Geschichte eines amerikanischen Bankpräsidenten

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Titel: Geschichte eines amerikanischen Bankpräsidenten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 14–15
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[14] Geschichte eines amerikanischen Bankpräsidenten. Es wird Niemand bestreiten wollen, daß die Veruntreuung das herrschende Verbrechen unserer Zeit geworden ist. Entwendungen, Cassendiebstähle, Betrügereien jeder Art sind in den Geschäftskreisen aller Welttheile an der Tagesordnung. Bis jetzt werden die Vereinigten Staaten als die Heimath des Schwindels angesehen, aber die Fälle von Carpentier, Redpath, Hertzsch u. A. haben bewiesen, daß dies ein Irrthum ist. Die Speculationswuth und Gewissenlosigkeit sind eben so sehr in Frankreich, England und Deutschland [15] zu Hause, wie in Amerika, und kein Land hat etwa dem andern etwas vorzuwerfen. Auch in Rücksicht auf den Charakter des Verbrechens gibt kein Staat dem andern etwas nach. Der Mißbrauch fremden Vertrauens wird heutzutage nicht mehr, wie ehemals, aus Schwäche und culposer Absicht, sondern systematisch und mit moralischer Stärke betrieben. Der Verbrecher geht langsam zu Werke, er entwirft seinen Plan auf der breitesten Basis, setzt Jahre daran, ihn auszuführen, und tritt endlich, nachdem er sein Ziel erreicht, wie ein Held, triumphirend und mit Eclat ab. Und wie die Handlung, so sind ihre Folgen. Sie treffen nicht mehr blos Individuen, einzelne Narren und Angeführte, sondern ganze Familien und Gemeinden, ja Classen der bürgerlichen Gesellschaft. Nur der Schuldige leidet darunter am wenigsten oder gar nicht. So waltet der Geist des Staatsstreiches, der unserem Zeitalter inoculirt worden, bald über Jedem. In seinem Wesen überall gleich, nimmt er in den verschiedenen Ländern, wie es scheint, nach Maßgabe der politischen Bedingungen, andere Formen an. Während z. B. der amerikanische und englische Schwindel sich mehr in der Form des Habbesischen[WS 1] Krieges Aller gegen Alle bewegt, erscheint der kontinentale Dieb als gewöhnlicher Spitzbube. Es wäre jedenfalls interessant, eine Geschichte der modernen Verbrechen von diesem Gesichtspunkte zu schreiben. Vielleicht findet sich bald eine Feder für diese dankbare Aufgabe. Die folgende Erzählung würde dazu ein Beitrag sein, ganz abgesehen davon, daß sie vielleicht just in den jetzigen Tagen zur rechten Zeit kommt.

Unter den Banken, welche während der letzten Geldkrisis in Amerika insolvent wurden, befand sich auch die Bank of Philadelphia. Dieselbe war eine der ersten und vorzüglichsten Geldinstitute des Landes, dessen Solidität über allem Zweifel erhaben stand. Die Thatsache ihrer Insolvenz ließ sich im Anfange so wenig begreifen, als durch längere Zeit ihre Ursache erklären. Wochen, ja Monate vergingen, bis der eigentliche Grund des Unglücks bekannt ward. Erst die gesetzliche Erhebung stellte heraus, daß der Urheber dieses Sturzes Niemand anders war, als ihr eigener Präsident, Herr Thomas Allibone.

Die Antecedentien eines großen Verbrechers haben immer ein gewisses Interesse in den Augen der Mitwelt. Diejenigen Herrn Th. Allibone’s verdienen wenigstens mitgetheilt zu werden.

Sein Vater war frühzeitig gestorben und hinterließ eine Wittwe mit acht Kindern, die von allen Mitteln des Lebensunterhaltes entblößt waren. Die verwittwete Allibone war eine Frau von überragendem Charakter, anziehendem Aeußern und einer Energie des Willens, die ganz ihrem Unglück gewachsen war. Sie eröffnete sofort ein first rate boardinghouse in der fashionablesten Lage der Stadt und führte es mit so viel Geschick, daß der Erfolg ihre eigenen wie die Erwartungen ihrer Freunde überstieg. Bald kaufte sie das Haus, welches sie gemiethet hatte, und sorgte für die Zukunft ihrer vielen Kinder, welche sie vortrefflich erzog. Als sie starb, vermachte sie ihnen ein nicht unbeträchtliches Vermögen. Thomas war der älteste Sohn dieser ausgezeichneten Mutter und Frau. Er bildete sich zu einem merchant-upon the wharf, Schiffswaarenhändler, aus und war von leutseligem, einnehmendem Wesen. Seine Freunde, die er leicht fand, liebten ihn sehr und er zählte Viele, die ihm mit Aufopferung anhingen. Sie betrachteten ihn als die Verkörperung von Allem, was edel, recht und gerecht war. Noch jung, trat er in die Verbindung mit J. Troubat, einem würdigen Charakter und eben so thätigen als vorsichtigen Geschäftsmanns. Die Firma von Allibone und Troubat zeichnete sich bald vor allen anderen aus. Allibone war zwar immer zu waghalsigen Geschäften bereit, aber sein Ungestüm wurde von seinem Partner gemäßigt, der mit ebensoviel Unternehmungssinn eine größere Ueberlegung verband. Eine glückliche Operation, welche beide unternahmen, machte das Haus bald weit und breit berühmt. Troubat hatte entdeckt, daß die Ernte des Kleesamens im ganzen Lande mißrathen war, und segelte im Stillen nach Liverpool, wo er den Gesammtvorrath der englischen Ernte aufkaufte. Der Gewinn dieser rechtzeitigen Handlung betrug, außer der Sensation, welche ihr Gelingen verursachte, 100,000 Dollars. Auch in Kaffee und andern Producten von Südamerika speculirten die beiden Freunde mit einer Kühnheit und Ausdehnung, welche die Kaufleute der alten Schule mit Staunen erfüllte. Doch fehlte nur selten der Erfolg ihren Unternehmungen. Der größte Verlust, welcher das Geschäft traf, war indeß der Tod Herrn Troubat, welcher beim Baden in Cape May ertrank. Er ließ ein schönes Vermögen zurück und sein Partner setzte das Geschäft fort. Des soliden Rathes seines Freundes beraubt, gelang es Herrn Allibone nicht mehr, mit dem gleichen Glück zu operiren. Er überkaufte sich in der Regel, so daß er zu häufigen Verkäufen mit Verlust gezwungen ward und seine bisherige Popularität in den commerciellen Kreisen einbüßte. Die Fama erzählt, daß man ihn um jeden Preis von der Werfte entfernen wollte und aus diesem Grunde für ihn die Präsidentenstellung einer Bank suchte, die man ihm anbot. Gewiß ist, daß seine Freunde bei der Wahl der neuen Directoren stark agitirten, welche die Controlle der Bank of Philadelphia übernahmen und den alten Präsidenten absetzten. Herr Th. Allibone trat sein Amt am 16. Februar 1853 an.

Herr Allibone hatte einen Gehalt von 5000 Dollars. Seine Familie bestand aus einer Frau und zwölf Kindern, und es wurde versichert, daß seine Pflichten als Familienvater die beste Bürgschaft für seine persönliche Ehrlichkeit und Klugheit sein würden. Die Folge zeigte indessen, daß dies nicht der Fall war. Derselbe Leichtsinn und Uebermuth, mit welchem er sein Geschäft auf der Werfte geführt, kam allmählich auch bei der Besorgung der Bankgeschäfte zum Vorschein. Handelsfirmen, die Jahre lang mit der Bank in Verbindung gestanden, wurden, durch ihn in ihrem Credit beschränkt, – zur Zurückziehung ihrer Conti gezwungen. Statt ihrer nahm der neue Präsident seine persönlichen Freunde auf, obgleich es auch bald von ihnen hieß, daß sie nicht besser bedient würden. Der Grund hiervon bestand darin, daß Allibone im Verkehr mit Brokern und jener Classe von Leuten stand, deren Hauptgeschäft die Plünderung ihrer Freunde ist. Es war Gegenstand der allgemeinen Verwunderung und Klage, daß er fortwährend mit dieser Art Menschen zusammen war, während kein mercantiler Geschäftsmann Zutritt bei ihm erlangte. Zu derselben Zeit ging in dem Betragen des Präsidenten eine große Veränderung vor sich. Er nahm die Miene eines wichtigen und einflußreichen Mannes an, und sein ganzes Benehmen wurde so hochtrabend, daß sich viele seiner ältesten Freunde von ihm zurückzogen. Seine Art, zu leben, wurde rücksichtslos und verschwenderisch. Er richtete sich glänzend in der Stadt ein, hatte einen besonderen Sommersitz in New-Jersey, und besuchte außerdem die theuersten Badeörter. Er hielt Wagen und Pferde und zehn Bediente in seiner Familie. Gegen seine Freunde war er lächerlich freigebig; dem Einen schenkte er einen Wagen, dem Andern ganze Schätze von Juwelen. Als hervorragendes Mitglied der Kirche spielte er den fanatisch Gläubigen und ließ, zum Theil auf seine eigenen Kosten, den Bau einer Kirche in West-Philadelphia aufnehmen. In der Unterhaltung waren religiöse Fragen sein Lieblingsthema, und er liebte es, sich in frommen Ermahnungen zu ergehen, damit Jeden von sich scheuchend. Das neue Gebäude der Bank in Chesnutstreet ist ein sprechendes Denkmal seines Leichtsinns. Er wußte, daß die Bank insolvent sei, und trotzdem drang er auf die Errichtung des Gebäudes, das auf 250,000 Dollars veranschlagt war. Nichts wurde gespart, dasselbe luxuriös einzurichten. Gemeißelter Granit bildet seine Frontseite, eiserne Thore von reicher Verzierung führen in sein Inneres, ein gegossener Zahlungstisch von kostbarer Arbeit schmückt das Cassazimmer, ein Fußboden von Marmor, über dem sich ein eisernes Gewölbe in Schwibbogen, die mit Gemälden und Frescoarbeit versehen sind, erhebt, breitet sich in dem Bankapartment aus. Das glänzendste ist das Privatbureau des Präsidenten. Ohne Wissen des Baucomité’s bestellte Allibone Möbel und Decorationen dafür, welche die Gesammtkosten der Ausstattung um mehr als die Hälfte erhöhten. Weiche Sopha’s und Ruhebetten, nebst einem jeden Comfort bietenden Badecabinet, machten dasselbe zu einem eines Krösus würdigen Aufenthalt. Es befand sich im zweiten Stock des Gebäudes, und hing durch eine gußeiserne Wendeltreppe von geschmackvollster Form mit dem übrigen Theile zusammen.

Während dieser Aufwand gemacht, wurde, schwand das Capital der Bank, welches 1,875,000 Dollars, mit einem Ueberschuß von 400,000 Dollars betrug, täglich mehr. Die Direktoren erfuhren von diesem Umstand indeß nichts. Der wöchentliche Ausweis der Bank, den ihnen der Präsident vorlegte, enthielt nichts Bedenkliches, geschweige was auf einen Betrug hätte schließen lassen. Das Vertrauen der Direktion in die Ehrlichkeit des Präsidenten beruhte auf jahrelanger Bekanntschaft mit ihm, und sie waren Alle reich und wohlhabend. Ihr Vertrauen blieb unerschüttert bis zu dem letzten Augenblick. Wie er Frömmigkeit heuchelte, so schützte er eine Krankheit vor, und in beiden Fällen hatte die Lüge Erfolg. Tagelang bemühten sich seine innigsten Freunde, ihn von seiner Reise nach Europa abzubringen und statt dessen zu einem Aufenthalte auf seinem schönen Landsitz in New-Jersey zu bestimmen, wo er den Verlauf der Krise abwarten und die Direktoren der Bank mit seinem Rath unterstützen könnte. Einer seiner besten Freunde war bereit, mit ihm zu reisen, wenn er nur vierzehn Tage verziehen wollte. Alles umsonst. Im Bewußtsein, daß seine Stunde geschlagen, verließ er Philadelphia und segelte mit Frau und Töchtern, welche die Plötzlichkeit seines Entschlusses nicht verstanden, nach Europa, indem er sein jüngstes Kind, das erst sechs Monate alt, zurückließ.

Unmittelbar nach seiner Abreise entdeckten die Directoren die Ursache des Bankerotts. Sie waren wie niedergeschmettert durch die überlegte, systematische und gewandte Art seiner vieljährigen Fälschungen der Bücher und Rechnungen. Man versichert, dieselben seien so fein gelegt, daß Keiner von ihnen, auch ohne das ihm geschenkte Vertrauen, auf den Betrug hätte kommen können. Ein Privatconto, welches in dem geheimen Pult seines Schreibtisches lag, enthüllte erst den ganzen Schwindel. Leute, die nie einen Dollar erhielten, sind darin als bedeutende Schuldner der Bank aufgeführt. Andere, welche wirklich geborgt hatten, wiesen auf Befragen nach, daß sie die geliehenen Summen lange bezahlt haben. Versiegelte Briefcouverts wurden gefunden, auf deren Adressen große Beträge als Inhalt angegeben sind, in denen aber nichts enthalten ist. Dagegen hat man ausgedehnte Transaktionen mit Brokern entdeckt, welche ohne das Wissen der Direktion gemacht wurden. Andere Operationen, die zu skandalös für den Ruf der Bank sind, wagt man gar nicht zu veröffentlichen. Die Directoren haben eidlich erklärt, daß der Präsident in Folge seiner Betrügereien auf flüchtigem Fuße sei, worauf sein vorhandenes Privateigenthum zum Besten der Bank confiscirt wurde. In diesem Augenblick ist ein Comité niedergesetzt, um die wahre Lage der Bank zu ermitteln. Die unbestimmte Hoffnung ist, daß wenigstens so viel gerettet wird, daß der Fortbestand der Bank gesichert sei. Zu diesem Ende hat die Regierung ihren Freibrief auf zwanzig Jahre verlängert, doch stehen ihre Actien, die von 112 auf 6 Dollars gefallen sind, gegenwärtig erst 10 Dollars.

Nicht minder enorm sind die äußeren Folgen, welche der Fall der Bank nach sich gezogen hat. Sie erstrecken sich über das ganze Land hinaus. Obgleich die Bank einmal von Dieben ausgeraubt und ein andermal von einem ihrer Clerks bestohlen worden war, genoß sie doch das allgemeine Vertrauen. Sie stand viele Jahre unter der Leitung der „Gesellschaft der Freunde“, welche ihr eine zahlreiche Gönnerschaft, namentlich unter den Frauen, Vormündern, Waisen-, Kirchen- und Schulverwaltungen zuführte. Die Dividende betrug 10 Procent pro Jahr. Selbst die schlaue Mormonensecte legte ihr Geld bei ihr an. Viele Actieninhaber besitzen 100–700 Stück. Manche Familien, blos aus weiblichen Mitgliedern bestehend, hatten ihr ganzes Vermögen darin. Die bitteren Früchte sind nicht ausgeblieben. Wittwen sahen sich mit ihren Töchtern gezwungen, ihren eigenen Heerd zu fliehen und in ein einziges Wohnzimmer als Miethpartei einzuziehen. Der Ruin trifft Viele und vollständig. Man weiß noch nicht, ob die Bank wird liquidiren müssen oder nicht. Einstweilen ist das Comité damit beschäftigt, die Bilanz zwischen den Depositoren und Schuldnern zu ordnen.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist wohl „Hobbesischer Krieg“ nach dem Staatstheoretiker Thomas Hobbes