Grammatikalisches Sündenregister

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: D.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Grammatikalisches Sündenregister
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 493
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[493] Grammatikalisches Sündenregister. Schreiber dieser Zeilen ist ein sprachrichtig fühlender Mensch und – ein Schulmeister. Deshalb passirt es ihm nicht gar selten, daß er mitten in der Entwicklung eines originellen Gedankens, durch den ein begabter Autor jeden aufmerksamen Leser fesselt und erwärmt, hängen bleibt, stockt, strauchelt – über das Strohhälmchen einer grammatikalischen Unrichtigkeit. Bald ist’s eine persönliche Unachtsamkeit des Autors, bald einer jener gerade in unserer Zeit immer mehr einreißenden Verstöße gegen die Grundregeln und den Geist unserer Sprache. – Zur ersten Kategorie gehört die nicht seltene Vermengung zweier Constructionen, woraus dann eine grammatische Unmöglichkeit hervorgeht, wie zum Beispiel: „Die Nachwelt wird um einen gediegenen Vortrag beraubt“ – entstanden aus den beiden Sätzen: „Die Nachwelt wird um einen gediegenen Vortrag ärmer“ und „die Nachwelt wird eines gediegenen Vortrages beraubt“. – Die andere Fehlerkategorie ist ganz geeignet, einen pedantischen Grillenfänger zuweilen ganz aus dem Häuschen zu treiben. So giebt es Autoren, die sich ein wahres Vergnügen daraus zu machen scheinen, die wenigen Reste von Declination, welche in unserm Neuhochdeutschen noch geblieben sind, auf ein Minimum zu reduciren. Besonders kühlen sie am Genitiv ihr Müthchen. Da liest man mit Staunen und Grauen: „Des König Wilhelm“, „des General Steinmetz“, ja sogar – es ist schrecklich, aber wahr! – „des Wagenlenker“. Was hat Ihnen das unglückliche Genitiv-S zu Leide gethan, meine Herren und – beileibe nicht zu vergessen! – meine Damen? – Als ich mich in diesen Angelegenheiten eines Tages brieflich an meinen ehemaligen Lehrer, Professor Aug. Schleicher in Jena, wandte, eine der größten linguistischen Autoritäten unserer Zeit, antwortete er mir, er schreibe sogar: „des Kaisers Friedrich’s“. Der Brief ist noch vorhanden und steht zur Verfügung.

Wieder ein Gebot ist: Du sollst die Apposition in denselben Fall mit ihrem Beziehungsworte setzen! Gleichwohl schreibt der Eine: „In Hindustan, ein Land von überwältigender Fülle der Vegetation,“ – anstatt „einem Lande“ etc.; und ein Anderer muthet uns den Satz zu: „Mit dem Bruder Andreas, ein menschenscheuer tiefsinniger Mönch,“ – anstatt „einem menschenscheuen“ etc.

Trotz aller sonstigen Gelehrsamkeit unserer Tage ist das sprachliche Feingefühl unleugbar im Sinken begriffen, und man muß sich mit Schleicher trösten, der uns, seinen Schülern, beim Schlusse seiner Vorlesung über Sprachengeschichte zurief:

„In historischen Zeiten, meine Herren, entwickeln sich Sprachen nicht. Sie verfallen vielmehr in ihrer lautlichen Formvollkommenheit. Je älter, desto formvollkommener ist jede Sprache. Der Inhalt einer Sprache wird mit der zunehmenden Intelligenz des Volkes im Laufe der Zeit reicher, tiefer, aber die Form zersetzt sich, verfällt. Diesem Gesetze ist jede Sprache unterworfen.“ Der Gelehrte pflegte sodann auf das Englische hinzuweisen, eine in Bezug auf die Form gänzlich zersetzte und verkommene Sprache. Während uns Deutschen von der allerdings schwerfälligen, aber volltönenden gothischen Form habedaudames (haben thaten wir) nur noch das dürftige „hatten“ übrig blieb, war dem Engländer auch dieses noch zu viel, und er ließ sich an dem äußerst dürftigen „had“ genügen, denn – Zeit ist Geld, und das kindliche Wohlgefallen an schönen Sprachformen kostet zu viel Zeit und bringt nichts ein.

Besonders ist die Gleichgültigkeit gegen die Wortendung im Wachsen begriffen, ganz wie zur Zeit der verfallenden Latinität. Viele schreiben bereits: „mit grauem schlesischen Marmor“; und ein paar Verfasser von elementaren Lehrbüchern der Grammatik machen sogar den naiven Versuch, diese Ungrammatik in ein System zu bringen und eine Regel folgendes Inhalts zu fabriciren: „Stehen zwei oder mehrere Adjective ohne Artikel, Für- oder Zahlwort vor einem Hauptworte, so biegt in den abhängigen Fällen nur das erste wie der bestimmte Artikel, die übrigen biegen schwach.“ Aus welchem Grunde denn diese Abweichung von Allem, was folgerichtig ist? Warum quälen sich die Herren denn so, die mißbräuchlich eintretende Abschleifung der Endung in eine Regel verwandeln zu wollen? Classisch gebildete Autoren (zum Beispiel Gustav Schwab, Kriebitzsch und Andere) bleiben Ihrer „Regel“ zum Trotze hartnäckig bei „grauem schlesischem Marmor“, und ich auch. Denn Ihre „Regel“, meine Herren, hat, ganz abgesehen davon, daß es Ihnen schwer fallen dürfte, dieselbe zu begründen, eine außerordentlich schwache Seite. Diese liegt, wie gewöhnlich die schwachen Seiten, im weiblichen Geschlecht. Könnten Sie es wirklich über sich gewinnen zu schreiben: „mit schöner frischen Butter“ und „auf öder dürren Weide“? Sie werden sich doch wahrscheinlich zu „schöner frischer Butter“ und „öder dürrer Weide“ bekennen. Das knarrende r hat auch für Sie zu viel Ellenbogen und läßt sich nicht so leicht wie das schwachmüthige m abschleifen und auf die Seite schieben. Wo bleibt nun aber, Ihre „Regel“ bei solchen Ausnahmen?

Der Streit, meine Damen, über „buk“ und „backte“, „frug“ und „fragte“ erledigt sich ziemlich einfach durch den Hinweis auf das Streben unserer neuhochdeutschen Sprache, wo nur irgend möglich anstatt der ältern sogenannten starken Form eine neuere schwache zu bilden. „Buk“ und „frug“ sind nun eben die alten Formen, starke genannt, weil sie ohne Hülfe allein durch Brechung des Grundvocals eine andere Zeit herzustellen vermögen, während die schwache Form „backte“ und „fragte“ als Flexionhülse die Wurzel des Verbs „thun“ heranzieht. „Ich backte“ und „ich fragte“ bedeutet daher eigentlich: „ich that backen, „ich that fragen“. Von regelmäßiger und unregelmäßiger Conjugation kann in solchen Fällen nicht die Rede sein, höchstens von alter und neuer.

Zu den rügenswerthesten Unarten, welche sich selbst in die Sprache der Gebildeten immer mehr einschleichen, trotzdem sie im geraden Gegensatz zum Sprachbewußtsein stehen, gehört ferner der Gebrauch der Partikel „wie“ nach dem Comparativ der Ungleichheit. „Wie“ drückt nur die Gleichheit zweier Dinge aus; es kann also durchaus nicht die Verschiedenheit ausdrücken, sonst verliert es seine Bedeutung. Man kann sagen: „ich bin so groß wie Du“ und „so groß als Du“, aber nur: „ich bin größer als Du“.

Und nun, meine Herrschaften, genug von diesen trockenen Dingen! Leben Sie wohl und lassen Sie meiner wohlgemeinten Strafpredigt freundliche Nachsicht angedeihen! Kann auch der lautliche Verfall der Sprache, wie der gelehrte Schleicher sagt, durch Nichts aufgehalten werden, so ist es meines Erachtens doch noch bester, der Symptome des beginnenden Verfalles sich deutlich bewußt zu werden, als das ganz in der Ordnung zu finden oder gar als „Regel“ fixeren zu wollen, was eben nur Zeichen der anfangenden Zersetzung ist. Wie in jeder Erkenntniß, so liegt auch in dieser eine gewisse Befriedigung.
D.