General William Fenwick Williams von Kars

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: General William Fenwick Williams von Kars
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 433–434
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[433]
General William Fenwick Williams von Kars.

In der Geschichte des Krieges der Westmächte und der Türkei gegen Rußland sind zahlreiche Beweise von Tapferkeit, Muth und Ausdauer verzeichnet; unter den vielen Generalen aber, die auf diesem letzten blutigen Schauplatze auftraten, hat sich Keiner durch ungewöhnliches militairisches Genie hervorgethan und nur der General Williams durch seine Vertheidigung des unglücklichen Kars bei Freunden und Feinden einstimmige Bewunderung erworben.

Die Gartenlaube (1856) b 433.jpg

William Fenwick Williams wurde im Jahre 1800 zu Anapolis in der englischen Kolonie Neuschottland geboren, wo sein Vater als Artillerie-Offizier in Garnison stand. Seine Bildung erhielt er in der Militairschule zu Woolwich in England und in seinem fünfundzwanzigsten Jahre trat er ebenfalls in den Artilleriedienst seines Vaterlandes als Offizier ein. Erst in seinem vierzigsten Jahre indeß wurde er zum Hauptmann ernannt, und seit jener Zeit hat er nicht sowohl militairische als diplomatische Dienste geleistet. Seine Regierung verwendete ihn zu mancherlei Geschäften im Orient; namentlich hielt er sich lange in Erzerum als Vermittler in den Streitigkeiten zwischen Persien und der Türkei auf, die denn auch 1847 durch einen Vertrag zum Abschluß gebracht wurden. Zur Belohnung wurde Williams 1846 zum Major und 1848 zum Obersten befördert, nicht blos zur Belohnung für die Beseitigung der Streitigkeiten jener Reiche, sondern und hauptsächlich wegen der Verdienste, die er sich gleichzeitig um die Förderung des englischen Handels über Trapezunt und Erzerum erworben hatte, der jährlich nahe an 60,000 Waarenballen auf dieser Straße nach und von Persien befördert.

Durch seinen langjährigen Aufenthalt im Orient hatte sich Oberst Williams mit den Sitten, Meinungen und Vorurtheilen, so wie mit der Sprache der Orientalen ganz vertraut gemacht, wie er durch seinen vielfachen Verkehr mit der türkischen Regierung und deren Beamten die zweckmäßigste Art und Weise der Behandlung derselben kennen gelernt. Er war deshalb der geeignetste Mann, den England als Militair-Bevollmächtigten zu dem türkischen Heere in Kleinasien schicken konnte, was im August 1854 geschah.

Am Morgen des 29. September erschien Williams, den seine Regierung provisorisch zum General ernannt hatte, mit Major Teesdale und dem Arzte Sandwith in Kars und obwohl er da keineswegs als General zu befehlen, sondern nur die Aufgabe hatte, über den Gang der Ereignisse an seine Regierung zu berichten, sah er sich doch sehr bald genöthigt, thätig einzugreifen und den Oberbefehl factisch selbst zu übernehmen. Er bat zunächst um die Musterung eines Regiments, das ihm denn auch vorgeführt wurde. In der Musterrolle, die man ihm zugleich mit übergab, waren 900 Mann aufgeführt, als aber Williams die Leute zählen ließ, fanden sich nur 600. Der Sold und die Rationen der fehlenden 300 Mann waren in die Tasche des Obersten gewandert, der davon gewisse Procente herkömmlich an höhern Beamte [434] abgegeben hatte. Trotzdem, daß seine Stellung ihn nicht dazu berechtigte, zog er die Beamten und Offiziere, die sich solcher Unterschleife schuldig gemacht hatten, zur Rechenschaft und inspicirte täglich selbst, ob den Soldaten pünktlich geliefert würde, was ihnen zukam. Den ganzen Winter von 1854 zu 1855 blieb er unausgesetzt in dieser Thätigkeit und organisirte die Armee neu für den kommenden neuen Feldzug, obgleich er selbst in Constantinopel fortwährend auf Hindernisse stieß.

Gleichzeitig beschäftigte er sich mit den englischen Offizieren, Oberst Lake, Major Teesdal und Kapitain Thomson, die Höhen um Kars her zu befestigen, die unbedeutenden Vertheidigungswerke der Stadt zu verstärken und dieselben in den Stand zu setzen, eine Belagerung durch den russischen General Murawiew auszuhalten.

Das Kastell von Kars, sagt der schon erwähnte Stabsarzt Dr. Sandwith, der die „Geschichte der Belagerung von Kars“ (Braunschweig, Vieweg) geschrieben hat, ist ein sehr malerisches Bild einer mittelalterlichen Zwingburg. Auf einem steilen Felsen erbaut, der sich jählings am Eingange einer tiefen Schlucht erhebt, beherrscht es die ganze Stadt, und seine alten grauen Mauern scheinen mit den Klippen und Granitblöcken, auf denen es steht, eins zu sein. Am Fuße seiner felsigen Grundfeste stürzt der Kars-Tschai, ein Bergstrom, überwölbt von einer uralten steinernen Brücke, in seinem Kieselbette dahin. Ein seltsamer, kreisförmiger Thurm steht dicht neben dem Kastell, und schöne Ueberreste persischer Architektur erheben sich mitten unter den Lehmhütten der Stadt. Die Straßen sind eng und schmutzig, die Einwohner in ihrer äußern Erscheinung unsauber, und die Hauptbeschäftigung der Weiber scheint die Anfertigung von Feuermaterial aus getrocknetem Kuhmist zu sein, dessen kuchenartige Stücke an den Wänden jedes Hauses aufgeschichtet sind.

Dies war der Mittelpunkt des Schauplatzes, auf welchem das blutige Kriegsdrama aufgeführt werden sollte, und den Lesern ist noch in frischer Erinnerung, mit welchem ungeheuern Verluste am 29. September 1855 der Sturm der Russen abgeschlagen wurde. Der Hunger indeß konnte nicht abgeschlagen werden, die Hülfe, welche die tapfern Vertheidiger erwarteten, erschien nicht, wohl aber rückte der Winter mit aller Strenge heran. Da sah sich Williams genöthigt, mit dem russischen General Murawiew wegen Uebergabe der Festung zu unterhandeln. Am 25. Novbr. erschien er selbst bei seinem Gegner und sagte ihm, noch habe sich die Festung nicht übergeben und sie werde es nicht ohne gewisse Bedingungen. „Wenn Sie diese nicht bewilligen, soll jede Kanone gesprengt, jede Standarte verbrannt, jede Trophäe vernichtet werden, und Sie mögen dann über die ausgehungerte Stadt nach Belieben verfügen.“ – „General,“ antwortete Murawiew, „Sie haben sich einen Namen gemacht in der Geschichte, und die Nachwelt wird staunen über die Ausdauer, den Muth und die Disciplin, welche diese Belagerung bei den Ueberresten Ihrer Armee hervorgerufen hat. Lassen Sie uns eine Kapitulation aufsetzen, welche den Anforderungen des Krieges genügt, ohne der Menschlichkeit Hohn zu sprechen.“

Es wurde eine für die Belagerten ehrenvolle Kapitulation geschlossen und Williams trat seine Rückreise nach der Heimath an, die sich zu einem wahren Triumphzuge gestaltete. Mit Jubel namentlich wurde er in England aufgenommen. Er erhielt überdies definitiv den Rang als General, wurde zum Baronet ernannt mit dem stolzen Namen Williams von Kars, sofort in das Parlament erwählt und durch zahllose Festessen gefeiert. Bei seinen Reden, die er dabei hielt, ist indeß aufgefallen, daß er mit einer wahren Begeisterung nicht blos von seinem Gegner, dem siebenzigjährigen General Murawiew, sondern von Rußland und dessen Zuständen überhaupt spricht. Er scheint, nach der Beendigung seiner Thätigkeit als General, sofort wieder Diplomat geworden zu sein.