Gesammelte Schriften über Musik und Musiker/Variationen für Pianoforte: Erster Gang

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Die Pianoforte–Etuden, ihren Zwecken nach geordnet Gesammelte Schriften über Musik und Musiker (1854) von Robert Schumann
Variationen für Pianoforte: Erster Gang
Variationen für Pianoforte: Zweiter Gang


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Variationen für Pianoforte.
Erster Gang.
J. Rochlitz, Einleitung und Variat. über ein Originalthema. W. 7. – F. Deppe, Variat. über ein Thema v. Rossini. – C. Krebs, Einleitung und Variati. über ein Thema von Auber. W. 41. – Leopoldine Blahetka, Variat. über ein Thema v. Haydn. W. 28. – H. Herz, große Variat. über ein Thema v. Bellini. W. 82. – Chr. Rummel, Phantasie und Variat. über ein Thema v. Donizetti. W. 80. – St. Heller, Einleitung und Variat. über ein Thema v. Herold. W. 6. – J. R. Droling, brillante Variat. über ein Thema v. Auber (zu 4 Händen). W. 34.


Der die ersten Variationen ersonnen (doch am Ende wieder Bach), war gewiß kein übler Mann. Symphonieen kann man nicht täglich schreiben und hören, und so gerieth denn die Phantasie auf so anmuthige Spiele, aus denen der Beethovensche Genius sogar idealische Kunstgebilde hervorgerufen. Die eigentliche Glanzepoche der Variationen neigt sich aber offenbar ihrem Ende zu und macht dem Capriccio Platz. — Ruhe jene in Frieden! Denn gewiß ist in keinem Genre unserer Kunst mehr Stümperhaftes zu Tage gefördert worden – [43] und wird es auch noch. Von der Armseligkeit, wie sie hier aus dem Grunde blüht, von dieser Gemeinheit, die sich gar nicht mehr schämt, hat man kaum einen Begriff. Sonst gab’s doch wenigstens gute langweilige deutsche Thema’s, jetzt muß man aber die abgedroschensten italiänischen in fünf bis sechs wässerigen Zersetzungen nach einander hinunterschlucken[H 1]. Und die Besten sind noch die, die’s dabei bewenden lassen. Kommen sie nun aber erst aus der Provinz, die Müller, die Mayer und wie sie heißen! Zehn Variationen, doppelte Reprisen. Und auch das ginge noch. Aber dann das Minore und das Finale im 3/8tel Tact — hu! Kein Wort sollte man verlieren und dann Ritz Ratz in den Ofen! Solchen mittelmäßigen Schofel[H 2] (das treffende Wort) in einzelnen Anzeigen, wie andere selige Zeitungen, unsern Lesern vorzustellen, halten wir sie und uns für zu gut. Ausgezeichnet-Schlechtes, Echt-Schülerhaftes soll indeß manchmal erwähnt werden; im Durchschnitt wird aber, bis auf diesen ersten Gang, in späteren nur der besseren Erscheinungen gedacht.

Zu den letzteren gehören nun die Variationen des Herrn Rochlitz[H 3] gewiß nicht, und sähe aus ihnen nicht ein guter Wille, ein sichtliches Bemühen und dabei ein niedergedrücktes Wesen, das gern etwas in die Höhe möchte, heraus, so wären sie kaum einer Aufmunterung werth. Mich schlagen solche Compositionen förmlich nieder. Der junge Musiker will einmal drucken lassen; man räth’s ihm ab; es hilft nichts. Sagt man ihm, [44] er solle erst auf die hohe Schule von Salamanca[H 4] gehen und noch studiren, so hat man einen Todfeind mehr. Sie sind oft selbst überzeugt, daß ihre Sachen nichts taugen. Und dennoch soll’s gedruckt werden. Sieht man Talent, so läßt sich nützen. Fehlen aber sogar die ersten Schulkenntnisse, so kann man nicht anders als still sein und sie ihrem Schicksal überlassen.

Was Hrn. Deppe[H 5] anlangt, so ist auch er auf dem besten Weg, nicht auf die Nachwelt zu kommen. Keine einzige bessere Regung, kein Funken Geist; leere Czernysche Nachklingelei; nur die vierte Variation hebt sich etwas. Eine gewisse Routine und Leichtigkeit, aber die der niedrigsten Sphäre, hält allein ab, das Heft ganz und gar zu verwerfen.

Besonderer Art sind die Veränderungen des Herrn C. Krebs.[H 6] Auf den ersten Anblick für’s Auge nehmen sie sich recht gut aus. Im Grunde ist’s aber lahmes Zeug, mit dem man, da es noch großprahlerisch verblüffen will, gar kein Erbarmen haben kann. Schon auf der zweiten Seite kommt man dahinter, so aus puren hohlen Phrasen ist es zusammengesetzt, aus Stückchen von Auber, Lafont, Kalkbrenner, sogar Spohr, — so ohne allen Grund brillant, ohne allen Grund gerade so und nicht anders. Herz und Lafont[H 7] haben dasselbe Thema variirt[H 8]. Da lerne er französische Manieren, coquettes Wesen, will er einmal damit entzücken. Doppelt traurig ist es, dies alles sagen zu müssen, da man gar nicht läugnen kann, daß sie von einem talentvollen, [45] satz- und fingerfixen Componisten gemacht sind, der noch dazu das Instrument sehr gut kennt.

Auch an den Variationen des Fräulein Blahetka[H 9] wollen wir so rasch wie möglich vorbei. Sie ist eine treffliche Clavierspielerin und reizend. Zu einem St. Simon für weibliche Componisten kann sie mich nicht machen.

Aber was ist mit unserm vortrefflichen Henri Herz vorgegangen? Ordentlich als ob er krank den Kopf senkte, als ob er gar nicht mehr so unschuldig und liebenswürdig hüpfen und springen könnte, als ob er die Launen und Untreue der Welt erfahren! Denn wahrhaftig, als Variationist erreicht ihn so leicht Niemand, und er sich selbst nicht einmal wieder. Tausend und aber tausend vergnügte Stunden dankt ihm die Welt und von schönen Lippen hörte ich, nur Herz dürfe sie küssen, wollte er. „Die Jahre verge’n.“ Einen Satz finde ich aber auch hier bewährt, daß man sich manche Modegenies, über deren schädlichen hemmenden Einfluß man übrigens durchaus im Klaren war, später, wenn sie selbst hinter sich zurückbleiben und nun eine Lücke entsteht, die Talentschwächere nur schlecht zu füllen versuchen, sehr oft zurückwünscht. So fingen die Kritiker erst Rossini recht herauszustreichen an, als Bellini aufstand; so wird man diesen erheben, da Caraffa und die Andern ihn nicht zu ersetzen vermögen. So mit Auber, Herold, Halevy. – Zu den Variationen![H 10] Sie sind von Herz, stehen aber, wie gesagt, gegen die älteren frischen und [46] erfindungsreichen bei Weitem ab. Das Thema ist aus den Puritanern, der erste Theil voll Gesang auf Tonica und Dominante basirt, der zweite Theil aber so steril, daß freilich nichts Paradiesisches daraus zu schaffen. Daß er S. 13. Syst. 4. T. 5. und darauf noch einmal das Ges verdoppelt, war auch nicht nöthig. Herz’isch bleiben sie jedenfalls und müssen gefallen.

Als einen diesem Pariser verwandten Geist gibt sich unverhohlen auch Hr. Rummel. Was ihm an französischer Finesse abgeht, ersetzt er aber durch eine ihm natürliche deutsche Gutmüthig- und Gemüthlichkeit, weshalb er mir immer wohlgefallen. Die Einleitung zu seinen neusten Variationen, den Satz des Themas von Donizetti (das sich in Franzilla Pixis zum großen Liebesfang gestaltete) muß man sehr loben. Die Variationen (die zweite ausgenommen) und das Finale sind gewöhnlichst.

In denen von Stephan Heller kann man Anzeichen eines gebornen Musikers gewahren. Das Thema ist das bekannte Lied des Zampa (nebenbei gesagt, zehnmal weniger forcirt und mehr originell, als das Meyerbeer’sche: l’or n’est qu’une chimère) und durch ein leichtes frivoles Allegro eingeleitet, wie es hier recht ist. Thema. Steht im Original Tact 7. die kleine None? Das schwächliche Ding paßt nicht zu Zampa. Die Variationen sehen sich zu ähnlich und fließen zu leise nach dem verwegenen Räuberlied. Dagegen hat das Finale Humor und konnte immerhin noch mehr [47] toben und wüsten. Das Thema, sein Gegenstand dünkt uns einer größern charakterischen Behandlung werth, was sich der talentvolle Componist zu einer spätern Aufgabe mache.

Die vierhändigen Variationen von Hrn. Droling sind auf ein sehr pikantes, allerliebstes Thema aus dem Maskenball eben so allerliebst gebaut, dazu federleicht, völlig anspruchslos, sehr zu empfehlen, weil sie eben nichts anderes sein und scheinen wollen. Bleibe der Componist in diesem ihm angewiesenen Kreise und erhalte er sich diese musikalische kindliche Frische, die man an den früheren kleinen Werken von Czerny so sehr loben mußte.



Anmerkungen (H)

  1. [WS] Vorlage: hinterschlucken
  2. [WS] Zeug, Ausschuss, Erbärmlichkeiten.
  3. [WS] (Johann) Friedrich Rochlitz (1769–1842), Introduction et Variations sur un Thème original d-Moll op. 7 (Einleitung und Variationen über ein Originalthema), erschien im Juni 1836 in Leipzig bei Friese.
  4. [WS] Die Schule von Salamanca in Spanien gehört zu den ältesten Universitäten Europas. Besonders im 16. Jhdt. gingen von ihr erhebliche Impulse des Humanismus aus.
  5. [WS] Deppe, G. G. Ferdinand (1808–1884), Variationen über ein Thema von Rossini.
  6. [WS] Krebs, Carl August (1804–1880), deutscher Pianist, Komponist und Kapellmeister. Einleitung und Variationen über ein Thema von Auber op. 41 wurde unter dem Titel Introduction et Variations sur un Thème de l’Opéra: La Fiancée d’Auber. Oe. 41, in A (déd. à Mr. Kalkbrenner.) in Hamburg bei Schuberth et N. im Juni 1836 herausgegeben.
  7. [WS] Herz, Henri (1806–1888), deutscher Pianist und Komponist; Variations Concertantes sur la Tyrolienne Favorite de La Fiancee d'Auber op. 56. Charles Philippe Lafont (1781–1839), ein französischer Violinvirtuose.
  8. [WS] Vorlage: componirt. Jansen verbesserte auf variirt, da das Thema ja schon von Auber komponiert war.
  9. [WS] Anna Maria Leopoldine Blahetka, Variations sur „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ op. 28 erschienen unter dem Titel Variations sur la Chanson autrichienne: Gott erhalte Franz den Kaiser, p. Pfte. Oe. 28 bei Alisky in Darmstadt im April 1831; zeitgleich erschien dort auch eine Fassung p. Pfte avec Orchestre.
  10. [WS] Henri Herz: Variationen über ein Thema von Bellini (Puritáni) op. 82 erschienen unter dem Titel Grandes Variations sur la Marche favorite de l’Opéra: I Puritani de Bellini, p. Pfte. Oe. 82, in As bei Schott in Mainz im November 1835.
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