Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Purgatorio

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[200]
Das Fegefeuer.
[Abfassungszeit: ca. 1308–1316 od. 1318.]
_____


Erster Gesang.[1]
Eingang. Cato von Thorn. Waschung und Gürtung. Einlaß.


1
Zur Fahrt durch bessre Fluren aufgezogen

Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen.

4
Zum zweiten Reiche geht des Sanges Bahn,

Wohin zur Reinigung die Geister schweben;
Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n.

[201]
7
Doch hier mag sich die todte Dichtung heben,

O heil’ge Musen, da ich euer bin!
Hier mög’ empor Kalliopeia streben!

10
Sie folge mir mit jenem Ton dahin,

Deß Streich, die armen Elstern einst erschreckend,[2]
Verzweiflung bracht’ in ihren stolzen Sinn. –

13
Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend

Des reinen Aethers heiteres Gebäu,
Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend,[3]

[202]
16
Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,

Sobald ich jetzt der todten Luft entklommen,
Die Aug’ und Brust getrübt in Nacht und Scheu.

19
Der schöne Stern, der Lieb’ erregt, entglommen[4]

Im Osten, hatt’ in Lächeln ihn verklärt,
Die Fisch’ umschleiernd, die mit ihm gekommen.

22
Dann rechts, des Süden’s Pole zugekehrt,[5]

Erblickt’ ich eines Viergestirnes Schimmer,

Deß Anschaun nur dem ersten Paar gewährt.
25
Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer.

O du verwaistes Land, du öder Nord,
Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer!

28
Als ich darauf vom Viergestirne fort[6]

Ein wenig hin zum andern Pole sahe,

[203]

– Der Wagen war bereits verschwunden dort –

31
Erblickt’ ich einen Greis, allein, mir nahe,

Der Ehrfurcht also werth an Mien’ und Art,
Daß mir, als ob’s mein Vater sei, geschahe.

34
Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart,

Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend
Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward.

37
Sein Angesicht, die heil’gen Strahlen trinkend

Des Viergestirnes, war so schön und klar,
Als säh ich es vom Schein der Sonne blinkend.

40
„Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,

Aus ew’ger Haft, dem blinden Strom entgegen?“[7]
Er sprach’s, bewegt des Bartes greises Haar,[8]

43
„Wer leitet’ euch? Wer leuchtet’ euren Wegen,

Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig schwarz, der Hölle Thäler hegen?

46
Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?[9]

Hat neuer Rathschluß durch der Hölle Pforte
Euch als Verdammte zu mir hergebracht?“

49
Hier fühlt’ ich mich erfaßt von meinem Horte,

Ehrfürchtig beugen hieß er Aug’ und Knie
Mich alsogleich mit Hand und Wink und Worte,

52
Und sprach: „Nicht durch mich selber bin ich hie;[10]

Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären,
Darob ich Diesem mein Geleit verlieh.

55
Doch da’s dein Will’ ist, daß ich dich belehren

Von unserm wahren Zustand soll, wie mag
Mein Will’ ein andrer sein, als zu gewähren?

58
Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,

Doch war er nah’ ihm, so vom Wahn verblendet,
Daß er gewiß in kurzer Frist erlag.

[204]
61
Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,

Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet.

64
Ich zeigt’ ihm schon der Sünder ganze Brut,

Nun aber ist er die zu sehn bereitet,
Die hier sich läutern unter deiner Hut.

67
Lang wär’s zu sagen, wie ich ihn begleitet,

Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn,
Um dich zu hören und zu sehn, geleitet.

70
Laß dir’s gefallen, daß er hier erschien.

Er sucht Freiheit – wie der sie werth zu halten,
Weiß, dem um sie das Leben nichtig schien.

73
Du weißt’s; du ließest gern, sie zu erhalten,

In Utica die Hülle blutbenetzt,
Die hell am großen Tag sich wird entfalten.

76
Nicht ward der ew’ge Schluß von uns verletzt.[11]

Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo deine Marcia jetzt,[12]

79
Noch keuschen Aug’s, dir ausspricht das Verlangen,

O heil’g Herz, als dein sie anzusehn.
Drum woll’ uns, ihr zu Liebe, wohl empfangen.

82
Laß uns durch deine sieben Reiche gehn,

Dann grüß’ ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmähn.“

85
„Gefiel auch,“ sprach er, „Marcia mir vor Allen,

Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wußt’, ihr zu gefallen,

88
Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,[13]
[205]

Da sie dort wohnt jenseits der nächt’gen Wogen,[14]
Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ.

91
Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,

Wie du gesagt, was braucht’s da Schmeichelei’n?
Sie will, dies gnügt, und treulich wird’s vollzogen,

94
Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweihn.[15]

Ihn muß ein Gurt von glatter Bins’ umschnüren,
Dann wasch’ ihm das Gesicht vom Schmutze rein.

97
Das Aug’ umnebelt, will sich’s nicht gebühren,

Zum ersten Diener, der vom sel’gen Land[16]
Herabgekommen ist, ihn hinzuführen.

100
Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand,

Wo Wog’ und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand.

103
Andre Gewächse, welche Blätter tragen

Und hartes Holz sind, kommen da nicht auf,
Wo’s gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen.

106
Dann kehrt hierher zurück nicht euren Lauf;

Die Sonne zeigt – seht, dort ersteht sie eben! –
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf.“

109
Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;

Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort,
In seinen Schutz und Willen ganz ergeben.

112
Er sprach: „Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort[17]
[206]

Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Gränzen fort.“

115
Schon trieb das Morgenroth mit lichtem Schimmer[18]

Die Frühe vor sich her, und vom Gestad
Erkannt’ ich weit hinaus des Meers Geflimmer.

118
Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad,

Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend,
Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat.

121
Wir sahn den Thau bald, mit der Sonne streitend,[19]

Doch, weil er dort an schatt’ger Stelle war,
Sich minder schnell in leichten Dunst verbreitend,

124
Worauf mein Führer, seiner Hände Paar

Ausbreitend, sanft die frischen Gräser deckte,
Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr,

127
Ihm die bethränte Wang’ entgegenstreckte.

Rein wusch er mir die Farbe der Natur,
Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte.

130
Nun gingen wir dahin auf öder Flur

Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte,
Das wieder heim zum Vaterlande fuhr.

133
Dort, so wie der geboten, der uns schickte,

Umgürtet’ er mit schwanken Binsen mich,
Und wo er nur die nied’re Pflanze knickte,

136
Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.
_______________
[207]
Zweiter Gesang.
I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Die Ueberfahrenden. Casella.

1
Sol war zum Horizont herabgestiegen,[20]

Deß Mittagskreis, wo er am höchsten steht,
Sieht unter sich die Veste Zions liegen.

4
Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht,

War mit der Waag’ am Ganges vorgegangen,
Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht.

7
Drum hatten Eos weiß’ und rothe Wangen

Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen.

10
Wir waren noch am niedern Meeresstrand,

Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indeß der Körper stand.

13
Und wie in trüber Röthe, wenn der Morgen

Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen,

[208]
16
So sah ich jetzt ein Licht – o säh’ ich’s mehr! –[21]

Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt’s auf des Meeres glattem Spiegel her.

19
Als ich von ihm die Augen abgezogen

Ein wenig hatt’ und zu dem Führer sprach,
Schien’s heller dann und größer ob den Wogen.

22
Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach[22]

Ein weißer Glanz hervor, und bald erkannte,
Ich andres Weiß auch unten nach und nach.

25
Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,

Indem der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte:

28
„O eile jetzt, o eile, hinzuknie’n!

Sieh, Gottes Engel! Falte deine Hände!
Nun siehst du Solche Gottes Wink vollziehen.[23]

31
Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.

Nicht Segel, Ruder nicht – sein Flügelpaar
Braucht er zur Fahrt an’s ferneste Gelände.

34
Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar!

Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar.“

37
Und wieder naht er sich indeß und wieder

In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich’s nieder.

40
Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein

Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drückt’ es kaum die Spur den Fluten ein.

43
Voll Seligkeit stand er vor meinen Sinnen,

Am Hintertheil des Schiff’s, der Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.

46
Als aus Aegypten Israel entrann,“[24]
[209]

Die Schaar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm’gen Sanges an.

49
Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen,[25]

Drauf warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen.

52
Fremd schienen Alle, welche blieben, dort,

Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort.

55
Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen

Den Tag die Sonne, die vom Meridian[26]
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen.

58
Da hoben, die wir eben kommen sahn,

Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
„Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn.“[27]

61
Erwidert ward darauf von meinem Horte:

„Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid,
Wir sind so fremd, wie ihr, an diesem Orte.

64
Denn kurz vorher, eh’ ihr gekommen seid,

Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh’ und Leid.“

67
Wie Jene nun am Athmen wahrgenommen,

Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja vor Erstaunen ängstlich und beklommen.

70
Und wie dem Boten, der den Oelzweig trägt,[28]
[210]

Die Menge folgt, vor Neubegier sich pressend,
Und Tritt und Stöße sonder Scheu erträgt,

73
So drängten jetzt, mich mit den Augen messend

Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend.

76
Hervor trat Eine jetzt, so inniglich

Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich.

79
O leere Schatten, die Gestalt nur schienen![29]

Dreimal hatt’ ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt’ ich zu der Brust mit ihnen.

82
Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir,

Und Jenen sah’ ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt’ ich ihm mit liebender Begier.

85
Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben:

„Verweile!“ da erkannt’ ich ihn und bat
Er möge bleiben und mir Antwort geben.

88
„Dich lieb’ ich,“ sprach er, als ich ihm genaht,

„Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil ich – doch was gehst du diesen Pfad?“

91
„„O mein Casella, hier nur eingefunden

Hab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?““[30]

[211]
94
Und Er: „Drob ist kein Unrecht mir geschehn,

Mußt’ Er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt wann er will und wen.

97
Denn sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen;

Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
Wenn irgend wer verlangt hat, mitzureisen.

100
Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,

Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Empfing er liebevoll, da ich’s begehrt.

103
Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,[31]

Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle.“

106
Und ich: „„Hat dir nicht jenen Liebes-Sang,

Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
Der öfters mir gestillt des Herzens Drang,

109
So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen,

Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen.““

112
Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht –“[32]

Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht.

115
Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise[33]

Der Andern dort, und Alle so beglückt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise,

118
Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.

Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:[34]
„Was, träge Geister, ist’s, das euch berückt?

121
Nachlässige, so lang’ euch aufzuhalten!
[212]

Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten!“

124
Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,[35]

Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen,
Und keine mehr umherstolziert und girrt,

127
Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,

Sie alle jäh, mit größrer Sorg’ im Sinn,
Von ihrer Weid’ empor im Fluge brausen;

130
So lief die Schaar der Seelen jetzt dahin,

Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin;

133
Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.
_______________

Dritter Gesang.
I. Abtheilung. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Die Säumigen. a) Im Kirchenbann Gestorbene. Manfred.

1
Trieb jähe Flucht auch Alles, was vereinigt

Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt,[36]

4
Doch drängt’ ich’ mich dem treuen Führer an.

Wie konnt’ ich ihn auch bei der Reise missen?
Wie kam ich wohl ohn’ ihn den Berg hinan?

7
Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.[37]

O würdig reine Seele, wie empört,
Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen!

[213]
10
Als seines Laufes Eil’ nun aufgehört,

Bei welcher Würd’ und Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstört,

13
Zum Streben neu erweitert und entfaltet,

Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihn hochgestaltet.

16
Der Sonne Licht, das hinter mir im Brand,

Durch meines Körpers Umriß und Geberde
Verdeckt war’s, da mein Leib ihm widerstand.

19
Und bang, daß ich allein gelassen werde,[38]

Kehrt’ ich mich schleunig seitwärts, da ich sah,
Beschattet sei von mir allein die Erde.

22
„Was argwöhnst du?“ begann mein Tröster da,

Zu mir gewandt, errathend, was ich dachte,
„Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah’?

25
Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,[39]

An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man von Brindisi einst ihn brachte.

28
Beschatt’ ich jetzt vor mir die Erde nicht,

So staune nicht darum – hemmt doch der Schimmer[40]
Des einen Himmels nie des andern Licht.

31
Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer,

Und sie empfinden Hitz’ und Frost und Pein;
Doch wie er’s macht, entschleiert er uns nimmer.[41]

34
Thor, wer da hofft, er dring’ in Alles ein

Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären,
Wo Er, der Ew’ge, Einer ist in Drei’n.

[214]
37
Strebt, Menschen, doch das Wie nicht aufzuklären;

Denn wär’s gestattet, Alles zu erschau’n,
Nicht brauchte dann Maria zu gebären.

40
Wohl Mancher durft’ auf seinen Geist vertrau’n,

Dem doch die Sehnsucht, Alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichen Grau’n.

43
Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden

Und Manchen sonst.“ – Er schwieg, die Stirn geneigt,[42]
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden.

46
Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt.

Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Daß sich kein Raum zu einem Tritte zeigt.

49
Der rauhste von den öden Felsenwegen[43]

Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen.

52
„Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt,“

Der Meister sprach’s, und hielt jetzt ein im Schreiten,
„So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?“

55
Er ließ indeß den Blick zum Boden gleiten,

Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr.
Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten,

58
Und da erschien mir linksher eine Schaar,

Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Daß kaum Bewegung zu bemerken war.

61
„„Laß,““ sprach ich, „„Meister, deinen Blick sich heben,

Die Rath ertheilen können, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben.““

[215]
64
Frei schaut’ er auf, und alle Sorgen flohn.

„Nur langsam,“ sprach er, „geht ihr Gang von statten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!“

67
Wir waren noch entfernt von jenen Schatten,

Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir gethan an tausend Schritte hatten.

70
Da drängten Alle sich an’s Felsgestad’

Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad.

73
„O Auserwählte, die ihr wohl geendet,“[44]

Begann Virgil, „wie einst euch Friede letzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch Allen spendet,

76
So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt

Und laßt uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeit verlieren schmerzt den, der sie schätzt.“

79
Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen,[45]

Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Köpfen stehen,

82
Bis was das erste that, nun jedes wagt,

Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt;

85
So sah ich jetzt von der beglückten Heerde

Die Vordern sich bewegen und uns nahn,
Das Antlitz züchtig, ehrbar die Geberde.

88
Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn[46]

Getheilt, und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn,

91
Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen.

Die Andern wußten zwar nicht, was geschehn,

[216]

Doch Alle thaten sie sofort desgleichen.

94
„Ohn’ eure Frage will ich euch gestehn,

Noch einem Menschen ist der Körper eigen,
Von welchem ihr das Licht getheilt gesehn.

97
Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen;

Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen.“

100
Mein Hort sprach’s, und die würd’ge Schaar begann,

Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend:[47]
„Kehrt wieder um, und schreitet uns voran!“

103
Und einer drauf, zu mir die Stimm’ erhebend:

„Wer du auch seist, blick’ um, mich anzuschau’n,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend?“

106
Ich wandt’ auf ihn die Augen voll Vertrau’n[WS 2].

Blond war er, schön, von würdigen Geberden,[48]

[217]

Doch war gespalten eine seiner Brau’n.

109
Demüthig sagt’ ich, daß ich ihn auf Erden

Niemals gesehn; da aber hieß er mich
Aufmerksam auf die Wund’ am Busen werden,

112
Und lächelnd sprach er dann: Manfred bin ich!

Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh’, ich bitte dich,

115
Die unter’m Herzen jenes Paar getragen,

Das Arragonien und Sicilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man Andres sagt, zu sagen.

118
Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,

Da übergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt.

121
O groß und schrecklich waren meine Fehle,

Doch groß ist Gottes Gnadenarm, und faßt,
Was sich ihm zukehrt, so, daß Keiner fehle.

124
Und wenn Cosenza’s Hirt, der sonder Rast,

Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhab’ne Wort der Schrift wohl aufgefaßt,

127
So lägen dort noch meines Leib’s Gebeine

Am Brückenkopf bei Benevent, vom Maal
Geschützt der schweren aufgehäuften Steine.

130
Nun netzt’s der Regen, dorrt’s der Sonnenstrahl,

Dort, wo er’s hinwarf, mit verlöschten Lichten,
Dem Reich entführt, entlang dem Verde-Thal.

133
Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,

Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,

[218]

An ew’ger Liebe neu sich aufzurichten.

136
Wahr ist’s, daß, wer im Kirchenbann erbleicht,

Wär’ auch zuletzt in ihm die Reu’ entglommen,
Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht,

139
Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen

Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Kürzt diese Zeit nicht ab das Flehn der Frommen.

142
Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,

Wenn du Constanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkündest jene Frist,

145
Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen.“
_______________

Vierter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige b), welche ihre Buße bis zum Sterbelager aufschoben. Belacqua.

1
Wenn etwas, was uns wohlthut oder kränkt,[49]

Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel’ in diese ganz versenkt,

4
Dann scheint’s, als ob sie keiner andern achte;

Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte.

7
Indem wir etwas hören oder sehn,

Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wir’s glauben und es uns versehn.

10
Denn anders ist die Kraft, womit empfunden

Wird, anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die letzte; erst’re scheint gebunden.

13
Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft.
[219]

Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft,

16
War funfzig Grad die Sonn’ emporgestiegen,[50]

Eh’ ich’s bemerkt – da ward ein Ruf mir kund
Von den gesammten Seelen: „Seht die Stiegen!“

19
Die Oeffnung, die mit einem Dorngebund,[51]

Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen,
Ist weiter oft, als hier der Felsenschlund,

22
Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen.

Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die Andern uns verließen.

25
Empor zu Bismantova und bergein[52]

Bei Noli kann man auf den Füßen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein;

28
Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen,

Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab, und Hoffnung zum Gelingen.

31
Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,

Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen
Und Füßen unter uns am Boden Halt.

34
Nachdem wir aus den rauhen schroffen Wänden

Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt’ ich: „„Meister, sprich, wohin uns wenden?““

37
Und Er: „Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad!

Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kund’ger Führer naht!“

40
Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;

Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen.[53]

[220]
43
Ich war bereits ermattet und begann:

„„O süßer Vater, ich erlieg’ der Reise!
Verweile, weil ich so nicht folgen kann!““

46
„Bis dorthin schleppe dich!“ So sprach der Weise,

Und zeigt auf einen Vorsprung nahe dort,[54]
Von dem es schien, daß er den Berg umkreise.

49
Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,

Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort.

52
Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,

Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen.

55
Die Augen kehrt’ ich erst zum tiefen Strand;[55]

Dann, als ich sie zur Sonn’ emporgeschlagen,
Die jetzt zur Linken, Gluten sprühend, stand,

58
Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen

Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahin zu jagen,

61
Und sprach: „Wenn jenem Spiegel ew’ger Macht

Castor und Pollux jetzt Begleiter wären,

[221]

Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht,

64
So würd’ er, kreisend näher bei den Bären,

Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklären.

67
Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,

Daß dieser Berg mit Zions heil’gen Höhen
Begränzt von einem Horizonte wird,

70
Doch Beid’ auf andern Hemisphären stehen;

Die Bahn, die Phaëton, der Thor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen,

73
Indeß sie dorten sich zur rechten weist –

So hoff’ ich denn, daß du zur klaren Kenntniß,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist.“

76
„„Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständniß,

Als hier““ begann ich, „„wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntniß.

79
Der ewigen Bewegung mittler Kreis,

Den man Aequator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn’ und Wintereis,

82
Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red’ erkannte,

Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte.

85
Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?[56]

Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan.““

88
Und Er: „Wer ihn zu steigen unternommen,

Trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß,

[222]

Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen.

91
Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß,

Erscheint dir’s dann so leicht empor zu steigen,
Als ging’s im Kahn hinab den schnellen Fluß;

94
Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,

Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruhn.
Dies ist gewiß, vom Andern muß ich schweigen.“

97
Er sprach’s und eine Stimm’ ertönte nun

Ganz nah’ bei uns: „Eh’ ihr so weit gegangen
Wird euch vielleicht zu sitzen nöthig thun.“

100
Wir sahn dorthin, woher die Wort’ erklangen,

Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen.

103
Hin schritten wir und fanden Leute da

Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Trägheit sah.

106
Und Einer, wie im gänzlichen Ermatten,[57]

Saß dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunk’ne Haupt inmitten hatten.

109
„„Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh,““

Begann ich, „„sieh nur hin, mein süßer Leiter,
Denn sicher sahst du einen Trägern nie.““

112
Da kehrt’ er sich zu mir und dem Begleiter,

Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht,
Und sprach: „Bist du so stark, so geh’ nur weiter.“

115
Und da erkannt’ ich ihn und säumte nicht,

Noch athemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht

118
Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.

„Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort,“
Begann er nun, „hast du wohl Acht gegeben?“

[223]
121
Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort

Und bei den faulen langsamen Geberden;
Worauf ich sprach: „„Belacqua, dieser Ort

124
Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.

Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier?
Wie? oder treibst du’s hier noch wie auf Erden?““

127
Und Er: „Was, Bruder, hilft das Steigen hier?

Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr.

130
Hier außen muß um mich der Himmel rollen,[58]

So oft als er im Leben that, da spät
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,

133
Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet,

Das sich aus gläub’ger Brust emporgerungen.
Was hülf’ ein andres, da es Gott verschmäht?“

136
Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,

Und rief: „Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen,

139
Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht.“[59]
_______________

Fünfter Gesang.
I. Vorfegefeuer. Fortsetzung. Säumige. c), welche die Buße bis zu einem plötzlichen Tode aufsparten. (Ermordete, die noch im letzten Moment Gottes Gnade suchten, aber die Absolution nicht mehr empfingen.) Cassero. Buonconte.

1
Schon hatt’ ich, auf der Spur des Führers steigend,

Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als Ein’, auf mich mit ihrem Finger zeigend,

4
Mir nachrief: „Seht den Untern linker Hand

Die Sonne theilen und den Grund beschatten,[60]

[224]

Und thun, als lebt er noch in jenem Land.“

7
Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten,

Kehrt’ ich mich ihnen zu, und Jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten.

10
Da sprach Virgil: „Was zieht dich also an,[61]

Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben?
Und jenes Flüstern, was hat dir’s gethan?

13
Was man auch spreche, folge mir nach oben!

Steh’ wie ein fester Thurm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben.

16
Das Ziel entweicht, dem man sich nah’ geglaubt,

Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt.“

19
„„Ich komme schon!““ was konnt’ ich anders sagen,

Da mich mein Fehler zum Erröthen zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen?

22
Indessen sahn wir quer am Bergeshang

Nah’ vor uns eine Schaar von Seelen kommen,
Die Vers für Vers ihr Miserere sang.

25
Wie sie an meinem Leib nun wahrgenommen,

Daß er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum O! lang und beklommen.

28
Und, gleich Gesandten, kamen ihrer Zwei,

Uns beide zu befragen, wer wir wären,
In vollem Laufe bis zu uns herbei.

31
Da rief Virgil: „Ihr könnt zurückekehren,

Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches mögt ihr Jenen dort erklären.

34
Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein

Um seinen Schatten anzuseh’n, verweilen,

[225]

So wissen sie genug, um froh zu sein.“[62]

37
Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuer-Pfeilen,[63]

Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt,
Durch’s heitere Gewölb’ des Himmels eilen;

40
So kehrten sie empor, um dann geschwind

Sich mit den Andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schaar, die ohne Zaum entrinnt.

43
„Sieh, dichtgedränget jetzt, dich anzuflehen

Gar Viele kommen, sprach mein Meister drauf,
Doch geh nur immer fort, und horch’ im Gehen.“

46
„O du, der du zum Heil den Berg herauf[64]

Die Glieder trägst, die immer dich umfingen,“
So riefen sie, „hemm’ etwas deinen Lauf.

49
Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,

Uns an – erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? was eilst du, vorzudringen?[65]

52
Getödtet sind wir alle durch Gewalt;

Der Sünd’ uns bis zur letzten Stunde weihend,
Und erst im Tod von Himmelsglanz umwallt,

55
Verstarben wir, bereuend und verzeihend,

Und fühlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschau’n Sehnsucht uns verleihend.“

58
Und ich: „„Zwar kenn’ ich Keinen von Gesicht,

Doch fordert nur, ihr, die zum Heil geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr’ ich nicht.

61
Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,

Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren.““

64
Darauf begann der Eine: „Hindert nur

Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur.

[226]
67
Und solltest du, ein Lebender, die Auen

Der Mark Ankona jemals wiedersehn,[66]
So will ich fest auf deine Güte bauen.

70
Laß die von Fano gläubig für mich flehn,

Daß mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn.

73
Von dort war ich – allein die tiefen Spalten,

Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß,
Hab’ ich in Paduas Bezirk erhalten,

76
Deß Schooß mich, den Vertrauenden, umschloß.

Zum Mord hatt’ Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall’, als recht, auf mich ergoß.

79
Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,[67]

Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,[68]
So würd’ ich dort noch, wo man athmet, leben.

82
Ich lief zum Sumpf und dort in Schlamm und Rohr

Verstrickt’ ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blut’gen Moor.“

85
Ein Andrer: „Wie dein Wunsch befriedigt werde,

Deß Fittig hin zum Bergesgipfel fleugt,
So kürz’ auch mir mitleidig die Beschwerde.

88
In Montefeltro hat mich Guid’ erzeugt;

Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte,
Nicht ging ich mehr mit diesem hier gebeugt.“

91
„„Welche Gewaltthat, welch’ Verhängniß führte,““

So sprach ich, „„dich so weit vom Campaldin,

[227]

Daß Niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte?““

94
„O,“ sprach er drauf, „am Fuß des Casentin

Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen[69]
Beim Kloster oberhalb im Apennin.

97
Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,

Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen,

100
Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,

Um mit Maria’s Namen wohl zu enden,
Und fiel und ließ die leere Hülle dort.

103
Da fühlt’ ich mich in eines Engels Händen,[70]

Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
„Wie, du vom Himmel willst mir den entwenden?

106
Wahr ist’s, was ewig ist, erbeutest du

Nur durch ein Thränlein, das ihn mir entzogen;[71]
Doch gönn’ ich nun dem Andern keine Ruh’.“

109
Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgesogen[72]

Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann
Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen.

112
Zum Willen nun, der stets nur Böses sann,[73]

Fügt’ er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann.

115
Als drauf der Tag erloschen war, belegte

Er Pratomagno’s Thal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte.

118
Zu Fluten wurde nun die schwang’re Luft,

Zum Strombett rann, was von den Regengüssen

[228]

Der Grund nicht trank, hervor aus Thal und Kluft.

121
Der Archian, gleich andern großen Flüssen,

Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf,[74]
Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen.

124
Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf

Von seiner Mündung, jene Flut gefunden,
Da löste sie das Kreuz am Busen auf,[75]

127
Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden,

Und wirbelte zum Strom die träge Last.
Dort liegt sie nun im Grund, vom Schlamm umwunden.“

130
Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt,

Sprach er: „Wenn du, zur Welt zurückgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast,

133
So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.[76]

Siena gebar, Maremma tilgte mich.
Und Er, von dem ich einst den Ring bekommen,

136
Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich.
_______________

Sechster Gesang.
Fortsetzung. Sordello. Weheruf über Italien.

1
Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,[77]

Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich,
Und wirft und wirft, um’s besser zu erlernen.

[229]
4
Doch Alles drängt um den Gewinner sich,

Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein Andrer seitwärts, spricht: Gedenk’ an mich!

7
Doch er verweilt nicht, hört auf Keinen lange,

Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lästigen Gedrange.

10
So war ich in dem dichten Haufen dort,

Und mußte hier- den Kopf und dorthin wenden,
Und löste mich durch manch’ Verheißungswort;

13
Sah Benincasa, der den Wüthrichs-Händen[78]

Des Ghin’ erlag und sah darauf auch ihn,[79]
Deß Loos war, jagend in der Flut zu enden.

16
Novello bat mich flehend, zu verziehn;[80]

Auch der von Pisa dann, durch den der gute,[81]
Der wackere Marzucco stark erschien.

19
Graf Orso auch und der im Frevelmuthe[82][83]

Vertilgt ward, wie er sagt’, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte.

22
Den Broccia mein’ ich – mag sich demuthsvoll

Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll.

[230]
25
Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,

Die dort mich angefleht, zu flehn, daß sie
Zur Heiligung mit größrer Eile kämen;

28
Da sprach ich: „„Du, der stets mir Licht verlieh[84],

Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie.

31
Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.

Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schaar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?““

34
„Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,“

So sprach er drauf, „du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dir’s offenbar.

37
Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,

Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb,
Was Jenen oblag und sie nicht vollbrachten?

40
Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,

Da sühnte man durch Bitten keine Sünden,

Weil ungehört von Gott die Bitte blieb.
43
Doch kannst du jetzt so Tiefes nicht ergründen,

So harr’ auf Sie, die zwischen deinem Geist
Und ew’ger Wahrheit wird ein Licht entzünden.

46
Beatrix ist’s, wenn du’s vielleicht nicht weißt,

Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheißt.“

[231]
49
Und ich: „„Mein Meister, laß uns schneller gehen![85]

Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen.““

52
„Wir gehn so weit als möglich diesen Tag,“

Entgegnet’ Er, „doch Andres wirst du finden,[86]
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag.

55
Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,

So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden.

58
Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,

Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest,
Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt.“

61
O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,[87]

So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest!

64
Er ließ uns Beide gehn und sagte nichts,

Gleich einem Leu’n, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts.

67
Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,

Befragt’ ihn: „Wo erklimmt man diese Wand?“
Doch Jener, nicht auf seine Fragen achtend,

70
Fragt uns nach unserm Leben, unserm Land.

Und: „Mantua“ – begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt,

73
Sich schnell vom Sitz und ward theilnehmend heiter.

Sordell bin ich, dein Landsmann!“ rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt’ er meinen Leiter. –[88]

[232]
76
Italien, Sclavin, Schlund voll Schmerz und Graus,[89]

Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus;

79
Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,

Beim süßen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren.

82
Doch deine Lebenden sind nimmer satt,

Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen eine Mauer hat.

85
Elende, such’ an deinen Meeresborden,

Im Innern such’ und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glück im Süden und im Norden.

88
Was hilft dir’s, da dein Sattel unbesetzt,[90]

Daß Justinian die Zügel dir erneute?
Ohn’ ihn wär’ minder deine Schande jetzt.

91
Ihr hättet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,[91]

Zu Cäsar’s Sitz den Sattel eingeräumt,
Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute.

94
Seht, wie das wilde Thier sich tückisch bäumt,
[233]

Seit Niemand es die Sporen fühlen lassen,
Und ihr es, die ihr’s zähmen wollt’, entzäumt.

97
O deutscher Albrecht, der dies Thier verlassen,[92]

Das drum nun tobt in ungezähmter Wuth,
Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen,

100
Gerechtes Strafgericht fall’ auf dein Blut!

Und neu und offen mög’ es deiner warten.
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut.

103
Schuld bist du sammt dem Vater an dem harten

Geschick Italiens, da ihr, deutsche Gau’n
Nur pflegend, ganz versäumt des Reiches Garten.

106
Komm her jetzt, der Montecchi Stamm zu schau’n,[93]

Leichtsinniger, komm, sieh die Capelletten,[WS 4]
Die schon gebeugt, und die voll Angst und Grau’n!

109
Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!

Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind!
Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten!

112
Komm her und sieh, wie deine Roma weint,

Und höre Tag und Nacht die Wittwe stöhnen:

[234]

Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint?

115
Komm her und sieh, wie alle dich verhöhnen,[94]

Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht,
So schäme dich, daß Alle dich verhöhnen. –

118
Verzeih’, o höchster Gott im ew’gen Licht,

Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwärts gewandt dein Angesicht?

121
Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,

Ein neues Heil, von keinem Aug’ entdeckt,
Nach deinem tiefen Rath bereitet werden?

124
Wie voll Italien von Tyrannen steckt![95]

Will sich ein Bauer der Partei verschwören,
Gleich heißt’s von ihm, Marcell sei auferweckt.

127
Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,[96]

Da dieser Abschweif nimmer dich berührt.
Nie ließ sich ja dein wackres Volk bethören.

130
Gerechtigkeit hegt Vieler Herz, nur spürt

Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen,
Indeß dein Volk sie stets im Munde führt.

133
Wenn Bürgerämtern Viele sich entzogen,

Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Nur her! Ich werd’ nicht krumm dadurch gebogen!

136
Nun freue dich, denn du verdienest Neid,

Du Reiche, du Friedselige, du Weise –
Ich red’ im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit.

139
Man spreche von Athen und Sparta leise!

Sollt’ ihr Gesetz wohl werth der Rede sein,
Wie sehr man’s anpreist, neben deinem Preise?

142
Denn dein Gesetz, es ist so klug und fein,[97]
[235]

Daß, hast du’s im October angesponnen,
Zerreißt es im November kurz und klein!

145
Wie oft hast du geendet und begonnen,

Hast über Münz’ und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen?

148
Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,

So mußt du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh’ findet sie auf ihren Kissen nicht,

51
Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.
_______________

Siebenter Gesang.
Vorfegefeuer, Schluß. Die Säumigen, d), welche über Staatsgeschäften die Buße vernachlässigten. Die Blumenwiese. Kaiser Rudolph u. a. Fürsten.

1
Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit

Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurück: „Sprecht, wer ihr seid?“ –

4
„Eh’ sich zu diesem Berg gewendet haben[98]

Die Seelen, welche Gott zu schauen werth,
Hat Octavianus mein Gebein begraben.

7
Ich bin Virgil. – des Himmels Eingang wehrt[99]

Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde.“
So sprach Virgil, als jener es begehrt.

10
Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,

Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, daß man’s ergründe:

13
So schien Sordell – dann neigt’ er das Gesicht,[100]

Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht.

16
„O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
[236]

Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ew’ger Preis der Stadt, die mich erzeugte,

19
Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?

Und wenn ich werth mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?“

22
Virgil darauf: „Ich kam durch alle Kreise

Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise.

25
Nicht Thun, nein, Nichtthun nur, hat mich verbannt,

Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,[101]
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt,

28
Zu jenen tiefen, nachterfüllten Thalen,[102]

Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen;

31
Wo um mich her die Schaar der Kindlein stöhnt,

Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt;

34
Wo die sind, die mit ird’schem Werth zufrieden,

Die Tugenden bis auf die heil’gen Drei,[103]
Sämmtlich geübt und jede Schuld gemieden.

37
Doch, wenn du kannst, so bring’ uns Kunde bei,

Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Läut’rung wahrer Anfang sei.“

40
Und Er: „Ich darf umher und aufwärts schreiten,[104]
[237]

Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
So weit ich gehn darf, will ich dich begleiten.

43
Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,

Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Hölle klimmt.

46
Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;

Zu diesen, wenn du einstimmst, führ’ ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen.“ –

49
Virgil: „Wenn’s Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,[105]

Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann Jemand sich?“

52
Mit seinem Finger streifte nun die Erde

Sordell und sprach: „Nicht hoffe, daß bei Nacht
Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde.

55
Am Steigen hindert sonst dich keine Macht,

Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht.

58
Hinab zu gehn und rückwärts ist gestattet,

Und irrend rings umher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet.“

61
Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;

„Wie du versprachst,“ so hört’ ich drauf ihn bitten,
„Geleit’ uns an den angenehmen Ort.“

64
Wir waren eben noch nicht weit geschritten,

Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Thal, das dort den Felsenrand durchschnitten.

67
„Dorthin“, so sprach der Schatten, „laß uns gehn,

Seht dort den Berg von einer Höhlung theilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn.“

70
Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen[106]
[238]

Felshöh’n und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen.

73
Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,[107]

Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum – in dieser Bucht,

76
Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine,

Schwänd’ ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Größern unterliegt das Kleine.

79
Nicht war Natur allein hier Malerin,

Mit tausend wunderbar gemischten Düften
Ergötzte sie auch des Geruches Sinn.

82
Salve Regina, tönt’ es in den Lüften

Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hier innen zwischen Felsenklüften.

85
„Bevor die Sonne ganz zur Rüste geht,[108]

Gehn“, sprach Sordell, „wir nicht hinab zu ihnen;
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht,

88
Erkennt ihr besser Aller Art und Mienen,

Als sie im Thale selber, im Gedrang
So vieler großen Schatten, euch erschienen.

91
Der höher sitzt und scheint, als hätt’ er lang

Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der Andern Sang,

94
Ist Kaiser Rudolph, der Italiens Wunden[109]

Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So daß es spät durch Andre wird gefunden.

97
Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost ertheilt,[110]
[239]

Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet,
Der in die Elb’, in ihr zur Meerflut eilt,

100
Hieß Ott’kar, der, mit Windeln noch umkleidet,

Besser als Wenzeslaus, sein Sohn, erschien,[111]
Der Bärt’ge, der an Ueppigkeit sich weidet.

103
Dort der Stumpfnas’ge scheint zu Rath zu ziehn[112]

Den Güt’gen dort – er ist es, der, geschlagen,
Entblätternd Frankreichs Lilien, starb im Fliehn.

106
Seht ihn die Brust in bitterm Kummer schlagen!

Den Andern seht – zum Bett für sein Gesicht
Macht er die Hand mit Seufzern und mit Klagen:

109
An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,

Den Sohn und Eidam denken sie, deß Leben

Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht.
112
Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,[113]

Dem Adlernas’gen, singt er im Accord,

Und ragt’ einst hoch in jedem wackren Streben.
115
Und konnt’, als er verstarb, der Jüngling dort,[114]

Der hinten sitzt, den Königsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort.

118
Jakob und Friederich, die andern Erben,

Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,

[240]

Doch nicht des Vaters bess’res Gut erwerben.

121
Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,

Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel schlagen,
Weil Er nur sie auf frommes Flehn verleiht.

124
Dem Adlernas’gen ist dies auch zu sagen,[115]

So gut als Petern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen,

127
Weil so viel schlechtern Keim sein Same bringt,

Als höher sich Konstanza’s Gatt’ im Preise[116]
Vor Beatricens und Margrethens schwingt.

130
Den König seht von schlichter Lebensweise,[117]

Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise.

133
Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,

Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen[118]
In Montferrat, in Canaveser Land,

136
Um Alessandria’s Tück’ und Krieg beweinen.“
_______________

Achter Gesang.
Vorfegefeuer. Schluß. Abend im Thal der Fürsten. Das Dreigestirn. Die Schlange. Malaspina.

1
Die Stunde war es, die zu stillem Weinen[119]

Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,

[241]

Am Tag, da er verließ die theuren Seinen,

4
Die Liebesleid dem neuen Pilgrim bringt,

Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt.

7
Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,

Und eine von den Seelen trat hervor,
Und heischt’ Aufmerksamkeit mit einem Zeichen,

10
Und naht’ und hob die beiden Händ’ empor

Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor.

13
Te lucis ante – diese Worte brachten[120]

Dann ihre Lippen vor, so fromm, so schön,
Daß sie mich meiner selbst vergessen machten.

16
Mit andachtsvollem lieblichen Getön

Stimmt’ ein der Chor zu reichen Wohllauts Fülle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshöh’n.

19
Und nun, o Leser unter leichter Hülle[121]

Such’ jetzt die Wahrheit du mit Blicken klar!
Wiß’, daß nur leis der Schleier sie verhülle!

22
Demüthiglich sah ich die edle Schaar

Nach oben schau’n, erwartungsvoll und schweigend,

[242]

Und sah aus himmlischem Gewölb’ ein Paar

25
Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,

Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend;

28
Grün, wie das Laub, das eben erst entstand,

Und, von der grünen Flügel Weh’n gehoben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand.

31
Der Eine blieb nah’ über uns, und droben,

Jenseit des Thales, blieb der Andre stehn;
Die Schatten, in der Mitte, sahn nach oben.

34
Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,

Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn’ am Uebermaß vergehn.

37
„Dies Paar ist aus Maria’s Schooß gesendet,

Zur Hut des Thales, weil die Schlange naht.“
So sprach Sordell, uns Beiden zugewendet.

40
Und ich, der ich nicht wußt’, auf welchem Pfad,[122]

Ich schaut’ umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Führers Schultern trat.

43
Sordell begann auf’s Neu’: „Geht mit Vertrauen

Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wird’s ihnen sein, euch hier zu schauen.“

46
Ich war im Grund, als ich drei Schritt gethan,

Und nach mir forschend spähn sah ich den Einen,
Als säh’ er ein bekanntes Antlitz nah’n.

49
Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen

Und meinen Blicken ließ sie, nah’, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen.

52
Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.

„„Mein edler Richter Nino, welch’ Vergnügen![123]
Hier – nicht bei den Verdammten – find’ ich dich.““

55
Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.

Und Er: „Wann bist du aus dem fernen Meer

[243]

Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?“

58
„„Heut Morgen kam ich aus der Hölle her,““

Entgegnet’ ich, „„und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des künftigen Gewähr.““

61
Ich sah, als ich die Antwort ihm gegeben,[124]

Zurückgetreten den Sordell und ihn,
Erstaunt, als hätt’ ein Wunder sich begeben.

64
Sordell, gekehrt zu dem Virgil, und Nin

Zu Einem, der dort saß am Thalgestade:
„Sieh, Konrad, welche Huld uns Gott verlieh’n!“

67
Und drauf zu mir: „Erwies besondre Gnade

Dir Der, deß erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade,

70
So sag’ einst jenseits dieser weiten Flut

Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,[125]
Zu ihm, der nach dem Flehn der Unschuld thut.

73
Nicht liebt die Mutter wohl mich noch, wie ehe,

Da sie den Wittwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe.

76
An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,

Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Von Blicken und Berührung wird erregt.

79
Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte

Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
Als sie geschmückt der Hahn Gallura’s hätte.“

82
Er sprach’s, und ihm im Antlitz ausgedrückt

War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt.

85
Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen,
[244]

Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,[126]
Sowie, der Achse nah’, des Rades Kreisen.

88
Mein Führer sprach: „Was blickst du dort hinauf?

Und ich: „„Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen[127]
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf.““

91
Und Er: „Die vier, die dir heut’ Morgen schienen,

Sind tief jetzt unter’m Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell’ erschienen.“

94
Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:

„Den Widersacher seht!“ Er sprach’s und zeigte[128]
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt,

97
Wo sich das kleine Thal geöffnet neigte;

Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte.

100
Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,

Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
Verdreht empor und leckt’ und putzte sich.

103
Nicht sah ich, und vermag’s nicht auszudrücken,

Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzücken.

106
Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,

Entfloh die Schlang’, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug.

[245]
109
Der Schatten, der, von Nino’s Ruf bewogen,[129]

Sich uns genähert, hatte bei dem Straus
Den Blick von mir doch nimmer abgezogen.

112
„Soll jener Leuchte, die zu Gottes Haus[130]

Dich führt, in deinem Willen und Verstande
Das Oel der Nahrung niemals gehen aus,“

115
Begann er, „laß, wenn von der Magra Strande,

Du wahre Kunde hast, sie werden mir;
Denn wiss’, ich war einst groß in jenem Lande.

118
Corrado Malaspina spricht mit dir,

Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt’ ich stets, doch reiner hier.“

121
„„O,““ sprach ich, „„nimmer noch ist mir’s gelungen,

Dies Land zu sehn, allein sein Nam’ und Werth
Ist, wo man in Europa sei, erklungen.

124
Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,

Schallt zu der Herr’n, schallt zu des Landes Preise,
So daß, wer dort nicht war, davon erfährt.

127
Ich schwör’ es dir beim Ziele meiner Reise,

Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
Des Muths, der Gastlichkeit, der edlen Weise.

130
Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,

Sitt’ und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Daß es allein den schlechten Weg verschmäht.““

133
Und Er: „Jetzt geh’, nicht siebenmal versenken

Wird sich die Sonn’ im Bett an jenem Ort,
Den rings umher des Widders Füß’ umschränken,

[246]
136
So wird dir diese gute Meinung dort

In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Nägeln als mit fremdem Wort,

139
Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden.“
_______________

Neunter Gesang.
Dante wird im Schlaf vor das Thor des eigentlichen Fegefeuers getragen und erhält Absolution und Einlaß. Lucia. Die sieben P.

1
Schon hob sich Thithons Buhlerin, entgleitend[131]

Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz
Von weißem Licht im Orient verbreitend,

4
Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,

Die jenes kalten Thiers Gestaltung zeigen,
Das tödtlich sticht mit seinem gift’gen Schwanz.

7
Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen

Die Nacht gethan, um sich zum dritten jetzt
Mit ihren Fittigen herabzuneigen:

10
Als meine Sinne, da ich herversetzt,

Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt.

13
Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,

Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen,[132]

16
Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,

Frei und entledigt von den Sorgen allen,

[247]

Im Traumgesicht beinahe göttlich wird.

19
Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen

Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Flügel, um herabzufallen.

22
Mir schien’s der Ort, wo Ganymedes war,[133]

Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrückt ward zu der ew’gen Götter Schaar.

25
„„Er ist gewohnt sich hier herabzuschwingen,““

So dacht’ ich, „„und verschmäht von anderm Ort
Die sich’re Beute sich empor zu bringen.““

28
Ein wenig kreist’ er erst im Bogen dort,

Dann schoß er schrecklich, wie ein Blitz, hernieder,
Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort.[134]

31
Mir schien, ich brenn’, auch brenne sein Gefieder,

Und ganz erglüht von dem erträumten Brand,
Erwacht’ ich jäh aus meinem Schlummer wieder.

34
So fuhr Achill empor im fremden Land[135]

Und drehte die erwachten Blick’ im Kreise,
Weil er nicht wußte, wo er sich befand,

37
Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise

Entführt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise:

40
Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;

Doch fühlt’ ich Frost sich über mich verbreiten,
Gleich Einem, den der Schreck erstarren macht.

43
Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten.

Hoch stand die Sonn’, als ich mich aufgerafft,

[248]

Zwei Stunden schon, ich sah das Meer sich breiten,

46
Da sprach mein Herr: „Nicht sei durch Furcht erschlafft!

Muth, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Verengre nichte – erweitre jede Kraft.

49
Du hast zum Läut’rungsort dich aufgeschwungen.[136]

Den Felsen sieh, der’s einschließt – sieh das Thor
Dort, wo, wie’s scheint, der Stein entzwei gesprungen.

52
Noch glänzt’ Aurora nicht dem Tage vor,

Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Thale dort auf jenem Blumenflor,

55
Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.

„„Lucien seht – den Schläfer nehm’ ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.““

58
Sordell blieb mit den andern Seelen dort;

Sie faßte dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort.

61
Ich folgt’ ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen

Das Thor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen.“

64
Gleich wie wir, wenn uns offenen Gewinn

Die Wahrheit zeigte. Sorg’ und Furcht verjagen,
Von Muth und Lust erfüllt den freien Sinn,

67
So ich – und da mich frei von Angst und Zagen
[249]

Mein Meister sah, so schritt er zu den Höh’n,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen.

70
Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöhn,

Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemäß sich aussucht, stark und schön.

73
Wir gingen fort und nahten einem Orte,

Der erst als Felsenspalt’ erschien; doch nah’
Erkannt’ ich in der Oeffnung eine Pforte.

76
Drei Stufen von verschiednen Farben, sah

Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt’ ich einen Pförtner da,

79
Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen;

Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, mußt’ ich’s wieder neigen.

82
Er hatt’ ein nacktes Schwert in seiner Hand,

Und wollt’ ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt’ es her der Sonne Glanz und Brand.

85
„Von dorten sprecht, was mögt ihr hier begehren?“

Sprach er, „wer bracht’ euch bis zu mir empor?“
Habt Acht, sonst wird das Kommen euch beschweren.“

88
Mein Meister drauf: „Uns sagte kurz zuvor

Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Thor!“

91
Da hört’ ich gleich den edlen Pförtner rufen:

„So mögt ihr denn durch Sie zum Heile ziehn;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!“

94
Wir kamen hin – die erste Stufe schien

Von Marmor, weiß, von höchster Glätt’ und Reine,
Drin spiegelt’ ich mich ab, wie ich erschien.

97
Die zweite schien mir von verbranntem Steine,

Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwärzlich dunkle Bräune.

100
Die dritte höchste Stuf’ erschien mir itzt

Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt.

103
Dem Engel diente sie zur Ruhestelle

Für seine Füß’, und höher saß er dann
Auf der durchsicht’gen diamantnen Schwelle.

106
Mein Führer zog die Stufen mich hinan,
[250]

Und sprach: „Jetzt geh’, ihn flehend zu begrüßen,
Denn Er ist’s, der das Schloß dir öffnen kann.“

109
Demüthig sank ich zu des heil’gen Füßen,

Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich,
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen.

112
Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich

Er sieben P auf meine Stirn und machte
Sie wund und sprach: „Dort drinnen wasche dich.“[137]

115
Noch, wenn ich Asch’ und Erdenstaub betrachte,

Seh’ ich des Kleides Farb’, aus welchem Er[138]
Mit seiner Hand hervor zwei Schlüssel brachte.

118
Von Gold war dieser und von Silber der.

Den weißen sah ich ihn, den gelben drehn,
Und sieh, verschlossen war das Thor nicht mehr.

121
Er sprach darauf: „Trifft einer von den zween

Im Schloß beim Umdrehn irgend Widerstand,
So bleibt die Thüre fest verschlossen stehen.

[251]
124
Mehr Werth hat der von Gold, doch mehr Verstand

Und Kunst wird jener, eh’ er wirkt, bedürfen,
Denn er nur löst das vielverschlungne Band.

127
Beim Oeffnen sollt’ ich eher irren dürfen,

Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß,
Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen.“

130
Er stieß ans heil’ge Thor und sprach zum Schluß:

„So geht denn ein, doch daß euch’s nicht entfalle,
Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß.“

133
Beim Oeffnen drehte so mit lautem Schalle[139]

Die heil’ge Pfort’ in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle,

136
Daß es dem Knarren jenes Thores glich

Beim Berg Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich.

139
Ich horcht’ aufmerksam hin, denn Stimmen sangen[140]

Und ein Te Deum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle süße Tön’ erklangen.

142
Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,

War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen,
Und wir von ihrem vollen hellen Klang

145
Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.
_______________

Zehnter Gesang.
II. Abtheilung. I. Kreis. Die (noch zu) Stolzen.

1
Kaum war ich innerhalb der Thür der Gnade[141]

Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,

[252]

Der grad’ erscheinen läßt die krummen Pfade,

4
Da hört’ ich, wie sie beim Verschließen klang.

Wie ward’s auch wohl entschuldigt, wie verziehen,[142]
Wenn nach ihr umzuschau’n mich Neugier zwang?

7
Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen,[143]

Der vor und rückwärts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen.

10
„Jetzt gilt es Kunst“, so fing mein Führer an!

„Bald hier, bald dorten angeschmiegt den Seiten,
Wo sie zurückeweichen, zieht die Bahn!“[144]

13
Wir durften drum nur langsam vorwärts schreiten,

Und schon war Luna’s Rand dem Meer genaht,[145]
Schon sah ich sie hinab in’s Bette gleiten,

16
Eh’ wir zurückgelegt den engen Pfad;

Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zurücke trat,

19
Ich matt, und fremd wir Beid’ in diesem Lande,

In Zweifeln stehn an einem ebnen Ort,
Der öd’ war, wie ein Berg in Lybiens Sande.

22
Von wo sein Rand ans Leere gränzt, bis dort[146]

Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort.

25
So weit grad’ aus der Blicke Flügel schweben,

Schien solch ein Raum zur recht’ und linken Hand
Den Berg als Kranz vorspringend zu umgeben.

[253]
28
Wie ich dort still mit meinem Führer stand,[147]

Erkannt’ ich, daß der Felsrand’ uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand,

31
Von weißem Marmor war, und allerwegen

Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.

34
Der mit dem Friedensschluß, den längst in Gram[148]

Die Welt ersehnt, auf’s irdische Gefilde,
Den lang verschlossnen Himmel öffnend, kam,

37
Der Engel war dort eingehau’n, und Milde

Und Liebe that so wahr sein Wesen kund,
Daß Niemand glaubt’, es sei ein stumm Gebilde.

40
Man schwor, ein Ave schweb’ auf seinem Mund,

Denn Sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Höchste löst’ im neuen Liebesbund.

43
Es zeigte der Geberde reiner Spiegel

Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt,
Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel.

46
„Was schaust du“, sprach Virgil, „so unbewegt,

Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?“ –
Ich ging zur Seit’ ihm, wo das Herz uns schlägt,

49
Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte;

Und hinter der Maria war der Stein,

[254]

Zur andern Seite dessen, der mich führte,

52
Geschmückt mit andern schönen Schilderei’n.

Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm näher, um zum Schaun bequem zu sein.

55
Der Wagen war, in Marmor eingeschnitten,[149]

Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf’ erlitten.

58
Das Volk voraus, in sieben Chören, sah

Ich jubelnd ziehn, und fragt’ ich: ob sie singen?
So sagt’ ein Sinn mir Nein, der andre Ja!

61
Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen,

Und auch bei diesem Bilde ließen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen.

64
Im Tanze vor der heil’gen Lade her,

Sah ich erhöht in Demuth den Psalmisten,
Der minder hier, als König war, und mehr,

67
Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen,

Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort
Spöttisch bewundernd, sich die Michal brüsten.

70
Darauf bewegt’ ich mich von meinem Ort,

Um weiter hin ein andres Bild zu schauen,[150]
Und sah den edlen Römerherrscher dort

73
Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,

Ihn, der zum großen Siege den Gregor

[255]

Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen.

76
Trajan, den Imperator, stellt’ es vor,

Und eine Wittw’, ihm in den Zügel fallend,
Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor.

79
Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend

– So schien’s dem Aug’ – als goldenes Panier
Die Adler drüberhin im Winde wallend.

82
Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:

„Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du räche mich, die Rache ziemet dir.“

85
„„So warte, bis ich kehre!““ Dies zu sagen

Schien Er, und Sie darauf: „Und wenn du nun“
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen)

88
„Nicht wiederkehrst?“ – „„So wird’s mein Folger thun!““ –

„Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indeß die Pflicht vergessen ruhn!“ –

91
„„So tröste dich,““ entgegnet’ er der Armen,

„„Bevor ich ziehe, lös’ ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeut’s, mich hält Erbarmen!““ –

94
Sichtbar macht’ Er die Red’, Er, deß Gesicht[151]

Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen;
Nur uns ist’s neu; denn diese Welt kennt’s nicht!

97
Indeß ich mich ergötzte hinzuspähen

Nach solcher Demuth Bildern, deren Werth
Noch Er erhöht, durch welchen sie entstehen,

100
Da flüsterte Virgil, mir zugekehrt:

„Sieh Jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt.“

103
Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten

Mein Streben war, vor Freud’ und Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten.

106
Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld[152]
[256]

Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau’ auf seine Huld!

109
Nicht sieh auf dieser Qualen Form und Zeichen;

Denk’ an die Folg’ – im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen.

112
Ich sprach: „„Nur unklar seh’ ich und verwirrt[153]

Was dort sich naht. Sind’s menschliche Gestalten,
Was unstät jetzt vor meinen Augen flirrt?““

115
„Kaum seh’ ich jetzt ihr Bild sich klar entfalten,“

Entgegnet’ Er, „weil erdwärts tief gebückt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten.

118
Sieh, was dort unter Steinen näher rückt,

Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten,
Und siehst genau, was Jeden niederdrückt.“

121
O stolze Christen, o ihr Armen, Matten!

Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, am Geiste blind,
Glaubt ihr vortrefflich geh’ eu’r Lauf von statten.

124
Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind,

Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Deß Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt.

127
Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?

Gewürm, das öfters, wenn’s der Pupp’ entflieht,
Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung!

130
Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,[154]

Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht,

133
Die im Beschauer wahres Leid erwecken,
[257]

Durch falschen Schmerz – so konnt’ ich jetzo klar
Bei schärferm Hinschau’n Jene dort entdecken,

136
Den mehr, den minder tief gebogen zwar,

Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war,

139
Schien thränenvoll zu sagen: Ich erliege!
_______________

Eilfter Gesang.
I. Kreis. Fortsetzung. Das Vaterunser. Oderisi der Maler und Andere.

1
„O Vater Unser, in den Himmeln wohnend,[155]

Du, nimmer zwar von ihrer Schrank’ umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend,

4
Es preise deinen Namen, deinen Geist,

Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden[156]
Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist.

7
Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,

Den Keiner je durch eigne Kraft errang,
Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden.

10
Gleichwie die Engel beim Hosiannah-Sang

Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken,
So opfre dir der Mensch des Herzens Hang.

13
Woll’ unser täglich Manna heut uns schenken;[157]

Darohn’ zurück auf dieser wüsten Bahn
Wir gehn, ob wie auch vorzuschreiten denken.

16
Wie wir, was Andre Böses uns gethan,

Verzeihn, o so verzeih’ uns du in Hulden,
Und sieh nicht das, was wir verdienen, an.

19
Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden
[258]

Vom alten Feinde, sondern mache los[158]
Von ihm, deß Arglist reizt zu Sünd’ und Schulden.

22
Für uns nicht, theurer Herr, für jene blos,

Geschieht, thut Noth die letzte dieser Bitten,
Die dort noch sind in unentschiednem Loos.“

25
So für sich selbst, für uns auch betend, schritten

Die Schatten langsam unter schwerer Last,
Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten,

28
Im ersten Vorsprung, der den Berg umfaßt;

Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen
Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast.

31
Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,[159]

Was kann für sie von solchen hier geschehn,
Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen?

34
Sie unterstütze treulich unser Flehn,

Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen
Und leicht und rein die Sternenkreise sehn.

37
„Soll Recht und Mitleid euch Erleicht’rung bringen,[160]

Um zu dem Ziel, das euch die Sehnsucht zeigt,
Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen,

40
So zeigt’ uns jetzo, wo man aufwärts steigt;

Weis’t uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
So lehrt uns den, der minder steil sich neigt.

43
Denn dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen[161]

Von Adam her bekleidet und beschwert,
Muß wider Willen träg im Steigen scheinen.“

46
So sprach mein Führer, Jenen zugekehrt,

Und diese Rede ward darauf vernommen,
Doch wußt’ ich nicht, von wem ich sie gehört:

49
„Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen,

Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß
Des Lebenden schon anderwärts erklommen.

52
Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
[259]

Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,

55
So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,

Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen.

58
Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,[162]

Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
Erzeugte mich und ist euch wohl bekannt.

61
Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen, machte

So übermühtig mich und stolz und roh,
Daß ich nicht mehr der Mutter Aller dachte.

64
Und ich verachtete die Menschen so,

Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.

67
Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen

Befleckt den Stolz, er hat auch Alle schier
Von meinem Stamm in’s Elend fortgerissen.

70
Bis ich dem Herrn genug that, ruht auf mir

Die schwere Last, und was ich dort im Leben
Nicht that, das thu’ ich bei den Todten hier.“

73
Ich horcht’ und ging gesenkten Haupts daneben,

Ein Andrer aber, unterm Steine, fing
Sich an zu winden, um den Blick zu heben.

76
Er sah, erkannt’ und nannte mich und hing,

Kaum fähig doch den Blick vom Grund zu trennen,
An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging.[163]

79
„„Du, Odris!““ rief ich, froh ihn zu erkennen,[164]

„„Scheinst Gubbio’s Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,[165]

[260]

Die Miniaturkunst die Pariser nennen.““

82
„Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei’n,“

Versetzte Jener, „Franks, des Bolognesen,[166]
Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Theil nur mein.

85
So edel wär’ ich, lebend, nicht gewesen,

Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen.

88
Für solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll;

Trug ich nicht lebend noch der Reu’ Beschwerden,
Wär’ ich nicht hier, wo man sich läutern soll!

91
O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden![167]

Wie wenig dauert deines Gipfels Grün,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden.

94
Als Maler sah man Cimabue blühn,[168]

Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen,
Und Jenes Glanz in trüber Nacht verglühn.

97
Den Ruhm der Sprachen nahm in diesen Tagen[169]

Ein Guid’ dem andern, und ein Andrer lauscht
Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen.

100
Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht

Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seit’ und Namen nur vertauscht.

103
Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,

Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,

[261]

Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen,

106
Eh’ tausend Jahr’ entfliehn? – wohl kürz’re Frist[170]

Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise
Des Himmels deines Augen Blinken ist.

109
Toskana ganz scholl einst von dessen Preise,[171]

Der dort vor mir so träg und langsam schleicht,
Jetzt flüstert’s kaum von ihm in Siena leise,

112
Wo er geherrscht, als, vom Geschick erreicht,

Firenza’s Wuth erlag, der stolzen, kühnen,
Der Stadt, die der Verworfnen jetzo gleicht.

115
Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,

Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Durch die es blühend aus der Erd’ erschienen!

118
Und ich: „„Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort

Und weiß mir trefflich Demuth einzuprägen;
Doch sprich: wer geht so schwer belastet dort?“

121
Salvani,“ sprach er, „ist es, hier deswegen,

Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß,
Dem freien Siena Ketten anzulegen.

124
Drum ging er so und geht ohn’ Unterlaß,

Seitdem er starb – der Zoll wird hier erhoben
Von Jedem, der sich dort zu hoch vermaß.“

127
Und ich: „„Weilt Jeder, welcher aufgeschoben

Bis zu dem Rand des Lebens Reu und Leid,

[262]

Dort unten erst und dringet nicht nach oben,

130
Wenn ihm nicht Hülfe gläubig Flehn verleiht,

Bis so viel Jahr’, als er gelebt, vergangen,[172]
Wie kam denn Er herauf in kürz’rer Zeit?““

133
Und Er: „Er ist auf Siena’s Markt gegangen[173]

Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt,
Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen;

136
Nein, weil sein Freund in Carlo’s Haft gelebt,

Um Hülf’ ihm und Befreiung zu gewähren,
Hat er als Bettler zitternd dort gebebt.

139
Ich red’ unklar, doch wird’s nicht lange währen,

So handelt also deine Nachbarschaft,
Daß du vermagst, dir Alles zu erklären.

142
Die That hat jene Schrank’ ihm weggeschafft.“
_______________

Zwölfter Gesang.
Zum zweiten Kreise. Bilder am Ausgang. Der Engel nimmt dem Dichter das erste P. von der Stirn.

1
Gleichmäßig, wie zwei Stier’ im Joche ziehn,[174]

Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
So lang’ es gut dem süßen Lehrer schien.

4
Doch als er sprach: „Laß ihn, um vorzuschreiten,

Hier gilt’s, so viel man immer kann, den Kahn

[263]

Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!“

7
Da richtet’ ich mich auf zur weitern Bahn

Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange[175]
Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn,

10
Und folgte meinem Hort im regen Drange

Der Wißbegier und beide zeigten wir,
Wie leicht uns war, schon mit dem raschen Gange,[176]

13
Bis daß er sprach: „Zu Boden blicke hier,

Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren,
Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir.“

16
Wie, um der Freund’ Erinn’rung zu bewahren,

Auf ird’schen Gräbern dargestellt erscheint,
Was, die drin ruhen, einst im Leben waren,

19
So daß bei diesem Anblick Jeder weint,

Wenn die Erinn’rung schmerzt in frischer Wunde,[177]
Die den nur spornt, der’s fromm und redlich meint;

22
So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,

Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß,
Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde.[178]

25
Ihn, edler, als was je der Erd’ entsproß,[179]

Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß.

28
Dort aber auf des Weges anderm Theile,[180]
[264]

In starrem Todesfrost und träg und schwer,
Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile.[181]

31
Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr,

Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
Bewaffnet noch um ihren Vater her.

34
Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,[182]

Erblickt’ ich dann, und wie verwirrt und toll
Nach den Genossen seiner Arbeit spähend.

37
Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,

– Hier sieben Kinder todt, dort andre sieben –
Wie jedem Aug’ ein Thränenstrom entquoll.

40
O Saul, du schienst, in’s eigne Schwert getrieben,

Todt, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
Von Thau und Regen unbenetzt geblieben!

43
Arachne, Thörin, einst voll Eitelkeit,[183]

Halb Spinn’ jetzt, auf den Fetzen von Gewebe,
Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid!

46
Rehabeam – es schien, als ob er bebe,

Als ob er, statt wie immer sonst zu drohn,
Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe.

49
Man sah Eriphylen sich mit dem Lohn,[184]

Für den Verrath am Gatten, frevelnd schmücken;

[265]

Doch theuer macht ihr das Geschmeid’ ihr Sohn!

52
Sah den Sennacherib – im Tempel zücken[185]

Auf ihn die Söhn’ ihr Schwert voll Frevelmuth,
Und kehren dem Erschlagnen dann den Rücken.

55
Des Cyrus Tod und der Tomyris Wuth –[186]

Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
Dein Durst war Blut, nun füll’ ich dich mit Blut.

58
Dann der Assyrer Heer – es floh, geschlagen,[187]

Nach Holofernes Tod, noch hinterdrein
Verfolgt der Feind noch die, so nicht erlagen.

61
O Ilion, wie niedrig und wie klein!

Wohl standest du auf Troja’s Fluren dreister,
Als hier, in Asch’ und Schutt, auf dem Gestein!

64
Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,

Der Formen und Geberden ausgedrückt
Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister?

67
Mir schien, wie ich dahin ging, tief gebückt,

Was todt war, todt, was lebend war, zu leben,
Nicht besser hat’s, wer’s wirklich sah, erblickt.

70
Stolzirt nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,

Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist
Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben! –

73
Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,

Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
Als ich bemerkt’ mit dem befangnen Geist:

76
Als Er, deß Fuß und Seele vorwärts drangen,

Begann: „Blick’ auf, erhebe Haupt und Sinn!
Nicht ist’s mehr Zeit, den Bildern anzuhangen.

79
Ein Engel naht – drum blick’ empor, dorthin!

Schon kehrt, von schnellen Fittigen getragen,
Zurück des Tages sechste Dienerin.[188]

[266]
82
Schmück’ jetzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,

Dann führt er wohl mit Freuden uns empor.
Denk’, nie wird dieser Tag dir wieder tagen.“

85
Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,

Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer
Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor.

88
Das schöne Wesen naht’ – ein weißer Schimmer

War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer.

91
Die Arm’ erschloß er, dann das Flügelpaar,

Und sprach: „Komm jetzt, denn nahe sind die Stufen
Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr.

94
Nur Wen’ge nahn von Vielen, die berufen.

O Mensch, du fällst bei jedes Windes Wehn,
Du, den zum Aufflug Gottes Händ’ erschufen.“

97
Bald ließ er uns des Felsens Oeffnung sehn.

Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel
Und hieß mich dann gesichert weiter gehn.

100
Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel[189]

So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht,
Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel,

103
Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,

Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
Wo sicher war das Maß und das Gewicht;

106
So war der Fels durch Stufen zu beschreiten,

Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand,
Doch streift man das Gestein von beiden Seiten.

109
Laut klang’s, indem ich dort mich aufwärts wand,

„Den geistlich Armen Heil!“ – mit einem Sange,[190]
Wie ich so süß noch keinen je empfand.

[267]
112
Wie anders war es hier, als bei dem Gange

Durch’s Höllenreich. Bei Liedern klomm ich auf
Und dort hinab bei wildem Jammerklange.

115
Die heil’gen Stiegen klommen wir hinauf,

Und leichter schien mir’s hier, empor zu kommen,
Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf.

118
„„Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,““

So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
„„Daß ich fast mühelos empor geklommen?““

121
Und Er: „Sind diese P, die zwar noch jetzt[191]

Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwinden,
Erst, wie das Eine, völlig ausgewetzt,

124
Dann wird den Fuß dein Streben überwinden,

So daß ihm Klimmen keine Mühe macht,
Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden.“

127
Da that ich Jenen gleich, die, sonder Acht,

Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht;

130
Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen,

Mit dieser suchen, finden und damit
Zuletzt erschau’n, was nicht die Augen sehen.

133
Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt

Ich an der Stirne hin und, sieh, vergangen
War eins der Zeichen, das der Engel schnitt.

136
Da schwebt’ ein Lächeln um des Meisters Wangen.
_______________
[268]
Dreizehnter Gesang.
II. Kreis. Die Neidischen, Blindheit erduldend. Sapia.

1
Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,

Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
Des Bergs, der läutert, die hinauf gestiegen.

4
Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,

Der, gleich dem ersten, rings die Höh’ umwindet,
Nur daß sein Bogen noch sich schneller neigt,[192]

7
Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,

Einförmig man den Weg und das Gestad
Nur von des Steines düstrer Farbe findet.

10
„Dafern wir harrten, bis der Führer naht,“

So sprach Virgil darauf, „hier säumig stehend,
So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad.“

13
Dann macht’ er festen Blicks zur Sonne sehend,

Für die Bewegung seinen rechten Fuß
Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend.[193]

16
„O süßes Licht, du flößest den Entschluß

Zum neuen Weg mir ein, du führ’ uns weiter,“
Begann er, „wie ein treuer Führer muß.

19
„Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter!

Stets wollen wir, wenn Andres nicht befiehlt
Besondrer Grund, nur dich zu unsrem Leiter!

22
So viel auf Erden eine Miglie gilt,

So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
In wenig Zeit, vom regen Trieb erfüllt.

25
Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden,

Gehört, doch nicht gesehn, herbei, und schien
Zum Tisch der Lieb’ uns freundlich einzuladen.

[269]
28
Der erste Geist rief im Vorüberfliehn:[194]

Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
Dann nochmals hinter uns im Weiterziehn.

31
Und eh’ sie, sich entfernend, ganz verklangen,

Da rief: Ich bin Orest! – ein zweiter Geist,
Und war im schnellen Flug vorbeigegangen.

34
„„O,““, sprach ich, „„Vater, sage, was dies heißt?““

Da klang die dritte Stimm’ in meine Frage,
Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist.

37
Und Er: „Du findest hier des Neides Plage!

Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt
Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage.

40
Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.[195]

Du wirst ihn hören, eh’ im Weitergehen
Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt.

43
Versuch’ es jetzo, scharf dorthin zu spähen,

Und vor uns wirst du Leute, lang gereiht,
Entlang der Felsenhöhlung sitzen sehen!

46
Da öffnet’ ich sogleich die Augen weit,

Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid.

49
Und, näher, hört’ ich sie mit lautem Schalle

„Bitte für uns, Maria!“ brünstig schrei’n,
„Michael und Petrus und ihr Heil’gen Alle!“

52
Möcht’ Einer noch so hart und grausam sein,

Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen,
Hätt’ er, wie ich, gesehn der Armen Pein.

55
Denn als ich nun so nahe hingekommen,

Daß ich Geberd’ und Angesicht erkannt,
Da ward mein Herz durch’s Auge schwer beklommen.

[270]
58
Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;[196]

Sie lehnten sich an sich, und ihren Rücken
Sie allesammt an jene Felsenwand;

61
Den Blinden gleich, die Noth und Hunger drücken,[197]

Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn,
Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken,

64
Indem sie, um das Mitleid zu erhöhn,

Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen,
Als mit den lauten Jammerworten flehn.

67
Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen

Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen.

70
Gebohrt war durch die Augenlider Draht,

Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähend,[198]
Der, wild, nicht nach des Jägers Willen that.

73
Mir aber schien es Unrecht, daß ich sehend,

Doch ungesehn dort ging, drum wandt’ ich mich
Zum weisen Rath, nach seiner Meinung spähend.

76
Er, der sogleich errieth, weswegen ich

Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
Sprach: „Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich.“

79
An jener Seite, wo der Fels sich senkte,

Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil keine Brustwehr dort den Rand verschränkte;

82
Zur andern Seite saß die fromme Schaar,
[271]

Und durch die grause Nacht gepreßte Zähren,
Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr.

85
„„Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,““

Begann ich nun, „„das einzig euer Traum,
Das einzig euer Wunsch ist und Begehren,

88
Die Gnade lös’ euch des Gewissens Schaum[199]

Und mache drin auf reinem lautern Grunde
Der Seele klarem Fluß zum Strömen Raum.

91
Doch bitt’ ich euch, gebt mir gefällig Kunde:

Ist eine Seel’ aus Latium hier? – Ich bin
Für sie vielleicht dann hier zu guter Stunde.““

94
„O Bruder, jede Seel’ ist Bürgerin[200]

Von einer wahren Stadt – doch willst du fragen,
Ob ein’ in Welschland lebt’ als Pilgerin.“

97
So schien’s von mir noch etwas fern zu sagen,

Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen.

100
Und Eine wartete, so kam mir’s vor,

Auf Antwort, und, um’s deutlicher zu zeigen
Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor.

103
„„Du, die der Qual sich beugt, um aufzusteigen,

Warst du’s, die Antwort gab, so magst du mir
Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen.““

106
„Ich war von Siena, und mit diesen hier,“

So sprach sie, „läutr’ ich mich vom Lasterleben
Und weinend flehn um Gottes Gnade wir.

109
Sapia hieß ich und ich war ergeben[201]

Der Thorheit, denn mir schien der Andern Leid

[272]

Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben.

112
Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,

So höre nur! – Die Jugend war verflossen,
Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit

115
Als nah’ bei Colle meine Landsgenossen

Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.

118
Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,[202]

Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
Fühl’ eine Lust, der keine weiter gleicht,

121
So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage,

Und rufe: „Gott, nicht fürcht’ ich mehr dich jetzt“,
Der Amsel gleich am ersten warmen Tage.[203]

124
Nach Gottes Frieden sehnt’ ich mich zuletzt

Am Rand des Lebens, aber meine Schulden
Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt,

127
Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden[204]

Gedacht in seinem heiligen Gebet;
Noch müßt’ ich vor dem Throne harrend dulden.

130
Doch wer bist du, der offnen Auges geht,

So scheint’s, um unsern Zustand zu erkunden,
Und dessen Athem noch beim Sprechen weht?“

133
„„Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,““[205]

So sprach ich, „„doch ich hoffe kurze Frist,
Weil man’s nur selten scheel vor Neid gefunden.

136
Mehr als das Leid, ob deß du traurig bist,
[273]

Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
Schon fühl’ ich, wie die Bürde drückend ist.““

139
Und Sie: „Wer also hat dich hergeleitet,

Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?“
„„Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet.

142
Ich leb’, erwählter Geist, und wenn ich einst

Jenseits als Sterblicher für dich bewegen
Die Füße soll, so fordre, was du meinst.““[206]

145
„So neu ist, was du sagst,“ sprach Sie dagegen,

„Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt.
Verwende drum dein Flehn zu meinem Segen.

148
Ich bitte dich, bei Allem, was dir werth,

Wirst du dich je im Tuscier-Land befinden,
So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt.

151
Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,[207]

Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
Und wie bei Diana’s Quelle wird er schwinden –

154
Doch setzen mehr die Admiräle dran.“
_______________

Vierzehnter Gesang.
II. Kreis. Fortsetzung. Guido del Duca und Rinier de Calboli. Strafrede gegen Florenz und Pisa.

1
„Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,

Eh’ ihn der Tod beschwingt – dem nach Behagen

[274]

Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?“ –

4
„Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen,

Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
Magst du, damit er red’, ihn höflich fragen.“

7
So redeten, von mir zur Rechten hin,

Zwei Geister dort sich zu einander neigend,
Dann um zu sprechen hoben sie das Kinn.[208]

10
„O Seele, die, empor zum Himmel steigend,“

Sprach dann der Eine, „noch im Körper steckt,
O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend,

13
Woher? wer bist du? denn solch’ Staunen weckt

Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
Wie wenn, was nie geschehn, sich uns entdeckt.“

16
Und ich: „Ein Fluß, der Falteron’ entquollen,[209]

Lustwandelt mitten durch das Tuscier-Land,
Dem hundert Miglien Laufs nicht g’nügen wollen.

19
Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.

Doch sagt’ ich, wer ich sei – nicht würd’ euch’s frommen,[210]
Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand.““

22
„Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,

Meinst du den Arno und sein Thalgebiet?“
So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen.

25
Der Zweite sprach darauf: „„Warum vermied

Er jenes Flusses Namen zu verkünden,
Wie’s sonst mit Grauenvollem nur geschieht?

[275]
28
Und Jener sprach: „Nicht kann ich dies ergründen,

Doch werth des Untergangs ist jenes Wort,
Das nur Erinn’rung weckt an Schmach und Sünden.

31
Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,[211]

(Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,)
Wo’s wasserreich, wie sonst an keinem Ort,

34
Bis dahin, wo der Fluß mit ew’gen Güssen

Das, was dem Meer die Sonn’ entsaugt, ersetzt,
Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen –

37
Wird, sei’s durch schlechte Sitt’ und Neigung jetzt,

Sei’s, daß der Ort an einem Fluche leide,
Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt.

40
Die Menschen drum in diesem Thal voll Leide

So gänzlich haben die Natur verkehrt,
Als ob sie kämen von der Circe Weide![212]

43
Zu garst’gen Schweinen, mehr der Eicheln werth,[213]

Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt.

46
Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,

Trifft er ohnmächt’ge kleine Kläffer an,
Von welchen er die Stirn unwillig wendet.

49
Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,

Sieht der unselige, verfluchte Graben
Die Hund’ an Art sich mehr den Wölfen nahn.

52
In tiefen Klüften scheint er drauf vergraben,

Und trifft dann Füchs’, in List so eingeweiht,

[276]

Daß keine Angst sie vor dem Schlau’sten haben.

55
Frei red’ ich, sei der Hörer auch nicht weit,[214]

Und gut wird’s diesem sein, das zu behalten,
Was der wahrhafte Geist mir prophezeit.

58
Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten[215]

Am grausen Strom, der so zu jagen weiß[216]
Die Wölfe dort, daß sie vor Schreck erkalten.

61
Denn er verkauft sie lebend schaarenweis,

Dann sticht er sie, gleich altem Schlachtvieh, nieder.
Das Leben raubt er Vielen, sich den Preis.

64
Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,[217]

Den Wald, gefällt und ringsum öd’ und todt,
Und tausend Jahr’ erneu’n sein Laub nicht wieder.“

67
Wie bei Verkündigung zukünft’ger Noth

Des bangen Hörers Züge sich umschatten,
Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht,

70
So sah ich jetzo jenen andern Schatten,

Der zugehorcht, verstört und bange stehn,
Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten.

73
Was ich von dem gehört, von dem gesehn,

Mich reizt’ es, ihren Namen nachzufragen,
Und bittend ließ ich meine Frag’ ergehn.

76
Und den, der erst gesprochen, hört’ ich sagen:

„Du also willst, für dich thun soll ich dies,
Was du für mich zu thun mir abgeschlagen?

[277]
79
Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ

Gott in dir strahlen seine Huld und Güte.
Drum wisse, daß ich Guid’ del Duca hieß.

82
Von Neid verbrannt war also mein Geblüte,

Daß, wenn ich sah, ein Andrer sei erfreut,
Ich schwarz vor Gall’ in bitterm Ingrimm glühte.

85
Hier mäh’ ich Saat, die ich dort ausgestreut.

O Sterbliche, was müßt ihr das begehren,
Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut![218]

88
Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren

Das Haus von Calboli gebracht, deß Muth
Und Kraft und Werth die Erben ganz entbehren.

91
Und nicht nur Alle jetzt aus seinem Blut[219]

Der Lust und Wahrheit Güter träg versäumen,[220]
Vom Po zum Berg, von Ren’ zur Meeresfluth:

94
Das ganze Land ist voll von gift’gen Bäumen!

Vergeblich wär’s, durch Anbau, dieser Art
Dichtwucherndes Gewimmel wegzuräumen.

97
Wo findt’ ein Lizio heut’, wo ein Manard,[221]

Carpigna, Traversaro seines Gleichen?

Romagner, ist eur’ jeder ein Bastard?
100
Wer in Bologna mag Fabbro erreichen?[222]
[278]

Wann in Faënza wird, gleich Bernardin,[223]
So edler Sproß aus niedrem Stamm entsteigen?

103
Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,[224]

Wenn ich des Guid’ von Prata noch gedenke,
Und deß, der mit uns war, des Ugolin,

106
Dann auf Tignoso die Erinn’rung lenke,

Auf Traversar’s und Anastasens Haus,
Und ob des unbeerbten Stamms mich kränke!

109
Auf Ritter, Frau’n, auf Spiele, Kampf und Straus,

Was wir aus Lieb’ und Edelsinn begannen,
Wo jetzt die Herzen sind voll Tück’ und Graus!

112
O Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,[225]

Da, um zu fliehn Verderben, Schand’ und Hohn,
Dein ganzes Haus und Viele mit entrannen!

115
Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn![226]

Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohn!

118
Gut werden thun, wird erst ihr Dämon sterben,[227]

Faënza’s Herrn, doch nimmer werden sie
Des Ruhmes reines Zeugniß sich erwerben.

121
Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie[228]

Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh!

124
Doch jetzt, Toskaner, geh, denn nicht zum Sprechen,
[279]

Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
Und preßt mein Herz durch Unthat und Verbrechen.“

127
Durchs Ohr ward Jenen unser Gehn bekannt,[229]

Drum wußten wir, da sie es schweigend litten,
Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt.

130
Indem wir einsam nun von dannen schritten,

Scholl eine Stimm’ uns zu, eh’ wir’s gedacht,
Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten:

133
Mich tödtet, wer mich trifft! sie rief’s mit Macht[230]

Und floh im schnellen Flug dann, und verhallte,
Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht.

136
Und wie sie kaum an uns vorüberwallte,

Braust’ eine zweite schon an unser Ohr,
Die schrecklich, wie ein Donnerschlag erschallte:

139
Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror![231]

Und als ich an Virgil mich drängen wollte,[232]
Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor.

142
Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,

Da sprach Virgil: „Dies ist der harte Zaum,
Der auf der rechten Bahn euch halten sollte.

145
Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,

So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen,
Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum.

148
Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen,
[280]

Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht,
Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen,

151
Und deshalb schlägt euch der, der Alles sieht.“
_______________

Fünfzehnter Gesang.
Das zweite P. verschwindet unmerklich. III. Kreis, Zornige, im Rauch. Vision der Sanftmuth. Abend.

1
So viel, als, bis zum Schluß der dritten Stunde,[233]

Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht,
Die wie ein Kindlein tanzt im ew’gen Runde:

4
So viel des Weges hatt’, eh’ noch vollbracht

Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.[234]

7
Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,[235]

Schien jetzt die Sonn’ uns mitten in’s Gesicht,
Weil wir gerade gegen Westen gingen.

10
Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht[236]

Mir auf die Stirn, mich mehr, als erst, zu blenden.
Ich staunt’, und was er war, begriff ich nicht.

[281]
13
Schnell deckt’ ich mir die Augen mit den Händen,[237]

Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut
Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden.

16
Gleichwie der Strahl vom Spiegel, von der Flut

Zurückprallt, nur, um wieder aufzusteigen,
Und dies so, wie er eingefallen, thut,

19
Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,

So hier, wie dort abweicht in gleichem Zug,
Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen:

22
So ward mein Auge jetzt in jähem Flug

Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte,
Drob ich’s in Eile schloß und niederschlug.

25
„„Was, süßer Vater, ist dies? dem Gesichte

Will, was ich thue, nicht zum Schutz gedeihn.
Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!““

28
Drauf Er: „Nicht staune, wenn in solchem Schein,[238]

Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
Ein Bote kommt und läd’t zum Steigen ein.

31
Bald wird, was erst die Augen thränend sahen,

Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit,
Sie zu empfinden von Natur empfahen.“

34
Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:

„Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,[239]
Als jene sind, die ihr gestiegen seid.“

37
Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen,

Sang’s hinter uns: „Heil den Barmherz’gen, Heil!“
Und wieder klang’s: „Sei froh in deinen Siegen!“[240]

[282]
40
Und da wir Beid’ allein, und minder steil

Die Treppen waren, dacht’ ich: Noch im Gehen
Wird Lehre wohl vom Meister dir zu Theil.

43
„„Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,[241]

Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?““
Ich sprach’s, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen.

46
„Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut,“

Sprach drauf Virgil, „will er dich weiser machen,
Und tadelt drum, was er nun schwer bereut.

49
Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,

Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen.

52
Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit

Des Menschen Wünsch’ ihr rechtes Ziel erkennen,
Wär’ eure Brust von solcher Angst befreit.

55
Je Mehrere dies Gut ihr eigen nennen,

Je mehr besitzt des Guts ein Jeder dort,
Je stärker fühlt er sich in Lieb entbrennen.“

58
„„Noch fass’ ich nichts,““ versetzt’ ich meinem Hort,

Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
In meiner Seel’ erweckt, als jetzt dein Wort.

61
Kann höher je der Reichthum Vieler steigen,

Wenn man ein Gut vertheilt, als wenn es nicht
Gemeinsam wäre, sondern Einem eigen?““

64
Und Er: „Weil, nur auf Erdengut erpicht,

Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen,
Drum schöpfst du Finsterniß aus wahrem Licht.

67
Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,

Sie eilen so in’s liebende Gemüth,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen.

70
Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,

Und reicher strömt die ew’ge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb’ erblüht.

73
Erhebt die Seel’ erst aufwärts ihr Gefieder[WS 7],
[283]

Liebt mehr’re sie, je mehr zu lieben ist,
Denn Eine strahlt den Glanz der andern wieder –

76
Und g’nügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist

Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,[242]
Durch welche du dann ganz befriedigt bist.

79
Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden[243]

Die fünf sich schließen wie das erste Paar;
Sie schließen sich, wenn du ihr Weh empfunden.“

82
Schon wollt’ ich sagen: Deine Red’ ist klar!

Da war ich an des andern Kreises Saume,
Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war.

85
In einen Tempel schien, von wachem Traume[244]

Dahingerissen, meine Seel’ entflohn,
Und Leute sah ich viel’ in seinem Raume.

88
Am Eingang schien mit süßem Mutterton[245]

Und zärtlicher Geberd’ ein Weib zu sagen:
„Was hast du dies an uns gethan, mein Sohn?

91
Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,

Ich und der Vater“ – sprach’s, und wundersam
Schien sie vom Wehn der Luft davongetragen.

94
Drauf vors Gesicht mir eine Zweite kam,[246]

Von Zähren naß, die – wohl war’s zu erkennen –
Dem Aug’ entpreßte zornerzeugter Gram.

[284]
97
Sie rief: „Willst du den Herrn der Stadt dich nennen,

Ob deren Namen Götter sich gegrollt,[247]
Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen,

100
Dann, Pisistrat, zahl’ ihm der Frechheit Sold,

Der’s wagte, deine Tochter zu umfassen!“
Allein der Herr, der liebreich schien und hold,

103
Entgegnet’ ihr, die also rief, gelassen:

„Wird Jener, der uns liebt, von uns verdammt,
Was thun wir dann an solchen, die uns hassen?“

106
Dann sah ich eine Schaar, von Zorn entflammt,[248]

Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt,
Todt! Todt! so schrie’n sie wüthend allesammt.

109
Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,

Deß Last ihn zu der Erde niederrang,
Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt,

112
Und fleht empor zu Gott in solchem Drang:

„Vergieb der Wuth, die gegen mich entbrannte!“
Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang.

115
Als meine Seele sich nach außen wandte,[249]

Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr,
Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte,

118
Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir,

Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte:
„Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir?

121
Bereits seit einer halben Stunde knickte

Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte.“

124
„„O süßer Vater, hörst du’s an““ – dies sprach

Ich drauf zu ihm – „„so will ich dir verkünden,

[285]

Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach.““

127
„Ob mir entgegen hundert Masken stünden,“

Entgegnet’ er, „und deckten dein Gesicht,
Doch würd’ ich, was du denkst, genau ergründen.

130
Das, was du sahst, du sahst’s, damit du nicht

Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,[250]
Deß Strom hervor aus ew’ger Quelle bricht.

133
Was ist dir? fragt’ ich nicht, wie der danieden

Zu fragen pflegt, deß Auge nicht mehr schaut,
Sobald die Seel’ aus seinem Leib geschieden.

136
Die Füße dir zu kräft’gen, fragt’ ich laut,

Denn treiben muß man so den wachen Trägen,
Den Tag zu nützen, eh’ der Abend graut.“

139
Wir gingen Beid’ in sinnigem Erwägen

Dem Abend zu, und sahn, so weit man kann,[251]
Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen.

142
Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,

Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
Und nirgends traf man Raum zum Weichen an,[252]

145
Daher er bald uns Aug’ und Himmel deckte.
_______________

Sechszehnter Gesang.
III. Kreis. Fortsetzung. Marco Lombardo’s Rede von den zwei Sonnen. Dante’s politisches Glaubensbekenntniß.

1
Das Schwarz der Höll’ und einer Nacht, durchfunkelt[253]

Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein,

[286]

Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt,

4
Nie schloß es mich in gröbern Schleier ein,

Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein.

7
Nicht konnt’ ich stehn, die Augen unverschlossen,[254]

Drum nahte sich und seine Schulter bot
Mein Führer mir, treu, weis’ und unverdrossen.

10
So wie der Blinde gern in seiner Noth

Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen
An was Gefahr bringt und vielleicht den Tod,

13
So folgt’ ich ihm, ohn’ etwas zu erkennen,

Durch widrig bittern Qualm, und horcht’ auf ihn,
Der sprach: „Gieb Achtung, daß wir uns nicht trennen.“

16
Ich hörte Stimmen dort, und jede schien

Um Gnad’ und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen,
Ob deß der Herr die Sünden uns verziehn.

19
Agnus Dei, hört’ ich den Anfang tönen,

Wobei sich Aller Wort und Weise glich,
Und voller Einklang herrscht’ in ihren Tönen.[255]

22
„„Dies sind wohl Geister, Herr!““ so wandt’ ich mich

An ihn, und Er: „Es ist, wie du entscheidest;
Sie lösen von der Zornwuth Schlingen sich.“

25
„Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,

Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?“

28
Die Rede ward von einem angestimmt,

Drum sprach mein Meister: „Stille sein Begehren,

[287]

Und frag’ ihn, ob man hier nach oben klimmt.“

31
„„Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren,

Sich reiniget und schön wird, wie zuvor,
Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!““

34
So ich, und Er: „Ich schreite mit dir vor,

So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
Führ’ uns im Rauch an Auges-Statt das Ohr.“

37
Drauf ich: „„Obschon die Hüllen mich umkleiden,

Die nur der Tod lös’t, schreit’ ich doch hinauf,
Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden.

40
Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,

Daß ich vermag zu ihm empor zu streben,
Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf,[256]

43
So sage mir, wer warst du einst im Leben,

Und ob ich hier die rechte Straße hielt,
Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben.““

46
Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,[257]

Ich kannt’ es wohl und strebte nach dem Preise,
Nach welchem jetzt auf Erden Keiner zielt.

49
Grad’ vor dir ist der Weg zum höhern Kreise.“

Er sprach’s: „Noch bitt’ ich dich,“ so fügt’ er bei,
„Fürbittend denke mein am Ziel der Reise.“

52
Und ich zu ihm: „„Bei meiner Treu’, es sei!

Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,[258]
An dem ich berste, sag’ ich ihn nicht frei.

55
Er war einst einfach, doppelt jetzt empfinde

Ich ihn in mir, nach dem was du gesagt,
Wenn ich das schon Gehörte mit verbinde.

58
Wahr ist’s, die Welt, so wie du mir geklagt,
[288]

Ist öd’ an jeder Tugend, jeder Ehre,
Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt,

61
Doch daß ich sie erkenn’ und Andern lehre,

So bitt’ ich, deute jetzt die Ursach’ mir.
Der sucht sie dort, der in des Himmels Sphäre.““

64
Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier

Laut seiner Brust, und dann begann er: „Wisse,
Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr.

67
Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse

Der Himmel selber Schuld an Allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse.

70
Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein[259]

Von freiem Willen? wie entspräch’s dem Rechte,
Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein?

73
Anstoß leih’n eurer Regung Sternenmächte;[260]

Nicht jeglicher; jedoch auch dies gesetzt.
So ward Erkenntniß euch für’s Gut’ und Schlechte

76
Und freier Wille, der, wenn er auch jetzt

Zuerst nur mühsam mit den Sternen streitet,
Vom Kampf gestählt, gewißlich siegt zuletzt.

79
Und seid ihr frei, so ist das, was euch leitet,

Bess’re Natur und größre Kraft – ein Geist,
Dem keine Hindrung mehr ein Stern bereitet.

82
Drum, wenn die Welt mit sich der Irrthum reißt,

In euch nur liegt der Grund, liegt in euch Allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist: –

85
Es kommt aus dessen Hand, deß Wohlgefallen[261]
[289]

Ihr lächelt, eh’ sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen,

88
Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,

Als, daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind.

91
Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen

Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen.

94
Gesetz, als Zaum, ist nöthig drum der Welt,[262]

Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Thurm behält.

97
Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?[263]

Kein Mensch, denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
Doch nicht gespaltne Klau’n hat, führt die Schaaren;

100
Daher die Heerde, die dem Führer traut,

Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert,
Nur dies begehrt und nicht nach Höherm schaut.

103
Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert,

Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert.

106
Rom hatte, da’s zum Glück die Welt bekehrt,

Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt’ Eine,[264]

[290]

Die andere den Weg zu Gott verklärt.

109
Verlöscht ward eine von der andern Scheine,

Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
Gefaßt im übel passenden Vereine.

112
Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,[265]

Sich Hirtenstab und Schwert – du kannst’s begreifen,
Denn an den Früchten wird der Baum erkannt.

115
Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen,[266]

Eh’ man dem Kaiser Widerstand gethan,
Stets edle Sitt’ und Kraft und Tugend reifen.

118
Jetzt finden, die den Guten sich zu nahn

Und sie zu sprechen, sich erröthend scheuen,
In jenem Land vollkommen sichre Bahn.

121
Die alten Zeiten schelten dort die neuen

Noch durch drei Greise von der ächten Art,
Die, harrend, sich des nahen Todes freuen.

124
Konrad Pallazzo ist es und Gherard[267]

Und Guid’ Castel, der besser heißen würde
Nach fränk’scher Art: der ehrliche Lombard.

127
Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,[268]

Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,

[291]

In Koth besudelnd sich und ihre Bürde.“ –

130
„„Mein Marco,““ sprach ich, „„klares Licht empfängt

Durch deine Rede jetzt mein Geist – ich sehe[269]
Was aus der Erbschaft Levi’s Stamm verdrängt.

133
Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe

Als Denkmal noch versunkner guter Zeit,
So, daß er dieser Zeit Verderbniß schmähe?““

136
„Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?“

So Er: "Du, Tuskisch sprechend, thust dergleichen,
Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit?

139
Den Namen kenn’ ich, sonst kein andres Zeichen,

Wenn man’s von seiner Gaja nicht entnimmt,[270]
Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen.

142
Sieh, wie im weißen Glanz der Rauch entglimmt. –

Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten;
Ich scheid’, eh’ er mich wahr hier sprechend nimmt.“

145
Er sprach’s, und horchte nicht mehr meinen Worten.
_______________

Siebenzehnter Gesang.
Vision der Bilder des Zorns. IV. Kreis: Träge Christen, eilig laufend. Abend. Excurs über die moralische Eintheilung des Fegefeuers.

1
Denk, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte

Auf Alpenhöh’n, durch den, wie durch die Haut
Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte,

4
Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,

Nun dünn wird und beginnt sich zu erhellen,
Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut;

[292]
7
Und doch vermagst du kaum dir vorzustellen,

Wie ich die Sonn’ jetzt wiedersah, die sich
Jetzt eben senken wollt’ ins Bett der Wellen.

10
So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich

Ich aus der Wolk’, als wie aus dunkler Klause,
Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich.

13
O Phantasie, die du aus ihrem Hause[271]

Weithin die Seel’ entrückst, daß man’s nicht spürt,
Ob rings umher Trompetenschall erbrause,

16
Was regt dich auf, wenn nichts dein Sinn berührt?

Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder
Oft selber strömt, oft auch ein Wille führt.

19
Die Arge sah ich, die sich im Gefieder[272]

Des Vogels barg, der ewig Reu’ und Gram
Verhaucht im Klang der süßen Klagelieder.

22
Und ganz zurückgedrängt ward wundersam

Hier meine Seel’ in sich, zu nichts sich neigend,
Und nichts aufnehmend, was von außen kam.

25
Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,[273]

Ein Mann am Kreuz, so trotzig stolz, wie er
Im Leben war, sich auch im Tode zeigend.

28
Ich sah dabei den großen Ahasver,

Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen,
In Wort und That – sie standen um ihn her.

31
Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,

Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein
Im Wasser glänzt, wenn sie emporgeschwommen.

34
Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein.[274]
[293]

„O Fürstin, Mutter!“ rief die Thränenvolle,
„Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein!

37
Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle.

Bin ich nun dein? Vor seinem Tode zwingt
Der deine mich zu bittrem Thränen-Zolle.“

40
Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt,

Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen,
Doch eh’ er ganz erstirbt, sich sträubt und ringt,

43
So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,

Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar,
Wie’s nie zur Erde strömt aus Himmelshallen.

46
Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,

Als eine Stimm’ erklang: „Hier müßt ihr steigen!“
Und ich vergaß des Andern ganz und gar.

49
Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,

Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt,
Die Unruh’ nicht in meinem Innern schweigen.

52
Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,

Durch zu viel Licht ihr eignes Bild bedeckend,
Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt.

55
„Ein Himmelsbot’ ist’s, uns den Weg entdeckend,

Der aufwärts führt, auch ohne daß wir flehn,
Und selber sich in seinem Licht versteckend.

58
Wie wir uns selber thun, ist uns geschehn;[275]

Denn wer die Noth erblickt und harrt der Bitte,
Ist böslich schon geneigt, sie zu verschmähn.

61
Auf! solchem Rufe nach mit raschem Tritte![276]

Wir müssen aufwärts, eh’ das Dunkel naht,
Sonst sind gehemmt bis Morgens unsre Schritte.“

64
Mein Führer sprach’s, worauf zum Felsgestad’

Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen,
Und wie ich auf die erste Stufe trat,

[294]
67
Fühlt’ ich ein Weh’n, wie von bewegten Schwingen,[277]

Im Angesicht, und laut erklang’s, mir nah’:
„Heil den Friedfert’gen, die den Zorn bezwingen.“

70
Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah

Ich über uns, gefolgt von nächt’gen Schatten.
Und schon erschienen Sternlein hier und da.

73
„„O, meine Kraft, was mußt du so ermatten!““[278]

So sprach ich still bei mir, denn ich empfand,
Daß sich gelöst der Füße Kräfte hatten.

76
Wir waren auf der höchsten Stufe Rand,

Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand.

79
Aufmerksam lauscht’ ich erst nach allen Orten,

Ob nichts zu hören sei, und wandte nun
Zu meinem Meister mich mit diesen Worten:

82
„„Mein süßer Vater, sprich, welch übles Thun

Führt uns zur Läuterung in diesem Kreise?
Laß nicht die Rede, gleich den Füßen, ruhn.““

85
Trägheit zum Guten,“ Sprach darauf der Weise

Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst;
Hier wird der träge Rudrer schnell zur Reise.

88
Merk’ auf, damit du’s deutlicher erfährst,

Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe.
Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst: –

91
Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe,[279]
[295]

Noch war es je. Du weißt, in der Natur
Und in der Seel’ entkeimen ihre Triebe.

94
Nie irrt die erste von der rechten Spur.

Die zweite kann im Gegenstande fehlen,
Und bald zu stark sein, bald zu lässig nur.

97
Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen,

Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt,
Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen.

100
Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie bald

Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen,
So thut dem Schöpfer das Geschöpf Gewalt.

103
So muß die Liebe, wie du wirst erkennen,

In euch die Saat zu jeder Tugend streu’n,
Doch auch zu Allem, was wir Laster nennen.

106
Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n

Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den Selbsthaß je zu scheu’n!

109
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden

Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hassen jeder Trieb vermeiden.[280]

112
Drum kannst du, folgr’ ich richtig, deutlich sehn:

Am Nächsten nur hat Liebe man zum Schlimmen,
Sie kann aus dreifach schmutz’gem Quell entstehn.

115
Der hofft zur Herrlichkeit empor zu klimmen

Durch Andrer Fall, und dieses muß zur Lust,

[296]

Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen.

118
Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust

Scheut der, wenn sich ein Andrer aufgeschwungen,
Und liebt das Gegentheil mit banger Brust.

121
Der ist entrüstet von Beleidigungen,

Drob Durst nach Rach’ in ihm sich offenbart,
Bis ihm dem Andern weh zu thun gelungen.

124
Ob dieser Liebe von dreifacher Art

Weint man dort unten – jetzt vernimm von Liebe,
Die nicht durch rechtes Maß geregelt ward.

127
Nach einem Gute strebt mit dunklem Triebe

Der Mensch, und fühlt, daß seiner Wünsche Glut,
Erreicht er’s nicht, ihm unbefriedigt bliebe.

130
Die träge Lieb’ ist’s zu dem wahren Gut,

Die säumt, es zu erschau’n, es zu erringen,
Die hier nach echter Reue Buße thut.[281]

133
Gut scheinen andre Güter, doch sie bringen

Nicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht,
Aus welchen Früchte wahren Heils entspringen.

136
Die Lieb’, auf solches Gut zu sehr erpicht,

Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren;[282]
Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht,

139
Das sollst du selbst dir suchen und erklären.“
_______________

Achtzehnter Gesang.
Fortsetzung des Excurses über die Liebe. Die Schatten. Albertus von S. Zeno.

1
Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre

Ein Ziel gesetzt, und blickt’ aufmerksam mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre.

4
Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,

Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im Stillen:
„Beschwert ihn wohl zu viele Wißbegier?“

7
Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,
[297]

Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt
Mir neuen Muth, des Sprechens Lust zu stillen.

10
Drum ich: „„Dein Licht, mein theurer Meister, letzt

Mein Auge so, daß es an allen Dingen,
Die du beschreibst, klar schauend sich ergötzt.

13
Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen.

Was ist doch jene Lieb’ – ich bitte, sprich! –
Aus welcher gut’ und schlechte Werk’ entspringen?““

16
„Scharf richte deines Geistes Aug’ auf mich,“

Versetzt’ er, „und den Irrthum jener Blinden,
Die sich zu Führern machen, lehr’ ich dich.

19
Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,[283]

Bewegt sich schnell zu Allem, was gefällt,
Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden.

22
Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,

Faßt der Begriff, dem Willen es zu zeigen,
Der dann dorthin nur sich gerichtet hält.

25
Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,
[298]

Lieb’ ist es, ist Natur, die dem, was schön
Und reizend ist, sich hingiebt als ihm eigen.

28
Dann, wie die Flamm’ emporglüht zu den Höhn,

Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,[284]
Wo ihre Stoffe minder schnell vergehn,

31
So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,

Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben.

34
Drum sieh, wie noth die Wahrheit Jenen thut,

Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen,
Jedwede Lieb’ an sich sei recht und gut.

37
Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;

Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist
Das Bild, drin abgedrückt, noch nicht deswegen.“

40
Drauf ich: „„Dein Wort und mein folgsamer Geist,

Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen,
Obgleich der Geist noch zweifelsschwanger kreist.

43
Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb’ entstehen,

Lenkt die Natur die Seele, wie ist’s dann
Verdienstlich, ob wir krumm, ob grade gehen?““

46
Hör’ jetzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,“[285]

So Er, „dort stellt Beatrix dich zufrieden,
Denn jenseits fängt das Werk des Glaubens an.

49
Die wesentliche Form – sie ist geschieden

Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft
Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden.

52
Sie kann, nicht fühlbar bis sie wirkt und schafft,

Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren,
Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft.

55
Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären,

Woher zuerst in ihm Begriff’ entstehn,
Woher das erste Sehnen und Begehren.

58
Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,

Die Bien’ erhielt, so habt ihr es erhalten,
Das nicht zu loben ist und nicht zu schmähn.

[299]
61
Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rath giebt, walten,

Und sie, der andern Haupt und Herrscherin,
Soll Wach’ an eures Beifalls Schwelle halten.

64
Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,

Nimmt, wie euch gut’ und schlechte Lieb’ entzündet,
Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin.

67
Drum haben Jene, so die Sach’ ergründet,[286]

Die angeborne Freiheit wohl bedacht,
Und euch die Lehren der Moral verkündet.

70
Mag wirklich nun im Innern, angefacht

Von der Nothwendigkeit, die Lieb’ entbrennen,
So habt ihr doch auch sie zu zügeln Macht.

73
Die edle Kraft wird Beatrice nennen,

Wenn sie dir kund vom freien Willen thut,
Drum merk’ es, um des Wortes Sinn zu kennen.“

76
Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,[287]

Kam jetzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend,
Gleich einem Kessel anzusehn von Glut,

79
Den Pfad dem Himmelslauf entgegen lenkend,
[300]

Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglüht,
Inmitten Sard’ und Cors’ ins Meer sich senkend.

82
Der edle Geist, ob deß im Ruhme blüht[288]

Pietola vor Mantua’s andern Orten,
War jetzt nicht mehr durch meine Last bemüht.

85
Ich, der die Zweifel all in seinen Worten

Gelöset sah, und alles hell und klar,
Stand wie ein Schläfriger hinbrütend dorten.[289]

88
Doch plötzlich naht’ im Kreislauf eine Schaar,[290]

Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten,
Da sie bereits in unserm Rücken war.

91
Und wie Böotiens Flüss’ in nächt’gen Schatten[291]

Ein wild Gedräng’ an ihrem Strande sahn,
Wenn die Thebaner Bacchus nöthig hatten,

94
So sah ich Jen’ im Kreise trabend nahn

Und alle trieb – so wollte mir’s erscheinen –
Die rechte Lieb’ und wackrer Eifer an.

97
Und schon bei uns, denn zögern sah ich Keinen,

War angelangt der ganze große Hauf’.
Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen:

100
„Rasch zum Gebirge ging Mariens Lauf![292]
[301]

Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen,[293]
Umschloß Marseill’ und brach nach Spanien auf.“

103
„Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,“

Schrie’n Alle nun, „es macht der rege Fleiß
Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen.“

106
„O Ihr, in denen Eifer scharf und heiß

Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet,
Was ihr versäumt, wohl zu ersetzen weiß,

109
Der, welcher lebt – nicht sag’ ich Lügen – trachtet

Emporzusteigen, wenn der Morgen wach,
Drum sagt den Weg, den ihr den nächsten achtet.“

112
Mein Führer sagte dies, und Einer sprach:

„Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten
Zur Schluft, euch durchziehn läßt, so folgt uns nach.

115
Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,

Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht,
Was für uns Pflicht ist, für unhöflich halten.

118
Ich übt’ in Zeno’s Haus des Abtes Pflicht,[294]

Unter des guten Rothbart Herrscherstabe,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht.

121
Und Einer, schon mit einem Fuß im Grabe,

Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald,
Daß er gehabt dort Macht und Ansehn habe,

124
Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,

Noch mehr verpfuscht am Geiste, schlecht geboren,
Anstatt des wahren Hirten dort bestallt.“ –

127
Ob er noch sprach? ob schwieg? – vor meinen Ohren

Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton.

[302]

Doch merkt’ ich dies, und hab’ es nicht verloren.

130
Und Er, in jeder Noth mein Helfer schon,

Sprach: „Sieh dorthin, woher die beiden kommen,
Die Trägheit scheuchend und ihr selbst entflohn.“

133
Sie riefen Jenen nach: „Erst umgekommen[295]

War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß,
Bevor der Jordan seine Herrn bekommen!

136
Und Jenes, das die edle Müh’ verdroß,[296]

Bis an sein Ziel Aeneen zu begleiten,
Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Troß.“

139
Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,

Als ein Gedank’ aufs Neu’ in mir entstand,
Und dieser Erste zeugte bald den Zweiten,

142
Dem sich verwirrt der Dritte, Viert’ entwand,

Bis wonnig mir die Augenlider sanken;
Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand,

145
Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.
_______________

Neunzehnter Gesang.
Vision der Weltlust und der Gnade. V. Kreis, Geizige und Verschwender, (22, 34), an der Erde, gefesselt. Fünfter Morgen der Reise. Das vierte P verschwindet. Papst Hadrian V.

1
Wenn – von der kalten Erde überwunden,[297]

Auch vom Saturn – den Nachtfrost zu durchlau’n,
Der Tagesglut die Kraft dahin geschwunden;

4
Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grau’n,[298]
[303]

Auf Wegen, drauf die Nacht bald wird vergehen,
Ihr „großes Glück“ die Geomanten schau’n:

7
Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,[299]

Ganz fahl, verstümmelt, stotternd, krumm gebückt,
Und schielend sah ich sie die Augen drehen.

10
Ich schaut’ auf sie – wie der, den Nachtfrost drückt,

Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen,
So wurde sie von meinem Blick durchzückt.

13
Schnell sprang das Band, das ihre Zung’ umsponnen;

Sie richtete sich auf; ein rother Schein,
Färbt’ ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen.

16
Kaum fühlte sie die Zunge sich befrei’n,

Als sie ein Lied begann, so holden Sanges,
Daß ich auf nichts horcht’ als auf sie allein.

19
„Ich, der Sirenen süßeste,“ so klang es,

„Ich bin’s, durch die vom Weg der Schiffer schweift;
Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges.

22
Mir folgt’ Ulyß, der lang umhergestreift,[300]

Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren,
Verläßt mich Keiner, der mich ganz begreift.“

25
Noch hört’ ich in der Luft die Töne schwirren,

Da trat geschwind ein heil’ges Weib mir nah’,
Die Sängerin beschämend zu verwirren.

28
„Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?“

Sie rief’s mit Streng’, als sie dies Weib entdeckte,
Indeß er fest nur Ihr ins Auge sah.

[304]
31
Sie aber riß das Kleid, das Jene deckte,

Ihr vorn entzwei, daß mir der Leib erschien,
Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte.

34
Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.

„Schon dreimal rief ich dich,“ begann der Weise.
„Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung ziehn.“

37
Ich richtete mich auf, und alle Kreise

Des heil’gen Bergs erfüllte Morgenpracht,
Und leuchtet’ hinter uns zu unsrer Reise.[301]

40
Ich folgt’ ihm nach, und neigte, ganz erwacht,

Die Stirn, wie Einer, der in schweren Sinnen[302]
Sich selbst zum halben Brückenbogen macht.

43
„Kommt, hier steigt auf!“ So hört’ ich’s nun beginnen,

Mit Tönen, wie sie nie im ird’schen Land
So huldvoll und so süß das Herz gewinnen.

46
Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt,

Winkt’ uns der Engel vor, und beide gingen
Wir durch des Felsens enge Doppelwand.

49
Er weht’ uns an mit den bewegten Schwingen,[303]

Und sprach: „Heil dem, der stark das Leid erträgt,
Denn reichen Trost wird seine Seel’ erringen.“

52
„Was hast du, das dich immer noch erregt?

Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?“
So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt.

55
„„Ein neu Gesicht – noch seh’ ich die Geberden““ –

Versetzt’ ich, „„macht mich so in Zweifeln gehn!
Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden.““

58
„Die alte Hexe – hast du sie gesehn,

Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,“

[305]

Sprach Er, „und wie man’s macht, ihr zu entgehen?

61
Doch weiter jetzt. Schau auf! das mächt’ge Kreisen[304]

Der Himmel in des Königes Gebiet,
Des ew’gen, will dir andre Lockung weisen!

64
Wie erst der Falk auf seine Klauen sieht,

Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden,
Sich streckt, und fliegt, wohin die Beut’ ihn zieht;

67
So ich – so klomm ich zwischen Felsenwänden,

Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund,
Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden.

70
Und als ich frei im fünften Kreise stund,

Da lagen Leute, die sich weinend plagten,[305]
Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund.

73
„Ach! meine Seele klebt’ am Staube!“ klagten

Sie All’ und ihrer Seufzer laut Getön,
Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten.

76
„Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn

Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen,
O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höh’n?“

79
„Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen,

So nehmt nur, links den Felsen, euren Lauf,
Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen.“

82
So bat Virgil und so versetzt’ es drauf

Nicht weit von uns, und, schnell errathend, klärte
Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf.

85
Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte,

Stimm’ er mit frohem Winke gern mir bei,
Ich möge thun, was mein Gesicht begehrte.

88
Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,

So sucht’ ich ihn, deß Wort den Sinn verborgen:

[306]

Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei.

91
Und sprach: „„O Geist, für den des Heiles Morgen

Durch Thränen früher tagt, o laß für mich
Ein wenig ab von deinen größern Sorgen.

94
Wer warst du, und was kehrt dein Rücken sich

Empor? und dort, woher ich, noch im Leben,
Gekommen bin, dort bitt’ ich dann für dich.““

97
„Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben,

Bald hörst du’s,“ sprach er, „doch vernimm zuvor:
Mir waren Petri Schlüssel übergeben.[306]

100
Bei Sestri rollt aus einem Thal hervor

Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen

Zu seinem ersten Titel sich erkor.
103
Ich fühlt’ als Papst fünf Wochen lang, daß Einen,

Der rein die Stola hält, sie so beschwert,
Daß leicht wie Flaum all’ andre Bürden scheinen.

106
Und leider ward ich nur zu spät bekehrt;

Doch als ich zu dem heilgen Stuhl gelangte,
Da ward ich von des Lebens Trug belehrt.

109
Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh’ erlangte,

Daß jenes Leben mir nichts Höh’res bot,
Daher ich heiß nach diesem nur verlangte.

112
Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,

Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven,
Dafür sieh mich bestraft mit dieser Noth.

115
Die Läut’rungsqualen, die mich hier betrafen,

Thun dir des Geizes Art und Wesen kund,
Und auf dem Berg gibt’s keine härtern Strafen.

118
Wie einst das Auge nicht nach oben stund,

Und nur gefesselt war von ird’schen Dingen,
So drückt’s Gerechtigkeit hier an den Grund.

121
Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,

Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt,
So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen

124
Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt;
[307]

So liegen wir bis uns der Herr die Glieder
Einst wieder löst, hier unbeweglich fest.“

127
Antworten wollt’ ich ihm und kniete nieder,[307]

Doch da ich sprach, und er durch’s Ohr erkannt,
Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder:

130
„Was kniest du hier?“ Und ich drauf: „„Ich empfand[308]

Ob deiner Würde Vorwürf’ im Gewissen,
Daß ich vor dir noch grad’ und aufrecht stand.““

133
„Bruder, steh’ auf!“ – so Er – „du mußt ja wissen,

Dein Mitknecht bin ich nur von Eines Macht,
Dem du und ich und All’ uns beugen müssen.

136
Und hattest du des heil’gen Spruches Acht:[309]

Sie freien nicht, so wirst du dir erklären,
Was ich bei meiner Rede mir gedacht.

139
Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren,

Die früher mir – denk’ an dein eignes Wort –[310]
Das Morgenlicht des ew’gen Heils gewähren.

142
Alagia, eine Nichte, hab’ ich dort,[311]

Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben
Sie der Verwandten übles Beispiel fort.

145
Und sie allein ist jenseits mir geblieben.“
_______________
[308]
Zwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Hugo der Große (Capet). Rede von der Würde des Papstthums an sich.

1
Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,[312]

Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
Weil Er es wünscht’, ohn’ erst den Durst zu stillen.

4
Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund[313]

Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
Gleich engem Steg am Mauer-Zinnen-Rund.[314]

7
Denn jene Schaar, die sich im Thränenbade[315]

Vom Uebel, das die Welt erfüllt, befreit,
Versperrt’ uns mehr nach außen hin die Pfade.

10
Du alte Wölfin, sei vermaledeit!

Kein Thier erjagt sich Beute gleich der Deinen,
Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit.

13
O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,[316]

Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen? –

16
Wir gingen langsam fort und mühevoll,

Ich horchend, als aus jener Schatten Mitte
Ein jammervoller Klageton erscholl.

[309]
19
„Maria, süße!“ klang’s vor meinem Schritte,[317]

Und wie ein kreisend Weib zu jammern pflegt,
So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte.

22
„Du warst so arm!“ so sagt’ es dann bewegt,

„Der Armuth sehn wir jene Kripp’ entsprechen,
In welche du die heil’ge Frucht gelegt.“

25
„Fabricius, Wackrer!“ hört’ ich’s weiter sprechen,[318]

„Tugend mit Armuth schien dir mehr Gewinn,
Als der Besitz des Reichthums mit Verbrechen.“

28
Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,

Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken
Sie ausgesprochen, wandt’ ich mich dahin.

31
Und weiter sprach er noch von den Geschenken,

Die Nicolas gemacht den Mägdelein,[319]
Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken.

34
„„O Geist, der du so wohl sprichst,““ fiel ich ein,

„„Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
Erneust du hier so würd’ges Lob allein?[320]

37
Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,

Kehr’ ich zurück zum Rest der kurzen Bahn
Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde.““

40
Und Er: „Nicht will von dort ich Hülf’ empfahn,[321]

Doch red’ ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
Die Huld, die Gott dir vor dem Tod gethan.

43
Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte[322]
[310]

Umschattung hüllt die ganze Christenheit,
Von dem man selten nur pflückt gute Früchte.

46
Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit,

Wenn Macht Gent, Brügge, Lill’ und Douais hätten,
Auch bitt’ ich drum des Herrn Gerechtigkeit.

49
Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,

Philipp’ und Ludwige, die auf dem Thron
Des schönen Frankreichs neuerdings sich betten.

52
Als ich lebt’ in Paris, ein Metzgersohn,

Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen
Und nur noch Einer lebt’ in Schmach und Hohn,

55
Da macht’ ich mir des Reiches Zaum zu eigen,

Und so vermehrt’ ich meine Macht alsdann,
So sah ich sie durch Land und Freunde steigen,

58
Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann,

Von welchem nach dem Walten ew’ger Mächte
Die Reihe der Gesalbten dort begann.

61
Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte

Der Meinen nicht die heil’ge Scham entriß,
Galt’s wenig zwar, allein vermied das Schlechte.

64
Seitdem verübt’ es That der Finsterniß,

Log, raubt’ und stahl, worauf’s aus Reu’ und Buße,
Die Normandie und Ponthieu an sich riß.

67
Karl kam nach Welschland, und, aus Reu’ und Buße,

Köpft’ er den Konradin, und sandte drauf
Den Thomas heim zu Gott, aus Reu’ und Buße.

[311]
70
Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,[323]

Damit man möge besser noch erkennen,
Was seines Stammes Art, aus Frankreich auf.

73
Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen,

Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir,
Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen.

76
Nicht Land, nur Sünd’ und Schmach gewinnt er hier,

Und trägt er sie gar leicht und unbefangen,
So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr.

79
Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,[324]

Verschachert, wie die Sclavin der Corsar,
Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen.

82
O Habgier, was vermagst du nicht! Sogar

Sein eignes Fleisch beut, schmählich überwunden
Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar.

85
Doch ist der Frevel schon in Nichts verschwunden![325]
[312]

Ich seh’ Alagna, wo die Lilie weht!
Seh’ im Statthalter Christum selbst gebunden.

88
Seh’ ihn darauf verspottet und geschmäht!

Seh’ ihm auf’s Neue Gall’ und Essig bieten!
Seh’ ihn, der unter Räubern dann vergeht!

91
Den grimmigen Pilatus seh’ ich wüthen,[326]

Seh’ nimmersatt und ohne Freibrief ihn
Brechen mit gier’ger Hand des Tempels Frieden!

94
O Herr des Himmels! Wann wird mir verlieh’n,

Daß ich seh’ freudenvoll die Rache tagen,
Die deine Langmuth ließ bisher verziehn?

97
Du hörtest mich vorhin von Jener sagen,[327]

Die einzig ist des heil’gen Geistes Braut,
Und dies bewog dich, nach dem Grund zu fragen.

100
Von ihr erklingt das Flehen leis und laut[328]

Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen
Tönt uns’re Klage, wenn die Nacht ergraut.

103
Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,[329]

Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb
Und ein Verräther aus Begier nach Schätzen;

106
Des Midas auch, deß Elend her sich schrieb[330]
[313]

Von seinem gier’gen Wunsch, der ihn nicht freute
Und jeden heute noch zum Lachen trieb.

109
Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,[331]

Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute.

112
Sapphiren tadeln wir und ihren Mann,[332]

Und loben den, der hinwarf Heliodoren;[333]
Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann

115
Polynestor, der todtschlug Polydoren,[334]

Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt[335]
Das Gold, das du zur Lieblingsspeis’ erkoren?

118
Der redet laut, der leis und unentdeckt,

Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
Uns minder oder mehr erregt und weckt.

121
Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,[336]

Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang,

Die mir hier nah sind, nicht die Stimm’ erhoben.“
124
Wir richteten nun vorwärts unsern Gang,

Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
So schleunig, als es nur der Kraft gelang. –

127
Da aber zitterten des Berges Massen,[337]

Als stürz’ er hin und Furcht erfaßte mich,
Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen.

130
Nicht schüttelte so heftig Delos sich,[338]
[314]

Eh’, beide Himmelsaugen zu gebären,
Dorthin zum sichern Nest Laton’ entwich.

133
Rings braust’ ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,

Doch näher trat zu mir mein Meister da:
„Ich führe dich – was magst du Sorgen nähren?“

136
Und konnt’ ich aus den Stimmen, die mir nah’

Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
Klang’s: Deo in excelsis gloria!

139
Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,

Die diesen Sang zum erstenmal gehört,
Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen.

142
Doch dann, zum heil’gen Weg zurückgekehrt,

Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert.

145
Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen

In mir Unwissenheit und Wißbegier,
Mag ich auch forschend die Erinn’rung fragen:

148
Wonach ich grübelnd je gespäht? – wie hier.

Nicht fragen durft’ ich, denn er ging von hinnen,
Und nichts erklären konnt’ ich selber mir;

151
So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.
_______________

Einundzwanzigster Gesang.
V. Kreis. Schluß. Erklärung, warum der Berg erzitterte. Statius.

1
Der Durst, den die Natur gegeben hat,[339]

Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
Die Samariterin den Heiland bat,

4
Verzehrte mich und auf verengtem Pfade

Trieb Eile mich, dem Führer nachzuziehn,
Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade.

7
Und sieh, wie Kunde Lucas uns verliehn,[340]

Daß Christus Zween, die unterweges waren,

[315]

Erstanden aus dem Grabgewölb’, erschien;

10
So uns ein Schatten – hinter uns, die Schaaren,

Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort,[341]
Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren.

13
„Gott geb’ euch Frieden, Brüder!“ war sein Wort,

Das plötzlich hin zu ihm uns Beide kehrte;
Und ziemend dankt’ ihm mein getreuer Hort

16
Und sprach: „Zu denen, so der Herr verklärte,

Versetz’ er dich, zu jenem sel’gen Chor,
Deß Frieden er auf ewig mir verwehrte.“[342]

19
Und Jener sprach: „Wenn Gott euch nicht erkor,

Wenn Er euch nicht berief, hinauf zu gehen,
Wer leitet’ euch die heil’ge Stieg’ empor?“

22
Virgil darauf: „Sieh hier die Zeichen stehen,[343]

Die diesem eingeprägt vom Engel sind,
Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen.

25
Allein weil Sie, die unablässig spinnt,[344]

Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den Klotho anlegt, wenn ein Sein beginnt,

28
Hätt’ er, allein, die Höhe nie gewonnen,

Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen.

31
Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier,

Und meine Schule wies und weist ihm Alles,
Was sie gewähren kann der Wißbegier.[345]

34
Doch sprich, was schwankte so gewalt’gen Pralles

Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand
Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?“

37
Mein theurer Meister, also fragend, fand

So meiner Sehnsucht Oehr, daß mein Begehren,

[316]

Mein Durst durch Hoffnung Lind’rung schon empfand.

40
Und Jener sprach: „Den Berg, den heil’gen, hehren,

Nichts kann ihn sonder Ordnung treffen, kein
Ihm Fremdes duldet das Gesetz der Sphären.

43
Frei ist von jedem Wechsel er; allein

Wenn, was vom Himmel selber ist gekommen,
Zurückkehrt, mag es hier von Wirkung sein.

46
Wer jene kleine Stieg’ emporgeklommen[346]

Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Thau,
Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen.

49
Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau,

Nie blinkt des Blitzes schnell verschwundne Helle,
Nie baut sich Iris Brück’ auf dunkelm Grau.

52
Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle,[347]

Von der ich sprach, auf der die Füße stehn
Des Pförtners von der diamantnen Schwelle.

55
Von Stürmen, die im Erdenschooß entstehn,

Mag’s sein, daß unten oft der Berg erdröhne;
Hier – wie? begreif’ ich nicht – ist’s nie geschehn.

58
Hier bebt er, wenn in neuer Rein’ und Schöne[348]

Die Seele fühlt, sie woll’ erhoben sein;
Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne.

[317]
61
Der Reinheit Prob’ ist dieser Will’ allein;

Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten,
Und er verleiht ihr sicheres Gedeihn.

64
Lang möchte sie, doch fühlt’ auch, mit Gelüsten

Nach läng’rer Qual, daß, nach Gerechtigkeit,
Die, so einst sündigten, erst leiden müßten.

67
Ich lag fünfhundert Jahr’ in diesem Leid

Und länger noch, und fühlte mir so eben
Zum Aufwärtsziehn den Willen erst befreit.

70
Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,

Drum pries den Herrn die ganze fromme Schaar;
Er helf’ ihr bald, sich selber zu erheben.“

73
Sprach’s, und je heißer die Begierde war,

Je mehr fühlt’ ich vom Tranke mich erquicken,
Und fühlte mich gestärkt und frei und klar.

76
Virgil drauf: „Welche Netz’ euch hier umstricken,

Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt,
Was Jubeltön’ empor die Seelen schicken,

79
Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt;

Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
Und was hat hier so lange dich gedrückt?“

82
Drauf Jener: „Damals als das höchste Wesen,[349]
[318]

Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld
Judas verkauft, den Titus auserlesen,

85
Da lebt’ ich mit dem Namen, der bei Welt

Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise,
Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt.

88
So süß war des klangreichen Geistes Weise,

Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch
Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise.

91
Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.

Von Theben hab’ ich, vom Achill gesungen,
Erlag der zweiten Last im Tod jedoch.

94
Auch meine Glut ist an der Flamm’ entsprungen,

Der göttlichen, die Funken ausgesprüht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.

97
Sie, die Aeneis, ist’s, die mich durchglüht,

Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemüht.

100
O hätt’ ich mit Virgil gelebt! Mit nichten[350]

Schien mir’s zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
Dafür auf die Befreiung zu verzichten.“

103
Bei diesen Worten sah Virgil mich an,[351]

Mit einem Blick, der schweigend sagte: „Schweige!“
Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann,

106
Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige,

Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt,
Thrän’ oder Lächeln uns ins Antlitz steige,

109
So blinkt’ ich lächelnd mit den Augen itzt,

Drum sah mir Jener, dem dies nicht entgangen,
Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt.

112
„So wie du mög’st zum großen Ziel gelangen,“

Begann er drauf, mir zugewandt, „so sprich:
Was blitzt’ ein Lächeln jetzt um deine Wangen?“

[319]
115
Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.

Der heißt mich schweigen, Jener offenbaren.
Ich seufze nur, doch man ergründet mich.

118
„Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen,“

Begann Virgil, „sprich nur, denn er beweist
Zu große Sehnsucht, Alles zu erfahren.“

121
„„Vielleicht wohl wundert’s dich, du alter Geist,““

Also begann ich jetzo, „„daß ich lachte;
Doch will ich, daß du mehr noch staunend seist.

124
Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte,

Er ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
Von Helden und von Göttern strömen machte.

127
Glaubst du, daß andrer Grund des Lachens Drang

In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang.““

130
Da neigt’ er sich, die Knie ihm zu umfassen,

Zu meinem Hort, der sprach: „Laß, Bruder, laß!
Wir sind ja Schatten beid’, und nicht zu fassen.“

133
Und er stand auf und sprach: „Du wirst das Maß

Der Liebe, die mich an dich zieht, begreifen,
Da ich der Körper Mangel ganz vergaß,

136
Und Schatten sucht’ als Festes zu ergreifen.“
_______________

Zweiundzwanzigster Gesang.
Rückblick auf Kreis V. Statius und Virgils vierte Ecloge. Zweite Art der nicht ganz überwundenen Weltlust (19, 7): a. VI. Kreis, die Schwelger, hungernd, unter dem Baum des Lebens liegend. (Das fünfte P an Dante’s Stirn ist verschwunden.)

1
Schon hinter uns geblieben war der Engel,[352]

Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt,
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel.

4
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
[320]

Sie riefen: „Heil dem Dürstenden!“ und schwiegen,[353]
Und ohne Weit’res war ihr Sinn erklärt.

7
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,[354]

Ging aufwärts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen.

10
„An Lieb’, entzündet von der Tugend,“ sprach[355]

Mein Meister nun, „ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.

13
Darum, seit Juvenal hinabgekommen,

Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,

16
War ich in Liebe dir so wohl gemeint,

Wie wir sie selten Nie-Geseh’nen weihen,
So, daß nur kurz mir diese Stiege scheint.

19
Doch sprich, und wolle mir als Freund verzeihen,

Löst mir zu große Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:

22
Wie fand der Geiz doch – ich begreif es kaum –

Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?“

25
Hier sah ich Lächeln Jenes Mund umschweben,

Dann sprach er: „Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugt’s nur von Liebe, muß mir Freude geben.

28
Oft werden uns von außen Dinge kund,

Die falsche Zweifel in der Seel’ erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.

31
Du scheinst – die Frage zeigt’s – den Wahn zu hegen,

Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.

[321]
34
Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,[356]

Und dieses Unmaß hab’ ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt.

37
Dort unten müßt’ ich, Steine wälzend, ringen,

Hätt’ ich dein zürnend Warnen nicht gehört:[357]
„Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen,

40
Verfluchter Durst nach Gold, der uns bethört!“ –

Die ernste Mahnung hört’ ich dich verkünden,
Und ward aus eitlen Träumen aufgestört.

43
Daß nur zu offen meine Hände stünden,

Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu’ ob dieser und der andern Sünden.

46
Wie Viel’ erstehn einst mit verschnittnem Haar,[358]

Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne
Durch Reu’ auch diesem Fehler nöthig war.

49
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne[359]

Sich einer andern grad’ entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne.

52
Drum sahst du mich bei jenen Schaaren jetzt

Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
So hat das Gegentheil mich her versetzt.“

55
„Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen,[360]
[322]

Die Iokasten Gram zu Gram gefügt,“
Sprach Jener, dem das Hirtenlied gelungen,

58
„War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,

Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend gnügt.

61
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,

Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?“[361]

64
Und Er: „Du zeigtest mir zuerst die Bahn

Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen,
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahn.

67
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleich zu stellen,[362]

Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Straße zu erhellen,

70
Indem du sprachst: „Erneuert wird die Zeit,

Ich seh’ ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.“

73
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen;

Durch dich ward ich den Christen beigesellt;
Wie? soll sich dir in klarem Bilde zeigen.

76
Von wahrem Glauben schwanger war die Welt

Schon überall; es streuten diesen Samen
Die Boten ew’gen Reichs ins weite Feld.

79
Mit deinem jetzt berührten Worte kamen

Die neuen Pred’ger sämmtlich überein.
Drum folgt’ ich denen, die ihr Wort vernahmen.

82
Sie schienen mir so heilig und so rein –

Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag’ und ihre Pein.

[323]
85
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,

Da mir so redlich ihre Sitt’ erschien;
All andre Sekten mußt’ ich drum verachten.

88
Eh’, dichtend, ich an Thebens Flüsse ziehn[363]

Die Griechen ließ, hatt’ ich die Tauf’ empfangen,
Obwohl ich äußerlich als Heid’ erschien

91
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;

Und ob der Lauheit hab’ ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.

94
Sprich jetzo du, der du den Schleier mir

Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:

97
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,

Cäcilius, Plautus? – sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?“

100
„Sie, ich, und Mancher sonst,“ erwiedert’ Er,[364]

„Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getränkt, wie Keinen mehr,

103
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;

Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre süßen Nährerinnen walten.[365]

106
Dort ist Euripides, Anakreon

Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte,

Mit dem Simonides und Agathon.
109
Auch Sie, von welchen einst dein Lied ertönte,[366]

Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte.

112
Auch Jene, die das Kind, das sie gesäugt,[367]

Rückkehrend von Langia, todt gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt.“

115
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,

Vom Steigen frei und von der Felsenwand,[368]

[324]

Und sahn umher, das Weitre zu erkunden.

118
Die fünfte Dienerin des Tages stand[369]

Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz’ emporgewandt.

121
„Wir kehren, denk’ ich, unsre rechten Seiten,

Begann mein Herr, „zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten.“

124
So ward Gewohnheit uns’re Führerin;

Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,

127
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,

Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief’ erschlossen.

130
Doch machte bald der Dichter süßes Wort[370]

Ein Baum mit würzig duft’gen Aepfeln schweigen.
Inmitten unsers Weges stand er dort;

133
Und wie die Tann’ aufwärts, von Zweig zu Zweigen,

Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen.

136
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,

Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blätter sprühend sich ergoß.

139
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,

Aus dessen Zweigen eine Stimm’ erscholl:

[325]

„Die Speise hier wird theuer eurem Gaume![371]

142
Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll[372]

Sie auszurichten, galt Maria’s Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll.

145
Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;

Nicht Königskost hat Daniel gewollt,[373]
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.

148
Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,

Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen,
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.

151
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen

Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,

154
Wie’s offenbart im Evangelium steht.“
_______________

Dreiundzwanzigster Gesang.
Fortsetzung. Die Schatten. Forese Donati redet über die Ueppigkeit der florentinischen Frauen.

1
Indeß ins Laubwerk meine Blicke drangen,[374]

So scharf und spähend, wie sie Einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen,

4
Rief Er, der mehr als Vatersorg’ empfand:

„Sohn, komm. Die Zeit, die uns verliehn zum Reisen,
Sei eingetheilt und nützlicher verwandt.“

7
Schnell wandt’ ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,

Die also sprachen, daß zum leichten Gang
Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen.

[326]
10
Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:

„Herr, meine Lippen,“ klang’s mit einem Stöhnen,[375]
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang.

13
„„Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?““

Ich rief’s und Er drauf: „Schatten sind’s, die nun
Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen.“

16
Wie unterweges eil’ge Wandrer thun,

Die Leut’ einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruhn;

19
So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen

Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut’
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen.

22
Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,

Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.

25
So mager, glaub’ ich, war nach langem Fasten,[376]

So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes Fleisch die Zähn’ erfaßten.

28
Sie gleichen jenen, dacht’ ich, da sie flohn,

Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn.

31
Tief war das Aug’ in seinem Rund vergraben,[377]

Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas’ und rings die Knochen scharf erhaben.

34
Daß eines Apfels Duft so jämmerlich[378]

Zurichten könn’ und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl dächt’ es sich?

[327]
37
Schon forscht ich, wie der Hunger sie entstelle,

Indem ich noch die Ursach nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traur’gem Felle.

40
Da sah’ ich, wie aus seines Hauptes Grund

Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: „Welche Gnade wird mir kund?“

43
Nie hätt’ ich ihn erkannt am Angesichte,

Doch durch die Stimme ward mir offenbar,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte.

46
Und dieser Funke machte völlig klar

Mir die Erinn’rung, daß ich sein gedachte,
Und sah, daß dies Forese’s Antlitz war.[379]

49
Und er begann nun flehend: „Ach verachte

Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles Fleisch mich brachte.

52
Gieb wahrhaft mir von deinem Loos Bericht,

Und von den Zwei’n, die bei dir sind – ich flehe! –
Verweigre mir erwünschte Kunde nicht.“

55
„„Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,““

Begann ich, „„als ich’s todt sah, ich geklagt,
Betrübt mich mehr, da ich’s so hager sehe.

58
Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt?

Nicht wolle, daß ich, weil ich staun’, erzähle,
Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt.““ –

61
„Vom ew’gen Rath,“ so sprach Forese’s Seele,

„Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,[380]
Durch die ich hier mich abgemagert quäle.

64
Sie ist’s, die Jeden, der hier weinend singt,

Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurückebringt.

67
Der Duft, den jene Früchte von sich geben,

Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis’ und Trank ein nie gestilltes Streben.

[328]
70
So oft im Kreis wir dorthin ziehn gemußt,

Wird immer diese Pein in uns erneuert –
Ich sage Pein, und sollte sagen, Lust,

73
Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,

Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein theures Blut gesteuert.“

76
Drauf ich: „„Forese, seit du jene Nacht

Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte
Man nur fünf Jahr, die kaum den Lauf vollbracht.

79
Wenn dir die Kraft zu sünd’gen eher fehlte,[381]

Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermählte,

82
Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?

Dort unten dich zu finden mußt’ ich meinen,[382]
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit.““

85
Und Er: „Zum süßen Wermuthstrank der Peinen

Hat mich befördert meiner Nella Fleiß[383]
In frommem Flehn und ihr unendlich Weinen.

88
Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß,

Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen,
Und mich befreit aus jedem andern Kreis.

91
Ihr, die ich so geliebt, ist Gott gewogen,

Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt,
Sich ganz vom Pfad der Andern abgezogen.

94
Der Sarden rauhes Bergesland enthält[384]

Mehr Scham und Sitte noch in seinen Frauen,
Als das, wo ich sie ließ in jener Welt.

97
O süßer Bruder, soll ich dir’s vertrauen?
[329]

Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen,

100
Wo man den frechen Frau’n, die ungescheut[385]

Den Busen mit den Brüsten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut.

103
Wann mußten Frau’n von Türken und Barbaren,

Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren?

106
Doch könnten nur die Unverschämten sehn,

Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie würden heulend, offnen Mundes, stehn.

109
Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,

Eh’ auf deß Wange, der jetzt eingelullt[386]
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet.

112
Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.

Sieh Alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld!“

115
Und ich versetzt’ ihm: „„Willst du deß gedenken,

Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken.

118
Vor Kurzem hat von dort Er, der vor mir

Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder dieser hier.““[387]

121
– Die Sonne zeigt’ ich; „„mir zum Heil und Frommen

Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen.

124
Er hat im Kreislauf mich emporgebracht

Zu diesem Berg, wo die sich grad’ erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht.

127
Er wird mir sein Geleit so lange geben,

Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn’ ihn dann muß ich weiter aufwärts streben.

130
Es ist Virgil““ – hier zeigt’ ich nach ihm hin –
[330]

„Sieh auch den Andern, und erkenne diesen,
Als den, ob deß der Berg gebebt vorhin,

133
Da euer Reich ihn von sich weggewiesen.“
_______________

Vierundzwanzigster Gesang.
VI. Kreis, Schluß. Forese zeigt Papst Martin IV. u. A. Das vorletzte P an Dante’s Stirn verschwindet.

1
Nicht hemmt’ uns Gehn im Reden, Red’ im Gehn;

Der Lauf ging beim Gespräch so rasch von statten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Wehn.

4
Und die, wie’s schien, zweimal gestorbnen Schatten,

Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten.

7
„„Wohl eil’ger,““ sprach ich weiter, „„würd’ er sein,[388]

Zum Platz zu ziehn, der dort ihm angewiesen,
Wär’ er nicht aufgehalten von uns Zwei’n.

10
Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,[389]

Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?““

13
„Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,

Trägt dort, wo wir das ew’ge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Muth.“

16
Sprach’s, und darauf: „Hier darf man Alle nennen,

Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Würd’ Einer sonst den Andern nimmer kennen.

19
Sieh dort“ – er sprach’s, den Finger hingekehrt –

„Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten,
Vom Hunger mehr, als Jeden sonst, verheert,

22
Deß Arme dort die heil’ge Kirch’ umfaßten![390]
[331]

Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus
Von weinersäuftem Aal mit schwerem Fasten.“

25
Noch wählt’ er Manchen von der Schaar heraus,

Und nannt’ ihn mir, was Jeden sehr erfreute,
Und Keiner sah drum trüb’ und finster aus.

28
Ich sah den Bonifaz, der viele Leute[391]

Mit Pfründen-Fett geazt; den Ubaldin,
Der hungernd mit den leeren Zähnen käute;

31
Sah den Marchese, den, trotz allem Ziehn

Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte,
Und dem der Mund beständig trocken schien.

34
Doch wie, wer viel sah, Eins nur wählt, so wandte,

Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,[392]
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte.

37
Er murmelt’ in sich, und von seinem Mund,

An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen,
Ward etwas wie das Wort Gentucca, kund.

40
Ich sprach: „„Der du das Schweigen abzubrechen

So lüstern scheinst, sprich so, daß man’s versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen.““

43
Drauf Er! „Ein Weib, das noch entschleiert geht,

Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmäht.

46
Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,

Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit es klarer sagen.

49
Doch sprich, erblick’ ich den in meinem Leid,

Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Frau’n, die ihr der Liebe kundig seid?“[393]

[332]
52
Drauf ich: „„Dem Hauch der Liebe lausch’ ich sinnend;[394]

Was sie mir immer vorspricht, nehm’ ich wahr
Und schreib es nach, nichts aus mir selbst ersinnend.““

55
„Den Knoten, Bruder,“ sprach er, „seh’ ich klar,

Die von dem neuen süßen Styl gehalten
Mich abseits hat, Guitton’ und den Notar.[395]

58
Ich seh’, ihr lasset nur die Liebe walten,

Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber ließen sie nicht also schalten.

61
Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,

Gibt Schwulst, statt deß, was euch Natur verliehen.“
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut.[396]

64
Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,

Bald sich versammeln im gedrängten Hauf,
Bald schneller dann in Streifen weiter fliehen,

67
So machten alle dort sich wieder auf;

Uns abgewendet, sie sich fortbegaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf.

70
Und gleich wie Einer, athemlos vom Traben,

Die Andern läßt, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heißen Lungen haben,

73
So war es mit Forese jetzt geschehn;

Er ließ voraus uns ziehn die heil’ge Heerde
Und sprach: „Wann werd’ ich wohl dich wiedersehn?“ –

[333]
76
„„Nicht weiß ich es. Doch glaub’ ich, daß der Erde,““[397]

Versetzt’ ich, „„nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde,

79
Seh’ ich die Stätte dort, die mich erzeugt,

Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen,
Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!““

82
Und Er: „Jetzt geh; den Stifter alles Bösen[398]

Seh’ ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu’ und Thränen nie erlösen.

85
Stets schneller geht der Lauf des Thieres fort,

Und endlich läßt’s den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort.

88
Nicht lange werden diese Kreise rollen“

– Zum Himmel blickt er auf – „und klar wird dir,
Was dämmernd nur mein’ Wort’ dir zeigen sollen.

91
Bleib’ jetzt zurück; die Zeit ist theuer hier,

Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zu viel von ihr.“

94
Wie Einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,

Hervorsprengt aus der Reih’, in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen,

97
So trennt’ er sich von uns mit größerm Schritt,

Indeß ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiter schritt.

100
Schon war er vor uns an so fernem Orte,

Daß ihm mein Blick mehr folgen konnte kaum,
Wie eben das Verständniß seinem Worte;[399]

103
Als wir voll Obstes einen andern Baum

Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum.

106
Und Leute, die hinauf die Hände streckten,[400]
[334]

Schrie’n auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten,

109
Die bitten, während der Gebetne schweigt,

Und um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen[401]
Hoch hinhält und es frei und offen zeigt.

112
Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;

Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Thränen.

115
„Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nahn!

Der Baum, der Even reizt’, ist weiter oben,
Von ihm hat dieser seinen Keim empfahn,“

118
So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,[402]

Weshalb Virgil mit Statius, eng gedrängt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben.

121
„An die verfluchten Wolkensöhne denkt,“[403]

Sprach’s, „die dem Theseus mit den Doppelbrüsten
Im Kampf getrotzt, von zu viel Wein getränkt.

124
An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,[404]

Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten.“

127
So gingen wir, dem Felsen nah’, davon,

Und hörten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn.

130
Dann aber ging’s mit freierer Bewegung
[335]

Auf breitem Pfad an tausend Schritte fort,
Und Jeder schwieg in sinniger Erwägung.

133
„Was geht ihr Drei so ernst erwägend dort?“

Rief’s plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen
Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort.

136
Mein Haupt kehrt’ ich dorthin, woher zu stammen

Die Rede schien, und sah in rothem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen,

139
Wie Einen hier, der sprach: „Hier geht ihr ein,

Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen,
Und im Genuß des ew’gen Friedens sein.“

142
Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,

Drum wand ich mich zu meinen Führern hin,
Wie wer dem folgt, was er durch’s Ohr vernommen.

145
Und wie des Morgenroths Verkünderin,

Die, Düfte raubend, in den Blüthen wühlte,
Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin,

148
So fühlt’ ich an der Stirn ein Wehn, so fühlte[405]

Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte.

151
Und dann erklang dies Wort: „O selig ihr,

Die ihr die Gnad’ empfingt, daß unverdüstert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier,

154.
Indem euch nur, wie’s ziemt, nach Speise lüstert.“
_______________

Fünfundzwanzigster Gesang.
Zum siebenten Kreise. Unterwegs das philosophische Gespräch über die Entstehung der Seele, über Tod und Schattenleib. b) VII. Kreis. Wollüstige, in Flammen und Sturm. (Zu b. vergleiche Ueberschrift von Gesang 22.)

1
Die Stund’ erheischte rasches Steigen schon,[406]

Nachdem hier Sol bereits den Mittagsbogen

[336]

Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Scorpion.

4
Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,

Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Noth zu größter Eil’ bewogen,

7
So drangen wir in’s höhere Gebiet

Durch eine Stiege, die uns so beschränkte,
Daß uns die Enge von einander schied.

10
Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,[407]

Aus Lust zum Flug, dann aber, sonder Muth,
Vom Neste fortzuziehn, sie wieder senkte,

13
So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut

Der Fragelust, das Antlitz also zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, thut.

16
Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:

„Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend.“

19
Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,

Den Mund erschloß: „„Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis’ erhält?““

22
Drauf Er: „Gedächtest du an Meleager,[408]

Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager.

25
Und dächtest du, wie, gleich an Mien’ und Art[409]
[337]

Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart.[410]

28
Allein um Alles dir nach Wunsch zu schildern,

Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht.
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern.

31
„Entwickl’ ich ihm das göttliche Gericht,“[411]

Sprach Statius drauf, „hier, wo du gegenwärtig,
So sei’s verziehn; du willst, drum weigr’ ich nicht.“

34
Und dann: „Jetzt sei dein Geist bereit und fertig

Für meine Rede, Sohn – dann sei des Wie?
Das du erfragt, in vollem Licht gewärtig.

37
Das reinste Blut, das von den Adern nie[412]

Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die über den Bedarf Natur verlieh,

40
Empfängt im Herzen wunderbarer Weise

Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise,

43
Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,

Den man nicht nennt, von wo’s zu ander’m Blute[413]

[338]

In ein natürlich Becken überwallt.

46
Daß beides zum Gebild zusammenfluthe,[414]

Ist leidend dies, und thätig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte.

49
Drin angelangt, beginnt’s sein Wirken dort;

Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort.

52
Es wird die Seel’ aus thät’ger Kräfte Streben,[415]

Wie die der Pflanze, die nur still’ schon steht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben.

55
Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,

Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die thät’ge Kraft, was sie gesä’t.

58
Wie nun des Herzens Zeugungskräfte walten,

Wird ausgedehnt die Frucht, geschwellt, entwirrt,
So, daß die Glieder sämmtlich sich gestalten.

61
Doch, Sohn, wie nun das Thier zum Menschen wird,

Noch siehst du’s nicht, und dies ist eine Lehre,

[339]

Worin ein Weiserer als du, geirrt.[416]

64
Er war der Meinung, von der Seele wäre

Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Aeußerung der letztern uns erkläre.

67
Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgethan,

Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfahn,

70
Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,

Zu ihr der Schöpfer sich, und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke,

73
Daß er, was thätig dort ist, an sich reißt,

Und mit ihm sich vereint zu Einer Seele,
Die lebt und fühlt und in sich selber kreist.

76
Und daß dir’s nicht an hellerm Lichte fehle,

So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermähle.

79
Gebricht es dann der Lachesis an Lein,[417]

Dann trägt im Keim sie aus des Leibes Hülle
Des Menschlichen und Göttlichen Verein;

[340]
82
Und wenn die andern Kräfte stumm und stille,

Bleibt, schärfer als vorher, in Macht und That
Erinnerung jetzt, Verstandeskraft und Wille.

85
Und ohne Säumen fällt sie am Gestad’,

Dem oder jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad.

88
Ist sie nun am bestimmten Orte wieder,

So strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
Und wirkt, wie einst, durch die lebend’gen Glieder.

91
Und wie die Luft, vom Regen feucht und schwer,

Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
Im Wiederglanz vom Sonnen-Feuermeer;

94
So jetzt die Lüfte, so die Seel’ umwogen,

Worein die Bildungskraft ein Bildniß prägt,
Sobald die Seel’ an jenen Strand gezogen.

97
Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,

Wo irgend hin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt.

100
Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,

Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
Auch jeder Sinn mit Inbegriff vom Sehen.

103
Und daher sprechen, daher lachen wir,

Und daher weinen wir die bittern Zähren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier.

106
Der Schatten drückt sich’s aus, je wie Begehren

Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram;
Dies mag dir, was du angestaunt, erklären.“

[341]
109
Und schon, da ich zur letzten Marter kam,[418]

Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam.

112
Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,[419]

Der Vorsprung aber haucht empor zur Wand
Windstöße, die zurück die Flammen stießen.

115
Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,[420]

Und ängstlich hört’ ich hier die Flamme schwirren,
Indeß sich dort ein tiefer Abgrund fand.

118
Mein Führer sprach: „Hier laß dich nichts verwirren,

Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ist’s hier, mit einem Tritt zu irren.“

121
Gott höchster Gnade, hört’ ich’s aus dem Raum,[421]

Den jene große Glut erfüllte, singen,
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum.[422]

124
Ich sah dort Geister, die durch’s Feuer gingen

Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang,
Und ließ den Blick von hier nach dorten springen.

127
Ich weiß von keinem Mann – dies Wort erklang

Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,

[342]

Und neu begannen sie’s mit leisem Sang,

130
Und riefen wieder, als sie’s ausgesungen:

„Diana blieb im Hain und jagt’ ergrimmt[423]
Kalisto fort, die Venus Gift durchdrungen.“

133
Dann ward die Hymne wieder angestimmt,

Dann riefen sie von keuschen Frau’n und Gatten,
Die lebten, wie’s zu Eh’ und Tugend stimmt.

136
Und dies nur thun sie, ohne zu ermatten,

Wie’s scheint, so lang die Flamme sie umfließt,
Bis solche Pfleg’ und Arzenei den Schatten

139
Zuletzt die Wund’ auf ewig wieder schließt.
_______________

Sechsundzwanzigster Gesang.
VII. Kreis. Fortsetzung. Abend. Die provencalischen Dichter.

1
Indem wir, Einer so dem Andern nach,

Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
„Gib Acht, und nütze, was ich warnend sprach.“

4
Die Sonne traf auf meine rechte Seite[424]

Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite.

7
In meinem Schatten schien die Glut noch mehr[425]

Hochroth zu glühn, drum sahn bei solchem Zeichen
Der Seelen viel im Gehen nach mir her.

10
Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,

Daß über mich sich ein Gespräch erhob:
Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen.“

13
So viel sie konnten, richteten sie drob

Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,

[343]

Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob.[426]

16
„Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,

Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen Zwei’n,[427]
O sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend,

19
Und sprich, uns Allen Labung zu verleihn;

Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durst’ger nach dem Quell kein Libyer sein.

22
Wie machst du’s doch, die Strahlen aufzufangen,

Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen?“

25
So rief der Ein’ in seiner Flammennoth,

Und eben wollt’ ich Alles ihm verkünden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot.

28
Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,

Entgegen Jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum späht’ ich hin, das Weitre zu ergründen.

31
Und Die und Jene machten schnell sich auf

Und küßten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und flohn im vollen Lauf.

34
So sieht man im Gewühl der braunen Schaaren

Sich Aems’ und Aemse mit den Rüsseln nahn,
Vielleicht: Wie’s geht? Weß Weges? zu erfahren.

37
Sobald der Gruß der Freundschaft abgethan,

Hob, eh’ sie weiter zog, nach kurzer Weile
Die Schaar wetteifernd laut zu rufen an.

40
„Sodom! Gomorra!“ klang’s von diesem Theile;

Von dort: „Pasiphaë kroch in die Kuh,
Und also lockt’ an sich den Stier die Geile.“

43
Wie Kranichschaaren theils nach kurzer Ruh’

Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,[428]
Theils scheu vor Hitze den Riphäen zu,

46
So zieh’n Die hier-, Die dortenhin im Kreise

Und singen dann ihr Lied mit Reu’ und Gram,

[344]

Und schrei’n von ihrer Schuld nach alter Weise.

49
Doch jene Schaar, die vorhin näher kam

Und bat, blieb wieder mit den Andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam.

52
Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,

Begann: „„O Ihr, die Hoffnung aufrecht hält,
Sei’s, wann es sei, zum Frieden einzugehen!

55
Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt[429]

Den Leib zurück; ich hab’ auf diesen Wegen
Mit Fleisch und Bein und Blut mich eingestellt.

58
Ich steig’ empor, die Blindheit abzulegen,

Und geh’ – ein Himmelsweib erfleht’ es mir –
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen.

61
Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr

So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu schwingen,
Dem lieberfüllten räumigen Revier;

64
So sprecht, ich will’s zu Aller Kunde bringen,

Wer seid doch ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?““

67
So stutzt und staunt, verblüfft, der Bergeshirt,

Dem beim Umherschau’n selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt,

70
Wie sie – ihr Ansehn konnt’ es nicht verhehlen.

Allein sobald ihr trübes Staunen schwand,
Das bald sich abklärt in den edler’n Seelen,

73
„Heil dir, deß Fuß den Weg in unser Land,“

Sprach Er, den ich aus frührer Frage kannte,
„Deß Geist zur Besserung Erfahrung fand!

76
Vernimm, daß jene Schaar im Trieb entbrannte,

Ob deß man Cäsarn, so, daß er’s gehört,[430]
Einst beim Triumphe Königin benannte.

79
Drum schrie’n sie: Sodom! – was sie einst bethört,

Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;

[345]

So wird der Brand durch Scham noch aufgestört.

82
Im Zwittertriebe waren wir entglommen;

Und weil wir menschliches Gesetz verlacht,[431]
Von thierischen Gelüsten eingenommen,

85
Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,

Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht.

88
Nun hörtest du mich unsre Schuld bekennen,

Doch unsre Namen kund zu thun verbeut
Die Zeit, auch wüßt’ ich alle nicht zu nennen.

91
Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut,

Guid’ Guinicell, zur Läut’rung zugelassen,[432]
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut.“ –

94
Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,[433]

Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt’ ich thun, (nur mußt’ ich mehr mich fassen),[434]

97
Als meines Vaters Name mir erklang,

Des Vaters von so Manchem, der vom Minnen,
Wie ich, in süßen holden Weisen sang.

100
Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen,

Und sagte nichts und hörte keinen Laut,

[346]

Auch ließ die Glut mich weiter nicht nach innen.

103
Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,

Erbot ich mich, in Allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der Andre traut.[435]

106
Und Er: „Wie du so freundlich mir erschienen,

Tilgt deine Spur in mir nicht Lethe’s Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen.

109
Doch meinst du’s wirklich denn mit mir so gut,

So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?“

112
Und ich darauf: „„Ob Eurer süßen Lieder,[436]

Die theuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der Neuern Sprache ganz darnieder!““

115
„Ach Bruder,“ sprach er und bei diesem Wort[437]

Zeigt’ er mit seinem Finger hin auf Einen,
„Der Sprache bess’rer Schmied war Jener dort,

118
Der in Romanz’ und Liebesliedern Keinen

Unüberwunden ließ; und Thoren sind,
Die ihn von Gerault übertroffen meinen.

121
Nicht nach der Wahrheit – nach des Rufes Wind

Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind.

124
So machten’s mit Guitton’ viel alte Richter,[438]

Deß Lob so Viele schrie’n, weil Andre schrie’n,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter.

127
Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verliehn,

Daß dir’s erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuziehn,

130
So bet’ ein Paternoster doch dort oben

Bei ihm für mich, so weit’s in dieser Welt
Noch noth für uns, die wir der Sünd’ enthoben.“

[347]
133
Drauf schwand er, Jenem, der sich nah’ gestellt,

Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röthe,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt.

136
Und dem Gewies’nen naht’ ich mich und flehte

Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte.

139
Worauf er gleich mit frohem Muth begann:

„Die edle Frage weißt du zu verschönen,[439]
Daß ich mich bergen weder will noch kann.

142
Ich bin Arnald und geh’ in Schmerz und Stöhnen,

Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Hoffend, daß bald ich sing’ in Jubeltönen.

145
Jetzt bitt’ ich dich, bei jenem Machtgeleit,

Durch das du bald den Gipfel aufgefunden:
Gedenke meines Leids zur rechten Zeit.“

148
Hier war er in der Läut’rungsglut verschwunden.
_______________

Siebenundzwanzigster Gesang.
Aufstieg durch’s Feuer zum Paradies. Nacht. Dante’s Traum von Lea und Rahel. Virgils Abschied.

1
Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage[440]

Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Waage,

4
Und Mittagshitz’ erwärmt des Ganges Flut,

So stand die Sonn’ itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt’ in heitrer Glut.

7
Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
[348]

„Beglückt, die reines Herzens sind!“ – und mehr[441]
Als menschlich war sein Ton, der mächt’ge, frohe.

10
Drauf: „Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorher

Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!“

13
Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen

Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört’ ich mich zum schwersten Tod verdammen.

16
Ich sank auf die gefalt’nen Hände vor,[442]

Ins Feuer schauend, – wen ich brennen sehen,
Deß Bild stieg itzt vor meinem Geist empor.

19
Die Führer nahten sich, mir beizustehen,

Und tröstend sprach zu mir Virgil: „Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.

22
Gedenk’, gedenke, – konnt’ ich früher schon

Dich sicher auf Geryons Rücken führen,[443]
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron!

25
Wär’ auch die Glut noch loher anzuschüren,[444]

Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren.

28
Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,

So nahe dich und halt’, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin.

31
Leg’ ab, mein Sohn, leg’ ab hier jedes Grauen,

Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!“
Doch säumt’ ich, wider besseres Vertrauen.

34
Er, sehend, daß ich starr und stille stand,

Sprach, fast unwillig: „Wie, Sohn, noch verdrossen?[445]

[349]

Von Beatricen trennt dich diese Wand!“

37
Wie sterbend Pyramus den Blick erschlossen,[446]

Da’s: Thisbe! klang, gekehrt zum theuren Bild,
Als blut’ges Roth die Maulbeer’ übergossen;

40
So kehrt’ ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,

Zum Führer mich, sobald der Nam’ erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.

43
Drob schüttelt’ er das Haupt und sagte: „Sollen[447]

Wir diesseits bleiben?“ lächelnd, denn ich that
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.

46
Drauf trat er vor mir in die Flamm’ und bat

Den Statius, uns folgend nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.

49
Ich folgt’ und hätt’, um Kühlung zu bekommen,

Mich in geschmolz’nes Glas gestürzt, so war
Im höchsten Uebermaß die Flamm’ entglommen.

52
Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,

Sprechend von Ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: „Ich seh im Geist ihr Augenpaar!“

55
Wir hörten jenseits eine Stimme singen,

Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm’ entgingen.[448]

58
„Gesegnete des Vaters, kommt!“ so sprach

Die Stimm’ aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschau’n mir das Auge brach.

61
„Die Sonne geht, der Abend kommt!“ so klangen

Die Töne fort – „nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen.“

[350]
64
Grad durch den Felsen ging der Weg hinauf,

Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten[449]
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf.

67
Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,

Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rücken, sei in’s Meer geglitten.[450]

70
Eh’ gleiches Grau den Horizont umfing

In allen seinen unermeßnen Theilen,
Eh’ Nacht um Alles ihren Schleier hing,

73
Da mußt’ auf einer Stufe Jeder weilen,

Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen.

76
Gleich wie die Ziegenheerde, satt und zahm,[451]

Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam.

79
Wenn nun im Mittagsbrand die Lüft’ entglühten,

Indeß der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten;

82
Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,

Damit kein wildes Thier der Heerde schade,
Und sie zerstreut, entlang der Hürde wacht;

85
So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,

Der Zieg’ ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade.

[351]
88
Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,[452]

Doch sah ich durch dies Wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar.

91
Indeß ich staunt’ in unermeßne Ferne,

Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne.

94
Zur Stunde, glaub’ ich, da vom Sternenzelt[453]

Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte,
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt,

97
Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,[454]

Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte.

100
Lea bin ich, dies wisse, wer mich frägt,

Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt.

103
Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.

Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruhn,
Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen.

106
Und freut sie sich der schönen Augen nun,

So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend,
Denn Schau’n befriedigt sie und mich das Thun.“

109
Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,[455]

Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort

[352]

Der Heimath nah’ ist, scheuchte, höher rückend,

112
Die Finsterniß von allen Seiten fort,

Mit ihr den Traum; drum eilt’ ich aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort.

115
„Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen[456]

Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt deine Wünsche all’ noch heut’ zum Schweigen!“

118
Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,

Und nie empfand bei Erden-Herrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr.

121
Hinauf! Mich trieb’s und trieb’s, hinauf zu schreiten!

So fühlt’ ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachsen und sich freier breiten.

124
Und wie er mich empor die Stufen trug,

Stand bald ich auf der höchsten dort mit Beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug.

127
Des zeitlichen und ew’gen Feuers Leiden,[457]

Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden.

130
Durch Geist und Kunst geleitet’ ich dich her;

Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;[458]
Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer.

133
Sieh dort die Sonn’ auf deine Stirne blinken,[459][460]
[353]

Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken!

136
Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht.

Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruh’ oder wandle hier auf heiterm Pfad

139
Nicht harre fürder meiner Wink’ und Lehren;

Frei, grad’, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär’ es, deiner Willkür wehren,

142
Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.“
_______________
[354]
Achtundzwanzigster Gesang.
III. Abtheilung: das irdische Paradies. Sechster Morgen der Reise. Der Hain. Der Bach. Mathilde.

1
Begierig schon, zu spähn umher und innen,[461]

Im göttlichen, lebend’gen dichten Wald,
Der sanft das Frühlicht milderte den Sinnen,

4
Verließ ich das Gestad nun alsobald,

Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt.

7
Von einem Lüftchen, einem sanften, stäten,[462]

Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind’ umwehten.

10
Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,

Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,[463]
Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt.

13
Doch nicht so heftig wühlt er in den Zweigen,

Daß es die Vöglein hindert’, im Gesang
Aus grünen Höh’n all’ ihre Kunst zu zeigen.

16
Verborgen zwischen Laub, in freud’gem Drang,

Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend, Laubgeflüster klang.

19
So klingt’s, wenn Zweig’ um Zweige sich bewegen

Im Pinienwald an Chiassi’s Meergestad’,[464]

[355]

Sobald sich des Sirocco Schwingen regen.

22
Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,[465]

Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat.

25
Da sieh die Bahn durch einen Bach verschlossen,[466]

Der linkshin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen.

28
Das reinste Wasser hier, am klarsten Tag,

Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht man’s dem, wo nichts sich bergen mag,

31
Obwohl, da Schatten ewig es umringen,

Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen.

34
Es stand mein Fuß, doch jenseits in den Hain

Ließ über’n Fluß ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache grüne Mai’n.

37
Und mir erschien – so stellt dem Blick zu Zeiten

Sich unversehn Erstaunenswerthes dar,
Den Geist von allem Andern abzuleiten –

40
Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar[467]
[356]

Im Gehen sang, aufsammelnd Blüth’ um Blüthe,
Womit vor ihr bemalt der Boden war.

43
„„O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüthe,

Wie’s pflegt, im Aeußern, mich zu glauben zwingst,
Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte,

46
O käme Lust dir, daß du näher gingst,““

Ich sprach’s zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
„„Daß ich verstehen könne, was du singst.

49
Dich seh’ ich jetzt, Proserpinens gedenkend,[468]

Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und Sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend.““

[357]
52
Und wie im Tanz ein Mägdlein kaum empor

Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Und einen Fuß kaum setzt dem andern vor:

55
So sah ich sie durch bunte Blumen schreitend,

Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend,

58
So daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,

Indem ich, wie sie näher hergezogen,
Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand.

61
Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen

Den grünen Rasen am Gestad’ besprühn,
Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen.

64
Nicht mocht’, als Amor, übermäßig kühn,

Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glühn.

67
Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,

Und pflückte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Höhe brachte.

70
Der Bach, er trennt’ uns um drei Schritte kaum;

Doch Hellespont, den Xerxes überschritten,
Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum,

73
Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,

Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen Er, ein Hemmniß meinen Schritten.

76
„Ihr seid hier neu, und weil in dem Gebiet,“[469]

Begann sie nun, „das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied,

79
Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen?[470]

Doch zeigt der Psalm: Herr, du erfreutest mich
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen.

82
Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;

Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen,
Drum frage nur, und ich befried’ge dich.“

[358]
85
„„Das Wasser,““ sprach ich, „„sammt des Waldes Klängen,[471]

Sie müssen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen.““

88
Drum Sie: „Vom Grunde deß, was du geschaut,

Und was gehört, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut.

91
Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,[472]

Den Menschen schuf’s zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand für ew’gen Frieden,

94
Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,

Die Schuld, die süßes Spiel ihn mit Beschwerden,
Mit Zähren Lust und Lachen tauschen ließ.

97
Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden,[473]
[359]

Die Dünste, die der Hitze nach, so weit
Es möglich ist, emporgezogen werden,

100
Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,

Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Thor an ganz von Dunst befreit.

103
Nun, weil noch immerfort im ersten Gleise[474]

Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise,

106
Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,

Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht.

109
Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,[475]

Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend.

112
Auch andres Land, nachdem sein Boden schafft,

Durch Sterngunst oder eig’ne Kraft, es treibet
Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft.

115
Nun denk’ ich, daß dir’s mehr kein Wunder bleibet,

Wie manche Pflanze, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbar’n Samen, doch bekleibet.

118
Und wissen sollst du, daß im heil’gen Feld,

In dem du bist, die Samen alle sprießen,
Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt.

121
Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,

Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen.

[360]
124
Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest[476]

Die Wässer, die dem Doppelarm entfluthen,
Die Wille Gottes neu ersetzen läßt.

127
Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluthen

Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten;

130
Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt

Dir Eunoe – allein nur Jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstern trinkt.

133
Kein Wohlgeschmack ist Seinem gleich zu schätzen;

Und wäre schon genügend, was ich sprach,
Vermöcht’ ich auch nichts weiter zuzusetzen,

136
Doch bring’ ich gern noch einen Zusatz nach,

Und deinen Dank vermein’ ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfüll’, als ich versprach.

139
Den alten Dichtern, glaub’ ich, wenn von ihnen

Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen.

142
Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,

Hier jede Frucht in ew’gen Frühlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit.“

145
Und als Sie noch mir solches kund gegeben,

Kehrt’ ich mich um, und sah ein Lächeln hier[477]
Bei diesem Schluß der Dichter Mund umschweben,

148
Dann aber wandt’ ich wieder mich zu Ihr.
_______________
[361]
Neunundzwanzigster Gesang.
Der Siegeszug der wahren Kirche erscheint jenseits des Baches.

1
In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,

Ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen;
„Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward.“[478]

4
Und gleichwie Nymphen in der Waldnacht Hallen

Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen,

7
Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,

Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenüber fort.

10
Kaum hundert waren mein’ und ihrer Tritte,

Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte.

13
Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,

Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden:
„Mein Bruder, halt’ jetzt Ohr und Auge wach!“

16
Sie sprach’s, und gleich durchlief von allen Enden[479]

Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain;
Ich glaubt’, es möge mich ein Blitzstrahl blenden,

19
Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein,

Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht’ ich still bei mir: Was mag das sein?

22
Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte

Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt,[480]
Daß Eva’s Frevelmuth zu viel begehrte.

25
Wo Erd’ und Himmel nicht sich widersetzt,
[362]

Da fühlt’ ein Weib sich, kaum der Ripp’ entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug’ umzog, verletzt.

28
O hätte sie sich fromm in ihm verschlossen,

Hätt’ ich die überschwänglich große Lust
Wohl früher schon und länger dann genossen!

31
Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,

In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach größern Freuden in der Brust,

34
Da glüht’, als wär’ ein Feuer aufgegangen,

Die Luft im Laubgewölb’ – es scholl ein Ton,
Und deutlich hört’ ich bald, daß Stimmen sangen.

37
Hochheil’ge Jungfrau’n, wenn ich öfter schon[481]

Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen,
Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr’ ich Lohn.

40
Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,

Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist im Lied zu sagen.

43
Ich glaubte sieben Bäume weiterhin

Von Gold zu schau’n, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn;

46
Denn als ich nun so nahe hingezogen,

Daß sich vom Umriß, der den Sinn bethört,[482]
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen,

49
Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,

Statt Bäumen sieben Leuchter mich erkennen,[483]

[363]

Und deutlich ward Hosianna-Sang gehört.

52
Und oben sah ich das Geräthe brennen.

Und heller ward die Flamm’, als Luna’s Licht
In Monats Mitt’ um Mitternacht zu nennen.

55
Zum Führer wandt’ ich staunend mein Gesicht,[484]

Doch nichts vermocht’ er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht.

58
Da blickt’ ich wieder nach den hohen Dingen,

Die langsamer, als eine junge Braut,
Sich still bewegend, mir entgegen gingen.

61
„Was bist du doch“, so schalt die Schöne laut,

„Für die lebend’gen Lichter so entglommen,
Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?“

64
Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,

Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand,
Rein, wie man nichts auf Erden wahrgenommen.

67
Das Wasser glänzte mir zur linken Hand[485]

Worin, wenn ich in seinen Spiegel sahe,
Ich meine linke Seite wiederfand.

70
Als ich am rechten Platze war, so nahe,

Daß nur der Fluß mich schied, hemmt’ ich den Schritt,
Um besser zu erschau’n, was dort geschahe.

73
Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt,

Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt.

76
So sah man sieben Streifen oben strahlen,
[364]

Sie allesammt in jenen Farben bunt,
Die Phöbe’s Gurt und Phöbus’ Bogen malen.

79
Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,

Doch sah ich, daß an beiden äußern Gränzen[486]
Zehn Schritt der erste von dem letzten stund.

82
Und wie ich also sah den Himmel glänzen,[487]

Da zogen drunter, Zwei an Zwei gereiht,
Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen,

85
Und Alle sangen: „Sei gebenedeit[488]

Aus Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen
Sei deine Huld und Schön’ in Ewigkeit.“

88
Und als nun die beblümten frischen Wiesen,

Die jenseit das Gestad’ des Bachs begränzt,
Die Auserwählten nach und nach verließen,

91
Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt,[489]

Vier Thiere dort zunächst sich offenbaren.
Und jedes war mit grünem Laub bekränzt,

94
Und war versehn mit dreien Flügelpaaren,

Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
Die gleich lebend’gen Argus-Augen waren.

97
Nicht viel der Reime, Leser, wend’ ich jetzt

Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben,
Da Andres noch mein Sang sich vorgesetzt.

100
Laß von Ezechiel sie dir beschreiben;
[365]

Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben.

103
Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht;

Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
Mir völlig bei und dem Propheten nicht.

106
Es stellt’ im Raum sich, den die Thier’ umfingen

Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar,[490]
Deß Seil’ an eines Greifen Halse hingen.[491]

109
Und in die Streifen ging der Flügel Paar,

Die hoch, den mittelsten umschließend, standen,
So, daß kein Streif davon durchschnitten war.

112
Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden;[492]

Gold schien, so weit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im Andern Weiß und Roth verbanden.

115
Nicht solche Wagen zum Triumph beschied[493]

Rom dem Augustus, noch dem Afrikanen;

[366]

Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht,

118
Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen,

Verbrannt ward auf der Erde frommes Flehn
Durch Zeus’ gerechten Rathschluß, wie wir ahnen.

121
Man sah im Kreis drei Frau’n sich tanzend drehn[494]

Am Rande rechts, und hochroth war die eine,
Gleich lichter Gluth der Flammen anzusehn.

124
Die zweite glänzte hell in grünem Scheine,

Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
Wie frisch gefallner Schnee an Weiß’ und Reine.

127
Die Weiße sah man bald den Reigen ziehn,

Die Rothe dann, und nach dem Sang der Letzten
Die Andern langsam gehn und eilig fliehn.

130
Links Vier im Purpurkleid, die sich ergetzten,

Und, wie die Eine, mit drei Augen, sang,
Nach ihrer Weis’ im Tanz die Schritte setzten.

133
Nach allen diesen kam den Pfad entlang,[495]

Ungleich in ihrer Tracht, ein Paar von Alten,
Doch gleich an Ernst und Würd’ in Mien’ und Gang.

136
Der Erste war für einen Freund zu halten

Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
Um ihrer Kinder liebste zu erhalten.

139
Der Andre schien auf’s Gegentheil bedacht,

Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht.

[367]
142
Dann kamen Vier daher, demüth’ge, schlichte[496]

Und hinter ihnen kam ein Greis, allein[497]
Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte.

145
Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein[498]

Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten
Die Häupter Lilienkränz’ in weißem Schein,

148
Rosen vielmehr und andere rothe Blüthen;

Wer’s aus geringer Fern’ erblickte, schwor,
Daß oberhalb der Brau’n sie alle glühten.

151
Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,

Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor,

154
Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.[499]
_______________

Dreißigster Gesang.
Der Zug steht still. Beatrix, noch verschleiert, redet über Dante’s Liebe zu ihr und Abfall von ihr und ihre Veranstaltung zu seiner Rettung – also Grundgedanke der göttl. Kom. parallel mit Hölle, Ges. 2.

1
Sobald das Nordgestirn der Empyreen[500]

(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,

[368]

Das nur duch Sünde je man trüb gesehen;

4
Bei welchem Jeder dort der Pflicht gedenkt,

Zu der es leitet, wie den Kahn hinieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt),

7
Still stand, da wandten, die’s vom Greifen schieden,[501]

Die zweimal zwölf wahrhaften Zeugen sich
Zum Wagen hin, als wie zu ihrem Frieden.

10
Und Einer, der des Himmels Boten glich,

Rief dreimal singend zu der Andern Sange:
„Komm, Braut, vom Libanon, und zeige dich!“[502]

13
Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange

Der Sel’gen Schaar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eil’gem Drange,

16
So hoben von des heil’gen Wagens Bahn[503]

Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ew’gen Lebens Diener, himmelan.

19
„Heil dir, der kommt!“ so klang’s im Wiederhalle,[504]

„Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!“
Und Blumen warfen rings und oben Alle.

22
Oft sah ich bei des Tages Anbeginn

Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Königin

25
Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,

So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß,

[369]

Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen.

28
So, durch die Blumenflut, die sie umschloß,

Und niederstürzend um und in den Wagen
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß,

31
Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,[505]

Olivenzweig’ ihr Kranz, und um’s Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen.

34
Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,

Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demüth’gen Staunens bange Lust empfand,

37
Fühlt’, eh’ das Aug’ ihm Kunde noch gegeben,

Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe mächtig sich erheben.

40
Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,

Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll,

43
So wandt’ ich links mich hin, mit dem Verlangen,

Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Muth
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen,

46
Um zu Virgil zu sagen: „„Ach mein Blut!

Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke,
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut,““

[370]
49
Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,[506]

Virgil, der väterliche Freund – Virgil,
Dem sie mich übergab zu meinem Glücke.

52
Was Eva einst verloren, da sie fiel,

Nicht half es mir, die Thränen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel.

55
O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,[507]

Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht:
Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!“

58
Und wie mit ernstgebietendem Gesicht

Ein Admiral, der, musternd seine Schaaren
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht:

61
So war Sie links im Wagen zu gewahren,

Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Noth mich zwang, zu offenbaren.

64
Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,

Als sie erschien, in jener Engelfeier,[508]
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog.

67
Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,[509]

Der von Minervens Laub umkränzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier.

70
Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,

Gleich Einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das härtre Wort für’s Ende spart:

73
„Schau her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen

Führt dich zu diesen Höh’n? Wie? weißt du nicht,
Beglückte wohnen nur in diesen Auen.“

76
Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
[371]

Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht.

79
So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,

Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben.

82
Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort[510]

Den Psalmen: Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis: Stellest meine Füß’ auf weiten Ort.

85
Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen

Den Stürmen ragt, der Schnee, im Forst gehäuft,
Zu Eis erstarrt, vom slav’schen Wind getroffen,[511]

88
Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,

Wenn laue Wind’ aus Libyen ihn verzehren,
So wie, dem Feuer nah’, das Wachs zerläuft;

91
So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,

Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ew’gen Sphären.

94
Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,

Wohl heller klang, als hätten sie gesungen:
„Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?“

97
Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,

Zu Hauch und Wasser bald, und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen.

100
Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,

Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und that den heil’gen Schaaren dieses kund: –

103
„Ihr wacht im ew’gen Tag und nimmer mögen

Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert thut auf seinen Wegen.

106
Drum ist die Antwort mehr für ihn bedacht,
[372]

Der drüben weint, damit sie klar beweise,
Daß große Schuld auch große Schmerzen macht.

109
Nicht durch die Kraft allein der ew’gen Kreise,

Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise:

112
Durch das auch, was der Gnade Regen schenkt,[512]

(Der aus so hohem Dunstkreis, daß zu schweben
Dahin kein Blick vermag, sich niedersenkt,)

115
War dieser einst in seinem neuen Leben[513]

Gar hoch begabt, um ganz zur Trefflichkeit
Durch recht gewöhnte Kraft sich zu erheben.

118
Doch wilder wird in schnöder Ueppigkeit

Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je kräft’ger ist des Bodens Fruchtbarkeit.

121
Wohl wußt’ ich ein’ge Zeit ihn festzuhalten,

Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da ließ er gern als Führerin mich walten.

124
Doch hatt’ er, als ich kaum die Welt verließ,

Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er Andern ganz sich überließ.

127
Als ich vom Fleisch zum Geist emporgeflogen,

Und höh’re Tugend, höhern Reiz empfahn,
Da war er minder hold mir und gewogen.

130
Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,[514]
[373]

Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens,
Und falschen Lockungen und leerem Wahn.

133
Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,

Und Mahnung haucht’ ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eitlen Strebens.

136
Ein Mittel konnt’ ihm nur zum Heil gedeihn,

So tief schon hatt’ er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ew’ger Pein.

139
Deswegen drang ich zu der Hölle Thoren,

Und habe den, der ihn heraufgeführt,
Mit Bitten und mit Thränen dort beschworen.

142
Nicht wär’s, wie sich’s nach ew’gem Rath gebührt,

Wenn er durch Lethe ging’ und sie genösse,
Und nicht vorher, bußfertig und gerührt

145
In Reuezähren seine Schuld ergösse.“
_______________

Einunddreißigster Gesang.[515]
Fortsetzung. Dante’s Generalbeichte vor Beatrix. Eintauchung und Uebergang über den Bach in’s Paradies. Beatrix entschleiert sich.

1
„Du, jenseits dort am heil’gen Strom,“ so kehrte

Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,[516]

[374]

Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte,

4
Fortfahrend ohne Säumen: „Sprich, o sprich,

Ist dieses wahr? erkennst du deine Fehle?

[375]

Auf solche Klage ziemt die Beichte sich.“

7
Die Stimme regte sich, doch in der Kehle

Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finst’re Strenge meine Seele.

10
Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:

„Was sinnst du? sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinn’rung deiner Schuld.“

13
Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen

Ein Ja aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen.

16
Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,

Und, wenn sich Sehn’ und Bogen überschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele schickt,

19
So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,

Ich jetzt in Seufzer aus und Thränenflut,
Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen.

22
Drum Sie zu mir: „In meiner Wünsche Glut,[517]

Die einst nach jenem Gut dich lehrte streben,
Das uns’rem Wunsch entrückt all’ andres Gut –

25
Was fandest du für Ketten, was für Gräben,

Die dich bewogen, mit verzagtem Sinn,
Des Weiterschreitens Hoffnung aufzugeben?

[376]
28
Und welche Förd’rung, welcherlei Gewinn,

Die lockend dir von Andrer Stirne lachten?
Was führte dich zu ihrem Wege hin?“

31
Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten

Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort hervor die Lippen brachten.

34
„„Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,““

So weint’ ich, „„hat, als eure Blick’ entschwanden,
Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt.““

37
„Verschwiegst, verneintest du, was du gestanden,“

Sprach Sie, „nicht minder wär’s dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden.

40
Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund,[518]

So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Sünders Herz gesund.

43
Drum, daß dein Wahn dich mehr erröthen mache,

Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit[519]
Die Lockung der Sirenen kühn verlache,

46
Laß ab von Weinen jetzt und Traurigkeit;

Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit.

49
Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen,

Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Deß schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen.

52
Und sahest du die höchste Wonn’ entfliehn[520]

Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch’ ird’sche Lust dich fürder an sich ziehn?

55
Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen,

Bei ihrem ersten Pfeil, war’s ziemend mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen.

58
Nicht niederzieh’n sollt’ er die Schwingen dir,
[377]

Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Mägdleins nicht, noch andrer eitlen Zier!

61
Der junge Vogel harrt in träger Weile

Des zweiten Pfeils, doch der Beschwingte flieht
Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile.“

64
Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,

Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht;

67
So stand ich dort: „Betrübt dich schon das Hören,“

Sie sprach’s, „so sei emporgewandt dein Bart;[521]
Mein Anblick wird noch deinen Schmerz vermehren.“

70
Der Eiche Widerstand ist nicht so hart,

Läßt ihre Wurzel sie dem Grund entreißen,
Wenn sie von Südsturm’s Macht durchschüttelt ward –

73
Als meiner, da sie dieses mich geheißen!

Auch fühlt’ ich, da sie Bart für Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen.

76
Das Antlitz hob ich zögernd und gemach,

Und sieh, die schönen englischen Gestalten,
Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach.[522]

79
Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten,

Erschaute Sie, dem Greifen zugewandt,[523]

[378]

In dem, dem Einen, zwei Naturen walten.

82
Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,

Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden,
Wie sie vordem die Andern überwand.

85
Wie mußt’ ich da der Reue Schmerz empfinden!

Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eitlen Welt jetzt hassenswürdig finden!

88
So nagte Selbstbewußtsein meine Brust,

Daß ich hinsank – mit welchem inn’ren Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ist’s bewußt.

91
Als äuß’re Kraft das Herz mir neu gegeben,

Sprach über mir sie, die mir einst allein
Erschienen war: „Mich fass’, um dich zu heben! – (Matilde –.)

94
Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein,

Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Fläch’ und zog mich hinterdrein,

97
Um mich zum sel’gen Ufer hinzulenken.

Dort klang’s: „Entsünd’ge mich!“ so süß – ich kann[524]
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken.

100
Die schöne Frau erschloß die Arme dann,

Umschlang mein Haupt und taucht es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann.

103
Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,

Bot sie zum Tanze mich den schönen Vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen.

106
„Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.

Noch eh’ zur Welt Beatrix kam, so gingen[525]

[379]

Wir aus, bestimmt zu Dienerinnen ihr.

109
Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;

Dir schärfen dann, für’s heitre Licht darin
Den Blick die Drei, die schauend tiefer dringen.“

112
Sie sangen diese Worte zum Beginn,

Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.[526]
Dort wandte Sie nach uns das Antlitz hin.

115
Sie sprachen dann: „Hier darfst du frei betrachten,

Wir stellten dich vor jener Augen Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten.

118
Mir weckt’ ein glühend Sehnen ihr Gesicht,

Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen von dem Greifen nicht.

121
Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,[527]

Gleichwie die Sonn’ im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen.

124
Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,

Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war!

127
Indeß die Seel’ in Staunen und Entzücken

Die Speise kostete, die größerm Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken,

130
Da sah ich jene Drei vom höchsten Rang,[528]

Dies zeigte die Geberd’, uns nahe kommen,

[380]

Der Engeltanz begleitend mit Gesang.

133
„Beatrix, laß den Blick, den heil’gen, frommen,“

So sangen sie, „auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schau’n so hoch emporgeklommen.

136
Enthüll’ aus’ Gnad’ ihm deinen Mund, wir flehn!

Die zweite Schönheit, die du noch verborgen,
O laß sie auf vor seinen Augen gehn!“

139
O Glanz lebend’gen Lichts! o ew’ger Morgen![529]

Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Müh’n und Sorgen,

142
Daß er vermag, mit freiem, kühnem Muth

Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Als du bei Himmels-Harmonie’n, in Glut

145
Den unbewölkten Lüften aufgegangen?
_______________

Zweiunddreißigster Gesang.
Wiedersehen mit Beatrix – Vereinigung mit der göttl. Gnade. Der Zug schwenkt rechts zurück, am „Baum der Erkenntniß“ haltend. Der Wagen wird dort angebunden, Christus und die Seligen verschwinden. Beatrix steigt ab. Vision der Geschichte der sichtbaren, streitenden Kirche.

1
Den zehenjähr’gen Durst zu löschen, hingen[530]

An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Daß mir die andern Sinne ganz vergingen.

4
Alles was um mich war, so dort wie hier,

Nicht achtet’ ich’s, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heil’ges Lächeln hin zu Ihr.

7
Da wandten mir die himmlischen Gestalten
[381]

Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten![531]

10
Nun stand ich dort, wie Einer, den das Licht

Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.

13
Doch als das Wen’ge sie mir neu gespendet

– Nach jenem Vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet –

16
Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing

Sich rechts zu kehren an, indem’s den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn’ entgegenging.

19
Wie wenn die Schaaren auf den Sieg verzichten,

Sie unterm Schild sich mit der Fahne drehn,
Eh’ sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten,[532]

22
So war die Schaar des Himmelreichs zu sehn,

Und eh’ sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor und vorüber gehn.

25
Die sieben Frauen rechts und links, bewegte[533]

Der Greif die heil’ge Last mit stiller Macht,
So daß an ihm sich keine Feder regte.

28
Ich, Statius, Sie, die mich zum Furt gebracht,

Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das umgeschwenkt den kleinern Bogen macht.

31
So ging es durch des hohen Waldes Mitte,

Oed’, weil der Schlang’ einst Eva Glauben gab,[534]
Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte.

34
Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
[382]

Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab.

37
„Adam!“ so ward ein Murmeln rings vernommen,

Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,[535]

[383]

Umringt’ im Kreise nun die Schaar der Frommen.

40
Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr[536]

Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
Durch seine Höhe zum Erstaunen wär’.

43
„Heil dir, o Greif! mit deinem Schnabel plündern

Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
Dem Gaumen giebt, doch Marter dann den Sündern.“

46
So rief rings um den starken Baum die Schaar.

Und Er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
„So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr.“

49
Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
[384]

Schob er zum öden Stamm, und ließ am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden.

52
Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum[537]

Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum,

55
Sich üppig blähn zu neuen jungen Sprossen,

Jede gefärbt nach der Natur Gebot,
Eh’ Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen;

58
So, mehr als Veilchen zwar, doch minder roth

Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und todt.

61
Und wie sie nun erblüht’ im neuen Glanze,

Scholl ein hier nie gehörter Lobgesang –
Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze.

64
Könnt’ ich euch malen, wie, mit süßem Klang[538]

Von Pan und Syrinx, einst Merkur den Späher,
Den unbarmherz’gen, zum Entschlummern zwang,

67
So zeigt’ ich, wie nach einem Urbild, eher,

Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht;
Doch das Entschlummern sing’ ein bess’rer Seher.

70
Ich übergeh’ die Zeit, bis ich erwacht,

Bis mir ein Glanz zerriß den dunklen Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh’ auf, hab’ Acht!

73
Wie, zu der Blüt’ des Baums (deß Aepfel theuer[539]

Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
Der Speise giebt zur ew’gen Hochzeitsfeier),

76
Geführt, Jacobus, Petrus und Johann

Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann,

79
Und nun vermindert ihre Schule fanden,

– Denn Moses und Elias waren fort –
Und ihren Herrn in anderen Gewanden:

[385]
82
So ich; und über mich gebogen dort[540]

Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,[541]
Die mich geführt entlang des Flusses Bord.

85
„„Wo ist Beatrix?““ rief ich, und mir glühten

Vor Angst die Wangen. „Auf der Wurzel“, sprach
Die Schöne, „sitzt sie unter neuen Blüten.

88
Sieh hin, wer sie umgiebt. Dem Greifen nach

Entflohn empor die Anderen, mit Sange,
Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach.“

91
Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,

Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange.

94
Sie saß allein auf jenem reinen Land,

Wie’s schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestalt’ge band.

[386]
97
Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,

Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen.

100
„Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist,[542]

Und wirst mit mir als ew’ger Bürger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Römer ist.[543]

103
Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben

Schau auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben.“

106
Beatrix sprach’s – wie konnt’ ich widerstehn?

Ganz so, wie’s der Gebieterin gefallen,
Ließ ich voll Demuth Geist und Auge gehn

109
Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen,

Aus dichter Wolk’, ein flammendes Geschoß,
Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen,

112
Als durch den Baum herab Zeus’ Vogel schoß,[544]
[387]

Nicht wühlend blos in Blüten und in Blättern,
Die Rind’ auch brechend, die sein Mark umschloß;

115
Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,

Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern.

118
Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,

Ins Inn’re selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach bessrer Speise zog.

121
Doch mit dem Vorwurf deß, was er verbrochen,

Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen.

124
Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,

Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,[545]
Und ließ ihm viel von seinen Federn dort.

127
Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,

Klang aus dem Himmel eine Stimm’ und sprach:
„Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!“

130
Und unten, zwischen beiden Rädern, brach

Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,[546]
Der durch den Wagen mit dem Schwanze stach.

133
Dann zog er ihn zurück, wie’s Wespen machen,

Nahm einen Theil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen.

136
Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
[388]

Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie üppig Land mit Gras, sich überziehn.

139
Und dieses Werk war so geschwind vollendet,

Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
Bevor die Brust ein O! und Ach! beendet.

142
Und Häupter trieb, als er verwandelt war,[547]

Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr,

[389]
145
Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,

Die ersten vier mit einem Horn versehn[WS 10];
So glich er nie geschautem Wunderthiere.

148
Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,

Saß eine zügellose Hure drinnen
Und ließ umher die flinken Augen spähn.

151
Und, gleich als solle sie ihm nicht entrinnen,

Stand ihr zur Seit’ ein Ries’ und diese Zwei
Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen.

154
Allein, weil sie die Augen gierig frei

Auf mich gewandt, schlug sie der grimme Freier
Vom Kopf zum Fuß mit wüthendem Geschrei.

157
Drauf löst er ab vom Baum das Ungeheuer,

Von wildem Zorn erfüllt und bösem Arg,
Und zog es durch den Wald, deß dichter Schleier

160
Die Hure sammt dem neuen Thier verbarg.
_______________

Dreiunddreißigster Gesang.
Beatrix erhebt sich mit den Frauen. Ihre Weissagung von der Errettung der Kirche und Wiederherstellung der göttlichen Ordnung. Eunoë, Eintauchung in dieselbe. Schluß.

1
Herr, eingefallen sind die Heiden! fingen,[548]

Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang,
Doch thränenvoll, die Frauen an zu singen.

4
Beatrix horchte seufzend dem Gesang,

Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang.

7
Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen

Erst Raum gegeben, sah ich Sie erstehn,
Grad’ aufrecht, roth wie Feuer anzuschauen.

10
Ueber ein Kleines sollt ihr nicht mich sehn,[549]

Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
Ueber ein Kleines werdet ihr mich sehn.“

13
Sie sprach’s und stellte vor sich alle Sieben,[550]
[390]

Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben.

16
Sie ging, doch mochten’s kaum zehn Schritte sein,

Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt’ in’s Auge mir des Ihren Schein.

19
„Geh jetzt geschwinder,“ sagte sie gelassen,

„Komm’ näher her, daß, red’ ich nun mit dir,
Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen.“

22
Kaum war ich, wie ich sollte, nah’ bei Ihr,[551]

Da sprach sie: „Bruder, bist mir nah’ gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?“

25
Wie wenn von zu viel Ehrfurcht schwer beklommen

Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen,

28
So sprach ich jetzt, da ich zu Ihr begann:

„„O Herrin, ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch’ und was mir frommen kann.““

31
Und Sie: „Mach jetzt dich los von Scham und Bangen,

Ich will’s, und rede sicher nun und wach
Und nicht wie Einer, der im Traum befangen.

34
Es war der Wagen, den der Wurm zerbrach,

Er ist nicht; doch der Schuld’ge wiss’: es scheute,
Vor keinem Zauber je sich Gottes Rach’![552]

37
Nicht immer sonder Erben wird, wie heute

Der Adler sein, der ihm die Federn ließ,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute.

40
Schon nahen Sterne sich – wie ich’s gewiß
[391]

Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen –
Da kommt, von Schranke frei und Hinderniß,

43
Fünfhundertzehn und fünf hervorgebrochen,

Ein Gottgesandter, der die Dirn erschlägt
Zusammt dem Riesen, der mit ihr verbrochen.[553]

[392]
46
Und hab’ ich jetzt dir Worte vorgelegt,

Wie Sphinx und Themis, schwierig zu errathen,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt,

49
So lösen bald dies Räthsel dir die Thaten

Statt der Najaden auf, und unbedroht[554]

[393]

Verbleiben drob die Heerden und die Saaten.

52
Merk, was ich sagt’ und höre mein Gebot:

Du sollst es dort den Lebenden erzählen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod.

55
Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,

Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen.[555]

58
Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich

Verletzt, kränkt Gott mit thät’gen Lästerungen,
Denn Er schuf heilig nur den Baum für sich.

61
Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen

Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist[556]
Nach Ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen.

64
Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,[557]

So hoch sei jener Baum aus tiefern Gründen,[558]
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist.

[394]
67
Und hätte nicht, wie Elsa’s Flut, mit Rinden[559]

Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt,
Und wär’ ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden,

70
So hättest du, was das Verbot bezweckt,

Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt.

73
Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,

Befleckt von Schuld, verworren und berückt,
Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine,

76
So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt

Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt.“[560]

79
Und ich: „„So fest, als nur im Wachse drinnen

Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt,
Trag’ ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen.

82
Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,

Fliegt eu’r ersehntes Wort in solche Sphären,
Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt?““

85
„Auf daß du wissest, welcher Schule Lehren,“[561]

So sprach sie, „du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren;

88
Und wie ihr fern mit eurem Wege seid

Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden

[395]

Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit.“

91
Und ich: „„Nicht will’s mir klar im Geiste werden,

Daß ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fühl’ ich im Gewissen drob Beschwerden.““

94
„Entsinnst du dessen dich nicht mehr?“ so fuhr

Sie lächelnd fort; „doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, deß gedenke nur.

97
Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,

So siehest du durch dies Vergessen klar,[562]
Daß du dich abgewandt vom wahren Guten.

100
Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,

So viel, im engen Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar.“

103
Und flammender, sich trägern Schrittes regend,[563]

Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend.

106
Da standen still, wie, wer als Führer zieht

Vor einer Schaar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht,

109
Die sieben Frau’n an dichten Schattens Rande,[564]

Wie grünbelaubt schwarz-ästig Waldgeheg
Auf kalte Flüss’ ihn wirft im Alpenlande.

112
Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg[565]

Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg.

[396]
115
„„O Licht, der Menschheit Ruhm, welch’ Wasser sprießen

Seh ich aus Einem Ursprung hier und dann,
Sich von sich selbst entfernend, weiter fließen?““

118
Auf diese Bitte hob Beatrix an:

„Mathilden bitt’,“ – und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann:

121
„Dies und noch Anderes ihm auszulegen[566]

Versäumt ich nicht, was, deß bin ich gewiß,
Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen.“

124
Beatrix drauf: „Die größ’re Sorg’ entriß,[567]

Wie’s oft geschieht, dies seinem Angedenken,
Und ließ sein Auge hier in Finsterniß.

127
Doch Eunoe sieh – eil’ ihn dahin zu lenken,

Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken.“

130
Wie ohn’ Entschuldigung, wer, mild und gut,

Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, thut:

133
So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,

Die schöne Frau, und sagte weiblich mild
Zu Statius: „Auch du sollst mit ihm kommen.“

136
Hätt’ ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,[568]

So würd’ ich dir zum Theil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt.

139
Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,

Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen.

142
Ich ging aus jener heil’gen Flut hervor,[569]

Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
Gleich neuer Pflanz’ in neuen Lenzes Flor,

145
Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
_______________

Anmerkungen der Vorlage

  1. [Vorbemerkung. Der Leser betrachte in der Kürze den weiteren Fortgang der ganzen Dichtung. Indem Dante mit Virgil die Hölle durchwanderte, hat er zwar nebenbei ein Weltgericht über seine Zeit in speciell politischer wie in allgemeiner Beziehung gehalten; vor allem aber hat er als Typus der sündigen Menschheit überhaupt an sich selber die Grade der Buße und Sündenerkenntniß durchgemacht, er ist sittlich gefördert und kann nun zur Läuterung und Sündenablegung fortschreiten. Diese letztere nun eben ist im „Fegefeuer“ „il Purgatorio“ dargestellt und man kann leicht verfolgen, wie auch in diesem zweiten Theile des Gedichtes der dreifache Sinn liegt, vermöge dessen wir S. 6 f. die göttl. Kom. als ein Selbsterlebniß Dante’s, als eine Allegorie des menschlichen Heilsweges überhaupt und endlich auch als eine specielle, politisch gefärbte Zeitdichtung bezeichnet haben. Naturgemäß treten die politischen Beziehungen durchs Fegefeuer nicht so oft im Einzelnen hervor, als im Inferno. Aber sie liegen zu Grunde. Denn Virgil geht immer noch mit; und das will ja nichts anderes heißen, als daß er noch unentbehrlich sei, d. h., daß nur eine auf Vernunft und rechte politische Verfassung, selbstständiges Zusammenwirken von Kirche und Staat – gegründete Weltordnung dem Menschen auf Erden den rechten Weg der Wahrheit und sittlichen Freiheit zeige, Ges. 27, 127–142 (s. dort.) beziehungsweise ihn zur rechten Benutzung der kirchlichen Gnadenschätze leite, durch die er allein die volle Freiheit und Reinheit zu gewinnen vermag, Ges. 9, 73 ff. Was die Oertlichkeit betrifft, so denkt sich Dante das Fegefeuer als einen Berg, von dessen Lage und Entstehung am Schluß der Hölle schon Bericht gegeben worden ist. Dieser Berg ist wie ein umgekehrter Höllentrichter, hat Terrassen, die durch Felsenstiegen miteinander verbunden sind und büßenden Seelen zum Aufenthalt dienen, unter welch letzern wir den Dichter sich stets als Mitbüßenden [201] einreihen sehen. Es sind wieder drei Abtheilungen, welche drei innerliche Hauptstufen der Läuterung repräsentiren. Nämlich: das Vorfegefeuer für solche, welche als „Säumige“ im Leben erst im letzten Augenblick zwar noch Buße gethan, aber ebendeßwegen auch hier erst zur weiteren Läuterung angetrieben werden müssen; sodann die sieben Kreise, entsprechend den sieben Todsünden; endlich das irdische Paradies auf der Höhe des Berges, welches den Stand christlicher Vollendung, die Vorstufe zur himmlischen Verklärung, zum dritten Theil der göttlichen Komödie, darstellt. Ueber die zweite Abtheilung im Einzelnen werden wir in Ges. 17 Weiteres hören und betreten nun sofort mit dem zweiten Gesang das Vorfegefeuer. Im Ueberigen muß der Herausgeber, was eine nähere, aber immerhin noch bündige Vorerörterung über das Purgatorium, seine ganze innere Entwickelung im Einzelnen etc. betrifft, auf seine schon erwähnte Einleitungsschrift: „Dante’s göttl. Kom. etc. Stuttgart, Conradi (früher Kirn)“ verweisen, wo der Leser auch eine genaue Gesammtübersicht des zweiten, sowie des dritten Theils der göttl. Komödie des Paradieses, findet. Daß die Dichtung nun Licht und Leben, nicht mehr Tod und Elend der Sünde, singt, fühlen wir sofort beim ersten Verse. Dieser gleich im Anfange so wohlthuend berührende und durch’s ganze „Fegfeuer“ sich hindurchziehende Gegensatz zur Hölle macht diesen Theil der göttl. Kom. nicht weniger poetisch anziehend, als der erste ist. Dort epischer Fluß und grandiose Gewalt der Darstellung; hier lyrische Anmuth, ruhige Klarheit der Schilderung, Hervortreten des subjectiven Gefühls, so daß Dante in der einen, wie in der anderen Dichtungsgattung sich als Meister zeigt.]
  2. 11. Die neun Töchter des Pieros, von Apollo in Elstern verwandelt, weil sie es wagten, mit den Musen im Gesange zu wetteifern, und, überwunden, sie zu schmähen. Den Streich des Tones wird man nicht zu kühn finden, wenn man bedenkt, daß Töne die Waffen waren, mit welchen in diesem Streite gekämpft wurde.
  3. 15. Der erste Kreis des Paradieses – die Sphäre des Mondes, s. Paradies Gs. 2 ff.
  4. 19. Im Anfange des Frühlings tritt die Sonne in das Zeichen des Widders. Diesem voraus geht das Zeichen der Fische, in welchem jetzt die der Sonne vorausgehende Venus steht, durch ihr stärkeres Licht das Licht jenes Gestirns verdunkelnd. Dieser Stand der Sterne deutet daher auf den herannahenden Morgen. [Den dritten der Wanderung. – Man bemerke auch: „der Stern der (göttlichen) Liebe leuchtet dem Ankömmling über dem Berge der Läuterung.“ Notter.]
  5. 22–24. [Der Dichter steht ursprünglich gegen Osten gewendet. – Das Viergestirn, das nur Adam und Eva sahen, kann nur symbolisch verstanden werden (ob auch Dante das südliche Gestirn des Kreuzes, welches man im Norden nicht sieht, gekannt haben mag) und sich auf die vier bürgerlichen Tugenden der Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit beziehen, von welchen der Dichter hiermit sagen will, daß sie von der jetzigen Welt verschwunden seien.]
  6. [28–31. Er wendet sich wieder links zum Nordpol zurück, (wo beim anbrechenden Tag der Wagen schon nicht mehr sichtbar war) und erblickt vor sich den alten Cato von Utica, der um Rom’s Freiheit sich den Tod gab. Der Dichter sieht hierin ein, wenn auch irregeleitetes Ringen nach Freiheit des Geistes und erhebt ihn darum aus der Hölle hierher, als ein Vorbild jener vier so selten gewordenen Tugenden (V. 37) und eine Allegorie der beginnenden sittlichen Läuterung. Daher ist er Thorwart des Fegefeuers. Dante zeigt hier ein, für seine Zeit feines und gerechtes Urtheil über das Heidenthum, indem er einerseits für Cato einen anderen Maßstab anlegt, als er es bei einem Christen thun würde – andererseits aber auch denselben erst an die Pforte des Fegefeuers, in den Anfang einer höheren sittlichen Erneuerung versetzt, welch’ letztere für Dante einzig in der christlichen Rechtfertigung sich vollendet.]
  7. 41. Der blinde Strom, derjenige, der am Schluß des letzten Gesanges der Hölle von den Dichtern nicht gesehen, sondern nur gehört wird. Vergl. Anm. zu Ges. 34 V. 130.
  8. 42. Dem Leser wird es hoffentlich nicht entgehen, wie plastisch mit diesen Worten das Bild des erhabenen Eiferers dargestellt ist.
  9. 46. Ex inferno nulla est redemtio.
  10. [52. ff. Hinweisung auf die ersten Gesänge der Hölle, Anlaß und Zweck des ganzen Gedichts betreffend. Vgl. bes. zu 2, 53 ff. u. 82 ff.]
  11. 76. Der ewige Schluß, nach welchem aus der Hölle keine Erlösung ist.
  12. 78. 79. [Marcia, die wir Hölle 4, 128 unter den guten Heiden fanden, hatte sich von Cato auf dessen Wunsch geschieden und den Redner Hortensius geehlicht, um der Republik auch von ihm Söhne zu schenken. Nach dessen Tod bat sie den Cato in rührender Weise, (Lucan, Phars. II, 341 ff.) „sie doch wieder sein zu nennen,“ was er that (V. 86.)]
  13. [88. Bestimmen aber dürfte ihn, will Cato sagen, die Erinnerung an Marcia hier nicht mehr. Denn wer dem höheren Leben zueilt, muß auch die schönsten Erinnerungen aus der Sündenzeit hinter sich werfen (Paulus Phil. 3, 13!) Doch wäre jenes auch hier gar nicht [205] nöthig. Der Wille des Himmelsweibs, der Marie = der ewigen Liebe Gottes, ist Befehls genug.]
  14. [89 ff. Mit Christi Höllenfahrt wurde ein Theil der im Limbus Befindlichen erlöst, darunter auch Cato, Hölle IV, 53 ff. Marcia blieb und bleibt zurück bis Christus wieder kommt und alle übrigen mit ihr. Dies ist das „Gesetz“ V. 90.]
  15. 94. Die Binse, immer den Wogen oder dem Sturme weichend und immer ungebrochen sich erhebend, ist das Symbol der Geduld, deren diejenigen bedürfen, die durch Schmerzen zur Freiheit sich läutern wollen. Die beiden letzten Verse dieses Gesanges stellen das Bild noch deutlicher dar.
  16. [98. Ein Engel, Ges. 2, 29, der erste der vielen, die wir im Fegefeuer treffen.]
  17. [112 ff. Rückwärts. Den untersten Theil des Fegefeuerbergs, das Vorfegefeuer, das sich sogleich eröffnen wird, bildet ein gegen das Meer zu geneigtes Blachfeld. Sie kehren sich jetzt von Cato wieder ab, um mit der Sonne, V. 107, vom Osten aus (in westlicher Richtung) den Berg zu erklimmen.]
  18. 115. Die Frühe, diejenige Zeit, dasjenige Colorit der Luft, die dem Morgen vorangehen. Wie das Morgenroth erscheint und sich ausdehnt, scheint es die dunklere Farbe des Himmels weiter nach oben zu treiben, bis endlich durch das Aufgehen der Sonne der ganze Himmel mit gleicher Klarheit überzogen wird.
  19. 121. Am Fuße des Berges, welchen wir, um uns zu läutern, erklimmen müssen, ist der Boden mit Thau bedeckt, welchen der Schatten des Berges schützt, daß er nicht von der Sonne aufgesogen werde. Mit diesem Thau wäscht Virgil das Gesicht des Dichters von dem Schmutze der Hölle rein, so daß wieder die natürliche Farbe zum Vorschein kommt. Der moralische Sinn dieses schönen Bildes wird von Jedem leicht erkannt werden.
  20. II. 1. Der Dichter nimmt auf dem Runde der Erde vier Punkte an, deren Meridian, seiner Voraussetzung nach, gleich weit von einander entfernt ist: Jerusalem, den Ebro, den Berg der Läuterung und den Ganges. Die Entfernung des einen Meridians von dem andern beträgt 90 Grade, dergestalt, daß Jerusalem und der Berg des Fegefeuers 180 Grade, oder um die ganze Hälfte des Erdumfangs, von einander entfernt liegen, mit anderen Worten: daß die Bewohner beider Punkte Gegenfüßler sind. Diese beiden Punkte haben einen Horizont, d. h. dieselbe Gränze ihres Gesichtskreises, daher, wenn für Jerusalem die Sonne im Westen diese Gränze überschreitet, d. h. untergeht, sie für den Berg des Fegefeuers im Osten aufgeht. Die beiden anderen Punkte, der Ganges und Ebro, liegen zwischen innen, gegenseitig von sich um 180 Grade, von Jerusalem und dem Fegefeuer-Berge aber um 90 Grade entfernt, welche die Sonne in sechs Stunden durchläuft. Wenn also die Sonne für den Meridian von Jerusalem dem westlichen Horizonte nahe steht, ist sie für den Berg des Fegefeuers im Begriff aufzugehen. Dann verschwindet hier das Weiß und Roth der jungen Morgenröthe und macht dem hohen Gelb Platz, welches dem Aufgange der Sonne vorausgeht. Am Ganges aber, 90 Grad ostwärts, ist sie schon seit sechs Stunden untergegangen. Dort ist’s also eben jetzt volle Nacht. Die Nacht aber bringt im Anfange des Frühlings das Gestirn der Waage mit sich, in welchem die Sonne sechs Monate später, zu Anfange des Herbstes, aufgeht. Zu dieser Zeit nimmt die Nacht zu, die Waage aber entgeht den Händen derselben, weil sie mit der Sonne bei Tage am Himmel steht.
  21. [16. Der Leser wird in der hohen poet. Schönheit der folgenden Stelle, 16 bis zum Schluß, gleich einen Beweis des in der Vorbemerkung Gesagten erkennen.]
  22. 22. Der hellste Glanz ist der des Angesichts, und dieser wird zuerst erkennbar, dann zeigt sich das lichte Weiß der beiden Flügel und zuletzt das des Gewandes.
  23. [30. – Engel, statt, wie in der Hölle, Teufel.]
  24. 46. Der Anfang des schönen 114ten Psalmen, welchen die Leser nachsehen mögen. Sie werden leicht erkennen, wie herrlich dieser Psalm [209] auf die Seelen angewandt ist, welche, gerettet aus der Sclaverei der Erde, der Freiheit zuziehen.
  25. 49. Der christliche Glaube und die christliche Sittenlehre sind es, die uns am sichersten zur moralischen Freiheit leiten. Auf sie verweiset der Engel die Seelen, indem er auf sie das Zeichen des Kreuzes macht.
  26. 56. Der Steinbock ist vom Widder 90 Grade westlich entfernt, und steht also, wenn die Sonne im letztern aufgeht, beim Aufgange derselben in der Mittagshöhe.
  27. 60. Wir haben im zweiten Gesange der Hölle gesehen, daß der Dichter nur zögernd und zweifelnd auf Virgils Zureden sich entschloß, die verhängnißvolle Reise zu unternehmen und sich zuvörderst die Erkenntniß der Sünde zu verschaffen. Im zehnten Verse dieses Gesanges zeigt sich bei Dante und Virgil gleiche Unschlüssigkeit, denn die Vernunft selbst findet es schwerer, sich von der Sünde zu läutern, als sie zu erkennen. Gleiche Ungewißheit zeigen nun die eben ankommenden Seelen bei der Neuheit des Zustandes, in welchem sie sich befinden.
  28. 70. Noch zu Dante’s Zeiten sollen die Friedensboten nach alter [210] Sitte mit dem Oelzweige in der Hand erschienen sein. An Gelegenheit, dergleichen Boten zu sehen, konnte es dem Volke damals nicht fehlen.
  29. 79. Ueber die Gestaltung der Seelen vgl. Anm. zur Hölle Ges. 3 V. 34 und Ges. 6 V. 35.
  30. 93. [Casella, ein berühmter Sänger, Musiker und Freund Dante’s, der auch Sonette und Canzonen des Dichters in Musik gesetzt zu haben scheint (nach V. 112), war ohne Zweifel zu Anfang des, von Bonifaz VIII. auf 1300 ausgeschriebenen Jubeljahrs, also etwa 3 Monate vor des Dichters Höllenreise, gestorben. Da nun nach dem frommen Glauben, den auch Dante theilt, alle bußfertigen Theilnehmer des Jubeljahrs, der Hölle enthoben, sofort nach dem Tod nach dem Berg der Läuterung gelangen, so konnte Dante hier fragen, weshalb Casella jetzt erst hier ankomme und „so viel Zeit verloren habe?“ Wo indessen seine Seele geweilt, ist nicht angegeben, aber der Rückschluß auf Casella’s auch sonst bezeugtes, nicht gerade bußfertiges Leben, leuchtet ein.]
  31. 103. Den Ausfluß der Tiber hält der Dichter für den Ort, wo die zur Seligkeit bestimmten Seelen eingeschifft werden, um sich zuvörderst im Fegefeuer zu läutern. Die Verdammten dagegen stürzen unmittelbar nach dem Tode zu ihrem Straforte hinab. Hiermit ist die Vermittelung der Kirche (Rom am Tiber) zwischen Gott und den zur Seligkeit bestimmten Seelen angedeutet.
  32. 112. Die Liebe etc. Amor, che nella mente mi ragiona – der Anfang einer wunderschönen Canzone des Dante.
  33. [115 ff. Eine der schönsten Stellen über Musik, wetteifernd mit dem berühmten Lied im 3. Act von Shakespeare’s Heinrich VIII.]
  34. 119. Den ehrenhaften Alten. Den Cato.
  35. 124. Wenn ein Schwarm Tauben sich auf dem Felde niederläßt, sieht man sie erst mit dem ihnen eigenthümlichen, an Stolz erinnernden Nicken des Kopfes girrend umherlaufen. Bald aber suchen sie still und ruhig die Körner im Stoppelfelde, bis sie, wenn irgend etwas sie erschreckt, sämmtlich jählings emporfliegen. Man erkennt bei allen aus der gewöhnlichen Natur entnommenen Gleichnissen, wie genau der Dichter die Erscheinungen derselben bis zur kleinsten beobachtet hat.
  36. III. 3. Wo die Vernunft uns peinigt, d. h. wo sie uns antreibt, uns zu erforschen, um unsere Fehler zu erkennen.
  37. 7. Virgil selbst, die menschliche Vernunft darstellend, hatte sich von der Lust am Gesange, also von gewohnter irdischer Neigung, hinreißen lassen, die ihm aufgetragene Führung zu vergessen, und schämt sich seines Fehlers sowohl als der unmittelbaren Folgen desselben – der eiligen Flucht.
  38. 19. Dante, welcher im Dunkel der Hölle Virgils Schatten weder bemerken, noch vermissen konnte, sieht erst jetzt, da ihm die Sonne im Rücken steht, erschrocken, daß sein Leib allein einen Schatten vor ihn hinwirft, und glaubt sich, da er den des Führers nicht sieht, von ihm verlassen.
  39. 25–27. Virgil starb zu Brindisi und wurde zu Neapel begraben. Daß es dort eben Abend werden mußte, erläutert sich durch das, was oben bei V. 1–9 des zweiten Gesanges bemerkt ist.
  40. 29. Der Dichter denkt sich unter dem Himmel, oder vielmehr unter den vorausgesetzten verschiedenen Kreisen des Himmels, mehrere über einander gespannte durchsichtige Gewölbe.
  41. [33 ff. Dennoch versucht Dante Fegef. 25, 100 ff. das Räthsel zu lösen, wie die Schattenleiber empfinden können.]
  42. 44. Man wird sich nach Lesung des vorhergegangenen schönen Stelle erinnern, daß Virgil selbst sich im Vorhofe der Hölle bei denjenigen befindet, welchen nichts zur Seligkeit fehlt, als der Glaube.
  43. 49. 50. Lerici und Turbia, zwei Orte im Strandgebirge von Genua. Die ersten Schritte auf dem Wege zur sittlichen Freiheit sind schwer. Die Vernunft selbst weiß diesen Weg kaum zu finden, und ist schwankend und unsicher. [Der Leser bemerke hier, wie z. B. Gs. 4, 39 ff. u. ö., daß Virgil im Fegefeuer, zwar noch unentbehrlich, doch die frühere sichere selbstständige Stellung nicht mehr hat, oft die Seelen fragt etc. S. Vorbemerkung. Sein hoher, aber streng begrenzter Beruf ist, den Dante den kirchlichen Gnadenmitteln, welche die eigentlichen Läuterungskräfte sind, zuzuführen, was in Ges. 9 geschieht.]
  44. [73. „Wohl geendet“ d. h. bußfertig, wenn auch nicht vollkommen bekehrt, daher sie erst im Fegefeuer getroffen werden.]
  45. 79. Wenn wir in der Hölle die in der Sünde versunkenen Geister allenthalben in Streit und Haß unter sich gefunden haben, so finden wir dagegen die sich läuternden liebevoll verbunden, und sich an einander anschließend. Gewiß ist Liebe die erste Frucht des ernsten Strebens nach sittlicher Freiheit.
  46. 88. Schon in der Hölle waren die Schatten erstaunt, wenn sie bemerkten, daß Dante ein Lebender sei. Auch hier zeigen die Seelen dasselbe Erstaunen. Wir dürfen hierin keine tiefere allegorische Bedeutung suchen, werden aber leicht erkennen, daß dieser Zug ein nothwendiger in der poetischen Gestaltung des Werks ist.
  47. 101. Dieses Zeichen, bei welchem man den Rücken der Hand dem Andern zukehrt und die Finger von sich selbst abwärts und nach jenem zu bewegt, bedeutet[WS 1], daß der, dem man winkt, nicht weiter vorwärts gehen, sondern umkehren solle. Hier wird von den Seelen dieses Zeichen deswegen gemacht, weil die beiden Dichter, statt sich auf dem eingeschlagenen Wege den Stiegen zu nähern, sich davon entfernt haben würden.
  48. 107 ff. Der hier erscheinende Schatten ist der Hohenstaufe Manfred, der schöne, glänzende und lebenslustige König von Neapel. Von der Kirche immer bekämpft und sie bekämpfend, stürzte er sich, als er die Schlacht bei Benevent, die über sein Reich entscheiden sollte, gegen den von Clemens dem Vierten unterstützen Karl von Anjou verloren sah, den Tod suchend und findend in die Feinde. Sein Leichnam wurde mit zwei tödtlichen Wunden am Haupte und in der Brust aufgefunden. Vergebens baten die französischen Großen ihren Herrn, daß er dem Todten ein ehrenvolles Begräbniß bewilligen möge. Karl blieb selbst gegen den besiegten Feind grausam und schlug es ab, weil, wer im Kirchenbann gestorben, nicht in geweihter Erde ruhen dürfe. So ward er ungeehrt bei der Brücke von Benevent verscharrt. Aber edelmüthiger, als der Führer, war das Heer der Feinde und errichtete ihm ein Ehrendenkmal, indem jeder Soldat auf sein Grab einen Stein trug. Doch auch dieses Grab und dieses Denkmal gönnte ihm die unversöhnliche Kirche nicht. Nicht einmal so viel Erde, als ein Todter zur Ruhestätte braucht, sollte er von seinem Reiche besitzen. So ward sein Leichnam auf Anordnung des Kardinal-Legaten, Erzbischofs von Cosenza, wieder ausgegraben und nach der Gränze von Abruzzo gebracht. Dort in einem vom Verde durchströmten entlegenen Felsthale wurde er verscharrt, mit verlöschten Lichtern, weil beim Begräbnisse eines im Kirchenbann Gestorbenen nicht nur alle kirchlichen Feierlichkeiten unterbleiben, sondern auch der Priester die Lichter auslöscht.
    [217] Constanze, Manfreds Tochter von seiner ersten Gemahlin Beatrix, war mit Peter von Arragonien vermählt, und Mutter Friedrichs und Jacobs’, von welchen V. 116 die Rede ist. Dante soll sie, wie Manfred bittet, wenn dort behauptet werde, er sei, als im Kirchenbann verstorben, verdammt, eines Bessern belehren, aber auch sie bitten, daß sie für ihn flehen möge, damit er zeitiger zur Läuterung zugelassen werde. Denn am Fuße des Berges und vor der Pforte des Fegefeuers, zu welcher wir im neunten Gesange gelangen, müssen nicht nur die Gebannten, sondern auch diejenigen, welche zu spät ihre Sünden bereut und sich zu Gott gekehrt haben, so lange harren, bis die bestimmte Zeit verflossen ist, wenn nicht frommes Flehen diese Zeit abkürzt. – [Die V. 139 ausgesprochene Doctrin, nach welcher Jeder dreißigmal so lange, als er im Kirchenbann gelebt, vor der Pforte des Reinigungsortes warten müsse, ist freie Erfindung des Dichters.]
  49. IV. 1–12. Der Dichter kämpft hier gegen die Meinung [der Platoniker], welche behaupteten, der Mensch habe mehrere Seelen, insonderheit eine denkende und eine fühlende. Wäre dies wahr, so würde jede selbständig für sich wirken können. Da aber die Seele nur Eine ist, jedoch mehrere Kräfte hat, so nimmt diejenige Kraft, welche eben einen starken Eindruck empfängt, den ganzen Menschen in Anspruch und hemmt die Thätigkeit der übrigen Kräfte, [so daß diese, die sinnlichen Wahrnehmungen, „womit Aeußeres empfunden wird“, durch die frei waltende geistige Gesammtkraft der Seele gebunden erscheinen. V. 12.]
  50. 16. Die 360 Grade, in welche die Himmelskugel getheilt ist, werden von der Sonne scheinbar in 24 Stunden, folglich 15 Grade in einer Stunde durchlaufen. Als die Sonne 50 Grade zurückgelgt hatte, mußte es also in der heiligen Woche, in welcher der Dichter seine Reise machte, ungefähr 9½ nach deutscher Uhr sein.
  51. 19. Auch in Deutschland werden hin und wieder die engen Treppen, welche die Weinberge hinauf führen, beim Reifen der Trauben mit Dornen gesperrt, daher dies Bild wohl verständlich sein wird.
  52. 25. 26. Bismantova, ein hoher Berg bei Reggio. Noli, eine Stadt im Genuesischen zwischen Savona und Finale.
  53. 42. Durch obiges Bild hat der Uebersetzer ein anderes des Originals ersetzen müssen, da letzteres nicht vollständig zu übersetzen [220] war. Es heißt dort: die Seite des Felsens hob sich stolzer, als die Regel des Quadranten aus der Mitte nach dem Centrum, welche folglich eine Linie mitten inne zwischen der Horizontal- und Perpendicular-Linie bezeichnet.
  54. 47. [Der Leser erinnere sich an das in der Vorbem. über die Oertlichkeit Gesagte. Weil der Fegefeuerberg die Gestalt des umgekehrten Höllentrichters hat, so spitzt er sich aufwärts zu (doch so, daß er ganz oben abgeplatter ist) und so werden die rings herumlaufenden Terrassen, in denen er sich abstuft, nach oben zu immer kleiner, aber auch immer lieblicher und sanfter geneigt, wie dort die Höllenkreise immer grauser werden – was alles nicht ohne eine sinnige, allegorische Beziehung ist. Und wie dort der Blick nur in die Tiefe tauchte und sich von der Finsterniß umstarrt fand, so schweift er hier in das Weite des lichten Luftmeers, das den freistehenden Berg umgibt. Endlich führen hier die Treppen von einer Terrasse zur andern durch schmale Felseneinschnitte und, nach Westen gekehrt, haben die Dichter wieder rechts den freien Raum und den Abfall gegen das Meer, links die Felsenwände gegen oben.]
  55. 55–83. Der Dichter zieht in Gedanken von Jerusalem aus durch den Mittelpunkt der Erde nach der andern Halbkugel eine Linie, an deren Ende der Berg des Fegefeuers liegt. Wir finden daher den selben auf der südlichen Halbkugel. Von dieser aus aber erscheint die Sonne gegen Norden, dem Dichter also jetzt, da er das Gesicht nach Osten wendet, [221] zur linken Hand. – In das Zeichen der Zwillinge (Castor und Pollux) tritt die Sonne (der Spiegel ewiger Macht) am 21. Mai, wo sie also um zwei Zeichen des Thierkreises nördlicher als im ersten Frühlinge steht. Zu dieser Zeit also würde dem Dichter der nördliche Lauf derselben noch auffallender sein.
  56. 85–96. Indem der Mensch im Beginn eines bedeutenden Strebens das Ziel desselben scharf in’s Auge faßt, scheint es ihm so entfernt und der Weg dahin so schwierig, daß er fast die Hoffnung verliert, es je zu erreichen. Aber die Vernunft sagt ihm, daß sich die Schwierigkeit mit jedem Fortschritte mindert, und daß, je mehr wir dem Ziele uns nähern, die Mühe selbst zum Genusse wird. [Aber mehr weiß die Vernunft auch nicht, V. 96. Sie weiß den Weg nicht und giebt die Kraft nicht zum Erreichen des Ziels.]
  57. 106. Wir sehen hier einen Faulen, welcher, nicht ohne einen Anflug gutmüthigen Spottes, das lebendige Streben der Andern betrachtet und mit möglichst kurzen Worten, in seiner bequemen Stellung sich kaum bewegend, auf das, was er hier für besonders merkwürdig hält, aufmerksam macht. Dieser Belacqua war, nach Benvenuto d’Imola, ein Meister in der Verfertigung von Zithern und Lauten, deren Hälse und Köpfe er mit künstlicher Schnitzarbeit verzierte, selbst Musiker, und durch Dante’s Liebe zur Musik mit ihm befreundet.
  58. 130. Diejenigen, die bis an den Tod die Reue verschieben, müssen, ehe sie zur Läuterung zugelassen werden, so lange warten, als ihr ganzes Leben gedauert hat.
  59. 139. Wenn es auf dem Berge des Fegefeuers, den man sich im stillen Ocean zwischen Südamerika und Neuholland denken mag, Mittag ist, muß es in Jerusalem Mitternacht sein, in Marocco aber zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche Nacht werden.
  60. V. 5. [Die Dichter gehen weiter den untersten Abhang des Berges [224] hinan, welcher das Vorfegefeuer bildet.] Daraus, daß der Schatten des Dichters linker Hand ist, erkennen wir, daß er nach Westen geht, da die Sonne von Norden her leuchtet. Auch in solchen Dingen zeigt der Dichter die größte Genauigkeit, so daß wir immer durch ähnliche kleine Andeutungen die Richtung des Weges sicher zu wissen im Stande sind.
  61. 10. Wiederholung der Erinnerung, daß ein bedeutendes Ziel fest im Auge behalten und nicht durch zerstreuende Aufmerksamkeit auf minder Bedeutendes das Streben darnach geschwächt und unterbrochen werden müsse.
  62. 36. Sie wissen genug, um froh zu sein, weil Dante, ein Lebender, bei der Rückkehr zu den Lebenden ihren Verwandten und Freunden von ihrem Schicksale Nachricht geben und sie bitten konnte, durch gläubiges Gebet ihr Harren vor der Pforte des Fegefeuers abzukürzen.
  63. 37–40. Wetterleuchten, Sternschnuppen, Meteore.]
  64. 46. Den irdischen Leib, nicht den Scheinleib, welcher erst nach dem Tode die Seelen umgibt.
  65. 51. Wir sehen, daß Dante Virgils Ermahnung, sich nicht aufzuhalten, zu befolgen sich bemüht.
  66. 68. Der Schatten, der hier spricht, ist Jacob del Cassero, Bürger von Fano, welchen der Markgraf Azzo der Dritte von Este bei Oriaco im Paduanischen ermorden ließ, indem er nach Mailand reisen wollte, um dort die Stelle des Podesta anzutreten. Er hatte sich als Podesta von Bologna dem Azzo, der immer weiter um sich griff, entgegengesetzt, den Abfall desselben von der Partei der Ghibellinen auf das Härteste getadelt und sich dadurch dessen Haß zugezogen.
  67. 79. Mira, ein Ort im Paduanischen.
  68. 80. Buonconte, Sohn des Guido von Montefeltro, ein Ghibellin, blieb in der Ebene vom Campaldino, in welcher seine Partei von den Guelfen geschlagen ward. Sein Leichnam wurde nirgends gefunden, daher hier die Dichtkunst entdeckt, was der Geschichte verborgen blieb. Johanna, Buonconte’s Gattin, soll durch den Dichter von dem Schicksale des Gemahls unterrichtet werden, um durch Gebet sein Harren vor der Pforte des Fegefeuers abzukürzen.
  69. 95. Der Archiano verliert seinen Namen, indem er sich mit dem Arno vereinigt.
  70. [103 ff. Vgl. Hölle 27, 112 ff. dieselbe Scene bei Guido].
  71. 107. Hier, wie überall, spricht sich der Glaube aus, daß nur diejenigen verdammt werden, welche der Tod als verstockte Sünder ohne Reue überrrascht, Reue aber und Vertrauen auf Gnade, wenn auch nur im Augenblicke des Todes empfunden, den höchsten Richter versöhnt.
  72. 109. Der Dichter folgt hier der Physik des Aristoteles, nach welcher die Dünste, wenn sie bis zur Region der Kälte emporgekommen, sich verdichten und als Regen oder Schnee herabfallen.
  73. 112. Den bösen Geistern ist es, nach dem Volksglauben, gestattet, Stürme und andere Naturerscheinungen zu erregen. [Der Sturm an jenem Abend ist historisch.]
  74. 122. Zum Königsstrom, dem Arno.
  75. 126. Der Sterbende hatte, nach Dante’s Dichtung, die Arme in Form eines Kreuzes, zum Zeichen seiner Reue über den Busen gelegt. Dieses ihm verhaßte Zeichen ließ der Teufel durch die Fluten auflösen.
  76. 133. Pia, die Gemahlin des Nello della Pietra, in Siena geboren, wurde, wie man glaubt, von ihrem Gatten im Ehebruch betroffen, auf eines seiner Schlösser in der Maremma, welcher er als Obrigkeit vorstand, geführt und dort heimlich getödtet. Der Dichter spricht am Schlusse des Gesangs seine Ueberzeugung von dieser That aus, die man im Volke nur vermuthete.
  77. VI. 1–12. Um das hier vom Dichter gebrauchte Gleichniß als richtig und lebendig anzuerkennen, muß man nicht unbemerkt lassen, daß es aus dem italienischen Volksleben entnommen ist. Wer jemals das Gedränge und Geschrei in einer italienischen Weinstube wenigstens im Vorübergehen wahrgenommen hat, wird es verständlich finden.
  78. 13. Benincasa von Arezzo hatte als Stellvertreter des Podesta von Siena einen Bruder und Neffen des Ghino von Tacca hinrichten lassen, weil sie Straßenraub begangen. Aus Rache ermordete ihn Ghino und schnitt ihm den Kopf ab.
  79. 14. Cione de’ Tarlati, von einer mächtigen Familie in Arezzo, welcher, die Bostoli, eine andere angesehene Familie, verfolgend, von seinem Rosse, das mit ihm durchging, in den Arno getragen ward und darin ertrank.
  80. 16. Novello, Sohn des Grafen Guido von Battisole, ward von Einem der Bostoli ermordet.
  81. 17. Der von Pisa, Guido, Sohn des Marzucco degli Storingiani, wurde von seinen Feinden ermordet. Der Vater, welcher sich als Mönch in ein Kloster hatte aufnehmen lassen, trug mit großer Geistesstärke den Tod seines Sohnes und küßte, sich vom Gebote der italienischen Sittenlehre lossagend, dem Mörder die Hand, [was Dante mit Recht eine sittlich starke und große Handlung nennt.]
  82. 19. Graf Orso[WS 3]. Die Commentatoren sind nicht einig darüber, wer dieser gewesen sei.
  83. 19–24. [Peter de la Brossa, ein Günstling Philipps III. von Frankreich, wurde als Meuchelmörder des Thronerben Ludwigs, Sohnes der ersten Gemahlin Philipps, auf blosen Verdacht hin gehenkt. Von anderer Seite wurde die zweite Gemahlin, Maria von Brabant, des [230] Mords beschuldigt, was auch Dante anzunehmen scheint, daher er sie hier zur Buße auffordert, wenn sie nicht in die Hölle wolle. Witte bemerkt, daß die Königin bis 1321 lebte und also wohl diese Stelle noch gelesen haben könne.]
  84. 28–42. Hindeutung auf den Vers Virgils (Aen. VI, 376):
    Desine fata deum flecti sperare precando.
    Als Aeneas den Palinurus in der Unterwelt aufgefunden hatte, bat ihn dieser:
    Da dextram misero et tecum me tolle per undas.
    Die Sibylle aber belehrte ihn mit den vorher erwähnten Worten über die Unstatthaftigkeit seiner Bitte. Da Palinurus in der Hölle war und nur fromme Bitten der Gläubigen von Gott erhört werden, so konnte, wie hier angedeutet ist, das Gebet des Aeneas dem Palinurus nicht helfen. – Bemerkenswerth ist, wie Dante sich hier und anderwärts bestrebt, die Aussprüche seines Meisters Virgil (folglich der Vernunft) in Uebereinstimmung mit den Lehren des Christenthums, ja selbst mit denen der Kirche zu finden. Wir werden in der Folge sehen, daß er [231] ihnen einen großen Einfluß auf die Bekehrung der Heiden zum Christenthume zuschreibt.
  85. 49. Durch die Erwähnung Beatricens wird Dante zu lebendigerem Eifer aufgeregt. Wir werden diesen Zug schön finden, mögen wir uns in Beatricen die irdische Geliebte oder die Führerin zum Höchsten denken.
  86. 53. Du wirst erkennen, daß das Ziel nicht so schnell, als du jetzt glaubst, zu erreichen ist.
  87. 61. Sordello, einer der besseren provenzalischen Dichter und ein geachteter Gelehrter, der hier noch durch Stolz das Bewußtsein seines Werthes zeigt. Man bemerke, daß dieser Stolz vor dem Thore des Fegefeuers sich äußert. Wahrscheinlich wird er sich verlieren, wenn er erst innerhalb desselben die Bürden getragen hat, unter welchen man erkennt, wie viel der Ruhm der Erde werth sei. (S. Ges. 10 und 11.)
  88. 75. Wir haben oben (Ges. 2 V. 81) gesehen, daß Dante, als er [232] den Casella umfassen wollte, dreimal mit den Armen zu der Brust kehrte. Weiter unten (Ges. 21 V. 131) werden wir finden, daß Virgil den Statius, der ihm die Knie umfangen will, darauf aufmerksam macht, daß sie beide Schatten und nicht zu fassen sind. Hier finden wir aber eine Umarmung zweier Schatten, ohne weitere Bemerkung, und müssen die Lösung des Widerspruchs den Lesern selbst überlassen.
  89. 76. Mantua, der Name des Vaterlands des Virgil und Sordello, war das Zauberwort, bei dessen Klange der Letztere alles Stolzes vergaß und den Fremden ihm noch Unbekannten umarmte. Dies veranlaßt den Dichter zu der nun folgenden Strafrede gegen Italien, das gemeinsame schöne Vaterland, dessen Bürger, weit entfernt, durch eine gemeinsame Gesinnung für das Vaterland verbunden zu sein, sich in wüthenden Wechselkriegen vertilgten; das selbst innerhalb der Mauern seiner Städte zerstörenden Parteikampf der Bürger nährte; und das, wie die Parteiwuth es gebot, der feilen Dirne gleich die Fremden anlockte und ihnen seinen Schooß öffnete.
  90. 88. Was hift dir’s, daß Justinian dir Gesetze gab, da kein Herrscher vorhanden ist, um sie geltend zu machen.
  91. 91. Der Ghibellin eifert hier gegen diejenigen, die, statt dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, theils nach republikanischer Freiheit rangen, theils der Kirche weltliche Herrschaft zu verschaffen suchten. [Der Leser erkennt hier wieder die Grundzüge des politischen Systems des Dante, welches kurz in der Vorbemerkung geschildert worden ist.]
  92. 97. Kaiser Albrecht, Sohn Rudolphs von Habsburg, hatte, gleich seinem Vater, in Deutschland zu viel zu thun, und verwickelte sich durch regellose Thätigkeit und Habsucht dort und in der Schweiz in zu viele Händel, als daß er in Italien, wo Bonifaz der Achte ihm feindselig entgegenstand, etwas wirken oder auch nur an die Unterwerfung dieses Landes ernstlich hätte denken können. Ohne alle Hülfe von außen mußten daher seine Anhänger in Italien, zu welchen die V. 106 und 107 benannten Geschlechter gehörten, der mächtig sich erhebenden guelfischen Partei unterliegen. Das Strafgericht, das der Dichter, seine Reise in das Jahr 1300 versetzend, prophetisch vom Himmel auf Albrecht herabruft, hatte, da er dies schrieb, den Kaiser schon betroffen, der den 1. Mai 1308 von seinem Neffen Johann und dessen Verbündeten auf dem Wege von Baden nach Rheinfelden ermordet worden war. – So wenig die Deutschen auch Ursache haben, Albrecht zu loben, so werden sie doch nicht ihm, noch weniger seinem großen Vater, darüber Vorwürfe machen, daß er sich nicht um Welschland bekümmerte. Wie ganz anders würde sich die deutsche Geschichte gestaltet haben, wenn die Gartenauen Italiens und die aus ihnen entspringenden leeren Träume einer Fortsetzung des römischen Reichs für die sächsischen, fränkischen und schwäbischen Kaiser weniger Reiz gehabt hätten!
  93. 106. Außer den Montecchi und Capelletti führt der Dichter noch die Monaldi und Filipeschi auf – sämmtlich ghibellinisch gesinnte Geschlechter, welche durch die Uebermacht der Guelfen unterdrückt wurden. [Eben so die Santafiore.]
  94. 115. Kein Leser wird hier die bitterste Ironie eines ergrimmten Herzens verkennen.
  95. 124. Zum Tyrannen wird jener Gewalthaber, der nicht durch das Gesetz und nach dem Gesetz regiert, und solcher Tyrannen gab es, wie immer in Zeiten der Parteiung, fast in jeder Stadt Italiens, wo die guelfische Partei die Freiheit zu ihrem Wahlspruch nahm. Jeder elende Mensch, der der Partei beitrat, wurde wie ein Marcellus betrachtet, der sich einst der Herrschaft Cäsars entgegensetzte.
  96. 127. Auch in dem, was hier von Florenz gesagt ist, wird man die grimmigste Ironie nicht verkennen.
  97. [142 ff. Philalethes führt allein zwischen 1213 und 1307 siebenzehn Verfassungs-Umwälzungen in Florenz an!]
  98. VII. 4. Da, nach Dante’s Glauben, keine Seele selig werden konnte, ehe Christus für die Menschheit gestorben war, konnte auch keine zu dem Berge des Fegefeuers sich wenden, welcher allen denjenigen, die ihn erreichen, den Weg zur Seligkeit gewährt.
  99. [7. Vgl. zu V. 28 ff.]
  100. 13. Sordells, des Dichters, Stolz ist verschwunden, als er hört, das der Schatten des größern Dichters vor ihm steht.
  101. 26. Die Sonne, Gott, dessen Anschauen durch den Glauben den Seligen zu Theil wird.
  102. [28 ff. Vgl. Hölle 4, 25 ff. Erster Kreis.]
  103. 35. Die drei heiligen Tugenden der Christen: Glaube, Liebe und Hoffnung. Die Meinung des Dichters, daß Jeder, dem eine dieser Tugenden fehle, kein Christ sei, spricht sich oft in seinem Werke aus, wie wir denn auch im Paradiese (Ges. 20 V. 118 ff.) finden, daß derjenige, der sie besitze, selig werden könne, ohne getauft zu sein.
  104. 40. Diejenigen, welche die Reue bis zu ihrem Tode verschoben, dürfen allenthalben umherschreiten, nur nicht zu ihrem nächsten Ziele, der Pforte des Fegefeuers. Wir werden auch hierin, wie in jeder Einzelnheit, die tiefere Bedeutung erkennen. Wer nicht den Augenblick benutzt, um das Rechte zu thun und mit festem Blicke auf das Ziel vorwärts zu schreiten, der kann rechts und links Manches finden und erlangen, aber dem Ziele kommt er nicht näher – ja so sehr er sich darnach sehnen mag, ihm entgeht mit dem festen Willen die Kraft, sich ihm zu nähern, bis er endlich, sich aufraffend, wie durch ein Wunder dahin getragen wird.
  105. [49 ff. Vgl. Joh. 12, 35 und 9, 4 etc. „wandelt dieweil ihr das Licht habt; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Nur im Sonnenschein der himmlischen Gnade kann die Besserung und Läuterung gedeihen. Ohne sie gelangt man abwärts, sinkt ins Böse zurück.]
  106. [70 ff. Man erinnere sich, daß die beiden Wanderer noch auf der großen, untersten Schiefebene des Berges sind, über der erst die Felsenterrassen ansteigen. Der letzte Theil des langen, über dieselben führenden Fußpfades, dem sie bisher gefolgt, trifft endlich auf den Rand eines Wiesenthals, in welches hinabsehend sie die 4. Klasse der Säumigen finden, welche in der Ueberschrift dieses Gesanges schon näher bezeichnet sind.]
  107. 73. Coccum, die Scharlachbeere des Plinius – kaum zerbrochener Smaragd, der den frischesten durch keine Berührung getrübten Glanz der Farbe zeigt.
  108. [85 ff. So wie es sinnbildlich ist, daß die Fürsten selbst hier noch von Pracht umgeben sind, daß sie, V. 91, mitten in derselben stillesitzen und in frommem Gesang um Erlösung aus ihrem Banne bitten: so auch ersieht man leicht den tieferen Sinn davon, daß Dante nicht sogleich zu ihnen hinabsteigen darf. Denn von einem höheren Standpunkt aus, auf dem er nicht selbst dem Sinnenreiz verfällt, soll er sie erst betrachten lernen.]
  109. 94. Kaiser Rudolph. S. die Anm. zum Ges. 6 V. 97.
  110. 97. Rudolph scheint im Anschauen Ottokars von Böhmen um deshalb Trost zu finden, weil er in seinem Benehmen gegen diesen seine [239] Pflichten nicht so, wie, nach Dante’s Vorwurf, gegen Italien vernachlässigt, vielmehr mit Kraft gethan hatte, was ihm als Kaiser oblag.
  111. [101. Gelegentliche, aber unrichtige Bemerkung über Wenzel IV. – nicht Wenzel VI. „den Faulen“ – von dem man nichts derartiges weiß.]
  112. 103–111. Philipp der Dritte, König von Frankreich (mit der kleinen Nase), spricht mit Heinrich dem Dritten von Navarra, dem Gütigen, dem Schwiegervater seines Nachfolgers, Philipps des Schönen. Im Kriege mit Peter dem Dritten von Aragonien mußte Philipp, weil seine Flotte geschlagen war, sich aus Mangel an Lebensmitteln zurückziehen und starb auf diesem Rückzuge in Perpignan. Beide sind betrübt über Philipp den Schönen, ihren Sohn und Eidam, der in den Versen 109–111 eben nicht vortheilhaft geschildert wird.
  113. 112–114. Der Gliederstarke, Peter der Dritte von Aragonien. Der Adlernas’ge, Karl der Erste von Sicilien, [der berüchtigte Anjou, der aber ebenfalls noch im letzten Augenblicke Buße gethan haben soll.]
  114. 115–120. Der jüngste der Söhne Peters des Dritten, welchem nach des Vaters Tode kein Land zufiel, da die beiden andern Söhne, Jacob und Friedrich, seine Staaten theilten.
  115. 124–127. Auch mit dem Nachfolger Karl des Ersten, mit Karl dem Zweiten, König von Sicilien und Grafen von Provence, ist der Dichter so wenig, als mit Jacob und Friedrich zufrieden.
  116. [128. Konstanza’s Gatte, der vorgedachte Peter der Dritte (s. Gs. 3. 107 ff.), welcher also weit über die zwei Gatten der beiden Schwestern Margarethe und Beatrice, der Töchter Raimunds Berlinghier des Fünften, über die beiden Brüder Ludwig IX. von Frankreich und Carl I. von Anjou gesetzt wird, obwohl der letztere besser sei, als sein Sohn Carl II.]
  117. 130. Heinrich der Dritte von England. Sein Sohn Eduard der Erste, welcher von 1272 bis 1307 regierte, war eben so ausgezeichnet durch seine Klugheit im Cabinet, als durch seine Tapferkeit im Felde, und verdankt beiden die Erwerbung des Fürstenthums Wales. Unter ihm machte die englische Verfassung große Fortschritte in ihrer Ausbildung.
  118. 134. Der irdischen Rangordnung gemäß [welcher sie hier noch nicht abgestorben sind] kommen erst die Kaiser, dann die Könige, und tiefer sitzt dort Wilhelm, Markgraf von Monferrat, und blickt zu den Höheren empor. Er wurde von seinen Feinden, denen von Alessandria [241] della Paglia, gefangen und getödtet. In dem Kampfe, der zur Rache dieses Mords von seinen Söhnen gegen Alessandria unternommen wurde, waren dieselben unglücklich, indem er mit der Verwüstung ihrer Besitzungen endete.
  119. VIII. [1 – 18. Wunderbar schönes lyrisches Stimmungsbild, welches den Dichter auch in dieser Gattung als Meister zeigt.]
  120. 13. Te lucis ante terminum. Anfang einer Hymne, die beim Abendgottesdienste in der katholischen Kirche in der letzten kanonischen Betstunde gesungen, und in welcher Gott angefleht wird, daß er die Gläubigen vor nächtlichen Schreckbildern und Versuchungen bewahren möge, [was auch hier vortrefflich paßt.]
  121. [19 ff. Diese Aufforderung bezieht sich aufs Folgende, dessen Sinn auch in der That unschwer zu entdecken ist. Wir nähern uns dem Thore des eigentlichen Fegefeuers. Gerade an dieser Stelle wäre der Rückfall der bis hierher gelangten büßenden Seelen besonders verhängnißvoll. Darum wachen über ihnen hier – wie überhaupt – Gottes Schutzengel, im grünen Gewande der Hoffnung, mit abgestumpften, nur zum Abwehren bestimmten Schwertern, um die Schlange der Versuchung und Anfechtung von ihnen abzuwehren, welche insbesondere Nachts, d. h. (Gs. 7, 49 ff.) wenn der Mensch die lichte Nähe der Grade nicht festhält, ihn zu überfallen sucht. Daher auch der schon erklärte Gesang der Seelen.]
  122. 40. Auf welchem Pfad die Schlange kommen werde.
  123. 53. Nino, aus dem Geschlecht der Visconti von Pisa, Richter im Gerichtsbezirk von Gallura in Sardinien. Er war, nach Benvenuto d’Imola, ein Schwestersohn des Ugolino, und wurde von Dante der Verbrechen des Oheims theilhaftig geglaubt. Daher dessen Freude, ihn nicht, wie jenen, in der Hölle unter den Verräthern des Vaterlands zu finden.
  124. 61. Die Seelen des Fegefeuers haben früher am Schatten erkannt, daß Dante ein Lebender sei. Allein nach Ges. 6, V. 55 waren die Strahlen der Sonne verschwunden, als die Dichter den Sordell trafen. Den Nino fanden sie erst in tiefer Dämmerung, so daß Beide den Schatten Dante’s nicht gesehen haben konnten. Daher ihr jetziges Erstaunen.
  125. 71. Nino’s Wittwe [Beatrix von Este] hatte sich an Galeazzo von Visconti wieder vermählt, dessen Geschlecht eine Schlange im Wappen führte. Das Wappen von Gallura dagegen war ein Hahn. Unwillig darüber, daß seine Wittwe ihn vergessen, weist Nino den Dante nicht an diese, sondern an seine Tochter Johanna, um sie zu bitten, daß sie durch frommes Gebet sein Harren abkürze.
  126. 86. Dorthin, nach dem Pole, und zwar, da Dante auf der südlichen Hemisphäre[WS 5] sich befindet, nach dem Südpol. Um den Pol haben, nach dem damaligen System, die Sterne in ihrem Kreislaufe nur einen kürzern Weg zurückzulegen, daher sie sich dort mit geringerer Geschwindigkeit bewegen, wie nahe bei der Achse das Kreisen des Rades langsamer ist.
  127. 89 ff. [„Die drei Lichter“ – Glaube, Liebe, Hoffnung, die drei geistlichen Tugenden, Gs. 7, 35. Sie leuchten über der, in die Nacht der Sünde gefallenen Welt, über welcher die vier weltlichen Tugenden (Gs. 1, 24), die im Paradies am Morgen des Menschengeschlechtes strahlten, untergegangen sind, d. h. die gefallene, der Tugend beraubte Menschheit kann sich nur durch Glaube, Liebe und Hoffnung wieder emporheben. – Wie schön ist nebenbei der allgemeine Sinn, der hierin liegt: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit zieren den Morgen unseres Lebens, die Zeit der Kraft und Thätigkeit. Aber am Abend unserer Tage sind es nur Glaube, Liebe und Hoffnung, die uns trösten und zu einem neuen Leben kräftigen können.]
  128. 95. Die Schlange, die unter Gras und Blumen daherstreift und sich putzt und leckt. – S. Anm. zu V. 19.
  129. 109. Der Schatten, der sich nun zu erkennen gibt, ist der Vetter des Marchese Marcello Malaspina, welcher im Jahre 1307 den verbannten Dichter freundlich bei sich aufnahm. Der Edelmuth und die Gastlichkeit desselben verdienten um so mehr anerkennende Dankbarkeit, da er Mitglied einer Partei war, die dem Dichter feindlich gegenüberstand. In den letzten Versen des Gesanges wird die Verbannung des Dichters und die gastliche Aufnahme, die ihm Malaspina gewähren wird, vorausgesagt [ehe die Sonne siebenmal im Widder steht, d. h. ehe sieben Jahre vergehen]. Magra ist ein Fluß in einem Thale der Lunigiana, welche dem Malaspina gehörte.
  130. [112 ff. Eine der häufigen Anwünschungen der Schatten, um den Dante zu veranlassen, ihre Bitten auf Erden zu erfüllen; so viel als „soll dem Trieb der Gnade in dir dein guter und folgsamer Wille bis zum Ziele deiner Läuterung nicht fehlen, so – –“]
  131. IX. 1–9. [Der Leser weiß aus dem Vorangegangenen, daß es Abend ist. Indem nun Dante sein Einschlummern zu dieser Stunde im Folgenden beschreiben will, so kann er unter „Tithons Buhlerin“ nicht dessen Gattin, die Aurora meinen; sondern – in einem etwas gezwungenen Bilde – nennt er die dem Mondaufgang voraufgehende Helle „Tithons Buhlin“, worüber jetzt die Ausleger so ziemlich einig sind. Hiermit stimmt, daß die Nacht von 6 Uhr an gerechnet, „zwei Schritte gethan“ d. h. über zwei Stunden gedauert hat und daß der Mond im Skorpion (dem Kälte bringenden Gestirn der alten Astronomen, V. 5) steht, also gegen 9 Uhr aufgeht.]
  132. 15. Hindeutung auf die Fabel von der Progne (oder Philomele), die in eine Schwalbe verwandelt ward. (S. Anm. zu Ges. 17 V. 19.)
  133. 22. Ganymedes, Sohn des Tros und Urenkel des Dardanus, des ersten Stifters von Troja, der schönste der Jünglinge, wurde vom Zeus, der die Gestalt eines Adlers angenommen, vom Gipfel des Ida zum Olymp entführt.
  134. [30. Zu dem nach damaliger Annahme auf den Lufthimmel folgenden Feuerhimmel.]
  135. 34–39. Achilles, Sohn der Thetis und des Nereus, war von seiner Mutter in den Styx getaucht worden und dadurch bis auf die Ferse, an welcher sie ihn gehalten, unverwundbar. Als man ihm prophezeite, daß er vor Troja sein Leben verlieren würde, brachte die sorgsame Mutter den Knaben, als Mädchen verkleidet, nach Skyros zum Könige Lykomedes, mit dessen Töchtern er erzogen wurde. Aber Ulyß entdeckte ihn hier und führte ihn zu den Griechen, welche Troja belagerten. - Chiron, der Centaur, war Achills Lehrer.
  136. 49 ff. [Mit diesen Versen vollzieht sich eine für die Fegefeuerwanderung, ja für den Gang der ganzen göttl. Kom. höchst wichtige Entwickelung. Dante, der Mensch, kann – auf Grund freiwilliger Umkehr vom Bösen – doch nur durch höhere Macht, durch die Absolution und Rechtfertigung spendende Kirche, endlich zur wirklichen inneren Erneuerung und Sündenablegung gelangen. Dieser Gedanke ist dadurch versinnbildlicht, daß der Dichter schlafend, ohne eigenes Zuthun, durch Lucia, die vergebende Gnade (Hölle, 2, 82 ff.), vor das Thor des eigentlichen Purgatoriums getragen wird. Also hier tritt die berechtigte Einwirkung der Kirche auf; und wenn wir hinzunehmen, wie Virgil, als die Vernunft und das Kaiserthum, eben bis hierher den Dante richtig geleitet hat, so haben wir in dieser Cardinalstelle wieder die Haupt- und Grund-Gedanken des ganzen Dante’schen Systems beisammen. Streckfuß bemerkt geistreich die ganz allgemeine Analogie des Vorgangs: „so geht der Mensch, so gehen ganze Völker aus einer, lange im Stillen vorbereiteten Krisis plötzlich wie durch höhere Einwirkung hervor“.]
  137. [114. Das kirchliche Sacrament der Beichte und Absolution, welches nach Anm. zu V. 49 ff. nunmehr in Action tritt, wird in den vorangehenden Symbolen spezifizirt. Die drei Stufen bezeichnen die drei inneren Momente der Beichte: die Selbsterkenntniß (der spiegelglatte Marmor), die Zerknirschung (geborstener Stein), die Erfassung der Genugthuung im Blute Christi (Porphyr, V. 100). Der Pförtner ist das Priesterthum in seiner rein geistlichen Gewalt, in deren Ausübung allein es „auf der klaren, demantnen Schwelle sitzt V. 105“ d. h. auf dem unzerstörbaren Grund des Erlösungswerkes Christi ruht. Die Zeichnung der Stirn mit den sieben P (peccata) endlich bedeutet die, durch den Priester geschehende Lossprechung (Absolution) von den gethanen Sünden, welche nach kirchlicher Lehre als die sieben Todsünden aufgefaßt werden. Damit ist für die Seele der Eintritt durch’s Thor erlangt, welches zwei Schlüssel öffnen: der goldene, das Bild der dem Priester anvertrauten Lossprechungsgewalt; der silberne das Symbol der ihm hiezu nöthigen Prüfungsgabe (scientia discernendi). Schließlich hat dem Dichter der Zuruf: „dort drinnen wasche dich“ nämlich „von den 7 P.“, anzudeuten, daß nach der Vergebung und Rechtfertigung nun erst die innere Erneuerung und Ablegung der Sünde kommt d. h. desjenigen, was ihm, was jedem von uns, von jeder der Hauptsündengattungen anklebt. Daher Dante nun die sieben Kreise selbst büßend durchmacht, am Austritt aus jedem derselben ein P verlierend. – Damit hat der Leser im Zusammenhang den Gang der Handlung bis zu Ges. 28.]
  138. 116. [Erdfarben ist das Kleid des Pförtners d. h. Mensch, wie andere, ist trotz seines Amtes auch der Priester und soll dessen gedenken.]
  139. 133. Weil selten nur wahre Reue an diesem Thore sich zeigt, wird es nur selten geöffnet, und thut sich daher so schwer auf, als dasjenige, welches zum römischen Schatze führte, als Cäsar, ungeachtet des tapferen Widerstandes des Tribunen Metell, ihn erbrach.
  140. 139. Die Seelen[WS 6] im Innern des Reinigungsortes singen den Ambrosianischen Lobgesang, Gott dankend, daß er sie selbst und den Dichter zur Läuterung zugelassen.
  141. X. 1. Wer durch diese Pforte eingeht, ist der Seligkeit gewiß. Aber die verworrene Begier, der unklare Wille macht, daß sie nur für Wenige sich öffnet.
  142. 5. 6. Der Dichter beachtet die V. 131 und 132 des vorigen Gesanges erhaltene Warnung.
  143. 7. Der Anfang des Weges durch den Felsenspalt ist rauh und schwierig. Aber mit jeder besiegten Schwierigkeit wächst die Kraft, die künftigen zu überwinden, bis zuletzt der Kampf zur Lust wird. Diese Idee, deren Wahrheit Jeder, der irgend einem guten und bedeutenden Zwecke mit ernstem treuem Gemüthe nachgestrebt und sich durch dies Streben geläutert und gestärkt hat, empfinden wird, findet sich im Verfolg des Gedichtes wiederholt angedeutet.
  144. 12. Die Wanderer müssen sich an die Felsen halten, wo sie zurücktreten, um nicht an die vorspringenden anzustoßen.
  145. 14. Der Mond, der seit vier Tagen abgenommen, geht des Vormittags, gegen 9–10 Uhr nach unserer Rechnung, unter und ist am Tage noch sichtbar. [Es sind also einige Stunden seit Dante’s Erwachen verstrichen.]
  146. 22. [Ganz zu der schon mehrmals gegebenen Beschreibung der Oertlichkeit stimmende Darstellung.]
  147. 28. Wir werden in jedem Kreise des Reinigungsberges bei dem Eintritte Beispiele der Tugend finden, welche dem darin abzulegenden Fehler entgegengesetzt ist, beim Austritte aber Beispiele des Lasters selbst und seiner Folgen. Jene werden die Geißel genannt, welche das Gemüth antreiben soll, diese Tugend sich anzueignen, wodurch es dann von selbst von dem entgegengesetzten Laster gereinigt sein wird – diese der Zügel, welcher uns abhalten soll, in das abgelegte Laster zurückzufallen. Hier, in dem Kreise, in welchem die Hochmüthigen büßen, finden wir daher zunächst in Marmor Bilder der Demuth. [Es sei hier ein für allemal zur Vergleichung der Fegfeuerbezirke mit dem Höllenkreise angeregt! Die hier vorkommenden Classen, auch so weit sie dort Parallelen haben (z. B. die Zornigen, Geizigen etc.), bezeichnen immer relative Sünden, Unvollkommenheiten, welche auf eine entsprechende Weise hier büßend abgelegt werden, wie sie dort als unerkannte Laster ewig bestraft werden. Denn hier handelt es sich ja nur um Solche, die auf Erden noch irgend Buße gethan, wenn auch zu späte oder ungenügende. Vgl. z. B. Fegef. Gs. 16, 1 ff. mit Hölle, Gs. 7, 109 ff.; Fegef. Gs. 23 mit Hölle, Gs. 6; Fegef. 26 mit Hölle 5.]
  148. 34–45. Gabriel, welcher der Maria ankündigte, daß sie den Heiland gebären werde. (S. Ev. Lucä Kap. 1 V. 26–38.
  149. 55. David, die Bundeslade abholend, tanzte im leinenen Rocke vor ihr her, und achtete nicht des Spottes der Michal, die ihn verhöhnte, daß er, nicht gedenkend seiner königlichen Würde, vor dem Volke getanzt habe, indem er antwortete: Ich will noch geringer werden, denn also, und will niedrig sein in meinen Augen. Er war hier minder als König, weil er sich so demüthig dem Volke mischte, mehr, weil er als Diener Gottes bei Gott Gnade fand. – Usa, der Levit, vergaß des Gebotes, daß kein Levit die Bundeslade berühren dürfe, und wollte sie stützen, als der Wagen zu fallen drohte. Dafür traf ihn unmittelbarer Tod. (Vgl. 2tes Buch Sam. Kap. 6.)
  150. 71. Nach einer nicht historisch verbürgten Anekdote soll Trajan, von einer Wittwe, deren Sohn ermordet worden war, um Gerechtigkeit angefleht, einen Heereszug, den er eben unternehmen wollte, so lange aufgeschoben haben, als nöthig war, um den Mörder zu bestrafen. Thomas von Aquino versichert, dieser Zug von Milde und Gerechtigkeit habe den heiligen Gregor so gerührt, daß er von Gott die Erlösung des Kaisers aus der Verdammniß erfleht habe.
  151. 94. Hiernach ist Gott selbst der Urheber dieser Bilder, die hier und anderwärts bald aus der Bibel, bald aus der Geschichte, oft sogar aus der heidnischen Götterlehre entnommen werden. [Ihm nicht, nur uns sind diese Bilder neu, weil in unsrer Welt solche Demuth nicht mehr ist, wie sie diese Vorbilder zeigen.]
  152. [106. Die Vorstellung der Schwere der Bußen in diesem und [256] jenem Leben soll nicht entmuthigen. Sie sind jedenfalls nur zeitlich, bis zum Weltgericht, während die Strafen ungebüßter Sünde ewig sind.]
  153. 112. In dem ersten, folglich dem weitesten Kreise, reinigen sich die Hochmüthigen von ihrer Schuld, indem sie, tief niedergedrückt von schweren Lasten, den Berg umwandeln. Wie sie im Leben, die Bürde ihrer Mängel nicht fühlend, mit hochragendem Haupte einhergingen, so gehen sie jetzt, im Gefühl dieser Last demüthig zur Erde gebückt, und erkennen, wie viel jeder menschliche Vorzug und der daraus entspringende Ruhm werth, wie wenig begründet menschlicher Stolz sei. – Daß Dante von Weitem die Tiefgebückten nicht sogleich als menschliche Gestalten erkennt, erläutert sich aus ihrer Haltung.
  154. 130. Die Karyatiden.
  155. XI. 1. Gott, obwohl nach Dante’s Doctrin im höchsten Himmel, bei den Erstgeschaffenen, den Engeln, thronend, ist doch der Allgegenwärtige auf Erden.
  156. [5. Der süße Hauch, die Weisheit Gottes, Weisheit 7, 35.]
  157. 13. Da die Schatten nicht, wie V. 19, für die noch Lebenden, sondern für sich selbst um ihr tägliches Manna bitten, so versteht sich von selbst, daß hier nicht von irdischem Brode, sondern von Labung und Stärkung der Seele, der Gnade, die Rede ist, durch welche das moralische Vorwärtsschreiten gefördert wird.
  158. 20. Die Schatten bitten nicht: mach’ uns los – weil sie selbst, wie V. 22 ausgedrückt ist, den Versuchungen nicht mehr ausgesetzt sind.
  159. 31 ff. [Die Fürbitte derer im Fegefeuer für die Lebenden verpflichtet diese wieder zur Fürbitte für jene.]
  160. 37. Das Recht schafft ihnen Erleichterung, wenn sie die Schuld abgebüßt haben – das Mitleid, wenn Gottes Gnade auf frommes Gebet der Gläubigen die Zeit der Buße abkürzt.
  161. [43. Dieser – der Leib.]
  162. 58. Omberto, Graf von Santafiore, Sohn des Wilhelm Aldobrandeschi (im Originale benannt il gran Tosco), machte sich durch unerträglichen Hochmuth dem Volke von Siena so verhaßt, das er in Campagnatico, einem Orte der Maremma, zuletzt ermordet wurde.
  163. [78. Dante ist ebenfalls gebückt und gedemüthigt, V. 118. Er selbst macht die Läuterung an sich durch. S. Vorbem. zu Ges. 9.]
  164. 79. Oderisi aus Gubbio, ein berühmter Miniaturmaler, lebte zu des Dichters Zeit in Bologna, und war, nach Benvenuto d’Imola, so stolz auf seine Kunst, daß er alle Andern neben sich verachtete. Nicht ohne höhere Absicht ist wohl ein Miniaturmaler als Beispiel des Stolzes aufgestellt worden, der seine kleinen Bildchen für wichtig genug hielt, um ihm eine ausgezeichnete Stelle im unendlichen All zu sichern und ihm die Demuth entbehrlich zu machen.
  165. 80. 81. Im Original: die Kunst, welche man in Paris alluminiren [260] nennt. Diese Kunst bestand darin, mit Wasserfarben auf Elfenbein oder Pergament zu malen, indem man das Weiße zum Licht aufsparte. Reste der Kunst aus jener Zeit finden sich noch auf Urkunden und Manuscripten.
  166. 83. Franco von Bologna, ein späterer Meister in dieser Kunst.
  167. 91. Das höchste Können der Gegenwart wird von der nächsten Zukunft überboten, wenn nicht beim Eintritt roherer Zeit die Kunst zurückschreitet.
  168. 94. Cimabue und Giotto, berühmte Maler aus jener Zeit, von welchen noch sehr beachtenswerthe Werke erhalten sind.
  169. 97. Guido Cavalcante überbot den Guido Guinicelli als Dichter und in dem Verdienste um Ausbildung der Sprache. Ob Dante mit dem Andern, der Beide vielleicht übertreffen werde, sich selbst gemeint habe, mag unentschieden bleiben. Der Ort, wo er es ausspricht, würde wenig zu dieser Aeußerung eines zwar sehr gerechten, aber doch stolzen Selbstgefühles passen.
  170. 106. Der trägste Kreis des Himmels ist nach dem Ptolemäischen System der des Mondes, da dieser einen verhältnißmäßig kleinern Raum in derselben Zeit durchläuft, in welcher die Fixsterne den weit größern durchlaufen, daher diese letzteren sich um so schneller bewegen müssen. Allein hier ist ohne Zweifel von derjenigen Bewegung der Fixsterne die Rede, welche man die besondere, die Vorrückung der Nachtgleichen nennt, durch welche sie, nach Dante’s Meinung im Convito, in 100 Jahren, nach neueren Berechnungen in 72 Jahren um einen Grad weiter rücken. Im Verhältniß zu dieser Bewegung ist ein Augenblick noch ein längerer Zeitraum, als ein Jahrtausend im Verhältniß zur Ewigkeit. [So kurz also ist alles Menschliche, ein verschwindender Moment der Ewigkeit.]
  171. 109. Hier ist die Rede von Salvani, einem Anführer der Sanesen in der Schlacht von Montaperto an der Arbia, in welcher die Florentinischen Guelfen gänzlich geschlagen wurden. Genannt wird er erst auf die Frage des Dichters, V. 121. Daß die Stadt, von Parteiwuth zerrissen, sich Carl von Anjou Preis gab, ist öfters erwähnt.
  172. [131. Aehnliche Doctrin Fegef. 3, 139.]
  173. 133. Einer der Freunde Salvani’s war von Carl von Anjou gefangen worden. Da Salvani das Lösegeld, welches für ihn gefordert wurde, nicht aufbringen konnte, stellte er sich bettelnd auf den Markt von Siena und nahm für ihn die Mildthätigkeit des Volkes in Anspruch. Wie man bettelnd und Hülfe suchend sich zu benehmen pflege, wird Dante, wie ihm hier der Schatten prophezeit, in seiner Verbannung bald selbst erfahren. Hierauf und auf den ungerechten Haß, mit welchem Florenz ihn verfolgte, ist V. 139 bis 141 hingedeutet.
  174. XII. 1. Man denke sich den Schatten, der hier erst lernt den stolzen Nacken zu beugen, von der Last tief niedergedrückt, und den Dichter, der freiwillig sich gleich tief beugt, um keines seiner Worte zu verlieren, und ihm beim Gespräch wo möglich ins Gesicht zu sehen, und man wird auch hier, wie an so vielen Orten, ein bewegtes Bild mit wenigen Worten meisterhaft ausgemalt finden.
  175. 8. Wir werden in der Folge sehen, daß dem Dichter sein Gewissen sagt, er habe Ursache, diesen Kreis und die Lasten, die man in ihm trägt, zu fürchten. (S. Ges. 13, V. 136.)
  176. 12. Leicht, durch die Befreiung von einem Hauptfehler, dem Hochmuthe. (S. V. 118.)
  177. 20. Der Schmerz der Erinnerung an geliebte Todte, aufgefrischt durch äußere oder innere Veranlassung, spornt nur den, welcher frommen Gemüths ist, zum Fortschreiten auf dem Wege der Veredelung an.
  178. 24. Die Bilder begnadigter Demuth waren aufrechtstehend an der Seite des Felsen, die Bilder gestürzten Hochmuths liegen am Boden – nicht ohne selbst sich aussprechende Bedeutung. Vgl. auch V. 70 und zu 10, V. 28. Die Bilder sollen den Blick des Hochmüthigen auf den Boden leiten, folglich demüthig machen.
  179. 25. Satan, der Engel, welchen Gott für seinen Stolz aus dem Himmel verstieß.
  180. 28. [Die Vermischung biblischer und heidnischer Gestalten wird dem Leser, nach dem zu Hölle 3, 94 Bemerkten, weder hier noch sonst auffallen.]
  181. 30. Briareus, der hundertarmige Riese, focht im Kriege zwischen den Titanen und Göttern für die letzten und zerschmetterte mit Felsstücken ihre Feinde. Er scheint hier mit den Titanen verwechselt, die er erlegte. Vgl. Hölle 31, 98.
  182. 34. Am Fuße des babylonischen Thurms, welchen Nimrods Stolz bis zum Himmel aufbauen wollte.
  183. 43. Arachne, von Pallas selbst in der Kunst des Webens unterrichtet, wagte es, ihre Lehrerin zu einem Wettstreite aufzufordern, und stellte auf einem kunstreichen Gewebe die nicht ruhmwürdigen Abenteuer der Götter dar. Hierüber erzürnt, zerriß Pallas das Gewebe und verwandelte Arachnen, die sich aus Verzweiflung selbst erhenkt hatte, in eine Spinne.
  184. 49. Amphiaraus, welcher, in die Zukunft blickend, den unglücklichen Ausgang des thebanischen Krieges und seinen eigenen Untergang voraussah, verbarg sich, um sich der Theilnahme an diesem Kriege zu entziehen. Aber seine Gemahlin Eriphyle konnte dem Reiz eines kostbaren Halsgeschmeides nicht widerstehen, das Polynices ihr darbot, und verrieth den Aufenthalt ihres Gemahls, der nun wider Willen an dem Kriege theilzunehmen genöthigt ward und darin seinen Tod fand. Diesen Verrath zu rächen, tödtete sie ihr Sohn Alkmäon.
  185. 52. [2. Kön. 19, 37.]
  186. 55. Cyrus, König von Persien, wurde nach langem Glücke in einem Kriege gegen ein scythisches Volk, die Massageten, völlig geschlagen und verlor selbst sein Leben. Tomyris, die Königin der Massageten, soll, als sein Leichnam gefunden war, seinen Kopf haben abhauen und mit den im Texte angeführten Worten in ein Gefäß voll Blut tauchen lassen.
  187. 58–63. Der Tod des Holofernes und die Zerstörung Troja’s sind zu bekannt, als daß sie eine Anmerkung erforderten.
  188. 81. Des Tages sechste Dienerin, die sechste Stunde vom [266] Aufgange der Sonne an gerechnet. Es mußte also, da die Reise in der heiligen Woche gemacht wurde, Mittag sein.
  189. 100. Auf einem Berge von Florenz liegt die Kirche des heiligen Miniatus. Zu dieser führt die Treppe, mit welcher der Dichter den Weg durch den Felsen vergleicht. Er kann übrigens nicht von Florenz sprechen, ohne das schlechte Regiment und die schlechten Sitten seiner Vaterstadt zu strafen, in welcher sich eben einige auffallende Beispiele von Verfälschung ergeben hatten.
  190. 110. Den geistlich Armen Heil! der Gruß, welcher denjenigen entgegenklingt, die sich vom Stolze gereinigt haben. (Matth. 5 V. 3.)
  191. 121. Das erste P, die Sünde des Stolzes bezeichnend, ist verschwunden, seit der Engel (V. 98) des Dichters Stirn mit seinem Flügel berührt hat. Uebrigens verschwinden mit diesem Zeichen auch schon fast die anderen Zeichen (S. 122) von selbst, und lassen noch geringe Spur zurück, weil jedes andere Laster sofort deutlicher erkannt wird, folglich schon halb abgelegt ist, sobald wir vom Hochmuthe uns gereinigt haben. – Jedesmal verschwinden die P. unmerklich. Denn die Ablegung einer schlechten Neigung tritt nicht als ein einzelnes bestimmtes Ereigniß hervor, sondern als das Resultat der Betrachtung, Prüfung und Ueberzeugung, nach und nach, wie die Nacht in die Dämmerung und diese in den Tag übergeht. Daher bemerkt Dante nicht, daß das erste P durch das Wehen des Engelsflügels verschwunden, und weiß nicht, wie er wunderbar erleichtert ist.
  192. XIII. 6. Weil der Berg nach oben zu pyramidenförmig sich abspitzt, muß in jedem höhern Kreise der Bogen kürzer werden, und daher, wie auch das Original sehr bezeichnend ausdrückt, sich schneller beugen (più tosto si piega).
  193. [15. ff. Sie wandeln rechtshin gegen Westen, mit der Sonne. Diese, das natürliche Licht, ist daher in den ff. Versen gemeint und nicht etwa die Gnade. Ihm nach dürfen und sollen wir stets folgen, so lange nicht „besonderer Grund“ d. h. göttliche Offenbarung anders befiehlt. Fegef. 1, 107.]
  194. 28–36. In diesem Kreise reinigen sich die Seelen von der Sünde des Neides. Züge der entgegengesetzten Tugend, des Wohlwollens gegen Andere, werden daher hier dargestellt, [aber nicht in Bildern, da die Neidischen nicht sehen, sondern mit Geisterstimmen].
    Sie haben keinen Wein etc. Worte Mariens, als sie den Heiland bei der Hochzeit zu Kanaa bewegen wollte, die Verlegenheit des Wirths zu beendigen (Joh. 2, 1.) – Ich bin Orest, unstreitig Hindeutungen auf Orests hingebende Liebe zu Pylades. – Liebt den etc., Worte Christi (Matth. 5 V. 44).
  195. 40. Gegeißelt wird der Neid, vgl. Anm. Ges. 10 V. 28.
  196. 58. Der Neid ist im Leben blind für eigenes Glück und wirft unklare scheele Blicke auf das fremde. Dem hierdurch erzeugten Seelenzustande finden wir das allerdings sonderbare Mittel der Reinigung entsprechend. Indem die Schatten gegenseitig sich in Liebe stützen, beweisen sie schon, daß sie Fortschritte in der Läuterung gemacht und erkannt haben, daß die wahren Güter um so größeres Glück geben, je Mehrere daran Theil nehmen. (Vgl. Ges. 15 V. 43 ff.) Unter dem Felsen, an welchen sie sich lehnen, kann man den Glauben an den Erlöser und die durch ihn erlangte göttliche Gnade verstehen.
  197. 61. Den Blinden gleich etc. Auch hier möge man nicht unerwogen lassen, daß die Bilder aus dem italienischen Volksleben entnommen sind.
  198. 71. Um die Sperber zu zähmen und sie zur Jagd besser abzurichten, sollen ihnen, wenn sie unruhig waren, die Augenlieder auf einige Zeit zugenäht worden sein. Virgil (die Vernunft etc.) geht dem Dichter auf derjenigen Seite, wo er bei einem falschen Tritte leicht fallen könnte.
  199. 88. Der Schaum des Gewissens, dasjenige, wodurch es unklar wird, folglich die Sünde.
  200. 94–96. Der Dichter hat gefragt: Ob Latium das Vaterland irgend eines der Schatten sei? Darauf wird ihm entgegnet: Auf Erden hat man kein Vaterland, sondern lebt nur als Pilger dort. Bürger wird man erst in der wahren Stadt, d. h. im Himmel. (Vgl. Epheser 2, 19.)
  201. 109. Hier ist im Original ein unübersetzbares Wortspiel: Savia non fui avegna che Sapia fossi chiamata. Diese Sapia, eine angesehene Frau von Siena, war in die Händel jener Zeit verflochten und lebte verbannt in Colle. Als dort die Sienesen von den Florentinern geschlagen wurden, bezeigte sie die größte Freude über die Niederlage ihrer verhaßten Landsleute [1269].
  202. 118. Das, was sie geboten, geschah; aber nicht, weil sie darum gebeten, sondern weil Gott es ohnehin beschlossen hatte.
  203. 123. In der Lombardei werden, wie Lombardi erzählt, die drei letzten Tage des Januar die Amsel-Tage genannt, weil dort um diese Zeit schon oft das schönste Frühlingswetter eintritt und die Amseln, als wäre es schon Sommer, zu singen anfangen. Nach einer sprichwörtlich benutzten Volkssage entflog eine Amsel in diesen Tagen dem Käfig, weil sie glaubte, der Frost sei ganz vorbei, und bereute ihre Flucht zu spät, als er wieder eintrat.
  204. 127. Pettinagno, ein frommer Einsiedler, dessen Gebet, wie Sapia glaubt, ihr schneller die Zulassung zur Läuterung erwirkt hat, weil sie ohne dieses Gebet, wegen zu lange versäumter Reue, noch vor der Pforte des Fegefeuers harren müßte.
  205. 133. Ganz frei vom Neide fühlt sich der Dichter nicht. Weit mehr aber weiß er sich der Sünde des Hochmuths schuldig.
  206. [144. D. h. umhergehen, um deine Freunde zur Fürbitte für dich zu bewegen.]
  207. [151. Von den ihm als „windiges, eitles Volk“ (Hölle 29, 122) verhaßten Einwohnern von Siena (Sinesen oder Sanesen) läßt Dante hier mit besonderer Genugthuung zwei historisch gewordene Fehlunternehmungen erzählen. Im Jahr 1305 erwarben sie mit großen Kosten den Seehafen Talamone in der Maremma, der sich wegen ungesunder Lage als völlig unbrauchbar erwies, so daß sogar die hingesandten Admiräle jedesmal „ihr Leben dransetzten“ und dem Klima erlagen. Und früher schon hatten sie mit unerhörtem Aufwand nach einem Strom gegraben, von dem sie sich einbildeten, daß er unter dem Berg, worauf die Stadt reizend, aber wasserarm liegt, dahinfließe und demselben bereits den Namen Diana gegeben! – Wie sehr auch das Urtheil des stets unparteiischen Dichters über den Charakter der Sinesen damals [274] begründet sein mochte, so ist auf der andern Seite hervorzuheben, daß Siena im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte war, ein mächtiges republicanisches Gemeinwesen bildete mit seinen fast 100,000 Einwohnern und eine hohe Blüte der Kunst entfaltete. (Jetzt 20,000 E.)]
  208. XIV. 9. Die Bewegung der Blinden, wenn sie mit Jemandem zu sprechen anfangen. Ges. 13 V. 102.
  209. 16. Der Arno, dessen Namen aus Gründen, die wir weiter unten erfahren, der Dichter nicht nennt, entspringt in der Falterona, einem Gebirge, das zu den Apenninen gehört, und ergießt sich hundert und zwanzig Miglien von seinem Ursprunge ins Meer.
  210. 20. Dante hatte schon im Jahre 1300 durch kleinere Schriften, hauptsächlich durch seine schönen Canzonen, sich berühmt gemacht. Daß er von diesem Ruhme hier nichts wissen will, ist wahrscheinlich eine Wirkung der Lasten, unter welchen er eben die Stolzen gebückt gesehen [und sich selbst gedemüthigt hat].
  211. [31–42. Diese, etwas schwerfällig breite Schilderung will das ganze Arnothal, vom Ursprung bis zum Meer, bezeichnen. Aber überall weiß der unerschöpfliche Dichter eine Reminiscenz anzufügen. So zuerst, daß gegenüber der äußersten Südspitze des Apennin das Cap Pelorum ohne Zweifel ursprünglich mit dem letzteren zusammenhing; ferner, daß die Quellgegend des Arno noch fünf andere Flüsse entsendet und eine der wasserreichsten des Apennin ist. Endlich nimmt er in V. 34 ff. besonderen Bezug auf den Kreislauf des Wassers auf dem Erdboden, vermöge dessen das Meer, durch seine Ausdünstung Quellen und Flüsse speisend, selbst wieder durch die ihm zuströmenden Flüsse gespeist wird.]
  212. [42. Als wären sie von Circe, die einst des Odysseus Genossen das Gleiche anthat, in Thiere verwandelt.]
  213. 43–54. Der Dichter kommt hier auf die Verdorbenheit seiner Zeit und seines Landes zurück, in deren Züchtigung er unerschöpflich und [276] unversöhnlich ist. Als garstige Schweine bezeichnet er zuvörderst die Einwohner von Casentino [wo er im Anfang seiner Verbannung sich aufhielt], als ohnmächtige kleine Kläffer die von Arezzo. Den Wölfen ähnlich an größerer Kraft und Freßgier findet er die Florentiner und die Pisaner an List und Trug den Füchsen. [Man sieht, daß dem zweiten Kreis entsprechend, vornehmlich die aus dem Neide quellenden Laster genannt sind.]
  214. [55. Der Hörer ist Dante.]
  215. 58. Guido del Duca von Brettinoro spricht hier mit Rinier de’ Calboli von Forli. Der Neffe des letztern, Fulcieri de’ Calboli, war im Jahre 1302 Podesta von Florenz. Von der schwarzen Partei bestochen, ließ er Viele von der weißen verhaften und grausam hinrichten.
  216. [59. Der grause Strom = der Arno. V. 27, 50.]
  217. 64. Wahrscheinlich wird hier der Wald für Florenz gebraucht, weil er der weißen Partei, die auch die Waldpartei benannt wurde, vorzüglich verderblich worden war. (S. die Anmerkung zum sechsten Gesange der Hölle V. 64.)
  218. [87. Erklärt in Ges. 15, 43 ff. S. dort. Die Erdengüter vertragen keine Genossen und Mittheilhaber, weil sie Neid erwecken. Dagegen die himmlischen Seelengüter durch die Gemeinschaft der Seligen nur erhöht und vermehrt werden – eine Bemerkung, die schon Augustin macht, de civ. dei.]
  219. [91–123. Die bisherige Strafrede über das Arnothal und seine Bewohner wird nun auch auf die Romagna jenseits des Apennin ausgedehnt, deren Begrenzung in V. 93 mit geographischer Genauigkeit gegeben ist, im N. der Po, im S. der Apennin, im W. der Renofluß im O. das adriatische Meer. Der an einzelnen Exempeln nachgewiesene Grundvorwurf des Dichters ist, daß das gegenwärtige Geschlecht den wackern Vorfahren – besonders an großherziger Neidlosigkeit – nicht mehr ähnle.]
  220. 92. [„Der Lust und Wahrheit Güter“ d. h. die ächten Lebensgüter, welche sowohl Freude gewähren, als auch einen höheren Wahrheitsgehalt haben.]
  221. 97–99. Von den hier benannten Männern wissen die Commentatoren nichts Merkwürdiges weiter anzugeben, als daß sie wackre Leute [und neidlose Charaktere] waren.
  222. [100. Fabbro, nach Einigen aus niedrem Stamm (fabbro heißt [278] Schmied), nach Andern aus dem alten Geschlecht der Fabbri, war berühmt durch Freigebigkeit.]
  223. 101. Bernardin, ein Man von niederer Geburt, gelangte durch seine Vorzüge zu großem Ansehn in Faënza.
  224. 103–111. Auch in diesen Versen ist von edlen Vätern die Rede, deren Söhne entarteten, [von Tugenden der Freigebigkeit, des Edelsinns etc., die jetzt ausgestorben sind.]
  225. 112. [Brettinoro, eine kleine Stadt in der Romagna; ihr herrschendes „Haus“ waren die Manardi oder Bulgari, 1295 als ghibellinisch mit ihren Anhängern vertrieben, worauf V. 113 anspielt.]
  226. 115. Bagnacavallo und Castrocaro, Städte der Romagna, die zu jener Zeit eigene Grafen hatten.
  227. 118. Machinardo Pagani, Herr von Imola und Faënza, erhielt wegen seiner Bosheit und List den Beinamen des Teufels. Seine Söhne waren zwar besser, als er, doch nicht so, wie der Dichter, ihr Zeitgenosse, wünscht.
  228. [121. Ugolino Fantoli zu Faënza, ein tapferer, edler Charakter, fiel vor Forli 1282, ohne einen Sohn zu hinterlassen.]
  229. 127. Die Schatten würden hier, wo nur die Liebe und das Streben nach dem Guten wohnt, die Dichter gewarnt und ihnen den rechten Weg gezeigt haben, wenn sie einen falschen Weg eingeschlagen hätten. Darum konnten die Letztern, da Jene schwiegen, sicher sein, nicht zu irren.
  230. 133. Hier folgen Beispiele von der Wirkung des Neides als Zügel (Ges. 10, 28), um dies Laster zurückzudrängen. Mich tödtet, wer mich trifft - Worte Kains, als er seinen Bruder Abel aus Neid erschlagen. (Moses B. 1 Kap. 4 V. 14.)
  231. 139. Aglauros, neidisch auf ihre Schwester Herse, welche von Merkur geliebt war, und aus Neid dieser Liebe entgegentretend, wurde in Stein verwandelt.
  232. 140. Nicht die Angst ist’s, die uns vorwärts bringt, sondern die besonnene Erwägung. Ohne diese treibt die Bangigkeit uns rückwärts. Daher macht in den folgenden schönen Versen die Vernunft ihre Rechte wieder geltend. Die nähere Erläuterung derselben finden wir im folgenden Gesange V. 49 ff.
  233. XV. 1–5. Die Sphäre, das ganze, nach dem damaligen System sich drehende, Himmelsgebäude, tanzt nach des Dichters Gleichniß scherzend wie ein Kindlein. Dies Gleichniß ist lebhaft getadelt und ebenso gelobt worden. Dem Uebersetzer scheint es wenigstens nicht so treffend richtig, wie sonst fast alle Gleichnisse des Dichters, da zwischen der ungleichen launigen Bewegung des Kindes und dem ruhigen, immer gleichen Wandeln der Sterne keine Aehnlichkeit gefunden werden mag. Die ganze Stelle bedeutet in kurzer Prosa: bis zu Sonnenuntergang waren noch drei Stunden des Tags übrig [3 Uhr Mittags].
  234. 6. Dort, auf dem Berg des Fegefeurs, hier in Italien, wo der Dichter schrieb.
  235. 7. [Man bedenke, daß die Dichter um den Berg immer eine Strecke herumgehen, bis sie wieder eine Treppe nach oben finden. „Vom Meeresstrande bis zum Fuß des Berges waren sie von Ost nach West gegangen, dann im rechten Winkel, also nördlich, der Rundung des Berges gefolgt. Diese haben sie nun zu einem Viertel durchmessen, gehen also wieder gegen Westen.“ Witte.]
  236. 10. Das Licht des Engels ist stärker als das der Sonne. Es fällt nicht, wie das der letztern, mitten ins Gesicht, sondern auf die Stirn, weil es aus den höchsten Sphären kommt. Die Bedeutung spricht sich von selbst aus.
  237. 13–24. [Dante will sagen, daß er vergeblich die Hand vor das senkrecht einfallende Licht gehalten. Denn es wird von unten in gleichem Winkel wieder ihm zurückgeworfen, nach dem Gesetz, daß der zurückgeworfene Strahl mit einer, auf die zurückwerfende Strecke gefällten, senkrechten Linie („Fall des Steins“ im Original) denselben Winkel bildet, wie der einfallende.
  238. 28–31. Alle Lust, zu welcher die Natur dich nur fähig gemacht hat, wirst du künftig empfinden, wenn dein gestärktes Auge das erblickt, was dich jetzt noch blendet.
  239. 35. Schon nach den ersten Fortschritten zur Reinigung von der Sünde scheint der Weg zum weiteren Steigen minder steil und beschwerlich.
  240. 39. Sei froh in deinen Siegen. Beziehung auf M. 5, 12: „Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel belohnt werden,“ [282] hier angewandt auf diejenigen, welche den Neid durch die Läuterung überwunden haben.
  241. 43. Vergl. Ges. 14 V. 86. Die außerordentlich schöne Stelle bis V. 75 ist so klar, daß sie, ungeachtet ihrer Tiefe, keiner Erläuterung bedarf.
  242. [77. Erst im Himmel selbst, durch das Anschauen Gottes (Beatrix) wird der Unterschied zwischen den irdischen Gütern, welche der Mitbesitz verringert, und den himmlischen, die um so reicher machen, je mehr man sie theilt, ganz deutlich werden.]
  243. 79. Die Wunden, die mit dem Schwerte eingeschnittenen P welche die Sünden bedeuten. Sie schließen sich, wenn sie schmerzen d. h. wenn man die Sünden erkennend, Reue und Leid empfindet. [Also zwei sind schon geschlossen, zwei P. verschwunden.]
  244. 85. Hier folgen Bilder der dem Zorn entgegengesetzten Tugend, der liebevollen Gelassenheit bei Anlaß zum Zorn. Daß eben hier die Bilder im Traum erscheinen, deutet wohl auf den unklaren, traumartigen Zustand, in welchen uns der Zorn versetzt.
  245. 88. Maria trifft Christum im Tempel, nachdem sie ihn drei Tage gesucht. Luc. 2 V. 41–49.
  246. 94. Pisistratus, als er sich zum Herrn Athens gemacht, bediente sich der errungenen Gewalt mit äußerster Milde. Ein junger Grieche hatte, nach Valerius Maximus, des Herrschers Tochter öffentlich geküßt. Wie dieser seiner Gemahlin, welche Rache für solche Beleidigung verlangte, widerstand, sagen die folgenden Verse.
  247. 98. Neptun und Athene stritten sich, wer der Stadt den Namen geben sollte. Der erstere schenkte deshalb das Pferd, aber die letztere siegte durch das werthvollere Geschenk des Oelbaums.
  248. 106. Die Steinigung des heil. Stephanus.
  249. 115. Was er sah, war zwar ein Traum, aber kein Wahn. In seinem Innern war dem Dichter in voller Wahrheit das schöne Bild der Sanftmuth erschienen. Aber diese innere Beschauung allein bereitet die Förderung nur vor. Vorwärts kommt der Mensch nur, indem er den Geist wieder nach außen wendet. Dazu fordert den Dichter Virgil auf, der wohl erkannt hat, was in ihm vorgegangen ist. (V. 133 ff.)
  250. [131. – Dem Frieden der Sanftmuth.]
  251. 140. So weit man kann, weil man, wenn man der Abendsonne entgegengeht und ihre Strahlen uns ins Auge blitzen, nicht weit sehen kann.
  252. 144. Man trifft keinen Raum zum Ausweichen, weil, wie man sich aus der oben gegebenen Beschreibung des Orts erinnern wird, der schmale Vorsprung, der den Weg um den Berg herum bildet, auf der einen Seite vom leeren Raume, auf der andern von der steilen Felsenwand begrenzt wird.
  253. XVI. 1. Im Rauche, und zwar im dichtesten, schwärzesten, läutern sich die Schatten von der Zornwuth. Der Rauch ist das Erzeugniß des Feuers, ein Erzeugniß, welches, ohne zu wärmen und zu erleuchten, [286] nur Augen und Geist umnebelt und trübt – dasjenige, was das Feuer absondert und auswirft, um zu erwärmen und zu erleuchten. Hieraus wird sich von selbst erläutern, warum eben im Rauche die Zornwüthigen ihren Fehler erkennen und sich von ihm reinigen sollen.
  254. 7. Virgil bot dem Dichter die Schulter an, um ihn in der Dunkelheit des Rauches den Weg nicht verlieren zu lassen. Die allegorische Bedeutung ist klar. Ueber die Körperlichkeit des Schattens, welche bei dem Anfassen seiner Schulter vorausgesetzt wird, vergl. Anm. zur Hölle Ges. 3 V. 34 und Ges. 6 V. 35. Der hier vorausgesetzten Körperlichkeit widerspricht jedoch die Stelle des Fegefeuers Ges. 21 V. 131 u. 132.
  255. 21. Auch hier herrscht vollkommener Einklang bei denen, die sich läutern, und in diesem Einklange schon zeigt sich der Fortschritt der Läuterung.
  256. 42. Weil nur aus älterer Zeit Beispiele von Solchen erzählt werden, welche lebend in die Reihe der Todten eingedrungen. (Vgl. Hölle Ges. 2 V. 13 ff.)
  257. 46. Marco Lombardo, ein edler Venezianer, des Dichters Freund, ein Mann von großem Werthe, ein geübter Hofmann, und dennoch, der dadurch erlangten großen Uebung in Selbstbeherrschung und Geduld zum Trotz, sehr geneigt zum Zorne.
  258. 53–69. Der Dichter selbst ist überzeugt, daß die Welt im Argen liege. Was ihm im vierzehnten Gesange Guido del Duca schon gesagt hat, und was ihm jetzt Marco sagt, bestärkt ihn noch mehr in dieser Ueberzeugung. Aber um desto dringender wird seine Begierde, zu wissen, ob diese Verderbniß Werk des verdorbenen Willens oder Folge der [288] Vorausbestimmung einer höhern Macht ist, [und zwar der Macht der Gestirne, wie der damalige allgemeine Glaube annahm, V. 68.]
  259. [70–72. Die göttliche Gerechtigkeit fordert die Willensfreiheit des Menschen, welche kein willenloser Einfluß der Gestirne beschränken darf. – Der Dichter zeigt sich mit diesem Gedanken und seiner folgenden Ausführung nicht nur als ein großer Gelehrter, sondern auch als ein wahrhaft denkender und aufgeklärter Forscher.]
  260. [73–81. Denn nicht einmal den Anstoß aller unserer Seelenregungen geben die Gestirne. Und immer bleibt dem Menschen die klare Selbstentscheidung, wodurch er sich zum Bundesgenossen einer „höheren Natur und Kraft“, der göttlichen Gnade machen kann, welche seinen Geist für ewig über die unbewußte Macht der Sterne stellt. („Die Freiheit in Christo“.)]
  261. [85–93. Um nun weiter auf die, im Kampf um die Freiheit des [289] Willens der Seele beigegebene, gottgeordnete Unterstützung zu kommen, nemlich „das Gesetz – die kirchlich-staatliche Weltordnung“ – geht Dante auf die Entstehung der Seele zurück, welche er als einen göttlichen Schöpferact auffaßt (Creatianismus) Vgl. übrigens Ges. 25.]
  262. [94–96. Vor allem braucht die Menscheit einen weltlichen Herrscher, welcher von der „Stadt Gottes“, dem Reiche Gottes auf Erden „den Thurm im Auge behält“ d. h. den äußeren Frieden der Menschheit wahrt. – Damit ist die Nothwendigkeit und der Machtkreis des Kaiserthums, im Unterschied vom Papstthum gezeichnet. S. Vorbem. zu Hölle Ges. 1. und Par. Ges. 27, 139 ff.]
  263. [97–99. Aber nicht nur hat Italien keinen Kaiser, sondern auch der Papst, der es beherrscht, ist ein elender Hirte, ein unreines Thier. Damit ist wieder Bonifaz VIII gemeint! Daß er „wiederkaut, aber nicht, wie es das Gesetz Moses verlangt, auch gespaltene Klauen hat“ ist jedenfalls allegorisch und mag nach Augustin das Erste auf die Weisheit und äußerliche Schriftgelehrsamkeit, das Andere auf die mangelnden guten Sitten, und zugleich Jenes auf die Habgier, dieses auf den Geiz der Päpste bezogen werden.]
  264. [107–111. Zwei Sonnen, den Kaiser und den Papst. Also nicht „eine Sonne das Papstthum, dessen Mond das Kaiserthum wäre, [290] wie Gregor VII. sagte! In diesem Satz gipfelt die ganze, etwas gewaltsam gerade an diesem Ort herbeigeführte Unterredung.]
  265. 112. Hirtenstab und Schwert sind bestimmt, sich gegenseitig zu fürchten. Der Kaiser mit dem Schwerte soll den Papst abhalten, die Religion zur Einmischung in weltliche Dinge zu mißbrauchen; der Papst mit dem Hirtenstabe soll nicht gestatten, daß die inneren Angelegenheiten der Religion Gegenstand weltlichen Regiments werden. Sind beide in einer Hand, so ist der heilsame Zügel verschwunden, durch den sie gegenseitig sich in ihren Gränzen zurückhalten, oder dahin zurückweisen, wenn der eine oder andere Theil sie überschritten haben sollte.
  266. 115. Mit diesem Verse ist die Trevisaner Mark, die Lombardei und die Romagna bezeichnet. Bitterer konnte die allgemeine Verderbniß dieser Länder wohl nicht gerügt werden, als durch die Verse 118 – 120.
  267. 124–126. Von den hier benannten Männern wissen die Commentatoren nichts weiter zu berichten, als daß sie würdige alte Edelleute aus Brescia, Tervigi und Reggio waren, und daß Gerardo da Camino die provenzalischen Dichter verehrte und beschützte.
  268. 127. Roms Kirche, welche geistliche und weltliche Herrschaft auf sich genommen, stürzt unter der Last und besudelt sich selbst und das, was sie zu tragen zu schwach ist.
  269. 131. Der Stamm Levi erhielt keinen Theil bei der Vertheilung von Kanaan, wie die übrigen Stämme, sondern wurde in mehrere Städte vertheilt, um das Priesteramt zu verwalten. Aus demselben Grund, warum er kein Land erhielt, sollte auch die Kirche nach keinem weltlichen Besitze streben.
  270. [140. Es scheint, der Dichter will den Gherard nicht kennen, nur um auf seine übel beleumundete Tochter zu kommen, durch deren Namen man in andrer Richtung an den des Vaters erinnert werde. Dies soll wieder darauf hinweisen, wie sehr die alten Adelsgeschlechter herabgekommen seien in der Gegenwart.]
  271. XVII. 13–18. O Phantasie etc. Der Dichter leitet mit diesem Ausrufe die Vision ein, die er uns in den nächsten Terzinen erzählt, und erklärt die wunderbare Erscheinung, daß die Phantasie, ohne durch einen äußern sinnlichen Eindruck erregt zu sein, uns aus uns selbst zu dem Fremdartigsten führe, durch das himmlische Licht, welches das Universum durchströmt und oft nach Gottes Willen einen Gegenstand besonders erleuchtet.
  272. 19. Es folgen Beispiele verderblicher Wirkungen des Zorns. – Prokne wurde in eine Nachtigal verwandelt, um ewig ihren Sohn zu beklagen.
  273. 25. Ein Gekreuzigter, Haman (s. das Buch Esther).
  274. 34. Lavinia, Tochter der Amata, die sich aus Zorn und Verzweiflung [293] erhenkte, als sie glaubte, daß Aeneas den Turnus, ihrer Tochter Verlobten, getödtet habe, und nun die Tochter selbst ihr rauben werde. Aeneis XII.
  275. 58. Der Engel hat für uns so gesorgt, wie wir für uns selbst zu sorgen pflegen, aus eigenem Antrieb und ohne eine Bitte zu erwarten.
  276. 61 – 63. Ueber die Nothwendigkeit des Lichtes zum Vorwärtsschreiten vergl. Ges. 7. V. 49 ff. u. Anm. dazu.
  277. 67. Dieses Wehen entsteht durch die Flügel des Engels, durch welches wieder ein P verlöscht ist.
  278. 73. Die Ermattung tritt ein, weil das Licht, die Klarheit schwindet, die allein zum Guten Kraft und Ausdauer verleiht.
  279. 91 ff. Der Dichter gibt in den folgenden Versen das Bild der moralischen Construction des Fegefeuers, wie er uns das der Hölle im eilften Gesange des ersten Theils gegeben hat. Um dies zu bewirken, stellt er [nach Thomas von Aquino] folgende Doctrin auf. Die Liebe ist eine doppelte; die natürliche, der Instinkt, und die der Seele, welche von dem durch den freien Willen geleiteten Streben erzeugt wird. Die erste ist unfreiwillig, aber daher auch sicher ihres Gegenstandes. Die zweite wählt bald einen falschen Gegenstand, bald verfolgt sie den rechten Gegenstand ohne Maß, zu träg oder zu heftig. Wählt sie das erste, d. h. das hauptsächliche, das himmlische Gut, und strebt sie nach dem zweiten Gute, d. h. nach [265] irdischem Glücke, mit Maß und Ordnung, dann führt sie zur Tugend, im entgegengesetzten Falle aber zum Laster, welches eine Gewaltthat gegen den Schöpfer ist, der uns zum Guten und zur Freude bestimmte. Die irre geleitete Liebe, welche zum Hasse führt, kann der Mensch nun weder gegen sich (V. 106–108), noch gegen Gott richten (109–111), weil dies dem natürlichen Triebe ganz entgegen sein würde. Die Liebe zum Schlimmen gilt daher nur dem Nächsten. Sie führt zum Hochmuthe (V. 115–117), zum Neide (V. 118–120) und zur Zornwuth (V. 121–123). Diese Liebe, von welcher die Schatten in den drei ersten Kreisen sich läutern, fehlt in der Wahl des Gegenstandes. Weiter oben werden diejenigen geläutert, deren Liebe nicht das rechte Maß hielt, zunächst diejenigen, die in der Liebe zum ersten Gute, dem Göttlichen zu lau, weiter hin diejenigen, die in dem Streben nach irdischen Gütern zu heftig waren.–
  280. [111. Ebenfalls nach Thomas. Gott kann seinem Wesen nach nicht gehaßt werden, wenn dies erkannt wird – nur seinen Wirkungen nach.]
  281. [132. Im vierten Kreis.]
  282. [137. Im fünften – siebenten Kreise.]
  283. [19–75. Eine Reproduction der aristotelisch-scholastischen Lehre von den Grundkräften der Seele, welche eines der hervorragendsten Beispiele ist, wie unser Dichter selbst rein philosophische Dinge schön, bilderreich und poesievoll zu sagen versteht. – Was den Inhalt betrifft, so bemerken wir kurz Folgendes. Dante geht hier, immer in Form der Befragung Virgils, auf den psychologischen Nachweis der, eben zuvor in Ges. 17 gegebenen, moralischen Eintheilung des Fegefeuers zurück. Die Seele, sagt er, ist (in potentia) fähig, allem ihr Wohlgefälligen sich zuzuwenden; sie wird ihm aber erst zugewendet, wenn ein Wohlgefallen an etwas wirklich (actu) vorhanden ist, indem die Auffassungskraft es ihr zeigt. Dann wird der vorherige potenzielle Wille zum thatkräftigen Willen – was Dante die Liebe des Geistes zu den Dingen nennt, die aus dem „Gefallen“ an den Dingen den Wunsch nach dem Besitz, und daraus die „Bewegung des Wollens“ (V. 31 f.) im Geiste erzeugt. Diese Liebe ist aber an sich noch weder gut noch böse, wird also das Eine oder das Andere erst auf die im vorigen Gesang angegebene Weise. Wie zwar in der Seele, der „wesentlichen Form des Menschen“, die, selbst unkörperlich, nur duch ihre Wirkungen sich erkennbar macht, jene Liebe, jenes Urverlangen und Urbegehren selbst entsteht, wird uns erst jenseits klar werden (Beatrix; V. 55 ff., 46 ff.) Gewiß ist aber, daß wir neben jenem angeborenen und noch unbestimmten Urdrang (nach dem Guten im Allgemeinen) auch noch eine „Kraft des Rathes“ (consilium) in uns fühlen, welche somit die Freiheit und Verantwortlichkeit unserer Wahl (consensus), unserer Handlungen, bedingt, V. 45, 70.]
  284. 29. Dorthin nach der Wölbung des Mondhimmels, wo nach der Physik jener Zeit das Element des Feuers seine Sphäre hat.
  285. [46. Wie weit Vernunft hier schauen kann;“ der Leser bemerke diese Cardinalstelle über Berechtigung und Beschränkung der [299] Vernunft im Dante’schen System, beziehungsweise über Virgils Stellung, Bedeutung und Schranke in der göttl. Kom. Vgl. auch Anm. zu Hölle Ges. 1, 1, 62 ff. Ges. 2. Fegef. Vorbemerkung.]
  286. [67. Aristoteles und ihm nach die Scholastiker des Mittelalters.]
  287. 76. Vollmond war mit dem Anfange der Reise Dante’s eingetreten. Nach dem Vollmonde, bei dessen Abnehmen, verdunkelt sich ein Segment seiner Scheibe östlich, wodurch er die Gestalt eines Kessels erhält. Nach dem Vollmonde erscheint der Mond täglich eine Stunde später über dem Horizont, und mußte daher jetzt, da die Reise bereits fünf Tage gedauert hatte, um fünf Stunden später nach Sonnenuntergange, also fast um Mitternacht aufgehen. Der scheinbare Umlauf des ganzen Himmelsgewölbes (cielo) ist von Osten nach Westen, der periodische Lauf des Mondes aber von Westen nach Osten, da er jeden Tag weiter östlich aufgeht, daher jenem entgegen (contra ’l ciel). Er durchläuft den Thierkreis und steht hier in dem Sternbilde, das demjenigen, worin die Sonne steht, entgegengesetzt ist, also im Scorpion. Dieser ist nicht genannt, allein bestimmt angedeutet, indem gesagt wird, daß wenn die Sonne diese Wege (strade) durchflammt, man sie von Rom aus in der Gegend zwischen Sardinien und Corsica untergehen sieht, was im October, wenn die Sonne im Scorpion steht, der Fall ist.
  288. 82. Der edle Geist, Virgil, zu Andes geboren, wo jetzt, wie man glaubt, Pietola steht, ein kleiner Ort im Mantuanischen, wurde nun nicht weiter vom wißbegierigen Dichter mit Fragen belästigt.
  289. [87. Jetzt, nach der Anstrengung des Denkens will ihn plötzlich der Schlaf übermannen. Er hat ja auf der ganzen Reise nur einmal, Fegef. Ges. 9, geschlafen.]
  290. 88. In diesem Kreise läutern sich diejenigen, welche im Leben dem ersten Gute nicht eifrig genug nachgestrebt haben, die geistig Trägen, durch die Schnelligkeit, mit welcher sie den Läuterungsort durcheilen.
  291. 91. Im Original sind die Flüsse Ismenus und Asopus benannt. Nach Statius rannten die Thebaner, wenn sie der Hülfe des Bacchus bedurften, Nachts in großer Zahl mit brennenden Fackeln entlang jener Flüsse und riefen mit großem Geschrei den Gott bei seinen verschiedenen Namen.
  292. 100. In den unteren Kreisen thaten sich die Bilder der entgegengesetzten Tugend und der Wirkung des bereuten Lasters durch Bildwerke, Stimmen und Traum kund; hier halten diejenigen, welche im Leben aus Trägheit diese Beispiele nicht beachteten, solche sich während ihres eiligen Laufes selbst vor und zeigen auch hierdurch ihr eifriges Streben nach Reinigung. – Maria (nach der Verkündigung) stand auf und ging auf das Gebirge endelich (Luc. 1, 39).
  293. 101. Als Pompejus aus Italien entwichen war, beschloß Cäsar, ihn in Spanien anzugreifen. Als Massilia sein Heer nicht aufnehmen wollte, ließ er die Stadt von einem seiner Unterfeldherrn belagern und drang unaufhaltsam, alle Hindernisse, die der Feind und die Natur ihm entgegensetzten, überwindend und nur seinen Hauptzweck verfolgend, nach Spanien vor, wo er bei Ilerda siegte.
  294. 118–126. Der Sprechende ist Albertus, Abt von S. Zeno in Verona unter Friedrichs I. Regierung, welcher bekanntlich Mailand wiederholt seinen Zorn fühlen ließ. – Albert della Scala, Herr von Verona, setzte kurz vor seinem Tode seinen natürlichen Sohn, der verkrüppelt an Körper und Geist war, mit Gewalt als Abt jenes Klosters ein, wofür ihm hier baldige Buße im Voraus verkündigt wird.
  295. 133. Beispiele über Folgen der Trägheit. – Die Juden, welchen das rothe Meer sich zum Durchzug geöffnet hatte, starben, bis auf Josua und Caleb, alle, ehe sie das gelobte Land erreichten, zur Strafe ihrer Trägheit in Befolgung der göttlichen Befehle.
  296. 136. Diejenigen Trojaner, welche, ermüdet von den Beschwerden und Gefahren, die sie unter des Aeneas Führung erduldet, ihn verließen und in Sicilien blieben.
  297. XIX. 1–3. In der letzten Stunde vor Sonnenaufgang, wo der Rest der Wärme des vorigen Tages ganz verschwunden, und von der kalten Erde und ihren Dünsten verzehrt ist. Eine gleiche, die Wärme verzehrende Kraft schreibt der Dichter auch dem kalten Planeten Saturn zu.
  298. [4–6. Geomanten, Wahrsager aus ungezählten Punkten, welche [303] mit gewissen Sternen übereinstimmen mußten. Ein besonders glückliches Zeichen sahen sie oft, wenn die Sonne im Widder stand, vor der Morgendämmerung und dem völligen Verschwinden der Nacht (V. 5) und nannten es „das große Glück.“]
  299. 7. [In den drei noch übrigen Kreisen büßen, nach Ges. 17, 27 ff. 136, die, der noch nicht ganz überwundenen Weltlust schuldigen Christen, zunächst die noch zu Geizigen, dann Schwelger und Wollüstige. Das erste erscheinende Weib hier ist eben die Weltlust, der sündliche Sinnengenuß.] Dem unbefangenen Blick zeigt sie sich, wie sie der Dichter in V. 7 ff. malt. Aber wenn Leidenschaft und Begehren sie betrachten, erhält sie Reize, welche verschwinden, sobald das zweite Weib, die göttliche Gnade und Wahrheit, sie in ihrer wirklichen Gestalt zeigt. [Es kann unter derselben niemand anderes verstanden sein, als die heil. Lucia.]
  300. 22. [= wäre fast gefolgt.]
  301. 39. Wenn die Reisenden bald die Morgen- bald die Abendsonne im Gesicht oder im Rücken haben, so wird man sich erinnern, daß sie im Kreise um den Berg gehen – [im Augenblicke wieder südwestlich.]
  302. 41. Auch dies Bild ist sehr plastisch und stellt einen Mann dar, der, tief nachdenkend, mit Kopf und Oberleib vorgebeugt geht. Wenn zwei in gleicher Stellung gegen einander treten, wird ein, wenn auch nicht ganz regelrechter Bogen fertig sein.
  303. 49–51. Auch hier verschwindet wieder ein P von der Stirn des Dichters, da er nun von dem Fehler der Trägheit zum Guten gereinigt ist. Der Engel preist diejenigen glücklich, welche auch durch Leid und Mühe sich im lebendigen Streben nach dem Höchsten nicht stören lassen (Matth. Kap. 7 V. 4.)
  304. [61. Der Blick zum Himmel, dessen Kreise der ewige König rollen läßt, lenkt von irdischer Lockung am besten ab. – Ein schönes Wort, für jeden anwendbar.]
  305. [71. Die Geizigen. Die nähere Bezeichnung des Verhältnisses ihrer Buße zu ihrem Laster s. V. 118–126. In dieser Stelle ist die Art der Buße offenbar das Symbol und Abbild des Fehlers, der gebüßt werden soll, wie in der Hölle. Sonst z. B. im I. Kreis erscheint dieselbe als das dem Laster Entgegengesetzte. Es waltet hier keine genaue Consequenz, sondern offenbar nur die allgemeine Idee, daß alle Läuterungen ein entsprechendes Leiden sein müssen.]
  306. 99–102. Der hier sprechende Schatten ist Papst Hadrian der Fünfte aus dem Hause der Fieschi, Grafen von Lavagna. Den letzten Namen legten sie sich von einem Flusse bei, der im Genuesischen zwischen Sestri und Chiavari hervorströmt. Er starb 1276.
  307. [127. Dante kniet. Dies zeigt seinen Respect für die Würde des Papstes an sich. S. f. Ges.]
  308. 130. Bemerkenswerth ist, daß hier, wo die ewige Ordnung herrscht, der büßende Papst sich vor anderen Büßern durch nichts unterscheidet. In der Hölle (Ges. 11 V. 8) finden wir für den Papst Anastasius ein großes Grab, und unter den Simonisten (Ges. 19) für die Päpste ein besonderes Loch. Auch vor der Pforte des Fegefeuers sahen wir noch die Großen der Erde von den Uebrigen gesondert. (Ges. 7 V. 91 ff.) [Vgl. Offenb. 22, 9.]
  309. 136. Christus, befragt, welchem von sieben Brüdern, die hinter einander eine Frau gehabt, ohne mit ihr Kinder zu erzeugen, diese Frau angehören werde? antwortete: „Wenn sie von den Todten auferstehen, so werden sie nicht freien, noch sich freien lassen.“ Hadrian bezieht dies auf seine Vermählte, die Kirche, die mit seinem Tode aufgehört habe, ihm ihre Würde zu leihen.
  310. 140. Denk’ an dein eignes Wort. Vgl. V. 91–93.
  311. 142. Alagia, Nichte Hadrians, wie Einige versichern, mit dem Marchese Marcello Malaspina vermählt.
  312. XX. 1. Der Zweck des Papstes, sich hier zu reinigen, war wichtiger, als der des Dichters, noch mehr zu erfahren; der Wille des Ersteren, daß er gehen möge, daher besser begründet als der des Letztern, noch länger zu bleiben. Daher that Dante, obwohl noch unbefriedigt, auf weitere Fragen Verzicht.
  313. 4. Wo keine Büßenden ausgestreckt lagen.
  314. 6. Man denke, um dies Gleichniß zu verstehen, an einen festen Thurm, an dessen Zinnen inwendig ein schmaler Weg hingeht, auf welchem die Vertheidiger stehen.
  315. 7 ff. Das Uebel, das die Welt erfüllt, ist der Geiz und die Habgier, welche der Dichter schon in der Hölle Ges. 1 V. 94 als die Wurzel der meisten anderen Laster bezeichnet hat. Wir finden ihn auch jetzt wieder V. 10 als Wölfin im Allgemeinen dargestellt. [Dabei ist aber merkwürdig, daß es hier wieder gerade ein geiziger Papst ist, auf den zunächst der Ausruf geht und daß V. 15 neben der Wölfin offenbar auch wieder auf „die edle Dogge“ von Hölle Ges. 1, 101 ff. gedeutet ist – beides ein Beweis für unsre dort gegebene Deutung der Wölfin und des Windhunds.]
  316. [13. „Der Himmel“ wieder = die Macht und Constellation der Gestirne, wie Ges. 16, 73 ff.]
  317. 19. Hier folgen Beispiele würdig ertragener und ruhmvoller Armuth, welche einer der Büßenden selbst sich und den Andern vorhält.
  318. 25. Fabricius, als Gesandter der Römer zu Pyrrhus, König von Epirus, geschickt, blieb ungeachtet seiner Armuth eben so unempfindlich gegen die vom Könige ihm gebotenen Geschenke, als gegen den Elephanten, der auf des Königs Veranstaltung hinter ihm plötzlich hervortrat.
  319. 32. Nicolaus, der Heilige, stattete drei junge Mädchen aus, welche ihr Vater aus Armuth preisgeben wollte.
  320. 36. Auf die Frage: warum der eine Schatten allein spreche? folgt die Antwort V. 121–123.
  321. 40. Der Büßende hält die noch lebenden Mitglieder seines Geschlechts für so ruchlos, daß er sie zum gläubigen Gebete nicht fähig meint, und daher auch durch sie keine Abkürzung der Reinigungszeit erwartet.
  322. 43–69. Der Dichter läßt hier Hugo den Großen, Herzog von Frankreich, Orleans und Burgund, den Stammherrn der Capetinger, auftreten, um seinen ganzen Groll gegen die Dynastie auszuschütten, [310] von welcher sein Hauptfeind (Karl Valois) abstammte. Als die Karolinger, eben so wie zwei Jahrhunderte früher die Merowinger, durch eigene Nichtigkeit zu Grunde gegangen waren, wurde Hugo Capet, Sohn des großen Hugo, Urenkel Roberts des Starken, im Jahre 987 zum Könige von Frankreich gewählt. Hieraus ergiebt sich, daß der Dichter, wenn er V. 52 den Hugo sich einen Metzgersohn nennen läßt, einer Fabel folgte, welche wahrscheinlich der Haß gegen die herrschende französische Dynastie zur damaligen Zeit in Italien ausgesprengt hatte. – Auch das, was Dante V. 54 anführt: daß nämlich schon zu Hugo’s des Großen Zeit nur noch Einer der Karolinger gelebt habe, ist schwer mit der Geschichte zu vereinigen, man möge die panni bigi des Originals erklären, wie man wolle. Denn Hugo der Große starb im Jahr 956, und als 31 Jahre später sein Sohn nach Ludwig des Fünften Tode den französischen Thron bestieg, machte Karl, Herzog von Lothringen, Ludwigs Ohm, Ansprüche auf den Thron, wurde aber [311] geschlagen und gefangen. Diesen letztern meint wahrscheinlich Dante, indem er die Zeit Hugo des Vaters mit der Hugo des Sohns verwechselt. In den V. 46–48 deutet der Dichter, immer von dem Standpunkt des Jahres 1300 ausgehend, prophetisch auf die im Jahre 1302 erfolgte Vertreibung der Franzosen aus Flandern. – In V. 61–69 spricht er von der von ihm für widerrechtlich gehaltenen Vergrößerung der Macht des königlichen Hauses, von der Erwerbung des Reichs Neapel und des Hohenstaufen Konradin bekannter Hinrichtung. Den Thomas von Aquino soll Karl auf dem Wege zum Concilium von Lyon haben vergiften lassen.
  323. 70–78. S. in der Vorbem. zu Hölle 1 dasjenige, was dort über die Besetzung von Florenz durch Karl im Jahre 1301 gesagt ist. Er war ohne Armee[WS 8] nach Italien gekommen, erst durch die Hilfe des Papstes zur Anwerbung von Soldaten in den Stand gesetzt worden und durch Verrath in Florenz eingedrungen.
  324. 79–84. Karl der Zweite, Sohn Karls des Ersten, Königs von Neapel und Sicilien, war in einer Seeschlacht gegen Arragonien gefangen worden. Seine Tochter Beatrice verheirathete er an den schon alternden Markgrafen Azzo den Sechsten, von welchem er, wie man sagt, dafür eine große Summe Geldes empfing.
  325. [85 ff. Das Vorangehende erscheint dem Dichter klein gegen den noch größeren Frevel der Gefangennahme und Mißhandlung Bonifaz VIII. durch Philipp den Schönen, beziehungsweise seinen Feldherrn Rogaret in Anagni (Alagna), in Folge deren dieser nach einem Monat starb (1303).] – Es bezeugt also hier Dante, wie oftmals [vgl. S. 6 u. 14, im vorigen Ges. V. 127], seine hohe Verehrung vor der Stiftung des Papstthums, so sehr er auch die Verwalter [312] derselben verdammt. Nicht weniger Strenge der Consequenz als Größe der Gesinnung legt er dar, indem er die Mißhandlung desjenigen Papstes, welchen er durch das Gericht Gottes für die Hölle bestimmt glaubt (Hölle, Ges. 19 V. 52), als verabscheuungswürdigen Frevel rügt. Nur sehr hohe Geister vermögen in Zeiten der Parteiung sich zu solchem Standpunkte zu erheben.
  326. [91 ff. Bezieht sich auf die ungerechte Aufhebung des Templerordens durch Philipp den Schönen 1310 ff. Sie geschah zwar mit päpstlicher Vollmacht, aber nach Dante’s Ansicht einer unrechtmäßig–erschlichenen, daher ungültigen.]
  327. 97. Von Jener, von der Maria. V. 19 ff.
  328. 100–102. Der Dichter bleibt seiner Meinung von der Wirkung des Lichts auch hier treu. Am Tage loben die Schatten die Tugend in Beispielen, welche als Sporn dienen, um die Büßenden vorwärts zu treiben. Aber die Nacht, wo kein Vorschreiten möglich ist, sprechen sie von den Wirkungen des Lasters, um wenigstens nicht rückwärts zu gehen.
  329. 103. Pygmalion tödtete seinen Verwandten Sichäus, um sich seiner Schätze zu bemächtigen. Aen. I.
  330. 106. Midas, ein König von Phrygien, bat den Bacchus um die Gabe, Alles, was er berühre, in Gold zu verwandeln – bald aber um Zurücknahme dieser Huld, da auch Speise und Trank, sobald er sie berührte, sich in jenes reizende Metall verwandelten.
  331. 109. Achan. Josua 7.
  332. 112. Apostelgesch. Kap. 4 und 5.
  333. 113. Heliodorus. Maccab. B. 2 Kap. 3. [Bild von Rafael in den Stanzen des Vatican.]
  334. 115. Polynestor, König von Thracien, tödtete nach der Aeneis, den Polydorus, welchen sein Vater Priamus während der Belagerung von Troja mit einem Theile der königlichen Schätze zu ihm gesandt hatte, und bemächtigte sich des ihm zur Verwahrung anvertrauten Gutes.
  335. 116. Als Crassus’ Leichnam von den Parthern gefunden ward, schnitten sie ihm den Kopf ab, und setzten ihn in geschmolzenes Gold mit den Worten: Aurum sitisti, aurum bibe.
  336. 121–123. Antwort auf die V. 36 enthaltene Frage.
  337. 127. Die Ursache dieses Ereignisses wird im folgenden Gesange erklärt.
  338. 130. Latona, um der Eifersucht der Juno zu entfliehen, flüchtete sich auf das schwimmende Eiland Delos, wo sie die Kinder des Zeus, Apollo und Diana (Sonne und Mond), gebar. Vor der Geburt kündigten heftige Erschütterungen der Insel das große Ereigniß an.
  339. XXI. 1–3. Der Durst, nach Belehrung, nach Wahrheit Joh. 4, 15.
  340. 7. Lucas, welcher im 24. Kapitel erzählt, wie Christus den beiden Jüngern erschien, dir nach Emaus gingen.
  341. 11. 12. Der Schatten, jetzt von dem hier gebüßten Fehler gereinigt, betrachtet noch die Schatten, die dort am Boden liegen, d. h. er erwägt seinen nun abgelegten Fehler und dessen Wirkungen.
  342. 18. Weil Virgil, als Heide, nicht zum Paradies eingehen – weil die Vernunft allein nicht zum Höchsten gelangen kann.
  343. 22. Die P auf der Stirn.
  344. 25. Sie, Lachesis, die Parze.
  345. [33. Ueberall und immer der Hinweis auf die Bedeutung, aber auch Begrenzung der Vernunft, beziehungsweise der rechten staatskirchlichen Weltordnung! Vgl. 18, 46.]
  346. 46. Erst hinter der Pforte des Fegefeuers, die im neunten Gesange beschrieben ist, beginnt die ewige Ordnung [und das Walten der rein himmlischen Kräfte].
  347. [52 – 55. „Nach Dante’s Theorie erzeugen die trockenen Dünste Blitze, wenn sie zur Höhe steigen und Erdbeben, wenn sie in die Erdhöhlen dringen.“ Witte]
  348. [58–72. Hier erfahren wir also, warum der Berg gebebt und wie und wann die völlig geläuterten Seelen, jede aus ihrem Kreis, sich ins Paradies, das wir in Ges. 28 kennen lernen werden, emporschwingen. Es geschieht jedesmal, wenn eine Seele den vollen, ganz freien Willen errungen hat, von nun an rein dem Leben in Gott zugewendet zu bleiben, während sie bisher dies wohl manchmal gewünscht, aber selbst vorher noch weitere Büßung nöthig gefühlt hat[WS 9] (V. 64). Wenn der neue geistliche Wille den ganzen Kelch der Buße ohne Widerspruch geleert hat, um des heiligen Zieles der Reinigung willen, dann erst ist er frei, ist in Uebereinstimmung mit dem Göttlichen, kann und muß sich zur Seligkeit erschwingen. Ein edler tiefer Gedanke! Und weil somit die ursprünglich göttliche Seele zu Gott zurückkehrt (V. 45 u. 46), darum setzt dies himmlische Ereigniß den Berg in Bewegung [317] (wie einst Jesu Auferstehung) und die Mitbüßenden vermögen sich neidlos mitzufreuen.]
  349. 82 ff. Publius Statius, irrthümlich von Dante als ein Tolosaner bezeichnet, wurde in Neapel geboren, und war Zeitgenosse des Titus. Noch sehr jung kam er nach Rom und erwarb sich durch seine Dichtungen mehrmals den Preis im poetischen Wettstreit und die Gunst Domitians. Sein Hauptwerk ist die Thebais, ein episches Gedicht, in welchem er die Eroberung von Theben besingt. Von einem zweiten, die Achilleis, hinterließ er nur ein Bruchstück, als er im fünfunddreißigsten Jahre seines Alters starb. Sein Styl ist, so weit es die zum Schwulst sich hinneigende Zeit erlaubte, dem der Aeneis nachgebildet.
    [Dieser Geist, vom Mittelalter überschätzt, und sogar, wie wir im folgenden Ges. sehen, für einen geheimen Christen gehalten, begleitet von nun an beide Dichter. Dies deutet immer bestimmter an, daß Virgils Mission sich ihrem Ende nähere, daß ihn allmälig christliche Lebens- und Vollendungs-Vorbilder zu ergänzen und abzulösen bestimmt seien. Vgl. 3, 52 und Anm.; 18, 46; 21, 33; endlich demnächst 27, Schluß.]
  350. 100. So menschlich schön es auch ist was Statius erklärt, so wird dies doch kaum als dem Orte und den Lehren Cato’s entsprechend anerkannt werden können.
  351. 103. In der Scene, welche den übrigen Theil des Gesanges ausfüllt, wird man bewundern, mit welcher Wahrheit, Schönheit und Eigenthümlichkeit der Dichter hier seinem Werke den Charakter und Reiz des Dramas zu verleihen gewußt hat.
  352. XXII. 1. Die Erscheinung des Engels, der den Dichter in den andern Kreisen empfangen und ihm eins der Zeichen der Sünde abgenommen hat, ist diesmal nicht erzählt worden. Wir sehen aber in den ersten drei Versen, daß sie wirklich stattgefunden hat.
  353. 5. Heil dem Dürstenden, Beziehung auf Matthäus 5, V. 6: Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. – Hier beim Uebergange von der Buße der Geizigen zu der der Schwelger ist die Erinnerung an dieses Wort Christi ganz am rechten Orte.
  354. 7. Die Prophezeihung Virgils, daß ihm die Mühe werde zum Genusse werden, fährt fort sich zu erfüllen.
  355. 10. Wenn wir erfahren, daß ein Anderer uns wegen dessen, was gut in uns ist, liebt, so lieben wir ihn gewiß wieder. Deshalb liebt Virgil den Statius, seitdem er von der Liebe desselben zu ihm durch Juvenal unterrichtet ist.
  356. 34. Wie in der Hölle Geizige und Verschwender in einem Kreise bestraft werden, so reinigen sich beide auch im Fegefeuer an demselben Orte. Auch die Verschwender plagt der Durst nach Gold, das sie immer vermissen, weil sie es nicht zu erhalten verstehen, daher die Ges. 19, V. 118 ff. angegebene Buße auch zu ihrem Fehler im entsprechenden Verhältniß steht.
  357. 38. Statius verdankt den Worten Virgils:
          Quid non mortalia pectora cogis auri sacra fames,
    daß er zur Besinnung gekommen ist und seinen Fehler bereut hat. [Denn nach Aristoteles ist der Verschwender ein ebensolcher Goldjäger, wie der Geizige. Daher diese Stelle, wie Statius erkannte, auch ihn traf.]
  358. 46. S. Hölle Ges. 7, V. 46 und 56.
  359. [49–51. Erklärt sich aus V. 54 Immer die beiden sich entgegenstehenden Laster, z. B. Geiz und Verschwendung, werden miteinander „ihrer Grüne beraubt“ d. h. abgebüßt und zum Absterben gebracht. – Merkwürdigerweise spricht Dante diesen Gedanken nur hier aus und führt ihn nur hier und im vierten Höllenkreise durch.]
  360. 55. Hindeutend auf den thebanischen Krieg, in welchem Eteokles und Polynices, Söhne der Iocaste, wechselweis sich tödteten.
  361. [63. Der Fischer = Petrus, die Kirche.]
  362. 67. Virgil, selbst nicht gläubig, erweckte doch den Glauben in Statius durch folgende Verse, auf welche V. 70–72 sich bezogen ist:
         Magnus ab integro saeclorum nascitur ordo,
         Iam redit et virgo, redeunt Saturnia regna
         Iam nova progenies coelo demittitur alto.
    Die hohe Achtung, in welcher Virgil stand, hat in den ersten Zeiten des Christenthums, noch mehr später Veranlassung dazu gegeben, daß diese Verse als eine wirkliche Prophezeiung angesehen wurden. Vergl. Anm. zur Hölle Ges. 1 V. 62. [Die Belehrung des Statius selbst ist völlig unhistorisch.]
  363. 88. Ehe ich die Thebais dichtete.
  364. 100. Bei Homer. (Vgl. Hölle, Ges. 4, V. 88.)
  365. 105. Unsere süßen Nährerinnen, die Musen.
  366. 109 ff. In diesen Versen sind im Original mehr Personen der Thebais aufgeführt, als in der Uebersetzung haben wieder Platz finden können.
  367. [112. Hypsipyle. Hölle 18, 82.]
  368. 116. Die Dichter waren also durch den Felsenspalt, durch welchen [324] der Weg zu dem höheren Kreise führt, bereits zu dem ebenen Vorsprung des Berges gelangt.
  369. 118. Die fünfte Dienerin des Tags, die fünfte Stunde vom Aufgange der Sonne an gerechnet. Es war also noch nicht Mittag und die Sonne stieg noch aufwärts, [und die Wanderer sind, die Felsenspalte herauf, wieder am Ringweg angelangt.]
  370. 130. In diesem Kreise läutern sich die Schwelger. Wir sehen sie im folgenden Gesange V. 22 ff. ganz abgemagert und entstellt. Die übermäßige Gier nach irdischer Nahrung versetzt die Seele in den kümmerlichsten Zustand und leitet sie von dem Streben nach dem wahren und echten Genusse ab. Diesen wahren Genuß bietet der Baum, nach dessen würzigen Früchten die Büßenden hier vergeblich ringen, der von unten schwer zu ersteigen, von geringem Umfange ist, aber nach oben hin immer weiter sich ausbreitende Aeste zeigt, und dessen Laub und Frucht durch das ewig von oben herabkommende klare Naß erfrischt wird. Mehrfache allegorische, moralische und religiöse Deutungen dieses Baumes wird der Leser selbst leicht finden. [Vgl. 23, 61 ff.]
  371. 141. Die Speise hier etc., ihr werdet diese Speise, die der Baum zeigt, nicht erreichen können.
  372. 142. Der Dichter, immer neue Formen erfindend, läßt hier die Beispiele der der Schwelgerei entgegengesetzten Tugend aus dem Baume verkünden. Als erstes zeigt sich Maria, welche Christum auf der Hochzeit zu Kanaa nicht für sich selbst um Wein bat, sondern sagte: Sie haben keinen Wein. (Joh. 2, V. 3.)
  373. [146 ff. Daniel 1, 17.]
  374. XXIII. 1–6. Auch hier wieder die Erinnerung: Kein Stillstand – Stillstand ist Rückgang. Dadurch wird auch das Gleichniß V. 3, motivirt.
  375. 11. Psalm 51, V. 17: Herr, thue meine Lippen auf.
  376. 25. Erisichthon, von der Ceres, die er verachtete, mit unersättlichem Heißhunger bestraft, zehrte sich am Ende selbst auf.
  377. 31. Hier ist im Original ein Bild angebracht, das der Uebersetzer, um die Leser nicht dessen zu berauben, in der Anmerkung wiedergeben will, da er es im Texte auf eine dem Style des Ganzen entsprechende Art nicht wiederzugeben wußte. Es heißt im Original: Wer im Menschenantlitz omo liest, hätte das M dort wohl erkannt. Die beiden O nämlich werden von den Augen, das M aber wird von dem hohen Rande der Augenhöhlen bis zu den Backenknochen herab, und von der Nase, an welche jener Rand nach innen zu von beiden Seiten sich anschließt, gebildet; und dieses M muß um so deutlicher hervortreten, je magerer ein Gesicht ist.
  378. [34 ff. S. V. 61 ff.]
  379. [48. Forese Donati, Bruder des berühmten Hauptes der Schwarzen, Corso Donati und dem Dante durch seine, lange nach Beatricens Tode geschlossene Ehe mit Gemma Donati, verwandt. Vgl. zu Hölle, Ges. 2, 53.]
  380. 62. Die Sehnsucht nach dem wahren Genusse, zu welcher im Leben die Schwelger vor falschem Genusse nicht gelangen konnten.
  381. 79. Forese scheint hiernach durch Krankheit zwar die Fähigkeit, die Lust des Gaumens zu befriedigen, verloren zu haben, nicht aber die Schwelgerei als Laster erkannt und bereut, vielmehr die Rückkehr der verschwundenen Lüsternheit gewünscht zu haben. [„Das gute Leid“ wäre die Buße gewesen.]
  382. 83. Dort unten, vor dem Thore des Fegefeuers, wo diejenigen harren, die zu spät ihre Schuld bereuet haben.
  383. 86. Meine Nella, eine Abkürzung von Annella, des Namens der Gattin Forese’s.
  384. 94. Der Sarden rauhes Bergesland, im Original: die Barbagia von Sardinien, eine Gegend im rauhesten Gebirgstheile der Insel, deren Einwohner zu des Dichters Zeit durch rauhe Sitte, die Weiber besonders durch Schamlosigkeit übel berüchtigt waren.
  385. 100. Die Frauen von Florenz waren damals sehr frei in ihrem Anzuge. [Es ergingen zuerst Luxusgesetze dagegen, erst im Jahre 1350 ein Kanzelverbot. Davon konnte Dante nichts wissen, spricht also mit wirklich hellsehendem Blick.]
  386. [110 ff. = ehe die Kinder Männer werden kommt das Unglück.]
  387. 120. Der Bruder Dieser hier, der Mond, als er voll war.
  388. XXIV. 7. Der Dichter setzt hier das am Ende des vorigen Gesanges abgebrochene Gespräch von Statius fort.
  389. 10. Piccarda, Schwester des Forese. Von ihr werden wir im Paradiese (Ges. 3, V. 46 ff.) mehr erfahren.
  390. 22. Papst Martin der Vierte († 1285), soll Aale, aus dem See bei Bolsena in Toskana, in Wein haben ersäufen lassen, um ihnen durch diese Todesart einen vorzüglichen Wohlgeschmack zu geben. [Jedenfalls ist wahrscheinlich, daß er dem Gaumen zu sehr huldigte.]
  391. 28. Bonifaz, Erzbischof von Ravenna.
  392. 35. Buonagiunta von Lucca, dessen er schon oben V. 20 erwähnt, war ein, wie man aus V. 55 ff. sehen wird, nicht sehr glücklicher Dichter. Er sagt dem Dante hier voraus, daß ihm künftig, wenn er als Verbannter sich in Lucca aufhalte, ein junges Mädchen, Gentucca, sehr wohl gefallen werde. [Es darf hier nur an ein mehr platonisches Verhältniß gedacht werden, sonst würde Dante nicht so darüber reden.]
  393. 51. Donne, ch’avete intelletto d’amore. Anfang einer schönen Canzone des Dichters, die man in seiner Vita nuova findet.
  394. 52. Dante spricht hier den ersten und durchgreifendsten Grundsatz der Aesthetik, [sowie das Kennzeichen des wahren Dichterberufs] ebenso wahr als schön aus. Nicht blos von derjenigen Liebe ist die Rede, die zu Liebesgedichten begeistert, sondern von jener allgemeinen und höheren Liebe und Befeuerung, aus welcher jedes Kunstwerk hervorgeht; denn nur in dieser ist die Wahrheit. Daß die Dichter seiner Zeit auf anderm Wege Beifall suchten, und nicht fanden, und daß Dante, durch die Rückkehr zur Natur der Erfinder eines neuen Stiles wurde, ergibt sich deutlich aus dieser Stelle.
  395. 57. Guittone und der Notar waren, wie sich von selbst ergibt, andere ebenfalls wenig bedeutende Dichter.
  396. 63. Als ein charakteristischer Zug möge es anerkannt werden, daß ein Dichter, welcher sich von Andern überwunden bekannt hat, im Fegefeuer auf den Ueberwinder befriedigt hinblickt.
  397. 76. Er wird sich nach dem Tode sehnen, weil er Florenz in so tiefer Verderbniß weiß.
  398. [82. Corso Donati, der schon erwähnte Bruder des Forese, das gewaltthätige Haupt der Schwarzen, endete in einem durch die Eifersucht des Volkes wider ihn heraufbeschworenen Aufstand, im Jahr 1307. Fliehend stürzte er vom Pferde, das ihn einige Zeit schleifte, bis die Feinde ihn einholten und erstachen.]
  399. [102. Wie er kaum eben Forese’s Prophezeiung verstanden hatte, so sah er den Eilenden jetzt kaum mehr.]
  400. 106 mit 103. Dieser zweite Baum, vgl. Ges. 22, 130, ist das [334] Sinnbild der Gaumenlust selbst („der Zügel“). Aber diese ist nur ein Ableger jener Urlust, durch welche Eva schon im Paradies fiel, allwo der Baum der wahren Erkenntniß allein zu finden ist.]
  401. 110. Ihr Sehnen (il lor disio), das Ersehnte.
  402. 118. Sie gingen an einander gedrängt, weil der Baum und der Fels den Weg verengten.
  403. 121. Die Wolkensöhne, die Centauren mit den doppelten Brüsten, als Pferde und als Menschen erzeugt von Ixion. Beim Hochzeitsmahle des Pirithous erhoben sie, von Wein erhitzt, Streit, und drohten die Braut zu entführen, wurden aber vom Theseus dafür gezüchtigt.
  404. 124. Als Gideon gegen die Midianiter zog, befahl ihm der Herr, daß er nur diejenigen, die aus dem Brunnen Harod das Wasser mit der Hand schöpfen würden, mit sich in den Kampf nehmen, die aber, welche sich an den Brunnen auf die Knie werfen würden, um desto bequemer zu trinken, zurücklassen solle. Nur dreihundert bestanden diese Probe der Mäßigkeit. Allein durch sie ward das unzählbare Heer der Midianiter vernichtet. (Buch der Richter Kap. 7.)
  405. [148. In neuer, wunderschöner Schilderung erzählt hier D. das Verschwinden des vorletzten P.]
  406. XXV. 1. Nach der hier bezeichneten Stellung der Sternbilder war die zweite Stunde des Nachmittags auf dem Fegefeuerberge vorüber.
  407. 10. Dante ist aus Ehrfurcht unentschlossen, ob er fragen dürfe eder nicht. Diese Ungewißheit stellt er in dem obigen Gleichnisse meisterhaft dar.
  408. 22. Die Parzen hatten bei Meleagers Geburt bestimmt, daß er so lange leben solle, als ein gewisses Holzscheit nicht von der Flamme werde verzehrt werden. Dieses Scheit verwahrte seine Mutter Althäa gleich dem köstlichsten Kleinode. Als aber Meleager bei der kalydonischen Jagd die Brüder seiner Mutter tödtete, warf diese das verhängnißvolle Holz in die Flammen, und wie das Holz verbrannte, wurde er von inneren Gluten verzehrt.
  409. [25 ff. Es handelt sich um die, auch wohl den Lesern Dante’s schon oft aufgestiegene Frage: Wie die Seelenleiden der Schatten – denn solche sind es ja, vgl. zu Hölle 3, 34 – sich in und an ihrem Schattenleib äußern können? Die Anwort, die Dante hier giebt ist die, daß die freie, unsterbliche Seele sich den Schattenleib, eben so gut wie den Erdenleib anbilde, zu ihrem Organ, das jede ihrer Empfindungen wiedergebe, zu einem Spiegel, der jede ihrer Bewegungen rückstrahle (V. 25, 26). So komm es, daß [337] auch die Schatten hier, ohne körperliche Einwirkung, durch das Walten unsichtbarer Kräfte, sich abgezehrt zeigen, wie einst Meleager durch unsichtbaren Zusammenhang gleichmäßig mit jenem Holzscheite dahinschwand (V. 22, 23). – Um diesen Satz noch weiter zu begründen, wird im Folgenden ausführlich die aristotelische Theorie von der Entstehung der Seele, von der Bildung des Menschen im Mutterleibe und von derjenigen des Schattenleibs nach dem Tode, unter Anschluß an Thomas von Aquino, vorgetragen. Daß Statius der Sprechende ist, mag sich daraus wieder erklären, daß er für einen geheimen Christen galt, also die vom Christenthum erleuchtete Philosophie repräsentiren kann.]
  410. 27. Dann würdest du leicht finden, was dir jetzt schwer scheint.
  411. 31. Das göttliche Gericht – im Original: die göttliche Rache, weil die Strafe der Sünden die Seelen trifft, deren Entstehung dieser Gesang schildert.
  412. 37 ff. Die Zeugungskraft wird, nach der Theorie des Dichters, im Herzen dem reinsten vollkommensten Blute mitgetheilt, dessen der Körper nicht, wie des andern Bluts, zu seiner eigenen Erhaltung bedarf, das vielmehr unvermischt mit dem andern, durch den weitern Kreislauf noch mehr verkocht (digesto), durch die Adern den dazu bestimmten Behältern, welche die Scham zu nennen verbietet, zugeführt wird.
  413. [44. „Zum andern Blute.“ Auch das weibliche Ei ist ein Extract aus dem Blut.]
  414. 46. Thätig wird das männliche Blut durch die im Herzen empfangene Bildungskraft.
  415. [52 ff. Die Grundtendenz der Dante’schen Darlegung ist: eine Zersplitterung der Seele in eine bloße Mehrheit von Kräften – („die dreifache Seele“ Fegf. 4. 1 ff.) abzuweisen und der Seele ihre Einheit, ihre stufenweise, einheitliche Voll-Entwicklung mit ihrem göttlichen Ursprung und ewigen substanziellen Geistesgehalt zu retten. Dies geschieht durch eine Verschmelzung des Traduzianismus und Creatinismus. –: Der Mensch hat allerdings zuerst ein rein vegetatives Leben, V. 53. Aber während die Pflanze dabei stehen bleibt, so entfaltet sich das Leben des Ungeborenen jetzt erst recht weiter zur Bewegung und Empfindung, V. 54 ff. (sensitive oder Thierseele, V. 61). Der Uebergang von Einem zum Anderen geschieht durch den Zustand des Pflanzenthiers als Mittelglied V. 56 (Meerschwamm). Endlich, nach erfolger Entwickelung der menschlichen Gestalt (V. 58 ff.), vereint sich, durch einen unmittelbaren Schöpferact Gottes, der Geist von oben, wie die Sonne sich dem Rebensaft vermählt, mit dem Gegebenen zur vollkommenen (nach Parad. 32, 64 jedesmal individuell bestimmten) Menschenseele – rationelle oder intellective Seele – deren Hauptfunction das Kreisen in sich selber, das persönliche Selbstbewußtsein, ist, V. 61, 72–78. – Bis auf das Letzte, was der Philosophie, beziehungsweise dem Glauben angehört, finden wir also den Dichter, mit der Scholastik, schon ganz in Uebereinstimmung mit der neueren Physiologie.]
  416. [63. Polemik gegen Averrhoës, den großen, arabischen Erklärer des Aristoteles, der aus des Letzteren Schriften eine, der Auffassung Dante’s entgegenstehende Ansicht entwickelt hatte, welche schon merkwürdige Aehnlichkeit mit gewissen, modernen Anschauungen hat. Nemlich die, daß dem Menschen Vernunft und Geist („intellectus possibilis“ „il possibile intelletto“) nur dadurch werde, daß ein „universeller Intellect“ auf Lebensdauer mit dem Kind eine, an kein besonderes Organ gebundene und daher mit dem Tod erlöschende, Verbindung eingehe. Es gebe also keine persönliche Unsterblichkeit. – An dieser Polemik schließt sich dann eben die weitere Entwicklung Dante’s in Betreff des Todes und des Zustandes nach dem Tod in V. 79 –108 wie folgt:]
  417. [79–108. Nicht eine Auflösung ins Nichts ist der Tod, wenn die Parze „des Leins entbehrt“ d. h. den Lebensfaden abschneidet. Sondern die (solchergestalt entstandene) Seele löst sich nun vom Fleisch, „den Verein von Göttlichem und Menschlichem im Keime mit sich nehmend,“ V. 79–81. Indem nemlich jetzt die niederen Kräfte („die Accidenzien des Körpers“) ohne das Organ des Leibes verstummt und latent in ihr sind, treten die ihr eigenen Accidenzien, nemlich Intellect, Wille und Gedächtniß, um so schärfer hervor, da diese ohne ein fleischliches Medium viel besser wirken können V. 82–84 (cfr. Paulus, 1 Cor. 13, 12 „erkennen, wie ich erkannt bin“) Nachdem nun die Seele, gemäß Gottes Richterspruch V. 31, an einem der beiden Ufer des Acheron oder des Tiber niedergesunken und von dort wieder an dem [340] ihr beschiedenen Orte der Hölle oder des Fegefeuers angekommen ist, so erfaßt sie, die ihr eigene Bildungskraft ausstrahlend, die umgebende Luft, um derselben, wie einst den irdischen Stoffen des Erdenleibs, ihr Bildniß einzuprägen, V. 85–96. Dies ist der Schattenleib, welcher also die bewegliche Form des geschiedenen Geistes und das Organ der, in ihm nun aufs Neue hervortretenden, niederen und höheren Accidenzien ist. Daher ihm jeder Sinn, sogar Sehen und Gesehenwerden, und Begehren, Wollen, Erinnern, Lust und Schmerz zu äußern gegeben ist, nach Maßgabe der in ihm waltenden Seelenkraft V. 97–108. Mit diesem Satze ist Dante an dem in V. 20 ff. postulirten Ende seiner Darlegung. Im Uebrigen weiß der Leser aus früheren Stellen, daß der Schattenleib nur ein intermistischer ist und am jüngsten Gericht alle Seelen ihren Erdenleib in verklärter oder ewig finsterer Gestalt wieder anziehen werden.]
  418. 109. Die letzte Marter, der siebente und letzte Kreis der Büßenden.
  419. 112. Denken wir uns unter dem Sturm den unreinen Trieb und unter den Flammen die wahre, echte Liebe, die zum ersten Gute (vgl. Ges. 17 V. 91 ff.), welche, wenn sie zuerst in einem der falschen Liebe hingegebenen Gemüthe entsteht, dasselbe so lange, bis es die letztere abgelegt hat, peinigen und nagen muß. Aber eben diese echte Liebe reinigt am sichersten von der falschen, da beide neben einander nicht bestehen können.
  420. 115. Der schmale Pfad zwischen dem Feuer und dem Abgrunde wird nach obiger Deutung ebenfalls leicht zu erklären sein.
  421. 121. Summae Deus Clementiae, Anfang einer Hymne, welche die Kirche am frühen Morgen singt, um Gott zu bitten, daß er jede sündliche Glut unterdrücken und die Herzen mit seinem heiligen Feuer erwärmen möge.
  422. 123. Im Orig. Che di volger mi fe caler non meno – wörtlich: welche (die Glut) machte, daß ich mir nicht minder angelegen sein ließ, mich zu wenden. Der Weg war nach V. 115 – 120 schwierig und gefährlich, ein Fehltritt leicht. Dennoch reizte den Dichter der Anblick der Flamme so, daß er sich nicht halten konnte, statt auf den Weg zu sehen, sich nach ihr hinzuwenden. Nach V. 124 theilt er dann seinen Blick zwischen dem Wege und der Flamme mit den, in solcher befindlichen Geistern.
  423. 131. Diana, unmittelbar hinter der Mutter Gottes, als zweites Beispiel der Keuschheit; Diana, welche, bemerkend, daß die Nymphe Kalisto dieser Tugend untreu geworden, sie aus ihrem Hain verstieß.
  424. XXVI. 4. Da die zum Untergange sich neigende Sonne dem Dichter auf die rechte Seite scheint, so geht er jetzt auf der westlichen Seite des Berges nach Süden.
  425. 7. Das Feuer scheint, je heller die Sonne, desto farbloser. Die Stelle, auf welche Dante’s Schatten fällt, scheint daher röther und glühender.
  426. 15. Die Schatten hüten sich, um der Befriedigung ihrer Neugier willen, ihre Reinigung zu verzögern.
  427. 17. Die Trägheit kann an diesem Orte nicht stattfinden, weil sie weiter unten abgelegt worden ist.
  428. 44. Die Riphäen, Gebirge, welche die alte Fabel in den äußersten Norden setzte. [Ural.]
  429. 55. Weder reif noch unreif – weder als Jüngling noch als Greis.
  430. 77. Als Cäsar von Gallien zurückkam, konnte selbst der Glanz des Triumphs nicht die Erinnerung an seine Jugendsünden verwischen. Seine Soldaten sangen laut: Gallias Caesar subegit, Nicomedes Caesarem. – [letzteres mit Bezug auf sein päderastisches Verhältniß zu jenem bithynischen Könige.]
  431. [83 ff. „Menschliches Gesetz“. Dies möchte darauf deuten, daß hier vorwiegend nicht unnatürliche Laster, welche Dante Verfehlungen gegen das göttliche Gesetz nennen würde, sondern ungemessene natürliche Sinnlichkeit gemeint, was im Zusammenhange des Fegefeuers und der sonst achtungsvollen Redeweise Dante’s von und mit diesen Leuten, V. 72, 97 ff. 112 ff. 136 ff., besser paßt. Der „Zwittertrieb“ V. 82 und das derbe Beispiel der Pasiphae, V. 40 ff. 85 ff., würde dann mit Recht besagen, daß Dante in jenem Fehler ebenfalls eine thierische Erniedrigung des Menschen finde, die auch an sonst Gutgesinnten abgethan werden muß. – Freilich erlaubt der, wie wir aus Hölle Ges. 15 sahen, in Rücksicht auf Sodomiterei trostlose Zustand des Mittelalters, nicht, jenes Laster hier ganz auszuschließen!]
  432. 92. Guido Guinicelli, einer der besseren frühesten Dichter, welchem Dante selbst sowohl in seinem Convito, als in seiner Abhandlung de vulgari eloquio großes Lob beilegt. (cf. Ges. 11, 97.)
  433. [94. Hypsipyle (vergl. Hölle 18, 82. Fegef. 22, 113) durch deren Schuld des Lycurg von Nemea Sohn umgekommen war, wurde aus dessen Händen durch ihre zwei Söhne gerettet, welche, zuerst mit Lycurg gegen sie losstürzend, sie plötzlich erkannten und an ihre Brust eilten.]
  434. [96. „Nur mußt’ ich etc.“ wegen des Feuers! V. 103.]
  435. 105. Mit treuherzigem und die wahre Gesinnung aussprechendem Wort.
  436. [112. Ehrerbietig, wie Hölle 15 den, um gleiche Sünde verdammten, Brunetto, redet Dante den Guido mit „Ihr“ an.]
  437. 115. Der Schatten, auf den hier Guido hinzeigt, ist Arnaut von Perigord, ein provenzalischer Dichter, so wie Gerault von Limoges, welcher im 120. Verse erwähnt wird. Beide im 12. Jahrh.
  438. 124. Guittone von Arezzo, ist bereits oben Ges. 24, V. 57 erwähnt worden.
  439. 140. Die von Arnald gesprochenen Verse sind im Originale in provenzalischer Mundart.
  440. XXVII. 1–5. Auf dem Berge des Fegefeuers wurde es Abend; folglich mußte es in Jerusalem Morgen werden. Als die Gränzen der beiden Hemisphären betrachtet der Dichter östlich von Jerusalem den Ganges, westlich Spanien oder dessen Hauptfluß, den Ebro. Von beiden setzt er voraus, daß sie 90 Grade von Jerusalem entfernt sind. Da nun die Sonne in 24 Stunden 360 Grade folglich 90 Grade in 6 Stunden durchläuft, so ist es, wenn es in Jerusalem zur Aequinoctialzeit Tag wird, 90 Grade weiter östlich bereits Mittag, 90 Grade aber westlich Mitternacht.
  441. [8. Passender Gesang beim Austritt aus dem siebenten Kreise und damit aus dem Fegefeuer überhaupt.]
  442. 16. Durch obige Verse wird zugleich das Vorbeugen des Oberleibes und das Vorstrecken der gefalteten Hände höchst plastisch ausgedrückt, eine Geberde der Angst und der ablehnenden Bitte.
  443. 23. Auf Geryon’s Rücken etc., s. den siebenzehnten Gesang der Hölle.
  444. 25. Die heilige Glut, die uns läutert, kann zwar quälen, aber nie vernichten.
  445. [35. Das persönliche Ziel, der poetisch-allegorische Grundgedanke der ganzen göttl. Kom. wird uns hier auf eine dichterisch-schöne Weise in Erinnerung gebracht – Beatrice!]
  446. 37. Pyramus, im Wahn, daß die Geliebte vom Löwen verschlungen sei, durchstieß sich mit seinem Dolche. Aber Thisbe hatte sich gerettet und kehrte zurück als ihr Geliebter im Sterben lag. Beim Laute ihres Namens, den sie verzweifelnd ausrief, öffnete er noch einmal die Augen, um sie für immer zu schließen. Thisbe vereinigte sich durch denselben Dolch, der ihr den Geliebten entrissen hatte, mit ihm auf ewig. Der mit dem Blute bespritzte Maulbeerbaum trug seitdem rothe Früchte.
  447. 43. Virgil schüttelt das Haupt, weil seinen Zögling nur der Lohn antreibt, das zu thun, was die Vernunft verlangt, weil er wie ein Kind ist, dessen Nichtwollen durch die versprochene Frucht besiegt wird.
  448. [57. „Wo man stieg“ „ove si montava“ = wo die Treppe war.]
  449. [65. Der Leser kann nun den ganzen Ringweg am Fegefeuerberg herum, den die Dichter durchmessen, zusammenfassen. Sie sind vom Gestade aus vorwiegend westlich aufwärts bis zur Pforte, Ges. 9, vorgedrungen, von da aus allmälig nord-west-südlich über Treppen und Ringwege um den halben Berg herum durch die sieben Kreise gewandelt und nun auf der andern Seite gerade gegenüber von der Landungsstelle angelangt. Es bedarf also nun noch der letzten Treppensteigung wieder in östlicher Richtung, um „ans Gestad“ der obern Terrasse zu kommen, welche das Paradies darstellt. – Der volle Halbkreis des Bergs, den sie damit von Ost nach West umschrieben haben, wird dem Leser hieraus auch ohne Zeichnung klar sein, sowie, daß diese Umschreibung, wegen der allemal wieder rechtwinklig aufwärts führenden Treppen, in unterbrochener Zickzacklinie geschah.]
  450. [69 ff. Wer je von einem hohen Punkte das Hinabsinken der Sonne ins Meer und das allmälige Abdämmern der Welt in weiter Runde gesehen, wird diese wenigen Verse außerordentlich plastisch finden.]
  451. [76–87. Ein wahrhaft idyllisches Gemälde von wohlthuendster Wirkung.]
  452. [88. Nochmals hemmt die Nacht, wie immer, das Steigen. Nochmals müssen sie in der engen Felsentreppe sie abwarten. Aber schon leuchtet der kleine Horizont, welchen die Felsenspalte hat, mit ungewöhnlicher, vielverheißender Klarheit.]
  453. 94. Zur Stunde als Venus, der Morgenstern, aufging.
  454. [97–108. Dieser Traum ist ein Sinnbild dessen, was Dante nun erreicht hat, eine Vorahnung der Vollkommenheit, zu der er nun ganz eingehen soll auf dem Gipfel des Berges. Diese christliche Vollkommenheit besteht für die mittelalterliche Theologie in der Einheit des „thätigen“ und des „beschaulichen Lebens in Gott“, welches daher, das eine in Lea, das andre in Rahel, hier symbolisirt ist. Die Blumen, mit denen Lea sich schmückt, sind gute Werke. Das Ruhen der andern ist die reine Beschaulichkeit. Aber beide schauen in den Spiegel, welcher das Einssein und Leben in Gott bedeutet, die eine im Schmuck ihrer Kränze, die andere mit in sich selbst befriedigter Anschauung. D. h. beide constituiren zusammen den Vollbegriff der christlichen Vollkommenheit nach ihren beiden Seiten.]
  455. 109. Schöne Beziehung auf das Ziel der Reise, welchem der Dichter nahe ist.
  456. [115. Die süße Frucht, die Seligkeit in der Gnade und Erkenntniß im irdischen Paradies. Vgl. Schlußbemerkung.]
  457. [127. Das zeitliche Feuer, das des Fegfeuers, das ewige das der Hölle. Vgl. Hölle, 3, 8.]
  458. [130. 131. Bisher galt es Forschen und Streben; jetzt kommt das frei-innerliche Erkennen in Einheit mit der göttlichen Gnade.]
  459. [133. Dort, wo er jetzt hinkommt, im Paradies s. Ges. 28.]
  460. [127–142. Schlußbemerkung.
    Diese Stelle ist, nächst Fegf. Ges. 9, 49–132, die zweite Cardinalstelle für die Entwicklung der ganzen göttl. Kom. – Dante, der Mensch, hat durch bußfertige Anschauung der Höllenstrafen und durch fortlaufende Läuterung und Sündenablegung im Fegefeuer, wozu er durch die Absolution in Ges. 9 zugelassen worden, „die, durch die Sünde, verlorene Freiheit des Geistes nunmehr wieder gewonnen; sein Wille ist rein und gerade, eins mit Gott; Gott ist in ihm völlig geboren. Soweit hat er den Virgil zum Hauptführer gehabt. Den Zustand aber nun, den die Menschheit nach Gottes Willen sucht und findet nur durch geregelten Vernunftgebrauch unter Vermittlung der providenziellen Kaiser- [353] und Papstordnung, diesen Zustand hat jetzt Dante auch für sich gefunden und er muß nun vollends zu Gott kommen durch die reine Führung der Gnade (Beatrix), welche ja schon seit der, im neunten Gesang vor sich gegangenen Entwickelung, den Virgil allmälig abzulösen begonnen hatte (vgl. auch Ges. 21, 82 ff. Statius). Virgils Rolle ist also jetzt ausgespielt. Er geht zwar noch eine Weile (mit Statius) mit, aber ohne noch ein Wort zu reden und verschwindet plötzlich in Ges. 30, 49.“ Pfleiderer, am ang. Ort S. 131. – Der Leser sieht hiernach das in der allgemeinen Vorbemerkung, sowie zu Hölle 1, 62 und Fegf. 9, 49 Gesagte, unsere ganze Auffassung des Virgil und des ganzen Gedichtes sich auch hier wieder bestätigen. Vgl. auch 18, 70.
    Und dem entsprechend gestaltet sich die letzte Entwicklung in der III. Abtheilung des Fegefeuers, in welche wir mit Ges. 28 eintreten. Es ist die obere Abplattung des Berges, von einem Waldeskranz schön umgürtet, durch einen lieblichen Bach abgetheilt und jenseits desselben, in ihrer Mitte, das „irdische Paradies“ mit dem Baum des Lebens, d.h. den Aufenthaltsort der vollkommenen Seelen tragend, welche zur Aufnahme in das eigentliche Paradies, in den Himmel, reif und bereit sind. Man sieht nun leicht, dieses irdische Paradies, welches in 28, 76 und 142 ausdrücklich mit dem Garten Eden und dem Urstand identifizirt ist, bezeichnet 1. im Allgemeinen den, ursprünglich gottgewollten, idealen Zustand der Christenheit, wie er bei rechter Führung der Menschen (Virgil) schon auf Erden eintreten würde; es verkörpert also recht eigentlich eben jenen, in der Vorbem. S. 7. vorangestellten Grundgedanken der ganzen göttl. Kom. Demnächst 2. bedeutet dies für den Einzelnen, zumal für Dante, ebenfalls die Rückkehr zum Urstand, die Vollendung der in Ges. 9 erfolgten Rechtfertigung durch die Heiligung und Erneuerung und so die Erreichung des vollkommenen Gnadenstandes, jener christlichen Vollkommenheit, womit das Fegefeuer nothwendig schließen und der Mensch von der „irdischen“ zur „himmlischen Glückseligkeit“ erhoben werden, der zweite Theil der Divina Commedia in den dritten übergehen muß. – Zunächst werden wir nun noch einige vorbereitende Symbolik finden, werden den Dante dem Bache sich nähern, jenseits desselben einen [354] wundersamen Festzug – die wahre Kirche und Gemeinde der Heiligen – erblicken sehen, bis mitten in demselben Beatrix sich entschleiert, um als die vollendende Gnade (gratia perficiens) und himmlische Weisheit von oben, des Dichters ganzen bisherigen Läuterungsgang zu bestätigen und ihm die Krone, die letzte Weihe eben der christlichen Vollkommenheit und der Bereitschaft für den Himmel zu verleihen, wie wir in Ges. 30–32 des Näheren sehen werden.]
  461. XXVIII. [1–21. Wir brauchen den Leser wohl kaum auf die herrliche, lyrische Schönheit dieser Schilderung des Morgens im Walde aufmerksam zu machen.]
  462. [7. „Der lebensvolle Gotteswald hier oben, (von der reinen Luft der Gottebenbildlichkeit und des Gehorsams gegen Gott durchweht), ist dem todtbringenden Walde der Sünde im Anfang der Hölle entgegengesetzt (Hölle 1, 2 ff).“ Notter.]
  463. [11 ff. Nach Westen. Siehe V. 103 ff.]
  464. [20. Noch steht bei der alten Hafenstadt vor Ravenna, Classe, jetzt Chiassi, jener herrliche Pinienwald, den Dante später, als er das letzte [355] Jahr seines Lebens dort zubrachte (Hölle 5, 80) oft durchwandelt haben mag und der auch durch Lord Byron’s Aufenthalt zu Ravenna historisch geworden ist.]
  465. 22. In diesen Aufenthalt menschlicher Glückseligkeit ist der Dichter mit langsamen Schritten gelangt, und sieht nicht, wo er hineingekommen. Denn nicht der einzelne Punkt, über welchen er hineingeschritten, ist es, der ihn dahin geführt hat, sondern seine ganz umgewandelte Stimmung und Richtung. Aber nicht vom Schlaf berückt ist er hineingekommen, wie in den Wald der Irrthümer. (Vgl. Hölle Ges. 1, V. 10 ff.)
  466. [25. Der Bach ist, wie wir später erfahren, ein Doppelstrom aus einer Quelle: an dieser Stelle die Lethe, welche die Erinnerung der Sünde wegnimmt und weiter oben in entgegengesetzter Richtung die Eunoë, welche das Gedächtniß des Guten stärkt. Beide Beziehungen sind hier schon leis und sinnig angedeutet, die eine in V. 31 ff., die andre in V. 28. Daher auch Lethe noch den Dichter vom eigentlichen Paradies trennt, bis er daraus getrunken, Ges. 31, 101 ff., sowie endlich die Eintauchung in die Eunoë dem Aufflug in den Himmel unmittelbar vorangeht. Ges. 33, 142 ff.]
  467. [40. Diese schöne Frau, die in der Folge Matilde (Matelda) genannt wird, fassen wir am Einfachsten als eine Wiederholung der Idee der Lea in Ges. 27, 97 ff. Wie dort jener die Rahel, so würde [356] hier dieser die bald erscheinende Beatrix als Gegenbild entsprechen. Und was dort im Traum ahnungsvoll sich vorbildet, das würde hier sich real vollziehen und zur Wirklichkeit werden, nemlich, daß Dante, daß der geläuterte Gläubige, nun wirklich am Ziel jener christlichen Vollkommenheit anlangt, welche in Ges. 27 definirt worden ist. Damit ist die Function ganz übereinstimmend, welche wir Matilden hier und in der Folge zugewiesen sehen. Sie ist die Hüterin, gleichsam der Eingang des irdischen Paradieses, d. h. des vollkommenen Zustandes; sie führt, belehrt den Dante, weist ihn auf Beatrix, und diese wieder weist ihn zu ihr, damit sie ihn in Lethe’s Fluten tauche. Also offenbar ein sich ergänzendes Wechselverhältniß, bei welchem der einen der beiden Frauen die thätige, der andern die rein innerliche, beseligende Seite zugewiesen ist. – Nicht so sicher zu bestimmen ist, wer diese Matelda ursprünglich gewesen, welche die ihr zu Grunde liegende historische Person sei? Denn, obwohl stets Allegorie, so hat doch Dante niemals solche ohne geschichtliche Unterlage. Man muß sich nun hier bescheiden zu sagen, daß es möglich ist, Dante habe zunächst die berühmte Markgräfin von Toskana, die Freundin Gregors VII. im Auge gehabt, so wenig deren Wirksamkeit für die weltliche Macht des Papstthums in Dante’s Sinn gewesen sein kann. Mit mehr Recht aber scheint uns Notter auf die individuell warme Schilderung der Matilde in 28, 46–60; 64–66; 73–75: 29, 1 aufmerksam zu machen und zu folgern, daß eine persönliche nach V. 49 ff. früh verstorbene Geliebte des Dichters, die im neuen Leben genannte „schöne Mitleidige“ – aber nicht die des Convito! – die Farbe zu dem reizenden Bild hergegeben habe, während vielleicht der Name absichtlich von der Markgräfin oder der Nonne Mechtild zu Eisleben entlehnt sein möge. – Sei dem wie ihm wolle, jedenfalls müssen wir dem Dichter für eine – neben der allegorischen Bedeutung – so poesie- und lebensvoll gezeichnete Gestalt höchlich Dank wissen, da sie den Gang der Entwicklung auf’s Anmuthigste belebt.]
  468. 49. Proserpina, der Ceres Tochter, wurde, Blumen auf einer Wiese pflückend, vom Pluto geraubt und zur Unterwelt entführt.
  469. [76. „Ihr“ Man erinnere sich, daß Virgil und Statius, als schweigende Begleiter noch da sind.]
  470. [79 ff. „Delectasti me domine.“ Anfang des 92. Psalmen, welches Citat, in Verbindung mit dem Lächeln Matildens, eben die Befriedigung andeuten soll, welche auch die thätige Gottesliebe gewährt. Denn Befriedigung, geistlicher Genuß ist ein nothwendiges Ingrediens der christlichen Vollkommenheit, sowie des höchsten Gutes der Seligkeit.]
  471. 85. Statius hat den Dichter oben im einundzwanzigsten Gesange belehrt, daß hinter der Pforte des Fegefeuers keine zufällige Veränderung der Witterung, folglich auch kein Regen weiter zu spüren sei. Dieser Bach, welcher durch Regen genährt sein muß, und das Getön der Luft im Walde scheint aber dem zu wiedersprechen und an die irdische Natur zu erinnern, daher sich Dante Erläuterung erbittet.
  472. [91–123. Diese Erläuterung wird nun gegeben, indem die Natur des verlorenen Paradieses beschrieben ist, wie sie, von jeder Störung, welche die sündige Erde betroffen, frei, hier oben auf dem Fegefeuerberge noch besteht (V. 97–102), keine Stürme noch Dünste kennt (103–108), Pflanzen ohne Samen, Wasser, ohne Regen und Quellen erzeugt (109–128) und auf wunderbare Weise manchmal auch noch auf das „andre Land“, die Erde hinab wirkt, da wo wir lebende Wesen ohne Samen (heute „generatio aequivoca“) entstehen sehen V. 112–114. – Das heißt zugleich im symbolischen Sinn: Im paradiesischen Urstand war nicht finstere Naturmacht, sondern der reine Wille Gottes, in dem alles zum Guten geschaffen war, die unerschöpflich reiche Triebkraft im Menschen, der unsichtbare Samen des Guten. Dieser ungestörte Friedensstand besteht allein noch auf dem Fegefeuerberg, d. h. wird nur durch die Rechtfertigung etc. wieder völlig erlangt. Aber was auch sonst auf Erden an einzelnen, besonders herrlichen und gleichsam unerklärlichen, sittlichen Erscheinungen hervortritt, das ist ein Nachklang jener unmittelbaren Einwirkung Gottes, ein Sämlein aus dem Paradies, eine Verheißung der Wiedererlangung jener Ureinheit mit dem göttlichen Willen. – Ein tiefsinniger und tiefwahrer Gedanke.]
  473. 97. Es ist bereits oben erwähnt worden, daß, nach des Dichters Naturlehre, Stürme nur durch die Entwickelung der Dünste entstehen; und daß die Dünste, von der Sonne bis an die kalte Region emporgezogen, in dieser aber zu Regen verdichtet und als solcher der Erde zur Nahrung der Quellen und Flüsse zurückgegeben werden.
  474. 103. Die Bewegung der Luft, die hier gefühlt wird, ist also nicht durch Dünste entstanden, sondern durch die vom Dichter vorausgesetzte immer gleiche Bewegung der Gestirne von Osten nach Westen. Es weht daher ein immer sich gleichbleibender Ostwind. Daß auch diese Gleichheit der Luftbewegung, die unabhängig von jedem irdischen Zufalle ist, zugleich den Seelenzustand des geläuterten Menschen ausspricht, ergibt sich aus dem schon Bemerkten sowie aus dem Contrast, in welchem diese Luft mit den Winden steht, welche Lucifer durch das Bewegen seiner Flügel nach verschiedenen Richtungen hin erregt. (Vgl. Hölle Ges. 34 V. 50 ff.)
  475. 109. Jener reine, von Gott dem Menschen ursprünglich eingepflanzte Wille ist es also, der den Samen des Guten und des Glückes, zu welchem der Mensch ursprünglich bestimmt war, noch über die Erde ausstreut. Die Allegorie wird bei aufmerksamer Verfolgung des Textes allenthalben hervortreten.
  476. [124 ff. Also auch der, dem Leser schon bekannte, Doppelbach entspringt nicht aus irdischem Quell, sondern – wieder sinnbildlich – aus dem Willen Gottes. Denn nur die Rückkehr zur vollen Einheit mit dem göttlichen Willen gibt dem Menschen zur Vergebung auch das Vergessen seiner Sünden und die von nun an ewig unveränderliche Richtung auf’s Gute (Vollendung der Rechtfertigung nach ihren beiden Seiten). Aber jenes muß diesem vorangehen.]
  477. 146. Die Dichter lächeln über die Irrthümer, in welchen sie sich über das Glück der goldenen Zeit befunden haben. Die Vernunft kann zwar erkennen, was hier gelehrt wird – aber sie selbst kann nichts weiter lehren. Der geläuterte Mensch hat sich das Resultat aller ihrer Lehren zu eigen gemacht.
  478. XXIX. 3. Psalm 32, V. 1. Mit diesem Verse begrüßt Mathilde den Dichter, dem alle P – das siebente ohne besondere Erwähnung – von der Stirn verschwunden sind, und der im Bade der Lethe bald auch die Erinnerung an seine Sünden verlieren wird. Sie preist damit zugleich ihre eigene Seligkeit.
  479. 16. Dem geläuterten Menschen geht nun von selbst das Licht des Glaubens auf, nicht als schnell vorübereilender Blitzstrahl, sondern immer sich mehrend, immer heller ihn erleuchtend.
  480. [23. Eva’s Frevelmuth, der uns des irdischen Paradieses beraubte, dessen Wonnen Dante eben erst kennen lernt, und ohne dies sein Leben lang hätte genießen dürfen.]
  481. [37. Hier ruft Dante, wie wir mit Philalethes glauben möchten, die Musen –, den Geist der christlichen Dichtkunst an, worauf schon das Wort „hochheil’ge Jungfrauen“ und die Voranstellung der Urania, der Muse der Himmelskunde deutet. – Zu V. 38 vgl. Paradies, 25, V. 3.]
  482. [47. Die bloßen Sinnenkräfte können diese geistigen Dinge nicht fassen. Hier braucht es des erleuchteten Intellects.]
  483. 50. Der Dichter verbindet hier in seiner Vision die sieben Leuchter, welche Johannes im ersten Kap. der Apokal. V. 12 beschreibt, mit den sieben Flammen, von welchen derselbe Kap. 4 V. 5 spricht, welches sind die sieben Geister Gottes. Die Ausleger halten diese sieben Lichter für die sieben Gaben des heiligen Geistes, die, wie V. 73 bis 79 angegeben ist, in den Farben des Mond-Hofes und des Regenbogens (V. 78) bis in den Himmel und so weit strahlen, daß der irdische Blick das Ende des Strahles nicht erreicht. Diese Gaben des heiligen Geistes sind, nach Velutello Demuth (timore), die sich dem [363] Stolz entgegensetzt, Barmherzigkeit (pieta) dem Neide, Wissenschaft (scienzia) dem Zorn, Tapferkeit (fortezza) der Trägheit, Klugheit (consiglio) dem Geize, Weisheit (sapienzia) der Schwelgerei, Vernunft (intelletto) der Wollust. – Mit diesen bringt Velutello dann die sieben Sacramente der katholischen Kirche in Verbindung, welche wegen der unendlichen und unbegreiflichen Wirkungen, die sie im Menschen hervorbringen, die sieben Streifen bilden und weiter in den Himmel hinaufreichen, als der Blick des Dichters.
  484. [55 ff. Die, schon erwähnte, stumme Rolle, die Virgil noch eine Weile im Paradies spielt, scheint den Leser immer wieder erinnern zu sollen, wie dieser bisherige Führer jetzt, auf dieser Stufe, gar nichts Zureichendes mehr weiß noch das Vorsichgehende begreifen kann, welches der Offenbarung und der reinen Contemplation angehört.]
  485. 67. Lethe, bestrahlt von den Lichtern, glänzt von der linken Seite, der des Herzens, und zeigt ihm sein eigenes Herz im Spiegelbilde.
  486. 80. 81. Der erste und siebente dieser Lichtstreifen schienen nur zehn Schritte von einander entfernt zu sein – Hindeutung auf die zehn Gebote, innerhalb deren die Pflichten liegen, durch deren Erfüllung der Mensch sich der Gaben des heiligen Geistes würdig macht.
  487. [82 ff. Unter diesen 24 Greisen, welche er ebenfalls der Offenbarung, Cap. 4, 4, entnimmt, versteht Dante nach dem ganzen Zusammenhang die 24 Bücher des alten Testaments (nach hebräischer Zählung, ohne die Apokryphen.) – Sie sind mit Lilien bekränzt zum Zeichen der reinen Lehre, welche jene Bücher enthalten.]
  488. 85. Hindeutung auf die Prophezeiungen von Christi Geburt, die in den Büchern des alten Testaments enthalten sind.
  489. 91. Die vier Evangelisten, nach Ezech. 1 und Offenb. 4. – Das grüne Laub, mit welchem die Thiere bekränzt sind, deutet entweder auf die Hoffnungen, die sie erwecken, oder darauf, daß sie unwandelbar jung bestehen werden – die drei Flügelpaare auf ihren Flug durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – die Augen auf die in dem Evangelien herrschende, Alles durchblickende Wahrheit.
  490. 107. Dieser Wagen bedeutet die Kirche; die zwei Räder sind entweder das alte und neue Testament, [oder Liebe und Lehre, welche ihre Stützpunkte sind.]
  491. 108. Der Greif, das Wunderthier der Fabel, das zwei Naturen in sich vereinigt, die des Löwen, des mächtigsten und edelsten der Thiere der Erde, und des Adlers, der sich gen Himmel schwingt und mit ungeblendeten Blicken in die Sonne sieht. Dieser Greif ist hier Christus, welcher allein den Wagen ziehen – welchem folglich Kirche und Papst allein folgen sollen. Seine Flügel, wie die Streifen von den vorausgehenden sieben Lichtern, sich bis in des Himmels fernste, dem Menschenblick unerreichbare Höhe ausstreckend, umschließen den mittelsten jener Streifen, bedecken aber keinen derselben, sondern sind ihrerseits hier und dort von dreien derselben umschlossen. Versteht man unter den sieben Streifen die sieben Sacramente, so ist das Mittelste derselben nach der gewöhnlichen Reihenfolge das Abendmahl, durch welches das tiefste Mysterium und der Mittelpunkt des Christenthums repräsentirt wird.
  492. 112. Der Theil des Greifen, welcher Adler ist (was sich von der Erde emporschwingt, die göttliche Natur) ist golden, die Farbe der Lichtstrahlen; der Löwe hingegen (das an die Erde gebundene Irdische) zeigt sich weiß, in der Farbe der Unschuld, vermischt mit Roth, der Farbe der Liebe, auch hindeutend auf das Blut, das der Mensch Christus aus Liebe vergoß.
  493. 115. Keine weltliche Macht ist so herrlich, wie die der Kirche, wenn sie nichts weiter sein will, als was sie nach Christi Willen sein soll. Aber jener prächtige Wagen wird, wie wir bald sehen werden, zum Ungeheuer, sobald er mit irdischen Schätzen beladen wird.
  494. 121 – 132. Neben dem Wagen zeigen sich rechts die drei geistlichen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung, links die vier weltlichen: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Tapferkeit. [Ges. 1, V. 22 ff.]
    Von den geistlichen führen bald die Liebe, bald der Glaube den Reigen, und ziehen bald eine die andere, immer aber die Hoffnung nach sich. 1. Cor. 13.
    Von den weltlichen Tugenden – im Purpurkleide, weil sie die Herrschaft der Welt führen sollten – lenkt die Klugheit, welche das Vergangene mit dem Gegenwärtigen vergleicht, und deshalb die Zukunft voraussieht (3 Augen), die Bewegungen der Uebrigen.
  495. 133. Es folgen nun die übrigen Schriften des neuen Testaments. Die zwei Alten sind Lucas, als Verfasser der Apostelgeschichte, der Arzt, – und Paulus, als Verfasser der Episteln mit dem Schwerte.
  496. 142. Vier, die Apostel Petrus, Jacobus, Johannes und Judas, als Verfasser der übrigen Episteln.
  497. 143. Der Verfasser der Offenbarung, welcher schlafend sein wunderbares Traumbild erblickt.
  498. 145. Die sieben letzten sind bekleidet, wie die ersten vierundzwanzig, welche nach V. 65 in weißen Gewändern gingen, allein nicht, wie diese, mit Lilien, sondern mit rothen Blumen bekränzt, zum Zeichen des blutigen Märtyrerthums, welches sie mit himmlischen Blumen schmückt, die wie ein Lichtstreif ihr Haupt umgeben, [und vor allem der vollendeten christlichen Tugend, fides caritate formata.]
  499. 154. Fahnen, die sieben Lichter, welchen der Zug sich, wie eine Kriegsschaar den Fahnen, nachbewegt. – Hier dürfte man fragen: Wie die Kirche, deren tiefe Verderbniß im zweiunddreißigsten Gesange geschildert wird, in das irdische Paradies komme, da in diesem keine Sünde ist, folglich der Zustand der Bewohner keine Erlösung erheischt, und ohne diese keine Kirche gedacht werden kann. Aber es handelt sich hier nicht um die ersten Bewohner des Paradieses, sondern um deren Nachkommen, die es durch Reinigung wieder gewonnen haben und nun durch die Kirche, wie sie sein soll, der Seligkeit zugeführt werden.
  500. XXX. [1–6. Bildlich: das Siebengestirn des höchsten, ersten Geisterhimmels [368] (des Empyreum’s, wie wir im Paradiese erfahren werden), welches für denselben dieselbe Bedeutung als leitender Stern hat, wie das Siebengestirn des niederen Fixsternhimmels, der kleine und große Bär, für die Schiffer etc. auf Erden. Dieses geistige Siebengestirn sind jene sieben Lichter, die sieben Gaben des Geistes, welche den Zug der Kirche leiten und welche nur durch die eigene Schuld des Menschen sich für die Erde in ihrem ursprünglichen Glanze getrübt haben.]
  501. 7 ff. Die’s vom Greifen schieden, die zwischen den sieben Lichtern und dem Greifen gingen. [Das alte Testament schließt im neuen ab.]
  502. 12. Komm, Braut, vom Libanon. S. hohes Lied Kap. 4, V. 8. [Beatrice als die Braut der Kirche.]
  503. 16. Engel hatten unsichtbar den heilgen Wagen gehütet.
  504. [19 ff. In der ersten Hälfte aus dem Evangelium unverändert, obwohl mit Beziehung auf sie, die Beatrix, citirt; die andere Hälfte – bezeichnend genug – aus der Aeneis VI. Worte des Anchises im Hades!]
  505. [31. Beatrix hat sich jetzt erst auf den Wagen niedergelassen. An den Farben ihres Anzuges wird man leicht die drei geistlichen Tugenden von Ges. 29, 122 wiedererkennen, am Oelzweig das Symbol des Friedens und Glaubens, und es ist leicht, die schon mehrfach erwähnte allegorische Bedeutung ihrer Erscheinung hieraus schon zu combiniren. Indessen s. darüber die Vorbemerkung zum nächsten Gesang.
    Hier sei nur auf die andere Seite in der Gestalt der Beatrix auf die unbestreitbare persönliche Grundlage derselben hingewiesen und der Leser aufmerksam gemacht, zu verfolgen, „mit welch’ einziger Genialität und Schönheit die früh heimgegangene Jugendgeliebte und die göttliche Gnade, die von Jugend auf genährte Liebe zu beiden und das Abirren von beiden in der nachfolgenden Darstellung gezeichnet sind.“ Von nun an verläßt sie den Dichter nicht mehr bis vor den Thron Gottes und man fühlt nach der allegorischen Schilderung des 29. Gesanges mit doppelter Befriedigung, wie mit diesem 31. Vers Dante nach langem Weg erreicht hat, was sein glühend Herz begehrte, die Glorien-Erscheinung der Geliebten und wie mit demselben ein neuer Schwung in sein heiliges Lied kommt, der sich durch die folgenden Gesänge auf gleicher Höhe hält und dieselben den poesievollsten des ganzen Werkes zugesellt.]
  506. [49. Verwirrt, beklommen von den überwältigenden Eindrücken, hat sich Dante naturgemäß nochmals an den bisherigen Führer gewendet und muß, da er mit Beatricen noch nicht wieder vereinigt ist und doch den Virgil verschwunden findet, also sich an die Grenze zwischen dem alten und einem neuen Zustand gestellt sieht, nothwendig einen Moment rathlos und schmerzlich berührt dastehen.]
  507. 55. O Dante etc. Worte Beatricens. [Das einzige Mal, daß Dante sich selbst nennt.]
  508. 65. In jener Engelfeier, unter den Blumen, welche die Engel auf sie herabstreuten und welche dem Dichter sie verbargen.
  509. 67. Fernere Hindeutung auf die nur allmälig im gereinigten Menschen aufgehende Erkenntniß des Göttlichen.
  510. 82. Die Engel singen, um den beschämten, tief gebeugten Dichter zu ermuthigen, die ersten neun Verse des einunddreißigsten Psalmen. Wie herrlich, wie psychologisch richtig dieser Trostgesang auf den Gebeugten wirkt, dessen gepreßtes Herz sich nun in wohlthätigen Seufzern und Thränen entschüttet, zeigen die folgenden schönen Verse.
  511. 87. Vom slav’schen Wind, von dem Winde, der, aus Slavonien wehend, die Apenninen trifft, folglich vom Nordostwinde.
  512. [112 ff. Möglichst wörtlich. Nicht nur Naturgaben aus irdischer Sternenhöhe – nach Dante’s öfters erwähnter astrologischer Ansicht – sondern auch Gaben der Gnade werden dem Menschen in die Wiege gelegt, welch’ letztere als ein himmlischer Regen ihre Nahrung „aus einem höheren Dunstkreis“ zieht, d. h. aber aus keinem Dunstkreis, sondern aus dem ewigen himmlischen Lebenslicht.]
  513. 115. In seinem neuen Leben, in seiner Jugend, als ihm ein neues Leben durch Beatricen aufgegangen war.
  514. [130. Die „Jugendverirrung“, welcher Dante, nach Beatricens Tod 1290 bis zu seiner Verheirathung 1292, unterlag, ist schon zu Hölle, 2, 53 erwähnt. Unsre Stelle mit Ges. 31, 52–60. scheint uns ein Hauptbeleg, daß dieselbe mit Recht dort nicht nur symbolisch als das „Abkommen von der Betrachtung des Göttlichen“, sondern auch wirklich als ein Leben der Verweltlichung, des Genusses und eitler Liebe gefaßt worden ist. Dabei darf man aber, eingedenk der schonungslosen Schärfe, mit der Dante auch seine kleinsten Fehler zu geißeln pflegt, nicht gleich an das Aergste denken. – Vgl. des Näheren [373] über diesen, etwas dunklen Lebensabschnitt Dante’s, sowie über sein ganzes Verhältniß zu Beatrix und nachfolgende Heirath, in unserer öfters angeführten Einleitungsschrift zur göttl. Kom., I. Abschnitt, „der Dichter“, S. 4–8.]
  515. [XXXI. Vorbemerkung.
    Dieser Gesang, nebst den 12 ersten Versen des nächsten, ist, neben Fegf. 9 und 27, die dritte Cardinalstelle für die Entwicklung der göttl. Komödie, der eigentliche Mittelpunkt derselben, um den sich das Vorangegangene, wie das noch Folgende, bewegt. Die Bedeutung desselben läßt sich für uns nunmehr, unter unmittelbarer Anknüpfung an die Schlußbemerkung zu Ges. 27, leicht und einfach charakterisiren. Es handelt sich, sagten wir dort, noch um die letzte Weihe des schon geläuterten Menschen für den Eintritt in den paradiesischen Zustand, und für den Fortschritt von da aus zur absoluten Seligkeit in der, bis zur Anschauung steigenden, Gotteserkenntniß (III. Th. Paradies). Diese letzte Weihe, welche zugleich die Aufnahme in die unsichtbare Kirche darstellt, wird von Beatrix, dem im Wagen [374] thronenden Lebensprincip derselben, durch folgende Acte vollzogen: 1) Sie nimmt eine letzte, gleichsam alles resumirende, aber offenbar vorwiegend rein persönliche, Generalbeichte von dem Dichter entgegen. V. 1–90. 2) Sie läßt den Dichter durch Matilde in Lethe eintauchen und tränken, (also eine Art der Taufhandlung, die wahre, die Geistestaufe!) zum Zeichen der Austilgung auch jeder schmerzenden Erinnerung der schon vergebenen Sünde in seinem Geist, V. 91–102 und läßt ihn durch dieselbe dem Reigen der vier weltlichen Tugenden einverleiben, endlich zum Greifen, zu Christo hinführen V. 103 bis 123. Damit ist auch der Uebergang über den Bach geschehen. Diese Functionen kommen der Matilde zu als dem Symbol der practischen Seite der christl. Vollkommenheit, auf deren Höhe also Dante nun angelangt ist, vgl. zu 27, 100; 28, 40. Später erst – offenbar aus poetischen Rücksichten – aber im innigsten Zusammenhang mit der Eintauchung in die Lethe, muß Matilde den Dichter auch noch in die Eunoe tauchen, Ges. 33 Schluß, was wir hier gleich anfügen wollen. Wie diese beiden Bäche eigentlich einer und derselbe sind, so auch erscheint hier eine symbolische Handlung, die Vollendung der Heiligung, nur in 2 Acte gespalten, deren erster mehr das Negative, der zweite mehr das Positive der Sache, die Erinnerung des Guten, die Kraft zum Guten, in’s Licht setzt. 3) Zuletzt entschleiert Beatrix sich selbst, seinem völlig hingenommenen Anschauen nicht mehr wehrend, V. 124–32, 6 und symbolisirt dadurch Dante’s völlige Vereinigung mit ihr als der alleswirkenden, vollendenden Gnade in Christo von oben und zugleich der höchsten, beseligenden Gotteserkenntniß im Gemüth selbst (die christliche Vollkommenheit nach der beschaulichen Seite Gs. 28, 40 und 32, 9), welch’ letztere nunmehr im Himmel, im Paradies bis zur äußersten Grenze des Anschauens Gottes verfolgt wird, worin die göttl. Kom. ihr Ende findet.
    Bestätigt sich uns somit hier unsre, schon zu Hölle Gs. 1 und 2 angedeutete Auffassung der Beatrice nach ihrer symbolischen Bedeutung, so ist dies zugleich der Ort, wo der Leser am Besten sehen kann, wie die wirkliche – freilich ganz idealisch zu denkende, vgl. zu Hölle 2, 53 ff. extr. – Jugendliebe der symbolischen Beatrice zu Grunde liegt, wie die Wiedervereinigung mit beiden hier ihren Triumph feiert, die Apotheose der Geliebten und die geistliche Erhebung des Menschen zu Gott zugleich dem Dichter vorschweben und wie Dante überhaupt hier, ja sein ganzes Werk hindurch, jenes Dreifache erreicht, was wir von Anfang an als den Sinn der göttl. Kom. angegeben und festgehalten haben, nämlich: auf Grundlage seines eigenen Selbsterlebnisses den Heilsweg der Menschheit im Ganzen und speciell seiner Zeit vorzuführen. – Der Erinnerung an den letzteren, den kirchenpolitischen Sinn und Zweck der göttl. Kom. ist klar und nachdrücklich die Vision und Weissagung der Geschichte der Kirche gewidmet, [375] welche Beatrix nach den Vorgängen in Ges. 31, in Ges. 32 und 33 noch dem Dante enthüllt mit dem ausdrücklichen, öfteren Befehl, das Gesehene auf Erden zu verkündigen. – Im Uebrigen können wir nicht unterlassen hier wenigstens kurz zu bemerken, daß unsre Ansicht von dem dreifachen Sinn der göttl. Kom. keineswegs ausschließen soll, daß nicht an einzelnen Stellen auch eine einzelne dieser Beziehungen besonders hervor- und eine andere zurücktreten könne – wie dies öfters auch der Fall ist und schon durch den Grundcharakter des Werks als freier Dichtung verlangt wird.
    Wir glaubten, das Vorstehende am Besten zusammenhängend vorausbemerken zu sollen; und indem wir im Folgenden nun nur die Einzel-Notizen nachzutragen haben, wird der Leser im rascherem Zuge die letzten Gesänge und insbesondere den vorstehenden zu lesen und in seiner ganzen, hohen Schönheit nachzuempfinden vermögen.]
  516. [375] [2. Sie hatte bisher zu den Engeln gesprochen, so daß zwar auch die Schneide ihrer Worte den Dichter traf (30, 106). Jetzt aber wendet sie sich direct gegen ihn.]
  517. 22. Meine Wünsche (i miei desiri), dies kann gleichmäßig bedeuten die Wünsche, die ich selbst in mir hegte und dir eingeflößt hatte – und der Wunsch, die Sehnsucht nach mir.
  518. 40. Im Original: doch wenn die Beschuldigung der Sünde aus der eigenen Wange hervorbricht, so wendet sich an unserm Gerichts-Hofe [d. h. hier oben, bei Gott im Gegensatz zur Hölle,] das Rad (der sich umdrehende Schleifstein) gegen die Schneide.
  519. 44. Man wird nicht vergessen, daß der Dichter nur als Reisender hier ist, und in’s Erdenleben zurückzukehren gedenkt.
  520. [52–60. S. zu Ges. 30, 130 und sofort hier zu V. 68.]
  521. [68. Dante versetzt die Vorgänge der göttl. Kom. in sein 35. Jahr. Der Ausdruck „Bart“ soll also die schneidige Hinweisung enthalten, daß Beatrix ihm jetzt erst, in seinem reiferen Alter, den ganzen bisherigen Irrweg klar machen müsse und daß sie um so mehr erwarte, er werde jetzt ernst genug sein, denselben einzusehen. Dabei ist, wie immer, sowohl an jene besonderen „Jugendverirrungen“, als auch an seinen bis dato unbekehrten Herzenszustand überhaupt zu denken. – Sämmtliche erhaltene Porträts von Dante zeigen keinen Bart, weil sie theils aus dessen früherer Jünglingszeit stammen, theils von einer Todtenmaske abgenommen sind, während also der Dichter im Leben einen solchen trug.]
  522. [78. Die, Schlag auf Schlag folgenden, Vorwürfe Beatricens, erst noch von liebender Milde durchweht, dann streng und hagelgleich sich ergießend; ihnen gegenüber die scharf und psychologisch-wahr gezeichnete Gestalt des Dichters, seine gebrochenen Worte und Seufzer, sein innerer Kampf, seine zögernde Aufraffung; im Hintergrund der Zug der Kirche, die Schaar der Engel, eine glänzende Scenerie und doch mehr als bloße Scenerie – dies alles bietet ein außerordentlich schönes, dramatisch-bewegtes Bild.]
  523. [80 ff. Bei dem nun beginnenden Acte der Eintauchung wendet [378] sich Beatrix direct Christo zu und in diesem Blick erscheint sie dem Dichter schöner, als sie gewesen! – Hier geht sie also ganz in die symbolische Bedeutung und Stellung über.]
  524. 98. Ps. 51, V. 9
  525. [107. Vgl. 29, 121 ff. Die vier natürlichen („weltlichen“) Tugenden waren auf Erden und bestimmt, ihr zu Bahnbrechern zu dienen, ehe Beatrix, die Gnade in Christo, und mit ihr die drei geistlichen Tugenden, durch’s Christenthum auf die Welt kamen. – Derselbe Stufengang von der natürlichen-, durch die Gnade, zur geistlichen Tugend, in welcher erst die Gnade recht erkannt und besessen wird [379] V. 110, 111, muß daher auch bei der sittlichen Vollendung des einzelnen Menschen statt haben.]
  526. 113. Also bis zu Christo hin bringen die weltlichen Tugenden den Dichter. – Beatrice, welche nur auf den Greifen sah, mußte nach dem Dichter gewand stehen, da dieser vor der Brust des Greifen stand.
  527. [121. Die Vereinigung und wieder wechselseitige Unterscheidung der göttl. und menschlichen Natur in Christo (wörtlich „das Doppelthier“, Adler und Löwe), welche Dante in Beatricens Augen sieht, d. h. welche der Mensch durch die Gnade erkennt. Im Uebrigen ist Beatrix noch verschleiert. Es kann also noch kein vollkommenes, nur ein ahnendes Vor-Erkennen sein.]
  528. [130. Wenn „die drei“, Glaube, Liebe, Hoffnung, welche doch dem Menschen erst durch die entschleierte Gnade in Paradies Ges. 24 ff. werden sollen, hier schon für ihn bittend eintreten, so erkennt man in ihnen leicht die Specification der Gnade nach ihrer dreifachen, im Menschen sich subjectivirenden, Kraft.]
  529. [139 ff. Der Schleier sinkt! Auch die heilige, höchste Dichtung, welche dem blassen Antlitz des Mannes das Siegel tiefer, innerer Arbeit aufdrückt – ein schönes Selbstzeugniß des Dichters für seine ernste Auffassung des Dichterberufs, wiederholt im Paradies 25, 1 ff. – vermag solchen Moment nicht zu schildern! Und doch gehören eben die Verse, in welchen so Dante seine Unzulänglichkeit ausspricht, sowie die ersten des nächsten Gesanges, in welchen das ersehnte Wiedersehen gefeiert wird, zu den hinreißendsten und wahrsten, die Dante je schrieb, die je aus Dichtermund erklungen.]
  530. XXXII. 1. Beatrice war im Jahre 1290 gestorben.
  531. [9–16. Noch ist der Dichter nicht ganz und nicht für immer auf der Stufe der bloßen Contemplation angelangt V. 9. Er muß zur Erde zurück, muß von dem Vorgenuß der höchsten Seligkeit zum thätigen Christenkampf innerhalb der Kirche sich wenden V. 8 und 16, welcher gegen jene contemplative Seligkeit zunächst sehr absticht V. 13–15.]
  532. [21 ff. Außerordentlich plastischer Vergleich der militärisch genauen Abschwenkung des ganzen Zugs.]
  533. 25. Wenn die Kirche von den geistlichen und weltlichen Tugenden umgeben ist, leitet der Geist Christi sie still vorwärts, ohne daß eine äußere Anstrengung notwendig ist.
  534. [32. Vgl. 29, 24 ff. u. Anm.]
  535. [38. Hier kommt das Gedicht von der unsichtbaren Kirche auf die sichtbare; von der, dem Dichter eben gewordenen, seligen Vollendung in jener, auf die Kämpfe in dieser; von der idealen Geisteswelt wieder in die reale Wirklichkeit; vom moralischen wieder auf seinen kirchenpolitischen Grundgedanken, wie schon zu Ges. 31 vorausbemerkt worden ist. – Zunächst erfolgt nämlich durch ein überleitendes Symbol: Anbindung des Wagens an einen Baum, die richtige Darlegung von der rechten, ursprünglichen Verbindung der Kirche auf Erden mit dem römischen Kaiserthum V. 38 bis 63. Daran schließt sich sodann V. 64–160 die Vision der Geschichte der Kirche, beziehungsweise ihres Abfalls von jener Urordnung.
    Der Wagen der Kirche steht an einem Baume stille. Dieser „Baum der Erkenntniß“, das Vorbild der Bäume in Ges. 22, 131; 24, 103, 115 ist 1) zunächst das Sinnbild jenes ersten, für die Menschen so verhängnißvoll gewordenen Prüfsteins des Gehorsams im Paradies. Er birgt aber in sich ebendaher offenbar 2) das Symbol eines anderen, nicht minder bedeutsamen gottverordneten Prüfungsbaumes, daran sich jetzt die Kirche versündigt, wie einst an jenem die Menschheit überhaupt: des römischen Kaiserthums, sofern dieses schon als heidnisches zum Christenthum bestimmt (der laublose Baum) war und später ein wirklich christliches werden sollte (der belaubte). Die hier zu Grunde liegende, specifisch Dante’sche Lehre, worauf sein ganzes politisches System ruht, kennen wir ja schon aus Hölle 2, 13–30 und werden sie noch genauer Paradies Ges. 6 finden, daß nämlich das röm. Reich von seinen frühesten Anfängen an (Aeneas) eine ausdrücklich auf die Förderung der christlichen Kirche und die Aufrichtung des römischen Stuhles berechnete, unmittelbar göttliche Stiftung sei. Als diese göttliche Stiftung, als Institut ist es unter dem „Baum der Erkenntniß“ zu verstehen. Und gleicherweise, wie Dante’s System, führen, was schon angedeutet, auch die angegebenen Einzelmerkmale ganz deutlich auf diese und keine andere Doppelbedeutung des Baumes –: Der „mächtig hohe Baum erscheint zuerst laublos ohne Christum“ V. 38 d. h. erst der Eintritt des Christenthums hat die Welt den Gehorsam der Wahrheit gelehrt – und das noch tief im Heidenthum versunkene röm. Reich belebt und seiner Bestimmung näher gebracht. Und Christus selbst hat in seinem vorbildlichen Erdenleben, „den Baum nicht geplündert“ V. 43. D. h. er hat im Allgemeinen die Frucht der Sünde nicht gekostet und hat speciell das Institut des Kaiserthums nicht angetastet (Marc. 12, 17). Er hat vielmehr die „Deichsel des Kirchenwagens“, das Papstthum, für immer „an den Baum des röm. Kaisterthums [383] gebunden, aus welchem es ja hervorgegangen ist,“ V. 49–51. „Dadurch sieht Dante auch den Baum selbst erst zu seiner vollsten Blütenpracht entfaltet, wie sie zwar hier, auf Erden, bis jetzt nie bemerkbar war (V. 62), aber sein sollte“ V. 52–63. D. h. durch die Anerkennung des Kaiserthums von Seiten des Papstthums erhielte dieses seine Stütze, jenes seine gottgewollte Entfaltung, der Dante’sche Normalstatus der kirchlich-staatlichen Wohlordnung, das christliche Weltreich wäre hergestellt V. 48 – und zwar eben auf Grund jenes freien Hand-In-Hand-Gehens der selbstständigen Kirche mit dem selbstständigen Staat (vgl. Anm. S. 6 u. 14 unten), welches zu besonderem Nachdruck in V. 59 nochmals symbolisirt wird durch die, zwischen Roth und Violett innestehende Farbe der Blüten, welche, nach Philalethes, die bischöfliche ist. Aber dieser Normalstand ist eben nicht erreicht auf der Welt! Dies zeigt dem Dichter die sofort folgende Vision nach beiden Seiten, sowol was das Uebergreifen der Kaisermacht (Adler), gegen die Kirche (in’s geistliche Gebiet) betrifft V. 112 ff. 124 ff., als das Uebergreifen der Papstmacht (Hure) gegen das Kaiserthum in’s weltliche Gebiet V. 136 ff. 148 ff. Denn so wenig das Reich Einfluß auf „geistliche“, innere Angelegenheiten der Kirche, so wenig soll die Kirche weltliche Macht oder Besitzthümer haben, weltlichen Einfluß erstreben. Und zwischen diesen beiden Hauptgesichten vom Adler und der Hure, auf welchen offenbar auch das Hauptgewicht liegen soll, werden dem Dichter auch noch die sonstigen, inneren und äußeren Feinde der Kirche gezeigt (Fuchs und Drache) V. 18 ff. 130 ff. – Dies in der Kürze und im Großen die Gedankenentwicklung der folgenden, ebenso wichtigen als schwierigen Stelle und unsre Deutung ihrer Hauptsymbole. Was insbesondere die Grundallegorie des „Baumes“ betrifft, so konnten wir auf andere Auffassungen, welche darunter blos den „Gehorsam“ oder die „Kirche“ selbst etc. verstehen, im Einzelnen hier nicht eingehen und überlassen dem Leser, die triftigen Gegengründe wider dieselben aus dem Einzelnen und dem Ganzen der Stelle und des Danteschen Systems selbst zu finden.]
  536. [40. Haar = Aeste.]
  537. 52. Der Widder, in welchem die Sonne beim Beginnen des Frühlings steht, folgt hinter dem Zeichen der Fische.
  538. 64. Argus, welchem die eifersüchtige Juno zum Wächter der Io bestellt hatte, wurde von Merkur durch das Märchen von Pan und Syrinx eingeschläfert.
  539. 73–81. Der Baum ist der Apfelbaum des hohen Liedes Kap. 2, V. 3, unter welchem die Ausleger den Heiland verstanden wissen wollen; die ganze Stelle weiset auf die Verklärung Christi hin Matth. 17.
  540. [82. Also darin liegt der Sinn und die Bedeutung des plötzlichen Schlummers unsres Dichters, daß er, wie damals die Jünger, durch einen verzückten Vorschmack der Vollendung gestärkt werde, das bevorstehende Gemälde des Schicksals der Kirche zu erblicken. Nachdem nämlich Christus und sein Gefolge verschwunden sind V. 88, läßt die vom Wagen abgestiegene Beatrix dem Dichter jenes grause Bild unter Anlehnung an Ezechhiel 17, 3 und Offenb. 12, 13, 17, in Art einer Vision mit abschließender Weissagungsrede schauen. Auch hierin liegt wieder eine sinnbildliche Beziehung: Es handelt sich nämlich jetzt um die Zeit der Kirche, in welcher der Herr scheinbar dieselbe verlassen hat und nur seine unsichtbare Gnade (Beatrix) mit den zweimal sieben Tugenden und Geistesgaben als unverlierbare Güter, die kein Sturm entreißen kann (V. 99), ihr noch geblieben sind. Daß hierbei Beatrix vom Wagen absteigt, da jetzt nicht mehr die Glorie der himmlischen Gemeinde zur Erscheinung kommen soll, werden wir ganz erklärlich finden. Aber warum sitzt sie „an der Wurzel der neuen Blüten“, V. 87 d. h. des, wie wir hörten, durch Christum neu erblühten Baumes? Es ist hier nöthig, auf die erste Bedeutung des Baumes zurückzugehen und den Sinn zu finden, daß die göttl. Gnade auch in Zeiten des Abfalls unverrückt auf den Gehorsam gegen Christum weist, und somit, wenn auch der Baum selbst, d. h. die rechte äußere Ordnung, verlassen wird (wie es V. 157 geschieht), doch durch beständige Hindeutung auf jene innere Lebens-Norm die Kirche vor dem Untergang „behütet“ V. 95 und zur rechten, auch äußeren, Ordnung zurückzuführen bestrebt ist. Somit bleibt also, bei den sich implicirenden beiden Gesichtspunkten des „Gehorsams“ und des „Kaiserthums“, der Sinn des Baumes auch hier im Grund derselbe, als der er bisher und auch künftig hervortritt.]
  541. [83. Die Schöne = Matilde.]
  542. 100. Auf der Erde, wohin der Dichter bald zurückkehren, und wo er das, was er nun sehen wird, verkünden soll.
  543. [102. Im oberen Rom, d. h. im himmlischen Jerusalem. – Vgl. Ges. 26, 128 ff.]
  544. [112. Baum und Wagen werden immer noch neben- und beieinander gedacht. Aber das mögliche Mißverhältniß zwischen beiden ist nach D’s. Anschauung ein zwei- (vgl. zu 38) bezhdl. dreifaches. Der weltliche Arm kann sich Uebergriffe erlauben 1. feindseliger Weise durch Verfolgung der Kirche; 2. freundlicher Weise durch weltliche Beschenkung derselben; 3. das geistiche Haupt der Kirche kann, selbst nach weltlicher Herrschaft strebend, sich so von der providenziellen Stütze des Kaiserthums loslösen. – Daher sehen wir zuerst einen Adler „durch den Baum herab“ feindlich den Wagen überfallen und können nicht einsehen, weshalb nun hier der Baum seine Bedeutung wechseln und zum „Weltreich“ werden soll. Im Gegentheil. Haben wir oben die Bedeutung desselben als Symbol des „Kaiserthums als göttlicher Stiftung“ begründet, so tritt dem hier gerade der „Adler“ gegenüber als Bild der empirischen Kaisermacht, welche das providenzielle Institut des röm. Reichs seiner Bestimmung entgegen zur Vergewaltigung der Kirche mißbraucht („durch den Baum herniederschießend“) und dasselb-dadurch nicht nur seiner gottgewollten „Blüte“ (Christianisirung) beraubt, sondern auch in seinem tiefsten göttlichen Grund (Mark) erschüttert (114). Daß der Adler, auch bei Dante, das äußere Machtsymbol des Kaiserthums sei, zunächst der heiligen, gottverliehenen, aber auch der unheiligen, widerchristlichen und ordnungswidrigen Kaisermacht, geht aus Parad. 6, 1 ff. und 6, 32 mit Ges. 19 hervor. Im letzteren Sinne in unsrer Stelle erscheinend, deutet er also auf die Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte, wie gleich nachher [387] der Fuchs auf die inneren Feinde, welche als Irrlehren in die Kirche einbrachen und von Beatrix, als der himmlischen Erleuchtung, vertrieben werden.]
  545. [125. Nun erscheint noch einmal derselbe Adler der Kaisermacht, jetzt freundlicher Weise die rechte Ordnung verkehrend, wie vorher feindseliger Weise. Er läßt der Kirche „seine Federn“, zwar in guter Meinung gespendet V. 137, aber doch „eine schlechte Ladung“ für das Schiff Christi – womit in erster Linie die sog. „Constantinische“ Schenkung, Hölle 19, 115 und nächstdem alle die weltlichen Güter und Privilegien gemeint sind, welche allmälig, in „überwuchernder Fülle“ V. 138 ff., von Seiten der Kaiser, sowie anderer Fürsten den Päpsten überlassen wurden. (Vgl. auch Par. 20, 55 ff. über Konstantin.)]
  546. [131. Ob man unter dem Drachen Muhammed oder das Schisma der orientalischen und römischen Kirche im Jahr 1054 verstehen wolle, muß eine offene Frage bleiben, da die nähere Bezeichnung des Textes, daß derselbe „einen Theil des Bodens“ – aber nicht die Deichsel! – der Kirche mitgenommen habe, während der übrig bleibende Theil nachher eilig mit den „Federn des Adlers“, den weltlichen Schenkungen sich revanchirt habe, auf Beides paßt.]
  547. [142 – 160. Der Gedankenfortgang ist hier dieser: Durch die widergöttliche, wenn auch gutgemeinte, Gütertheilung der Kaisermacht mit der Kirche vornehmlich, unter Mitwirkung anderer, äußerer und innerer Feinde, ist die Kirche bereits „verwandelt“, von ihrem wahren Wesen abgekommen. Nun wird dem Abfall vollends die Krone aufgesetzt, indem in dem Wagen, dem rasch 7 Häupter und 10 Hörner, (2x3+4), gewachsen sind, eine freche Hure als Herrscherin, wo früher Beatrix war, sich erhebt, welche, mit einem Riesen buhlend, durch ihn den Wagen sammt Deichsel ganz vom Baum des Gehorsams und des Kaiserthums loslösen und entführen läßt. – Demgemäß müssen also die 7 Häupter und 10 Hörner (aus Offenb. 17) hier die Verkehrung jener, der Kirche ursprünglich gegebenen, inneren Lebenskräfte und Lebensnormen darstellen, welche schon Hölle 19, 109 als die sieben Sacramente oder auch sieben Gaben des Geistes und die zehn Gebote bezeichnet sind. Es sind also die sieben Todsünden und daraus hervorgehend, den zehn Geboten im Gegensatz entsprechend, deren nunmehrige zehnfache d. h. jedesmalige, Uebertretung zu verstehen. Daß endlich die Hure, wie schon zu V. 38 bemerkt, parallel dem Adler, die empirische Papstmacht in ihrem damaligen Verweltlichungsstreben und insofern auch die, dieses Fehlers besonders schuldigen, zeitgenössischen und früheren Päpste, bedeute; daß dieselbe nicht ohne tiefere Beziehung in V. 154 f. mit Dante, dem unbeugsamen Ghibellinen, zu liebäugeln suche; daß der Riese das französische Haus, besonders Philipp den Schönen, schmeichelhaft genug repräsentire und mit dem ganzen Schlußvorgang der Ablösung der, also zum Ungeheuer verwandelten, Kirche vom Baum und Fortführung derselben in den „Wald“ die Verlegung des Papstsitzes nach Avignon, diese schmachvollste Erniedrigung des röm. Stuhls (zu Hölle 19, 82), gemeint sei – dies alles bedarf kaum besonderer Erwähnung und der Leser wird die Mühe der Durcharbeitung durch diese bildervolle Vision reichlich belohnt finden durch den Eindruck der gewaltigen Wirkung, welche eine so kühne Darstellung, gerade hier, am seligen Paradiesesort, der unsichtbaren, wahren Kirche, wie sie sein soll, engegengehalten, auf die Zeitgenossen des Dichters gehabt haben muß. Denn sinnig und durchschlagend in jeder Beziehung muß der Gedanke genannt werden, gerade hier, in dem Theil des Gedichts die ganze Verderbniß der Kirche vorzuführen, welcher der ganzen Entwicklung nach recht eigentlich das Symbol der wahren Kirche, des rechten Kirchenzustandes auf Erden sein soll.]
  548. XXXIII. 1. Anfang des neunundsiebenzigsten Psalmen.
  549. [10 ff. Worte Christi, Joh. 16, 16, welche die folgende Weissagung einleiten und über deren Sinn zu V. 45 zu vergl.]
  550. 13. Jenen Weisen, den Statius. [Die Frau, Matilde.]
  551. [22. „Bruder“; neue Anrede an den jetzt Geläuterten, Gerechtfertigten! B. ahnt, daß D. die vorangehende Vision nicht ganz verstanden habe, aber nicht wage, sie darüber zu befragen.]
  552. [36 ff. „Der Wagen war und ist nicht mehr,“ wieder aus Offenb. 17, 8. Durch die in Ges. 32 geschaute Mißordnung und weltliche Buhlerei ist die Kirche, in ihrem rechten Bestand, vernichtet. Der daran Schuldige, ob nun Dante Bonifaz VIII., der eben im Jahr 1300 regierte (vgl. Parad. 27, 24), Clemens V. oder Philipp den Schönen meint, braucht nicht genannt zu werden; denn Gottes Rache kennt und trifft ihn sicher, sie, die vor keinem menschlichen Zauber, wörtlich „Sühnmahl“, sich scheut! Nach damaligem Glauben war nämlich ein Mörder dann vor der Blutrache sicher, wenn er innerhalb neun Tagen auf dem Grab des Ermordeten Brod und Wein genossen hatte, weshalb die Gräber so lange bewacht zu werden pflegten.]
  553. [45. Die verkündete Rache Gottes gegen die Vernichter der Kirche und Störer der politisch-kirchlichen Weltordnung vollzieht sich durch einen „Erben des Adlers“ V. 37, also einen politischen Helden, der entweder selbst Kaiser ist oder das, mit der Kirche ebenfalls gesunkene Kaiserthum mitwirkend erheben hilft. Dieser deutlichen Grundvoraussetzung entsprechend muß die geheimnißvolle Zahl 515, womit (wieder nach der Offenb. Joh. 13, 18), der Verheißene bezeichnet wird, gemäß der lateinischen Zahlenschrift DXV, mit Versetzung der letzten Buchstaben DVX, dux, gelesen werden und nicht, wie Andere wollen, Domini Xristi Vicarius. Denn das letztere würde einen geistlichen Retter, einen Papst bedeuten, während das erstere zusammenhangsgemäß auf einen Herzog oder Feldherrn weist. – Aber wen Dante mit diesem Dux meine, dies ist eine Frage, welche wohl für immer unentschieden bleiben muß, da sich bestimmte historische Anhaltspunkte zu ihrer Lösung bis jetzt vornemlich deßhalb nicht finden lassen, weil man über die genauere Abfassungszeit der einzelnen Theile des Gedichts, besonders dieser Stelle und der ähnlichen in Hölle, 1, 101 nur Vermuthungen hat. Daß in diesen beiden Stellen der Verheißene identisch und zwar Can grande von Verona sei (Philalethes)[BN 1], erscheint durch chronologische und sachliche Bedenken zweifelhaft. Abgesehen davon, daß auch dort, in Hölle 1, die Deutung des Windhunds auf den Skaliger keineswegs absolut die einzig mögliche, wenn auch die wahrscheinlichste ist, – konnte Dante auch hier, wo es sich nicht nur um Vertreibung der Wölfin, der Ländergier Roms, sondern um die gewaltige Aufgabe der vollen Wiederherstellung[WS 11] der Kaisermacht und Zurückführung des Papstthums aus Frankreichs Banden handelt, an den Can denken, der doch bei aller hohen Achtung und Bedeutung nur ein untergeordneter Einzelfürst war? und wenn er damals an ihn dachte, als Hölle 1 geschrieben wurde, konnte er es jetzt noch thun, nachdem indessen Can zwar immer noch der geachtete und sein kleines Reich mehrende Fürst geblieben, aber weder Statthalter Heinrichs VII., noch selbst ein Reformator geworden war? Oder lag die Abfassung von Hölle 1 und Fegef. 33 der Zeit nach so wenig auseinander, daß entweder das Fegefeuer unglaublich schnell, fast mit der Hölle, geschrieben oder aber andernfalls (Notter) die Stelle in Hölle 1 nachträglich eingeschoben ist? – Und eben dasselbe chronologische Bedenken ist es, welches der Deutung des Dux auf Heinrich VII. entgegensteht. Denn schon Fegef. 6, 100 ff. weist entschieden auf die Zeit nach Albrechts Tode (1308), Ges. 7, 96 fast handgreiflich auf Heinrichs Römerzug 1310, dem 1313 Heinrichs Ende folgte. Dadurch wird des Kaisers hoffnungsvolle Erwähnung in unsrer, doch gewiß viel späteren Stelle zur Unmöglichkeit. Da wir aber den Recurs auf einen reformatorischen Papst an dieser Stelle unter [392] allen Umständen für verwerflich halten, so bleibt nur der Ausweg, den auch Witte adoptirt: anzunehmen, daß Dante selbst hier an eine bestimmte Person nicht gedacht, sondern vielmehr, nach allen Enttäuschungen in Beziehung auf den Can und Heinrich VII.[WS 12], hier im Allgemeinen seiner unauslöschlichen Ueberzeugung von der unfehlbaren, gottverordneten endlichen Besserung der heillosen kirchlichen und politischen Zustände durch einen gottgesandten Helden Ausdruck gegeben habe, welch’ letztere für ihn zugleich der Sieg des Rechts und der Wahrheit war. Daß hiebei besondere astrologische Weissagungen, an welche auch D. glaubte, mit im Spiel waren, deutet V. 40 an. Aber im Ganzen, dünkt uns, ist es des Genius würdiger, auf diese allgemeine Weise mit wahrhafter Geistesprophetie das Panier der Hoffnung auf Besserung der Zeitlage hoch zu halten, – welche sich denn auch, obwol unter andern Bedingungen erfüllt hat – als mit weissagerischer Bestimmung[WS 13] eines einzelnen Mannes sich zu irren! – Es ist hier der Ort, auch noch der übrigen, durch die ganze göttl. Kom. sich hindurchziehenden, Stellen zu gedenken, in welchen der Dante’sche Held und Erretter prophezeit wird. Wenn wir Parad. 9, 139 und 22, 14 ff., als auf rein kirchliche Reformation gehend, ausscheiden, sind es, außer den eben besprochenen Versen in Hölle 1 und Fegef. 33, noch fünf weitere Stellen, nämlich: Fgf. 7, 96; 20, 13 ff.; Parad. 17, 91 ff; 27, 61 ff. 142 ff. Von diesen deutet Fgf. 7 auf Heinrich VII. (worüber schon gehandelt ist) und Parad. 17, 91 auf Can grande, die übrigen Stellen aber schon dem Ausdruck nach auf keine bestimmte Persönlichkeit, ja die letzte derselben (Parad. 27, 142 ff.) entrückt sogar den Eintritt der Errettung und Rache mit den allgemeinsten Ausdrücken auf Jahrtausende hinaus! Dieser Thatbestand, glauben wir, sagt deutlich genug, daß unser Dichter, trotz seiner eigenthümlichen und zähen Anschauung vom röm. Kaiserthum, denn doch so verrannt nicht war, um nicht, nach Heinrichs Tode, weder auf Can noch auf eine andre lebende Persönlichkeit mehr allzu idealische Hoffnungen zu setzen, daß er von da ab mehr und mehr resignirte, irgendwo einen Hoffnungsstern zu sehen, und nur fest den Glauben bewahrte, daß die göttl. Vorsehung (Parad. 27, 61), zu ihrer Zeit in der Zukunft ein Werkzeug zu finden wissen werde und müsse. Und stimmt dies zu unsrer hierorts vom dux gegebenen Auslegung, so kann umgekehrt Parad. 17, 91 nicht als Gegenbeweis angeführt werden, da dort Can zwar sicher, aber ganz unstreitig in anderem, in rein persönlichem Sinn, als edler Charakter und Wohlthäter Dante’s, genannt ist. Um Wiederholungen zu ersparen, wolle sich der Leser später dort, sowie an den andern betreffenden Stellen, des hier im Zusammenhang Bemerkten erinnern.]
  554. [50. Najaden beruht auf einem damals verbreiteten Schreibfehler [393] der Ovidstelle, in welcher von dem Lajaden Oedipus erzählt wird: erzürnt über seine Lösung des Räthsels der Sphinx habe Themis, die ebenfalls auf ihre Orakel stolz war, durch einen Wolf seine Heimat verwüsten lassen. – Der Sinn der folgenden Worte „und unbedroht etc.“ ist naturgemäß nur der, daß gegen den gottgesandten dux sich niemand werde, wie Thetis gegen den Lajaden, aufzulehnen wagen, aber nicht, was in jeder Hinsicht gezwungen erscheint, „daß der Erretter ohne Kampf und Blut sein Werk vollbringen, d. h. ein „geistlicher, ein Papst sein werde.“ Denn nicht auf eine friedfertige Wirksamkeit des göttlichen „Räthsellösers“ geht das Citat, sondern auf die Widerstandsunfähigkeit der Feinde und die Sicherheit seines eigenen Landes vor ihrer unmächtigen Rache.]
  555. [57. Bestohlen wurde der Baum erstmals durch Adam (nach seiner ersten-) dann durch Loslösung des Papstthums von Rom (nach seiner zweiten Bedeutung.)]
  556. [62. Adam.]
  557. [64. Erinnerung, daß Dante erst aus der Lethe getrunken, noch nicht aus der Eunoë, was am Ende des Gesanges bevorsteht, (vgl. zu 28, 25 ff. und Vorbem. zu Ges. 31). In selbem Sinn ist leicht V. 101 zu verstehen. Aber auch die Worte V. 67–69, 73–75 können nur dieser Erinnerung gelten, so auffallend auch, hier im Paradies, ihre starke Ausdrucksweise ist. Es mag darum nebenbei in denselben angedeutet werden sollen, daß auch die Rechtfertigung und Erneuerung nicht auf einmal und auf Erden niemals ganz alle Reste und Trübungen der Sünde im Geist zu tilgen vermöge.]
  558. [65 ff. 70 ff. Die Erkenntniß, um welche es sich hier handelt [394] und welche Dante offenbar noch einmal besonders betonten will, ist diese: Der Baum, von dem Ges. 32, 40 gesagt worden, daß er sich im umgekehrten Verhältniß zu irdischen Bäumen, nach oben erbreitere und dadurch unersteiglich werde, ist aus einem „tieferen“, moralischen Grunde so gebaut, einem Grunde, den Dante aus „den Zeichen“ der eben geschauten Vision (V. 72) hätte merken sollen. Gottes Gerechtigkeit wollte nämlich damit der Menschheit andeuten, daß überhaupt auf der Welt Gesetz und Gehorsam sein müsse, daß speciell das röm. Kaiserthum von keiner menschlichen Macht angetastet werden dürfe.]
  559. [67. Das kalkhaltige Wasser des toskanischen Flüßchens Elsa überzieht, wie der Karlsbader Sprudel, hineingelegte Gegenstände mit einem mineralischen Niederschlag.]
  560. 78. Man schmückt den Pilgerstab mit Palmen, zur Erinnerung an das heilige Land.
  561. [85. Welcher Schule. Nicht die Scholastik, aus der D. schöpft, sondern die blose Vernunftwissenschaft wird hier der göttlichen Glaubenserleuchtung[WS 14] gegenübergestellt. Und zwar ist diese so viel höher als jene, als der höchste Himmel, das primum mobile, höher ist denn die Erde.]
  562. 98. In der Lethe versinkt nur die Erinnerung der Schuld. Da nun jetzt Dante sich des Weges, den er, von Beatricen sich abwendend, verfolgte, nicht mehr erinnert, so kann dies kein guter Weg gewesen sein.
  563. [103 ff. Die Sonne scheint uns um Mittag langsamer zu wandeln, sowie der Meridian sich mit unsrer Ortsveränderung östlich oder westlich verändert. – Diese Zeitangabe läßt schließen, daß Dante sich im Paradies sechs Stunden aufgehalten, es also jetzt auf unserer Hemisphäre Mitternacht ist. Noch muß er bei dem Quell Eunoë bis zum nächsten Morgen geweilt haben, denn an diesem, als es bei uns Abend wurde, schwingt er sich, nach Par. 1, 43, zum Himmel auf.]
  564. [109. Sie verlassen also jetzt den Wald, in den sie Ges. 28 eingetreten, in dem Ges. 29, 35 auch der Zug der Kirche erschienen war.]
  565. [112. Dante glaubt vor den Strömen des 1. Buchs Mosis Cap. 2 zu stehen. Es sind aber Lethe und Eunoë.]
  566. [121 ff. Ges. 28, 124 ff.]
  567. [124. „Die größere Sorge“, die Hauptsorge, Beatrix nicht aus dem Auge zu verlieren, ließ seinen Blick nur flüchtig und halb gedankenlos zur Erde vor sich niedersinken – ein, wie uns dünkt, schönes Bild des ganz auf’s Höchste concentrirten Menschen.]
  568. [136. Der kunstgerechten Symmetrie auch der äußeren Eintheilung nach soll jeder Theil unsers Gedichts 33 Gesänge haben. Hölle 1 ist als Einleitung zu betrachten.]
  569. [142 ff. Erklärt in der Vorbem. zu Ges. 31.]

Berichtigungen und Nachträge

  1. Ges. 33, 45 Anm: Z. 19, statt „(Philalethes)“ lies: „(Philalethes, Wegele u. a, neuestens auch Scartazzini).“ Berichtigungen und Nachträge, S. 622

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: beduetet
  2. Vorlage: Vetrau’n
  3. Vorlage: Orio
  4. Die Familien Montecchi und Cappelletti dienten William Shakespeare als Vorlage für sein Drama Romeo und Julia, in welchem ein Konflikt zwischen den Familien Capulet und Montague geschildert wird.
  5. Vorlage: Hemispäre
  6. Vorlage: Seeleen
  7. Vorlage: Gefider
  8. Vorlage: Armeee
  9. Vorlage: gefühl that
  10. Vorlage: versehen
  11. Vorlage: Widerherstellung
  12. Vorlage: Heinrich XVII.
  13. Vorlage: Bestimmmung
  14. Vorlage: Glaubensreleuchtung