Gefälschte Sehenswürdigkeiten

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Textdaten
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Autor: L.
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Titel: Gefälschte Sehenswürdigkeiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 155, 156
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[155] Gefälschte Sehenswürdigkeiten. (Ein Aufruf an die deutsche Localpresse.) Ganz im Einklange mit dem übrigen Schwindelwesen der Gegenwart, ist der Humbug, der mit den sogenannten wandernden Sehenswürdigkeiten getrieben wird, zu einer solchen Höhe gediehen, daß vom Standpunkte der Ehrenhaftigkeit aus, der ja vorläufig doch wohl noch eine wenn auch sehr geschmälerte Geltung hat, ein Vorgehen dagegen zur Nothwendigkeit wird. Es ist uns daher sehr angenehm, daß sich die Redaction der Gartenlaube zur Aufnahme dieses Aufrufs bereit erklärt hat. In der That, dieselbe Schamlosigkeit, die dem Gründerwesen das Kainszeichen aufgedrückt hat, die den Börsenschwindel bereits bis zu gemeinen Prügeleien führte, sie hat neben vielen anderen Auswüchsen auch das Schaubudenwesen nach einer Seite hin entwickelt, die nicht mehr Humor, sondern Ekel erweckt. Ja, und wenn nur dieser Ekel überall erweckt würde, denn in ihm liegt ja ein Wink der gesunden geistigen oder körperlichen Natur, aber leider fehlt einem großen Theile des Publicums der Grad von Kenntnissen, um auf dem oder jenem Felde des Wissens den Schwindel, wenn auch nur in seinen gemeinsten Aeußerungen, zu durchschauen, ja selbst Gebildete müssen sich manchmal anführen lassen.

Vor einer Reihe von Jahren wurde in Leipzig eine Gorilla-Familie ausgestellt, gewiß etwas Sehenswerthes. Es wurde nicht angekündigt, daß sie lebendig sei, aber auch nicht, daß sie ausgestopft, so daß sehr Viele, wie ich selbst hörte, beim Eintreten ausriefen: Ach Gott, ausgestopft! Sie bedachten nicht, daß diese größte Affenart selbst ausgestopft noch eine sehr werthvolle Seltenheit und nur ganz zufällig einmal käuflich ist. Diese Familie nun bestand aus einem Männchen, einem Weibchen und einem Jungen. Es lag eine Art Album aus, in welchem sich eine Menge Personen, auch namhafte Gelehrte mit großer Anerkennung der von ihnen zum ersten Mal gesehenen Sehenswürdigkeit ausgesprochen hatten, und dies machte mich, der ich wegen der falschen Haarrichtung der Vorderarme einen leisen Zweifel fühlte, ganz sicher. Und doch war Alles eine geschickte, aber schmähliche Täuschung. Nichts als Bärenfelle waren es, geschickt zusammengenäht und ausgestopft und die nackten Hautstellen, Gesicht und Hände wahrscheinlich aus passendem Stoff modellirt und angestrichen. Denn – nah durfte man nicht hinantreten; eine Schranke hielt die unberufenen Prüfer mehrere Schritte von den angeblichen Gorillas fern. Der Besitzer dieser künstlich construirten Thiere hat damals mit denselben viel Geld verdient, denn er hatte starken Zulauf und wenig Spesen. Aber das weckte den Neid seiner Collegen, und da diese Leute fast stets unter sich über den Ursprung ihrer Schaustücke unterrichtet sind, so erfuhr ich denn bald die ganze Geschichte. Später ist der Mann mit mechanischen Schaustücken wieder nach Leipzig gekommen, aber die arme Gorilla-Familie stand jetzt in einem finsteren Winkel der Bude und wurde kaum noch eines Blickes gewürdigt. Wenn ich nicht irre, sind diese Gorillas in Hamburg gefertigt worden; Hamburg ist überhaupt der Ort, wo viele naturhistorische Seltenheiten fabricirt werden, so z. B. soll sich dort ein Mann befinden, der mit großer Geschicklichkeit ausländische Vogelnester anfertigt und an Sammler verkauft. Selbstverständlich ist diese Stadt als größter deutscher Hafen für diese fälschende Industrie der passendste Ort.

Ein anderer derartiger Geschäftszweig ist die Anfertigung von Marterwerkzeugen. Manche werden schon erstaunt gewesen sein, wie oft sie Schaubuden mit diesen herzerhebenden Schaustücken getroffen haben. Diese Industrie ist noch nicht sehr alt und hat ihren Sitz in einer süddeutschen Stadt, irre ich nicht, in Nürnberg. Der erste Unternehmer in diesem Fache hat große Geschäfte gemacht, und darum ist jetzt die Zahl der Nachtreter eine große. Denn ein bischen Gruseln will der Mensch nun einmal haben, und um so stärker, je stärker seine Nerven sind. Also wer sich diese Marterwerkzeuge ansieht, sieht wahrscheinlich lauter erst jetzt fabricirtes, wohl gar erst erfundenes Zeug.

Von dem Wilden-Schwindel noch zu reden, ist jedenfalls unnöthig; er ist bereits mehrmals in der Gartenlaube von derselben Feder erwähnt worden. Er nimmt aber kein Ende. So war zum Beispiel in der [156] letzten Michaelismesse zu Leipzig eine Art gemischtes Museum aufgestellt. Man sah daselbst eine Menge naturhistorischer Gegenstände, dann eine Reihe von Wachsfiguren, in Gruppen zusammengestellt, und zum Schluß auch zwei Negerinnen, eine Mulattin und eine Albinodame. Die Negerinnen, wahrscheinlich ausgediente Ammen oder dergleichen, wurden als von berühmten Reisenden, zum Beispiel Schweinfurth, aus dem Innern von Afrika mitgebracht vorgestellt; die Mulattin wurde als Indianerin von den Südsee-Inseln gezeigt, und das Albinomädchen mußte sich natürlich auch eine erdichtete Herkunft gefallen lassen. Phantasiecostüme, die dümmsten, die man sich denken kann, waren natürlich selbstverständlich. Und doch nahm das anwesende Publicum den Blödsinn des Erklärers mit Mienen hin, die deutlich sagten: es muß wohl wahr sein, denn sonst konnte man’s ja doch nicht sagen.

Daß übrigens das Publicum in solchen Sachen einen sehr gesunden Sinn für Recht und Unrecht hat, das bewies in Leipzig die früher in der Gartenlaube erzählte Thatsache, daß das Volk eine solche Wilden-Bude stürmte, als der Wilde als früherer Bedienter entlarvt worden war.

Am grellsten trat dieses Treiben bei den Leuten auf, welche die als Eskimos gekleideten Lappländer zeigten und wohl noch zeigen. Weil diese immerhin wirkliche Lappländer sind, glaubten sich die Personen, welche sie zeigten, in vollem Rechte, dieselben in Kleidung, Bewaffnung, ja selbst im Benehmen vollständig zu fälschen und mit dieser Fälschung die Gruppe noch als wissenschaftliche Sehenswürdigkeit zu zeigen und dies ganz besonders zu betonen. Wenn das erlaubt sein soll, dann hören überhaupt die Begriffe von Recht und Unrecht, von Schwindel und Ehrlichkeit auf.

Ueberhandnehmen dieses Sehenswürdigkeiten-Schwindels ist denn auch bereits die Ursache geworden, daß schon manche Behörden Front dagegen machen, aber die Thatsachen haben bereits gelehrt, daß sie theils das Kind mit dem Bade ausschütten, theils ganz fehlgreifen. Trotz dieser behördlichen Controlle durften jene Eskimo-Lappländer noch überall gezeigt werden, andere Sehenswürdigkeiten aber, die wirklich ein Recht hatten, sich so zu nennen, wurden nicht zugelassen. Der Hauptfehler bei der Sache ist der, daß alle solche Sehenswürdigkeiten-Besitzer vor der Aufstellung die Erlaubniß zur Ausstellung nachsuchen müssen und diese Aufstellung gewöhnlich blos nach der angemeldeten Benennung ertheilt oder verweigert wird, ohne daß die Behörde sich die Mühe nimmt oder nehmen kann, die Sache zu besichtigen, und selbst wo sie dies könnte, fehlen gewöhnlich die Sachverständigen zur Beurtheilung.

Daher tritt an die Presse die Aufgabe hinan, diesem Unfuge entgegenzutreten, und zwar um so mehr, da sie ihn zum großen Theil bisher selbst gefördert hat, insofern nämlich, als sich jede Redaction für moralisch verpflichtet hält, aus Erkenntlichkeit für den Empfang und Gebrauch der üblichen Freibillets die betreffende „Sehenswürdigkeit“ dem Publicum unter allen Umständen zu empfehlen. Könnten sich die Redactionen der anständigen Blätter dazu entschließen, diesen geringen Vortheil der Freibillets vorkommenden Falls zu entbehren, vor allen Dingen aber dem Publicum die Wahrheit zu sagen, so müßte es sehr bald besser werden.

Es werden hierdurch alle Redactionen, insbesondere diejenigen der Localblätter, ersucht, alle an dem Orte ihrer Herausgabe gezeigten Sehenswürdigkeiten, welche eine unterrichtende Bedeutung beanspruchen, durch sachverständige Berichterstatter besichtigen und der Wahrheit gemäß öffentlich besprechen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, auf die Verwendung etwaiger Freibillets verzichten zu müssen. Nur so kann dem bis zur schamlosen Gewissenlosigkeit gesteigerten Sehenswürdigkeiten-Schwindel eine Schranke gesetzt werden.

Alle Redactionen werden hiermit um Wiederabdruck des fettgedruckten Aufrufs gebeten. Das Publicum wird gewiß bald auf die Blätter achten lernen, welche danach handeln.

L.