Goethe in Straßburg

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Titel: Goethe in Straßburg
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[120] Goethe in Straßburg. Goethe’s Aufenthalt in Straßburg gehört unstreitig zu den mannigfachen Erinnerungen, welche den Gedanken an das geraubte Elsaß im Herzen des deutschen Volkes nicht sterben ließen.

Seitdem uns der alte Goethe diese unvergeßlichen Tage seines reichen Jugendlebens mit all ihrem Sonnenglanz und Frühlingsduft zu schildern wußte, blieben auch die Augen der Nation auf jene traulichen Stätten des verlorenen Landes gerichtet, wo einst der Fuß ihres Dichters geweilt, wo er denkwürdige Eindrücke empfangen und als ein Zwanzigjähriger schon den Zauber seines Genius und das rastlose Aufstreben eines machtvollen Entwicklungsdranges bekundet hat. Wer kennt Goethe und hat nicht von seinem vielseitigen Bildungsstreben, seinen Münster- und Shakespearestudien in Straßburg, sowie von der Knüpfung des Freundschaftsbundes mit Herder gehört? Wo ist ein gebildeter, der Dichtung nahestehender Kreis, in dem man nicht gern an die bewegte Tischgesellschaft in der Straßburger Krämergasse, an Salzmann und Stilling, an Lenz und Lerse, an die poetischen Spritzfahrten der fröhlichen Genossen, an das liebliche Sesenheimer Idyll und die blauen Augen und blonden Haarzöpfe der lieblichsten aller elsässischen Pfarrertöchter denkt?

Wenn aber alle diese Personen und Vorgänge, diese Beziehungen und Oertlichkeiten seit länger als fünfzig Jahren bei uns mit einer Lebhaftigkeit erörtert und besprochen, erforscht und dargestellt wurden, als handle es sich um Ereignisse des gestrigen Tages, so lag doch der Grund dieser Vorliebe nicht allein in dem biographischen Interesse und nicht blos in dem poetischen Reize des Gegenstandes. Für Unzählige hatte es vielmehr auch etwas Anheimelndes, sich mit einer Zeit zu beschäftigen, in der die politische Abtrennung jener deutschen Landstriche noch keineswegs zu einer nationalen Entfremdung ausgeartet und das geistige Band zwischen dem Elsaß und Deutschland noch nicht durch planmäßige Machinationen gelockert und zerrissen war. Wie durchaus deutsch diese Bevölkerung vor nunmehr hundert Jahren noch gewesen ist, wird uns weniger in direkten Bemerkungen Goethe’s, als durch die ganze Lebensatmosphäre gezeigt, in welcher der junge Frankfurter sich dort bewegte und heimisch fühlte, als ob er zu Hause sei. Allerdings sieht sich sein reiner und kräftiger Sinn hie und da schon durch die beginnende Nachäffung französischer Sitten und Trachten verletzt, aber aus der Denkungsart der Menschen, aus dem Innersten der Herzen und Häuser gähnte ihn noch nicht die abstoßende Armseligkeit eines lügenhaften Zwitterwesens an.

Das ist seitdem anders geworden, und deutsche Treue und Anhänglichkeit strecken jetzt dort einem uns feindselig abgewendeten, einem zum großen Theile verwälschten und verfälschten Volksthume die brüderliche Hand entgegen. Aus den früher so kerndeutschen Bewohnern des Elsaß hat sich ein Geschlecht herausgebildet, das seit Jahren in der ebenso verzweifelten als erfolglosen Anstrengung begriffen ist, seine nationalen Erinnerungen zu vergessen und seinen nationalen Charakter abzustreifen wie ein altes Kleid, das in Art und Sitte nicht deutsch bleiben will und französisch doch nicht werden konnte, in dem der Sinn wider die Natur, die Natur sich wider den Sinn empört. Wird es möglich sein, einen solchen Zwiespalt, eine so verderblich wirkende Entartung des Stammgefühls zu heilen und die Elsässer zu gesunder und glücklicher Entfaltung ihrer Eigenthümlichkeit wieder auf sich selbst zu stellen? Wir hoffen es, wenn wir bedenken, daß im Grunde ja nur ein kurzer Zeitraum zwischen heute und jenen Tagen liegt, wo Straßburg noch eine deutsche Hochschule von Bedeutung und eine hervorragende Stätte deutscher Bildung war, wo junge und ältere Männer noch aus allen Gegenden unseres Vaterlandes nach Straßburg zogen, um dort ihr Wissen zu erweitern und ihre geistigen und geselligen Anregungen zu suchen. Hat uns also ein Rückblick auf jene Goethe’sche Jugendepoche schon immer beschäftigt, so ist er sicher in diesem Augenblicke von so erheblichem Interesse, daß es uns zu doppelter Freude gereicht, unsere Leser auf ein speciell diesem Gegenstande gewidmetes Werkchen verweisen zu können, das erst soeben erschienen ist und den Titel führt: „Goethe zu Straßburg, ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Dichters von J. Leyser“ (Neustadt a. d. H., Gottschick-Witter’s Verlag).

Diese Arbeit Leyser’s ist nicht etwa ein flüchtiges zusammengeschriebenes Erzeugniß der Verhältnisse, sie war beim Ausbruche des Krieges schon vollendet. Was dem Verfasser in friedlichen Tagen auf wiederholten Wanderungen durch das schöne Elsaß, auf des Münsters Plattform und im stillen Dörfchen Sesenheim die Seele bewegte, das hat er den Freunden und Freundinnen unseres großen Dichters zu friedlichem Genusse darreichen wollen. Es sollte aber anders kommen, und in einem Nachtrage zu seinem Vorworte konnte er schon von einem wiedergewonnenen Elsaß sprechen, freilich auch von dem wehmütigen Eindrucke erzählen, den er empfand, als er vor Kurzem in Straßburg vergebens die Stätte suchte, wo er noch an einem sonnigen Nachmittage des vorigen Jahres im stillen Lesezimmer der Straßburger Bibliothek den handschriftlichen Nachlaß des guten Actuarius Salzmann durchblättert hatte. Alle diese Briefe, die Goethe aus Sesenheim und Frankfurt an seinen treuen Führer schrieb, alle die vergilbten Blättchen des unglücklichen Lenz, sowie der Originaldruck der Thesen bei Goethe’s Doctorpromotion sind jetzt als Asche im Winde verweht. Es ist schmerzlich; aber mögen die Blätter immerhin verloren sein, wenn auf Straßburgischem Boden nur ein Rest jenes warmen deutschen Wesens und Strebens geblieben, von denen sie durchweht und beseelt waren!

Goethe’s Selbstbiographie geht bekanntlich schweigend oder nur leise andeutend über manche wichtige Beziehungen hinweg und macht auf historische Genauigkeit der mitgetheilten Thatsachen keinen Anspruch. Eine beträchtliche Menge voll Fragen, welche sich für die Biographien aus diesen Bekenntnissen ergaben, blieben entweder als solche bestehen, oder konnten nur auf dem Wege emsigster Nachforschungen gelöst werden. So namentlich in Betreff der Straßburger Erlebnisse, über die eine ganze Literatur geschrieben wurde. Leyser’s Buch hat nun das Verdienst, alle diese zerstreuten Ermittelungen zu einem lebens- und eindrucksvollen Gesammtgebilde verarbeitet, sie zugleich aber hin und wieder auf Grund eigener Forschungen berichtigt und auch neue Aufschlüsse von wesentlichem Interesse hinzugethan zu haben. Möchte es auch im Elsaß zahlreiche Leser finden!

A. Fr.