Gegen die Wintersünden der Brustkranken

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Autor: Bock
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Titel: Gegen die Wintersünden der Brustkranken
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 674–675
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Tuberkulose im Winter
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[674]
Gegen die Wintersünden der Brustkranken.


Die rauhe Jahreszeit kommt sicherlich, aber in dieser kommen Einsicht und Interesse für vernünftige Rathschläge bei Brustkranken, denen der Winter doch so leicht lebensgefährlich werden kann, nur selten. Trotzdem soll dieser magern blassen Hustegesellschaft zum so und so vielsten Male ihr Sündenregister vorgehalten und eine tüchtige Winterstrafpredigt gehalten werden. Denn Lungenfrevler können nicht oft genug gegartenlaubt werden.

Vorerst merke sich der (tuberculöse) Brustkranke einmal recht ordentlich Folgendes: Dasjenige Stück seiner Lungenspitzen, das früher durch Einlagerung von Schwindsuchts- (Tuberkel-) Masse erkrankt ist, das wird niemals wieder gesund, das ist verloren. Dies schadet aber auch gar nicht viel, denn wir besitzen eine solche Masse Lunge, daß man recht gut ein ziemlich großes Stück davon, und sogar zum bequemen Leben noch bis in’s hohe Alter hinein, entbehren kann. Sodann zieht ja auch das kranke Lungenspitzenstück nicht etwa die weiter unten liegende gesunde Lungenportion allmählich mit in das Verderben hinein, denn der Naturheilungsproceß hat das Kranke vom Gesunden durch Bildung einer fast unzerstörbaren Scheidewand abgeschlossen. Der Besitzer von tuberculösen Lungenspitzen hat deshalb von seiner Lungenschwindsucht entweder gar keine Beschwerden und weiß oft gar nicht oder vergißt es ganz und gar, daß er brustkrank ist, – oder seine Lungenentartung ruft, zumal wenn sie in etwas größerer Ausdehnung vorhanden ist, mehr oder weniger Kurzathmigkeit, Husten mit und ohne (auch blutigen) Auswurf hervor. Und diese meist gar nicht sehr beschwerlichen Krankheitserscheinungen, die doch von jener unverbesserlichen Lungenentartung abhängig und deshalb auch mit Gewalt nicht wegzuschaffen sind, sind es, welche nicht blos den Kranken, sondern auch den Arzt recht häufig zu ganz unvernünftigem Handeln antreiben. Huste doch ruhig weiter, lieber schwindsüchtiger Leser, und maltraitire Deinen Körper und Dein Gemüth nicht mit Hundefett, Leberthran und dergleichen Antischwindsuchtsmitteln, Du kannst, ohne alles dieses Zeug, trotz Deiner Schwindsucht, mit Hülfe des Naturheilungsprocesses, natürlich aber nur wenn Du die nachfolgenden diätetischen Regeln streng befolgst, so dick, kräftig und alt werden, daß die Leute (die diesen und meine früheren Aufsätze nicht gelesen haben) Dich auslachen, wenn Du von Deiner Schwindsucht sprichst, und daß der Heilkünstler, der Dich behandelte, meint, er habe ein großes Heilkunststück an Dir gemacht.

Also um das, was man von Schwindsucht (Tuberkeln) in seinen Lungenspitzen mit sich herumträgt, um das kümmere man sich nicht weiter. Dagegen muß sich’s jeder tuberculöse Schwachbrüstige, zumal wenn er das dreißigste Jahr noch nicht hinter sich hat, seine hauptsächlichste Sorge sein lassen, daß er die noch gesunde Lunge unterhalb der tuberculösen Lungenspitzen kräftigt und vor einer neuen Einlagerung von Tuberkelmasse (vor einem Tuberkel-Nachschube) behütet. Das ist aber gar nicht so schwer; man braucht nur jeden unnatürlichen Blutandrang (weil dieser die Tuberkelablagerung begünstigt) von der Lunge abzuhalten und dieselbe sammt dem Brustkasten durch zweckmäßiges Athmen gehörig auszudehnen suchen. Unter allen Schädlichkeiten, die leicht einen Tuberkelnachschub nach sich ziehen können, steht die eingeathmete kalte, rauhe und unreine (mit Staub, Rauch, reizenden Gasen verunreinigte) Luft oben an; sie wirkt mit ihrer Kälte um so schädlicher, je wärmer die Luft war, die man kurz vorher einathmete. [675] Sodann kann aber auch Alles, was das Herzklopfen und das Athmen beschleunigt, was Hitze und Unruhe erregt, dadurch aber mehr Blut als recht nach der Lunge schafft (wie Liebe und Wein, starke Gemüths- und Körperbewegungen, erregende Leidenschaften und Genüsse, Spirituosa, starker Kaffee und Thee), einen neuen Ausbruch der Schwindsucht veranlassen. Auch sind es Erkältungen, besonders nach vorhergegangener Erhitzung, und zwar vorzugsweise der Füße, des Rückens und der Achselhöhlen, welche Congestionen nach der Lunge und Tuberkelablagerungen erzeugen können.

Was für Pflichten hat demnach ein Schwindsuchts-Candidat, in dessen Lungenspitzen Tuberkeln sitzen, zu erfüllen, wenn er nicht ein subtiler Selbstmörder werden will? Er muß stets, bei Nacht wie bei Tage, eine warme reine Luft einzuathmen suchen; er muß Erkältungen und Alles, was das Herzklopfen und Athmen beschleunigt, ängstlich vermeiden; er muß seinen Brustkasten gehörig zu erweitern streben. Um ruhiges und tiefes Einathmen, sowie langsames und kräftiges Ausathmen ordentlich zu erlernen, muß er aber Zeit und Mühe nicht sparen. – Die allergrößte Vorsicht, die äußerste Ruhe (im Bette) und das Athmen in der reinsten gleichmäßig warmen Luft muß nun aber von Seiten derjenigen hustenden Brustkranken, und zwar so schnell als möglich nach Eintritt ihres Unwohlseins, stattfinden, die beim Gefühle großer Mattigkeit von Frostschauern mit nachfolgender Hitze überfallen werden und deren Puls fieberhaft schlägt. Solche Kranke sündigten irgendwie gegen die oben angegebenen Pflichten und stehen am Anfange eines Tuberkelnachschubes, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Betrachten wir nun einmal Brustkranke in der Wintersaison und lassen wir dabei, um artig zu sein, dem schönen, schlanken (dürren), interessant blassen Geschlechte den Vortritt. Das weibliche Geschlecht athmet vorzugsweise mit dem obern Theile seines Brustkastens, in dem die Lungenspitzen geborgen liegen. Sind diese Spitzen nun aber durch Tuberculose zum Athmen untauglich, so müssen die untern Theile der Lungen deren Function mit vertreten. Bei der jetzigen Bekleidung der meisten unserer Damen, bei welcher das Schnürleibchen eine Wespen- oder mit Hülfe der Crinoline eine Sanduhrtaille erzwingen muß, ist nun aber dem eingeschnürten Brustkasten nicht Freiheit genug gegeben, um sich in seinem untern Theile gehörig auszudehnen und die nöthige Menge Luft schöpfen zu können. Und daher kommt es, daß solche dünntaillige brustschwache Schönen in Kaffees und Thees, im Theater und Concert, und noch weit mehr auf Bällen, sich einem frühzeitigen Erstickungstode weihen. Ebenso leichtsinnig wie in Bezug auf die Kleidung sind brustschwache Damen auch bezüglich der Luft, die sie im Winter einathmen. Aus Gesellschaften kommend, wo in starkgeheizten Zimmern gesungen, geplaudert. getanzt oder gespielt wurde, ziehen sie im Freien geradezu mit Behagen und unter Lachen und Scherzen, sogar bei rauhem Nord- und Ostwinde, die kalte, tödtende Luft in ihre warme, kranke Lunge ein. – Von Vermeidung des Staubes auf der Straße bei rauhem, windigem Wetter läßt sich bei den meist sorglosen Schwachbrüstigen auch nichts wahrnehmen, ja sie wirbeln mit ihren Schleppkleidern für sich und Andere noch mehr dieses Lungenschädigers auf. Nebenbei sei übrigens zu Gunsten des Staubes gesagt, daß derselbe Lungenschwindsucht in einer gesunden Lunge zu erzeugen nicht im Stande ist, daß er aber sehr gern bei schon tuberculösen Lungenspitzen einen gefährlichen Tuberkelnachschub veranlaßt. Von tabakrauchenden Herren, und wären es selbst die Bräutigams und Gemähler, müssen sich brustleidende Frauen und Jungfrauen fernhalten, natürlich nur so lange als jene rauchen. – Daß diese Brustleidenden, um Erkältungen zu entgehen, wollene Strümpfe und Unterziehjäckchen tragen müssen, getraue ich mir kaum zu sagen, denn „lieber sterben, als sich einer solchen wollenen Jucktortur unterwerfen“, diese Redensart nebst verächtlichem Blicke werde ich mir durch diesen Rath zuziehen.

Und nun zu Ihnen, meine lungensüchtigen Herren, die Sie, wenn auch noch so knickebeinig und kurzatmig, doch beim Tanzen, Schlittschuhlaufen, Bergesteigen, Jagen u. s. w. Ihren kranken Lungen solche Zumuthungen machen, daß es kein Wunder ist, wenn diese plötzlich mit Bluthusten auf den Tuberkelnachschub gebracht werden. Und diesen Schub zum Stehen zu bringen, das steht nicht in der Macht eines Arztes, das kann, wenn Patient Glück und Verstand hat und die angegebenen diätetischen Regeln auf’s Strengste befolgt, nur von der Natur geleistet werden; oft ist hier aber alle, auch die Natur-Hülfe vergebens. – Daß kalte, rauhe Luft der kranken männlichen Lunge, zumal wenn diese kurz vorher warme Luft einathmete, weniger schaden könne, als der weiblichen, damit schmeichele sich das hustende, abgezehrte starke Geschlecht ja nicht. Und deshalb muß auch jeder vom Husten häufig Heimgesuchte, sei’s Mann, sei’s Weib, wenn er durch die Verhältnisse im Kalten zu athmen gezwungen ist, einen Respirator tragen. Auf warmmachende Vergnügungen im Kalten, wie Jagen, Schlittschuhlaufen, Reiten u. dergl., zumal bei rauhem Ost- und Nordwinde, mögen Brustschwache, wenn sie sich der Gefahr eines Nachschubes nicht aussetzen wollen, lieber ganz verzichten. – Staub zu vermeiden ist für manche Arbeiter (wie für Müller, Bäcker, Kürschner, Spinner, Steinmetzger, Schleifer, Maurer, Fuhrleute, Tischler, Cigarrenarbeiter u. s. w.) ganz unmöglich, aber denselben in ihre Lungen hineinziehen und dadurch in ihren von Tuberkeln belagerten Lungen Tuberkelaufruhr zu veranlassen, das brauchten sie nicht. Eine vor der Staubeinathmung schützende dünnseidene Binde vor Mund und Nase kann ihren Weibern und Kindern den Ernährer noch lange erhalten. – Im Tabaksqualme bei kaltem Biere stundenlang zu athmen und dazu eifrig in Politik zu machen, ist die Mission einer tuberculösen Lunge ebenfalls nicht und führt recht leicht zur Emission neuer Tuberkeln, der sehr bald die Demission aus dem Diesseits folgen kann. – Kurz, es lebt gerade im Winter die Mehrzahl der Lungeninvaliden so leichtfertig, daß es nicht Wunder nehmen kann, wenn im Frühjahre ihre Reihen tüchtig gelichtet werden.

Schließlich will ich diejenigen Lungenkranken, die nicht nur am Leben hängen, sondern ihr Leben auch bis in’s Alter genießen wollen, nochmals darauf aufmerksam machen, daß warme reine Luft das Haupterforderniß zur Ausheilung einer kranken Lunge ist, natürlich stets neben Beachtung auch der übrigen diätetischen Regeln. Darum eben schicken die Aerzte Lungenschwindsüchtige, schrecklicherweise sogar nicht selten während eines fieberhaften Tuberkelnachschubes, in die warme (nicht immer reine) Luft südlicher Klimate, wo aber auch nur Diejenigen gedeihen, welche die oben angegebenen Schädlichkeiten ängstlich vermeiden und mit Gemüthsruhe, ohne Heimweh und Sorgen, ihre Kräftigung abwarten können. Und das können nur wenige. Darum nützt aber auch das Reisen nach Süden nur Wenigen, und ich kann deshalb mit gutem Gewissen zwei Surrogate für ein südliches Klima anempfehlen. Das eine ist der bekannte und nur von kindisch einfältigen Brustkranken noch nicht getragene Jeffrey’sche Respirator, der echt (denn es giebt auch schlechte Nachahmungen) beim Mechanikus Reichel in Leipzig zu haben ist. Das andere ist die Heilanstalt Mildenstein bei Leisnig in Sachsen. Hier finden nämlich solche Lungentuberculöse ein nahes und ausgezeichnetes Asyl, denen die Verhältnisse eine Reise nach dem weiten Süden verbieten oder welche zu einer Zeit (mitten im Winter oder auch im Frühjahr) und in einem Zustande (der Schwäche), wo eine weitere Reise gefährlich, ja unmöglich ist, doch noch Hülfe außer ihrem Hause suchen wollen. Diese Heilanstalt ist deshalb für Lungenleidende so ausgezeichnet, weil in allen Räumen des geräumigen Hauses, bei Nacht und bei Tage, eine gleichwarme, reine, gehörig feuchte Luft hergestellt wird und weil der Aufenthalt am Tage in einem hellen, großen, mit exotischen, Lebensluft aushauchenden Gewächsen reizend decorirten Glassalon der müden Lunge und dem traurigen Gemüthe ausgezeichnet wohlthut. Ja ich könnte noch eine Menge von Vorzügen und Vortheilen, welche diese Anstalt Brustkranken im Winter bietet, aufzählen, allein meine Arroganz ist so groß, daß ich meinen Aufsatz mit der Ueberzeugung schließe, es werde der Leser auch meiner einfachen Empfehlung Vertrauen schenken.
Bock.