachhall zu dem Tone, den er wiederholt. – Die hier mehrfach in einander verschlungenen Bilder und Gleichnisse, den überfließenden Reichthum des Dichters an allen Mitteln der Darstellung beweisend, werden der Aufmerksamkeit des Lesers nicht entgehen. Daß Echo vor Liebe zu Narcissus verging, wird ebenso bekannt sein, als daß Iris – der Regenbogen – die Botin der Juno ist.
  205. 24. Das Spiegeln, s. Fegefeuer Ges. 15 V. 67–75. Ueberhaupt möge man hier die angezogene schöne Stelle des Fegefeuers sich tief einprägen, da sie über viele Stellen des Paradieses helles Licht verbreitet.
  206. 31. Der Sprechende ist, wie wir V. 127 erfahren, der Cardinal Buonaventura [1256–1274] General des Minoriten- oder Franziskaner-Ordens, [ein ebenso edler Charakter, als bedeutender Theolog. [468] Warum dieser nun das Leben des h. Dominik preist, wie vorher Thomas das des h. Franz, dies ist schon zu 11, 26 ff. auseinandergesetzt worden und wird sogleich hier in V. 34 ff. und 106 – 111 nochmals betont.]
  207. 37. Das Heer des Heilands, die Kirche und deren Mitglieder, durch Christi Tod neu bewehrt mit den Waffen, durch welche der ewige Widersacher zu bekämpfen ist. [43. Vgl. 11, 32 ff.]
  208. [46 ff. Spanien, woher uns die Frühlingswinde kommen.]
  209. [50 ff. Wir belassen hier die Streckfuß’sche Auffassung des vielumstrittenen „per lunga foga“, wornach diese Worte auf die Wellen zu beziehen sind und D. sagen wollte, daß jedem, an der dortigen Küste des atlantischen Oceans Stehenden, der Anblick der sinkenden Sonne „durch den langen Lauf“ oder „das lange, d. h. weitherkommende hochgehende Ungestüm der Wellen“ öfters ganz entzogen werde. Dadurch würde eben die Küste des freien, atlant. Meeres gegenüber dem stilleren Strand des mittelländischen Meeres bezeichnet. – Neuerdings ist diese Deutung allerdings meist verlassen und indem man das lunga foca auf den langen Lauf oder die größte Glut der Sonne bezieht, ergibt sich der Sinn, daß von Italien aus die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende im atlant. Ocean unterzugehen scheint, hinter welchem keine Menschen mehr wohnen (daher „ad ogni uomo“). Weder das Eine noch das Andere ist für den Gesammtsinn sehr wichtig.]
  210. 53. 54. In dem Wappen der Könige von Kastilien war auf der einen Seite ein Löwe über und auf der andern ein Löwe unter einem festen Schlosse zu sehen.
  211. [55. Zu Callaroga (Callaruega) in Altkastilien, einer dem Meer übrigens keineswegs wirklich nahen Stadt, wurde Domingo Guzmann 1170 geboren, also 12 Jahre vor dem hl. Franz. Ein besonnener, innerlich glühender Mann von gelehrter Bildung hat er seinem, schon 1216 bestätigten, Orden das Ziel der Hebung des alleinseligmachenden Glaubens durch Predigt und Wissenschaft einerseits, Ketzerbekehrung und Inquisition (V. 57) andrerseits gestellt. Erst 1220 fügte er nach dem Vorbild seines großen Rivalen das Gelübde der Armuth bei. Er starb 1221. Die schwärmerische Gottinnigkeit, die legendenreiche Verherrlichung ist seinem Leben nicht eigen. Sein Orden stützte sich auf die höheren Stände, wie die Franziskaner auf das Volk. Aber durch Pflege der Wissenschaft und der Predigt ist er ruhmvoller und von bleibenderem Einfluß gewesen, als jener.]
  212. 60. Seine Mutter träumte vor ihrer Entbindung, daß sie einen weißen und schwarzen Hund, mit einer Fackel im Munde gebären würde. Dies wurde als Symbol der Tracht des Ordens und des Feuereifers des Stifters betrachtet.
  213. 61–66. Die Zeugin bei der Taufe des heil. Dominik träumte, daß er einen Stern an der Stirn und einen im Nacken habe, und damit das Morgen- und Abendland erleuchte.
  214. 67–69. Der Herr – dominus – besaß den Knaben, und ließ ihn deshalb dominicus, dem Herrn eigen, nennen.
  215. 75. Der erste Rath von Christus. Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe, was du hast, und gieb es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Matth. 19, V. 24.
  216. 76–78. Schon von der ersten Jugend an soll der Heilige durch Demuth und Strenge gegen sich selbst seinen künftigen Beruf bekundet haben.
  217. 79. 80. Felix, glücklich, Johanna, aus dem Hebräischen herstammend, gnadenreich.
  218. 83. 84. [Heinrich von Susa], Cardinal von Ostia, berühmt als Schriftsteller über canonisches Recht – Thaddäus, ein berühmter Arzt. Also nicht die Kunst, in der Welt sein Glück zu machen, nicht kirchliches Recht, nicht Arzneiwissenschaft studirte er, sondern nur das wahrhafte Manna, die wahre Lehre Christi.
  219. 88. Vom Stuhl, dem päpstlichen. Nicht in dem Amte des Papstes liegt die Schuld, daß den Armen von den Gütern der Kirche nichts zu Theil wird, sondern im Geize der Päpste, [besonders des gegenwärtigen, Bonifaz VIII.]
  220. [93. Bezieht sich auf Dispense von Zurückgabe gestohlenen Gutes oder von Gelübden u. dgl. gegen einen kleineren Tribut an die Kirche.]
  221. [109 ff. Hier wird wieder (vgl. 11, 118 ff.), mit dem Rückschluß auf den andern großen Ordensstifter, zugleich der Uebergang zur Strafrede gegen die eigenen Ordensbrüder des Sprechers gemacht. – Außer auf die allgemeine Verweltlichung wird von V. 121 an noch besonders auf die Spaltungen im Franziskaner-Orden Bezug genommen. Zwar seien noch Manche da von der alten, ächten Art V. 123. Aber dies sei weder der Erfolg der übertrieben strengen Observanz des Bruders Ubertin von Casale, noch der Richtung des Generals Matthäus von Aquasparta, des Führers der laxeren Partei, V. 124 ff.!]
  222. [130 ff. Zu den folgenden Namen sei kurz bemerkt: Illuminat und Augustin waren zwei Lieblingsjünger des hl. Franz; „der von S. Victor“, von der Theologenschule zu Paris, ist Hugo, der große Mystiker, eine tiefinnerliche, vielseitig gebildete, edel-milde Gestalt, in der Lehre viel von Dante benützt, gest. 1141 und Vorgänger des in Ges. 10, 131 genannten Richard von S. Victor; Mangiadore ist der Pariser Kanzler Petrus Comestor; Peter „der Spanier“, vielmehr der Portugiese, ist Johann XXI. gest. 1277, Verfasser eines Handbuchs der Logik; Nathan, der Prophet, Johann Chrysostomus, der große Kanzelredner des 4. Jahrhunderts und Erzbischof von Constantinopel, Rabanus Maurus, Abt von Fulda, einer der größten Gelehrten des 9. Jahrhunderts, Schüler Alcuin’s, Donat, der römische Grammatiker des 4. Jahrhunderts, daher „Lehrer der ersten“ unter den sieben freien Künsten, Anselm von Aosta, Erzbischof von Canterbury, der mächtige Begründer der mittelalterlichen Theologie und Verfasser der berühmten Schrift über die Menschwerdung Gottes, gest. 1109, endlich Joachim, Abt von Floris (gest. 1202), eine bedeutende, prophetische Erscheinung von reformatorischer Tendenz, aus dessen ernsten, zornentflammten Weissagungen und Strafreden gegen das neue Babel, die Kirche und ihre Verweltlichung, Dante manche seiner eigenen, reformatorischen Gedanken und Aeußerungen in der g. Kom. entlehnt haben mag. – Das größere oder geringere Licht des ersten und zweiten Kranzes dieser Seligen deutet auf ihre größere oder geringere Berühmtheit. Eines aber ist allen gemein, wie V. 142 ff. schön sagt, daß eine Liebe und Erkenntniß jetzt alle beseelt und über alle früheren Ordens- und andere Verschiedenheiten hinweg der Eifer oder die Rede des Einen auch alle übrigen fortreißt (wie Thomas’ Rede den Bonaventura) und, wie wir gleich sehen werden, zu neuen Tänzen fortzieht.]
  223. XIII. 1–21. Um dem Leser von den 24 seligen Geistern, die sich um den Dichter in zwei Kreisen drehen, ein deutliches Bild zu geben, fordert er ihn auf, sich 24 der schönsten Sterne, in dieser Form an einander gereiht, vorzustellen, nämlich: fünfzehn willkürlich auszuwählende Sterne erster Größe; dann die sieben Sterne des Wagens oder großen Bären, welcher am Nordpol, der Erdachse nahe, in der nördlichen Halbkugel nie untergeht, und auch am Tage über dem Horizont bleibt; dann die zwei vom Polarstern fernsten Sterne des kleinen Bären, welche, wie jener der Schweif desselben heißt, dessen Mund benannt werden. – Das erste Rad, nach des Dichters System das primum mobile, von welchem die Bewegung aller anderen Kreise ausgeht. – Wenn der Dichter, welcher oft das lebendigste Bild mit einigen Meisterstrichen vollendet, hier weiter, als nöthig scheint, ausholt, so möge man bedenken, daß derjenige, der vom Genius getrieben wurde, die geheimnißvollen Reiche der Geister zu durchwandern, sich mit seiner Ahnung nirgends schöner ergehen konnte, als in jenen unendlichen Sternenräumen, deren Gränzen selbst der erhabensten Phantasie unerreichbar [474] bleiben. Wenn er uns von Zeit zu Zeit mit sich hinaufführt, und von seinem Fluge durch die Unendlichkeit auf einzelnen, ihm und uns erkennbaren Punkten ausruht, so möge man dies nicht für Prunk mit Wissen halten, sondern darin eine innere Nothwendigkeit seiner Natur erkennen. Wer bedürfte auch des Prunkes mit dem, was Jeder erwerben kann, weniger, als unser Dichter, der so Vieles hat, was durch keine Mühe zu erwerben ist?
  224. 23. 24. Chiana, einst ein sehr langsam fließender Bach in Toscana. Der fernste Himmel und der schnellste, das primum mobile.
  225. 29. 30. Von Streben zu Streben, von dem, Gott zu preisen, zu dem, uns zu lieben und uns zu dienen.
  226. 31. Jenes Licht, des Thomas von Aquino.
  227. 34. Die eine Frage (Ges. 11, V. 25 u. 26) ist beantwortet, und du hast die Belehrung in dich aufgenommen. Aus Liebe will ich dir die zweite beantworten: die nämlich, wie es sein könne, daß dem Salomo kein zweiter gleich gekommen sei.
  228. 37–48. Adam, von Gott unmittelbar erschaffen, und Christus, der Gottmensch, konnten doch dem Salomo nicht nachstehen.
  229. [52–87. Wir haben hier eine kurze Wiederholung der, schon zu Ges. 2, 112 und 7, 121 ff. auseinandergesetzten, Theorie von der mittelbaren und unmittelbaren Schöpfung, beziehungsweise eine nähere Auseinandersetzung ihrer letzten Principien, der drei göttl. Personen in ihrem Verhältnisse zur Schöpfung, welches ebenfalls schon in Ges. 1, 1 ff., 10, 1 ff. angedeutet worden. – Das Urbild (Idee) alles Erschaffenen, des Sterblichen und Unsterblichen, ruht in Christo (dem logos), als ein von Gott durch den h. Geist (Liebe) diesem eingestrahltes Licht V. 52–57. Die unmittelbare „Austrahlung“ (V. 58) jener Idee sind jene neun Engelchöre oder Intelligenzen, von welchen die erstgeschaffenen Kräfte in mittelbarer Schöpfungsthätigkeit auf die untergeordneten, elementaren Bildungskräfte ausgehen. Diese zeugen dann, mit oder ohne Samen, „kurzdauernde, sterbliche, [476] zufällige“ Dinge, V. 58–66, von mehrerer oder minderer Unvollkommenheit, V. 67–78, wie jene die unsterbliche, vollkommene Schöpfung bilden. Da nun aber auch Adam, der erste Mensch und nur dieser nebst Christo unmittelbare Geschöpfe Gottes sind, so mußten diese beiden alles Andere weit überragen und insofern hat der Dichter mit seinem, den Salomo betreffenden Zweifel (zu V. 34) Recht.]
  230. 94–111. Dennoch ist das wahr, was Thomas gesagt hat; denn er hat den Salomo nicht mit jenen Beiden, mit welchen er nicht verglichen werden konnte, sondern mit Seinesgleichen in Vergleichung gestellt. Als ihm nämlich Gott im Traum erschien, und sagte: Bitte, was ich dir geben soll, da flehte er nicht um die Wissenschaften, welche V. 97–102 angedeutet sind, sondern er dachte an seine Pflicht als König, und bat Gott: Gieb deinem Knechte ein gehorsames Herz (die Vulgata übersetzt cor docile, ein gelehriges Herz), daß er dein Volk richten möge, und verstehen, was gut und böse ist. 1. Kön. 3. [Eben der dortige Ausdruck, „daß Deines Gleichen nicht gewesen ist noch sein wird“ und seine mögliche, falsche Auslegung, andrerseits der theologische Streit, über die Seligkeit oder Nichtseligkeit des Salomo als Juden – dies beides mag für Dante der Anlaß zu diesem Excurs über ihn und der daran geknüpften allgemeinen Warnung vor vorschnellem Urtheil gewesen sein.]
  231. 121 – 129. Wer ausgeht, die Wahrheit zu suchen, ohne zu wissen, durch welche Mittel sie zu finden sei, kehrt nicht nur, ohne sie gefunden zu haben, folglich vergebens, zurück, sondern er bringt auch an ihrer Statt neue Irrthümer mit sich. Dies wird bewiesen durch das Beispiel der V. 124 und 125 benannten Philosophen, welche Lehrsätze aufstellten, die Dante für falsch hält, obgleich man noch jetzt über die Sache nicht eben viel Zuverlässiges weiß – und durch das Beispiel der V. 127 benannten Hauptketzer, welche die heilige Schrift verstümmelten und ihr einen falschen Sinn unterschoben. [Streckfuß scheint hier doch Kannegießer’s Auffassung im Auge gehabt zu haben, daß man sich in einem Schwert verzerrt und schielend sieht – so die Bibel im Spiegel der arianischen Lehre. Wir glaubten uns daher, trotz der undeutlichen Wendung und seiner eigenen, nicht damit übereinstimmenden Erklärung, zu keiner Aenderung berechtigt. Sonst wird übersetzt: sie verfuhren wie Schwerter mit der h. Schr., ihr gerades Antlitz entstellend.]
  232. [142. Diese letzten, kraftvollen und schönen Verse, worin die vorangehende Belehrung in eine allgemeine Warnung vor zu raschem Urtheil in Sachen der Wahrheit überhaupt (112 – 129), insonders in Sachen der Seligkeit oder Unseligkeit eines Mitmenschen vor Gottes Auge (141) erweitert wird, vermögen uns mit der ermüdenden, weithergeholten Gedehntheit eben jener voraufgehenden Stelle zu versöhnen und schließen den Gesang würdig ab.]
  233. XIV. 1–9. Erst sprach Thomas aus dem Kreise, welcher Beatricen und den Dichter umgiebt, zu diesem, folglich zum Mittelpunkt. Jetzt spricht Beatrix aus dem Mittelpunkte zu den Geistern, welche den Kreis bilden. Dies versinnlicht der Dichter durch das in den drei ersten Versen enthaltene Gleichniß.
  234. 17. Wenn ihr werdet wieder sichtbar werden, wenn euch nach dem Weltgerichte euer Körper wieder bekleiden wird. Er setzt nämlich voraus, daß, da den Seligen mit ihrem Körper auch alle Organe desselben wieder werden verliehen werden, das Licht, welches jetzt ihre Seelen umgiebt, für ihre Augen zu blendend sein werde.
  235. [34. Vielleicht Salomo.]
  236. [66. Die Flamme des Fegfeuers. – Die ganze vorstehende, herrliche Stelle ergänzt und beschließt – eng an Ges. 7, 142 ff. anknüpfend – die Belehrung über Sünde und Erlösung in jenem siebenten und im vorangegangenen dreizehnten Gesang. Ihre Voraussetzung ist die, eben in Ges. 7, 142 ff. und 13, 82 ff. gegebene Grundlehre, daß in Adam das ganze menschliche Wesen unmittelbare Gottes-Schöpfung und daher an Seele wie Leib unsterblich sei. Ihr Kern ist der biblische Gedanke von der Verwandlung des natürlichen in einen geistlichen Leib, als in ein vollkommenes Organ der Aeußerung und Empfindung der Seligkeit von innen und außen. – Man vgl. hiermit auch die Bildung des interimistischen Schattenleibs Fgf. Ges. 25. 79 ff.]
  237. 67 ff. Dante wird in den Mars, der im System des Dichters nach der Sonne folgt, so schnell entrückt, daß er anfänglich den doppelten Glanz beider noch vereinigt zu sehen glaubt, und den neuen Schimmer von dem vorigen noch nicht unterscheidet.
  238. 88. In der Sprache der Empfindung.
  239. 95–117. Der Dichter findet im Mars diejenigen, welche für Christum gestritten [vgl. Vorbem. zu Ges. 10.] Ihr vereinigter Glanz bildet in zweien Streifen, die sich durchschneiden, die Form eines Kreuzes. Diese Lichtstreifen mit ihren größeren und kleineren Lichtern vergleicht der Dichter der Milchstraße (Galassia). Die Lichter in diesem Kreuze bewegen sich so, wie wir in einem ganz verdunkelten Zimmer, in welches durch einen Spalt ein einzelner Lichtstrahl fällt, die, in ganz erleuchteten Zimmern nicht wahrnehmbaren Sonnenstäubchen sich schwebend bewegen sehen [112–117. Aber, zum Zeichen, daß es Selige sind, glühen sie in froher gegenseitiger Mittheilung und Liebe hier und dort auf, wenn sie zusammentreffen oder wenn sie aneinander vorüberziehen V. 110, 111.]
  240. [103 ff. Wie ist diese Erscheinung Christi hier zu denken? Ohne Zweifel bilden die leuchtenden Seelen selbst dessen Gestalt, wie später im Jupiter diejenige eines Adlers. – Ein ungemein schönes Bild, wie dieser ganze Gesang.]
  241. [127 ff. Er will entschuldigend sagen, der Reiz der, immer höhere Schönheit entfaltenden, „Siegel der Schönheit“, d. h. der verschiedenen [484] Himmel (Ges. 13, 71; mit Bianchi), zunächst des neuen, fünften Sterns, habe ihn eine Weile ganz überwältigt und von seinem einzigen Ziele, den Augen der Beatrix abgezogen, auf welche er ohnedies im Mars noch gar nicht geblickt habe (V. 135), was erst Ges. 15, 32 geschieht, wo er dann auch diese Wonne gewachsen findet, V. 138. 139.]
  242. XV. 1–9. [Nach Fgf. 17. 18. geht alles Wollen des Menschen von der „Liebe“ aus.] Die echte Liebe zeigt sich in dem Willen, Andern zu geben – die falsche in der Begier, zu empfangen. Aus jener Liebe schweigen jetzt die Seligen, um den Wünschen Dante’s zu genügen.
  243. [13–20. Wie eine Sternschnuppe, nur nicht, wie eine solche, schnell wieder verschwindend. – „Am Arm“, nämlich des Kreuzes.]
  244. 22. Die Perl’, der Glanz des Seligen, welcher dem Dichter entgegenkam, trennte sich nicht aus dem Kleinod, dem Kreuze, welches mit ihr geschmückt war. Vielmehr bewegte sich dieser Glanz, um sich dem Dichter zu nähern, am Streife des Kreuzes herab, und gab den anderen Seligen, die bei seinem Nahen in höherer Liebe entglommen, wo er vorüberzog, einen höhern Schimmer, [hinter dem er doch noch bemerkbar blieb V. 24.]
  245. 25. Der Selige ist, wie wir bald erfahren, Cacciaguida, Urahn des Dichters. Seine Liebe und Freude glich der des Anchises, als er seinen Sohn Aeneas in der Unterwelt wiedersah. (Aeneis IV. 680 ff.)
  246. [30. „Zweimal“, nämlich jetzt, noch während seines Lebens und künftig, nach dem Tode. Dies ist also die, schon zu Ges. 5, 105 und 6, 114 erwähnte Stelle, wo Dante sich, durch den Mund des Ahnen, selber die Seligkeit zuspricht. – Die Verse 28–30 sind im Original lateinisch, um die Sprache der Gebildeten in der vor-dante’schen Zeit, ehe, durch ihn, die italienische Schriftsprache geschaffen war, anzudeuten.]
  247. 32–36. Durch diese Stelle erläutert sich näher, was am Schlusse des vorigen Gesanges enthalten und darüber bemerkt worden ist. Auch [486] Beatricens Schönheit hat sich erhöht und entzückt ihn eben so, wie das, was ihn in diesem höhern Stern umgiebt.
  248. 49. Cacciaguida hat sich nach Dante gesehnt, weil er im großen Buche (in Gott) gelesen, daß er hier ankommen würde.
  249. 53. Dank Ihr, Beatricen.
  250. 57. Alle Zahlen entwickeln sich aus der vervielfältigten Einheit. So entfaltet sich den Seligen Alles aus dem Anschauen Gottes, der ewigen Einheit, dem Quell, aus welchem Alles, was da ist, entspringt.
  251. 64–69. Cacciaguida hat in Gott Alles gelesen, was Dante wünscht. Aber um die Liebe, auf die sein Geist ewig gerichtet ist, noch mehr zu erquicken, will er ihn sprechen hören. Von welcher außerordentlichen Schönheit dieser Gedanke ist, wird gewiß kein Leser von gesundem Gefühl und Urtheil unerkannt und unempfunden lassen.
  252. 73–84. Wille und Einsicht sind bei dem, der die erste Gleichheit, Gott, in dem Alles Harmonie ist, erkannt hat, immer im Gleichgewicht. Aber der Mensch kann nicht alles, was er will. So Dante jetzt, da er dem Cacciaguida danken möchte.
  253. [86. Des Kreuzes, das die Seligen bilden.]
  254. [96. Der Sprechende, Cacciaguida (spr. Cattschaguida), von altem florentinischen Geschlecht, gest. um 1147, war also der Großvater des Großvaters Dante’s, Bellincione, und durch seine Heirath mit einer Aldighieri der Begründer dieses Zunamens für die Familie. – Dante macht ihn durch diesen und die zwei folgenden Gesänge zum ausschließlichen Sprecher und legt ihm in drei der wichtigsten Reden 1) über Florenz und dessen gute, alte Sitte zu seinen Lebzeiten (Ges. 15), 2), über dessen spätere Geschichte (Ges. 16), 3) über sein, des Dichters, eigenes Schicksal (Ges. 17), seine innersten Gedanken und Gefühle in den Mund. Der Leser entnehme und verwerthe hieraus, was Kopisch treffend mit den kurzen Worten ausdrückt: In Cacciaguida’s Gestalt haben wir ein einfaches und vollkommenes Spiegelbild von Dante’s politischer, religiöser und häuslicher Gesinnung.]
  255. [97 ff. Dicht am uralten Stadtplatz (Piazza della Signoria), also innerhalb des ältesten, engsten Stadtkreises, liegt die Badia (Abtei) der Benedictiner, von deren Thurm damals die Tagesstunden durch Glockenschlag angezeigt wurden.]
  256. [100. Vgl. zu der ganzen Stelle Fgf. 23, 94 ff. Dort mehr zornentflammte Rüge der Gegenwart, hier milder Rückblick auf die Vergangenheit.]
  257. 103. Man verheirathete die Töchter nicht zu früh, und gab ihnen eine mäßige, ihren Verhältnissen angemessene Mitgift.
  258. [106. Entweder einfach: blose, leere Prunksäle oder (nach Philalethes) Häuser, in denen keine Menschen mehr, nein, Zierpuppen wohnen.]
  259. 109. Montemalo, jetzt Montemario, ein Berg nahe bei Rom [489] nach Viterbo zu – Uccellatojo, ein Berg bei Florenz, nach Bologna zu gelegen. Von dem einen und andern Berge übersieht man die benachbarten Städte nach ihrem ganzen Umfange. Der Sinn ist also: damals wetteiferte Florenz noch nicht mit Rom an Schönheit und Größe.
  260. 112–117. Bellincion Berti, Nerli und Vecchio, adelige Familien in Florenz.
  261. 120. [Infolge Verbannung oder freiwilliger, im Dienst des Handelgeistes geschehener, Uebersiedlung nach Frankreich.] Auch die Frauen traf oft die Verbannung. Ein Beispiel findet sich im Fegefeuer Ges. 13, V. 109. S. die dazu gehörige Anmerkung.
  262. 127. Cianghella, aus der edlen Florentinischen Familie della Tosa, verheirathet in Imola, führte nach dem Tode ihres Gemahls ein zügelloses Leben. – Salterello, ein geckenhafter, ränkesüchtiger Advokat. – Wenn man damals, in den Zeiten der Einfachheit und Tugend, Männer und Frauen von solcher Sittenlosigkeit und Verderbtheit gesehen hätte, man wäre erstaunt gewesen, wie man es jetzt, in der Zeit der Sittenlosigkeit, sein würde, wenn man in Florenz Beispiele von altrömischer Tugend sähe.
  263. [134. Dem Taufgebäu, dem jetzt noch stehenden Baptisterium zu S. Johannes. Hölle 19, 16.]
  264. [135. Mit seltener Befriedigung und Weichheit des Gefühls verweilt Dante in der vorstehenden, schönen Stelle bei den glücklicheren Zeiten seiner Vaterstadt, seine unauslöschliche Liebe für dieselbe bekundend. Und auch in unsere Zeit klingt diese herrliche Schilderung eines entschwundenen, einfach-tüchtigen Bürgerthums schmerzlich wahr und zutreffend herein!]
  265. 139. Cacciaguida begleitete Kaiser Konrad den Dritten auf dem Kreuzzuge, den dieser im Jahre 1147 auf Zureden Bernhards von Clairvaux unternahm, und fand im heiligen Lande seinen Tod.
  266. [XVI. 1–9. Dante tadelt sich über seinen, bei den Worten des Urahn’s, selbst hier, im Himmel, sich regenden Ahnenstolz, durch die, heute noch beherzigenswerthen Worte, daß der blose Adel des Namens [491] wie ein altes Kleid sich abnütze, wenn er nicht durch eigenes Verdienst immer wieder verjüngt werde.]
  267. 10–15. In Rom kam [gegen Ende des 3. Jahrh.] zuerst die Gewohnheit auf, die einzelne Person mit Ihr anzureden. [Dante selbst gebraucht diese Form in der g. K. nur, wo er besondere Ehrfurcht zeigen will; so bei Brunetto Hölle 15, bei Hadrian Fgf. 19, bei Beatrice; so auch hier, um den Urahn zu ehren.] Allein Beatrice, die, wahrscheinlich weil nur von weltlichen Dingen die Rede ist, zur Seite steht, macht ihn durch Lächeln aufmerksam, daß dies unpassend sei, wie Branguina in dem Ritterroman, dessen in der Hölle Ges. 5, V. 127 ff. gedacht ist, beim ersten Kusse, den Ginevra ihrem Buhlen gestattet, durch Husten die Herrin warnt.
  268. 24. Die Jahre, die ihr auf Erden gelebt habt.
  269. 25. Der Schafstall etc. Florenz, dessen Schutzpatron Johannes ist.
  270. 33. Cacciaguida sprach, wie im vorigen Gesange V. 28–31, Latein. [Vgl. die dortige Bemerkung.]
  271. 34–39. Von der Verkündigung des Heilandes an bis zu Cacciaguida’s Geburt hatte Mars seine Umlaufszeit 580 Mal vollendet und war eben so oft in das Gestirn des Löwen wieder eingetreten. Diese Umlaufszeit dauert nach den 1252 entstandenen, mit heutiger Berechnung übereinstimmenden, Tafeln Alfons’ d. Weisen von Castilien 686 Tage 22 Stunden 29 Minuten, so daß hiernach Cacciaguida zwischen dem Jahre 1090 und 1091 geboren worden wäre.
  272. 41. Florenz wurde früher in Bezirke eingetheilt, die man Sechstheile nannte. Cacciaguida wurde, wie seine Voreltern, in dem letzten Sechstheile geboren, wo zum Johannisfest die Wettrennen endeten. [D. nennt also hier sein Elternhaus, das in der heutigen Via. S. Martino, nahe dem Bazar, noch steht.]
  273. 46. Von Mars und Täufer eingeschlossen. Zwischen der Bildsäule des Mars (s. Anm. zu Ges. 13. V. 143 der Hölle) und dem St. Johannis-Baptisterium – [also die alten Grenzen der, noch viel kleineren Stadt.]
  274. [49 ff. Der Abfall vom Princip der Reinerhaltung des Bürgerbluts im blosen Interesse der Stadtvergrößerung, der Anwuchs einer zusammengewürfelten Bevölkerung durch Hereinnahme nicht einheimischer [493] Elemente, ist für D. die erste Ursache der ganzen Fehlentwicklung seines heimathlichen Gemeinwesens, dessen Stärke immer nicht in der Größe, welch’ letztere viel schwerer stürzen kann, V. 70 ff., sondern in der Einheit und Geschlossenheit ruht, V. 67 ff. 72 – eine nationalökonomisch merkwürdige und wohl in Vielem richtige Auffassung! Daraus leitet er dann den unaufhörlichen Verfassungswechsel ab, an dem Florenz seit Jahrhunderten krankte und hiervon mit Recht alles andere Elend der Gegenwart, insbesondere das jetzige Ausgestorbensein oder die politische und sittliche Herabgekommenheit, den selbstverschuldeten Sturz einst wahrhaft großer oder doch groß angelegter Geschlechter, wie dies schon ähnlich Fgf. 14, 31–126 beklagt worden ist – und den ganzen Gräuel der Bürgerkriege. – Dies sind denn auch die drei Hauptgedanken, in denen sich die Rede Cacciaguida’s über die Zeiten seit seinem Tode, die er als ein Seliger kennt (Ges. 17, 16), vornehmlich das 13. Jahrhundert, bewegt: V. 49–78, 82–84, 85–Ende.]
  275. 50. Campi und Certaldo, benachbarte Orte, welche die Stadt ihrem Gebiete einverleibt hatte.
  276. 52–55. Galuzzo und Trespiano, ebenfalls benachbarte Orte, die früherhin an Florenz gränzten, nachher aber mit der Stadt vereinigt wurden. Infolge dessen zogen vom platten Lande viele Personen in die Stadt, die nicht zur alten und reinen Bürgerschaft gehörten. Als solche bezeichnete er die V. 56 benannten, welchen Schuld gegeben wird, daß sie Wucher und mit Staatsgeschäften Handel trieben.
  277. 58 ff. D. kommt nun speciell auf das Hereinziehen auch vieler, fremder und oft seit Kurzem erst aus niederem, besonders dem Handelsstand emporgekommener, Adelsgeschlechter, welche nach seiner Meinung besser draußen geblieben wären und welche er wohl mit dem Wort „Schacherer“ V. 61 meint. Solche waren durch die Eroberung von Simifonte im Elsathal (1202) hereingekommen, V. 62 ff., (welche einzelne gemeint, ist unsicher); solche waren die Cerchi und Buondelmonte, (im 12. Jahrh.), die ebenfalls einst außerhalb Florenz, an den V. 65 ff. genannten Orten, gewohnt hatten und dem Dichter wegen ihres hauptsächlichen Antheils an den florentinischen Händeln besonders verhaßt waren – die letzteren nach Hölle 28, 106 ff., die ersteren als Führer der Weißen, S. 6. Und da D. vom kaiserlichen Ansehen [494] ein Gegengewicht gegen diese Ueberflutung erwartete, so macht er in V. 58–60 Clerus, Papst und die ganze guelfische Partei für dieselbe mitverantwortlich, sofern dieselben das kaiserliche Ansehen schwächen.]
  278. 64. Montemurlo wurde von seinem Herrn, dem Grafen Guido, der es gegen Pistoja nicht vertheidigen konnte, an Florenz verkauft [1209].
  279. 73–75. Die hier angegebenen Orte sind Städte, die früher groß und wohlhabend waren, aber schon vor Dante’s Zeit in Verfall kamen.
  280. [80 ff. Die langdauernden Dinge scheinen unsrem irdischen Auge ewig – aber sie scheinen es nur.
  281. 88–93. Bedeutende Familien, die damals schon untergegangen waren.
  282. [94–99. Am Thor St. Petri, wo auch die Cerchi und Donati, die Häupter der Weißen und Schwarzen, wohnten, deren alles aufwiegelnde Parteiungen dem Dante als Hochverrath an dem Wohl der Stadt mit Recht erschienen.]
  283. 103. Die graue Säule, Wappen der Familie Billi oder Pigli.
  284. 105. Ein Mitglied der edlen Familie der Chiaramonti, welches den öffentlichen Getreide-Magazinen vorstand, hatte den Scheffel, nach welchem das Korn ausgegeben wurde, durch Herausnahme einer Daube verfälscht und sich das Mindermaß angeeignet. Fegf. 12, 105.
  285. [109. Philalethes vermuthet: die Uberti. 111: die Lamberti, deren Wappen sicher die goldnen Kugeln waren, wie später das der Medici. – Es ist wieder auf die einstigen, ruhmvollen Tage dieser beiden mächtigen Geschlechter vor den Zeiten der Parteiung gedeutet und auf ihren nachherigen Untergang (Mitte des 12. Jahrh.), woran wenigstens die Uberti, durch ihre hochmüthigen Volksbedrückungen selbst Schuld trugen. Beide Familien waren übrigens ghibellinisch. Vgl. dazu Ges. 6, 103 ff.]
  286. 112–114. Die Visdimoni, [Vitzthum’s, Witte], Tosinghi und Cortignini, deren gemeinschaftlicher Ahn das Bisthum zu Florenz gestiftet hatte, verwalteten während der Vacanz dessen Güter, und aßen und tranken in der bischöflichen Residenz so lange, bis das heilige Amt wieder besetzt war.
  287. 115. Nach Landino sind in den folgenden Versen die Cavicciuli und Adimari bezeichnet, die eben so grausam als feig und geizig waren.
  288. 119. Ubertin Donato war mit einer Tochter des Bellincione verheirathet. Die Schwester derselben heirathete einen der Adimari.
  289. 124–127. Man war damals so wenig eifersüchtig auf den Ruhm ehrenwerther Familien, daß man nach der der Pera ein Thor Porta Peruzza benannte.
  290. 127–132. Der Freiherr Hugo, Statthalter des Kaisers Otto III. in Toskana, dem nachher noch lange in einer dortigen Abtei jährlich eine Lobrede gehalten wurde, verlieh mehreren Familien die Ritterwürde, und erlaubte ihnen, sein Wappen in das ihrige aufzunehmen. Cacciaguida muß, in der ghibellinischen Gesinnung, dies loben, da es Ehrfurcht für den Kaiser beweist. Giano della Bella, welcher Hugo’s Wappen, von einer goldenen Verzierung umschlungen, führte, warf sich dem Adel gegenüber zum Volksführer auf.
  291. [135. Die, vgl. das Folgende, unseligen Nachbarn im Borgo waren eben die Buondelmonti.]
  292. 136–144. Das Haus der Amidei. Aus diesem Hause war die Braut, die Buondelmonte um einer andern willen verstieß. Der Dichter wünscht, daß der erste Buondelmonte, als er nach Florenz zog, in dem Flusse Ema, der den Weg durchschneidet, ertrunken sein möchte. [Vgl. zu V. 58 ff. und Hölle 28, 106.]
  293. 145–147. [Der jüngere] Buondelmonte wurde am Fuße des alten Thurmes ermordet, an welchem die Bildsäule des Mars stand. Mit diesem Morde war der Friede der Stadt vernichtet [1215].
  294. [148 ff. Mit diesem Vers kommt Cacciaguida nochmals auf seine Lebzeiten zurück, ihre Gerechtigkeit, Sieghaftigkeit und Wohlfahrt gegenüber den späteren preisend, da die weiße Lilie, das Wappen von Florenz, von siegreichen Feinden geschändet oder gar, auf Betrieb der Guelfen, 1251 in eine rothe verwandelt wurde, V. 153 ff. – Philalethes bemerkt, daß hier etwas patriotische Täuschung des Dichters obwalte, indem auch in früheren Zeiten Florenz durch Gerechtigkeit sich nicht eben ausgezeichnet habe. Und noch eine Bemerkung (von Büsson bei Notter) können wir hier nicht zurückhalten, daß „die Annahme einer Benützung der detaillirten Chronik der Malespini von dem peinlichen Gedanken befreie, einen Geist, wie den Dante’s, von einem solchen Wust genealogischer und heraldischer Notizen erfüllt sehen zu müssen.“]
  295. XVII. 1. Phaeton, welcher durch seine schlechte Führung des Sonnenwagens die Väter belehrt hat, daß sie thörichte Bitten der Söhne nicht gewähren sollen, wandte sich zuerst an seine Mutter, um zu erfahren, ob es wahr sei, daß nicht Apoll, sondern Epaphus ihn erzeugt habe. So wendet sich jetzt Dante an Beatricen, um sich über das zu vergewissern, was er in der Hölle sowohl, als im Fegefeuer über sein künftiges Geschick gehört hatte, [vgl. Hölle 10, 79; 15, 64; Fgf. 8, 133; 11, 140.]
  296. [16. Wörtlich: „die (scheinbar) zufälligen Dinge“. Vgl. 37.]
  297. 31. Nicht mit dunkeln und zweideutigen Worten, in welchen vormals die Orakelsprüche verkündet wurden.
  298. [37 ff. „Zufälliges“ oder „des Zufalls Wechselspiel“ hat hier nichts mit unsrem Worte „Zufall“ zu thun. Der Sinn ist vielmehr, daß auch jene elementaren „zufälligen“ d. h. mittelbar erschaffenen Dinge, wie sie in Ges. 13, 64 ff., 7, 124 ff. definirt sind, unter göttl. Vorsehung und Vorausbestimmung, aber ohne Beschränkung der menschlichen Freiheit, stehen – eine Anschauung, welche der Leser aus Fgf. 16, 70 ff., 18, 61 ff., Par. 8, 98 ff. schon kennt. Unsre Stelle ist also ein wiederholter, kurzer Protest gegen Zufälligkeitslehre wie Prädestinationstheorie, wie solcher der folgenden Darstellung der einzelnen, schmerzlichen Schicksale des Dichters nicht unpassend im Munde eines Seligen vorangeht, um auch das Kleinste im Leben als eingerechnet in den großen Welt- und Heilsplan erkennen zu lernen.]
  299. 46. Hippolyt, Sohn des Theseus, mußte aus Athen entweichen, weil er der verbrecherischen Liebe seiner Stiefmutter Phädra nicht entsprechen wollte, und aus Rache von ihr eines Angriffs auf ihre Ehre beschuldigt wurde. Das Gleichniß ist in vieler Beziehung bedeutungsvoll.
  300. [50. Wo man etc., in Rom. –
    Zeit und Anlaß der Verbannung Dante’s sind in der Vorbem. zur Hölle S. 6 angeführt und man begreift deren Unverschuldetheit und Ungerechtigkeit, welche schon D.’s Charakter verbürgt, um so mehr, wenn man hinzunimmt, daß dieselbe Signorie der Republik, welche vor Kurzem die Häupter der Schwarzen verbannt und Ende 1301 mit drei Andern den Dante als Gesandten nach Rom abgeordnet hatte, um gegen jede päpstliche Einmischung zu protestiren, es war, die einige Monate nachher, während Dante’s, vom Papst tückisch verlängerter, Abwesenheit, dem Karl von Valois, dem Sendling Roms, feige und leichtgläubig selber die Thore öffnete, so daß dann das ganze Unwetter sich über die Ghibellinen[WS 5] entlud und unter den allerersten Verbannten die Legaten waren, voran Dante. Indem der Dichter über solche Elendigkeit V. 52–54 die Rache Gottes herabruft, (vielleicht auf des Hauptagitators Donati baldigen Tod anspielend, Fgf. 24, 82), so läßt uns der starke Mann in den sechs nächsten, herrlichen Versen dieses, nach mehr als sechszehn durchlebten Verbannungsjahren, geschriebenen Vaticiniums, auch einmal in die ganze Schwere von Anfeindungen (V. 52 ff.), Armuth und Widerwärtigkeiten aller Art hineinblicken, die er ungebrochen trug, aber zugleich auch wieder in die unentwegte Anhänglichkeit seines tiefen Gemüths an die undankbare Heimat, für deren inneren Frieden und äußere Selbständigkeit er bisher mit selbstloser Aufopferung gewirkt hatte. „Du wirst in der Trennung von allem, was dir werth ist, zuerst und vornehmlich empfinden, wie hart das Verbanntsein schmecke,“ V. 55–60. Denn nicht nur die Stadt selbst mußte er jetzt ihrem Schicksal anheimgeben. Auch die Gattin (Hölle 2, 53, Fgf. 30, 130) mit den fünf Kindern mußte er dort zurücklassen. Denn ob ihm auch nach der, mit der Verbannung verbundenen Vermögens-Einziehung noch einige eigene Mittel geblieben sein mögen, so reichten diese doch nicht, ihn selbst zu erhalten, geschweige seine Familie. – Ueber seine ferneren Schicksale im Exil ist, zum Verständniß der nächsten Verse, Folgendes zu bemerken. Die ersten Jahre über schloß er sich, von verschiedenen Sammelorten aus, noch mehreren Versuchen seiner Partei an, durch Unterhandlung oder Gewalt Rückkehr nach Florenz zu erlangen. Sie waren alle unglücklichen Erfolges. Immer mehr fühlte er sich dabei, mit [501] Recht oder Unrecht, von der Unentschiedenheit und Unzugänglichkeit der Genossen für seine Rathschläge abgestoßen, so daß er sich zuletzt ganz zurückzog, nur noch „für sich allein seine eigene Partei bildend“, V. 61–69. Von höchster Unparteilichkeit, wie er im Grund seiner Natur war, galt ihm ja überhaupt das Parteiwesen als solches nichts, wenn es nicht höheren Zwecken und mit reinen Mitteln diente und er kannte hierin keinen Unterschied der Beurtheilung bei Guelfen oder Ghibellinen, vgl. Hölle, Ges. 32, 80, Ges. 16, 14–60, Par. 6, 103 ff. Nur der oft erwähnte Zug Heinrichs VII., sein letzter, ebenfalls trügerischer Hoffnungsstern, bewog ihn, noch einmal wieder etwas in’s politische Leben hervorzutreten. – Eine erste, dauerndere Zuflucht fand er nach V. 70 ff. bei dem „herrlichen Lombarden“. Das angegebene Wappen der Leiter mit dem Adler deutet auf einen Scaliger zu Verona. Obwohl der Adler erst später hinzukam, so ist doch wahrscheinlich Bartolomeo della Scala gemeint. Uebrigens muß dieser Aufenthalt zwischen 1303 und 1304 und vor die, in V. 67 ff. erwähnten, Zerwürfnisse mit den Weißen gefallen sein. Nachdem er dann Jahre lang auf einer großen Zahl von kürzer- oder längerdauernden, aber immer wieder wechselnden Wohnsitzen, die er meist der Gnade treugesinnter, parteigenössischer Fürsten verdankte, sich durchgeschlagen, sehen wir ihn 1317–1320 am Hof des jüngeren Scaligers Can grande wieder in Verona weilen. Dies waren seine glücklichsten Tage. Im Kreis geistreicher Zeitgenossen konnte er seinen Arbeiten obliegen, sah seine beiden, noch lebenden Söhne bei sich und der wirklich ehrenwerthe und hochherzige Fürst ließ ihn nicht empfinden, daß er sein Gnadenbrod aß. Darum setzt ihm Dante in V. 76–90 jenes schöne Denkmal persönlicher Dankbarkeit für seine Handlungsweise an ihm, in Form einer Weissagung derselben durch seinen Urahn. Eine freundliche Einladung Guido’s von Polenta, dessen Haus er schon länger befreundet war (zu Hölle 5, 80), führte den Dichter endlich 1320 noch nach Ravenna. Dort erfolgte die Vollendung des Paradieses (vgl. S. 397 Anm. *), ward möglicherweise auch noch die letzte Hand an das Fegfeuer gelegt und wurde dem Dichter sein, heute noch sorgfältig gewahrtes, Grab. Seine große Seele ging zu ihrem Frieden ein am 14. Sept. 1321.]
  301. [76. Im fingirten Jahr 1300 war Can grande erst 9 Jahre alt.]
  302. [82. Der Gascogner ist Clemens V., über den Hölle 19, 82 zu vgl. Er begünstigte Heinrichs Zug in Worten und machinirte dagegen mit der That. Dies war zwischen 1310 und 1312 und soll Can grande’s Jünglingsalter bezeichnen. In der That zeigte dieser auch frühe große Thatkraft und Noblesse. Und schon aus seiner frühsten Jugend bewahrt Landino folgendes köstliche Genrebildchen von ihm: „dum pater duxisset eum semel ad videndum magnum thesaurum, iste illico levatis pannis minxit super eum“, woraus dann alle Anwesenden seine angeborene Freigebigkeit und Geldverachtung weissagten – und diesmal mit vollem Rechte! Denn gerade von diesen, damals so seltenen, Eigenschaften ist sein Benehmen gegen D. und zahlreiche andere Vertriebene, gegen Künstler und Dichter, und seine ganze Lebensgeschichte Zeuge und die folgenden Verse werden hieraus erklärlich.]
  303. [90. Aus allem Bisherigen geht genugsam hervor, daß die Abtragung einer persönlichen Dankesschuld für Empfangenes die Hauptabsicht dieser Stelle ist und die Zeichnung von Can’s Privatcharakter im Vordergrund steht. Wenn nichtsdestoweniger die Verse 91 und 92, in denen wir ebenfalls die wörtlichere Uebersetzung hergestellt haben, auf politische Thaten oder auch blos Entwürfe von ihm (di lui) anzuspielen scheinen, von denen Dante Kunde leicht erhalten, so bieten dagegen Vers 93 und 94 gar keinen klaren Anhaltspunkt darüber, was der Dichter sich darunter denke; und wir kommen damit auf unsre zu Fegf. 33, 45 ausgesprochene Ansicht über die Person des Dante’schen Erretters in dieser und den andern Stellen zurück. Daß der Dichter den Can hier in eine Beziehung zu den künftigen, politischen Wunderdingen bringe, dahin ist allerdings der Schluß unsrer dortigen Bemerkung über die vorliegende Stelle zu ergänzen. Aber bestehen bleibt die Frage: in wie weit dies geschehn? und das Bedenken, ob Dante vollends jetzt noch (vorausgesetzt, daß unsre Stelle und Fgf. 33 doch zeitlich mehr oder weniger auseinanderliegen) den Can zur Hauptperson so großer politischer Umwälzungen habe machen können.]
  304. [95 ff. Die Glossen – zu den, zu V. 1 genannten, früheren Weissagungen. Die Stelle ist also eine, auf V. 19 ff. und 52 ff. zurückgehende Recapitulation. „Die Verbannung naht – aber auch gewiß die Rache noch zu deinen Lebzeiten.“ Und in der That nahmen Zwistigkeiten und Bürgerkriege in Florenz, nach D.’s Verbannung wenigstens keineswegs ab.]
  305. [106. Wie V. 25–27.]
  306. 111. Dante fürchtet, daß die vielen bittern Wahrheiten, welche er in seinem Gedicht über die Zeitgenossen werde sagen müssen, ihm so viele Feinde machen möchten, daß er, aus Florenz verjagt, nirgends sonst eine Zuflucht finden werde.
  307. [120. Für die Nachwelt.]
  308. [124. Von hier an die majestätische Stelle, in welcher das dichterische Prophetenbewußtseins D.’s seinen mächtigsten Ausdruck findet und in dem ihm im weitesten Sinne (weiter als Fgf. 32, 103 ff.) gegebenen Lehrauftrag für die Welt, klärlich auch die politische Absicht und Beziehung des Gedichts eingeschlossen liegt.]
  309. [130–132. Das treffendste Motte zur g. K.]
  310. [XVIII. 1–3. Cacciaguida versenkte sich weiter in die, ihm als Seligen, aus seinen Worten entspringenden Gedanken – also über Gottes Walten etc.]
  311. 11. Selbst das Gedächtniß. S. Anm. zu Ges. 1 V. 5. 6.
  312. 28. Der Baum, das Paradies – dessen fünfte Stufe, der fünfte Stern – der Gipfel, Gott.
  313. [33. Nach Ges. 17, 136 ff. Vgl. auch 19, 16.]
  314. 36. Alles, was den Seligen Veranlassung zu neuer Liebe, neuer Freude giebt, macht, wie wir schon öfter bemerkt haben, daß sie heller leuchten und ihren Tanz beschleunigen. So zeigt sich Jeder, der von Cacciaguida genannt wird.
  315. [46. Wilhelm von Orange und Rennewart, beide aus Karls [507] Sagenkreis. Guiscard, als Bekämpfer der Sarazenen in Unteritalien.]
  316. 67. Mars glänzt bekanntlich, besonders wenn er aufgeht, in einem rothen, Jupiter in weißem Lichte.
  317. [71. Schönes Bild! Die seligen Geister sind gleichsam Funken der ewigen Liebe.]
  318. 91–93. Diligite iustitiam qui iudicatis terram – liebt die Gerechtigkeit, ihr, die ihr die Erde richtet. [Weisheit 1, 1. Andeutung, welche Bewohner hier sind: Gerechte Fürsten. Vgl. Vorbem. zu Ges. 10.]
  319. 96. Das weiße Licht des Jupiter bildet den silbernen Grund, auf welchem die goldene Schrift, aus den seligen Geistern zusammengesetzt, sich zeigt.
  320. [99. Vom Gut etc. – von der Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden.]
  321. 100. Lombardi bemerkt, es geschehe wohl noch jetzt, daß die Leute, wenn sie aus zwei zusammengeschlagenen Holzbränden unzählige Funken herausfahren sähen, ausriefen: So viel Zechinen! So viel Dublonen!
  322. [103 ff. Es erfolgt eine neue Evolution und zwar von dem M aus. Dieses gestattet nämlich, besonders nach alter Schreibeform, in seinen beiden äußeren Strichen die Flügel eines heraldischen Adlers zu sehen. Nachdem nun der größere Theil der, nach V. 97 über dem [509] M, zwischen dessen beiden Armen, niedergesenkten Seelen eine, Kopf und Hals andeutende, Spitze (dachartige) oben herüber gebildet (V. 103 ff.), so vollenden die übrigen, wie es scheint, die Figur von Hals und Kopf, V. 112 ff. – So steht denn der Adler da, das Machtsymbol des Weltkaiserthums (vgl. Fegf. 32, 112, Par. 6), welches D. im Himmel selbst gleichsam bekräftigt und verklärt zeigen will.]
  323. 104. Wie Gott in dem Reiche, dessen Bild durch den Adler dargestellt wird, sie höher oder niedriger stellte, und wie sie daher auch hier höher oder niedriger flogen, um den Platz einzunehmen, den jede nach der allgemeinen Anordnung einnehmen mußte, damit aus Allen der Adler sich bilde.
  324. [109–111. Gott, der himmlische Maler, braucht zu seinen Werken kein Vorbild. – Die folg. Verse aber sind eine crux der Auslegung. Manche denken bei den „Nestern“ an wirkliche Nester, deren Keime Gottes Schöpferkraft belebe. Dies erscheint jedoch dem poetischen Gedanken allzusehr zuwider. Schon Cesari weist auf die Sterne als „Nester“ hin. Und erinnern wir uns an die in Ges. 13, 52 ff. und sonst entwickelte Schöpfungstheorie, so scheint es in der That am Plausibelsten, den D. so verstehen: in den Sternen liegen durch Gottes erste Kraft die Urbilder der irdischen Dinge, die dann unter ihrem Einfluß entstehen. Sie sind die Principien, die „Nester“. So der Jupiter das des Adlers, der Gerechtigkeit. Dies wird ja in V. 115 ff. noch ausdrücklich gesagt, aus welchen Versen wir dann zugleich ersehen, weshalb die zu V. 91 genannte Classe von Seligen gerade in diesem Stern sich befinde.]
  325. 118 ff. Der Dichter kann diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne, als Ghibellin, das zu rügen, was Veranlassung gab, daß man [510] zu seiner Zeit die Gerechtigkeit nicht achtete, die gebot, das Alle, auch der Papst selbst, dem Kaiser, als weltlichem Herrn, gehorchen sollten. [Dies ist die Verwendung kirchlicher Gnadenschätze und Strafmittel, um politischen Druck auszuüben.] Um den Feind zu demüthigen, entzieht der Papst bei Excommunicationen die Sacramente, namentlich das Abendmahl. (V. 128. 129.) Insbesondere wird hier Papst Bonifaz der Achte, welcher Kirchenstrafen nur dictirt, um sie für baares Geld zurückzunehmen, ermahnt, er möge glauben, daß Paulus und Petrus noch lebten und ihn strafen könnten. Doch giebt Dante selbst zu, daß diese Ermahnung überflüssig sei, da, wenn der Papst nur Johannem den Täufer auf den florentinischen Goldgulden habe, er sich um Paulus und Petrus nicht weiter kümmere.
  326. XIX. 10–12. Der Adler spricht als ein Wesen, aber in seinen Worten drückt sich der Wille aller der Geister aus, aus deren Glanz das Bild zusammengesetzt ist. Hierdurch erklärt sich auch leicht der Inhalt der V. 19–24. – [Der symbolische Sinn wird dem Leser nicht entgehen. Diese himmlische Einheit der Seelen im Adler, in der göttl. Gerechtigkeit, sollte das Vorbild für die irdische Gesammtmonarchie sein, vgl. V. 16 ff. und Ges. 20, 8; 77 ff. – Ein für allemal weisen wir auf den Umriß der politischen Anschauungen Dante’s zu Ges. 6 zurück.]
  327. [16 ff. Wieder ein Zeugniß von der Hoheit, aber auch Verachtung der Reichsidee, sowie ihrer Träger.]
  328. 28. Schon in allen anderen Himmeln erschauen die Seligen Gottes Gerechtigkeit. Um so weniger kann sie in diesem Kreise, von welchem aus die Gerechtigkeit auf Erden entwickelt wird, (s. Ges. 18 V. 115), den Blicken der seligen Seelen verschleiert sein. – [Andere umgekehrt: Zwar erst in andrem Kreise spiegelt sich die göttl. Gerechtigkeit [512] völlig, nämlich den Engelsthronen (Ges. 9, 61), aber euch ist sie doch auch nicht verschleiert.]
  329. [33. Wir wollen hier gleich zum Verständniß des Folgenden vorausschicken, welches der langgehegte Zweifel des Dichters war und wie er gelöst wird. Das Erstere erfahren wir V. 70 ff. Das Andere geschieht V. 40–114 dieses und abschließend V. 67–138 des folgenden Gesanges. – Es handelt sich um die Frage von der Seligkeit oder Verdammung der frommen Nichtchristen. Unter ersterer ist dabei nicht etwa die Anwartschaft auf Erlösung in der Vorhölle verstanden, woraus ja Christi Höllenfahrt nach Hölle 4, 52 ff., Fegf. 1, 90 viele Juden und Heiden ausgeführt, sondern die Fähigkeit, gleich nach dem Tod zum Leben einzugehen und weiterhin die endliche Begnadigung am jüngsten Gericht. Daß nun die strenge kirchliche Observanz eine solche Möglichkeit verneinte, ist bekannt. Klar ist auch, daß einem erleuchteten Geist wie Dante, von so mächtigem Gerechtigkeitssinn, Zweifel über diese kirchliche Lehre kommen mußten. Man erinnere sich, welche Stellung er den Virgil einnehmen läßt, erinnere sich an die Seligsprechung des Aeneas, Hölle 2, 13 (diese allerdings aus politischen Gründen, wie wir wissen!) und an die beiden Stellen Hölle 4, 43–65, Fegf. 3, 40–45, in denen Klage und Widerspruch gegenüber einer so harten Doctrin leise durchklingen. All’ diese Zweifel und Einwürfe nun 1) wiederholt er hier in den herrlichen Worten V. 70–78, aber nicht, ohne in V. 40–69 die Verwahrung, „daß menschlicher Verstand überhaupt zu schwach sei, die Rathschlüsse der göttl. Gerechtigkeit zu durchschauen“, voranzuschicken, worauf dann in V. 79–90 und 103–108 alle jene Bedenken eigentlich niedergeschmettert werden. Dies geschieht durch Hinweisung auf die Autorität der hl. Schrift V. 83, bezhw. der Kirchenlehre 103–105, und durch den, im Wesen Gottes begründeten Satz, daß die göttl. Gerechtigkeit und Güte sich niemals ausschließen können, V. 86–90. Soweit in diesem Gesange. – 2) Den ringenden Geist befriedigte aber offenbar diese Beschwichtigung nicht. Im folgenden Gesang läßt er jene mildere Doctrin durchblicken, welche schon Justin in seiner Apologetik (I. 46) vorträgt, welcher auch die Scholastik, besonders Hugo v. St. Victor, nicht fremd war. Indem er schon in den Versen 106–114 des neunzehnten Gesanges den wahren, gegenüber dem Mundglauben, betont und die Möglichkeit einer Bevorzugung edler Heiden vor falschen Christen, ganz nach Matth. 25 und Röm. 2, 27 durchblicken läßt, versetzt er in Ges. 20, 67 ff. einen obscuren, aber von Virgil sittlich hochgerühmten, Trojaner Ripheus unter die Seligen des Jupiter, wo schon Trajan ist. Der eine also ein Beispiel [513] eines, in’s ewige Leben von der Erde eingegangenen Heiden der vorchristlichen, der andere eines solchen der nachchristlichen Zeit! Unter Hinweisung endlich auf den Grundsatz des Herrn Matth. 11, 12, wornach sich dem ernstlichen Ringen das Himmelreich nicht verschließe (Ges. 20, V. 94–99) und auf die bekannte Unterscheidung eines Glaubens an den gekommenen oder den erst zukünftigen Christus, einer Wassertaufe und eines stellvertretenden Baptismus durch die drei geistlichen Tugenden V. 100–126 – legt er seine eigentliche Meinung in die Schlußermahnung hinein, daß wir doch die „Gnadenwahl“ Gottes, im reinsten und weitesten Sinne des Wortes, nicht durch unsre Meinung zu ergründen oder gar zu beschränken uns unterfangen sollen, V. 130–138. – In praktisch-reformatorischen Dingen kühn, bestimmt und rücksichtslos, zeigt sich der Dichter in allen, mehr dogmatischen Punkten beflissen, seine etwaige Heterodoxie mehr ahnen zu lassen, als klar auszusprechen – nicht aus Feigheit, sondern aus Gewissenhaftigkeit – wie denn auch diese, eben entwickelten Stellen eigentlich einen Protest gegen die Kirchenlehre, nebenbei eine wiederholtes Veto gegen rigorose Prädestinationstheorieen (Ges. 17, 40 ff.) enthalten.]
  330. [40 ff. Eigentlich: die Welt umzirkelt. (Vgl. Vorbem. zu Par.) Das primum mobile, eine Hohlkugel, bildet die Grenze der sichtbaren Welt.]
  331. [45 ff. Eigentlich: daß es nicht sein Wort überragte. In der endlichen Welt ist Gottes ganzes Wesen nicht erschöpft oder ergossen (antipantheistisch!), so daß nicht der ewig-Erzeugte, der logos, als die einzige, volle Selbstdarstellung des Vaters, alles Endliche weit überragte. Sogar „der höchsterschaffene erste Stolze“ (Hölle 34, 17 Luzifer) mußte fallen, weil er diese endliche Beschränkung nicht erkennen wollte, deren Nothwendigkeit ihm, wenn er hätte warten wollen, in wachsender Klarheit aufgegangen wäre.]
  332. 49. Kein kleineres Wesen (Gott, dem höchsten Wesen, entgegengesetzt) kann Gott fassen, da er nur in sich selbst für sich den Maßstab hat.
  333. [61 ff. Wieder ein treffendes Gleichniß für die Unzureichendheit der natürlichen Erkenntniß, welcher sofort in V. 64 ff. die Offenbarung gegenübergestellt wird.]
  334. [70–78 ist der fingirte Einwand des Dichters, des natürlichen Denkens. V. 79 ff. spricht der Geist wieder von sich aus, sich gegen jene Einwände wendend, mit dem, schon V. 64 vorbereiteten niederschmetternden Hauptgrund des Zeugnisses der h. Schrift – welches in diesem Falle allerdings eben selbst wieder dasjenige ist, welches die Kirche darin fand!]
  335. [82 ff. Mir nach. Die Seligen dürfen die Geheimnisse des göttl. Waltens erforschen, ja schauen. Der Mensch hat sich einfach unter die Autorität der Schrift zu beugen, weil er, nicht zu jener Klarheit des Erkennens befähigt, den Zweifeln sonst erliegen würde.]
  336. [86–90. Tendenz dieses Satzes ist, wie zu V. 33. 1) am Schluß im Zusammenhang bemerkt worden, daß die göttl. Gerechtigkeit und die göttl. Güte niemals sich ausschließen können. Die Begründung, wie folgt: Der erste, der göttl. Wille, als gerechter, kann nie mit sich selbst, dem absolut Guten, in Widerspruch kommen, V. 86, 87. Was ihm entstammt und entspricht, ist also immer das unbedingt Rechte, V. 88. Das endliche, geschaffene Gute „zieht ihn nicht erst nach sich hin“; er ist von selbst nothwendig immer auf das Gute gerichtet, dessen Begriff und Existenz auf Erden ja nur ein Abglanz, ein Strahl (V. 52) von ihm, dem Urguten, ist, V. 89, 90. Damit haben wir uns zu bescheiden.]
  337. 94. So that das heilige Bild, und so that auch ich, das Aug’ erhebend. Im Original ist der Text getrennt, wie in der Uebersetzung.
  338. [96. Wörtlich: „Bewegt von so vielen Entschlüssen“. Der Adler [516] erhebt sich höher durch gemeinsamen Entschluß aller seiner Mitglieder; wiederum ein typisches Bild der Einigkeit und Gerechtigkeit.]
  339. 100. Dann noch im Zeichen etc., noch immer durch ihr Licht den Adler bildend.
  340. [112. Die Perser sind beispielsweise genannt wegen ihrer, nach Xenophon und Herodot damals gerühmten, Wahrhaftigkeit.]
  341. [115. Kaiser Albrecht, im Ganzen schon Fegf. 6, 97 ff. schwer von D. getadelt, wird hier noch besonders wegen seines ungerechten Einfalls in Böhmen gegen Wenzel IV. im Jahr 1303 gebrandmarkt, bei welchem er überdies alles sengen und brennen ließ.]
  342. 118. Philipp der Schöne ließ in seinen Finanzverlegenheiten falsche Münzen schlagen. Er starb auf der Jagd, weil sein Pferd durch den Stoß eines Ebers stürzte.
  343. 121. Die langwierigen Kriege zwischen England und Schottland, und der wüthende Nationalhaß zwischen beiden Völkern in den älteren Zeiten sind bekannt. Hier sind wahrscheinlich die Kämpfe zwischen [517] Eduard dem Ersten und Robert Bruce im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts gemeint.
  344. [124. Rüge der Weichlichkeit und Untüchtigkeit des minderjährigen Ferdinand IV. von Castilien und Wenzels IV., über den aber Fgf. 7, 101 Anm. zu vergl.]
  345. 127. Karl der Lahme von Neapel und Jerusalem. Seine Laster werden mit einem M (der Zahl 1000), seine Tugenden mit einem I (der Zahl 1) bezeichnet. Vgl. Fgf. 7, 124 und Par. 8, 49 ff.]
  346. 130–135. Friedrich, Sohn Peters von Arragonien, König von Sicilien, wo, nach Virgil, Anchises begraben wurde. Seine schlechten Thaten werden, um nicht zu viel Platz einzunehmen, mit Abbreviaturen aufgezeichnet stehen. [Vgl. zu Fgf. 3, 107 ff. und Fgf. 7, 118–120.]
  347. 136–138. Jacob, König von Majorka und Minorka, der Oheim – Jacob, König von Arragonien, der Bruder Friedrichs. Durch sie werden zwei Kronen und ihr edles Geschlecht herabgewürdigt.
  348. [139–141. Ob unter dem Norweger Erich oder Hakon oder ein früherer gemeint sei, ist nicht zu erweisen. – Der von Portugal ist jedenfalls Dionys der Gerechte, 1279–1325, weshalb D.’s hartes Urtheil um so auffallender ist. – Rascien, das Land der Raizen, ist Dalmatien, dessen damaliger Fürst Münzen von geringer Währung den ächten, venetianischen Goldmünzen ähnlich prägen ließ.]
  349. [142 ff. Ungarn ward, nach Aussterben der Arpad’s mit Andreas III. 1301, mit einem langen Prätendentenkrieg überzogen. Navarra fiel 1304 an Philipp den Schönen und seine Söhne und wurde, nach mancher Bedrückung, erst 1327 wieder selbständig.]
  350. [145 ff. Als Pfand und Bürgschaft des eben Gesagten, wie schlimm ein Land durch Erbfolgestreitigkeiten zerrüttet werde, bezieht sich der Dichter auf die damaligen Vorgänge in Cypern, das durch seine beiden Hauptstädte bezeichnet wird. Dort wüthete ein Bruderkrieg zwischen dem schwächlichen Heinrich von Lusignan und dem grausamen Amalrich, dessen Vorzeichen schon um 1300 sich zeigten, als Amalrich das cyprische Heer in Syrien commandirte, dessen höchste Steigerung dann in die Jahre 1306–1310 fällt durch Heinrichs Gefangennahme, Amalrichs Ermordung und Jenes Befreiung und furchtbare Rache. Demnach scheint mehr der Thronräuber Amalrich mit der „Bestie“ gemeint, als der schlaffe Heinrich.]
  351. XX. 1–12. Alle Seligen, welche den Adler bilden, zeigen sich jetzt, neu erglänzend in Liebe und Freude, wie Sterne, wenn die Sonne untergegangen ist.
  352. 13. Gottes Liebe, die sich im Lächeln dieses Glanzes verbirgt und zeigt, entflammt ihn, der aus der Heiligkeit des Innern entspringt, zu noch höherm und reinerm Lichte.
  353. [16–18. Als die Edelsteine des Jupiter, die Seligen, ihren engelschönen Gesang wieder eingestellt hatten.]
  354. [30. Das vorangehende, poesievolle Gleichniß, wodurch D. mit wunderbarer Phantasie veranschaulicht, wie, nach dem Verstummen der einzelnen Seelen, der Adler wieder als Ganzes mit einer Stimme sich vernehmen läßt, erinnert einigermaßen an das, ähnlichem Zweck dienende in der Hölle, Ges. 27, 13–18.]
  355. [38–42. Des heil’gen Geistes Sänger etc., David. (S. Fegf. 10, 55 ff.) – „Dem Werth gleich“ etc. – Soweit seine Psalmen, sein eigen Werk, seinem eigenen gläubigen Eingehen auf die Eingebung des h. Geistes entsprungen waren, wird dies Glaubenswerk hier belohnt.]
  356. 44–48. Trajan. S. Fegefeuer Ges. 10, V. 71 ff., wo das hier erwähnte Ereigniß erzählt ist, und die dazu gehörige Anmerkung. Weiter unten, V. 106 des gegenwärtigen Gesanges, wird angeführt, daß seine Seele durch Fürbitte des heil. Gregor aus der Hölle, wohin sie nach seinem Tode versetzt worden, in den Leib zurückgekehrt, und er während dieses kurzen zweiten Erdenlebens Christ geworden sei. Daher kennt er aus Erfahrung die Himmelswonne und deren Gegentheil, die Hölle, [übrigens blos aus dem I. Kreis.]
  357. [49–51. Hiskia, 2. Kön. 20, Jes. 38. – Jetzt sieht er ein (dies wird auch im Original sechsmal vorangestellt), daß Gottes zuvor beschlossener Rath durch’s Gebet nicht abgeändert werde, welches vielmehr zum Voraus in denselben eingerechnet ist, mit seinen Wirkungen.]
  358. [55–60. Nach den von D. benützten Legenden wollte Constantin, aus Ehrfurcht für die Kirche, nach der, schon Hölle 19, 115 getadelten, Schenkung von Land und Recht an den Papst, diesem bescheiden weichen und zog nach Byzanz. Wir wissen, wie D. davon alles Unglück der Welt ableitete (59). Aber ihm selber konnte die gut gemeinte, nur zum Unheil ausgeschlagene That nicht zur Sünde werden.]
  359. [61–63. Wilhelm der Gute von Neapel und Sizilien starb 1189. Jetzt stand das erstere Reich unter Karl II., das letztere unter Friedrich, Peters Sohn, von welchen beiden am Ende des vorigen Gesanges die Rede war.]
  360. [68. Von diesem Ripheus ist nur das eine, für D. gewichtige, Wort Virgils aufbewahrt: justissimus unus Qui fuit in Teucris et servantissimus aequi. Von seiner, sowie Trajans, besonderer Bedeutung, als seliger Heiden, ist schon zu Ges. 19. V. 33, 2) gehandelt worden.]
  361. [72. Auch das Wissen der Seligen, wiewohl stets sich vertiefend, bleibt ein endlich begrenztes.]
  362. [76–79. Die ewige Wonne der Seligen, zugleich das Wohlgefallen Gottes, ist das Gottesreich; dessen Abdruck hienieden die Weltmonarchie; deren Bild oder Symbol der Adler. Alles eingeborne Sehnen der Creatur geht auf jenes ewige, himmlische Urbild und dessen zeitliches, idisches Abbild; und im mehr oder weniger bewußten Anstreben des Einen durch das Andere erfüllt sich erst das wahre Sein (qual ’è) die individuelle Bestimmung, Vollkommenheit und Seligkeit jedes Dings. – [522] Ein Blitz des Genius, diese Stelle, in der uns in den kürzesten, markigsten Worten die lebensvollste Auffassung des Verhältnisses zwischen Gott und Welt und daraus die tiefsinnigste Begründung eines hochidealen Weltbeglückungssystems entgegentritt! – Dem Inhalt nach ist zu vergleichen einerseits Fegf. 32, 52–69, Parad. 6 über die Weltmonarchie, andrerseits Parad. 1, 1–3, 103–120 und 5, 10 ff., 3, 82 ff. und 4, 34 ff. über Gott, Welt und Stufen der Seligkeit.]
  363. [79. Dante begreift noch nicht ganz, daß auch Heiden hier sind, obwohl deren Fähigkeit, die Seligkeit auf ihre Weise zu erstreben, eigentlich aus den eben vorangegangenen Worten hervorgeht. Für die Seligen ist zwar sein Zweifel sonnenklar, wie die Farbe hinter Glas. Dennoch muß er ihn aussprechen – was durch den Ausruf V. 83 geschieht – und kommt damit auf die, im vorigen Gesang begonnene, besondere Belehrung über die Seligkeit der Heiden zurück.]
  364. [94–138 sind im Ganzen unter Ges. 19, 33, Anm., 2) erläutert. Im Einzelnen wird zunächst V. 94–99 jetzt durch den Zusammenhang mit 76 ff. noch klarer und man muß diese Verse, dem Ausdruck wie dem Sinn nach, als eine der schönsten Erklärungen von Matth. 11, 12 und Luc. 16, 16 bezeichnen.]
  365. [105. Fides implicita.]
  366. [109. „Lebendgem Hoffen“, zunächst Gregors, nach der, zu V. 44–48 bemerkten Legende, die hier D. benützt. Dem Wortlaute nach wurde als Trajan, der nachchristliche Heide, durch fremde Vermittlung und eine in Folge hiervon gestattete Rückkehr auf die Erde zu einem zweiten, christlichen Leben, der Seligkeit theilhaftig. Der vorchristliche Ripheus dagegen, wie wir gleich hören werden, erhob sich im ersten Erdenleben – freilich durch das Geschenk der unergründlichen, vorlaufenden Gnade V. 118 ff. – in seiner natürlichen Gerechtigkeitsliebe zu einer fides implicita, die Gott gnädig ansah, V. 121–123. Er war damit innerlich los vom Heidenthum, V. 124–126; und weil darin auch Liebe und Hoffnung lagen, so konnten „dies’ drei“ bei ihm der Taufe Stelle vertreten, V. 127–130. – Es läßte sich nun fragen, ob Dante mit der Bekehrungsgeschichte Trajans durch Gregor, einen andern, dem das Ripheus ähnlichen, Rettungsweg für die frommen Heiden nach Christo habe ausschließen wollen? Wir glauben dies verneinen zu müssen. Denn so gewiß unser Dichter das Seligwerden nach Christo für viel schwieriger hält als vorher, so scheint doch jene Annahme seinem ganzen, auf der Betonung des eigenen Hoffens und Strebens basirten System, ja den unmittelbar vorangehenden Versen 76 ff. und 94 ff., welche auf dasselbe hinauslaufen, zu widersprechen.]
  367. [128. Fegf. 29, 121.]
  368. [146. Der benedeiten Lichter Paar, Trajan und Ripheus.
  369. [XXI. 4–6 mit 58–63. Daß Beatrix nicht mehr lächelt, die Seligen nicht mehr singen, ist ein Sinnbild von der still-ernsten, von allem abgezogenen und nichts Aeußeres bedürfenden Weise der christl. Beschaulichkeit selbst, (deren Helden hier ihren Sitz haben; vgl. Vorbem. zu Ges. 10), aber auch davon, daß das, noch unvorbereitete, Gemüth Dante’s das Uebermaß ihrer Erkenntnisse und Enthüllungen in diesem höchsten, letzten Planetenhimmel nicht zu ertragen vermöchte – so wenig, als Semele die enthüllte Majestät des Jupiter ertrug.]
  370. 13–15. Andeutung, daß zur Zeit der Reise Dante’s der Saturn im Sternbilde des Löwen stand.
  371. 18. Dieser Spiegel, der Planet Saturn, der Gottes Glanz abspiegelt.
  372. 19–24. Beatricens Augen waren so selig, daß es eine Wonne war, ihnen zu gehorsamen, und daß diese Wonne dem Schmerze, von ihnen, ihrem Befehle gemäß, wegzublicken, das Gleichgewicht hielt.
  373. [25–27. Saturns Regierung, das goldene Zeitalter.]
  374. 28. Einer Leiter etc. 1. Mos. 28, 12. Gewiß hätte der Dichter kein schöneres Bild der ahnenden Betrachtung des Höchsten geben können, als die Leiter, auf welcher sich von Stufe zu Stufe die Seele emporschwingt, und von welcher ihr von oben das Ersehnte entgegengebracht wird.
  375. 40–42 (mit 31–39). Im ersten Augenblick hatte D. nur ein stromartiges, gleichzeitiges Hervor- und Entgegensprühen der Seligen erkannt, V. 31 ff. Jetzt bemerkt er erst deutlicher in dem „zugleich gekommenen Hervorsprühen“, in dem allgemeinen Lichtstrom, ein buntes Gewimmel von zahllosen einzelnen Seelen, welche ab und zu, hierhin und dorthin flattern, bis sie, je auf bestimmter Stufe, zusammentrafen und still hielten. Solchen Proceß der Ordnung der Geister auf den einzelnen Sprossen der Leiter vergleicht er mit der Bewegung eines Vogelschwarms. Dies scheint uns die einfachste Fassung des vielfach ventilirten Gleichnisses.]
  376. [72. In unsrer verschiedenen Vertheilung auf der Leiter. Diese ist also lediglich freie, über unser Denken erhabene, Wahl Gottes. – Mit diesem und den ff. Versen lenkt D. noch einmal auf die „Gnadenwahl“ zurück, indem er in V. 94–102 die Belehrung über dieselbe beschließt mit ähnlichen Worten, wie schon Ges. 20, 130 ff.; 19, 49 ff.; 13, 112 ff., deren Sinn und Meinung offenbar auf die absolute Unergründlichkeit, aber auch unbegrenzte Weite des göttl. Gnadenrathschlusses, unter Wahrung der creatürlichen Willensfreiheit, zielt. Vgl. zu Ges. 19, 33 am Ende und 17, 37 ff.]
  377. 74. An diesem Hofe des höchsten Königs.
  378. [90. Vgl. 14, 40 ff.]
  379. 110. Catria, ein Berg im Herzogthum Urbino, unter welchem ein einsames Kloster lag. [Fonte Avellana.]
  380. [121. Pietro Damiani aus Ravenna, (daher mit einem dortigen Klosterprior Petrus, gen. Peccator, gern verwechselt, V. 122) armer Leute Kind, lebte Jahrzehnte lang zu Avellana in strengster Ascese, bis er, in hohem Alter, trotz seines Sträubens, zum Bischof von Ostia und Vorstand des Cardinalscollegiums berufen ward. Er starb 1072. Ein reiner und energischer Charakter, Freund und Mitarbeiter Gregors des Großen, eifriger Anhänger der kirchlichen Reformpartei, hat er, in seinem Liber Gomorrhianus, die Sünden und Schanden des Clerus ganz in dem rücksichtslosen, drastischen Tone gebrandmarkt, in dem ihn dann unser Dichter, kühn genug und in lebhaftem Einverständniß, auch hier in V. 127 ff. reden läßt. Zugleich beklagt er schon in V. 48 ff. die Abnahme der Zahl ächter Anachoreten (Einsiedler-Büßer), deren Avellana nach seinem Vorgang viele hervorgebracht hatte und deren himmlischer Aufenthalt ja eben der siebente Planet ist.]
  381. [126. D. h.: von dessen Trägern einer immer schlechter ist, als der vorangehende.]
  382. XXII. 13. ff. Hier ist erklärt, was der am Schlusse des vorigen Gesanges unerklärt gebliebene Donner bedeutet hat. Es war die nach V. 8 und 9 aus dem Drange gerechten Eifers entstandene Bitte der Seligen, daß Gott solche Verdorbenheit des Clerus züchtigen möge. Allein sie flehen nur um das, was sie in Gott schon gewährt finden, V. 16, daher die baldige Strafe hier und V. 94 ff. verkündigt wird. – [Vgl. unsre Anm. zu Ges. 9, 139 und Fegf. 32, 157.]
  383. [28. Vgl. zu V. 37 ff.]
  384. 37 ff. Auf dem Gipfel des Berges, an welchem Cassino liegt, soll in alter Zeit ein Apollo-Tempel gestanden und Viele sollen zu dessen Orakeln ihre Zuflucht genommen haben. Der heilige Benedict [von Nursia, geb. 480, Stifter des ausgezeichneten Benediktiner-Ordens], dessen Geist spricht, hat hier, wie der Text sagt, zuerst das Christenthum gepredigt und den heidnischen Dienst verbannt.
  385. 49. Macar. Es giebt zwei Heilige dieses Namens. Welcher hier gemeint sei, ist nicht bezeichnet. – Romuald, der Stifter des Kamaldulenserordens [1018].
  386. 59. Der Glanz, welcher die Seligen umgiebt, ist, wie schon an mehreren Stellen erwähnt worden, nur ihre Hülle – der Wiederschein der Wonne, die sie empfinden. Ohne diese Hülle wünscht Dante den heiligen Benedict zu sehen.
  387. 63. Auch mein Wunsch, dir Genüge zu leisten.
  388. [64. ff. Der Leser beachte diese Stelle als einen Beweis für die wahre Meinung Dante’s, wornach alle Seligen eigentlich ihren wirklichen Sitz im Empyreum – dem unendlichen, raumlosen und unbeweglichen Bild der ewigen Ruhe V. 67 – haben, allwo er auch den Benedikt wiederfindet und dann unenthüllt schaut, Ges. 32, 34. Vgl. Vorbem. z. Par. S. 398 und später zu Ges. 32.]
  389. [68. Die Leiter ist also das Symbol der Contemplation, welche den Menschen, soweit dies auf Erden möglich, zum Schauen Gottes emporführt.]
  390. [74. In die vortreffliche, mild-ernste Regel der Benediktiner (weiße Ordenstracht! dah. V. 93) war neben Handarbeit und Landescultur auch die wissenschaftliche Thätigkeit mit aufgenommen, in Folge dessen dieser Orden auch durch die Bewahrung der Denkmale des Alterthums ein so großes Verdienst sich erwarb. – Auf die Ausartung nun auch dieser cultivirenden Wirksamkeit in gedankenloses Manuscript-Abschreiben ohne Wahl mag sich unser Vers beziehen.]
  391. 80. Jene Frucht, weltlicher Reichthum.
  392. 85–87. Der Benediktiner-Orden war seiner Stiftung nach gut, artete aber in der Folge aus. Weil die Menschen sinnlich und leicht verführbar sind, genügt die Trefflichkeit des Stifters und der Stiftung nicht, um diejenigen, die ihr angehören, auch gut zu erhalten. Nicht so lange Zeit dauert der Einfluß des Stifters, als erforderlich ist, daß eine Eiche zum Baume heranwachse.
  393. 94. Gott stand dem hebräischen Volke durch ein größeres Wunder bei, als jetzt nöthig ist, um der Zeit, die durch die Verdorbenheit des Clerus im Argen liegt, zu Hülfe zu kommen. [Vgl. zu V. 13 ff.]
  394. 100–105. Nur ein Wink Beatricens ist erforderlich, um den Dichter zu höherm Auffluge zu beschwingen – so ganz ist durch die Kraft der himmlischen Weisheit die irdische Natur in ihm überwunden. Solch ein Flug ist auf der Erde, unter dem Einflusse der Sinne, nicht möglich, da, wenn auch das Höhere den Menschen emporhebt, doch die Schwere des Stoffs ihn bald wieder herniederzieht.
  395. 109. Nach dem Stier folgen im Zodiak die Zwillinge. Dante war geboren, als die Sonne in diesem Sternbilde stand, [zwischen Mitte Mai und Mitte Juni 1265, nach gewöhnlich. Annahme am 27. Mai.] Dem Einflusse desselben schreibt er daher, seinem Systeme gemäß, die Gaben und die Richtung seines Geistes zu. [Ges. 8, 97 u. a.]
  396. 116. Die Sonne, deren Licht und Wärme auf Erden Alles entwickelt.
  397. 118. Zum hohen Kreis etc., zum Fixsternhimmel. Unter den mannigfachen Sternbildern, die er enthält, war Dante gerade in dasjenige versetzt, das, seinem Glauben nach, für ihn selbst das einflußreichste gewesen war.
  398. 139. Latona’s Tochter, der Mond, der von oben betrachtet, auf der von der Erde abgewandten Seite, frei ist von jenen Flecken, über welche im zweiten Gesange gesprochen ist.
  399. 142. Der Sohn Hyperions, die Sonne.
  400. 144. Maja und Dione, die Mütter des Merkur und der Venus, hier diese Gestirne selbst.
  401. 145. Mäßigen Schimmer, Bezeichnung des Sterns der Gerechtigkeit, welche in Allem das Maß erhält, nach gerechtem Maße mißt.
  402. [152. Wörtlich: das Tennlein = Erde und Irdisches in ihrer Kleinheit und Armuth.]
  403. 153. Wie die Schnelle des Aufsteigens in V. 100 ff., so ist die stolze Rückschau auf die sieben durchlaufenen Kreise und der lächelnd-erhabene Niederblick auf die winzige Erde in V. 133–153 ein Sinnbild der inneren Entwicklung und mehr und mehr erlangten vollen Himmelsreife von Dante’s Geist, welch’ letztere im folgenden Gesang noch das letzte Siegel erhält.]
  404. XXIII. Vorbemerkung. Unter Anschluß an den letzten Theil von Gesang 22 bildet dieser Gesang, zugleich einer der schönsten und poesiereichsten, den eigentlichen Knotenpunkt in der, übrigens höchst einfachen, inneren Oeconomie des Paradieses. Nach dem in der Vorbem. S. 397 Gesagten handelt es sich im ganzen III. Theil der göttl. Kom. um die Aufzeigung der stufenweisen Entfaltung der vollen, individuellen Seligkeit im Dichter, bezhdl. im Menschengeist, [537] nach ihren beiden Seiten der Gotteserkenntniß und der Gottesanschauung. Die erstere ist nun vollendet. Nach der Durchwanderung der sieben Planeten – welche in ihrer Gesammtheit das Ganze der Gotteserkenntniß nach ihren verschiedenen Seiten und individuellen Auffassungen repräsentiren – und mit dem Alles zusammenfassenden Rückblick auf sie und die Erde unter ihnen, ist D. auf die Höhe des Erkennens geführt. Er sieht nun sofort Christum selbst V. 28 ff., sieht Beatrix „wie sie ist“, in voller entfesselter Schönheit 46–48; sein Geist macht einen großen Schritt aus sich selber heraus, über sich selbst hinaus, unmittelbarer zu Gott hin, V. 43–45. Was Ges. 23–29 incl. noch geschieht, ist nur eine Herausstellung, ein Bekenntniß der soweit geführten, inneren Entwicklung (G. 24, 37–45. 58 ff.): Dante wird von Petrus, Jacobus und Johannes über Glauben, Hoffnung und Liebe examinirt (womit sich zugleich die Reihe der „Belehrungen“ im Paradies fortsetzt, um in Gesang 28 und 29 mit einem letzten Gespräch über die Engel abzuschließen) und besteht so die Probe der Erkenntnißreife. – Damit ist er auch reif zur Anschauung Gottes, in deren Kreis wir ihn mit der 3. Abtheilung, Ges. 30, werden eintreten sehen.]
  405. 11. Nach dem Theile, wo die Sonne am Mittag steht, in welchem sie, weil dann die Schatten minder schnell sich verlängern und verkürzen, als am Morgen und Abend, minder schnell vorzuschreiten scheint. [Fegf. 33, 103.]
  406. [14 ff. Den Vergleichungspunkt bildet das geduldige Warten gegenüber dem eifrigen Begehren, das ruhige Stillehalten in der Gegenwart beim Hinausgerichtetsein auf Zukünftiges.]
  407. [20. 21. Man erkennt hier leicht den Grundgedanken der ganzen Ordnung der Welt und des Paradieses, daß nämlich alle Kräfte, alle Gnaden und Gnadenfrüchte von oben herab auf die niederen, einzelnen Sphären fließen, oben also gleichsam als in ihrem Quell „versammelt sind“ und in nuce geschaut, aber auch in ihrem vollen Lohn und Segen genossen werden V. 130 ff. So stellen sich hier in Christo alle Himmel und Seligen – insonders die speziellen Bewohner der achten Sphäre, Apostel etc. – als dessen Triumphzug dar V. 20; in ihm und ihnen erscheint das Ganze der Gnade geeinigt V. 21, das Ganze der Erlösung, Weisheit und Macht, Geist und Vater, Bund zwischen Himmel und Erde, centralisirt, erschlossen und vollendet V. 37–39.]
  408. 26. Der Mond, mitten unter den Sternen, sie alle überglänzend.
  409. 29. Die Sonne, Christus. Von ihm ging aller Glanz aus, wie, nach des Dichters Doctrin, das Licht aller Sterne von der irdischen Sonne.
  410. [32. Lichtstoff, substanzia – also der wesentliche, verklärte Heiland, sie Substanz, in der die Seligen leben, V. 29.]
  411. 42. Von Natur strebt das Feuer aufwärts, im Blitze aber, gegen diesen Naturtrieb niederwärts.
  412. [46–48. Worte Beatricens. Vgl. Vorbem. zu diesem Ges. und den Gegensatz von 21, 5 ff.]
  413. [67. Wie Ges. 2, 1–6.]
  414. [73. Die Rose, die Jungfrau Maria. Die Lilien, die Apostel – wohl auch Kirchenväter u. a.]
  415. [85–87. Die volle und beständige Anschauung selbst Christi allein (nicht die Dreieinigkeit!) kann D. noch nicht tragen. Der Herr hat sich daher wieder zur Höhe seinem Blick entzogen.]
  416. 88. Der Blumenkönigin, der Rose. Siehe V. 73.
  417. [89. Bezieht sich zunächst auf’s Betläuten Morgens und Abends, bei welchem der englische Gruß gesprochen wird. – Im Uebrigen vergl. über die Stellung der Maria bei D. zu Ges. 33, 43.]
  418. 90. Zum größten Feuer, zum Glanze der Jungfrau-Mutter, welche hier nach ihrem Sohne die Höchste ist.
  419. [92 ff. Maria zeigt sich als größtes Feuer, als vorstehender Stern, noch nicht aber in ihren erkennbaren Zügen. Dies ist erst im Empyreum der Fall, bei ihr und den andern Seligen. Vgl. Ges. 22, 58; Anm. zu 64 dort.]
  420. 94. Der Erzengel Gabriel, der Engel der Verkündigung.
  421. 100. Die Leier, derselbe Erzengel, welcher einen Lobgesang anstimmte, in dem er die Jungfrau Maria bekrönte, welche, wie ein Edelstein das Kleinod, das Empyreum schmückt, [wohin sie sich, wie Christus, schon wieder zu erheben im Begriff ist. V. 107 ff.]
  422. [101. Nach der traditionellen Darstellung der Maria im blauen Mantel.]
  423. 104. Der Leib der Maria, aus welchem unser Sehnen, der Weltheiland, geboren wurde.
  424. 106. Durch die Kreisbewegung geben, wie schon öfters bemerkt worden ist, die seligen Geister ihre Wonnen zu erkennen. So wird der Erzengel sich zeigen, wenn Maria, ihrem Sohne nach, in das Empyreum zurückgekehrt sein wird.
  425. [110. Das andre Licht = die andern Seligen.]
  426. 112. Der Königsmantel, die neunte Sphäre, das primum mobile, welches alle übrigen Sphären umgiebt und in sich faßt, ihnen Bewegung und die von Gott unmittelbar verliehene Kraft verleiht. Seine innere Wölbung ist so weit entfernt von dem Fixsternhimmel, in welchem Dante sich noch befindet, daß er, als Maria sich zu ihrem Sohn erhebt, ihr nicht mit den Augen folgen kann.
  427. [139. Petrus, mit den Heiligen des Alten und Neuen Testaments, welche im Babel dieser Welt dem Himmel nachgetrachtet.]
  428. XXIV. 17. Nach der mehrern oder mindern Schnelligkeit der Kreisbewegung beurtheilt der Dichter die mehrere oder mindere Wonne der seligen Geister.
  429. [24. Wie Ges. 20, 12 und oft. Ebenso V. 25, wie Ges. 23, 62 ff.]
  430. [26 ff. Wörtlich: „weil selbst die Phantasie, geschweige das Wort, von zu greller Farbe (der Darstellung) ist für solche Falten.“ Also nicht die Schwäche, sondern die Derbheit und Grobheit menschlicher Einbildung und Sprache ist hier der Vergleichungspunkt, oder, mit Anschluß an das Bild: der Mangel an Farbtönen und feinsten Schattirungen, wie sie der Maler für Falten braucht.]
  431. [39. Vgl. Matthäus im vierzehnten Kapitel.]
  432. 41. Dort, bei Gott.
  433. 43–45. Die Fragen sind zwar an sich unnöthig, weil Petrus in Gott erkennt, was Dante glaubt. Aber sie werden dazu dienen, daß der Dichter, antwortend, seinen Glauben in sich selbst, und, nach seiner Rückkehr zur Erde, den Glauben Anderer noch mehr befestige und aufkläre.
  434. [45. Um sich im Glauben zu befestigen und, zurückgekehrt, auch Andere dadurch zu Himmelsbürgern zu machen.]
  435. 46. Baccalaureus, ein niederer Grad, wie auf den Akademien, so in den Schulen der Mönche. Hier ist von dem Examen desselben, von der Vertheidigung der aufgestellten Sätze die Rede.
  436. 59. Bei der Streiter hohem Hort, im Original: alto primipilo. Hauptmann, Anführer, weil Petrus denen, die für Christum kämpfen, voranging.
  437. 62. In deines Bruders, des Paulus, Hebräer Kap. 11 V. 1. Die Vulgata übersetzt: Est fides sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium. Dieser letzteren Uebersetzung entsprechen die Worte des Dichters.
  438. 83–85. Deine Erklärung des Glaubens ist die echte und wahre. Aber besitzest du auch den Glauben selbst? – Das Gleichniß von der Münze wird in den folgenden Versen fortgesetzt. [Schrot, das Gewicht, Korn der Feingehalt einer Münze.]
  439. 89. 90. Wie erwarbst du den Glauben, welcher allein die guten Werke hervorbringt?
  440. 92. Auf’s Pergament, auf die Bücher des Alten und Neuen Testaments.
  441. [92 ff. Vgl. Bemerk. am Schluß.]
  442. 101. Die Wunder, von welchen die Schrift Zeugniß ablegt.
  443. [103. Diese Frage und die schöne Antwort darauf findet sich schon bei Augustin: daß die Welt ohne Wunder dem Herrn und den Aposteln geglaubt hätte, wäre selbst das größte Wunder, der größte Beweis für’s Evangelium.]
  444. [111. Die Kirche.]
  445. 121. Der Dichter hat bis jetzt den Begriff des Glaubens überhaupt festgestellt und näher erläutert, auch dargethan, worauf der [547] Glaube sich gründe. Jetzt wird er von Petrus aufgefordert, sein eigenes Glaubensbekenntniß abzulegen.
  446. 125. Ev. Johannes Kap. 20 V. 3–6. Obgleich der mit Petrus zum Grabe eilende jugendlichere Jünger, Johannes, eher an’s Ziel kam, ging doch Petrus zuerst hinein.
  447. 130–132. Alle Himmel sehnen sich nach Gott und lieben ihn, und dies ist die Kraft, die sie in Bewegung setzt. [Vgl. Ges. 1, 77.]
  448. 141. Gott vereinigt in sich die Einheit und Mehrheit.
  449. [142–144. Im Unterschied der Lehre vom Dasein Gottes V. 133 ff., kann die Dreieinigkeit lediglich aus der Offenbarung geschöpft werden.]
  450. [145. Die Trinität als Mittelpunkt und Quellpunkt der christlichen Lehre und Erkenntniß.]
  451. [Schlußbemerkung. Durch den ausdrücklichen Aufbau der – im Einzelnen der Kirchenlehre folgenden – Entwicklung des Glaubens aus der h. Schrift; durch die wiederholte Hervorhebung derselben als des (alleinigen) Grunds und Quells der Glaubenserkenntniß [548] in V. 94 ff., auch 142 ff., läßt der vorstehende Gesang nicht unwichtige Schlüsse zu in Hinsicht auf Dante’s Meinung von der Autorität der Schrift und seine Stellung zur Tradition. Diese Schlüsse drängen sich uns ziemlich unzweideutig auf, wenn wir frühere Stellen, wie Ges. 19, 83, Ges. 5, 73 ff. (s. die Anm. dort), und die folgenden in Ges. 25, 88; 26, 40. 43, wo ebenfalls als Vermittlerin der geoffenbarten Wahrheit einzig die Schrift genannt ist, vergleichen, insbesondere aber noch Ges. 29, 89 ff. Wir wollen dort die Summa ziehen und verweisen indessen auf die dortige Schlußbemerkung.]
  452. XXV. 1–12. Die Zufriedenheit des heiligen Petrus mit seinem Glauben führt den Dichter im Geiste zurück zu dem Orte, wo er in diesen Glauben eingeweiht wurde, zu der geliebten Vaterstadt. Er hofft, [wiewohl vergeblich; vgl. Ges. 17, 50 Anm.], der Ruhm, den er durch sein Gedicht sich erworben, werde seine Zurückberufung aus dem Exil bewirken – an der Stelle, wo er getauft worden, werde er mit dem Lorbeerkranze bekrönt werden, [d. h. in der Kirche, nach damaliger Sitte, also zu Florenz in der Kirche S. Johannis, wo er auch getauft worden war.] Mit welcher schönern Erden-Hoffnung konnte er den Gesang einleiten, der von der höhern Hoffnung spricht? Wie konnte er rührender seine Sehnsucht nach Florenz ausdrücken, als indem er durch den Gedanken an das höchste himmlische Gut, das er jenseits hoffte, sich auf das schönste irdische Gut leiten ließ, das diesseits seinem Sehnen und seiner Hoffnung vorschwebte?
  453. [1–3. Wiederholtes Dichterselbstbezeugniß, – wie Fgf. 31, 141 – [549] sowohl von der höheren Inflammation als auch der ernst-angestrengten Ausarbeitung des Dichterwerks. Vgl. auch Par. 1, 25.]
  454. [4. Hier scheint allerdings D. einen Moment zu vergessen, daß in dem angenommenen Jahr 1300 seiner Dichtung, die, hier vorausgesetzte, vergebliche Hoffnung der Zurückberufung noch zukünftig war! Doch ist auch nicht außer Acht zu lassen, daß er sich an die in Ges. 17 schon gehörte Weissagung von der „langen, harten Acht“, in welcher selbst auch nicht die leiseste Andeutung von einer Rückkehr ist, wohl anlehnen konnte.]
  455. [7. Mit andrem Ton (Stimme) und Haar, wörtlich „Fell“ oder „Vließ“ unter Anschluß an den Vergleich in V. 5. – Sinn: obwohl gealtert und nahe dem Ende des Lebens, würde er doch gern und stolz dann noch als Dichter heimkehren.]
  456. 14. Der Erste, Petrus.
  457. 18. Den Herrn, den Apostel Jacobus, dessen Grab in Compostella in Gallizien, einem berühmten Wallfahrtsorte, sein soll.
  458. [19. Vgl. Hölle Ges. 5, 82 ff. – Nachher jedoch werden sie mit Bergen verglichen, V. 38!]
  459. 29. 30. Im Orig.: Erlauchtes Leben, durch welches die Freude (oder auch, nach einer Variante, der Ueberfluß, der Reichthum) unsers königlichen Palastes (oder auch unsers Haupttempels) beschrieben worden ist: – Nach beiden Lesarten wird wohl in der Uebersetzung der Gedanke, seinem Wesen nach, ausgedrückt sein. Die Stelle bezieht sich nach den Auslegern auf die Ep. Jacobi Kap. 1, V. 5: „So aber Jemand unter euch der Weisheit ermangelt, der bitte von Gott, der da giebt einfältiglich Jedermann, und rückt es Niemandem auf.“ – Noch bezeichnender scheint dem Uebersetzer V. 17: „Alle gute Gabe, und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei welchem ist keine Veränderung, noch Wechsel des Lichts und der Finsterniß.“
  460. [32 ff. Jesus hat öfters die drei Jünger, Petrus, Jacobus und Johannes, dessen Bruder, als besondere Vertraute mit sich genommen. Darauf gründete das MA. eine besondere, geheimnißvolle Bedeutung derselben, nämlich die persönliche Repräsentation der drei theolog. Tugenden, wobei den Petrus der Glaube, den Johannes die Liebe traf und dem Jacobus, ohne ersichtlichen Grund, die Hoffnung übrig blieb. Ueberdies verwechselt, d. h. identifizirt nun aber D. im ganzen Gesang diesen Jacobus den Aelteren mit dem Verfasser des Briefs. Vgl. V. 39. 76 ff.]
  461. 34–36. Worte des Jacobus.
  462. [38 ff. Zu den Bergen. Nach Psalm 121, 1. – Zuerst geblendet, stärkt er sich jetzt, reift an ihrem Anblick, wie es V. 35 gefordert worden.]
  463. 40. Der mittelalterlichen Sitte folgend, vergleicht D. um so lieber Gott und die Seligen mit einem Fürstenhof, als er darin, wie wir wissen, das Urbild der irdischen Weltmonarchie findet.]
  464. [43 ff. Derselbe Lehrauftrag für die Erde, wie Ges. 24, 43 ff. Dieselben drei Fragen ferner, wie dort V. 53, 85 und 89. – Da aber nach V. 44 (mit Thomas von Aquino) die Hoffnung, ordine generationis, sed non perfectionis, der Entstehung, wenn auch nicht der Vollkommenheit nach, der Liebe vorangeht, so sehen wir auf den Glauben in diesem Seelenexamen die Hoffnung und nicht, wie sonst, die Liebe folgen.]
  465. 52. Auf die zweite der V. 46–48 enthaltenen Fragen: Wie (ob kräftig oder schwach?) sie im Gemüth des Dichters lebe? antwortet Beatrix. Denn er würde sich selbst loben müssen, wenn er sagen wollte, daß seine Hoffnung fest sei, da diese, wie V. 69 ausgesprochen ist, nicht nur durch Gnade, sondern auch durch früheres Verdienst des Hoffenden gewonnen wird. – [Und in der That, ist nicht Dante’s ganzes Dichten und Schaffen, insonders die göttl. Kom., vornehmlich in den zu Fegf. 33, 45 angegeben Stellen, ein sprechender Beweis, daß D. ein Mann zäher, kühner Hoffnung war, wie wenige?]
  466. [54. Gott. Vgl. V. 59, Ges. 24, 42 und nachher Ges. 26, 106. Die Seligen wissen hier, wie sonst, das Gefragte schon voraus.]
  467. [55 ff. Aus Aegypten, der Welt, besucht Dante, noch vor dem Tod, Zion, das himmlische Jerusalem.]
  468. [67 – 69 wird nun weiter die erste –, 70 – 78 die dritte der, in V. 46 ff. gestellten, Fragen beantwortet. In Beantwortung der ersten folgt der Dichter der Definition des Peter Lombardus (Sententiae III.). Die „früheren Verdienste“ sind willige Annahme und treue Verwendung der Gnade, welche ja auf freie Geister einen zwingenden Einfluß nicht ausübt, Ges. 29, 66. In Beantwortung der dritten ist zu beachten, wie D. die Hoffnung auf den Glauben gründet V. 75. – Die citirte Jacobusstelle ist Kap. 1, V. 12. Während endlich ein allgemeiner Glaube an Gott auch aus der Vernunft quillt, Ges. 24, 133, so kommt Hoffnung nur aus der Offenbarung, der h. Schrift V. 88.]
  469. [71 ff. David, Ps. 9, 11.]
  470. 78. Daß ich auch in Andern die Hoffnung entflammen kann. [V. 45]
  471. [89. 90. Die Worte des Originals gestatten, durch doppelte Interpunktion [553] einen doppelten Sinn: Ed esso lo mi addita. 1) Entweder: „und es, das Ziel, giebt’s mir kund,“ nämlich, daß es das Ziel ist. D. h. das, von der h. Schrift vorgesteckte Ziel der Seligkeit offenbart sich hier oben durch sich selbst als solches. Diese Auffassung hat Streckfuß nach Lombardi. Sie schließt aber eine Tautologie in sich. 2) Oder: „und er – gieb mir’s kund,“ d. h., nach vorangehendem Punkt: „und Jacobus fuhr fort: „nenne mir das Ziel!“ So Witte u. a.]
  472. 91. Jesaias Kap. 61 V. 7: „Denn sie sollen Zwiefältiges besitzen in ihrem Lande; sie sollen ewige Freude haben.“ Unter dem doppelten Kleide versteht der Dichter, wie er selbst V. 128 kund thut, die Seele und den Körper, nach deren Vereinigung, wie früher gelehrt worden, die Wonne der Seligen erst vollkommen wird.
  473. 94. Dein Bruder, Johannes, in der Offenbarung Kap. 7 V. 9.
  474. 100. Ein Glanz, der Selige, der eben erscheint, ist Johannes der Evangelist.
  475. 101. 102. Das Sternbild des Krebses steht im Winter, wenn die Sonne im Zeichen des Steinbocks steht, einen Monat in der Nacht am Himmel, daher, wenn am Tage die Sonne, in der Nacht das Sternbild des Krebses so hell wie das hier aufgehende Licht leuchtete, dieser Monat ein ununterbrochener Tag sein würde.
  476. 112. Pelikan. Dieser Vogel soll, wenn seine Jungen von einer Schlange getödtet worden, sich selbst mit seinem Schnabel in der Seite verwunden, um sie mit seinem Blute wieder in’s Leben zu bringen. Daher hier unser Pelikan, für Christus, [ein sehr gebräuchlicher Ausdruck in der Mystik des Mittelalters.]
  477. 113. Johannes erhielt vom Kreuze herab den Befehl Christi, an seiner Statt Mariens Sohn zu sein.
  478. 115 ff. Aus den Worten Christi Ev. Johannis Kap. 21 V. 22: „So ich will, daß er bleibe bis ich komme, was gehet es dich an?“ und dem, was im heiligen Texte nachfolgt, haben mehrere Ausleger der Schrift gefolgert, daß Johannes bis zum Weltgericht nicht sterben könne. Dante sieht daher neugierig hin, um zu erforschen, ob er hier mit dem Körper sei. Beatricen aber, welche von der Wahrheit unterrichtet ist, kann dies keine Veranlassung zu besonderer Aufmerksamkeit sein.
  479. 127. Zwei Lichter, Christus und seine Mutter. [Par. 23, 104. 119]
  480. 130. Die Kreisbewegung und der Gesang, zu welchem die aus den Flammen wehenden Töne der drei Heiligen sich verbunden hatten, hören so genau in demselben Augenblick auf, wie der Ruderschlag auf das gegebene Zeichen. Auch hier, wie anderwärts, deutet diese Uebereinstimmung auf völlige Gleichheit des Willens.
  481. 139. Der Grund, aus welchem er Beatricen nicht sieht, ist die im folgenden Gesange näher erläuterte plötzliche Erblindung vor dem Schimmer des Johannes, welchen er, nach V. 118–121, zu scharf betrachtet hatte. Hierin scheint die Lehre zu liegen, daß man in der Religion nicht nach dem minder Wesentlichen forschen soll, wie Dante nach dem Körper des Johannes, weil sonst der Blick geblendet wird, und die wahre Weisheit ihm verschwindet, die nur durch Glauben, Liebe und Hoffnung offenbar wird. (Vgl. Anmerkung zu Ges. 26 V. 76.)
  482. XXVI. 2. Aus jener Flamme, des Johannes.
  483. [7. Was ist es. Hierin liegt die erste Frage des Johannes. Sachgemäß wird bei der Liebe von einer abstracten Definition ihres Wesens abgesehen und gleich ihr Gegenstand erforscht. Und die Antwort giebt V. 16–18: Gott. Denn Natur, Herz und Offenbarung weisen auf ihn, als den höchsten Gegenstand aller Liebe (s. dort). – V. 24 ff. folgt dann wieder die andre Frage, welches ihr Grund und Quell, woher sie sei? Und die Antwort V. 25 ff. – wiederum aus Gründen der Vernunft und Philosophie, wie der Offenbarung hergeleitet.]
  484. 16. Das Gut etc., d. h. Gott ist der Anfang wie das Ende und das Ziel alles dessen, worin ich die Liebe (Gottes und zu Gott) bald bestimmt ausgesprochen, bald angedeutet finde. Die Schriften bezeichnen also nicht nur die heilige Schrift, sondern auch alle Werke Gottes, und wohl insonderheit das Gemüth des Menschen. – Wörtlich übersetzt heißt die Stelle: Das Gut, welches diesen Hof zufrieden macht, ist Alpha und Omega jeder Schrift, welche mir leicht oder stark Liebe liest, [also ihr höchster Gegenstand.]
  485. [39. Die Wahrheit, daß, da das Gute nothwendig Liebe erwecken müsse, das höchste Gut auch die höchste, erste Liebe erwecken müsse, war V. 28–36 hingestellt worden als ein Schlußsatz, bei dem mit Sicherheit das Letzte aus dem Ersten folge, V. 36. – Nun erübrigt der Beweis, daß Gott dieses höchste Gute sei. Dieser wird in den drei unmittelbar letzten Versen 37–39 begonnen aus der Philosophie. Für einen Vertreter der letzteren muß dem Dichter der falsche Dionysius gegolten haben, der in seiner „himmlischen Hierarchie“ den, hier ziemlich sicher benützten, Satz hat, daß Gott, als die höchste Güte und Schönheit, die erste Liebe der vollkommensten und ewigen Substanzen, der Engel sei, welche für Dante ja als Intelligenzen die Himmelskreise, das ganze Weltsystem lenken (Ges. 2, 127; 8, 37). In den folgenden Versen sehen wir dann jenen Beweis fortgesetzt aus der h. Schrift, V. 40–45, und zwar aus 2. Mos. 33, 19 und Ev. Joh. 1, 1. In der ersten Stelle bezeichnet sich Gott selbst als den Inbegriff alles Guten; nach der andern beweist er sich als solchen durch die Manifestation und Mittheilung der unendlichsten Güte in der Zeugung des Worts, des Sohnes. – Endlich wird der ganze, tiefsinnige Beweis resummirt in V. 46–48.]
  486. [49 ff. Schließlich erhebt sich noch eine letzte Frage, die alte, vielbehandelte Frage: ob nun Gott blos um dieser Erkenntniß willen, daß er das höchste Gut ist, also blos um seiner selbst willen, oder auch „um Andres willen“ zu lieben sei? – Antwort: ja; aber nicht um anderer, außer ihm liegender Zwecke, sondern um seiner Werke und Wohlthaten willen in Schöpfung und Erlösung, sowie um der, darauf gründenden christl Hoffnung willen, V. 55–63. So sind auch die Mitmenschen allerdings um ihrer göttl. Begabung und Bestimmung willen in diese Gottesliebe eingeschlossen, V. 64–66.]
  487. [53. Der Adler Christi – Johannes.]
  488. [72. Von Haut zu Haut, wörtlich: von Hülle zu Hülle, nämlich des Auges.]
  489. 76. Die Wiedererlangung des Augenlichts an diesem Orte ist wohl eben so wenig zufällig, als die plötzliche Erblindung am Schlusse des vorigen Gesanges. Von dem Zufälligen und Unwesentlichen hat er den Geist zurückgewandt zu dem, was noth thut, und erträgt nun nicht nur den erhöhten Schimmer Beatricens, sondern erhält sogar durch ihn die verlorene Sehkraft wieder.
  490. 83. Der erste Geist, Adam, der von Gott unmittelbar erschaffene.
  491. [97. Plastischer, aber an diesem Ort seltsamer Vergleich!]
  492. [106 ff. Vgl. 25, 54; 24, 42; 15, 55 ff. u. a.]
  493. [110. Der hohe Garten ist das Paradies, welches da war, wo jetzt die Höhe des Fegefeuers, s. dort Ges. 28. – Die vier Fragen im Folgenden s. Ueberschrift.]
  494. [115 ff. Die Frage, wie von einem so geringen Vergehen, wie das Essen des Apfels, eine so mächtige Wirkung habe kommen können, beschäftigte die Geister schon damals. Dante’s Antwort ist zutreffend. Vgl. Ges. 7, 25 ff.]
  495. 118. Nach der alten Art, das Alter des Menschengeschlechts nach der Angabe der Bibel zu berechnen, zählte man von Adams Erschaffung bis zu Christi Tod 5232 Jahre. Von dieser Zeit lebte Adam 930 Jahre und brachte im Vorhofe der Hölle 4302 zu.
  496. [124 ff. Des Dichters Theorie vom Ursprung der Sprache statuirt also die blose Anerschaffenheit der Sprachfähigkeit, aber keiner Ursprache selbst. Die Bildung der einzelnen Sprachen ist ein Werk des menschlichen Verstandes, wechselnd unter dem Einfluß von Neigung und Sternenmacht. – Merkwürdiger Weise sagt D. in seinem früheren Buch „von der Volkssprache“ das Gegentheil.]
  497. [134. Das alte El, Gott, gilt dem D. für Adams Sprache; Eli nimmt er aus Verwechslung aus der Leidensgeschichte für eine spätere Form davon, da es noch nur „mein Gott“ vom selben Stamm bedeutet.]
  498. 139–142. Das Viertheil des Sonnenlaufs beträgt sechs Stunden. Wenn sie während der Tag- und Nachtgleiche in’s zweite Viertheil, von ihrem Aufsteigen an, tritt, so ist’s Mittag. Von da an neigt sie sich wieder. Wenn also Adam nach der alten Meinung vor und nach dem Sündenfalle sich sieben Stunden im irdischen Paradiese befunden hat, und mit Sonnenaufgang erschaffen worden ist, so hat er es eine Stunde nach Mittag wieder räumen müssen.
  499. [XXVII. 4. Die Wonne der Seligen und die Seligkeit des Himmels – ein Lächeln des Weltalls! Man kann sich keinen, zugleich kühneren und poesievolleren Vergleich denken!]
  500. 11. Petrus – die drei Andern Jacobus, Johannes und Adam.
  501. [17. Vgl. Ges. 21, 71.]
  502. 19. Das helle weiße Licht des Petrus hatte sich, wie V. 14 und 15 gesagt ist, geröthet. Ebenso ändern die übrigen Lichter die Farbe, aus heiligem Eifer über dasjenige, was V. 22 ff. gerügt wird.
  503. [22–60. In dieser gewaltigsten und – mit einer Ausnahme Ges. 29, 89 ff. – letzten Strafrede, worin die Päpste selbst, als Nachfolger Petri, vor Christi und der Apostel Richterstuhl im Vorhof des allerhöchsten Himmels, in welch’ letzterem alle diese Klagen schweigen, gestellt werden, setzt Dante allen seinen bisherigen, diesfallsigen Strafpredigten und dem Ausdruck seines starken, praktischen Reformationsverlangens die Krone auf. Der Leser gehe selbst von diesem Höhepunkt aus – an der Hand unsrer Gesangüberschriften – auf die ganze Stufenfolge der einzelnen Stellen und der darin hervorgehobenen Reformationsbedürfnisse zurück, welche hier ihren Abschluß findet! – Nachdem zunächst der alte Groll gegen Bonifaz VIII. entladen worden, welchen D., wie seinen Nachfolger Clemens V., gar nicht als Papst anerkennt und daher den Stuhl für unbesetzt erklärt (V. 22–27), sind es in Summa vier Vorwürfe, welche D. gegen das Papstthum als Papstthum schleudert: a) Habsucht und Streben nach weltlicher Macht (V. 40–45; vgl. Hölle 19, 115, Fegf. 32). b ) Trennung der Christenheit und Parteilichkeit, (V. 46–48). c) Entzündung von Religionskriegen innerhalb der Christenheit (nicht, wie D. billigt, gegen die Ungläubigen; V. 49–51). d) Mißbrauch auch der geistlichen Gewalt (V. 52–54. Dispensationen, Pfründen etc. vgl. Ges. 5, 73 ff.; 12, 88 ff.).
  504. 25. Meine Grabstatt, Rom, wo Petrus begraben ist.
  505. 26. Lucifer.
  506. 31. Eine sehr schöne Vergleichung. Nicht die Religion ist Schuld daran, daß die Kirche verdorben ist. Aber sie erröthet hier, wie ein Unschuldiger über fremdes Vergehen erröthet.
  507. [34–39. Das Erröthen bei Beatrix geht in finsteren Unmuth über. Ebenso bei Petrus. Und zwar betont D. dies gegen früher überhaupt, nicht gegen V. 13 ff., wo es ja schon so war.]
  508. 40. Die Braut des Herrn, die Kirche. Die in den Versen 41, 44 und 45 benannten sind Päpste, welche den Märtyrertod starben [oder gestorben sein sollen].
  509. 46–48. Die Guten von den Bösen zu sondern, hat, wie Matth. Kap. 25 V. 33 schreibt, der Sohn Gottes beim Weltgerichte sich vorbehalten. Aber diese Gewalt ist nicht dem Papste verliehen, der sich besonders auch in den Parteiungen der Guelfen und Ghibellinen die Stelle des Weltrichters anmaßt.
  510. 52. Mein Bild, welches im päpstlichen Wappen steht.
  511. 58 ff. Clemens V. und Johann XXII., der eine Gascogner (17, 83), der andere aus dem übelberüchtigten Cahors (Hölle 11, 50), waren des Bonifaz Nachfolger. Sie „brüten Tücken aus,“ wörtlich: „sie bereiten sich“ heißt es, weil im Jahr 1300 noch Keiner Papst war. „Nach unsrem Blut,“ wörtlich: „von unsrem Blut zu trinken“ kann nur heißen: „den, mit Märtyrerblut nach V. 40 ff. besiegelten päpstlichen Stuhl an sich zu reißen, beziehungsweise zu entweihen; Offenb. 17, 6.“ Notter.]
  512. [61–63 und 142–148 sind wieder Weissagungen der bevorstehenden, rettenden Weltumgestaltung, beziehungsweise des Dante’schen Helden und Erretters – und zwar die letzten in unsrem Gedicht. Daß hier von vornehmlich politisch-kirchlichen Umwälzungen die Rede sei, daß wir hier ein Analogon der Weissagung des „Windhunds“ und des „Fünfhundertfünfzehn“ haben, ist aus den Versen 61 und 62, 139–141 klar, welche heißen sollen: so gewiß das hl. röm. Reich einst gegen Hannibal im zweiten punischen Krieg durch Scipio gerettet wurde, wird es auch jetzt wieder gerettet werden; und so gewiß der Mangel der rechten kaiserlichen Führung Schuld an allem Elend ist, so gewiß wird diesem Mangel abgeholfen und „das Schiff gedreht“ (V. 147) d. h. die Kaisermacht gehoben, aber das Papstthum in seine Schranken gewiesen werden. – Dies ist der nächste Thatbestand der Stellen. Des Weiteren sind sie, betreffs ihrer spezielleren Deutung und ihres Zusammenhangs mit den übrigen, verwandten Aussprüchen, schon zu Fegf. 33, 45 besprochen, worauf wir verweisen.]
  513. [65. Lehrauftrag, wie Ges. 17, 127 ff., Fegf. Ges. 32, 103 ff., Ges. 33, 53 u. a.]
  514. [69. Im Winter, wenn die Sonne im Steinbocke steht. – Das schöne Gleichniß malt aus, wie nun die Seligen, welche den Triumphzug Christi in Ges. 23 gebildet, alle, ihm und Maria nach (23, 86 und 106 ff.), zum Empyreum sich erheben.]
  515. 79. [BN 3]Zum ersten Mal sah Dante (Ges. 22 V. 33) auf Beatricens Geheiß aus dem Gestirn der Zwillinge zur Erde zurück. Seit jener Zeit war dies Gestirn um das Viertheil seiner Bahn, vom Meridian bis zum westlichen Horizont, vorgerückt, folglich waren sechs Stunden verflossen.
  516. 82. Die Furth etc., die Säulen des Herkules. Der Strand, von Phönicien, von welchem Zeus die Tochter des Königs Agenor, Europa, „als süße Last“ entführte.
  517. 85. Ein Theil der östlichen Halbkugel war für Dante bereits verfinstert, weil die Sonne nach Westen vorgerückt war. Indeß Dante seine Reise machte, stand die Sonne ungefähr im 22sten Grade des Widders. Zwischen diesem Gestirn und dem der Zwillinge steht der Stier, so daß von den Zwillingen die Sonne noch um mehr, als das Zeichen des Stiers, entfernt war.
  518. 98. Dem Nest der Leda, dem Gestirn der Zwillinge, benannt von Castor und Pollux. Beide waren hervorgegangen aus dem einen der zwei Eier, mit welchen Jupiter in Schwangestalt die Leda befruchtet hatte; daher obige Benennung.
  519. [106–120. Diese Stelle bezeichnet die, schon zu Ges. 1, 122 ff. und 2, 112–144 angedeutete Stellung des 9ten, des Krystallhimmels im Weltall – und zwar nach Aristoteles und den Scholastikern. Der Krystallhimmel hat seinen Namen eben daher, daß er aus reinem und völlig gleichförmigen Glanze besteht, nicht mehr aus gewissen, einzelnen Himmelskörpern, V. 100–102. Von ihm, dem primum mobile, beginnt die große Weltumdrehung, V. 106, indem er von dem ewig unbeweglichen Mittelpunkt des Empyreums die Bewegung empfängt und den anderen Kreisen mittheilt, V. 107. 108. Obwohl noch zum Raum gehörig, ist er doch für uns unberechenbar und es „giebt kein andres Wo in ihm, als Gottes Geist.“ V. 109 ff. Dieser, die Urvernunft, πρωτόνοια, entzündet in ihm jenen Liebesdrang, vermöge dessen er sich in ewiger Sehnsucht, sich mit dem Empyreum zu verbinden, am schnellsten unter allen Himmeln umschwingt und erzeugt jene Kraft, welche er auf die andern Kreise, sie mit sich reißend, vertheilt, V. 110. 111. Es selbst, das Empyreum, ist zwar außer dem Raume, aber dennoch als ein Kreis zu denken, welcher zugleich den Krystallhimmel umfängt, (wie dieser die übrigen) und das stillstehende Centrum des Alls ist, V. 112. 113 – ein Verhältniß, [567] welches übrigens unser Geist nicht faßt V. 114. Können wir endlich, wie gesagt, Maß und Lauf des Krystallhimmels selbst nicht bemessen, so ist er doch selbst unser Zeitmesser, indem die anderen Sphären von ihm ihre bestimmte, zugemessene Umdrehungsgeschwindigkeit erhalten. V. 115–117. Insofern ist das primum mobile die „Wurzel der Zeit“ an sich, deren einzelne Abschnitte sich dann, wie Zweige, in den andern Himmelskörpern bilden, 118–120.]
  520. 121. Von diesem Kreise, der, von Gott unmittelbar bewegt, allen anderen Kreisen und den Himmelskörpern in ihnen ihre regelmäßige Bewegung leiht, jedem das Maß seiner Bewegung vorschreibt und durch dies Maß die ewige harmonische Ordnung im großen Weltall erhält, wird der Dichter in seinem ebenso natürlichen als erhabenen Ideengange auf das Unmaß geführt, zu welchem blinde Begierde die Menschen fortreißt, und auf die widernatürlichen Laster und Verbrechen, deren Mutter diese Begierde ist – [auf den ganzen, verkehrten Weltzustand, welchem ein geistiges und gesellschaftliches primum mobile fehle, ein gottgeordneter Weltherrscher, wie denn die sittliche Weltordnung ein Abbild der natürlichen, gotterschaffenen sein soll. Monarchie Buch 1.]
  521. 124. Des Menschen Wille ist gut von Natur. Aber die sinnlichen Begierden verwandeln ihn, wie die zu häufigen Regen, besonders in und unmittelbar nach der Blüthenzeit, die echten Früchte in verkrüppelte verwandeln.
  522. [132. Es ist in den vorstehenden Versen die unangemessene Sinnlichkeit, in den folgenden die egoistische Lieblosigkeit, welche D. den Zeitgenossen vorwirft.]
  523. 137. Die Natur, die Tochter der Alles belebenden Sonne. Ihre Reinheit wird durch jene blinde Begierde getrübt.
  524. [139–141. Wie das strengste Gericht über das Papstthum im achten Himmel, so wird hier im neunten auch das dringendste Verlangen nach dem Kaiserthum gleichsam zu Füßen des göttlichen Thrones niedergelegt. – Denn der, der Welt mangelnde, Herrscher ist Niemand anders als der Kaiser, wie wir aus zahlreichen früheren, analogen Stellen wissen, bes. Fegf. Ges. 16, 94 ff, 103 ff.; Ges. 6; Ges. 7, 94 ff.; Parad. Ges. 6 Vorbem.; Hölle Vorbem. S. 7 und Ges. 2, 62 ff. Aber gerade an diesem Ort ist diese Wiederholung von besonderer Bedeutung als Beweis für den politischen Sinn der g. Kom.]
  525. 142. Man hatte schon zu Dante’s Zeit und ehe Gregor XIII. den Kalender verbesserte, bemerkt, daß das Jahr nicht völlig 365 Tage 6 Stunden enthalte, und daß, um die Jahresrechnung auszugleichen, etwa in hundert Jahren ein Schalttag wegfallen müsse. Gregor ließ daher bekanntlich 1582 zehn Tage ganz weg, und nach dem 4. sogleich den 15. October schreiben. Da dies aber zu des Dichters Zeiten noch nicht geschehen war, so setzte er voraus, daß der Januar in der Folge der Zeit in den Frühling fallen werde. Ehe dieser, allerdings [Jahrtausende] entfernte Zeitpunkt kommt, wird, wie er meint, eine andere [569] Zeit eintreten; ungeheure Erschütterungen werden erfolgen, aber die Menschen, die jetzt ihren Weg auf die dem Ziele entgegengesetzte Seite richten, werden, wie ein Schiff, das völlig umkehrt, auf die rechte Bahn gewandt werden. [Vgl. zu 61–66.]
  526. 147. Der Spiegel, der hintere Theil des Schiffs.
  527. 148. S. V. 126.
  528. XXVIII. 10. Dante sieht im Auge Beatricens, wie in einem Spiegel, den Punkt, von welchem eben die Rede ist, und kehrt sich um, um ihn unmittelbar zu sehen.
  529. [16. Ein Punkt, Gott, als die untheilbare Einheit.]
  530. 19. Allegorisch kann das heißen: Alles, was sich Gott nähert, wird groß und erhaben, sei es auch im Raume noch so klein; denn ihm nähert man sich nur durch Glauben und durch das Gesetz der Ordnung, in welchem alle Dinge gottähnlich werden. (S. Ges. 1 V. 103.)
  531. [25–78. Auch hier sei zum leichteren Verständniß Sinn und Gedankenfolge der folgenden schwierigen Stelle zum Voraus markirt. Um zu der letzten der fortlaufenden Belehrungen des Paradieses über die Engel, ihre Hierarchie und Wirksamkeit, ihre Schöpfung und ihren Fall, zu kommen, schickt der Dichter eine Gegenüberstellung der neun Engelskreise und der neun irdischen Himmelskreise voraus. – Diese höchst sinnvolle Parallele der Geisterwelt und der Sinnenwelt bewegt sich um folgende Vergleichungs-, bezhdl. Divergenz-Punkte: Die (ptolemäische) Ordnung der neun Himmel hat ihr Urbild in den neun Engelskreisen, V. 56. Von letzteren und ihrem göttlichen Mittelpunkt hängen jene, sammt der ganzen Natur, ab V. 41 ff. Denn sie sind, wie wir schon aus Ges. 2, 112–144, Ges. 8, 34 und Hölle 7, 74 wissen, die Intelligenzen, die Beweger jener. Dieses Urbild des Abbilds sieht nun D. hier V. 25–39. Und zwar gerade hier im Krystallhimmal, weil, wie wir ebenfalls wissen, von diesem aus die Wirksamkeit der Intelligenzen sich entfaltet. Aber D. entdeckt auch einen Widerspruch zwischen beiden V. 43–57. Denn sie verhalten sich in ihrer Stufenfolge nach Bewegung und Kraft gerade umgekehrt zu einander. Dort ist der geistige Mittelpunkt Gott und je kleiner und näher, desto schneller und lichter sind die Kreise. Hier ist der körperliche Mittelpunkt die Erde und je größer und ferner von ihr, desto schneller und lichter sind die Kreise. Dieser (scheinbare) Widerspruch wird ihm jedoch gelöst durch Beatrice V. 58–78. Er beruht auf einem naturnothwendigen Weltgesetz, welches D. nicht weiter beweist: Die Körperwelt ist räumlich und hat im Raum zu wirken. Darum sind auch ihre unsichtbaren Kräfte an räumliche [571] Verhältnisse geknüpft (V. 64–66) und die edelste Kraft, die „zum größten Heile“ wirken soll, strebt am Meisten nach Raum, muß also den größten Raum, gleichmäßig vertheilt, erfüllen (V. 67–69). Daher der schnellste und größte neunte Himmel, in welchem wir uns jetzt befinden, das primum mobile, eben zugleich der gotterfüllteste ist (V. 70) und in seiner Weise dem kleinsten und gottesnächsten Engelskreise entspricht (V. 71. 72). Denn bei letzteren, der körperlosen Welt, herrscht das intensive, wie dort das extensive Princip (V. 73–75). Und so besteht also kein Widerspruch, sondern ein bewundernswerthes Ineinandergreifen, vermöge dessen der größte und wichtigste Körperkreis primum mobile von dem kleinsten und gotteskräftigsten Engelkreis, der nächste kleinere (Fixstern-) Himmel von dem nächsten größeren Engelskreis – und so weiter – bewegt wird (V. 76–78).]
  532. [32. D. h. der, zum ganzen Kreis vollendete, Regenbogen.]
  533. [45. „Die Liebe,“ die Sehnsucht, sich dem Einen, Göttlichen zu verbinden, ist die Urbewegerin von allem. Dies ist hinlänglich bekannt aus dem ganzen Paradies. Vgl. übrigens zu Ges. 27, 106–120 und gegenwärtigen Ges. V. 100. 101.]
  534. [80 ff. Der klärende Nordost.]
  535. [93. Man kennt die Geschichte, wornach der Erfinder des Schachspiels von seinem Fürsten so viele Getreidekörner zum Lohn forderte, als herauskämen, wenn man auf das erste Feld des Bretts ein Korn und auf jedes weitere immer doppelt soviele legen würde, als auf das vorangegangene. Der König lachte ob der Kleinigkeit, bis ihm der Andere nachwies, daß die ungeheuerste Zahl von vielen Billionen und mehr herauskomme.]
  536. [97. Die Hierarchie der Engel im Einzelnen, wie sie im Folgenden dargestellt wird, ist, nächst den Stellen Ephes. 1, 21, Col. 1, 16, dem Pseudo-Dionysius (Areopagita), V. 115 ff., speziell seinem Buch „de coelesti hierarchia“ entnommen.]
  537. [100 ff. Vgl. zu 45. „Ihre Fesseln,“ die Bande der Liebe, die sie ewig in Gottes Nähe fesselt, aber auch ewig umschwingt, um sich Ihm immer näher zu verbinden – was sie nach dem Maß ihres Schauens erreichen. Denn, V. 109 ff., je mehr wir Gott erkennen, desto mehr lieben wir ihn. – Darum ist ja durch’s ganze Paradies das „Schauen Gottes“ die Seligkeit, die der Mensch erringen soll, wie sie der Engel schon hat. Und gleichwie unter den seligen Seelen Stufen des Schauens sind – vgl. Vorbem. S. 398 und zu Parad. 3, 49; 4, 19 – so unter den seligen Engeln.]
  538. 117. Im Frühlinge geht die Sonne im Widder auf und unter, bewegt sich also mit ihm durch den Himmel und macht ihn unsichtbar. Im Herbste dagegen ist er des Nachts über dem Horizonte. Der Sinn ist: in der Wonne, die hier blüht, ist kein Wechsel.
  539. 126. Engelsfeier, im Ital.: angelici ludi, die untergeordnetsten, durch keine besondere Benennung ausgezeichneten Engel.
  540. [127 ff. Vgl. oben zu V. 25–76, Ges. 27, zu V. 106–120, Ges. 2, 112–144.]
  541. 133. Der heilige Gregor ordnete die Engel etwas anders, indem er an die Stelle der Throne die Mächte u. s. w. setzte.
  542. XXIX. 1. Im Aequinoctium, wenn die Sonne, je nachdem es Frühling oder Herbst ist, im Widder oder in der Waage steht, ist mit ihr, auf- oder untergehend, der Mond zuweilen an der entgegengesetzten Seite des Horizonts, folglich auch im gegenüberstehenden Zeichen des Thierkreises am Rande des Himmels. Beide bilden dann gleichsam die Schalen einer Waage, welche man sich am Zenith befestigt denkt, und welche für kurze Zeit im Gleichgewicht steht. Dies kann aber bei dem ununterbrochenen Fortrücken nur Augenblicke dauern, indem, wie das eine der beiden großen Lichter emporsteigt, das andere untersinkt. So lange, als dies zu dauern pflegt, sah Beatrice Gott an.
  543. [10 – 12. Vgl. Ges. 24, 41 ff.; Ges. 15, 56. 64 ff.; Ges. 17, 10. 16 u. ö.]
  544. [13–48. Die in dieser Stelle gegebene Belehrung über die Schöpfung der Engel geht an der Hand der drei Fragen von Statten: wo, wann und wie dieselben erschaffen worden seien, V. 46–48. – Indem zunächst V. 13–18 als Grund und Ziel aller Schöpfung nicht etwa ein Bedürfniß Gottes, sondern rein die Offenbarung seiner ewigen Liebe in Geschöpfen und durch Geschöpfe vorangestellt wird, (Fegf. 17, 91), ist hiermit die dritte Frage zugleich dahin beantwortet, daß alles, so auch die Engel, ursprünglich gut gewesen sein müssen. – Nun kommt die zweite an die Reihe, V. 16, 17, 19–30, 34–45: wann die Engel erschaffen seien? Antwort: ein Wann giebt es überhaupt erst, seit es eine Schöpfung giebt. Vorher, da Gott noch, außerhalb von Zeit und Raum, in ewiger Selbstgenüge und reiner Gegenwart lebte, war weder ein „Vorher“, noch „Nachher“; daher auch davon, ob oder was Gott vorher gewirkt habe, ebensowenig geredet werden kann, wie davon, daß er vorher „müßig, wie erstarrt“ gewesen sei V. 16–21. Als aber die Schöpfung geschah, erfolgte sie simultan in einer dreifachen, zugleich entstehenden und vollkommenen Geschöpfe-Reihe. Diese bestand 1) aus den rein geistigen Geschöpfen, den Engeln, welche D. „reine Form“ nennt; 2) aus den rein körperlichen, der Natur, was D. „reinen Stoff“ bezeichnet; 3) aus den geistig-körperlichen, den Menschen, welche „Stoff und Form stets verbunden“ zeigen V. 22–24. 36. (7, 145 ff.). Zugleich miteinander, wie ein Strahl, der durch Glas bricht, traten jene dreierlei Geschöpfe in’s Dasein V. 24–30. Und zugleich hiermit war ihnen auch ihre Ordnung und Daseinsweise eingeprägt: den einen auf der höchsten Stufe die reine Thätigkeit, den andern auf unterster Stufe die blose Empfänglichkeit oder „Fähigkeit“ (vgl. hierzu die Theorie des Weltlaufs in Parad. Ges. 2, 112–144; Ges. 1, 103–141 u. Anm.), der dritten Art in der Mitte eine Verbindung von beiden (vgl. die Theorie in Fegf. 16, 70 ff.; 18, 19 ff.; Ges. 25 V. 31–36.) Des Hieronymus’ Ansicht von der gesonderten Erschaffung der Engel, lange vor unsrer Welt, erscheint somit durch die bisherigen Aufstellungen widerlegt, welch’ letztere D. ebenso in der h. Schrift (Sirach 18, 1 nach der Vulgate; 1. Mos. 1, 1), wie in der Vernunft begründet erachtet. Denn da die Engel die Sphären zu lenken haben (28, 78, Anm.; u. ö.), so können sie nicht ohne diese existirt haben – V. 37–45. – Was endlich die erste der drei Fragen betrifft, so erscheint sie nur kurz in V. 32 berührt, sofern dort die Worte „sie wurden der Gipfel der Welt“ dasselbe andeuten, was die damalige theologische Ansicht war, daß nämlich die Engel im Empyreum geschaffen worden seien.]
  545. [18. Wörtlich: „Gott erschloß seine ewige Liebe in neuen Lieben,“ womit also die, ebenso schöne als kühne Wendung von Streckfuß dem Sinn nach stimmt. Ebenso bei andrer LA: „in neun“ Lieben = neun Engelchören.]
  546. [82 ff. Der Zusammenhang geht auf V. 70–75 zurück. An diese Verse in Gedanken anknüpfend, kommt Beatrix auf die, in den Streitigkeiten über den vorliegenden und andere Punkte, damals wie jetzt noch hervortretende Sucht nach gelehrtem Scheinwesen (V. 86. 87.), welches nicht den einen Weg der ächten Wahrheitsforschung geht (V. 85) und oft die tiefere Ueberzeugung selbst verläugnet (V. 82–84). Hierbei hat sie zunächst die Philosophie, das freie Denken im Auge. – Aber noch viel verdammlicher, fährt sie in V. 88 ff. fort, ist jene Sucht bei der Theologie, welche es mit der Schrift zu thun hat, welche, will sie offenbar sagen, mit ihrem Denken und Forschen an die h. Schrift gebunden ist. – Und das Allerschlimmste ist, daß diese nutzlose Scheingelahrtheit und frevelhafte Schriftverdrehung der Theologen durch die Predigt unter das Volk kommt (V. 94–96); daß diesem statt des theuer erkauften Gotteswortes, unsrer höchsten und erhabenen Glaubensregel (V. 91–93), windige Fräglein, wo nicht Possen zur Nahrung geboten werden, eine Praxis, die nur auf absichtliche Verdummung und Urtheilslosigkeit der Gemeinde gegenüber jeder Priesterlehre und Priesterzumuthung, besonders dem Ablaß, hinausläuft: V. 97–107, 109, 110, 115–126. – So erweitert sich die Stelle zu einer der schneidendsten, man darf sagen: ächt protestantisch gedachten Zeitpredigten, über deren dogmatisch-reformatorische Bedeutung im System unsres Dichters wir in einer Schlußbemerkung noch werden näher zu handeln haben.]
  547. [83. Wörtlich: „glaubend und nicht glaubend, Wahres zu sagen,“ wornach Streckfuß und Philalethes, oder „glaubend und nicht glaubend, daß (obige Lehre) Wahres sage,“ d. h. jener Lehre beistimmend oder entgegenstimmend, wornach Witte und Notter übersetzen. Im letzteren Falle konnte dann V. 85 auch blos heißen: „ihr geht nicht eines Weges etc.,“ was, wie Notter mit Recht bemerkt, an sich kein vernünftiger [580] Vorwurf gegen die Philosophie wäre. Ueberhaupt wäre dann der Gesichtskreis der Worte allzu eng nur auf die Engellehre beschränkt und nicht wohl ersichtlich, weshalb D. über diesen untergeordneten Punkt so in Eifer gerathen sollte. Wir möchten uns daher für die erste, weitere, zu 82 ff. ausgeführte, Auffassung entscheiden.]
  548. [85. 87. Wenn „non – per uno sentiero“ nach dem eben Bemerkten nicht die blos äußere Einmüthigkeit der Ansichten ausdrücken soll, so kann es nur heißen: „nicht in einem Sinn, in einem Wahrheitsstreben“ oder „im Streben nach dem Einen, der ewigen Wahrheit in Gott, dem ewig-Einen, worin, nach V. 76 ff., die Engel alles sehen“ (Delff.). Beides kommt auf dasselbe hinaus, gleichwie in V. 87 die Auffassung von „l’amor dell’ apparenza e il suo pensiero“ als „Liebe zum Scheinwesen und Sinnen nach demselben“ oder als „bloses Streben nach Ergründung der äußeren Erscheinung der Dinge.“
  549. [583] [Schlußbemerkung zu V. 88–126.[WS 7] – Es ist hier angezeigt, die in der Schlußbemerkung zu Ges. 24 angestellten Betrachtungen über Dante’s Stellung zum Dogma von der Schrift und der Tradition zu Ende zu führen. Was dort schon uns sich aufgedrängt hat, das kann die vorliegende Stelle und der Rückblick von hier aus nur zur evidenten Thatsache erheben: daß nämlich unser Dichter, der schon in einer Stelle der Monarchie sich direkt gegen die kirchliche Tradition ausspricht, nicht nur das Schriftwort und nur das Schriftwort als unbedingte, höchste, (V. 93), der Kirche selbst vorangehende (V. 109) Autorität und einzige Quelle und Grundlage der kirchlichen Lehre mit aller Macht zu betonen jede Gelegenheit ergreift (Ges. 5, 76 ff.; 9, 133; 19, 83; 24, 61 ff. 94 ff. 136 ff.; 25, 76 und 88; 26, 41 und 43; 29, 41, 88 ff. und V. 93) – sondern auch, daß er der Generation die Verantwortung der selbstverschuldeten Nichtbenützung derselben mit vollster Energie in’s Gewissen schiebt, V. 108. Letzterem bedeutsamsten Vers hat man mit Unrecht und vergeblich diese, seine Spitze abzubrechen gesucht. „E non le scusa, non veder lo danno“ „und nicht entschuldigt sie’s, den Schaden nicht zu sehen“ kann doch nicht blos heißen sollen: „es hilft ihnen nichts, den Schaden nicht sehen zu wollen; er kommt dennoch.“ Vielmehr, was der nächste Wortsinn ist, das entspricht auch offenbar dem ganzen Zusammenhang und Gedankengang des Dichters: es entschuldigt sie vor Gott nicht, die besprochenen Irrlehren (103 ff.) und ihren Schaden, dessen Eingetretensein ja in V. 107 bereits constatirt ist, nicht einzusehen, ihn nicht vorausgesehen und den Priestern gedankenlos vertraut zu haben. Denn, V. 109, was „der Herr sprach“ ist maßgebend und das können sie wissen und erfahren, bezhw. sollten es zu erfahren suchen. – In dieser Fassung ist denn auch der Ausspruch keineswegs gegenstandslos in einer Zeit, mit Rücksicht auf welche er allerdings nicht, wie es von einigen Erklärern geschieht, kurzweg als eine vorwurfsvolle Aufforderung gefaßt werden kann, „die Bibel, die man ja habe, in die Hand zu nehmen!“ Denn von einem eigentlichen Bibellesen des Volks konnte damals aus verschiedenen Gründen nicht die Rede sein. Aber einmal hat hier Dante gewiß zunächst die einigermaßen Gebildeteren im Auge, welche denn auch damals überall, soweit sie lesen konnte, der lateinischen Sprache mächtig waren, aus welcher ja der Dichter selbst ebenfalls allein den Schrifttext kannte und citirte. Sodann aber fehlte es auch damals schon nicht ganz an Versuchen, das Schriftwort dem Volk in den Nationalsprachen zugänglich zu machen, besonders nicht ganz an volksthümlichen und schriftmäßigeren Predigern in Deutschland, wie in Italien (Berthold † 1272, Giov. v. Vicenza um 1230; Franziskus und seine früheren Jünger; über das Bibelverbot vgl. zu Ges. 5, 73 ff.). Auch auf diese Vorgänge hin konnte also D., der [584] Begründer und Verfechter der nationalen Sprache in Italien, den fraglichen, übrigens keineswegs blos auf Italien zielenden, Ausspruch wohl thun. Schließlich werden wir im weitesten Sinn einen Ruf an alle Besserdenkenden, an die ganze Christenheit darin erkennen, sich durch die, von der Kirche genährte Unwissenheit nicht gedeckt und gerechtfertigt zu glauben, sondern gemäß des gotteingesenkten Wahrheits-Triebs, den er einem Jeden gab (2, 112; 4, 124 ff.) das Verkündete zu prüfen und, über jede Verwehrung und Verkehrung der Wahrheit hinweg, mit allen Mitteln ihrer Quelle in der Schrift zuzudrängen und zuzustreben. – So haben wir denn hier jedenfalls eines der machtvollsten und beziehungsreichsten Reformationsworte des Mittelalters, in welchem sich zugleich eine entschiedene Lehrdifferenz zwischen Dante und seiner Kirche zusammenfaßt (über die heil. Schrift), während er sonst, ein treuer Anhänger der Kirchenlehre, ausschließlich praktische Reformationsbedürfnisse betont. Wir erinnern auch an die Stellen über die Seligkeit der Nichtchristen, Ges. 19, 33 und werden bei Ges. 33, 43 noch seine Auffassung der Maria hervorzuheben haben – s. dort. Eine eingehendere, zusammenhängende Darstellung und Würdigung des ganzen, reformatorischen Gehalts der göttl. Kom., wozu hier der Ort nicht ist, haben wir im letzten Abschnitt unsrer öfter angeführten Schrift, S. 182 ff., versucht
  550. [100. Nach der LA.: „ed altri“. Andere LA.: „e mente“ = „und lügt“; von selbst erlosch das Licht etc.“ – Im ersten Fall tritt D. beiden Ansichten (des Pseudodionys und des Hieronymus nebst Thomas), als unnützen Fräglein, entgegen; im andern Fall blos der ersten, welche er, freilich selbst subjektiv genug, für eine Verdrehung des klaren Schriftsinns hält, was bei dem Ernst, mit welchem er die kleinsten Lehrmeinungen oft verfolgt, nicht unmöglich ist. Aber auf die Nothwendigkeit, alles in der Schrift zu begründen [581] und hierbei ihren einfachsten Sinn walten zu lassen, eventuell ohne Schriftgrund nichts unnütz zu diskutiren, fällt also jedenfalls, bei dieser oder jener Fassung, der ausschließliche Nachdruck.]
  551. 103. Lapi und Bindi, gemeine und verstümmelte Namen, die wahrscheinlich zur Zeit des Dichters in Florenz häufig gehört wurden.
  552. 109. Zur ersten der Gemeinen, zu seinen Jüngern.
  553. 116. Der Prediger blähet sich vor Stolz, [wenn er belacht wird und – damit ist sein Zweck, sein Denken erfüllt, V. 117.] – Daß in älterer Zeit auf den Kanzeln oft wahre Possenspiele getrieben wurden, welche allgemeines Gelächter im Gotteshause veranlassen mußten, ist aus mancherlei Beispielen bekannt. [Selbst jetzt noch verschmäht der Katholizismus solch’ unwürdige Hilfsmittel nicht. Man kann heute noch in Rom jene sogen. Disputationen von zwei Predigern in öffentlicher Kirche vor zahlreichem Volk hören, bei welchen der Eine den aufgeklärten, kenntnißreichen Lehrer, der Andere, mit absichtlicher, burlesker Komik, den Dummen, Unwissenden spielt!]
  554. [118. ff. „Drin“, wörtlich: „im Zipfel der Kapuze.“ Das Vöglein ist der Teufel. Dieser steckt, mit seiner List und Feindschaft des Wahren und Guten, hinter der, leichtsinnig, gegen Geld etc. gespendeten, kirchlichen Absolution. Und so entwehrtet und schändet die widergöttliche Verwaltung selbst das kirchliche Sacrament. Das Volk aber, so irregeleitet, verdummt und verfällt hilflos jedem Priestertrug. – Vgl. Ges. 5, 75; Ges. 27, 56.]
  555. [124–126. Das Attribut des h. Antonius, des Eremiten, ist ein Schwein, als Abbild des besiegten Teufels. Nun empfinde man die furchtbare Ironie in dem Ausdrucke: er mästet sein Schwein! Natürlich sind seine und andere, spätere Ordensjünger gemeint, die durch Ablaßgelder sich gütlich thun und Andere, welche sogar noch zu Schlimmerem, was schon Ges. 22, 84 angedeutet worden, nämlich auf Weiber diesen Verdienst verwenden. – Alle aber zusammen nennt der Dichter Falschmünzer, weil sie mit ungeprägtem Geld, d. h. eben mit jenen werthlosen Ablässen u. dgl. das Volk betrügen.]
  556. [128. Anspielung auf das nahende Ende des Gedichts und der Wanderung.]
  557. [130–145. Der schon oben zu V. 49 ff. im Zusammenhang erwähnte Nachtrag über die Zahl der Engel. Diese wird, mit Bezug auf Daniel 7, 10, als jeden menschlichen Sinn und Gedanken übersteigend angenommen, V. 130–135, zumal (nach Thomas) jeder Engel, nach der Art seines Schauens, seine eigene Species und also eine unbegrenzte Möglichkeit einzelner Engelswesen ist, V. 136–138. – Mit schönen, zusammenfassenden Worten, welche auf Ges. 28, 109. Ges. 9, 61 und Ges. 7, 64 ff., Ges. 1, 1–3 zurückweisen, endet der Gesang.]
  558. [XXX. Vorbemerkung. – Die, in der Vorbem. zu Ges. 23–29 bezeichnete, letzte Erkenntnißprobe des Dichters ist bestanden, das dort vorgesteckte Ziel der Anschauungsreife ist nunmehr erreicht. Es erübrigt für Dante, zur Vollendung seiner Seligkeit und zum Abschluß des ganzen Gedichts, nur noch, dieser Gottesanschauung [585] wirklich gewürdigt zu werden und hierin zugleich die (mystische) Gottesvereinigung und den Vollgenuß des seligen Lebens zu erlangen (Vorbem. S. 397 unten). Dies geschieht eigentlich im letzten, dreißigsten Gesange, wo der Dichter nicht mehr blos Christum allein und auch diesen vorübergehend und in Folge einer besonderen Herabsenkung desselben zu ihm, wie Ges. 23, 85–87, sieht, sondern die heil. Dreieinigkeit selber schaut, 33, 52–Ende. Dante begnügt sich aber nicht, nur jene Spitze und Krone der vollendeten Gottesanschauung uns vor Augen zu bringen. Sein kühner Genius vermißt sich, uns einen näheren Begriff der seligen Vereinigung mit Gott und Einblick in sein Reich der ewigen Herrlichkeit zu geben. Daher wird uns auch dieser letzte Act stufenweise vorgeführt und hierin liegt der Gang der noch folgenden Gesänge. Sowohl um des Zusammenhanges willen, als um allzuviele, unterbrechende Einzelbemerkungen zu verhüten, ist es nöthig, denselben ebenfalls, wie sonst, zum Voraus zu skizziren. – Es sind drei Stufen, in welche, unter Anschluß an die scholastische Theologie, auseinandergelegt wird, was jenseits von Raum und Zeit und darum auch in Wahrheit nicht zeitlich trennbar, in der Ewigkeit im seligen Menschengeist auf höchster Stufe vorgeht. I. Vorstufe, Vorahnung, Ges. 30, 46–123 (nach vorangehender, kurzer Beschreibung des Empyreums V. 37–45). Da die Gottesanschauung ihrem Wesen nach eine unmittelbare Vereinigung unsrer „geistigen Sehkraft“ (V. 58) mit dem höchsten Wesen selbst ist, welches jedoch an sich nicht unerkennbar im creatürlichen Sinn ist (V. 79 ff.), so handelt es sich zunächst um eine Vorbereitung oder Tüchtigmachung unsres Geistes (Intellekts, V. 40), der Kerze, V. 54, für diese unmittelbare Einwirkung des göttl. Lichts. Diese Vorbereitung geschieht selbst wieder durch eine unmittelbare, göttliche Erleuchtung, bezhw. Umwandlung der natürlichen Anschauungsweise in eine übernatürliche (lumen gloriae) und es scheint uns D. dieselbe abermals in drei Graden vorstellen zu wollen, indem 1) zunächst das natürliche Licht ihm völlig vergeht V. 46–51, und zwar nothwendigerweise nach jenem höheren Naturgesetz, welches wir eben erwähnt haben und welches ihm in V. 52–54 auseinandergesetzt wird. 2) Aber eben aus diesem Vergehen des natürlichen Lichts entspringt ihm jene nöthige, neue Sehkraft, V. 55–60; doch noch nicht genügend. Er erblickt einen langen Strahlenstrom, umsprüht von Funken, umblüht von Blumen – ein prachtvolles Gemälde! – V. 61–69. Doch dies alles ist nur erst ein Bild des Wahren, welch Letzteres er erkennen kann und wird, wenn er erst aus dem Lichtstrom getrunken, V. 70–81. 3) Eilig thut D. diesen Trunk – das paradiesische Gegenbild des Eunoëtrunks am Ende des Fegf. – und nun ist alles verwandelt vor ihm V. 82–88; 91–93. Der, erst längliche, Strom, erscheint kreisrund, von welcher Wandlung der doppelte Sinn denkbar [586] ist, daß das göttliche Licht, Leben und Walten (in Christo, wie wir sehen werden), vom uneingeweihteren Auge nur in seinem Ausgang auf die Creatur, nicht aber in seiner Rückkehr zu ihm bemerkt wird und ebenso, daß nur der Eingeweihte dasselbe in seiner wahren Gestalt erschaut, d. h. nicht mehr blos im geschichtlichen Nacheinander, sondern im ewigen Ineinander und Miteinander, V. 89. 90. Und damit erscheint auch dasjenige in seiner wahren Gestalt, was bisher als Blume und Funke diesem Strom zu entwachsen und zu entsprühen schien – die seligen Menschen und die seligen Engel, V. 94–96. Noch mehr. Vor Dante’s Blick fügt sich jetzt alles dies Geschaute zusammen zur nächsten und unmittelbarsten Vorahnung, zum himmlisch-vollkommenen Abbild des – ihm noch verborgenen – göttlichen Wesens selbst, zum Gesammtbild des himmlischen Reichs der Glorie und Herrlichkeit V. 97–99. Da erbaut es sich vor ihm eben auf jenen kreisrunden Lichtstrom, („welcher den Schöpfer sichtbar macht“ V. 100, „aus dem einen Strahl seines Lichtes entspringend“ V. 106, in dem alles geschaffen ist und besteht V. 107 ff.) und wächst in tausend Stufen empor, ein majestätisches, hohles, amphitheatrales Rund, der Sitz der Engel und Seligen, die „Himmelsrose“, in der alles nah und alles fern, jedes irdische Raumgesetz aufgehoben ist, V. 109–123. Und jenes Licht, worauf sie sich erbaut, kann ja Niemand sein als Christus, der mit unzweideutiger Plastik in V. 106–108 gezeichnet ist, wie er zwischen Gott und der Welt als das Lichtsprincip der Schöpfung und Erlösung steht (logos). Und hier enden die Aufschlüsse der Vorstufe, hier, in der Vorahnung, aber noch nicht Anschauung der Dreieinigkeit, der Gottheit selbst. – II. Zweite Stufe, Verarbeitung, Ges. 30, 124–Ges. 32, Ende. Ein eigentlich innerer Fortschritt D.’s erfolgt hier nicht, weshalb wir eben diese Stufe die der „Verarbeitung“ genannt haben. D. hat sich zunächst mit dem Detail des himmlischen Reiches, der Himmelsrose, näher zu befassen. Einen Theil davon sieht er noch unter der Weisung oder wenigstens der Anwesenheit der Beatrix V. 124–31, 57. Dann ist diese plötzlich verschwunden Ges. 31, 58 ff., da ja ihre Aufgabe, als der zu Gott führenden Gnade, eigentlich schon von Ges. 30 (V. 19 ff.) an als vollbracht anzusehen ist und D. sie überdies noch als historische Person und Jugendgeliebte im Kreise der Seligen zeigen (apotheosiren) wollte. An ihrer Statt steht der heil. Bernhard da, welcher zunächst einfach die von ihr angefangene Erklärung der Himmelsrose vollendet, Ges. 31, 94 ff. und Ges. 32. – Sodann aber erhält er eine selbständigere Bedeutung sofort III. in der dritten Stufe, der Vollendung, Ges. 33, wo er den Dichter, unter Gebeten zur Maria, zum letzten und höchsten, im Anfang dieser Vorbemerkung schon näher bezeichneten Ziele hingeleitet. Wenn nun Ges. 30, 51 deutlich gesagt wird, was auch aus dem ganzen Entwicklungsgang hervorgeht, [587] daß D. jetzt in der That keines Führers oder Vermittlers mehr bedarf, da er ja die unio im Keime schon hat (I), und auch Maria, wie wir dort sehen werden, keineswegs als fremde, äußere Mittelsperson mehr auftritt: so wird nicht mit Unrecht zu sagen sein, daß wir im heil. Bernhard die symbolische Personification der Mystik selbst haben, als welche, nach des Dichters Glauben, in ihrer jenseitigen Vollendung eben nichts anderes ist und zu nichts anderem führt, als zur unio mystica, zur Gottesanschauung und Gottvereinigung. Und in diesem symbolischen Sinn also ist sein, ohnedem kurzes und auf ein bloses Gebet beschränktes, Auftreten in Ges. 33 zu fassen; s. zu 32, 151. – Was die Poesie in diesen letzten Gesängen betrifft, auf welche wir, gelegentlich V. 61 ff., 97 ff. in Gesang 30, schon hingewiesen haben, so entfaltet sie wieder ihre Schwingen in dem Maße mehr, als die Natur der rein himmlischen und übersinnlichen Dinge ihr den freiesten Spielraum läßt und als der Dichter, angesichts des Abschlusses seines, mehr als zwanzig Jahre im Busen gehegten, „heiligen Liedes“ (25, 1 ff.), weit entfernt zu erlahmen, vielmehr mit ungeminderter Kraft noch einmal die ganze Glut seines Empfindens im Farbenglanz seiner herrlichen, bilderprächtigen Diktino ausströmt, so daß die Länge und oft dornenreiche Schwierigkeit des Wegs, den er uns besonders in diesem dritten Theil geleitet, in Vergessenheit sinkt vor der sieghaften Gewalt seines Genius, mit der er denselben zu Ende führt.]
  559. [587] 1.[WS 8] Wenn es sechstausend (italienische) Meilen ostwärts Mittag ist, so wird es bei uns [in Italien] (im Frühling und Herbst) Morgen. Die Erde nämlich hat im Umkreise 21,600 italienische Meilen, deren 60 auf einen Grad gerechnet werden. Zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche müssen daher Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht noch gerade um ein Viertheil des Erdumfanges, folglich 5400 Meilen von einander entfernt sein. Da aber Dante nicht vom Anfange der Sonne selbst, sondern von der Morgendämmerung spricht, so nimmt er eine Entfernung von ungefähr 6000 Meilen an. Zur Morgendämmerung aber fällt schon der Erdschatten westwärts hin in den Raum (hier das ebene Bette genannt), und sinkt immer tiefer, je höher die Sonne emporsteigt. [Die Sterne verschwinden dann – einer um den andern, zuletzt der „schönste“, der Morgenstern – von dem lichthellen, sie überstrahlenden Himmel; und ebenso wie sie, verschwinden vor Dante’s Auge die Engel vor dem, sich immer heller, aus der Gottesnähe, erschließenden Empyreumslicht.]
  560. 10. Der Triumph, die Kreise der Engel.
  561. [12. „Gott ist gleichsam der Mittelpunkt und die Peripherie der Welt.“ Philal.]
  562. [15. Von Nicht-Schaun, weil alles dem Auge Erkennbare verschwunden war.]
  563. [19 ff. Zum Schönsten im Paradies gehört der unversiegliche Reichthum von Bildern, womit der Dichter die von Stern zu Stern wachsende Schönheit der Beatrix worauf wir schon S. 398 unten aufmerksam gemacht haben, immer neu zu variiren weiß. Davon vermag sich der Leser jetzt leicht durch eine Zusammenstellung der betreffenden loci zu überzeugen. Ebenso davon, wie und warum die wachsende Entfaltung der Schönheit Beatricens hier ihren Abschluß findet und finden muß, gemäß dem, derselben zu Grunde liegenden, tieferen Sinn. Denn vor Gottes Angesicht erst, von dem sie ausgegangen, strahlt die Gnade im höchsten, unbegrenzten Glanz, welchen der Mensch von Erden nicht zu fassen, welchen nur Gott selbst „ganz zu genießen vermag“, V. 21. Sie ist die Selbstanschauung Gottes in seiner Heilsoffenbarung.]
  564. [28–33. Der historische Hintergrund der Gestalt und Funktion Beatricens in der göttl. Kom. tritt hier wieder deutlich hervor. Vgl. zu Fegf. 30, 31 und jetzt gleich nachher zu Ges. 31, 58.]
  565. [32. „Ein Gedanke“, meint Notter mit Recht, „für welchen allein schon unser Dichter den Lorbeer verdienen würde.“]
  566. [38 ff. Wörtlich: „aus dem größten (und letzten) Körper (primum mobile) sind wir gelangt zum (körperlosen, eigentlichen) Himmel, der reines Licht ist, intellektuelles Licht, voll von Liebe, von Liebe des wahren Guten voller Wonne, einer Wonne, welche alle Süßigkeit übersteigt.“ Die herrliche Steigerung der letzten Verse in den sich wiederholenden und gleichsam immer voller entfaltenden Begriffen „Liebe und Wonne“, wird nicht unbemerkt bleiben. – Die Vorstellung vom Empyreum geht aus der Stelle genugsam hervor. Uebrigens vgl. die früheren Bemerkungen auf S. 398, ferner zu Ges. 1, 1–4; 2, 112–144; 27, 106–120 und 28, 25–78, bzhw. 64 ff. – Was von Gott zu V. 11 ff. bemerkt, gilt auch vom Empyreum, daß es gleichsam zugleich Peripherie und Mittelpunkt des ganzen Alls ist.]
  567. 43. Beide Himmels-Kriegerschaaren – die guten Engel, welche gegen die Bösen stritten, und die Seelen der Menschen, welche die bösen Neigungen siegreich bekämpften.
  568. 44. Die eine, die der Menschen. Ohne noch mit dem Körper wieder vereinigt zu sein, was erst beim Weltgericht geschehen wird, wird sie dem Auge des Dichters schon in körperlicher Form erscheinen.
  569. [46 ff., 61 ff. u. s. w., in der Vorbem. erklärt.]
  570. 56 ff. Vgl. Ges. 23, 43 ff.]
  571. 61–69. Vgl. Apokalypse Kap. 22 V. 1.
  572. [96. Vgl. zu V. 43. Die sog. „zwei Höfe der Seligen.“]
  573. 103–105. Dieser Lichtkreis ist so groß, daß die Sonne ihn nicht ausfüllen würde.
  574. 106. [Vgl. Vorbem. zu diesem Gesange.] Aus Gott strömt dieser Glanz hervor und theilt sich dem primum mobile mit, dessen äußere Wölbung ihn einsaugt, wodurch dieser Kreis die Kräfte empfängt, die er dann an die Weltorgane weiter vertheilt.
  575. 109–114. Die Seligen, aus deren verschiedenen Reihen die himmlische Rose gebildet ist, spiegeln sich in dem göttlichen Lichte, das sie umschließen, sich freuend ihrer Seligkeit.
  576. [115. „Der tiefste Grad“, d. h. von tief unten gesehen, wo wir den D. zu denken haben.]
  577. [117. Die Blätter sind die Sitzreihen. – Das Bild der Himmelsrose ist nicht neu, aber niemals so kühn und schön ausgeführt, wie von D.]
  578. 123. Kein Naturgesetz etc., also auch der Raum mit allen seinen Wirkungen hört hier auf.
  579. 124–129. Beatrice, noch schweigend, aber im Begriff zu sprechen, deutet auf den Mittelpunkt der Rose, in welchem, wie in der irdischen Blume, das Gelb (das himmlische Licht) sich zeigt.
  580. [132. Ob D. das Weltende bald erwartete? Vgl. aber Ges. 27, 142 ff. und Anm.]
  581. [133–136. Das letzte Ehrendenkmal, das D. dem geliebten Luxemburger setzt, die letzte, kurze Wiederholung seiner politischen Anschauung im Angesichte Gottes.]
  582. [142 ff. Das letzte Zeugniß gegen Clemens V., der bald nach Heinrich starb. – Vgl. Ges. 17, 82 ff., und Hölle 19, 66 ff. – Der von Alagna ist Bonifaz.]
  583. [XXXI. 1–4. Die weiße Rose bilden die seligen Menschen, der eine „Hof der Seligen“. Den anderen die Engel, welche in den Kelch der Rose hinein und wieder empor zu Gott flattern. S. zu V. 18.]
  584. [18. Das Hin- und Herfliegen der Engel von Gott zur Rose und umgekehrt, wobei sie die, im Aufflug eingesogene, Wonne, den Seligen mittheilen (17, 18), entspricht ihrem biblischen Beruf als Dienern Gottes und der Menschen und ihrer besonderen Stellung in Dante’s System. Von einer Vermehrung der Erkenntnißkraft und Mittheilung höherer Wahrheiten bei den Seligen, wie Philalethes annimmt, scheint uns im Texte nichts angedeutet.]
  585. 26. Neu und alt, von Seelen des Alten und Neuen Testamentes.
  586. [28. Der dreieinige Gott.]
  587. [30. „Sturm“ im weitesten Sinn zu nehmen, als Sturm der Leidenschaften und des Weltlebens, doch vielleicht, unter Vergleichung von V. 39, nicht ohne einen Anklang auf die besonders stürmische Zeitlage.]
  588. 31. Aus der Gegend etc., dem Norden, über welchem immer die Gestirne des großen und kleinen Bären stehen und sich um den Polarstern bewegen, der selbst zum kleinen Bären gehört. [In der Mythe Kallisto und Arcas].
  589. [34 ff. Der lateranische Palast war vor dem Vatican, welcher noch zu Dante’s Zeit klein und erstmals von Nicolaus III. († 1280) bezogen war, die mittelalterliche Papstresidenz, für Dante also das Denkmal der früheren Glanzzeit Roms.]
  590. 39. Einen furchtbarern Geißelstreich hat der Dichter seiner Vaterstadt wohl nirgends versetzt, als in diesem Verse [und im höchsten Himmel!]
  591. [50. Im göttlichen Licht.]
  592. [52 ff. 54. Ein Beweis für unsre, in der Vorbemerkung zu Ges. 30 gegebene Gedankenentwicklung, wornach die II. Stufe diejenige der Einzelverarbeitung des in Ges. 30 begründeten, unmittelbaren Schauens ist.]
  593. [58–93. Diese letzte Cardinalstelle für die Auffassung der Beatrix und insofern des, sie betreffenden, Sinnes der ganzen göttl. Kom., enthält, wenn man besonders die Verse 58, 67 ff., die Worte V. 79 ff. nebst Ges. 32, V. 9 zusammenhält deutlich zwei Momente: 1) Beatrix ist neben Dante plötzlich verschwunden; 2) Beatrix zeigt sich plötzlich wieder, oben unter den seligen Menschengeister der Rose. – Man wird nun zugeben müssen, daß, um das innere Werk der göttlichen, unsichtbaren Gnade als vollendet zu zeigen, daß Erste vollständig genügt hätte, nämlich, daß die himmlische Führerin verschwand, daß aber dann auch dies Verschwinden folgerichtig erst später, nämlich nach erfolgter Einführung Dante’s in’s Einzelne der Himmelsrose oder des „Freudenreichs“ (V. 25), hätte geschehen müssen. Denn es ist weder aus dem Bisherigen ein Grund ersichtlich, noch im Folgenden ein solcher angegeben, weshalb der heil. Bernhard eben jetzt gerade erscheinen müßte, wie denn auch – worauf schon in der Vorbemerkung hingewiesen worden ist – erst mit dem 33ten Gesange die selbständige und spezifische Stellung desselben (siehe zu Ges. 32, 151) eintritt. Wenn also nichtsdestoweniger Dante jetzt schon Beatrix, sofern sie als die Gnade zu fassen, verschwinden läßt, um sie sofort wieder als seligen Menschengeist unter [596] andern Seligen zu zeigen, so ist ersichtlich, daß das Erste um des Zweiten willen geschah, daß der Absicht eine Concession gemacht ist, aus der allegorischen Umhüllung noch einmal den realen Kern der ganzen Gestalt hervorteten zu lassen, d. h. die historische Beatrix, die Jugendgeliebte zu apotheosiren. Denn, wenn dies geschehen sollte, so mußte es eben jetzt geschehen, ehe die Einzel-Erklärung der Himmelsrose begann, in deren ersten Reihen Beatrix an dem, ihr, gemäß ihres Erdenlebens zukommenden Platze strahlend erblickt werden sollte, V. 67 ff. Die von Notter u. a. gestellte Frage, „weshalb Beatrix den Dichter nicht weiter zu führen vermöge?“ dürfte also einfach dahin zu beantworten sein: Beatrix vermag es wohl noch, thut es auch – nur nicht mehr zur Seite Dante’s sichtbar stehend, sondern gleichsam in die Tiefe der Gottheit zurückgekehrt (von seiner Seite verschwunden V. 58), beziehungsweise wieder hervorgetreten (V. 76) an dem Platz, der ihr als menschlicher Trägerin der Heilsidee zukommt und von welchem aus man ja ihr inneres Fortwirken bei Dante bis zu Ges. 33, wo er „durch sich selber schaut,“ nicht aufgehoben denken mag – wie denn auch Sie, nach ausdrücklicher Erklärung in V. 65 und 96, wiederum (wie einst den Virgil, Hölle 2) aus fortdauernder Liebe und Theilnahme jetzt den h. Bernhard sendet, über dessen dem entsprechende Stellung, hier und im Ges. 32, schon oben und in der Vorbemerkung zu Ges. 30 gehandelt ist. – Es folgen nun V. 79–93 jene unsterblichen Worte, welche, halb Gebet, halb Apostrophe und Liebeserguß, in so einzig schöner, rührender Weise das Doppelgefühl zum Ausdruck bringen, das ihn an sie band, die Doppelstellung, welche sie einnahm, welche ja beide doch nur eines sind, wie auch die Worte in Eines zusammenfließen. Und so hat denn der Dichter gethan, was er in seinem „neuen Leben“ gelobt, „von B. zu sagen, was noch von keiner sterblichen Frau sei gesagt worden“ (S. 5 u.); er hat sie unsterblich gemacht in der Geschichte, daß jeder Mund heute noch ihren Namen nennt; er hat noch einmal seine Liebesglut für sie, die nächste historische Genesis seines Werkes, bezeugt, wodurch demselben der Zauber einer in persönlichem Selbsterlebniß wurzelnden, weltumfassenden Geistestiefe geworden.]
  594. [72. Die Krone, der Heiligenschein.]
  595. [78. Unvermischt etc. Weder Dazwischentretendes, noch die Ferne an sich kann jetzt mehr das Erkennen hindern.]
  596. [88. Hilf – bewahrt. Dies bittet D. zunächst im Hinblick auf sein weiteres Erdenleben, V. 89. 90.]
  597. [102. Die Wahl des heil. Bernhard erklärt sich durch sich selbst. Geb. um 1090, gest. 1153, Abt von Clairvaux, war er eine, an Einfluß und Bedeutung, Geistesmacht und Herzensreinheit, fast jede andre kirchliche Größe des Mittelalters überragende Erscheinung – ein Mann nach dem Herzen Gottes, ein wahrhafter Mystiker (V. 110. 111) in Lehre und Leben, wie Wenige nach ihm. – Nächstdem deuten allerdings die Worte „ihr vielgetreuer Bernhard“ noch auf ein weiteres, besonderes Motiv der Erwählung des heil. Bernhard’s für diese letzten Gesänge, nämlich seine Stellung zur Maria. Wie dies aber aufzufassen, hierüber vgl. zu Ges. 33, 43.]
  598. [104. Im Text: unsre Veronica, d. h. die Reliquie des Schweißtuches, das eine Frau dem Herrn auf dem letzten Weg reichte und worin sich das Bild (vera ikon) seines Antlitzes abgedrückt fand, woher die Frau den Namen Veronica erstmals erhielt. – Mit „unser“ ist wohl das in Rom aufbewahrte als das ächte gemeint und bezeichnet, da verschiedene Orte solche besitzen wollten.]
  599. [111. – nämlich im geistlichen Vorschmack, während er hier wesentlich schaut. 1. Cor. 13, 12.]
  600. [118–129. In der Mitte der obersten Reihe, „des obersten Randes“, der Rose ist eine, Alles ringsum überstrahlende Glanzstelle, V. 122 ff. Aber in dieser ist wieder mitten inne ein allerhellster Punkt, gegen den auch jene lichte Umgebung matter erscheint, V. 128. 129. Dies ist Maria. Aber nicht mit der Sonne inmitten des Himmels wird dieser helle Punkt, Maria, verglichen, was wohl zu bemerken, [599] sondern nur „mit der Röthe des Osts, wo die Sonne heraufsteigen soll“ V. 124 ff. Christus, die Gottheit selbst, ist die Sonne; Maria also blos ihr, sie voraus verkündender, Abglanz! cf. zu 33, 43.]
  601. [127. „Friedens-Oriflamme“ (aurea flamma, d. h. das Friedenspanier der Kirche, wie die historische Orifahne das Kriegspanier der weltlichen (französischen) Könige ist.]
  602. 140. An seiner glüh’nden Glut (al caldo suo calor), an dem Gegenstande seiner Glut, der Maria, die hier selbst glühte. [Vgl. Ges. 32, 1.]
  603. [XXXII. 1. Das Innere der Himmelsrose. – Die, in ihrer allgemeinen Gestaltung schon zu Ges. 30 beschriebene, auf dem dortigen, kreisrunden Lichtstrom (Lichtssee) oder um ihn herum sich zu verschwimmender Höhe und Weite erbauende Himmelsrose enthält also in sich die Gesammtheit der Seligen aus allen Kreisen vereinigt, da, wo sie wirklich ist (vgl. Vorbem. zu Parad.; Gesang 22, 64 ff.) und wie sie wirklich ist, nämlich in unverhüllten, menschlich-kennbaren Zügen (vgl. Ges. 3, 60; ebenda zu V. 49–108; zu Ges. 4, 19–63; Ges. 22, 63 und zu 64 ff.). Gemäß dem, in Ges. 20, 104. 105 aufgestellten und hier in V. 22 ff. wiederholten Princip zerfällt die ganze, selige Menge in zwei Hälften, nämlich die Seelen, die vor Christo und diejenigen, die nach Christo an Ihn geglaubt haben. – Dem entsprechend denke man sich das ganze amphitheatrale Rund, voll unzähliger wagrechter Sitzreihen in seinem Innern, durch zwei, in der Linie des Kreisdurchmessers einander gegenüberliegende, von oben bis unten senkrecht herablaufende, Sitzreihen in zwei riesige Halbrunde geschieden (V. 20 ff. 41). Das eine nehmen die Frommen des alten, das andre die des neuen Testaments ein. Und zwar beide Male bis zur Mitte herab, wo wieder eine Wagrechte die sogen. Scheidewand schneidet V. 40 ff., die Erwachsenen; von der Mitte an bis an den Rand des Lichtssee’s herab, da, wo in der irdischen Rose die zartesten, am Wenigsten entfalteten Blätter sind, die Kinder. Dies die Grundzüge des Baues der Himmelsblume und ihrer „Blätter- oder Locken-Kränze“ Ges. 30, 115; Ges. 32, 18. – – Der Dichter verweilt noch im vorliegenden Gesange, besonders bei der näheren Beschreibung jener beiden, einander gegenüber senkrecht durchlaufenden Sitzreihen, welche ebenso das Ganze zu theilen, als auch den Uebergang von einem zum andern Halbrund sinnig zu vermitteln bestimmt sind. Dieselben werden gebildet, bezhw. eingenommen von den hervorragenden „Erstlingen“ beider Testamente. Hierzu wählt Dante merkwürdigerweise auf der einen Seite fast nur Frauen, auf der andern fast nur Männer. Nur oben an der Spitze jeder Reihe, wo dieselbe zugleich drei- bis vierfach besetzt ist und wo wieder die Hervorragendsten unter den Hervorragenden sitzen, sind Frauen und Männer in eine sehr sinnvolle Nebeneinanderstellung gebracht. Betrachten wir die [601] eine Reihe, V. 4–17, 118–132! Oben thront Maria; unter ihr Eva; unter dieser Rahel und Beatrix nebeneinander (vgl. zu Fegf. 27, 97 und Hölle 2, 102), Beatrix zur Rechten, aus einem sofort ersichtlichen Grunde; unter diesen hintereinander Sara, Rebecca, Judith, Ruth; unter diesen, zusammen sieben Jüdinnen (V. 16; vom siebten Ring ab) andere, ungenannte Hebräerfrauen. Nun aber noch rechts von Maria Petrus und Johannes der Evangelist, links von ihr zunächst Adam und dann Moses! Hier (links) schließt dann sehr schön das alte Testament an, dessen Reihen voll sind; dort (rechts; daher Beatrix rechts von Rahel!) ebenso passend an Petrus und Johannes das neue Testament, oder die Gläubigen nach Christo, allwo noch viele leere Sitze sich finden, V. 22–27 (vgl. Ges. 15, 30 und 30, 135 ff.). Der leitende Gedanke, die Brücke vom alten zum neuen Testament in diesen Gestalten darzustellen, tritt hier im Ganzen klar hervor. Beatrix zwar ist offenbar in diese Reihe gestellt, nur um ihr den Ehrenplatz gleich hinter Maria zu sichern. Aber Eva wird von D. in V. 6 selbst erklärt als die „Schönste“, d.h. die von Gott unmittelbar und gut Erschaffene, welche erstmals die göttl. Erlösungs-Verheißung empfing, in Betreff des Unheils, das sie selbst in die Welt gebracht und das Maria in Heil verwandeln sollte, dasselbe, was nach V. 121 ff. auch von Adam gilt; Judith ward im Mittelalter ebenfalls für einen allegorischen Typus auf die Erlösung Israels, ja auf die Kirche gefaßt und die Uebrigen bieten keinen Anstand dar. – Nicht so klar ist die Auswahl und Zusammensetzung der anderen Reihe, V. 28–36, 133–138. Zunächst bildet an ihrer Spitze ein treffendes Pendant der Maria Johannes der Täufer, ihm zur linken, Petro gegenüber und zugleich Marien V. 134, die heil. Anna, ihm zur Rechten und Adam gegenüber, Lucia. Erstere kommt so gegen das neue Testament hin zu sitzen, ohne Zweifel mit Rücksicht auf die Legende, daß sie noch mit Jesu gelebt und also an den Gekommenen geglaubt (Notter). Letztere kennen wir schon aus Hölle 2, 97 ff.; Fegf. 9, 56 als eine Allegorie, als eine der drei Himmelsfrauen, welche die Rettung Dante’s bewirken und eigentlich nichts Anderes, als Specification der göttlichen Liebe oder Gnade sind. Kommt nun hierbei der Maria die eigentliche Initiative, der Lucia aber die allernächste, erste Ausführung zu, als „der vergebenden, sündentilgenden Gnade oder dem göttl. Mitleid“ (Hölle 2), wie der Beatrix die Vollendung: so erscheint uns eben hieraus erklärlich, weshalb diese Lucia – keineswegs im Widerspruch mit dem Princip der ganzen Anordnung, wie Notter annimmt – gegen das alte Testament hin, wiederum als Brücke zu demselben, gesetzt ist, gleicherweise, wie Beatrix auf der andern Seite gegen das neue Testament hin ihren Platz hat, Maria aber in der Mitte. Nun aber folgt nach unten, einer hinter dem andern, eine Anzahl von Männern, bei denen der Grund [602] ihrer Auswahl sowohl als Anordnung in der That schwierig zu bestimmen ist. Es sind: der heil. Franz unmittelbar unter dem Täufer, dann Benedict und Augustin. Wollte der Dichter die Rücksicht auf die Ueberleitung vom alten in’s neue Testament ferner walten lassen, so mußte er wohl eher Pendants der alttestamentlichen Frauen, also Gestalten wie Abraham, David u. a., wählen. So bleibt also anzunehmen, daß es ihm hier mehr um Betonung der Scheidung zwischen beiden und Hervorhebung gewisser Marksteine in der christlich-kirchlichen Entwicklung zu thun war, wozu jene bedeutenden Männer der Kirche wohl geeignet erscheinen. Während aber bei den Frauen gegenüber die historische Ordnung, mit Ausnahme der Umstellung der beiden letzten, Judith und Ruth, befolgt ist, so fängt hier die Reihe mit dem spätesten an und endet mit dem frühesten; und es läßt sich sachlich wohl kaum erklären, warum der große, geniale Augustin unter den heil. Franz gestellt sein soll. Wir glauben, hier muß man einfach zugestehen: D. hat seine Lieblinge. Und so wenig er jemals die individuelle Neigung in der, wunderbar strikt und folgerichtig bis in’s Kleinste ausgearbeiteten, Organisation unsres Gedichts als störende Willkür hervortreten läßt, so gewiß läßt er dieselbe doch manchmal, hier und anderwärts, in untergeordneten Punkten walten. Seine Vorliebe aber für Franz und Benedict kennen wir aus Ges. 11 und 22; ja den letzteren hat er Ges. 22, 59 insbesondere unverhüllt schauen zu dürfen gebeten, was ihm dort für den letzten Kreis in Aussicht gestellt und nun hier zu Theil wird. Andere übrigens, sagt V. 36 ausdrücklich, sitzen unter den Genannten, unter welchen man sich diesen oder jenen Vermißten denken mag.]
  604. 32. 33. Johannes der Täufer zog sich als Jüngling in die Wüste zurück, wurde auf Herodes Befehl zwei Jahre vor Christi Tode hingerichtet, und erwartete, nach einer Legende, den Heiland während dieser Zeit im Vorhofe der Hölle.
  605. [39. Nach Dante’s Ansicht soll die Zahl der Auserwählten vor Christo der Zahl derjenigen nach Christo gleich sein. Dieser eigenthümliche Glaube ruht auf der, im Mittelalter häufigen baldigen Erwartung des Weltendes. Daher ist V. 25 im Sinn von 30, 132 zu verstehen, daß nämlich nicht viele mehr „in den Lücken“ erwartet werden.]
  606. [49–84. Da Dante die Kinderseelen, obwohl ohne eigenes Verdienst im Sinn von Ges. 29, 64 ff.; Ges. 28, 112 ff., doch auch verschiedene Stufen (von der Mitte ab) einnehmen sieht, so erhebt sich ihm noch einmal ein Zweifel, nämlich, ob dies Zufall sei? oder warum es sich so verhalte? V. 49–51. Sofort wird [604] das Erste auf’s Entschiedenste verneint (vgl. Ges. 17, 37 und 13, 64 nebst Anm.) V. 52–60. Sodann wird hinsichtlich des Zweiten die freie göttliche Vorbestimmung als letztes Princip hingestellt, deren tief verborgene Gründe wir nimmermehr erforschen können, V. 61–65, deren offenbare Wirkungen, wie sie schon an Beispielen der heil. Schrift, z. B. Jacob und Esau, ersichtlich sind, wir mit demuthsvollem Bescheiden einfach hinzunehmen haben, V. 66–75. Weil aber diese Wirkungen oder Thatsachen der göttl. Erwählung, so unerforschlich sie ihrem letzten Grunde nach sind, dennoch nicht gesetzlos sein können (s. oben V. 52 ff.), sondern sich an gewisse Bedingungen knüpfen, so sucht D. endlich diese Bedingungen (V. 43) dahin zu bestimmen: für die Kinder der ersten Jahrhunderte der Welt gilt der Glaube der Eltern (im allgemeinen Sinn) zur Seligkeit; von Abraham an für alles Männliche die Beschneidung; von Christo an bleibt, ohne die „vollkommene“ Taufe (im Unterschied von der sinnbildlich-andeutenden, der Beschneidung) die Unschuld „drunten festgehalten“ (im Limbus, Hölle 4) V. 76–84. So beendet D. seine öfteren, außerordentlich eingehenden Betrachtungen über die Gnadenwahl (vgl. 7, 94 ff.; 13, 112 ff.; Ges. 19, 20, 21).]
  607. [64. Seiner heitern Glut entstammt. Vgl. Fegf. 16, 85 ff.; ebenda 25, 70 ff.]
  608. [65. Nach eigner Willkür. Vgl. Parad. 1, 1 ff.; 8, 97 ff.]
  609. [67–70. Vgl. 1. Mos. 25, 22; Röm. 9, 11–15. – Mit dem, übrigens nicht sehr gelungenen, Vergleich: „wie die Gnade ihr Haar färbt etc.“, will D. sicherlich keinen Causalnexus, sondern nur eine [605] äußerliche Analogie deß Sinnes angeben, daß, wie die beiden Brüder innerlich verschieden waren, so seien sie es schon äußerlich gewesen.]
  610. [84. Beim Rückblick auf die ganze vorstehende Stelle ist zunächst sehr auffällig, daß D. hier, im letzten Theil des Paradieses, wo die Erkenntniß abgeschlossen und die reine Anschauung vorgeführt werden soll, noch Zweifel hat und solche sich lösen zu lassen sucht. Noch auffallender aber will uns dünken, daß diese Lösung im vorliegenden Falle weniger als je befriedigt. Sind ja doch die Aeußerungen über jene drei Bedingnisse kindlicher Seligkeit ganz ausnehmend kurz, unbestimmt und ungenügend; muß man ja doch fragen, wie es denn mit den Kindern der Heiden, die unter der Jugendzeit der Welt (V. 76) nicht inbegriffen sein können, wie es mit dem weiblichen Geschlecht im alten Testament sich verhalten habe, ob diese vorchristlichen Unschuldigen erst nach längerem Warten im Limbus oder unmittelbar, wie die Heiden nach Ges. 19, Anm. zu V. 33, zur Seligkeit eingehen konnten und ob nach Christo die Ungetauften auf ewig oder nur zeitweise, nach dem sehr allgemeinen Ausdruck: „unten zurückgehalten werden“, da ja, nach vielen Stellen, erst das jüngste Gericht den Zustand in der Hölle für ewig fixiren wird? Aber eben diese Unbestimmtheit soll sein. Eben an diesem hohen Orte soll noch einmal die Tiefe und Weite der göttlichen Erwählung – im vorliegenden speciellen Falle, wie überhaupt – der Erkennbarkeit und Faßbarkeit für den Menschengeist entrückt und vielmehr der intuitiven Anschauung in der Ewigkeit zugewiesen werden, an deren Grenze (aber erst Grenze!) D. hier steht. Dies halten wir für Motiv und Kern der Stelle, deren Schwergewicht [606] die Verse 64, 65 und 66 bilden, und hinsichtlich welcher also von einem gelegentlichen Nachtrag oder gar einer Inconsequenz in der Durchführung des letzten Abschnitts des Paradieses nicht die Rede sein kann. Vielmehr scheint sie uns consequent zum Abschluß zu bringen, was wir schon aus Ges. 19, 33 und 21, 72 entnommen haben und was den Sinn des Dichters in unsern Augen nur ehren kann: daß ihm nämlich auch in diesem Dogma die Anschauungen seiner Zeit, seiner sonst gutgeheißenen scholastischen Lehrer, nicht genügten, obwohl er, um der Schwierigkeit der Sache willen, eine mildere Sonderansicht nicht herauszusagen wagt, da ihm alles erst im ewigen Lichte spruchreif erscheint – eine Denkungsart, womit er gewiß auch hierin auf biblischem Grunde steht. Indessen ist nicht zufällig, wenn D. diese letzten Aeußerungen hier dem heil. Bernhard in den Mund legt, welcher selbst seine Betrachtung, „daß den ungetauften Unmündigen vor Christo Beschneidung und Glaube der Eltern die Seligkeit erwirke“, mit den Worten schließt: „ob aber weiterhin? das mag Gott wissen“, „num ultra, penes Deum est, non me, definire.“]
  611. 85. In’s Antlitz, der Jungfrau Maria.
  612. [88. Wörtlich: Solche Wonne sah ich nun auf sie herniederregnen, getragen von den Geistern, den Engeln, die etc. Die Wonne ist das Wohlgefallen Gottes, der Abglanz der göttl. Liebe.]
  613. [93. Wörtlich: daß nichts mehr bisher solche Aehnlichkeit Gottes sehen ließ – nämlich, wie jetzt Mariä Antlitz. Vgl. Ges. 31, 124, Anm. zu 33, 43.]
  614. 94. Die Liebe, der Erzengel Gabriel (Evang. Lucä Kap. 1.)
  615. [109 ff. Gabriel ist zum speziellen Dienst Mariä bestimmt, wie schon aus Ges. 23, 94 hervorging. Dies Amt, welches durch die darin liegende nächste Näherung zu Gott die höchste „Kühnheit und Schönheit“ erfordert, gönnen ihm jedoch alle Mitengel und Seligen nach dem, oft hervorgehobenen, schönen, allgemeinen Liebesgesetz, das dort oben herrscht.]
  616. [127 ff. Wie im Anfang bemerkt, Johannes der Evangelist, und zwar als Seher und Verfasser der Offenbarung.]
  617. [139 ff. Hier, wie Ges. 17, 128 (nach dem Original) und 33, 61, nennt D. selbst sein Gedicht einen „Traum“ oder eine „Vision“. Er will das, zuvor mit dem hundersten Gesange beschlossene, Ende desselben andeuten. Unläugbar ist aber der Vergleich, womit er dies in V. 140 bewerkstelligt, nicht eben geschmackvoll. Quandoque dormitat –.]
  618. [151. Mit diesen letzten Versen von 142 an soll auf Grund des Vorangegangenen das Programm des noch Bevorstehenden, und zwar in scharfer Präcisirung, kurz hingestellt werden. Dasselbe lautet dahin, daß nun, nach erfülltem Grundbedingniß der Verleihung des lumen gloriae (S. 585) an Dante und nach erfolgter Anschauung und Betrachtung des Reichs der Herrlichkeit, als unmittelbaren Abbildes Gottes (I. II. Stufe; S. 585 ff.), dasjenige eintritt, was wir eben dort die III. Stufe genannt haben, nämlich die Anschauung der Gottheit selbst an sich, soweit und so tief solche für den creatürlichen Geist möglich ist, V. 144 mit Ges. 30, 19 ff. und 79 ff. Jedoch dies auch jetzt noch nicht ohne Weiteres. Bernhard betont zuvor die Nothwendigkeit des Gebets bis zum letzten Ziele V. 145-147, und zwar das Gebet zu Maria V. 148 und beginnt dann sofort selbst zu beten V. 151. – Hier nun erhebt sich die Frage, nicht sowohl, „warum Beatrix dem heil. Bernhard das Führeramt Dante’s auch jetzt noch überlasse und dieser nur den Dichter zum allerletzten Ziele zu bringen vermögend sein soll“ (Notter) – sondern vielmehr, wozu es überhaupt jetzt noch der Gegenwart und des Eingreifens eines Dritten, speciell des heil. Bernhard, [609] bedurft und warum nicht D. das Folgende, worauf sich Bernhards Thätigkeit auch beschränkt, selber gethan, nämlich selber gebetet habe? Denn nachdem der Heilige bisher in stellvertretender Weise die Erklärung der Himmelsrose anstatt Beatrix zu Ende geführt, weil D. die Absicht hatte, die letztere selbst noch verklärt dort oben zu zeigen – „ein freies Lehreramt“ (32, 3), obwohl im Auftrag der Beatrix, welches in keiner Weise unklar oder auffallend war, (Anm. Ges. 31, 58; S. 596), – so sehen wir ihn jetzt unstreitig selbständiger auftreten (S. 595 u.). Da aber nach Allem, was geschehen, was insbesondere noch in Ges. 30 (s. unsre Vorbem., I. Stufe) geschehen, was noch einmal in Ges. 31, 85, 89, 113; 33, 51 als volle Gnadenfreiheit und Himmelsreife des Dichters betont ist, dieser eines Führers, einer von außen kommenden Vermittlung nicht mehr bedurfte, so kann also auch die Bedeutung des heil. Bernhard für den bevorstehenden Schlußgesang hierin nicht liegen. Und wenn man, wie die meisten Erklärer, darüber mit der Bemerkung hinweggeht, daß Bernhard eben die Personification der mystischen Gottversenkung seie, so ist mit dieser unbestreitbaren Thatsache (s. S. 587) noch nicht erklärt, was er als solche Personification hier noch zu thun habe. Sowohl als Allegorie, wie als blose poetische Staffage, – übrigens etwas bei Dante Unmögliches! – genommen, erscheint dieselbe auf den ersten Blick gleich überflüssig. Denn nach dem letzten Gedanken der ganzen Entwicklung in der göttl. Kom. sollte jetzt eigentlich Dante selbst diese Personification in sich darstellen, sollte Dante selbst, als der aus dem ewigen Licht unmittelbar getrunken (Ges. 30, 73) und vor Gottes Thron getreten ist, am Ziel und im status jener tiefsten Gottversenkung und zugleich höchsten Gottnähe, welche wir auch im heil. Bernhard sehen, angelangt sein. Und dies ist er auch dem Geiste nach. Aber sofern nicht blos die „Anschauung“ Gottes im frommem Gemüthe, sondern auch das eigentliche Schauen Gottes im Jenseits in seinem wesentlichen Licht das Ziel der Paradiesdarstellung bildet, dieses letztere aber einen, auch dem Leibe nach, verklärten Geist erfordert: so ist Dante in diesem Sinne noch nicht vollkommen in jenen, zum vollen Schauen befähigenden Stand eingetreten. Und er kann es auch nicht; denn er ist und bleibt noch Sterblicher. Im Leibe hat er seine visionäre Reise gemacht; im Leibe muß er in’s Leben zurück, dem Geschauten nachzustreben. Dies geht nicht [610] nur aus dem ganzen Gedicht hervor, sondern wird auch gerade jetzt nochmals in mehreren Stellen und von Bernhard selbst, gewiß nicht ohne Absicht, in Erinnerung gebracht, nämlich in V. 139 unsres und V. 34–37 des letzten Gesanges. In der einen Stelle spricht er von Dante’s hohem Traum, der nun bald zu Ende gehe; in der andern bittet er um momentane Wegnahme der „Wolke seiner Sterblichkeit“, des, das Schauen hindernden Einflusses der Sterblichkeit, wornach also diese selbst bestehen bleibt und für sein weiteres Leben wieder in ihr Recht tritt, V. 37.
    Konnte also der Dichter bis hieher die ganze großartige, psychologische Entwicklung des Menschenherzens unter der Leitung von Vernunft und Gnade, welche seiner Wanderung zu Grunde liegt, an sich selber, dem permanenten Mittelpunkt des Ganzen, zur völligen typischen Darstellung bringen – so kann er dies nicht mehr völlig von dem Punkte an, wo, wie es jetzt der Fall ist, nach dem Abtreten der Beatrix, die Erreichung des letzten Zieles über das Geistig-Innerliche hinaus in’s Geist-Leibliche, in den Zustand der Verklärung hinüberspielt. Darum bedarf er hier, nicht im Mindesten zwar einer neuen Vermittlung, aber einer zuspitzenden Ergänzung für seine (typische) Selbstdarstellung. Dies ist Bernhard und hierin dürfte die Antwort auf unsre ganze Frage zu suchen sein. Er repräsentirt also hier nicht die Mystik schlechtweg, noch seinen geschichtlichen Mysticismus; sondern die Gottversenkung, die Vergottung in ihrer jenseitigen, verklärten Vollendetheit, worin sie unmittelbar auch reales Gottschauen ist. Und er repräsentirt diese nicht als eine von Außen hinzukommende, sondern als eine innerliche Ergänzung Dante’s, also weder im Gegensatz zu ihm, noch für ihn oder statt ihm, vielmehr gleichsam als dieser selbst, aus ihm, aus seinem jetzigen Zustand heraus, als dessen eigene höchste Potenz, als dessen präformative Objektivirung. Als solcher geleitet (aber nicht: leitet) er dann den Dichter bis zum letzten Ziele; als solcher spricht er Ges. 33 jenes Gebet, das auch Dante jetzt schon beten könnte und das doch nur ein Verklärter so beten kann: so voll kühnen Sich-Einsfühlens mit Maria (der ewigen Liebe, wie wir sehen werden) und mit der Gesammtheit der Seligen, wie in V. 1 ff.; 34 ff.; 38 ff., so voll hocherhabenen Herabschauens auf die Sterblichkeit, wie V. 31–37 und so voll siegesgewisser Erfahrung, daß auch die letzte, mit der Sterblichkeit zusammenhängende „Wolke“, d. h. Verdunkelung (V. 31 s. oben), in Kraft der ewigen Liebe (V. 32), von einem, in Gott gesundeten Herzen, trotz noch übriger irdischer Neigung auf Erden (V. 36. 37), einst werde völlig weggenommen werden, wie dies jetzt, zur Bürgschaft dessen, für einen Augenblick bei Dante geschieht (V. 35; s. oben ebendort.) – Und zu dieser ganzen Auffassung Bernhards und seines Gebetes selbst, welch’ letztere wir hier gleich im Zusammenhang [611] anschließen wollten und nachher bei Ges. 33 zu vergleichen bitten, scheinen uns insbesondere endlich auch die, dasselbe einleitenden Worte V. 140 ff. unsres Gesanges zu stimmen. Hier nimmt Bernhard sich mit dem Dichter und den Dichter mit sich constant in die erste Person des „wir“ zusammen. Er fordert ihn nicht auf: „richte dein Auge auf’s etc.“, noch sagt er: „ich führe dich etc.“, sondern er spricht von ihnen beiden als von einer Person und identifizirt hier, wie auch 33, 28 ff., des Dichters Intentionen völlig mit den seinigen und umgekehrt, als wie dessen alter ego, dessen anderes, und zwar himmlisch-verklärtes Ich. Und auch V. 150, welcher wörtlich lautet: „daß dein Herz sich von meinem Worte nicht trenne,“ nebst Ges. 33, 25: „er fleht zu dir“, darf man gewiß nicht mir Unrecht als eine Erklärung des Heiligen nehmen, daß er nicht eigentlich für Dante bete, sondern nur eben wie aus dessen eigener Seele heraus, als dessen (potenzirter; s. oben) Sprecher, doch nicht Fürsprecher.
    Mag nun auch die hier versuchte Deutung des heil. Bernhard und seines Auftretens in den Schlußgesängen der göttl. Kom., wie wir nicht verkennen, ihre Schwierigkeiten haben, besonders in Anwendung auf Ges. 33, 31 ff. (s. S. 610 u.), so stimmt mit ihr doch, wie ebendort dargelegt worden und noch zu Ges. 33, 43 sich bestätigen wird, der ganze Geist und Hauptinhalt seines Marien-Gebets und sie hat nichts dem ganzen Entwicklungsgang der göttl. Kom. Zuwiderlaufendes, was doch bei der Annahme einer allerletzten Vermittlungsrolle des Heiligen der Fall wäre. Denn wir können uns wohl denken, daß eine Beatrix, daß die göttl. Gnade den Menschen auf Erden und im Himmel führt und fördert; aber durchaus nicht, daß nach Vollendung ihrer Mission noch einmal ein anderes, also doch höheres Princip möglich und nöthig sei zur Erreichung dessen, was ja eben die Gnade erstrebt und schon erreicht hat am Menschen, nämlich der Gottesanschauungs-Fähigkeit. Erinnern wir uns dagegen, daß dieser völligen Erreichung des Zieles bei D., aus den oben dargelegten Gründen, doch noch das Siegel der Verklärung fehlt, so sehen wir, wie wohl Bernhard berufen sein kann, hier vielmehr die Selbstdarstellung Dante’s zu ergänzen, sie ohne Unterbrechung und ohne Ausschließung des Dichters, diesen in sich begreifend, fortzusetzen. Und so dürfte schließlich zusammenfassend gesagt werden: Auf Grund der, an dem Dichter innerlich vollbrachten Gnadenführung der Beatrix und daher im Anschluß an deren Verschwinden, bildet Bernhard die Vorausdarstellung der, auch bis in’s Aeußere und zu allseitigen Vollendung fortgeschrittenen Verklärung desselben, in welcher er einst allein, wenn sein in Ges. 31, 89 ausgesprochener Wunsch erfüllt sein wird, der im Folgenden beschriebenen Schau wirklich genießen wird. Es ist also zugleich hier die relativ höchste und letzte Stufe der Seligkeit (4, 28 ff.) gemeint, welche ja durch’s ganze Paradies angestrebt [612] ist und in ihrem Ziel, der, vergleichungsweise tiefsten, erreichbaren Gottesschau, auch im vorstehenden V. 144 dem Dante durch Bernhard selbst vorgezeichnet wird. Und so rechtfertigt sich denn des Letzteren, schon zu Gesang 31, 102 besprochene, Wahl auf’s Klarste; seine typische Bedeutung erscheint als auf realer, historischer Grundlage ruhend. Denn er ist ein Hervorragender unter den gottinnigen Heiligen auf Erden (31, 110 ff.), ist auch ein hervorragender Seliger im Himmel; hier wie dort auf höchster Stufe stehend ist er die geeignete Person zu dem, was er an vorliegender Stelle repräsentiren soll.]
  619. [612] [XXXIII. 9. Einer der schönsten Züge Dante’s und seines Gedichtes ist die, Alles durchziehende, unzählige Mal wiederholte Betonung des „Friedens“, als des Allbegriffs für alles, was er hier sucht, schaut und schmeckt, oder dort vermißt, verloren sieht etc. In der Hölle z. B. schon wird die Wölfin ein friedloses Thier genannt, 1, 58 (im Text); Franzesca wünscht dem Dichter als das Höchste den Frieden, 5, 91; die Geizigen haben keinen Frieden, 7, 66. Im Fegf. beschwört Virgil die Seelen bei dem Frieden, den sie alle suchen 3, 73 ff.; Buße thun heißt: „den Frieden suchen“ 13, 124; selig sein ebenso: „zum Frieden gelangen“, 24, 141; 26, 54. Die 24 Greise wenden sich zum Wagen der Kirche als wie „zu ihrem Frieden“ 30, 9. Dante selbst sucht, seinem Führer nach, von Welt zu Welt den Frieden, Fegf. 5, 61 ff., den Bernhard schon hier gekostet hat, Parad. 31, 111. Im Paradies wird besonders hervorgehoben wo und was dieser Frieden sei. Es ist Gott 2, 112; der himmlische Aufenthalt daher 10, 129 und 15, 148, das himmlische Leben 27, 8 und 33, 9, in letzter Linie – eine herrliche Stelle! – der Wille Gottes 3, 85 ff. und sein Anschauen 30, 102.]
  620. [15. Vgl. vorigen Ges. 145 ff.]
  621. [25. Kräfte zu verleihen – nicht aus sich, sondern von oben geholte Kräfte V. 32, 43; S. dort.]
  622. [37. Nämlich nach seiner Rückkehr in’s Leben, da nicht die Sterblichkeit selbst von ihm jetzt schon genommen werden kann. Vgl. die mehrfache Besprechung der Stelle auf S. 360.]
  623. [43. Was bedeutet Maria? Diese Frage entscheidet über den eigentlichen Sinn und Inhalt des vorstehenden Gebets und ihre Lösung wird unsre Ansicht von Bernhard, wie schon angedeutet, in dem Falle stützen, wenn hier Maria nicht die kirchliche Mittlerin und Fürbitterin ist. Und dies dürfte sich auch nachweisen lassen. Wenn zunächst zu erinnern ist, daß Maria nur hier, in den letzten Gesängen und im Anfang, Hölle 2, 94 ff., überhaupt in positivem Zusammenhang mit den Entwicklungen des Gedichtes hervortritt, und auch diese beiden Male nicht eigentlich handelnd eingreift: so ist hierdurch schon eine, der kirchlichen gegenüber reduzirte Stellung derselben angezeigt. Nun ist weiterhin gewiß Hölle 2, 94 maßgebend auch für ihre Bedeutung an unsrer Stelle. Dort aber erscheint sie als eine der drei Himmelsfrauen, die sämmtlich allegorische Typen, wenn auch auf geschichtlicher Grundlage, sind, und zwar (s. dort): Lucia die erleuchtende, Beatrix die vollendende Gnadenkraft, [614] Maria aber (nicht also selbst die Gnade, wie z. B. Scartazzini, welcher dann freilich Beatrix als die Kirche, die auctoritas ecclesiastica faßt) sondern die letzte Ursächerin jener zwiefachen, den ewigen Rath ausführenden Gnadenoffenbarung, die ewige Liebe Gottes, der ewige Rathschluß selbst, als tiefstes, bewegendes Princip (a. a. O. V. 96). Als solche thront sie dort über-, steht sie hinter dem ganzen Hergang, den sie eigentlich in letzter Instanz eingeleitet hat (V. 95). Als solche muß sie also consequenter Weise hier wieder gemeint sein, wo das Ende des Weges zum Ausgang zurückkehrt; im Licht dieser gegebenen Grundbedeutung darf und muß auch unsre Stelle erklärt werden und ist wenigstens unläugbar, daß eben V. 43, in welchem offenbar der Nerv des ganzen Vorgangs liegt, vollkommen mit dem Vorausgesetzten übereinstimmt. – Denn das muß zugegeben werden, daß das vorliegende Gebet für sich in seinem Anfange und ebenso die früheren Stellen, Ges. 31, 118 ff., Ges. 32, 85 ff. und vorausdeutend schon 23, 73 ff., eine bedeutende, persönliche Hochstellung und Verehrung der Maria von Seiten Dante’s bezeugen, wenn auch darauf hinzuweisen ist, daß die Mutter Gottes dort vorherrschend nur, als die im Leib Verklärte (25, 127 ff.), von den Engeln und Seligen gegrüßt und gefeiert erscheint, von ihrer Anrufung aber, außer dem, schon erklärten V. 89 in Ges. 23, gar nicht die Rede kommt. Diese tritt erst mit Ges. 33 ein. Ob nun darauf ein besonderer Werth im Sinne Dante’s zu legen sei, daß in dem ganzen Gebet in der That keineswegs von „Fürbitte“ der Maria bei Gott, sondern dem Wortlaut nach, außer V. 32, durchweg, und ausdrücklich V. 25. 34 ff., von selbständiger Gewährung ihrerseits die Rede ist, das mag dahingestellt sein. Das Wichtigste bleibt, daß auf das Gebet nichts anderes erfolgt, als ein Blick Maria vom Beter aus zum ewigen Lichte hin, (vgl. 31, 93), ein stummer Blick, ein Blick, „wie ihn kein (bloses) Geschöpf (nicht: kein anderes) so klar dorthin zu richten vermöchte“ V. 43 ff. – ein Blick, der doch deutlich die Vorstellung eines äußerlichen Fürbitteramtes negirt, ein unmittelbares und innerliches, übercreatürliches und absolutes Einverständniß der Blickenden und des Angeblickten voraussetzt, mithin die Erstere, auf Grundlage ihrer historischen Persönlichkeit, zum Symbol der, das göttl. Wesen erschließenden Heilsliebe selbst vertieft erscheinen läßt. Hierin rechtfertigt sich denn die, schon erwähnte selbständige, gebietende Stellung Mariä in V. 16 ff., 34 ff., sowie 32, 85 ff., 91 ff.; hierin erklärt und bestätigt sich das ganze Gebet im Munde Bernhards und die ihm oben angewiesene Bedeutung nun erst recht, sofern er gerade als Verklärter und einst einer der innigsten, aber auch geläutertsten und gegen Veräußerlichung und Extravaganzen opponirenden, Marienverehrer, (daher Ges. 31, 100, 102), den tieferen Sachverhalt jetzt [615] erkennen kann und muß und denselben hier, zugleich aus des Dichters eigener, ahnender Seele heraus, zum Ausdruck, bezhw. zur vorausschauenden Andeutung bringen soll. – Noch einmal haben wir also hier einen Punkt, wo die dogmatische Denkweise unsres Dichters wenigstens aus der Befangenheit der Zeitanschauung herausstrebt durch die Bemühung, ihre Aeußerlichkeit zu verinnerlichen, wenn auch ihre beengende Hülle noch nicht abgestreift erscheint, was auch in jener Zeit nicht erwartet werden kann. Vgl. zu Ges. 29, Schlußbem. Ges. 32, 84; 19, 33.]
  624. [51 mit 48. Schon oben S. 587 und zu Ges. 32, 151 erwähnt und auch für die Auffassung v. V. 43 noch von Bedeutung. Nicht durch Maria oder durch Bernhard, sondern aus innerer Nothwendigkeit nach allem bisher Vorgegangenen wendet der Dichter sein Auge zu Gott und es fühlt in diesem Augenblick sein, bisher ohne Rast suchender und strebender, Geist das erste und einzige Mal das Ende alles Sehnens. Ein herrliches, großgedachtes Wort.]
  625. [57. Vgl. Parad. 1, 9 und oft.]
  626. [58–66. Man bemerke die drei sich folgenden unvergleichlichen Bilder für den Nachgeschmack einer, im detaillirten Inhalt entschwundenen, begeisternden Offenbarung! Das zweite aus Virgil Aen. 3, 445 ff., wo die Sibylle ihre Weissagungen auf das verstreute Laub schreibt.]
  627. [67–106. Zweimal hebt der Dichter neu an in dieser letzten Stelle. [616] Hieraus ergeben sich die zwei Hauptgesichtspunkte für das Folgende. Zuerst erschaut Dante V. 85 bis 105 – eine der genialsten, erhabensten Stellen der Divina Commedia! – die ganze Fülle des creatürlichen Lebens, Wesen und Zufall, die unmittelbare Schöpfung (Ges. 7 Schluß, Ges. 13, 52 ff.) in ihrer Einheit in Gott als der wirkenden Ursache, der Urform, vereint; die Welt liegt vor ihm als das organische Ganze, das in Gott, dem vollkommenen Gute, vollkommen angelegt und nur außerhalb seiner unvollkommen geworden ist (V. 103 ff.; 30, 88 ff. und Vorbem. S. 586 oben.) – Dann schaut er, V. 112 bis Ende, das göttliche Wesen, wie es in sich selbst zum Zweck der Offenbarung in jener wunderbaren Dreiheit sich auseinanderlegt, in deren Ergründung ihm Denken und Phantasie vergeht, bis ein Blitz der Erleuchtung letztlich ihn durchzückt und er plötzlich sein Wollen und Verlangen freiwillig und völlig mit dem göttlichen geeinigt, die höchste Stufe der Beseligung, den kühnsten Wunsch seines ganzen Weges, die unio mystica erreicht fühlt V. 133–145. Vgl. Vorbem. S. 397.]
  628. [68. Die Gottheit bleibt immer noch erhaben über den menschlichen Begriff; 32, 144 „so tief als möglich.“]
  629. [76–81. Jetzt trägt das vorbereitete Geistesauge (vgl. oben die I. II. Stufe) das reine Gotteslicht durch die von dem letzteren ausgehende, stärkende Kraft, V. 100 ff., 112. Eine Abwendung, eine Isolirung von dieser Kraft würde daher auch Erblindung, Vernichtung zur Folge haben.]
  630. 81–83. Mit dieser Verbindung oder Einigung beginnt nun die [617] eigentliche Schau „bis zum Versinken“, d. h. so lange und soweit, bis seine Sehkraft darin völlig ergossen und erschöpft war.]
  631. [92–96. Gemäß V. 58 ff. Aus der, ihn bei bloser Erinnerung und Erwähnung jener Gottesschau heute noch erfüllenden, „sein Inneres erweiternden“ Lust, schließt D., daß er jene Schau, die ihm doch schon wie eine altersgraue Begebenheit (Argonautenfahrt) fast entschwunden ist, doch wirklich gehabt habe.]
  632. [100–105, schon zu V. 67–106 erwähnt, bezeichnen vornehmlich die Unverlierbarkeit der vorliegenden, höchsten Seligkeitsstufe. Denn das Anschauen Gottes ist das bewußte Vollkommene und erfüllt die Seele mit allem Guten so, daß sie alles Andre für mangelhaft erkennt.]
  633. [109 ff. Die göttliche Dreieinigkeit enthüllt sich hier. Hierbei wird von der Einfachheit und Unveränderlichkeit Gottes ausgegangen, 109–111. In dieser allein hatte D. zuerst das [618] göttliche Wesen gesehen. Bei zunehmender Sehkraft sieht er dann erst die trinitarische Entfaltung. Hierauf (nicht auf sabellianische Ansicht) beziehen sich V. 112–114. Er sieht nun drei Kreise, – ohne Zweifel ineinander, d. h. hinter einander der Tiefe zu, – welche die drei Personen bedeuten und durch ihre verschiedene Farbe, aber gleichen Umfang, deren gleiche Göttlichkeit, aber persönliche Eigenthümlichkeit andeuten, 115–117. Zwei sind, der eine des anderen regenbogenartiger Wiederschein – Vater und Sohn. Der dritter, der Geist, entzündet sich gleichförmig an beiden, geht gleichmäßig vom Vater und Sohne aus (abendländisches Dogma), 118–120.]
  634. [121–123. Wie schon ähnlich V. 68, 74, 90, erinnert hier D. nochmals daran, daß sein Ausdruck der Darstellung seiner Gedanken, seiner Vorstellung des Geschauten nicht genüge, noch viel weniger seiner vollen Schau selber, gegen welche die zurückgebliebene Vorstellung selbst arm und winzig sei.]
  635. [124–144. Hier erfolgt weiterhin die Enthüllung des letzten und tiefsten Geheimnisses innerhalb der Trinität: der Menschwerdung. D. recapitulirt zuerst das Verhältniß der drei Personen V. 124–126: Der Vater ist das in und auf sich selbst ruhende Licht; sich selbst erkennend zeugt er den Sohn; der sich Erkennende und Erkannte, Sohn und Vater, sich selbst in Liebe lächelnd, lassen den Geist hervorgehen. – Dante wendet sich nun insbesondere gegen den mittleren Kreis und sieht diesem in dessen eigener Farbe das Menschenantlitz aufgeprägt, 127–132. Dies ist das Bild der Menschwerdung, zugleich aber auch der ursprünglichen, unauslöschlichen, durch den Sohn wieder erneuten Gottebenbildlichkeit des Menschen. Wie der Geometer die Quadratur des Zirkels sucht, so will nun D. ermessen, warum das Menschenbild dem zweiten Kreise, dem Sohn, zukomme [619] und wie darin die Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem zu Stande komme, V. 133–138. Aber so wenig der Geometer je durch all’ sein Forschen jene Aufgabe löst, so wenig der Menschengeist dies Problem, 133, 139. Da plötzlich wird sein Geist von einem unmittelbar der Gottheit entströmenden Offenbarungsblitz, einer höheren Intuition durchdrungen (d. h. zugleich für die Erde: nur der Glaube versteht das Mysterium), unter deren Eindruck das Ersehnte kommt. Nämlich, während die Phantasie zu jeder Wiedergabe und Darstellung dieses Vorgangs unzulänglich ist, fühlt er sein Wollen und jedes daraus hervorgehende Verlangen selbst in jene volle, freie geheimnißvolle Lebenseinigung mit Gott hineingezogen, welche – das letzte und höchste Ziel de Seligkeit und S. 397 des Gedichtes – zugleich vollkommenes Wirken, Erkennen und Genießen ist und in welcher sich dem Dichter also eben jenes Räthsel V. 136 ff. auf eine unaussprechliche Weise löst.]
  636. [144. Räder nennt D. oftmals die Sterne (28, 46 u. a. im Original) mit Rücksicht auf ihr Kreisen durch die ewige Liebe. Diese ist ja die, vom Primum mobile aus, alle Himmelskreise umschwingende Kraft V. 145, welcher nun auch Dante’s Geist freiwillig folgt, wodurch er in die Einheit mit der ganzen göttlichen Weltordnung zurückgekehrt ist; vgl. 1, 103 ff.]
  637. [145. Mit dem Wort „Sterne“ schließt Dante jeden Theil seines Gedichts, um dessen letztes Ziel anzudeuten. – Und wer wäre auch, der sich nicht zur Sonnen- und Sternenhöhe erhabenster Ideale und himmlischer Ahnungen entrückt fühlte durch dies „Wunderlied des Mittelalters“, welches selbst in seiner Dreitheilung ein Symbol der göttl. Dreieinigkeit und der ganzen Weltentwicklung ist: der Gerechtigkeit des Vaters in der „Hölle“, der Weisheit des Sohnes durch die Welterlösung im „Fegfeuer“, der ersten Liebe des Geistes durch die Weltvollendung im „Paradies?“]

Berichtigungen und Nachträge

  1. Ges. 10, 115 Anm.: statt „Verfasser“ lies: „angeblicher Verfasser“ etc. Berichtigungen und Nachträge, S. 622
  2. Ges. 27, 79 ff., wo aus Versehen die, nicht ganz zutreffende, Uebersetzung von Streckfuß stehen geblieben ist, lies, wie folgt:
    Vom ersten Rückblick an, deß ich gedacht,
    Hatt’ ich den Weg, entlang der ersten Zone,
    Von ihrer Mitte bis zum End’ gemacht.
    Die tolle Durchfuhrt von Laertes’ Sohne
    Sah’ jenseits Cadix ich, diesseits den Strand,
    Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Lohne.
    Berichtigungen und Nachträge, S. 622
  3. – Zur betreff. Anm. setze hinzu: Mit der Hälfte des Halbkreises der ersten, heißen Zone, den er sich von Jerusalem bis zum äußersten Westhorizonte reichend denkt und dessen Hälfte also ein Viertel der Erdperipherie umfaßt, parallelisirt der Dichter den Weg seines Fluges oben am Himmel mit den Zwillingen, indem er jene irdische Abgrenzung auf den, vertical darüber stehenden, Himmel überträgt. Denn wenn man von den Zwillingen ein Senkblei herabließe, so würde dies auf Erden etwa jene Grenzlinie der ersten Zone treffen und begleiten. Berichtigungen und Nachträge, S. 622

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Fef.
  2. Vorlage: Mittelpunnkt
  3. Vorlage: Rudolps
  4. Reihenfolge der vertauschten Anm. zu 82–90 und 87 korrigiert.
  5. Vorlage: Ghiebellinen
  6. Vorlage: Uhrans
  7. Anmerkung vorgereiht.
  8. Anmerkung vorgereiht.