Gesang und Krieg (Uhland)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Uhland
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Gesang und Krieg
Untertitel:
aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 120–122
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München = Commons.
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[120]
Gesang und Krieg.


1.


Wühlt jener schauervolle Sturm aus Norden
Zerstörend auch im frischen Liederkranze?
Ist der Gesang ein feiges Spiel geworden?
Wiegt fürder nur der Degen und die Lanze?

5
Muß schamroth abwärts fliehn der Sängerorden,

Wann Kriegerscharen ziehn im Waffenglanze?
Darf nicht der Harfner, wie in vor’gen Zeiten,
Willkommen selbst durch Feindeslager schreiten?

Bleibt Poesie zu Wald und Kluft verdrungen,

10
Bis nirgends Kampf der Völker Ruhe störet,

Bis das vulkan’sche Feuer ausgerungen,
Das stets sich neu im Erdenschooß empöret:
So ist bis heute noch kein Lied erklungen,
Und wird auch keins in künft’ger Zeit gehöret.

15
Nein! über ew’gen Kämpfen schwebt im Liede,

Gleichwie in Goldgewölk, der ew’ge Friede.

Ein jedes weltlich Ding hat seine Zeit,
Die Dichtung lebet ewig im Gemüthe,
Gleich ewig in erhabner Herrlichkeit,

20
Wie in der tiefen Lieb’ und stillen Güte,

Gleich ewig in des Ernstes Düsterheit,
Wie in dem Spiel und in des Scherzes Blüthe.
Ob Donner rollen, ob Orkane wühlen,
Die Sonne wankt nicht und die Sterne spielen.

[121]
25
Schon rüsten sich die Heere zum Verderben,

Der Frühling rüstet sich zu Spiel und Reigen;
Die Trommeln wirbeln, die Trommeten werben,
Indeß die wilden Winterstürme schweigen;
Mit Blute wird der Krieg die Erde färben,

30
Die sich mit Blumen schmückt und Blüthenzweigen:

Darf so der ird’sche Lenz sich frei erschließen,
So mög’ auch unser Dichterfrühling sprießen!

2.


Nicht schamroth weichen soll der Sängerorden,
Wann Kriegerscharen ziehn im Waffenglanze;
Noch ist sein Lied kein schnödes Spiel geworden,
Doch ziert auch ihn der Degen und die Lanze;

5
Wohl schauervoll ist jener Sturm aus Norden,

Doch weht er frisch und stärkt zum Schwerdtertanze.
Wollt, Harfner, ihr durch Feindeslager schreiten,
Noch steht’s euch frei – den Eingang zu erstreiten.

Wann: Freiheit! Vaterland! ringsum erschallet,

10
Kein Sang tönt schöner in der Männer Ohren,

Im Kampfe, wo solch heilig Banner wallet,
Da wird der Sänger kräftig neugeboren.
Hat Aeschylos, deß Lied vom Siege hallet,
Hat Dante nicht dieß schönste Loos erkoren?

15
Cervantes ließ, gelähmt, die Rechte sinken

Und schrieb den Don Quixote mit der Linken.[1]

[122]

Auch unsres deutschen Liedertempels Pfleger,
Sie sind dem Kriegesgeiste nicht verdorben,
Man hört sie wohl die freud’gen Telynschläger,

20
Und mancher hat sich blut’gen Kranz erworben.

Du, Wehrmann Leo, du, o schwarzer Jäger,
Wohl seyd ihr ritterlichen Tods gestorben!
Und Fouqué, wie mir du das Herz durchdringest!
Du wagtest, kämpftest – doch du lebst und singest.

25
Den Frühling kündet der Orkane Sausen,

Der Heere Vorschritt macht die Erde dröhnen,
Und wie die Ström’ aus ihren Ufern brausen,
So wogt es weit von Deutschlands Heldensöhnen;
Der Sänger folgt durch alles wilde Grausen,

30
Läßt Sturm und Wogen gleich sein Lied ertönen.

Bald blüht der Frühling, bald der goldne Friede,
Mit mildern Lüften und mit sanftrem Liede.


  1. Dieses ist unrichtig, dem Cervantes wurde in dem
    Seetreffen bei Lepanto die linke Hand gelähmt.